Taoistische Reflektionen

30.06.2006 um 23:59 Uhr

Quellender Urgrund 1/4 (1)

von: tao

„Als Liä Dsi gerade am Straßenrand eine Rast einlegte, um etwas zu sich zu nehmen

auf einer Reise nach We, sah er einen hundert Jahre alten Totenschädel.

Da hob er einen Stecken auf, deutete damit auf den Schädel

wandte sich an seinen Schüler Be Feng

und sagte: „Nur er und ich wissen, dass du

niemals geboren wurdest und niemals sterben wirst.

Ist er es, der in Wahrheit unglücklich ist,

sind wir es, die wahrhaft glücklich sind?“ “

Liä Dsi ist ein Genuss – er ist eine der perfektesten Ausdrucksweisen für das Unausdrückbare. Die Wahrheit kann nicht ausgedrückt werden: Diese Unausdrückbarkeit ist wesentlich für Wahrheit. Tausende und abertausende von Leute haben versucht, sie auszudrücken – sehr wenigen ist es gelungen, auch nur einen Abglanz, einen Widerschein davon zu geben. Liä Dsi ist einer dieser ganz wenigen; er ist eine Rarität. Seine Herangehensweise muss verstanden werden, bevor wir in seine Welt eintreten können. Seine Herangehensweise ist die eines Künstlers: Der Dichter, der Geschichtenerzähler – und er ist ein meisterhafter Geschichtenerzähler. Immer wenn jemand das Leben bewusst erlebt hat, sind seine Erfahrungen in Gleichnissen erblüht: Das scheint der leichteste Weg zu sein, auf das zu deuten, was nicht gesagt werden kann. Eine Parabel ist ein Hilfsmittel, ein großartiges Hilfsmittel; es ist nicht bloß eine gewöhnliche Geschichte. Ihr Zweck ist nicht, uns zu unterhalten, ihre Absicht ist, etwas zu sagen, was auf keine andere Weise gesagt werden kann. Das Leben kann nicht in eine Theorie hineingesteckt werden – es ist so ungeheuer weit, es ist so unbegrenzt. Eine Theorie ist durch ihre Konstruktion von vornherein geschlossen. Eine Theorie muss geschlossen sein, wenn es eine Theorie ist – sie kann kein offenes Ende haben, ansonsten würde sie sinnlos sein. Ein Gleichnis hat einen offenen Ausgang: Es sagt etwas und lässt doch soviel ungesagt, es deutet nur an. Und das, was nicht gesagt werden kann, kann gezeigt werden. Es ist ein Finger, der auf den Mond zeigt. Es ist irrelevant, sich an den Finger zu hängen (oder ihn gar zu beißen ;-)), schau auf den Mond.

29.06.2006 um 17:47 Uhr

Tao Te King 2 (6)

von: tao

Lao-tse sagt: “Religion existierte in der Welt, als es noch kein Zeichen von Heiligen gab.” Seine Worte sind sehr tiefgründig. Er sagt, Religion war auf Erden, als Tugend noch unbekannt war, als von Gutsein noch nichts zu hören war, als noch keine Predigten zugunsten der Wahrheit gehalten wurden, als noch keiner die Leute ermahnte, gegen Gewalt zu sein. Wenn dann Gewaltlosigkeit als Tugend eingeführt wird und Wahrheit als Religion ausgerufen wird, kommen die entgegengesetzten Eigenschaften zum Tragen, in ihrer vollen Tragweite.

Lao-tse sagte zu Konfuzius: „All ihr guten Leute der Welt entspannt euch und seid friedlich. Stoppt all euer Gerede über das Gutsein und ihr werdet feststellen, wenn ihr stark genug seid, auch das Gutsein sein zu lassen, wird das Böse von selbst entfallen.“ Konfuzius konnte ihn nicht verstehen. Keiner, der moralisch denkt, versteht Lao-tse, denn er denkt, dies würde die Dinge doch noch schlimmer machen. Er hat ohnehin schon das Gefühl, dass er es irgendwie mit großer Anstrengung und Überzeugungsarbeit noch so gerade schafft, die Tugend aufrechtzuerhalten. Lao-tse sagt: „Wenn du versuchst, das Gutsein zu retten, wird das Böse automatisch mitbewahrt.“ Diese beiden sind miteinander verbunden. Es ist unmöglich, nur eines von beiden zu behalten. Entweder werden beide, das Gute und das Böse, bleiben oder keine.    

Lao-tse sagt: Der Zustand des Religiös-Seins ist da gegeben, wo weder das eine noch das andere existiert.“ Diesen Zustand pflegte er „Das Einfache (Uneingeschränkte) Tao“ zu nennen. So benannte er für gewöhnlich den Bereich der Religion, der Natur. Wenn ein Mensch sich in seiner Natur völlig festgesetzt hat, gibt es kein Gut und kein Böse. Da gibt es keine Bewertung, keine Zensur, kein Lob, keinen Tadel, weder Schönheit noch Hässlichkeit. Dort sind die Dinge so, wie sie eben sind.

Daher geschieht es ausnahmslos, wenn ein Mensch mit dem Gefühl der Schönheit erfüllt ist, dann quält ihn innerlich gleichermaßen die Hässlichkeit. In beiden Fällen beginnt dieses Gefühl, dieser Sinn für Ästhetik, zur selben Zeit. Wenn ich sage: „So und so zu sein ist schön“, dann wird alles, was konträr dazu ist, hässlich. Die geringfügigste Entscheidung auf der einen Seite resultiert in einer ebensolchen Entscheidung auf der anderen Seite.

28.06.2006 um 16:46 Uhr

Quellender Urgrund 2/21 (3)

von: tao

Ein Mann wurde vor ein Gericht gebracht und der Polizist sagte: „Entweder ist er verrückt oder er ist völlig betrunken, denn er stand da einfach die ganze Zeit mitten auf der Straße. Ich sagte ihm viele Male, er solle weitergehen, aber er tat es nicht. Ich war erstaunt, denn ich dachte eigentlich nicht, dass er betrunken war und ich hielt ihn auch nicht für verrückt. Er schien geistig völlig normal zu sein und als ich seinen Atem roch, konnte ich keine Fahne feststellen, er schien also auch nicht getrunken zu haben. Aber er bewegte sich einfach keinen Zentimeter von der Straßenmitte.“ Der Amtsrichter sagte: „Sagen Sie es mir. Warum standen sie denn dort? Warum gingen sie nicht weiter, als der Polizist sie immer wieder dazu aufforderte?“ Der Mann war ein sehr kleiner Mann, sehr schwach und dünn. Er sagte: „Herr Richter, ich hatte zu wählen zwischen dem Gesetz der Regierung und dem Gesetz meiner Frau.“ Der Amtsrichter sagte: „Was meinen Sie damit?“ Er sagte: „Meine Frau trug mir auf, sie an genau diesem Fleck um Punkt zwölf Uhr zu treffen. Ich musste mich also entscheiden. Und natürlich entschied ich mich für das Gesetz der Frau.“ Der Amtsrichter lachte: „Das ist immer schon so gewesen. Gehen Sie nach Hause. Wenn das das Problem ist, dann muss man sich für das Gesetz der Frau entscheiden.“

Seit Adam ist das schon so gewesen. Es wird gesagt, dass Adams Sünde sein Ungehorsam war. Gott hatte gesagt, man dürfe nicht die Frucht eines bestimmten Baumes essen – des Baums der Erkenntnis – aber die Schlange überzeugte Eva und Eva überredete Adam. Es war Ungehorsam. Adam fiel durch Eva, und durch die Jungfrau Maria entstand Jesus und trat wieder ein in die Welt Gottes. Diese Parabeln sind keine historischen Fakten, sie sind großartige Metaphern für das innere Wesen des Menschen. Erstaunlicherweise bedeutet „Maria“ im Hebräischen Rebellion. Das hebräische Wort ist „mariam“ – es heißt Rebellion. Adam fiel durch Ungehorsam und Jesus erhob sich durch Ungehorsam. Ungehorsam bedeutet eine Reaktion, ein Dagegen-Gehen, gegen Gott; Rebellion bedeutet, das Negative zu negieren, gegen die Welt zu gehen, gegen die Schlange zu gehen. Eva hörte auf die Schlange und ging gegen Gott; Jesus rebellierte gegen die Schlange und hörte auf Gott. Ungehorsam ist politisch; Rebellion ist religiös. Ungehorsam bringt nur Unordnung; Rebellion, wirkliche Rebellion, bringt eine radikale Veränderung in unserem Sein – eine Wendung um 180°, eine Umwandlung.

27.06.2006 um 19:52 Uhr

Tao Te King 48/1

von: tao

Lao-tse sagt:

„Der Student der Gelehrsamkeit strebt danach, Tag für Tag zu lernen,

der Student des Tao ist darauf aus, Tag für Tag zu verlieren.

Indem man kontinuierlich verliert

erreicht man das Nichtstun.

Dadurch, dass man nichts tut, ist alles getan.

Wer die Welt erobert, tut das oft dadurch

indem er nichts tut.

Wenn man genötigt ist, etwas zu tun,

ist die Welt für ihn schon nicht mehr zu erobern.“

Was ist Wissen?

Und warum sind

all die, die aufgewacht sind

so sehr dagegen?

Wissen

ist ein Hilfsmittel

um mit der Existenz zu kämpfen.

Bildung

ist ein Werkzeug

in den Händen des Ego.

Wissen ist ein Konflikt:

Der Teil versucht damit, das Ganze zu erobern

indem er die Geheimnisse der Gesamtheit kennen lernt.

Wissen ist der grundlegende Egotrip.

Genauso wie es das Geld ist,

wie es die Macht ist,

ist es auch das Wissen.

26.06.2006 um 00:00 Uhr

Tao 166

von: tao

Statt dass wir in unserem Wesen luftdichte Abteilungen aufrechterhalten,

wäre es besser, wenn unser Wesen flüssig und durchlässig wäre.

Es wäre besser, wenn wir mutig sein könnten, so mutig

dass sogar der Sünder Seite an Seite mit dem Heiligen in uns existieren kann,

und der Heilige keine Angst haben wird

und der Sünder sich nicht verurteilt fühlen wird.

Dann kommen sich unser Sünder und unser Heiliger immer näher

bis sie eines Tages eins werden –

dann sind wir heil geworden.

Dann haben wir nichts verneint, wir sind kein Nein-Sager mehr,

wir haben „Ja“ gesagt zu dem ganzen Leben, wie es ist,

ohne dass damit eine Bedingung verbunden ist.

Wir haben „Ja“ gesagt zu der Ganzheit des Lebens.

Das macht einen Taoisten aus,

und das gilt auch für Lao-tse:

Er kümmert sich nicht um Wachsen, das Wachstum wird seinen eigenen Verlauf nehmen –

wir brauchen bloß im Moment zu leben.

Er kümmert sich nicht um Spiritualität – wir brauchen bloß total zu leben,

und Spiritualität wird sich um sich selbst kümmern, die wird schon kommen.

Es ist ein Erblühen, und keine Disziplin.

Wenn man total ist, erblüht das Leben – dieses Erblühen ist Spiritualität.

Spiritualität ist keine Einstellung, es ist keine Disziplin.

Es ist ein Ergebnis eines Lebens, das total, fröhlich und genießerisch gelebt worden ist;

die Folge eines Lebens ohne Klagen und Beanstandungen;

das Resultat eines Lebens, das mutig und intensiv gelebt worden ist.

Dann geschieht dieses Erblühen,

ein organisch integriertes Leben, wo keine Teilung mehr existiert.

25.06.2006 um 00:00 Uhr

Tao 165

von: tao

Normalerweise altern wir einfach nur.

Aber wenn wir die Qualität der Bewusstheit in eine Erfahrung hineinbringen

wird dieselbe Erfahrung zur Reife.

Es gibt zwei Wege zu leben:

Der eine ist, in einem tiefen Schlaf zu leben.

Dann altern wir,

in jedem Moment werden wir alt,

in jedem Moment sind wir am Sterben, das ist alles,

unser ganzes Leben besteht aus einem langen, langsamen Tod.

Aber wenn wir Bewusstheit in unsere Erlebnisse hineinbringen –

was auch immer wir tun,

was auch immer uns geschieht,

wir sind wachsam,

aufmerksam, achtsam,

wir kosten die Erfahrung aus, von allen Seiten,

wir versuchen ihren Sinn und ihre Bedeutung zu verstehen,

wir versuchen, ihre innerste Tiefendimension zu ergründen,

was uns da eigentlich passiert ist,

wir versuchen, sie intensiv und total zu leben –

dann ist es nicht bloß ein Oberflächenphänomen.

Tief innen, in uns, verändert sich dann etwas dadurch und damit.

Wir werden dann achtsamer.

Wenn es ein Fehler ist, diese Erfahrung –

werden wir diesen Fehler niemals wieder begehen.

Ein reifer Mensch begeht niemals wieder den gleichen Fehler.

Aber ein Mensch, der einfach bloß alt ist,

begeht laufend die gleichen Fehler wieder und wieder.

24.06.2006 um 00:00 Uhr

Südliches Blütenland 27/20 (6)

von: tao

Das „Warum“ zerstört alles.

Daher wird im Taoismus so sehr auf Vertrauen bestanden.

Dies ist der Sinn des Vertrauens:

Dem Denken nicht zu erlauben, das Warum zu fragen.

Vertrauen ist nicht Glauben.

Es bedeutet nicht, an eine bestimmte Theorie zu glauben.

Vertrauen heißt an das Leben selbst zu glauben.

Vertrauen bedeutet nicht, an die Bibel oder den Koran oder die Gita zu glauben.

Vertrauen ist kein Glaube –

Vertrauen ist eine Zuversicht, ein nicht zweifelndes Zutrauen.

Und nur diejenigen, die gutgläubig sind,

die fähig zum Vertrauen sind,

werden herausfinden können, was das Leben ist und was der Tod ist.

Für uns ist das Leben ein Problem,

also ist der Tod zwangsläufig auch ein Problem.

Wir versuchen ständig, dieses Problem zu lösen,

und verschwenden Zeit und Energie daran, es zu lösen.

Dabei ist es schon gelöst. Es ist niemals ein Problem gewesen.

Wir sind es, die das Problem erzeugen.

Schauen wir zu den Sternen, da ist kein Problem;

schauen wir zu den Bäumen, da ist kein Problem.

Schauen wir uns überall um….

Wenn der Mensch nicht da wäre, würde alles schon gelöst sein.

Wo ist das Problem?

Die Bäume fragen niemals, wer die Welt erschuf –

sie genießen sie einfach.

Was für eine Torheit, zu fragen, wer die Welt erschuf.

23.06.2006 um 16:23 Uhr

Tao 164

von: tao

Allein schon die Anstrengung, jemand zu sein, schafft Probleme.

Verstehen wir dann die Absurdität, die darin liegt – hören wir auf damit.

Plötzlich hören wir auf damit, uns selbst an unseren Schnürsenkeln hochzuziehen.

Dann breitet sich Lachen über unser ganzes Wesen aus

und plötzlich sind wir ruhig und gesammelt.

Und wenn wir versuchen jemand zu sein, können wir nicht lieben.

Mit einem ehrgeizigen Denken kann man nicht lieben. Das ist unmöglich.

Denn zuerst muss man seine Ambitionen erfüllen

und man wird alles dafür opfern müssen.

Man wir laufend seine Liebe dafür opfern. Schauen wir uns ehrgeizige Leute an –

wenn sie hinter Geld her sind, dann setzen sie immer die Liebe hintan.

Morgen dann, wenn sie eine Menge Geld angehäuft haben,

dann werden sie auch verliebt sein, aber eben jetzt ist das unmöglich,

gerade jetzt ist das keineswegs praktisch, sie können es sich nicht leisten.

Liebe ist eine Entspannung

und sie rennen hinter irgendetwas her, das sie erreichen wollen – einem Ziel.

Vielleicht ist es Geld, vielleicht ist es Macht, Prestige, Politik.

Aber wie können sie jetzt lieben?

Sie können gar nicht hier und jetzt sein –

und Liebe ist ein Phänomen des Hier und Jetzt.

Liebe existiert nur in der Gegenwart, Ehrgeiz existiert in der Zukunft,

also können sich Liebe und Ehrgeiz niemals begegnen. Wir können nicht lieben.

Und wenn wir nicht lieben können, wie können wir dann von irgendjemand anderem geliebt werden?  Liebe ist eine tiefe Kommunion von zwei Wesen

die bereit sind, zusammen zu sein, in diesem Moment, und nicht erst morgen;

die bereit sind, total in diesem Moment zu sein

und alle Vergangenheit und Zukunft zu vergessen.

22.06.2006 um 02:07 Uhr

Tao 163

von: tao

Der Mensch des Tao hat sich schon aufgelöst,

sogar während er noch im Körper lebt.

Er weiß, dass er nicht mehr ist,

er weiß, dass er ein Nichts-Sein ist.

Die Auflösung hat sich schon ereignet.

Eigentlich hat sich nichts aufgelöst,

denn von Anfang an war nichts getrennt gewesen.

Die Trennung war eine Illusion.

Das Gefühl: „Ich bin von der Existenz getrennt“

ist bloß illusorisch, es ist keine Realität.

Der Mensch des Tao kommt nur zu der Erkenntnis,

dass er niemals vorher existierte, dass er jetzt nicht existiert,

und dass er in der Zukunft nicht existieren wird.

Das Ganze existiert, nicht die Teile.

Wir mögen denken, dass wir getrennt sind, aber das ist bloß ein Traum.

Nur der Traum löst sich auf – nichts sonst;

nur die Unwissenheit geht verloren – nichts sonst;

nur der Schlaf löst sich auf – nichts sonst.

Was passiert dann mit der Einzigartigkeit eines Lao-tse, eines Dschuang Dsi, eines Liä Dsi?

Wohin geht die?

Das Universum wird dadurch einzigartig.

Jeder Mensch des Tao bereichert das Universum –

genau wie jeder verschlafene Mensch es ärmer macht.

Jeder schlafmützige Mensch macht einen Teil des Universums träge, abgestumpft und tot,

und wenn Millionen von ignoranten Leuten existieren

ist die ganze Existenz traurig, ernsthaft und krank.

Ein einziger Mensch des Tao hilft der Welt, wieder zu erblühen.

21.06.2006 um 23:54 Uhr

Südliches Blütenland 13/10 (1)

von: tao

Einmal geschah es, dass auf einer Strasse irgendwo im Hinterland

ein Autofahrer feststellte, dass etwas mit seinem Motor nicht stimmte.

Er stoppte den Wagen, öffnete die Haube und schaute hinein.

Plötzlich hörte er eine Stimme:

Wenn du mich fragst, kann ich dir sagen, was das Problem ist.

Erstaunt, schaute er sich um, denn er hatte nicht gedacht, dass da noch jemand sein könnte.

Nein, da war niemand, nur ein Pferd,

das da auf einem Farmgelände ganz in der Nähe stand.

Der Mann bekam es mit der Angst zu tun, er war so erschrocken,

dass er die Landstrasse hinunterraste! Nach zwanzig Minuten erreichte er eine Tankstelle.

Als er wieder zu Atem kam, erzählte er dem Mann, dem Tankwart,

was geschehen war: Da war niemand außer einem Pferd,

und ich hörte, wie eine menschliche Stimme sagte,

wenn ich ihn fragte, könnte er mir sagen, was das Problem sei. Der Tankwart sagte:

War das Pferd zufällig schwarz, mit eingefallenem Rücken und Säbelbeinen?

Der Mann sagte: Ja, das ist richtig. Sagte der Tankwart:

Lass dich durch den nicht stören, das ist bloß ein alter Philosoph, schon lange tot,

der immer noch an diesem Ort herumspukt. Bloß wegen seiner alten Gewohnheit

sucht er laufend Leute, die ihm Fragen stellen sollen.

Was Probleme mit dem Motor angeht, hat er keine Ahnung. Und er ist kein Pferd,

er benutzt bloß dieses arme alte Pferd als sein Medium. Also kümmere dich nicht um ihn.

Aber so geht es auf all den Straßen des Lebens zu.

Die alten Geister spuken immer noch herum, und sie kennen all die Antworten.

Wir müssen nur fragen –

bloß damit wir sie fragen, sind sie bereit, uns all die Antworten zu geben.

            Und doch verändert sich das Leben immerzu

und sie haben keine Ahnung, wenn es um Probleme mit dem Motor geht.

20.06.2006 um 00:00 Uhr

Tao 162

von: tao

In Indien haben sie zwei parallele Begriffe:

Der Narr wird der buddhu genannt

und der erleuchtete Mensch wird der buddha genannt.

Das Wort „buddhu“ kommt selbst von Buddha,

sie haben dieselben Wurzeln.

Ein buddhu ist ein umgedrehter Buddha, er steht auf dem Kopf;

ein buddha ist einer, der zurück nach Hause gekommen ist.

Wir sind beides.

Der Narr macht uns auf unsere Aktualität aufmerksam,

aber gleichzeitig sind wir auch Buddhas,

so dass wir uns nicht identifizieren –

wir könnten uns mit unserer aktuellen Wirklichkeit identifizieren.

Nein, wir sind ein potentielles Wesen,

wir haben zu wachsen, wir müssen werden

das werden, was wir im innersten Kern unseres Wesens schon sind.

Unser Zentrum ist der Buddha, unsere Peripherie ist der Narr,

und beides muss in Betracht gezogen werden –

der Narr muss zum Gehen überredet werden,

der Buddha muss zum Kommen überredet werden.

Es sollte uns also nicht verletzen, ein Narr zu sein,

und es sollte uns nicht in den Kopf steigen, ein Buddha zu sein.

Der Narr sollte sich daran erinnern, dass er ein Buddha ist,

der Buddha sollte seiner Narrheit eingedenk sein.

Zwischen diesen beiden Erinnerlichkeiten

wird sich etwas in uns kristallisieren.

Es ist schön, darüber staunen zu können,

es ist gut, wachsam zu bleiben, denn gleich geht es wieder verloren.

19.06.2006 um 00:00 Uhr

Goldene Blüte 3/1-6 (2)

von: tao

Die Wissenschaft schaut auf die objektive Welt, wo unsere Energie fließt, wo unser Licht fließt. Der Taoismus sucht in dem Subjektiven, wo unser Licht noch nicht fließt, aber zum Fließen gebracht werden kann. Daher ist Wissenschaft leichter als Taoismus. Taoismus ist nicht einfacher als die Wissenschaft. Er ist eine höhere Wissenschaft, wie kann er einfacher sein als die Wissenschaft. Er ist eine höher entwickelte Wissenschaft.

Zuerst muss das Licht nach innen fließen, dann fällt es auf unser Wesen, dann wird unser Wesen enthüllt und wir können in unser Wesen eintreten. Und in das eigene Wesen hineinzukommen heißt das Königreich Gottes zu betreten. Dort sind wir nicht und Gott ist: Wir existieren nur im Schatten. Wir existieren, weil wir unbewußt bleiben hinsichtlich unseres realen Selbst. Unser wirkliches Selbst ist das höchste Selbst. Unser reales Selbst ist ein „Selbst“ in Großbuchstaben. Es hat nichts mit uns zu tun, es ist das Selbst von allen. Aber dafür muss eine große Transformation stattfinden.

Die Natur hat uns für das nach außen Fließen vorbereitet. Damit ist die Funktion der Natur beendet. Mit dem Menschen hat die Natur ihren Höhepunkt erreicht; nun kann nichts weiter mehr auf natürliche Weise geschehen, es sei denn, der Mensch trifft eine Entscheidung, weiter als die Natur zu gehen. Die Natur hat uns an den Punkt gebracht, wo wir selbständig stehen können. Der Mensch ist kein Kind mehr, der Mensch ist erwachsen geworden. Nun wird die Natur uns nicht länger bemuttern; es ist auch nicht mehr nötig.

Die natürliche Evolution hat beim Menschen Halt gemacht. Das ist eine Tatsache. Sogar Wissenschaftler werden immer mehr darauf aufmerksam: Seit Tausenden von Jahren ist mit dem Menschen nichts mehr passiert, der Mensch ist der gleiche geblieben – als wenn die Arbeit der Natur getan wäre. Nun muss der Mensch den Kurs des weiteren Wachsens in seine eigenen Hände nehmen. Das ist Taoismus.

Taoismus bedeutet, der Mensch steht auf seinen eigenen Füßen, wird verantwortlich für sein eigenes Sein und beginnt sich umzuschauen, zu suchen und zu forschen in das, was angesagt ist – wer bin ich? Und dies sollte nicht nur Neugier sein. Philosophie ist aus Neugier. Taoismus ist eine sehr aufrichtige, authentische Suche; es ist Forschung.

18.06.2006 um 02:56 Uhr

Tao 161

von: tao

Das Wort „esoterisch“ bedeutet das Verborgene – das ist lächerlich, denn nichts ist verborgen. Alles ist offensichtlich, Gott ist offensichtlich; wenn wir das nicht sehen können, ist es nicht deswegen, weil Gott verborgen ist, sondern weil wir unsere Augen geschlossen halten. Die Sonne ist da, das Licht ist da; wenn wir unsere Augen geschlossen halten und dann die Sonne „esoterisch“ nennen, bedeutet das, dass wir nicht einmal akzeptieren wollen, dass wir unsere Augen geschlossen halten. Wir schieben die Verantwortlichkeit der Sonne zu: „Was können wir tun? Wenn Gott verborgen ist, was kann man tun? Er trägt die Verantwortung dafür.“ Und die Priester haben dieses Wort sehr geliebt, denn wenn Gott offensichtlich ist, für was wäre dann noch der Priester nötig? Gott muss verborgen sein. Wenn er es nicht ist, dann muss er dazu gezwungen werden, sich irgendwo zu verstecken! Dann entsteht der Bedarf für den Priester – ein Vermittler, der uns auf Dinge aufmerksam machen wird, die verborgen sind; der uns helfen wird, der uns führen wird in die geheime Welt der Wahrheit. Die Wahrheit ist ganz offenbar. Im Zen haben sie einen Spruch: Von ganz von Anfang an ist nichts verborgen. Das ist die Deklaration der Wahrheit, daher ist das Wort „esoterisch“ lächerlich und dumm. Darüber hinaus wird das Wort „esoterisch“ in einem sehr geheiligten Sinn verwendet. Es gibt aber auch nichts Heiliges. Das Leben ist einfach; da ist nichts Heiliges und nichts Weltliches. Im Taoismus ist die Unterscheidung zwischen dem Heiligen und dem Säkularen aufgelöst. Das Weltliche sollte das Heilige werden und das Heilige sollte das Weltliche werden. Darum ist es besser, Teil der Welt des Marktplatzes zu bleiben und zu meditieren. Meditation sollte nicht etwas sein, das getrennt vom Leben ist; sie sollte mitten im Leben stehen, sie sollte ein Teil des Lebens sein – ein organischer Teil, nichts, das separat betrieben wird. Der Tempel sollte genau in der Mitte des Marktplatzes stehen, und alle Unterscheidungen zwischen dem Heiligen und dem Weltlichen sollten aufgelöst werden. Das Leben ist eins. Aber wieder mischt sich der Priester ein. Er möchte die Unterscheidungen treffen, er möchte uns einreden, dass unser Leben hässlich ist, dass unser Leben verweltlicht ist, dass wir ein Weltmensch sind. Er ist spirituell, er ist etwas Höherwertiges – jenseits von uns, außerhalb unserer Reichweite. Er ist heilig, wir sind unheilig; er ist ein Heiliger und wir sind die Sünder.

17.06.2006 um 00:00 Uhr

Tao Te King 45/3

von: tao

Und so haben wir schon seit vielen Leben gelebt:

Wir leben ein totes Leben.

Darum sind wir so gelangweilt, gelangweilt bis in die Knochen:

so müde, müde vom Existieren.

Immer wieder denken wir daran, Selbstmord zu begehen

dann können wir all diesen Unsinn loslassen – aber sogar das können wir nicht tun.

Selbst das ist nicht möglich,

denn ein Verdacht bleibt immer in uns bestehen

dass es da viel im Leben gibt, was uns entgeht.

Irgendwo tief innen in unserem innersten Herzen wissen wir

dass dies kein wirkliches Leben ist, was wir da leben.

Eine Möglichkeit folgt uns immer wie ein Schatten –

diese Möglichkeit reduzieren wir vielleicht

in das Konzept eines Paradieses, eines Himmels, oder von moksha,

aber dies alles ist nichts als eine Möglichkeit, dass wir wirklich lebendig werden könnten.

Wenn wir auf diese Weise leben

wird alles in unserem Leben pervertiert werden.

Wir sehen, aber in unseren Augen sind Tränen –

dann sind unsere Augen umwölkt.

Wir sehen, aber unsere Augen sind voll von Gedanken –

dann ist die Klarheit der Sicht nicht wirklich vorhanden.

Dann mischen sich unsere Gedanken ein.

Wenn wir sehen und unsere Augen sind von vielen Vorurteilen überlagert,

dann werden diese Vorurteile zu einer Barriere – wir sehen, und doch können wir nicht sehen.

Rar ist der Moment, wenn Verstehen in uns aufsteigt,

ansonsten nehmen wir wahr, aber es ist so abgestumpft,

da liegt keine Intensität drin, unser Wesen wird nicht berührt.

16.06.2006 um 21:52 Uhr

Quellender Urgrund 2/21 (2)

von: tao

Gott erschuf Adam, und das hat der Mann so aufgefasst, dass er zuerst kommt, den Vorrang vor der Frau hat, weil Gott den Mann zuerst erschuf. Nein, der Mann wird zuerst erschaffen, weil er der Erde sehr nahe ist. Dann erst wird die Frau erschaffen – sie ist der Erde nicht so nahe, sie wird aus Adam erschaffen, sie ist eine höhere Synthese.

Der Name von Eva ist auch sehr signifikant. Er bedeutet das Herz. Adam bedeutet die Erde und Eva bedeutet das Herz. Gott trug Adam auf, die Dinge zu benennen, also gab er allem einen Namen. Als es nun soweit war, Eva einen Namen zu geben, sagte er einfach laut: „Sie ist mein Herz, Eva.“ Das wurde Evas Name. Eva bedeutet das Herz. In modernen Jargon übersetzt würde dies die Psyche bedeuten. Der Mann ist das Körperprinzip, die Frau ist die Psyche. Der Mann ist Körper, die Frau ist Geist. Alles geschieht durch das Denken.

Wenn wir etwas Schlechtes tun, muss unser Denken zuerst davon überzeugt werden; wenn wir Gutes tun, muss unser Denken zuerst davon überzeugt werden. Alles geschieht zuerst als eine Idee – dann erst kann es aktualisiert werden. Unser Körper kann nicht dazu überredet werden, etwas zu tun, bevor nicht unser Denken dazu bereit ist. Sogar wenn eine Krankheit in unseren Körper kommt, betritt sie ihn über das Denken. Alles, was jemals geschieht, ereignet sich durch das Denken. Das ist die Bedeutung der ganzen Parabel vom Sündenfall: Die Schlange überredete Eva. Nur das Denken kann überredet, überzeugt, verführt werden, und dann kann das Denken den Körper ganz leicht überreden. Tatsächlich folgt der Körper dem Geist wie ein Schatten. Hat unser Denken erst einmal einen Einfall bekommen, wird es diesen Gedanken zwangsläufig in seine Verwirklichung übersetzen.

Adam fiel durch Eva. Wegen Eva wurde er aus dem Garten Gottes ausgestoßen. Durch Eva kam dieses großartige Abenteuer, das wir die Welt nennen. Wegen Eva wurde er ungehorsam.

Die Frau ist das Prinzip des Inneren – sicherlich nicht des Innersten, aber der Innerlichkeit. Sie ist genau in der Mitte. Das Innerste nennen wir Seele, das Äußere nennen wir den Körper, und genau zwischen den beiden ist die Psyche, der Geist, das Denken.

Adam folgte Eva in dieses Abenteuer in die Welt. Wenn wir dieses schöne Gleichnis verstehen, werden wir erstaunt sein. Wir haben ihm Unrecht getan.

15.06.2006 um 23:59 Uhr

Tao 160

von: tao

Es gibt einen großen Unterschied zwischen Reife und Altern.

und die Leute bleiben immer verwirrt diesbezüglich.

Die Leute denken, alt werden heißt reif werden,

aber das Altern gehört zum Körper.

Jeder altert, jeder wird alt werden,

aber nicht notwendigerweise reif.

Reife ist ein inneres Wachstum.

Altern ist nichts, das wir tun, altern ist etwas, das physisch geschieht.

Jedes Kind, das geboren wird, wird alt, wenn die Zeit vergeht.

Reife ist etwas, das wir in unser Leben hineinbringen –

es kommt aus Bewusstheit.

Wenn ein Mensch mit voller Bewusstheit altert, wird er reif.

Altern plus Bewusstheit,

Erfahrungen sammeln plus Wachheit,

das ist Reife.

Wir können etwas so oder so erleben.

Wir können es einfach erleben, als wenn wir hypnotisiert sind,

unbewußt, nicht aufmerksam für das, was gerade geschieht;

die Sache passierte, aber wir waren gar nicht da.

Es geschah nicht in unserer Gegenwart, wir waren abwesend.

Wir kamen bloß vorbei.

Es hat niemals in uns etwas ausgelöst.

Es hat keine Spur in uns hinterlassen.

Es mag sogar ein Teil unserer Erinnerung geworden sein

denn irgendwie waren wir ja doch anwesend,

aber es wurde niemals zu unserer Weisheit.

Wir sind niemals dadurch gewachsen.

14.06.2006 um 17:58 Uhr

Tao 159

von: tao

Jemand zu sein ist nicht möglich, es liegt nicht in der Natur der Dinge.

Wir können nur niemand sein.

Aber es ist nichts verkehrt daran, niemand zu sein,

tatsächlich, in dem Moment, in dem wir unser „Niemandsein“ akzeptieren,

beginnt sofort Glückseligkeit zu strömen, von uns aus in alle Richtungen,

denn das Unglück verschwindet. Unglücklichsein ist der Schatten des Ego

und ebenso der Schatten des ehrgeizigen Denkens.

Unglück bedeutet, dass wir etwas Unmögliches tun

und weil wir dabei scheitern, sind wir unglücklich.

Wir tun da etwas unnatürliches, versuchen, es zu tun, und scheitern,

also fühlen wir uns frustriert und unglücklich.

Hölle ist nichts als das Endresultat

einer unmöglichen, unnatürlichen Anstrengung.

Himmel ist nichts als natürlich zu sein.

Wir sind niemand. Wir werden geboren als ein „Niemandsein“

-- ohne Namen, ohne Form – und wir werden sterben als eine „Niemandheit“.

Name und Form sind bloß an der Oberfläche,

aber tief innen sind wir ein ungeheuer weiter Raum. Und das ist schön,

denn wenn wir jemand wären, würden wir beschränkt sein.

Es ist gut, dass Tao niemandem erlaubt, jemand zu sein:

Wenn wir jemand sind, werden wir begrenzt sein, limitiert,

wir werden ein eingesperrtes Wesen sein. Nein, das lässt Tao nicht zu.

Tao gibt uns die Freiheit, niemand zu sein – unbegrenzt, nichtendend.

Aber dazu sind wir nicht bereit.

Wenn es ein Erwachen gibt, dann hinsichtlich dieses Phänomens:

Die Tatsache erkennen, realisieren, akzeptieren, dass man ein Niemand ist.

Dann hören wir plötzlich auf damit, das Unmögliche zu versuchen.

13.06.2006 um 23:18 Uhr

Tao Te King 47/11

von: tao

Es gibt eine schöne Geschichte in den Upanishaden:

Ein junger Mann, Swetaketu, kam zurück aus dem Haus seines Guru, von seinem gurukul, der Familie seines Guru, hochgebildet, und natürlich, wie junge Männer so sind, sehr stolz auf das, was er gelernt hatte. Hochmütig. Egoistisch. Sein Vater, der Seher Uddalak, beobachtete ihn, wie er daherkam – er kam gerade an, betrat das Dorf, und sein Vater schaute ihm vom Fenster aus zu. Der Vater wurde traurig: Der hat ja gar nichts gelernt! Er ist zu einem Mann des Wissens geworden. Aber dabei ist ihm kein Licht aufgegangen! Uddalak sagte zu seinem eigenen Herzen: Dafür habe ich ihn nicht fortgeschickt. Er hat den springenden Punkt verpasst! Er hat seine Zeit vergeudet! Denn Erkennen macht bescheiden – nicht bescheiden in dem Sinn, dass es im Gegensatz zum Ego steht, es steht in gar keiner Beziehung zum Ego, nicht einmal als Gegenpol, denn sogar das Entgegengesetzte trägt noch etwas von seinem Gegenüber mit sich. Da er nicht das Gefühl hatte, dass sein Sohn bescheiden geworden war, wurde der Vater sehr, sehr traurig. Er wurde nun alt, und hier kommt dieser Junge und hat viele Jahre seines Lebens verschwendet – worauf ist er bloß so stolz? Verstehen macht immer bescheiden. Die Worte „human“ und „Humanität“ kommen von der Wurzel „humus“, dieses Wurzelwort bedeutet irdisch, zur Erde gehörend, unprätentiös, einfach. Wir werden nur human, wenn wir bescheiden werden, wir werden nur bescheiden, wenn wir uns zur Erde gehörig fühlen – zur Erde in dem Sinn von anspruchslos, simpel, unkonditioniert, erdig. Hier kommt nun der Sohn, so stolz und hochnäsig, er muss ein gebildeter Mensch geworden sein – und das war er geworden. Er kam, er berührte die Füße seines Vaters, aber es war bloß eine Formalität. Wie kann ein Mensch, der so egoistisch geworden ist, sich noch verbeugen? Der Vater sagte: Swetaketu, ich sehe deinen Körper gebeugt, aber dich nicht. Und welches Unglück ist dir zugestoßen? Warum schaust du so überheblich aus? Ein verstehender Mensch wird bescheiden, Swetaketu. Hast du irgendetwas über das Eine gehört, das zu erkennen bedeutet, alles zu kennen? Swetaketu sagte: Über was redet du da? Wie kann man alles kennen, indem man eines kennt? Absurd! Ich habe alles kennen gelernt, was in der Universität gewusst werden konnte, ich habe mich so profund gebildet, wie man nur kann, in all den Fachgebieten, die dort gelehrt werden. Als mein Meister zu mir sagte: Nun weißt du alles und du kannst wieder zurück nachhause gehen, erst dann kehrte ich zurück – aber von dem, über was du sprichst, diesem „Einen“ – habe ich niemals etwas gehört. Darüber redete niemand in der Universität. Wir lernten Grammatik, Sprachen, Geschichte, Mythologie, Philosophie, Theologie, Religion, Poesie – alles, was dem Menschen bekannt ist, habe ich gelernt, und ich bin gut bewandert und ich habe den höchsten akademischen Grad erworben, den die Universität verleihen kann, aber niemals haben wir von diesem „Einen“ gehört – was redest du da bloß? Bist du verrückt geworden? Wie kann man alles kennen, indem man eines kennt? Uddalak sagte: Ja, dieses Eine bist du. Swetaketu, tat twam asi, das bist du. Wenn du dieses Eine kennst, wirst du alles kennen, und all das, was du kennen gelernt hast, ist bloß Mist. Du hast deine Energie verschwendet. Geh zurück! Komm niemals wieder, bevor du dieses Eine kennst, durch dessen Erkenntnis alles erkannt ist. Denn, so sagte Uddalak zu seinem Sohn, in unserer Familie ist keiner bloß dem Namen nach Brahmane gewesen. Wir haben uns selbst Brahmanen genannt, denn wir haben das Brahma kennen gelernt. Du gehörst nicht zu unserer Familie, wenn du dieses Eine nicht kennst, geh zurück! Dieses Eine bist du, das bist du. Ein ganz kleiner Samen, fast unsichtbar für uns. Bevor wir nicht gründlich suchen und lange suchen, mit Ausdauer und Geduld, werden wir dem nicht begegnen, diesem Samenkorn, das in uns ist.

12.06.2006 um 13:40 Uhr

Quellender Urgrund 3/5 (2)

von: tao

Was auch immer ist, ist; es kann nicht abgeändert werden, es kann nicht verändert werden. Was immer ist, ist, und was immer nicht ist, ist eben auch nicht. Die Dinge sollten unangetastet bleiben, so wie sie sind. In dem Moment, in dem der Mensch ins Spiel kommt und versucht, etwas zu verändern oder zu verbessern, entsteht die Konfusion.

Taoismus ist ein großartiges Akzeptieren, Taoismus ist eine ungeheure Akzeptanz, Taoismus ist ein bedingungsloses Sosein, tathata. Was auch immer ist, ist – da kann man nichts machen.

Und es ist auch nicht nötig, irgendetwas zu machen. In dem Moment, in dem wir mit dem Machen beginnen, richten wir schon Unheil an – die Macher sind die Unheilstifter. Die Nicht-tuer sind die wirklichen Leute; durch das Nichtstun kann man das kennen lernen, was ist. Wenn wir damit beginnen, etwas zu tun, bringen wir unser Denken herein, und in dem Moment, in dem das Denken sich einmischt, gibt es Verwirrung – alle Klarheit ist verloren gegangen. Dies zu verstehen, heißt grundlegend und fundamental Taoismus verstehen.

Dann kann auch diese Parabel sehr leicht verstanden werden. Es ist von gewaltiger Schönheit, dieses Gleichnis. Es kann eine neue Perspektive eröffnen, es kann eine Tür in unserem Wesen öffnen, es kann uns eine Vision der Realität geben. Aber die fundamentale Regel ist: Misch dich nicht ein. Das ist wirkliche Gewaltlosigkeit. Wenn wir zu Lao-tse gehen und ihm sagen würden, dass jemand ein Dieb ist, würde er sagen: „Na und! Jemand ist ein Dieb. Lass es so sein.“ Lao-tse macht sich keine Sorgen um die Realität. Wenn jemand verrückt ist, wird Lao-tse sagen: „Na und! Lass es so sein. Wenn das Ganze es so haben will, dann ist dies das, was zu sein hat. Wer  bist du denn? Wer hat die die Autorität gegeben, irgendetwas zu ändern, irgendetwas umzuwandeln? Überlasse die Realität sich selbst und alles läuft gut und schön, auf rhythmische Art und Weise. Misch dich ein und alles ist gestört.“ Die Gewaltlosigkeit eines Mahavir und die Gewaltlosigkeit eines Buddha sind nichts verglichen mit Lao-tse. In ihrer Gewaltlosigkeit ist immer noch subtile Gewalt enthalten: Die Gewalttätigkeit der Einmischung. Das Gute muss eingeführt werden, das Schlechte muss zerstört werden; das Unmoralische muss in das Moralische geändert werden, das Falsche muss richtig gestellt werden. Sie sind immer noch nicht im Wu-Wei, in der Nicht-Einmischung.

11.06.2006 um 15:16 Uhr

Tao Te King 45/2

von: tao

Wenn wir in solch einer Weise leben

dass die Augen sehen und doch nicht sehen,

dass die Ohren hören und doch nicht hören,

dass das Herz schlägt und doch wie ein Fels bleibt,

dann sind wir im physiologischen Sinn des Wortes lebendig,

medizinisch sind wir zwar am Leben – aber nicht existentiell.

Was passiert dann?

Dann ist all unser Verstehen wie Missverstehen.

Dann würde es besser gewesen sein, wenn wir keine Augen gehabt hätten:

Zumindest würden wir nicht die Tatsache vergessen haben, dass wir blind sind,

wenigstens würden wir gewusst haben, dass wir nicht sehen können,

zumindest würde es keine Möglichkeit des Missverstehens gegeben haben.

Besser würde es gewesen sein, dass wir keine Ohren gehabt hätten.

Es wäre auch besser gewesen

dass wir nicht lebendig wären, sondern wirklich tot;

zumindest würde darin eine gewisse Realität gelegen haben.

Ein wirklich toter Mensch ist zumindest wirklich tot

aber ein „unwirklich“ lebendiger Mensch ist nicht wirklich lebendig,

er ist in einem Zwischenzustand, weder lebendig noch tot.

Er schleppt sich dahin, er existiert nicht, er hat keine innere Dimension.

Er bewegt sich an der Peripherie

ohne dass er jemals in Kontakt mit dem Zentrum kommen würde.

Diese Dinge über den Menschen

sind nicht als eine Abstraktion über den Menschen an sich gemeint.

Mit dem Menschen sind wir gemeint.

Dieser Mensch ist konkret, nicht abstrakt;

dieser Mensch ist kein Konzept, wir sind dieser Mensch.