Quellender Urgrund 1/4 (1)
„Als Liä Dsi gerade am Straßenrand eine Rast einlegte, um etwas zu sich zu nehmen
auf einer Reise nach We, sah er einen hundert Jahre alten Totenschädel.
Da hob er einen Stecken auf, deutete damit auf den Schädel
wandte sich an seinen Schüler Be Feng
und sagte: „Nur er und ich wissen, dass du
niemals geboren wurdest und niemals sterben wirst.
Ist er es, der in Wahrheit unglücklich ist,
sind wir es, die wahrhaft glücklich sind?“ “
Liä Dsi ist ein Genuss – er ist eine der perfektesten Ausdrucksweisen für das Unausdrückbare. Die Wahrheit kann nicht ausgedrückt werden: Diese Unausdrückbarkeit ist wesentlich für Wahrheit. Tausende und abertausende von Leute haben versucht, sie auszudrücken – sehr wenigen ist es gelungen, auch nur einen Abglanz, einen Widerschein davon zu geben. Liä Dsi ist einer dieser ganz wenigen; er ist eine Rarität. Seine Herangehensweise muss verstanden werden, bevor wir in seine Welt eintreten können. Seine Herangehensweise ist die eines Künstlers: Der Dichter, der Geschichtenerzähler – und er ist ein meisterhafter Geschichtenerzähler. Immer wenn jemand das Leben bewusst erlebt hat, sind seine Erfahrungen in Gleichnissen erblüht: Das scheint der leichteste Weg zu sein, auf das zu deuten, was nicht gesagt werden kann. Eine Parabel ist ein Hilfsmittel, ein großartiges Hilfsmittel; es ist nicht bloß eine gewöhnliche Geschichte. Ihr Zweck ist nicht, uns zu unterhalten, ihre Absicht ist, etwas zu sagen, was auf keine andere Weise gesagt werden kann. Das Leben kann nicht in eine Theorie hineingesteckt werden – es ist so ungeheuer weit, es ist so unbegrenzt. Eine Theorie ist durch ihre Konstruktion von vornherein geschlossen. Eine Theorie muss geschlossen sein, wenn es eine Theorie ist – sie kann kein offenes Ende haben, ansonsten würde sie sinnlos sein. Ein Gleichnis hat einen offenen Ausgang: Es sagt etwas und lässt doch soviel ungesagt, es deutet nur an. Und das, was nicht gesagt werden kann, kann gezeigt werden. Es ist ein Finger, der auf den Mond zeigt. Es ist irrelevant, sich an den Finger zu hängen (oder ihn gar zu beißen ;-)), schau auf den Mond.







