Tao 254
Wenn du dich nach innen begibst, bewegst du dich in die Ewigkeit der Gegenwart hinein;
wenn du nach außen gehst,
begibst du dich entweder in die Vergangenheit oder du bewegst dich in die Zukunft.
Und das gleiche gilt für den Raum –
im Raum gibt es entweder links oder rechts.
Wenn du dich nach links lehnst, bist du draußen,
wenn du dich nach rechts neigst, bist du auch draußen.
Aber wenn du eine Balance gewinnst zwischen den beiden, bist du plötzlich drinnen.
Der Mittelpunkt ist in dir, er ist kein Teil des Außenraums.
Tatsächlich sind die Gegenwart und die Mitte zusammen:
Immer wenn du in der Gegenwart bist, bist du in der Mitte,
immer wenn du in der Mitte bist, bist du in der Gegenwart.
Die Mitte ist keine Position außerhalb von dir,
sie ist ein inneres Phänomen genau wie die Gegenwart.
Wenn also Lao-tse sagt: „Sei ausbalanciert“,
sagt er damit nicht, du solltest die Balance zu einem statischen Phänomen in deinem Leben machen. Es kann nicht statisch sein, du wirst sie kontinuierlich aufrechterhalten müssen,
indem du dich nach links und nach rechts bewegst.
In dieser Bewegung wirst du manchmal durch den innersten Punkt
deines Wesens hindurchgehen und plötzlich wirst du in der Mitte sein.
Und plötzlich wirst du eine Implosion feststellen –
keine Explosion – eine Implosion.
Etwas in dir implodiert,
und plötzlich bist du nicht mehr der gleiche.
Immer wenn du in dir durch die Position der Mitte hindurchgehst
bist du nicht mehr der gleiche – du wirst intensiv lebendig,
du wirst intensiv unschuldig, du wirst intensiv rein und heilig.
In diesem Moment existiert keine Dunkelheit mehr für dich, keine Sünde, keine Schuld.
Du bist göttlich, du bist ein Gott.
Aber du kannst diese Balance nicht ein und für allemal finden. Nein.
Das Leben ist immer ein konstantes Balancieren,
eine Kontinuität, ein Kontinuum.
Du kannst es nicht zu einem Gebrauchsgegenstand machen, den du einmal gekauft hast
und nun ist er immer vorhanden in deinem Haus. Nein.
Wenn du nicht bewusst bist, wirst du es wieder und wieder verfehlen.
Die Mitte ist kein festgelegter Punkt im Außen:
Du kannst sie nach erreichen, indem du dich von links nach rechts bewegst,
oder indem du von Moment zu Moment ein Gleichgewicht gewinnst zwischen den Gegensätzen – vom Hass zur Liebe, von der Wut zum Mitgefühl.
Balanciere immer weiter zwischen den Gegensätzen
und nach und nach wirst du dahin kommen, den Dreh daran zu fühlen,
irgendwo zwischen Hass und Liebe passiert es.
Irgendwo, denn der Punkt kann nicht ausgemacht werden,
er ist solch ein lebendiges Phänomen, dass du ihn nicht festmachen kannst.
Das ist wie Schmetterlinge, die im Garten fliegen –
wenn du einen Schmetterling fängst und ihn aufspießt, dann ist er tot.
