Taoistische Reflektionen

30.04.2007 um 00:00 Uhr

Tao Te King 63 (3)

von: tao

Sogar ein Genie, ein sehr talentierter Mensch – er mag ein Nobelpreisgewinner sein, ein großer Intellektueller, weltbekannt – kann sich trotzdem auf kindische Weise benehmen. Wenn er am Morgen, wenn er erwacht, feststellt, dass seine Hausschuhe nicht an ihrem Platz sind, ist er irritiert und ärgerlich. Wenn er in eben diesem Moment seinem Ärger Aufmerksamkeit schenken könnte, würde er lachen, denn das ist so töricht! Lächerlich! Aber er achtet nicht darauf. Er geht in das Badezimmer, gereizt, in schlechter Stimmung, und beginnt sich zu rasieren, aber er ist sich kaum bewusst, dass er sich eines Problems nicht angenommen hat, dass da ein Problem ist, das ihn wieder und wieder auf sein Wesen verweist. Und es wächst weiter in all der Zeit, denn im Leben gibt es nichts, das nicht wachsen würde. Alles, was lebt, wächst auch, und wenn du lebendig bist, ist dein Ärger auch lebendig, und der nimmt zu! Er bleibt niemals derselbe. Von Moment zu Moment sammelt er mehr Schwungkraft und nimmt mehr Einfluss. Er rasiert sich weiter, aber er ist gereizt, er genießt nicht sein Tun, die Frische, die es ihm bringt, den schönen Moment wenn man sich unbelastet fühlt, nein, er ist nun mal nicht in einer Feierstimmung. Unaufmerksam lässt er den Rasierer aus der Hand gleiten, und er fällt auf den Boden. Nun ist er sogar noch ärgerlicher. Wenn er sich gleich jetzt damit auseinandersetzen könnte, würde er lachen. Es ist töricht, ärgerlich zu sein Denn ein Rasierer ist kein Wesen; ein Rasierer ist niemals verantwortlich für irgendetwas; wie kannst du wütend auf einen Rasierer sein? Aber nun ist er noch gereizter. Seine Hände bewegen sich nun noch unachtsamer, unkoordinierter; wieder fliegt er ihm aus der Hand; trifft den alten antiken Spiegel, den er so sehr liebt; der Spiegel ist zerbrochen. Jetzt ist er nicht mehr zurechnungsfähig. Er kommt raus, rumpelt an die Möbel, knallt die Türe zu, gibt dem Kind eine Ohrfeige, weil es seine Hausaufgaben nicht gemacht hat, beginnt zu streiten, nörgelt an seiner Frau herum – und nur wegen einer kleinen Sache, wegen nichts! Weil die Pantoffeln nicht am richtigen Platz waren. Nun nimmt unser so genanntes Genie sein Auto und fährt ins Büro, aber er kommt niemals dort an, weil es zu einem Unfall kommt. Das musste so kommen. Und bloß wegen der Hausschuhe, weil sie nicht an ihrem Platz gestanden waren. Nun fährt er wie ein Verrückter, sein ganzer Ärger geht im in die Füße, er tritt immer mehr aufs Gaspedal; er ist wie betrunken! Trunken vor Wut. Dann kommt es zum Unfall. Nach zwölf oder fünfzehn Stunden, wenn er wieder seine Augen aufschlägt, liegt er im Krankenhaus. Und er wird niemals imstande sein, die ganze Sache zu rekonstruieren. Und die Geschichte kann immer weiter gehen – er verliebt sich in die Krankenschwester – und du kannst selbst weitermachen! Bloß weil die Hausschuhe nicht an ihrem Platz gefunden werden konnten! Die ganze Familie ist durcheinander; es kommt zur Scheidung; und die ganze Welt wird nicht mehr die gleiche sein - bloß weil seine Pantoffeln nicht an ihrem richtigen Platz gefunden werden konnten.

Traurig

29.04.2007 um 00:05 Uhr

Tao Te King 56 (7)

von: tao

Leute, die verliebt sind

können ein klein wenig verstehen

was Andacht ist.

Wenn Jesus sagt: Gott ist Liebe,

dann spricht er zu Leuten mit Herz.

Er redete mit seinen Schülern.

Hätte er in einer Universität gesprochen, zu Universitätsprofessoren und Akademikern, würde er so etwas Törichtes nicht gesagt haben,

dass Gott Liebe ist.

Er würde gesagt haben: Gott ist Mathematik,

Gott ist Logik, oder sonst etwas.

Aber er sprach eben mit seinen engsten Schülern,

die ihm sehr nah standen,

die ihn sehr liebten –

darum konnte er sagen: Gott ist Liebe.

Er sprach zum Herzen in der Sprache des Herzens.

Er deutete herzbetonten Leuten an

dass dies ein weiteres Ziel sei:

Dieses weitere Ziel ist Gott und wo ihr gerade steht, ist Liebe.

Jesus versucht damit, eine Brücke zu bauen zwischen Gott und Liebe,

das ist der Grund, warum er sagt: Gott ist Liebe, oder Liebe ist Gott.

Er sprach nicht zu Päpsten und Theologen,

Leuten, die sehr versiert waren in religiösen Angelegenheiten, nein;

Er sprach zu Fischern, Bauern, Zimmerleuten –

mit Leuten, die nicht im Kopf waren,

zu Leuten, die immer noch zur Welt der Gefühle gehörten,

die gefühlsbetont waren.

Darum konnte er sagen: Gott ist Liebe.

Das Herz kann einen schwachen Schimmer davon haben.

Also ist der erste Schritt vom Kopf hin zum Herzen.

Und der zweite Schritt ist vom Herzen hin zum Sein.

Über das Sein kann nichts gesagt werden,

denn es ist schon unmöglich, etwas über das Herz zu sagen.

Nichts kann über das Sein gesagt werden.

Du musst schon selbst soweit kommen, du musst es kennenlernen, um es zu wissen. Es gibt keine Abkürzung dafür.

Sagt Lao-tse:

„Wer weiß, spricht nicht.“

28.04.2007 um 00:00 Uhr

Quellender Urgrund 2/4 (6)

von: tao

Wenn das bio-elektrische Feld des inneren Energiekreises sich aufgebaut hat, ohne irgendein Auslaufen, dann bist du eine Energiesäule;

du kannst nicht besiegt werden. 

Aber dann du denkst du gar nicht mehr an Sieg, bedenke dies,

denn wenn du noch an Sieg denkst

kannst du keine Energiesäule sein.

Denn dann wird dieses Verlangen zu einem energetischen Leck.

Du bist schwach,

nicht weil andere stark sind,

du bist schwach, weil du erfüllt bist mit so vielen Sehnsüchten.

Du wirst besiegt,

nicht weil andere schlauer und cleverer sind –

du wirst besiegt, weil du so viele energetische Auslaufstellen hast.

Tathata, Akzeptanz, totales Akzeptieren, bedeutet kein Wünschen.

Das Verlangen entsteht aus dem Nicht-Akzeptieren.

Du kannst eine bestimmte Situation nicht akzeptieren –

also entsteht ein Wunsch.

Du lebst in einer Hütte, und du kannst das nicht akzeptieren,

das ist zuviel für das Ego, du möchtest einen Palast –

dann bist du ein armer Mensch, aber nicht weil du in einer Hütte lebst, nein.

Herrscher haben schon in Hütten gelebt.

Buddha lebte unter einem Baum, und er war kein armer Mann.

Du kannst nirgendwo einen reicheren Menschen finden.

Nein, deine Hütte macht dich nicht arm.

In dem Moment, in dem du dir den Palast ersehnst, bist du ein armer Mensch.

Und du bist nicht arm, weil andere in Palästen leben,

du bist arm, weil das Verlangen, in dem Palast zu leben,

einen Vergleich mit der Hütte herstellt.

Du wirst neidisch. Du bist armselig.

Immer wenn da Unzufriedenheit ist, dann ist da Armut;

immer wenn es keine Unzufriedenheit gibt, bist du reich.

Und du hast solche Reichtümer, dass kein Dieb sie stehlen kann;

du hast solche Reichtümer, keine Regierung kann sie dir durch ihre Besteuerung nehmen; du hast Reichtümer

die können dir auf keine Weise weggenommen werden.

Du hast eine Festung für dein Wesen, unzerbrechlich, undurchdringlich.

Regt sich erst einmal ein Verlangen und deine Energie beginnt zu sinken

wirst du schwach durch diese Sehnsucht,

du wirst schwach durch deine Wünsche.

27.04.2007 um 01:56 Uhr

Tao 261

von: tao

In der Existenz gibt es keine Frage,

nicht einmal ein Bruchstück einer Frage. Man lebt sie einfach.

Dann hat das Leben eine eigene Schönheit.

Kein Zweifel taucht im Denken auf, kein Argwohn umgibt dich,

keine Frage existiert in deinem Sein –

du bist ungeteilt und ganz.

Aber du weißt nicht, was Gewöhnlich-Sein ist.

Weil du niemals Gewöhnlichkeit gelebt hast,

ist das Gewöhnlich-Sein an sich für dich außergewöhnlich geworden.

Was ist daran außergewöhnlich?

Der Mensch des Tao lebt eines der gewöhnlichsten Leben.

Er isst, wenn er hungrig ist, er schläft, wenn er müde ist.

Er praktiziert nichts, er tut nicht einmal irgendetwas.

Was auch immer geschieht, das geschieht – er geht mit, er treibt dahin mit dem Fluss. Aber für dich mag dies außergewöhnlich erscheinen, weil du den Geschmack der Gewöhnlichkeit nicht kennst.

Kennst du erst einmal diesen Geschmack, dann wirst du das verstehen. Jeder ist darauf aus, außergewöhnlich zu sein.

Das ist die Suche des Ego: Jemand zu sein, der speziell ist,

jemand zu sein, der einzigartig ist und unvergleichlich.

Und dies ist das Paradox:

Je mehr du versuchst, eine Ausnahmeerscheinung zu sein, desto gewöhnlicher siehst du aus,

denn jeder ist auf Außergewöhnlichkeit aus.

Das ist solch eine gewöhnliche Sehnsucht.

Wenn du gewöhnlich wirst,

ist allein schon die Suche danach, gewöhnlich zu sein, außergewöhnlich, denn selten nur möchte jemand bloß gewöhnlich sein, selten möchte jemand bloß ein hohler Leerraum sein.

Das ist in gewisser Weise wirklich außergewöhnlich,

denn niemand möchte das.

Und wenn du gewöhnlich wirst, wirst du außergewöhnlich,

und natürlich entdeckst du plötzlich, dass du, ohne danach zu suchen,

einzigartig geworden bist.

Tatsächlich ist jeder einzigartig.

Wenn du dein konstantes Hinter-Zielen-Herrennen stoppen kannst

auch nur einen einzigen Moment lang, wirst du realisieren, dass du einzigartig bist. Das ist nichts, das entdeckt werden muss, es ist schon da. Es ist schon der Fall: Zu sein heißt einzigartig zu sein.

Es gibt keine andere Seinsweise.

Jedes Blatt an einem Baum ist einzigartig,

jeder Kieselstein am Strand ist einzigartig,

es gibt keinen anderen Weg, zu sein.

Du kannst nirgendwo auf der ganzen Erde einen Kieselstein finden, der einem anderen total gleicht.

26.04.2007 um 00:00 Uhr

Tao 260

von: tao

Wenn ein Buddha stirbt, wohin geht er dann? Noch im letzten Moment wurde Buddha diese Frage gestellt und er sagte: Bringt mir eine kleine Kerze.

Der Kerze wurde gebracht und Buddha sagte: Zündet die Kerze an.

Die Kerze wurde angezündet und dann sagte Buddha: Bringt sie her zu mir.

Die Kerze wurde immer näher gebracht

und dann blies er sie plötzlich aus und sagte: Ich frage euch

wohin ist dieses Kerzenlicht gegangen, wohin ist die Flamme gegangen?

Die Schüler waren ratlos.

Im Sanskrit wird das Aufhören der Flamme nirvana genannt,

also sagte Buddha: Wenn Buddha stirbt, verschwindet er, genau so.

Er wird eins mit dem Ganzen. Also ist es irrelevant, wohin er geht,

denn wohin kann die Ganzheit gehen? Wohin ist diese Flamme gegangen?

Sie ist eins geworden mit dem Ganzen.

Nun existiert sie nicht mehr als eine individuelle Flamme,

die Individualität ist aufgegeben worden.

Das ist der Grund, warum das Wort nirvana

sehr wichtig wurde in der buddhistischen Terminologie.

Es bedeutet „Erlöschen einer Flamme“, „totales Ende einer Flamme“.

Sie bleibt da, denn was auch immer ist, bleibt da, aber du kannst sie nicht finden. Wo willst du eine Flamme finden, die nicht mehr  ist?

Die Individualität ist verloren gegangen, die Form ist verloren gegangen. Wo wirst du sie finden? Aber kannst du sagen, sie ist nicht mehr?

Sie ist, denn wie kann ein Ding, das war, nicht mehr sein?

Sie verschwand, natürlich; sie wurde eins mit dem Formlosen, natürlich;

sie wurde eins mit dem Ganzen, natürlich – aber sie ist.

Nun existiert sie als die Gesamtheit.

Du hast beide Möglichkeiten.

Du kannst in der Zeit leben, dann lebst du als Denken.

Das Denken ist Zeit, denn das Denken teilt das Leben in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Das Denken ist der trennende Faktor,

es ist ein großer Analytiker, ein großer Auseinanderdividierer. Es schneidet alles auseinander. Du kannst das Leben durch das Denken leben, dann lebst du in der Zeit. Aber du kannst das Leben direkt leben, du kannst das Leben unmittelbar leben, dann lebst du das Leben zeitlos, ewig.

Dann ist da keine Vergangenheit, dann ist da keine Zukunft,

dann ist da nur Gegenwart und Gegenwart und Gegenwart.

Sie ist immer da.

Die Vergangenheit ist diejenige Gegenwart, die du nicht mehr sehen kannst

und die Zukunft ist diejenige Gegenwart, die du noch nicht sehen kannst.

25.04.2007 um 00:00 Uhr

Tao Te King 76 (2)

von: tao

Nur das Leben existiert, allein, absolut allein,

schön in seinem Alleinsein, majestätisch in seiner Alleinheit.

Du kannst das Leben auf zweierlei Weise leben:

Du kannst mit ihm fließen – dann bist du auch majestätisch,

dann hast eine Anmut, die Grazie der Gewaltlosigkeit,

kein Konflikt, kein Kampf;

dann hast du eine Schönheit,

kindgleich, einer Blüte gleich, weich, zart, unkorrumpiert.

Wenn du mit dem Leben fließt, bist du religiös.

Das ist es, was Religion für Lao-tse bedeutet, das ist Taoismus. Gewöhnliche Religion bedeutet einen Kampf mit dem Leben – für Gott. Normalerweise bedeutet das: Gott ist das Ziel,

das Leben muss verneint werden – und bekämpft werden;

das Leben muss geopfert werden

und Gott muss erreicht werden.

Diese gewöhnliche Religion ist keine Religion.

Diese normale Religion ist bloß Teil des gewöhnlichen

gewalttätigen, aggressiven Denkens.

Es gibt keinen Gott jenseits des Lebens: das Leben ist Gott.

Wenn du das Leben verneinst, verneinst du Gott.

Wenn du das Leben opferst, opferst du Gott.

Mit all den Opfern wird nur Gott geopfert.

Gurdjieff pflegte zu sagen –

es erscheint paradox, aber es ist wahr –

dass alle Religionen gegen Gott sind.

Wenn das Leben Gott ist,

dann geht man gegen Gott, wenn man das Leben verneint,

ihm entsagt, es opfert.

Aber es scheint, Gurdjieff wusste nicht viel über Lao-tse.

Oder sogar wenn er etwas von Lao-tse gewusst hätte,

würde er dasselbe gesagt haben,

denn Lao-tse scheint nicht auf gewöhnliche Weise religiös zu sein.

Er ist mehr wie ein Dichter, ein Musiker, ein Künstler, ein Schöpfer, kreativer als wie ein Theologe, ein Priester, ein Prediger, ein Philosoph. Er ist so gewöhnlich, dass du gar nicht denken kannst, dass er religiös ist. Aber um wirklich religiös zu sein,

muss man so außergewöhnlich gewöhnlich im Leben sein,

dass der Teil nicht gegen das Ganze ist,

sondern dass der Teil zusammen mit der Gesamtheit fließt.

24.04.2007 um 00:00 Uhr

Südliches Blütenland 20/2 (4)

von: tao

Das ist die ganze Bemühung des Taoismus – dich zu einem Niemand zu machen.

Aber warum?

Warum diese Anstrengung, ein Niemand zu werden?

Weil du nicht glücklich sein kannst, bevor du nicht niemand wirst;

bevor du nicht niemand wirst, kannst du nicht ekstatisch sein;

bevor du nicht niemand wirst, liegt kein Segen auf dir –

du verpasst das Leben fortwährend.

In Wirklichkeit bist du nicht lebendig, du schleppst dich einfach so dahin,

wie eine Bürde trägst du dich selbst mit dir herum.

Viel Beklemmung stellt sich ein, viel Verzweiflung, viele Sorgen,

aber kein einziger Strahl des Glücks, es kann nicht sein-

Wenn du jemand bist, bist du wie ein solider Steinblock,

nichts kann in dich eindringen.

Wenn du niemand bist, beginnst du, porös zu werden.

Wenn du niemand bist,

bist du in Wirklichkeit ein Leersein, transparent,

alles kann durch dich hindurchgehen.

Da ist kein Hindernis, da ist keine Barriere, kein Widerstand.

Du wirst eine Passivität, ein Tor.

Eben jetzt bist du wie eine Wand; eine Wand bedeutet jemand zu sein.

Wenn du ein Tor wirst, wirst du niemand.

Ein Tor ist bloß eine Leere, jeder kann hindurchgehen,

da ist kein Widerstand, keine Barriere.

Jemand … du bist verrückt,

niemand … du wirst zum ersten Mal geistig gesund sein.

Aber die ganze Gesellschaft, Erziehung, Zivilisation, Kultur,

alle kultivieren sie dich und helfen dir, jemand zu werden.

Das ist der Grund, warum der Taoismus

gegen Zivilisation ist,

gegen Erziehung ist,

gegen Kultur ist –

denn der Taoismus ist für die Natur, für das Tao.

Alle Zivilisationen sind gegen die Natur,

denn sie wollen dich zu jemand Speziellem machen.

Und je mehr kristallisiert du als jemand bist,

desto weniger und weniger kann das Göttliche in dich hineingelangen.

Du gehst in die Kirchen,

in die Tempel, zu den Priestern,

aber auch dort bist du auf der Suche

nach einem Weg, im Jenseits ein jemand zu werden,

nach einer Möglichkeit, etwas zu erreichen, nach einem Weg zum Erfolg.

Das strebsame Denken folgt dir wie ein Schatten.

Wo immer du hingehst, du gehst mit der Idee

nach Profit, Errungenschaft, Erfolg, Triumph.

23.04.2007 um 00:00 Uhr

Südliches Blütenland 26/7 (9)

von: tao

Einst wurden zwei Vagabunden in Arrest genommen….

Richter und Polizei sind die Hüter der Utilitarier.

Sie schützen sie, denn dieser nutzlose Teil ist gefährlich –

das kann sich ausbreiten!

So sind also nirgendwo Vagabunden, nutzlose Leute, erlaubt.

Wenn du bloß auf der Straße herumstehst

und jemand dich fragt, was du gerade tust,

und du erwiderst: „Nichts“,

dann wird dich früher oder später das auf die Polizei und dann vor Gericht bringen –

denn nichts ist nicht erlaubt! Du musst etwas tun.

Warum stehst du da herum?

Wenn du einfach sagst: Ich stehe da und genieße es,

bist du ein gefährlicher Mensch, ein Hippie. Du könntest eingesperrt werden.

Die zwei Landstreicher wurden also inhaftiert.

Der Richter fragte den ersten: Wo lebst du?

Der Mann sagte:

Die ganze Welt ist mein Zuhause, der Himmel ist mein Dach über dem Kopf,

ich gehe überall hin, da gibt es keine Barriere. Ich bin ein freier Mensch.

Dann fragte er den anderen: Und wo lebst du?

Der sagte: Ich wohne Tür an Tür mit ihm, gleich daneben.

Diese Leute geben der Welt Schönheit, sie sind ein Parfüm.

Ein Buddha ist ein Vagabund, ein Mahavir ist ein Landstreicher.

Dieser Mann, dieser Vagabund, antwortete

dass der Himmel sein einziges Dach über dem Kopf sei.

Das ist mit dem Wort digamber gemeint.

Mahavir, der letzte teerthankara der Jains, ist als digamber bekannt.

Digamber bedeutet nackt, nur der Himmel als Bekleidung, nichts sonst.

Der Himmel ist die Zuflucht, das Zuhause.

Immer wenn die Welt zu utilitaristisch wird

erzeugst du viele Dinge, besitzt du viele Dinge,

du wirst besessen von Dingen – aber das Innere ist verloren.

Denn das Innere kann nur erblühen

wenn es keine äußeren Spannungen gibt,

wenn du nicht irgendwohin gehst, bloß ruhst –

dann erblüht das Innere.

Religion ist absolut nutzlos.

Welchen Nutzen hat der Tempel?

Welchen Nutzen hat die Moschee?

Welchen Nutzen hat die Kirche?

In Russland hatten sie all die Tempel, Moscheen und Kirchen umfunktioniert

in Hospitäler und in Schulen, irgendetwas Nützliches.

Warum steht dieser Tempel da, ohne jeden Nutzen?

Kommunisten sind Nützlichkeitsfanatiker.

Das ist der Grund, warum sie gegen Religion sind. Das müssen sie sein,

denn Religion eröffnet dem Nutzlosen einen Weg.

22.04.2007 um 00:00 Uhr

Südliches Blütenland 17/3 (4)

von: tao

Deine Frau ist dein intimer Feind,

dein Mann ist dein intimer Feind –

beides, intim und Feind.

Das erscheint gegensätzlich zu sein, unlogisch,

denn wir fragen uns, wie einer, mit dem wir intim sind, der Feind sein kann;

jemand, der ein Freund ist, wie kann der auch der Feind sein?

Logik ist oberflächlich, das Leben geht tiefer,

und im Leben sind alle Gegensätze miteinander verbunden,

sie existieren zusammen.

Bedenke dies, denn dann wird Meditation ein Balanceakt.

Buddha lehrte acht Disziplinen.

Und bei jeder Disziplin benutzte er das Wort „richtig“.

Er sagte „rechte Anstrengung“

weil es sehr leicht ist, von der Aktion zur Untätigkeit zu gehen,

vom Wachen zum Schlafen,

aber in der Mitte zu bleiben, ist schwierig.

Wenn Buddha das Wort „recht“ verwendete, sagte er damit:

Geh nicht zum Entgegengesetzten, bleibe einfach in der Mitte.

„Richtiges Essen“ – er sagte niemals, man solle fasten.

Schwelge nicht im Zuviel-Essen und fröne nicht dem Fasten.

Er sagte „Rechtes Essen“.

Richtiges Essen bedeutet, in der Mitte zu stehen.

Wenn du in der Mitte stehst

sammelst du damit keinerlei Schwungkraft an.

Und das ist seine Schönheit –

ein Mensch, der keinerlei Schwungkraft anhäuft, um sich so irgendwohin zu begeben,

kann sich mit sich selbst wohl fühlen, kann zu Hause sein.

Du kannst niemals zu Hause sein, denn was auch immer du tust

du wirst sogleich das Gegenteil tun müssen, um es auszugleichen.

Und der Gegensatz gleicht niemals aus,

er gibt dir nur den Eindruck

dass du damit ausgeglichen wirst,

aber du wirst dich dann wieder zum Gegensatz begeben müssen.

Ein Mensch des Tao ist weder jemandem ein Freund noch ein Feind.

Er ist einfach in der Mitte stehen geblieben –

die Uhr funktioniert nicht mehr.

Es wird von einem chassidischen Mystiker, Muzheed, erzählt,

dass, als er Erleuchtung erlangte

plötzlich die Uhr an seiner Wand stehen blieb.

Es mag sich so ereignet haben oder vielleicht auch nicht, denn das ist möglich,

aber die Symbolik ist klar:

Wenn dein Denken stoppt, bleibt die Uhr stehen.

Von da an ging die Uhr niemals wieder,

von da an zeigte sie immer dieselbe Zeit.

21.04.2007 um 00:05 Uhr

Tao 259

von: tao

Die Leute sind unkreativ; sie sind in einer Art von Schwebezustand, weder hier noch dort. Das haben euch eure Religionen angetan.

Der Taoismus unterstützt nicht die so genannte Religion und Spiritualität. Aber was auch immer Religionen getan haben, ist nicht das Werk wahrer Religion. Die wahre Religion muss erst noch kommen, die wahre Religion muss erst noch geboren werden. Sei gegen das Christentum, sei gegen den Hinduismus, sei gegen den Islam, sei gegen den Buddhismus, aber sei nicht gegen Religiosität als solche, denn das würde bedeuten, dass du organisierte Religion mit Religiös-Sein gleichsetzt; das ist nicht so. Verurteile die Priester, verdamme den Papst, verdamme den Shankaracharya, aber verdamme nicht Buddha und Lao-tse und Jesus und Mohammed. Sie haben immens viel zum inneren Wachstum des Menschen beigetragen, sie sind absolut kreativ. Natürlich sind sie von den falschen Leuten interpretiert worden, aber was können sie da noch tun? Sie brauchen kritische Leute, um interpretiert zu werden.

Die so genannte Religion muss von der Erde ausradiert werden, denn das ist der einzige Weg, dass die wirkliche Religion kommen kann, damit das Authentische sich zeigen kann, denn authentische Religiosität kann nicht verdammt werden.

Liebe kann nicht wütend sein. Wut ist destruktiv, Liebe ist kreativ. Wut ist ein Teil des Hasses; sie ist niemals Teil der Liebe. Wenn du gegen Religiosität bist, dann kannst du kreativ sein, aber deine Kreativität wird pathologisch sein. Sie wird nicht schön sein, sie wird sich unbehaglich fühlen,

Und das kannst du sehen. Die ganze moderne Kunst ist  hässlich, aus dem einfachen Grund, dass sie keine spirituellen Wurzeln hat, dass sie keine meditative Qualität beinhaltet. Du kannst dir Picassos Bilder anschauen: Sie zeigen etwas Geisteskrankes in dem Mann. Picasso war ein Genie – mit bloß ein wenig Spiritualität würde er Michelangelo übertroffen haben. Er hatte die Kapazität, er hatte die Talente, er hatte die Intelligenz, aber etwas fehlte. Er war in einem Chaos, er hatte keine innere Disziplin.

Das ist der Grund, warum Picasso hässliche Kunst produzierte, während Michelangelo schöne Kunst erschuf. Lässt man Picassos Gemälde auf sich wirken, drängt sich einem zwangsläufig der Eindruck auf, dass sie einen gewissen geisteskranken Aspekt beinhalten.

Es gibt so viele Geschichten über Picasso…

Beispielsweise kam ein amerikanischer Millionär zu Picasso. Er wollte zwei Gemälde kaufen und wollte sie sofort haben. Und er war bereit, jeden Preis zu zahlen – Geld spielte keine Rolle. Picasso war ein wenig verwirrt, weil er nur noch ein Gemälde übrig hatte. Er forderte solch einen hohen Preis, dass er dachte, der Millionär würde sagen: „Ich werde doch nur eins kaufen.“ Aber der sagte: Okay, ich werde den Preis zahlen. Wo sind die Gemälde? Bring mir die Bilder, und hier ist der Scheck!“ Picasso ging ins sein Atelier, zerschnitt sein Gemälde in zwei Teile und er gab dem Millionär zwei Bilder.

Tatsächlich kannst du seine Gemälde sogar in vier Teile zerschneiden; es würde keinen großen Unterschied machen.

Oder eine andere Geschichte:

Eine reiche Frau wollte, dass Picasso ihr Portrait malte; er tat es. Als sie kam, betrachtete sie es und sagte: „Alles ist in Ordnung, nur die Nase mag ich nicht. Die Nase wirst du mir noch ummalen müssen.“ Picasso sagte: „Das ist unmöglich.“ Sie sagte: „Warum ist das unmöglich? Ich bin bereit, dafür zu zahlen. Wenn du dafür noch mehr Geld brauchst, bin ich bereit, dies zu zahlen.“ Er sagte: „Es geht nicht um das Geld. Ich weiß nicht, wo die Nase ist!“

20.04.2007 um 00:00 Uhr

Tao 258

von: tao

Du meinst vielleicht, dass in der Außenwelt irgendetwas unreal sein muss. Nein, das Außen ist irreal. Es ist nicht so, dass etwas davon wirklich und etwas unwirklich ist; das Äußere ist unwirklich und das Innere ist wirklich. Mit dem Äußeren wächst das Denken; mit dem Inneren die Meditation. Damit es mit dem Äußeren arbeiten kann, wird dein Denken immer effizienter – im Westen ist das Denken ungeheuer clever geworden. Wenn du beginnst, nach innen zu schauen, auf den, der schaut, dann wächst die Meditation. Dann wirst du zwar kein großartiger Denker oder ein großer Philosoph, aber du erlebst die Wahrheit…du wirst ein großer Mystiker, du wirst ein Buddha, ein Jesus, ein Liä Dsi.

Aber die ganze Betonung – denk immer daran – liegt auf dem Spiegel, der reflektiert. Sei nicht zu sehr verhaftet an das, was widergespiegelt wird. Du schaust in den Spiegel; dein Bild schaut so real aus, aber es ist unwirklich. Sei nicht so besessen von dem Spiegelbild. Das Abbild im Spiegel ist nicht real und die Person, die vor dem Spiegel steht, ist auch unwirklich. Nur eine Sache ist real: Das Bewusstsein, das weiß: „Ich stehe gerade vor dem Spiegel“, das Bewusstsein, das weiß, dass der Spiegel denjenigen widerspiegelt, der davorsteht. Dieses transzendentale Bewusstsein ist Realität, und durch dieses Bewusstsein kommt der Segen herab, das satchitanand; dadurch wird man wahr, bewusst und glücklich.

Warum kann man die Welt illusorisch nennen? Lass mich dich wieder daran erinnern: Mit „illusorisch“ ist nicht irreal gemeint, damit ist zeitweise real gemeint, nur zurzeit wirklich seiend. Warum kann man die Außenwelt irreal nennen? Weil sie nur Unglück bringt und dir nur Projektionen, Ambitionen und Sehnsüchte gibt; sie gestattet dir niemals, wirklich glücklich zu sein, authentisch glücklich zu sein. Sie gibt dir Hoffnung, aber erfüllt sie niemals.Sie führt dich auf viele Reisen, aber das Ziel wird nie erreicht, daher wird sie Illusion, Maya, genannt. Sie betrügt dich, sie ist eine Luftspiegelung – sie scheint da zu sein, aber wenn du dort ankommst, findest du gar nichts vor; und in der Zeit, in der du dort angekommen bist, sind deine Sehnsüchte schon weiter nach vorne projiziert worden. Es ist wie der Horizont: Du gehst auf ihn zu, er weicht vor dir zurück. Du kommst niemals an – du kannst ihn nicht erreichen, schon von seiner eigentlichen Natur her ist das nicht möglich, er erscheint dir nur – er ist nicht vorhanden.

Genau das Gegenteil ist der Fall, wenn du deine innere Welt des Bewusstseins betrittst: Je näher du kommst, desto realer wird sie; je näher du kommst, desto glücklicher, desto freudevoller, desto heiterer wirst du. Je näher du kommst, desto authentischer und wahrer wirst du; und in dem Moment, in dem du am eigentlichen Zentrum stehst, bist du die Wahrheit selbst. In diesem Moment verkündete der Seher der Upanishaden: Ich bin Gott, ich bin Brahman, aham Brahmasmi. In diesem Moment der inneren Zentrierung erklärte Masur el-Hallaj: ana el-Haqq. Ich bin die Wahrheit. In diesem Moment sagt Jesus: Ich und mein Gott sind nicht zwei, sondern eins. Wenn du dich dem Objekt näherst, entfernst du dich von dir selbst; und je weiter du von dir selbst weggehst, desto weiter weg gehst du von der Wahrheit, denn die Wahrheit ist in dir zentriert. Was ist also nicht Illusion? Alles ist Illusion, außer dir. Dem muss sofort hinzugefügt werden, dass mit „dir“ nicht das „du“ gemeint ist, das du kennst, es ist das „du“ gemeint, das noch von dir zu entdecken ist. Das „du“, das du kennst, gehört zur Außenwelt, ist genau so unwirklich wie die Außenwelt. Das „du“, das du kennst, ist nichts als eine Akkumulation all der Illusionen, all der Träume und Sehnsüchte. Das „du“, das gemeint ist, hat nichts mit dir zu tun, so wie du bist; es ist das ewige „du“, das ewige „ich“. Es ist nicht dein, es ist nicht mein, es gehört niemandem. Es gehört jedem; es ist das eigentliche Zentrum von allem.

Verrückt

19.04.2007 um 00:00 Uhr

Tao 257

von: tao

Wirklich, einen Menschen zu finden, der sich noch wundern kann, ist inzwischen fast unmöglich. Sogar wenn du denkst, dass du dich wunderst

kann es gut sein, dass du nur denkst, dass du dich wunderst.

Wahrscheinlicher ist, dass du auch über das Staunen nachdenkst.

Das Staunen ist eine total andere Dimension,

es hat eine total andere Qualität –

das Staunen

bedeutet, bei den staunenden Augen, dem staunenden Herzen zu bleiben,

ohne dass Fragen entstehen.

Die Blume ist da, der Schmetterling ist da,

die Bäume sind da,

die Wolken ziehen dahin, die ganze Welt ist wunderbar,

nur du hast die Fähigkeit des Staunens verloren.

Schau einfach mit Augen, die absolut still sind,

ohne dass Fragen innerhalb des Denkens umherwandern –

das bedeutet, dass du nicht nach irgendeiner Antwort suchst.

Wenn du eine Antwort suchst, was tust du dann?

Du versuchst, das Staunen abzuwürgen.

Du fühlst dich nicht wohl, wenn du dich wundern musst,

Du würdest es gerne wissen.

Aus dem Staunen heraus entstehen zwei Möglichkeiten:

Die eine ist Philosophie, die andere Taoismus.

Wenn das Staunen zur Frage wird

begibst du dich in die Dimension der Philosophie

und dann wirst du verloren sein, denn es bringt dich nirgendwohin,

es zerstört dich einfach.

Eine Frage wird dich zu einer Antwort führen,

die eine Antwort wird dich zu eintausend Fragen führen,

und so weiter und so fort;

und je mehr du fragst und je mehr Antworten du hast,

desto geteilter und fragmentarischer wirst du.

Das Eine ist verloren, das Eine wird zu vielem.

Vom selben Punkt zweigt ein anderer Pfad ab,

der des Taoismus.

Du bleibst mit dem Staunen, du fragst nicht nach,

du verwandelst und konvertierst die Energie des Staunens in und zu einer Frage;

du erlaubst dem Staunen, da zu sein,

du fühlst dich wohl mit ihm, bist absolut zu Hause damit.

Du bleibst bei dem Stauen

und es wird dein Freund, dein Begleiter.

Du gehst mit ihm, du schläfst mit ihm,

du öffnest deine Augen am Morgen und das Staunen ist noch da,

du schließt deine Augen in der Nacht und das Staunen ist noch da,

Du atmest ein und du atmest Staunen ein,

du atmest aus und du atmest Staunen aus –

es wird dein ganzes Sein.

Dann bist du ein taoistischer Mensch.

18.04.2007 um 00:00 Uhr

Tao Te King 13 (1)

von: tao

„„Gunst und Ungnade verursachen einem Bestürzung,

was wir wertschätzen und was wir fürchten ist gleichsam innerhalb des Selbst.“

Was ist gemeint, wenn wir so von Gunst und Ungnade sprechen?

In Ungnade zu fallen bedeutet, in einer niederen Position zu sein (nach genossener Gunstbezeugung). Das Erlangen (einer Gnade) führt zur Befürchtung, sie zu verlieren, und

ihr Verlust führt zu der Furcht vor noch größerem Unheil.

Dies ist gemeint, wenn man sagt, dass Gnade und Ungnade Bestürzung verursachen.“

„Belobigung und Verhöhnung, Ehre und Unehre, beides bringt Enttäuschung und Verzweiflung. Das, was wir als wertvoll betrachten und das, vor dem wir Angst haben, ist innerhalb unseres eigenen Selbst.“

Was ist der Grund für diese obige Äußerung? Degradiert zu werden, nachdem einem applaudiert worden ist, ist beleidigend. Außerdem besteht immer die Furcht, Lob und Ehre zu verlieren, was, wenn man es einmal verloren hat, die Furcht vor endlosen Gefahren entstehen lässt.

Bevor wir versuchen, dieses Kapitel zu verstehen, ist es notwendig, die Fakten zu verstehen, die im Widerhall rund um dieses Kapitel herum verborgen liegen. Das allererste, das es zu verstehen gibt, ist, dass weder Ehre noch Unehre eine faktische Wahrheit darstellen; weder Gunst noch Ungunst. Wir fühlen uns geehrt, wenn unser Ego verführt wird mit Schmeicheleien. Unehre ist das, was wir fühlen, wenn unser Ego übergangen oder verletzt wird. Gunst und Ungnade sind beides Erfahrungen des Egos, und das Ego ist eine Unwahrheit, ein Unwirklichkeit.

Das Ego ist die größte Lüge in unseren Leben.

Uns ist nicht bewusst, was wir tatsächlich sind. Das, was wir sind, aber wessen wir uns nicht bewusst sind, ist der Atman, die Seele. Und das, was wir nicht sind, von dem wir aber selbst glauben, dass wir es sind, das ist das Ego. Das Ego ist eine imaginäre Einheit. Wir können nicht ohne es leben, aus dem einfachen Grund, dass wir uns unserer Authentizität nicht bewusst sind. Da wir uns unseres authentischen Meisters nicht bewusst sind, haben wir einen falschen Meister erschaffen.

Wir haben keine Ahnung von unserem authentischen Zentrum; und weil es unmöglich ist, ohne ein Zentrum zu leben, haben wir für uns selbst ein falsches erschaffen. Wir drehen uns um diese falsche Mitte herum und halten uns selbst am Leben. Dieses falsche Zentrum ist das Ego. Alle Dinge, die diesem Zentrum gefallen, zählen für uns als Lob, und alle Dinge, die es schmerzen, betrachten wir als Ungnade und Ungunst. Da das Ego an sich eine falsche Wesenheit ist, sind alle Erfahrungen, die durch es stattfinden, ebenfalls falsch.

Lao-tse sagt: „Wenn jemand uns preist, spüren wir so etwas wie Glück; wenn uns jemand kritisiert, empfinden wir Leid.“ Es fühlt sich so an, als wenn es der andere ist, der uns glücklich macht oder uns Schmerz verursacht, aber der Urgrund alles Vergnügens und aller Schmerzen liegt in uns – und das ist unser Ego. Wer kein Ego in sich hat, spürt kein Vergnügen und kein Leid, das von anderen verursacht wird. Und wer kein Vergnügen und kein Leid fühlt, stabilisiert sich in Ananda, in Glückseligkeit.

Jeder kann uns Freude oder Leid geben. Wir sind Gefangene in den Händen der anderen. Wir haben die Zügel unserer Gefühle komplett anderen ausgehändigt. Eine kleine Geste von jemand anderem und wir sind voll des Vergnügens oder der Sorge. Ein unbedeutendes Etwas und unsere Augen füllen sich mit Tränen; eine klitzekleine Veränderung und unsere Augen strahlen vor Glück. Unser Lächeln und unsere Tränen werden von außen her kontrolliert.

17.04.2007 um 03:14 Uhr

Tao Te King 56 (6)

von: tao

Du gehst vielleicht gemäß irgendeines Musters vor,

befolgst Theorien, wie man lieben soll und wie man nicht lieben soll.

Du musst durch irgendeine Konditionierung gegangen sein –

die Liebe ist nicht zu deinem Herzen geworden,

sie schlägt nicht in deiner Brust,

sie bleibt immer noch Teil deines Denkens.

Die Sprache gehört zum Denken und die Erfahrung gehört zum Herzen.

Und das Herz hat seine eigene Welt,

hat seine eigene Dimension.

Also kann Liebe nicht ausgedrückt werden –

und Wahrheit ist sogar tiefer als Liebe.

Drei Ebenen spielen dabei eine Rolle.

Die erste Ebene ist die des Kopfes – das ist die oberflächlichste:

Die Welt der Sprache, der Konzepte, der Theorien.

Du kannst sie sehr leicht manipulieren,

du bist dort der Meister.

Dann ist da die zweite Ebene,

tiefer als der Kopf –

das ist die des Herzens.

Da hast du überhaupt nichts zu sagen.

Du wirst ein Sklave.

Du kannst sie nicht kontrollieren;

die Liebe wird der Meister, du wirst der Sklave.

Sie nimmt dich völlig in Besitz.

Aber trotzdem kann das Denken etwas über die Liebe sagen,

denn das Herz ist nicht sehr weit weg vom Kopf,

die Distanz ist nicht sehr groß.

Das Denken kann einen Schimmer davon haben, es kann zurückschauen, es kann nach innen sehen und ein paar flüchtige Blicke erhaschen – das ist der Grund, warum Poesie möglich ist,

warum Malerei möglich ist, warum Musik möglich ist.

Das sind alles flüchtige Eindrücke, die der Kopf vom Herzen gewonnen hat.

Aber dann ist da die dritte Ebene deines Wesens

welche die letzte Schicht ist,

das eigentliche Substrat, der eigentliche Boden.

Das ist dein Sein.

Der Kopf ist das Denken, das Herz ist das Fühlen, das Wesen ist einfach Sein.

Gott, Wahrheit, Ekstase, Nirwana, Erleuchtung –

sie gehören zum Sein.

Der Kopf hat nicht einmal davon gehört.

Er kann einen flüchtigen Eindruck von der zweiten Schicht erhaschen,

das ist die des Herzens, der Liebe;

er hat noch nicht einmal davon gehört, dass da noch eine andere Schicht existiert

die tiefer als das Herz ist…

Das Herz kann einen kleinen Schimmer vom Sein erhaschen,

weil es ihm näher ist.

16.04.2007 um 01:52 Uhr

Quellender Urgrund 1/4 (4)

von: tao

Die Christenheit, der Hinduismus, der Islam sind Super-Autobahnen: Du brauchst gar nichts zu riskieren, du folgst einfach der Masse, du gehst mit dem Mob. Im Taoismus musst du alleine gehen, du musst alleine sein. Der Taoismus respektiert das Individuum und nicht die Gesellschaft. Der Taoismus respektiert die Einzigartigkeit und nicht die Masse. Der Taoismus respektiert die Freiheit und nicht die Konformität. Der Taoismus hat keine Tradition. Der Taoismus ist eine Rebellion, die größtmögliche Rebellion. Das ist der Grund, warum der Taoismus ein „wegloser Weg“ ist. Er ist ein Weg, aber nicht wie andere Wege. Er hat eine ganz andere Qualität – die Qualität der Freiheit, die Qualität der Anarchie, die Qualität des Chaos. Der Taoismus sagt: Wenn du dir eine Disziplin auferlegst, wirst du ein Sklave sein. Die Disziplin muss aus deiner Bewusstheit heraus entstehen, dann wirst du ein Mensch des Tao sein. Wenn du deinem Leben eine Ordnung auferlegst, wird dies bloß eine Vortäuschung sein: Die Unordnung wird bleiben, tief in dem innersten Kern deines Wesens; die Ordnung wird an der Oberfläche sein, im Zentrum wird es Unordnung sein. Das wird nichts helfen. Die wirkliche Ordnung entsteht nicht von außen her, sondern vom innersten Kern deines Wesens her. Lass die Unordnung zu – unterdrücke sie nicht. Stell dich ihr, nimm die Herausforderung der Unordnung an – und indem du die Herausforderung der Unordnung annimmst und sie lebst, und damit gefährlich lebst, entsteht eine Ordnung in deinem Wesen. Diese Ordnung ist aus dem Chaos heraus entstanden, nicht aus irgendeinem Muster heraus. Das ist eine total andere Perspektive: Sie ist in dir geboren und sie ist frisch; sie ist nicht traditionell, sie ist jungfräulich; sie ist nicht aus zweiter Hand. Der Taoismus glaubt nicht an die Religion aus zweiter Hand und an den Gott aus zweiter Hand. Wenn du den Gott von Jesus nimmst, wirst du ein Christ, wenn du den Gott von Krishna nimmst, wirst du ein Hindu, wenn du den Gott von Mohammed nimmst, wirst du ein Mohammedaner. Der Taoismus sagt: Aber bevor du nicht deinen Gott findest, bist du nicht auf dem Weg. All diese Wege lenken dich also einfach vom wirklichen Weg ab. Indem du anderen folgst, gehst du in die Irre. Wenn du irgendeinem Lebensmuster folgst, bist du dabei, ein Sklave zu werden. Wenn du irgendeinem Muster folgst, sperrst du dich damit selbst ein. Und Tao, oder Gott, oder Dharma, oder die Wahrheit, ist nur möglich für jemanden, der absolut frei ist, bedingungslos frei ist. Natürlich ist Freiheit gefährlich, denn es gibt keine Sicherheit dabei, sie beinhaltet keine Versicherung. Es liegt eine große Sicherheit darin, wenn du der Masse folgst: Die Masse ist ein Schutz für dich. Es gibt dir eine große Sicherheit, wenn du der Masse folgst; allein schon wegen der Anwesenheit so vieler Leute spürst du, dass du nicht alleine bist – du kannst nicht verloren gehen. Wegen dieser Sicherheit bist du schon verloren gegangen, wegen dieser Sicherheit begibst du dich nicht auf die Suche, und du fragst nicht nach und du hinterfragst nichts. Und die Wahrheit kann nicht gefunden werden, bevor du nicht nachgeforscht hast – bevor du nicht selbst danach gesucht hast. Wenn du dir ausgeborgte Wahrheiten nimmst, wirst du gebildet; aber informiert zu sein heißt nicht, dass du wirklich etwas weißt. Der Taoismus ist sehr gegen das Wissen. Der Taoismus sagt: Sogar wenn du unwissend bist und es deine Unwissenheit ist, ist das gut – mindestens gehört sie zu dir, und das hat eine Unschuld an sich. Aber wenn du mit angehäuftem Wissen beladen bist, mit Bücherwissen und Tradition, dann lebst du ein falsches Pseudoleben. Dann lebst du gar nicht wirklich, du gibst nur vor, dass du lebst. Du machst nur impotente Gesten, leere Gebärden. Dein Leben hat nicht die Intensität, die Leidenschaft – es kann die Leidenschaftlichkeit nicht haben. Dieses Feuer entsteht nur, wenn du dich von selbst und alleine in den ungeheuer weiten Himmel der Existenz hineinbegibst.

15.04.2007 um 03:49 Uhr

Tao Te King 18 (2)

von: tao

Das ist eine erschütternde Tatsache: Je mehr wir versuchen, in einigen Intelligenz zu entwickeln, desto mehr werden wir anderen Intelligenz entreißen. Das Leben ist an allen Fronten ausbalanciert. Dies bedeutet: Wenn es eine gewisse Anzahl gesunder Leute gibt, muss es zwangsläufig eine gleiche Anzahl ungesunder Leute geben.Lao-tse sagt: „Wir können dieser Balance im Leben nicht entgehen.“ Wenn wir zehn gute Leute hervorbringen, werden wir unausweichlich zehn schlechte Leute entstehen lassen. Genau wie eine Münze nicht nur eine Seite haben kann, kann in gleicher Weise in dem Mysterium der Existenz eine Persönlichkeit nicht nur einseitig sein. Wenn also ein Asket geboren wird, wird unausweichlich ein Hedonist geboren. Das ist etwas schwierig zu verstehen, denn was haben ein Asket und ein Hedonist gemeinsam? Bewusstsein ist ein ausgedehntes Feld. Wenn sich ein Berg erhebt, wird unausweichlich neben ihm ein Tal geformt. Wir können keine Berge haben ohne Täler. Wenn wir das Tal verneinen, müssen wir auch den Berg negieren. Wenn wir nach der Höhe des Bergesspitze suchen, müssen wir darauf vorbereitet sein, die dunklen Tiefen des Tals zu akzeptieren. Der Berg ist eine Seite der Münze und das Tal die andere. Das Tal und der Berg sind Teile ein und derselben Sache. Wir können nur auf ebenem Grund ohne Berge und Täler auskommen.Genau wie das für den Erdboden gilt, gilt dies auch für das Bewusstsein, sagt Lao-tse. Bewusstsein ist auch wie eine Landfläche. Auf der Ebene des Bewusstseins, wenn sich da eine Person zu den Höhen erhebt, fällt sofort eine andere Person in die Tiefen und bildet das Tal – um das Gleichgewicht aufrecht zu erhalten. Wir können nicht nur Gott haben und den Teufel abschaffen. Wenn du dem Teufel entgehen willst, musst du all deine Faszination für Gott aufgeben.Wir wollen dem Teufel entfliehen und Gott beibehalten. Wir wollen bei Gott sein, wie Gott sein, und nur wie Gott; wir haben keine Idee von der Balance in der Existenz. Wir vergessen, dass wenn da Gott ist und nur Gott, alles stumpfsinnig und langweilig werden würde. Die Heiligen machen die Erde zu einem stumpfsinnigen Ort, es sind nur die Sünder unter uns, die sie daran hindern, so zu werden. Sie verleihen ihr die Aufregung und erwecken das Interesse an Gott.Aber Teufel können nicht allein für sich existieren. Damit eine gute Person sein kann, muss es eine schlechte Person geben; und umgekehrt. Alle guten Leute sind von schlechten Leuten abhängig; und alle schlechten Leute hängen von guten Leuten ab. Sie sind interdependent, keiner ist unabhängig. Diese Abhängigkeit ist schwer zu verstehen, weil sich seit undenklichen Zeiten der Mensch danach gesehnt hat, dass das Gute vorherrschen sollte und dass es kein Böses mehr geben sollte, dass es intelligente Leute geben sollte und keine Dummköpfe; dass die Leute moralisch sein sollten und nicht unmoralisch. Wir haben uns schon immer gewünscht, dass es Licht geben sollte, und noch mehr Licht, und dass Dunkelheit für immer verbannt werden würde. Wir haben das Leben immer ohne Tod gewollt, und das Glück ohne Unglück.All unsere Anstrengungen sind umsonst gewesen, sagt Lao-tse, und das zwangsläufig. Je mehr ein Mensch nach dem Glück strebt, desto unglücklicher wird er. Du kannst dem Unglücklichsein nur entkommen, indem du dich nicht nach dem Glücklichsein sehnst.

14.04.2007 um 03:00 Uhr

Basho 1 (1)

von: tao

Der alte Teich

Frosch springt rein

Der Ton des Wassers

Dies ist eines der beruehmtesten Haikus von Matsuo Basho. Es hat dieses spezielle Aroma, dessen sich nur erwachte Menschen bewusst sind. Seine Schänheit ist nicht nur aesthetisch, sondern existentiell. Sein Duft ist der von Buddhaschaft.

Tao bedeutet einfach das, was ist, ohne eine Qualifikation, ohne ein Adjektiv. Tao bedeutet: Einfach so.

Der alte Tuempel

Frosch huepft rein

Der Klang von Wasser

Haiku ist nicht gewähnliche Poesie. Die gewähnliche Dichtung besteht aus Imagination. Die gewähnliche Poesie ist eine Kreation des Denkens. Haiku reflektiert einfach das, was ist. Das Bewusstsein wird ein Spiegel und reflektiert das, womit es konfrontiert wird. Der Spiegel bleibt unberuehrt von dem, was er widerspiegelt. Eine haessliche Person geht vor einem Spiegel vorbei - der Spiegel wird nicht haesslich, der Spiegel bleibt in seinem Dasselbe-Sein. Eine schäne Person geht vorueber, der Spiegel wird auch nicht schän. Und wenn da niemand ist, der widergespiegelt werden kann, ist der Spiegel immer noch derselbe. Ob er reflektiert, ob er nichts widerspiegelt, ob er Gutes widerspiegelt, ob er Schlechtes widerspiegelt, der Spiegel bleibt unberuehrt.

So ist das Bewusstsein von einem, der erwacht ist.

Basho war ein Schueler des Zen-Meisters Buko. Waehrend der Zeit, in der dieses unglaublich schäne Haiku geboren wurde, lebte er in einer kleinen Huette neben einem alten Teich. Eines Tages, nach einem kurzen Regenschauer, besuchte Meister Buko Basho und fragte ihn: "Wie geht es deinem Verstehen in diesen Tagen?"

Bedenke, der Meister hat nicht gefragt: "Wie geht es deinem Wissen?" Er hat gefragt: "Wie geht es deinem Verstehen?"

Verstehen ist total anders als Wissen. Wissen ist geborgt, Verstehen gehärt zu einem. Wissen kommt von aussen, Verstehen entsteht innen. Wissen ist haesslich, weil es aus zweiter Hand ist. Und Wissen kann niemals Teil deines Wesens werden. Es wird ein Fremdkärper bleiben, es wird fremd bleiben, es kann keine Wurzeln in dir schlagen. Verstehen waechst aus dir heraus, es ist dein eigenes Erbluehen. Es ist authentisch dein Eigentum, daher hat es Schänheit, und es befreit. Wahrheit kann niemals von irgendjemandem ausgeliehen werden, und die ausgeborgte Wahrheit ist keine Wahrheit mehr. Eine ausgeborgte Wahrheit ist schon eine Luege. In dem Moment, in dem Wahrheit gesagt wird, wird sie eine Luege. Wahrheit muss erfahren werden, sie kann nicht gehärt werden, sie kann nicht gelesen werden. Wahrheit kann nicht bloss ein Teil deiner Sammlung werden, ein Teil deines Erinnerns. Wahrheit muss existentiell sein: Jede Pore deines Wesens sollte sie fuehlen. Ja, es muss ein Gefuehl sein. Jeder Atemzug sollte erfuellt davon sein. Sie sollte in dir pulsieren, sie sollte in dir zirkulieren wie dein Blut. Wenn Wahrheit verstanden wird, wirst du sie.

Daher fragte der Meister Buko seinen Schueler: "Basho, wie ist dein Verstehen in diesen Tagen?" Und ueberlies nicht diese drei schänen Worte "in diesen Tagen".

Die Wahrheit ist immer im Wachstum. Wahrheit ist eine Bewegung. Sie ist nicht statisch, sie ist dynamisch.

13.04.2007 um 12:23 Uhr

Südliches Blütenland 17/11 (5)

von: tao

Was hatte Hitler denn zu beweisen versucht?

Dass er der überlegenste, der beste Arier sei.

Es wäre besser für die Welt gewesen

wenn er verrückt geworden wäre, wenn er die Abkürzung genommen hätte,

dann hätte es keinen zweiten Weltkrieg gegeben.

Politiker sind gefährlicher

denn sie sind Irre, die sich bewiesen haben.

Sie sind Verrückte, die daran arbeiten, ein Ziel zu erreichen und zu bekommen,

bloß um die Minderwertigkeit in sich zu verbergen.

Immer wenn sich jemand minderwertig fühlt,

muss er sich beweisen oder einfach sich selbst hypnotisieren

so dass er daran glaubt, dass er nicht minderwertig ist.

Du kannst nicht religiös sein, wenn du verrückt bist.

Nicht verrückt auf die Weise, in der ein St. Franziskus verrückt ist –

diese Verrücktheit kommt durch Ekstase,

jener Wahnsinn kommt durch Minderwertigkeit.

Die Verrücktheit eines Heiligen Franziskus oder eines Dschuang Dsi

kommt von ihrer Höherwertigkeit, kommt aus dem Herzen,

kommt aus der ursprünglichen Quelle.

Jener andere Wahnsinn kommt aus dem Ego.

Die Seele ist immer höherwertig und das Ego ist immer minderwertig.

Also muss ein Egoist auf die eine oder andere Weise ein Politiker werden.

Welche Profession er sich auch immer aussucht,

wird er darin und durch sie ein Politiker sein.

Was ist dabei mit Politik gemeint?

Politik bedeutet den Konflikt zwischen Egos, der Kampf ums Überleben.

Wenn dein Ego und mein Ego im Konflikt sind

dann sind wir Politiker.

Wenn ich nicht im Konflikt bin mit dem Ego von irgendjemandem,

bin ich ein religiöser Mensch.

Wenn ich nicht versuche, überlegen zu sein, bin ich überlegen.

Aber diese Überlegenheit steht nicht im Gegensatz zur Minderwertigkeit,

es ist die Abwesenheit des Minderwertigkeitsgefühls.

12.04.2007 um 23:14 Uhr

Tao Te King 16 (9)

von: tao

Zeit ist Tod, Tod ist Zeit:

Je todbewußter du bist,

desto zeitbewußter wirst du sein,

je weniger des Todes bewusst, desto weniger zeitbewußt.

Dann spielt die Zeit keine Rolle.

Wenn du den Tod komplett in das Leben hinein absorbiert hast

verschwindet das Zeitbewußtsein einfach.

Warum gibt es im Westen und nun auch im Osten

soviel Angst vor dem Tod,

so sehr, dass das Leben überhaupt nicht genossen werden kann?

Indem sie in einer zeitlosen Welt leben

sind die Felsen glücklicher als der Mensch;

indem sie in einer Welt leben, wo man den Tod nicht kennt

sind die Bäume seliger als der Mensch;

nicht dass sie nicht sterben, aber sie kennen den Tod nicht.

Die Tiere sind glücklich, sie feiern, die Vögel singen,

die ganze Existenz außer dem Menschen lebt in einer seligen Unbewußtheit über den Tod.

Nur der Mensch ist sich des Todes bewusst

Und das erzeugt all die anderen Probleme;

das ist das Grundproblem, der grundlegende Riss.

Das sollte nicht so sein, denn der Mensch ist das Höchste,

das Verfeinertste, der Gipfel der Existenz –

warum sollte es mit dem Menschen so sein?

Immer wenn du einen Gipfel erreichst,

wird fast direkt daneben das Tal tiefer.

Ein hoher Gipfel kann nur zusammen mit einem tiefen Tal existieren.

Für Felsen gibt es kein Unglücklichsein, keinen Talteil,

denn ihr Glücklichsein ist auch auf ebenem Grund.

Der Mensch ist ein Gipfel, er hat sich hoch erhoben,

aber wegen diesem Aufstieg, gibt es direkt daneben eine Tiefe, ein Tal.

Du siehst hinunter und dir schwindelt,

du schaust hinunter und du bekommst Angst.

Das Tal ist Teil des Gipfels,

das Tal kann nicht ohne den Gipfel existieren

und der Gipfel kann nicht ohne das Tal existieren,

sie sind zusammen, sie gibt es nur im Doppelpack.

Aber ein Mensch, der auf der Höhe des Gipfels steht, schaut nach unten

und ihm wird schlecht, er fürchtet sich, ihm wird schwindelig und er bekommt Angst.

Der Mensch ist bewusst –

das ist es, wo das ganze Problem liegt.

11.04.2007 um 02:20 Uhr

Südliches Blütenland 23/5 (6)

von: tao

Es ist genau wie ein Fluss mit Hochwasser –

er glaubt nicht an die Ufer, an die Regeln, an die Gesetze,

er fließt einfach immer weiter über hin zum Meer.

Er kennt nur ein Ziel –

wie kann ich zum Meer werden, wie kann ich das Unendliche werden.

Überfließende Energie ist immer in Bewegung hin zu Gott.

Gott fehlt in unserer Welt,

nicht wegen der Wissenschaft, nicht wegen der Atheisten,

sondern wegen der so genannten religiösen Menschen.

Sie haben dich so sehr auseinander dividiert

so dass der Fluss ständig mit sich selbst kämpft.

Nichts bleibt übrig, um sich zu bewegen, keine Energie ist übrig,

du bist so erschöpft vom Kampf mit dir selbst,

wie kannst du da noch weitergehen hin zum Meer?

Eines der grundlegenden Gesetze des Taoismus,

von Lao-tse, von Dschuang Dsi,

ist: Wenn du spontan bist, ist es das höchste Gebet;

du kannst Tao nicht verfehlen,

was auch immer du tust, du wirst es erreichen.

Also redet Dschuang Dsi niemals über Gott,

das Reden ist irrelevant, es ist nicht nötig.

Er redet nur darüber, wie er das Ganzsein in dir herausbringen kann.

Das Heilige ist irrelevant,

wenn du ganz wirst, wirst du heilig.

Wenn deine Fragmente sich auflösen in eins,

ist dein Leben zu einem Gebet geworden.

Sie reden niemals über Gebet, es ist nicht nötig.

Spontaneität, als eine Ganzheit leben….

Wenn du als ein Ganzes leben willst, kannst du das nicht planen.

Wer wird es planen?

Du  kannst nicht für das Morgen entscheiden, du kannst nur hier und jetzt leben

Wer wird entscheiden?

Wenn du entscheidest, ist die Teilung eingetreten,

dann wirst du manipulieren müssen.

Wer wird planen?

Die Zukunft ist unbekannt, und wie kannst du für das Unbekannte planen?

Wenn du für das Unbekannte planst

wird die Planung aus der Vergangenheit kommen.

Das bedeutet, dass das Tote das Lebendige kontrollieren wird.

Die Vergangenheit ist tot,

und die Vergangenheit kontrolliert laufend die Zukunft,

daher bist du so gelangweilt.

Das ist natürlich, das muss so ablaufen.

Langeweile kommt aus der Vergangenheit, denn die Vergangenheit ist tot,

und die Vergangenheit versucht immer noch, die Zukunft zu kontrollieren.