Tao Te King 63 (3)
Sogar ein Genie, ein sehr talentierter Mensch – er mag ein Nobelpreisgewinner sein, ein großer Intellektueller, weltbekannt – kann sich trotzdem auf kindische Weise benehmen. Wenn er am Morgen, wenn er erwacht, feststellt, dass seine Hausschuhe nicht an ihrem Platz sind, ist er irritiert und ärgerlich. Wenn er in eben diesem Moment seinem Ärger Aufmerksamkeit schenken könnte, würde er lachen, denn das ist so töricht! Lächerlich! Aber er achtet nicht darauf. Er geht in das Badezimmer, gereizt, in schlechter Stimmung, und beginnt sich zu rasieren, aber er ist sich kaum bewusst, dass er sich eines Problems nicht angenommen hat, dass da ein Problem ist, das ihn wieder und wieder auf sein Wesen verweist. Und es wächst weiter in all der Zeit, denn im Leben gibt es nichts, das nicht wachsen würde. Alles, was lebt, wächst auch, und wenn du lebendig bist, ist dein Ärger auch lebendig, und der nimmt zu! Er bleibt niemals derselbe. Von Moment zu Moment sammelt er mehr Schwungkraft und nimmt mehr Einfluss. Er rasiert sich weiter, aber er ist gereizt, er genießt nicht sein Tun, die Frische, die es ihm bringt, den schönen Moment wenn man sich unbelastet fühlt, nein, er ist nun mal nicht in einer Feierstimmung. Unaufmerksam lässt er den Rasierer aus der Hand gleiten, und er fällt auf den Boden. Nun ist er sogar noch ärgerlicher. Wenn er sich gleich jetzt damit auseinandersetzen könnte, würde er lachen. Es ist töricht, ärgerlich zu sein Denn ein Rasierer ist kein Wesen; ein Rasierer ist niemals verantwortlich für irgendetwas; wie kannst du wütend auf einen Rasierer sein? Aber nun ist er noch gereizter. Seine Hände bewegen sich nun noch unachtsamer, unkoordinierter; wieder fliegt er ihm aus der Hand; trifft den alten antiken Spiegel, den er so sehr liebt; der Spiegel ist zerbrochen. Jetzt ist er nicht mehr zurechnungsfähig. Er kommt raus, rumpelt an die Möbel, knallt die Türe zu, gibt dem Kind eine Ohrfeige, weil es seine Hausaufgaben nicht gemacht hat, beginnt zu streiten, nörgelt an seiner Frau herum – und nur wegen einer kleinen Sache, wegen nichts! Weil die Pantoffeln nicht am richtigen Platz waren. Nun nimmt unser so genanntes Genie sein Auto und fährt ins Büro, aber er kommt niemals dort an, weil es zu einem Unfall kommt. Das musste so kommen. Und bloß wegen der Hausschuhe, weil sie nicht an ihrem Platz gestanden waren. Nun fährt er wie ein Verrückter, sein ganzer Ärger geht im in die Füße, er tritt immer mehr aufs Gaspedal; er ist wie betrunken! Trunken vor Wut. Dann kommt es zum Unfall. Nach zwölf oder fünfzehn Stunden, wenn er wieder seine Augen aufschlägt, liegt er im Krankenhaus. Und er wird niemals imstande sein, die ganze Sache zu rekonstruieren. Und die Geschichte kann immer weiter gehen – er verliebt sich in die Krankenschwester – und du kannst selbst weitermachen! Bloß weil die Hausschuhe nicht an ihrem Platz gefunden werden konnten! Die ganze Familie ist durcheinander; es kommt zur Scheidung; und die ganze Welt wird nicht mehr die gleiche sein - bloß weil seine Pantoffeln nicht an ihrem richtigen Platz gefunden werden konnten.
