Taoistische Reflektionen

31.08.2007 um 01:40 Uhr

Südliches Blütenland 1 (12)

von: tao

Alexander hatte von Diogenes gehört,

seiner ekstatischen Wonne, seinen stillen, spiegelgleichen Augen,

genau wie der blaue Himmel ohne irgendwelche Wolken.

Und dieser Mann lebte nackt, er brauchte nicht einmal Kleider.

Dann sagte jemand zu ihm: Er lebt gleich in der Nähe am Flussufer,

und wir kommen daran vorbei, wir sind nicht sehr weit weg.

Alexander wollte ihn sehen, also ging er hin.

Es war am Morgen, ein Wintermorgen,

und Diogenes nahm gerade sein Sonnenbad,

er lag auf dem Sand, nackt, und genoß den Morgen,

die Sonne schien auf ihn herunter, alles war so schön und still,

der Fluss floß vorbei...

Alexander fragte sich, was er nun sagen sollte.

Ein Mensch wie Alexander kann an nichts anderes denken

als an Dinge und Besitztümer.

Also schaute er Diogenes an und sagte:

Ich bin Alexander der Große. Wenn du etwas brauchst, dann sage es mir.

Ich kann dir von großer Hilfe sein und ich würde dir gerne helfen.

Diogenes lachte und sagte: Ich brauche gar nichts.

Tritt bloß ein wenig zur Seite,

du blockierst gerade meine Sonne. Das ist alles, was du für mich tun kannst.

Denk daran, blockiere niemandes Sonne, das ist alles, was du tun kannst.

Steh mir nicht im Weg, und sonst brauchst du nichts tun.

Alexander sah sich diesen Mann an.

Er muß sich vor ihm wie ein Bettler gefühlt haben:

Der braucht nichts, und ich brauche die ganze Welt,

und sogar dann werde ich nicht zurfrieden sein,

sogar diese Welt ist nicht genug.

Alexander sagte: Es macht mich glücklich, dich zu sehen,

ich habe niemals zuvor solch einen zufriedenen Menschen gesehen.

Diogenes sagte: Das ist doch kein Problem !

Wenn du so zufrieden wie ich sein möchtest,

dann komm her und leg dich nieder an meiner Seite, nimm ein Sonnenbad.

Vergiß die Zukunft und lass die Vergangenheit fallen-

Niemand hindert dich daran.

Alexander lachte, ein oberflächliches Lachen natürlich,

und sagte: Du hast recht. Aber die Zeit ist noch nicht reif dafür.

Eines Tages würde ich mich gerne so wie du entspannen.

Diogenes erwiderte: Dann wird dieser eine Tag niemals kommen.

Was brauchst du denn sonst noch, um dich zu entspannen ?

Wenn ich, ein Bettler, mich entspannen kann, was ist dann noch dafür nötig ?

Warum dieser Kampf, diese Anstrengung, diese Kämpfe, dieses Erobern,

warum dieses Bedürfnis nach Sieg ?

Alexander sagte; Wenn ich gesagt haben werde,

wenn ich die ganze Welt erobert habe,

dann werde ich wiederkommen und von dir lernen,

und an deiner Seite hier an diesem Ufer sitzen.

Diogenes sagte: Aber wenn ich hier liegen und mich schon jetzt entspannen kann,

warum dann auf die Zukunft warten ?

Und warum um die ganze Welt herumgehen und Unglück erschaffen

für dich selbst und andere ?

Warum bis zum Ende deines Lebens warten, bis du hier zu mir kommst

 und dich hier entspannst ? Ich entspanne mich schon jetzt.

30.08.2007 um 00:00 Uhr

Südliches Blütenland 17/11 (7)

von: tao

Wie kann es irgendetwas hier geben, das minderwertig ist ?

Es ist Tao, überfließend auf millionenfache Weise.

Irgendwo ist Tao ein Baum geworden,

irgendwo ist Tao ein Felsen geworden,

irgendwo ist Tao ein Vogel geworden,

irgendwo ist Tao zu dir geworden.

Und nur Tao existiert, also kann es da gar keinen Vergleich geben.

Tao ist überragend, aber nicht höher als irgendetwas --

denn nur Tao ist, und es kann da keinerlei Minderwertigkeit geben.

Ein religiöser Mensch

kommt zur Erfahrung seiner Einzigartigkeit,

kommt zum Erleben seiner Göttlichkeit,

und durch seine Erfahrung des Göttlich-Seins

kommt er zur Realisierung der Göttlichkeit von allem.

Das ist unpolitisch, denn nun gibt es keinen Ehrgeiz mehr,

du mußt nichts mehr beweisen, du bist schon bewiesen;

du mußt nichts mehr erklären, du bist schon erklärt.

Dein Sein als solches ist der Beweis dafür.

29.08.2007 um 00:00 Uhr

Südliches Blütenland 17/10 (7)

von: tao

Ein Teil kann nicht das Ganze erobern;

und wenn der Teil das versucht, wird der Teil wahnsinnig werden.

Das Ganze wird nichts dabei verlieren,

der Teil wird alles verlieren

denn der Teil existiert mit dem Ganzen,

niemals dagegen.

Die Wissenschaft ist destruktiv geworden

wegen dieser aggressiven Einstellung.

Und dann ist da noch ein anderer Aspekt des Konflikts:

diesen Aspekt nennst du Religion.

Der eine Aspekt ist der Kampf mit der Natur im Außen;

die Wissenschaft ist so entstanden, sie ist destruktiv.

Das letztendliche Ziel kann nie etwas anderes sein als Hiroshima,

und das wird erreicht werden --

die ganze Erde wird ein Hiroshima werden.

Das Kämpfen führt zum Tod,

der Konflikt führt schließlich zum äußersten Tod;

die Wissenschaft steuert in diese Richtung.

Dann ist da noch der andere Konflikt:

Der innere Konflikt, der Kampf mit sich selbst.

Das ist das, was du Religion nennst -- sich selbst zu bezwingen.

Wieder der Kampf, und auch das ist destruktiv.

Die Wissenschaft zerstört die Natur von außen her,

und die sogenannte Religion zerstört die Natur von innen her.

Dschuang Dsi ist gegen beide Aspekte des Konflikts.

Die sogenannte Wissenschaft und die sogenannte Religion sind keine Feinde,

sie sind Partner, sie haben eine tiefe Affinität.

28.08.2007 um 00:00 Uhr

Tao 311

von: tao

An dem Tag, als Jesus bereit dazu war, am Kreuz zu sterben, sagte er damit, dass er kein Jude im gewöhnlichen Sinn sei. Die Juden waren verwirrt. Warum war dieser Mann so verrückt ? Das Leben ist so schön, warum sich um Dinge kümmern, die höher als das Leben sind ? Das Leben ist genug. Die Juden haben in diesem Karussell von Essen, Trinken und Frohsinn gelebt - und natürlich auch manchmal zur Synagoge zu gehen. Das ist Teil der sozialen Formalitäten.

 

27.08.2007 um 00:00 Uhr

Tao 310

von: tao

Traurig 

Du solltest dich dankbar fühlen, mit wem auch immer du zusammen gewesen bist, sogar für die gewöhnlichen Leute, mit denen du zusammengelebt hast - den Eltern, denen du geboren wurdest, und den Freunden und den Feinden, die du hattest, und den Lehrern, bei denen du in der Schule, in der Hochschule, an der Universität studiert hast. Sie waren alle Teil deines Wachstums. Wenn ein einziger gefehlt hätte, würdest du nicht da sein, wo du jetzt bist.

Also sei dankbar für deine Eltern, für deine Freunde, für deine Feinde, für deine Meister, für deine Lehrer; fühle dich dankbar für all deine Beziehungen, die in der Vergangenheit existiert haben - denn dies jetzt ist die Kulmination von ihnen allen.

Jesus sagt, ein Mensch kann nur einem Meister dienen. Jesus ist mißverstanden worden. Die Christen haben das so interpretiert, dass du nur einem Meister dienen kannst, und wenn du an Jesus glaubst, mußt du absolut an Jesus glauben, du mußt glauben, dass Jesus die einzige Türe ist, der einzige eingeborene Sohn. Andere mögen gute, heilige Leute sein, aber nicht wirklich erleuchtete Meister.

Das ist absolut eine Fehlinterpretation von Jesu Ausspruch. Wenn Jesus sagt, du kannst nur einem Herren dienen, schau dir den Kontext an. Er redete darüber, entweder dem Geld oder Gott zu dienen. Das war der Kontext. Entweder kannst du der Welt dienen, den weltlichen Wünschen -- Gier, Ehrgeiz, Politik  -- oder du kannst Gott dienen -- Meditation, Wunschlosigkeit, Frieden, Schweigen. Du kannst nicht zwei Herren dienen. Das war sein Bezugspunkt. Du kannst nicht dem Mammon und Gott gleichzeitig dienen.

Eine Person kann nicht gleichzeitig religiös und politisch sein, nicht einmal eine Person wie Mahatma Gandhi. Niemand kann beides sein, religiös und politisch. Wenn du wirklich politisch bist, wird Religion nur ein Anspruch sein; wenn du wirklich reigiös bist, wirst du dich nicht um Politik kümmern. Wer schert sich dann darum ? Oder Politik wird höchstens ein Anspruch bleiben. Aber eine Person kann nicht beides zugleich sein, denn Politik benötigt Ehrgeiz, Verlangen, Wettbewerb und Eifersucht. All diese Gifte sind nötig. Religion sagt: Gib all diese Gifte auf, eine Läuterung ist nötig.

Wenn Jesus sagt: Du kannst nicht zwei Herren dienen, meint er: Du kannst nicht gleichzeitig dem Außen und dem Innen dienen.  

26.08.2007 um 00:00 Uhr

Tao Te King 48 (6)

von: tao

 

Unschuld ist, das zu genießen, was du bist,

Wissen ist, sich für das anzustrengen, was du nicht bist.

Die Schlange im Paradies war der erste Lehrer der Welt.

Diese Schlange erzeugte eine Spaltung,

und dieser Riss verlief zwischen Sein und Werden.

Alles Wissen erschafft diesen Graben

zwischen deinem Sein und deinem Werden.

Es erzeugt einen Traum.

Es kreiert eine Anziehung, eine Illusion

dass ihr wie Götter werden könnt.

Aber - ihr seid keine Götter,

du kannst wie die Götter werden.

Die Unschuld sagt, du bist es schon, es ist nicht nötig, das zu werden.

Anders ist das nicht möglich -

du bist Teil des Ganzen,

du hast die gleiche Qualität, wie sie die Ganzheit hat,

du bist heilig, heil und ganz.

Fröhlich

25.08.2007 um 00:00 Uhr

Tao 309

von: tao

 

Die Reise nach innen ist nicht wirklich eine Reise. Wenn alle Reisen verschwinden - nirgendwohin kann man noch gehen, man hat kein Interesse mehr, irgendwohin zu gehen, du hast in jeder Richtung gesucht und jede Richtung hat dich enttäuscht - in äußerster Verzweiflung bleibst du stehen, du kollabierst, aber genau dieser Zusammenbruch ist der Beginn der Transformation. Wenn du nirgendwo mehr hingehst, bist du drinnen. Du suchst gar nichts mehr, nur der Sucher bleibt noch übrig. Wenn du nicht mehr versuchst, irgendetwas zu erhaschen, wirst du dir plötzlich des Fängers bewußt. Wenn du an keinem Objekt mehr interessiert bist - Geld oder Erleuchtung oder Gott - ist nur noch Subjektivität da. Du bist wieder zuhause...und ein gewaltiges Lachen, denn du bist immer schon dagewesen.

Es wird gesagt, als Bodhidharma erleuchtet wurde, hörte er sieben Jahre lang nicht auf zu lachen.

Es gibt eine andere Geschichte, in Japan, von dem lachenden Buddha, Hotei. Seine ganze Lehre war bloß Gelächter. Er ging von einem Ort zum anderen, von einem Marktplatz zu einem anderen Marktplatz. Er stand dann in der Mitte des Markts und begann zu lachen - das war seine Predigt. Sein Lachen war ansteckend, infektiös; ein wirkliches Lachen, sein ganzer Bauch pulsierte mit dem Lachen, schüttelte sich mit dem Gelächter. Er rollte sich vor Lachen auf dem Boden. Die Leute, die dann zusammenliefen, begannen auch zu lachen, und dann breitete sich das Gelächter aus und wurde zu Flutwellen des Lachens und das ganze Dorf wurde von Lachen überschwemmt. Die Leute warteten für gewöhnlich schon auf Hotei, dass er in ihr Dorf kam, denn er brachte solche Freude, solch einen Segen. Er äußerte niemals ein einziges Wort, niemals. Du fragtest ihn nach Buddha und er lachte; du fragtest nach Erleuchtung und er lachte; du fragtest nach der Wahrheit und er lachte. Lachen war seine einzige Botschaft. Nun sagen die Christen als extremer Gegensatz dazu, dass Jesus niemals lachte. Die Christen müssen Jesus falsch darstellen. Wenn die Christen recht haben, dann war Jesus nicht erleuchtet - und es wäre besser, wenn Jesus erleuchtet wäre, als dass die Christen recht hätten. Also nehmen wir lieber an, dass er lachte. Er muss gelacht haben. Nur solche Leute können lachen. Ihre ganze Energie wird eine sprudelnde Freude. Ihr ganzes Wesen quillt hoch und wird zur Feier. Lachen heißt Feiern. Jesus muss gelacht haben.

Sonstige

24.08.2007 um 00:00 Uhr

Tao 308

von: tao

Man erzählt sich, dass ein Sufi-Mystiker unterwegs war

und in eine Stadt kam.

Sein Ruf war ihm vorausgeeilt, sein Name war schon bekannt.

Also versammelten sich die Leute und sagten: Predige etwas für uns.

Der Mystiker sagte: Ich bin nicht nur ein weiser Mensch, ich bin auch ein Narr.

Ihr würdet durch meine Lehren verwirrt werden

also ist es besser, dass ihr mich nichts sagen laßt.

Aber je mehr er versuchte, ihnen auszukommen, desto mehr bestanden sie darauf,

und desto mehr waren sie fasziniert von seiner Persönlichkeit.

Schließlich gab er nach und sagte:

In Ordnung. Diesen kommenden Freitag werde ich in die Moschee kommen.

Es war ein mohammedanisches Dorf. Dann fragte er:

Und über was wollt ihr, dass ich spreche ?

Sie sagten: Natürlich über Gott.

Also kam er und das ganze Dorf hatte sich versammelt

weil er solch eine Sensation geworden war.

Er stand auf der Kanzel und stellte eine Frage:

Wißt ihr irgendetwas von dem, was ich über Gott sagen werde?

Die Dorfbewohner erwiderten natürlich:

Nein, wir wissen nicht, was du uns erzählen wirst.

Also sagte er: Dann ist es nutzlos, denn wenn ihr überhaupts nichts davon wißt,

werdet ihr es nicht verstehen können.

Eine kleine Vorbereitung ist schon nötig, aber ihr seid völlig unvorbereitet.

Das würde zwecklos sein und daher werde ich nicht sprechen.

Er verließ die Moschee.

Die Dorfbewohner wußte nun nicht, was sie tun sollten

und so überredeten sie ihn, am nächsten Freitag wiederzukommen.

Er kam am nächsten Freitag und stellte die gleiche Frage:

Wißt ihr, worüber ich zu euch sprechen werde?

Nun wußten die Dorfbewohner Bescheid und so sagten sie: Ja, natürlich.

Also sagte er: Dann brauche ich nicht zu sprechen.

Wenn ihr es schon wißt - Ende der Durchsage.

Warum behelligt ihr mich unnötigerweise und warum vergeudet ihr eure Zeit?

Er verließ die Moschee.

Die Dorfbewohner waren nun komplett durcheinander. Was sollten sie

mit diesem Mann anfangen, aber nun war ihr Interesse auf äußerste entfacht -

er muss doch etwas vor uns verbergen!

Also überredeten sie ihn irgendwie noch einmal.

Er kam, und wieder stellte der die gleiche Frage:

Wißt ihr schon, über was ich sprechen werde?

Nun waren die Dorfbewohner noch besser präpariert

und sie erwiderten: Die eine Hälfte von uns weiß es, und die andere Hälfte weiß es nicht.

Der Mystiker sagte: Dann braucht ihr mich ja nicht.

Diejenigen, die es wissen, können es denjenigen erzählen, die es noch nicht wissen.

Das ist ein weiser und närrischer Mann -

er erscheint töricht, aber in seiner Torheit ist er sehr weise;

er sieht sehr weise aus, aber er verhält sich wie ein Narr.

23.08.2007 um 02:34 Uhr

Südliches Blütenland 6/4 (16)

von: tao

Sonstige 

Wir haben von einigen Leute gehört, die angekommen sind, indem sie Halt machten

aber wir haben niemals von jemandem gehört, der durch Rennen angekommen ist.

Lao-tse stoppte und kam an. Liä Dsi blieb stehen und kam an.

Dschuang Dsi machte halt und kam an.

Du trägst das Ziel in dir, es gibt kein anderes Irgendwo, wohin du gehen könntest.

Aber die Sehnsucht verleitet dich zu entfernten Ländern, in entfernte Zeiten,

zu entfernten Punkten im Raum.

Und je begehrlicher du bist, desto mehr bist du in Eile,

desto mehr verfehlst du ständig dich selbst -

frustriert, ramponiert, bist du bloß eine Ruine, bevor du stirbst.

Aber in dieser Ruine ist immer noch Sehnsucht vorhanden.

Du hast ein ganzes Leben der Erfahrungen mit Wünschen gesammelt

und dein Denken sagt:

Du hast versagt, weil du dich nicht genügend angestrengt hast.

Schau, andere haben Erfolg gehabt.

Schau dir die Nachbarn an. Die sind erfolgreich,

aber du bist gescheitert, weil du nicht schnell genug gerannt bist.

Sei nächstes Mal bereit.

Diese ganze Einstellung sammelst du in einem Samenkorn,

und dann wirst du wiedergeboren,

und der ganze Teufelskreis fängt wieder an.

22.08.2007 um 00:00 Uhr

Quellender Ursprung 1/7 (3)

von: tao

 

Was suchst du gerade? Wohin rennst du gerade? Aber deine Augen sind durch Vorurteile verschlossen.

"Dsi Gung war des Studierens müde..."

Er hat viel gelernt und nun wird ihm klar, dass das Lernen ihn nicht genährt hat. Es hat ihn nicht gestärkt, es hat ihm gar nichts gebracht, es hat ihn nicht dazu gebracht, sich wirkicher zu fühlen, als er vorher war. Er ist noch nicht irgendwo angekommen, er ist noch hohl und leer. Da ist keine Integration. Er weiß tatsächlich nicht, wer er ist. Er wurde müde. Er muss ein großer Fragensteller gewesen sein - sogar Konfuzius konnte ihn nicht täuschen.

Konfuzius ist ein großer Gelehrter: Er kann für jede mögliche Frage Antworten liefern, und er kann schöne Antworten erfinden. All diese Antworten sind fabriziert, hausgemacht, aber sie können Narren täuschen. Sie können viele Leute dazu bringen, dass sie das Gefühl haben, dass sie etwas wissen. Sie können zu Vertröstungen werden. Und sein Wissen, seine Respektabilität, sein untadeliger Charakter... Er ist ein Mann der Tugend, ein sehr moralischer Mensch...ein Mensch mit Charakter, mit ausgezeichneten Manieren, mit Etikette... ein Gentleman. Der "Gentleman" ist das Ziel aller konfuzianischen Philosophie: Ein Mann muss ein Gentleman werden. Er ist makellos, du kannst in seinem Charakter kein Schlupfloch finden, keinen schwarzen Fleck; alle Tugenden sind in ihm Wirklichkeit geworden. Ein gesitteter Mensch mit großem Wissen, unterstützt von der Tradition, der Konvention, den Schriften - respektiert von den Königen und den Königinnen, hochangesehen überall im Land - aber sogar er konnte Dsi Gung nicht hinters Licht führen.

"Dsi Gung ward des Studierens müde..."

Wenn du das Studium satt bekommst, ist der große Moment gekommen, wo ein Student zu einem Schüler wird. Wenn du des Studierens müde wirst, dann machst du eine Wendung um einhundertachtzig Grad. Dann bist du nicht mehr an Theorien interessiert, du möchtest das Reale; du möchtest die Nahrung essen, so dass du genährt sein kannst. Und du möchtest keine Rezepte mehr, du möchtest keine Kochbücher mehr; du möchtest die wirkliche Nahrung.

21.08.2007 um 00:05 Uhr

Tao 307

von: tao

Soviel läßt sich schreiben - du bist ein Nicht-Selbst.

Werde ein Nicht-Selbst. Und Nicht-Selbst ist nicht leer in irgendeinem negativen Sinn,

es ist die größte Positivität.

Der Teufel wird vom Göttlichen absorbiert, wenn du beides bist

denn er ist ein Teil davon. Tatsächlich ist dies die innere Arithmetik.

Wenn du ein Teilleben lebst, wirst du der Teufel sein,

denn der Teufel ist nichts als ein Teil, der für sich den Anspruch erhebt, das Ganze zu sein.

Ein Teil, der beansprucht, dass er das Ganze ist -

das ist es, was Teuflischsein ist.

Wenn du das akzeptierst, wird es vom Ganzen absorbiert;

wenn du damit kämpfst, dann wirst du mit dir selbst kämpfen

und du wirst immer geteilt bleiben.

In der Teilung kann der Teufel existieren,

er kann nicht existieren, wenn du ganz und total bist.

20.08.2007 um 00:10 Uhr

Goldene Blüte 4/9-15 (3)

von: tao

  

Wahrheit kann nicht übertragen werden - es gibt keinen Weg, sie zu transferieren - meine Wahrheit ist meine Wahrheit. Ich kann über sie schreiben, aber darüber schreiben heißt nicht, sie an dich weiterzuleiten, sie zu lesen bedeutet nicht, sie zu verstehen. Du wirst deine eigenen Augen öffnen müssen.

Geborgtes Wissen sieht wie Wissen aus, daher kann es dich täuschen.

Und das ist das, was der Menschheit passiert ist: Die Menschheit lebt unter dem Fluch des Wissens aus zweiter Hand. Die Leute zitieren laufend die Bibel, den Koran, die Bhagavad-Gita wie Papageien - blinde alte Eulen rezitieren den Koran, die Bhagavad-Gita und die Bibel. Aber das ist nicht ihre eigene Erfahrung; ihre eigene Erfahrung ist genau das Gegenteil. Ihre eigene Erfahrung verneint einfach die Wahrheit der Bhagavad-Gita, der Bibel, der Veden und des Dhammapada. Ihre eigene Erfahrung sagt einfach: "Buddha ist verrückt", "Jesus macht uns doch etwas vor", "Sokrates mag sehr clever sein, aber hüte dich vor ihm, höre nicht auf ihn. Er würde unsere Religion zerstören".

Der Mensch hat eine Religioin mit seinen blinden Augen erschaffen - nicht eine, viele Religionen - denn blinde Augen können nicht die eine sehen, blinde Augen können nur an die vielen glauben. Daher gibt es so viele Religionen - an die dreihundert Religionen auf dieser kleinen Erde - und jede Religion proklamiert: "Meine Wahrheit ist die einzige Wahrheit", "Mein Gott ist der einzige Gott", Alle anderen Götter sind falsch", "Alle anderen Wahrheiten sind Fabrikationen". "Alle anderen Wege führen nur in Ödnis - nur mein Pfad ist der Weg zum Paradies".

Diese dreihundert Religionen kämpfen ständig miteinander. Keine von ihnen ist sich der Wirklichkeit bewußt, keine von ihnen hat sie gesehen, keine von ihnen hat der Realität von Angesicht zu Angesicht gegenübergestanden - sie haben etwas geglaubt. Diese Religionen sind keine Religionen, sondern Traditionen - sie haben etwas gehört. Sie haben es durch die Jahrhunderte gehört und sie haben es geglaubt, denn Glauben ist billig, Erforschen ist riskant; etwas wie ein Papagei zu wiederholen ist komfortabel, in das Abenteuer der Entdeckung hineinzugehen, heißt, dein Leben zu riskieren. Es ist gefährlich. Erkunden ist gefährlich; Glauben - bequem, tröstend, du brauchst nicht irgendwo hinzugehen. Es wird dir fertig von der Stange geliefert, aber es ist aus zweiter Hand.

19.08.2007 um 00:00 Uhr

Tao Te King 7 (2)

von: tao

 

Wenn ein paar Dinge erklärt werden, wird dieses Kapitel leichter zu verstehen sein.

Ein Kind im Mutterschoß schläft neun Monate lang. Wenn es geboren wird, schläft es 23 Stunden und bleibt eine Stunde am Tag wach. Dann allmählich schläft es 22 Stunden lang, dann 20, und nach und nach wird sein Schlaf weniger und weniger und die Perioden seiner wachen Zeit werden immer länger. Wenn ein Mensch in mittlerem Alter ist, schläft er acht Stunden, dann sechs, dann vier. Im Alter kann er nicht länger als zwei Stunden schlafen. Vielleicht hast du niemals darüber nachgedacht, warum ein Kind mehr Schlaf braucht und ein alter Mensch weniger?

Wenn das Leben erzeugt und erschafft, sollte, sollte das Bewußtsein von sich selbst völlig abwesend sein. Die Bewußtheit seiner selbst wird ein Hindernis bei der Entwicklung der Existenz. Während sich das Kind im Mutterschoß entwickelt, hält es die Natur im Schlaf. so dass das Kind nicht ich-bewußt wird. Sobald dieser Gedanke im Kind aufkommt, beginnt die Entwicklung behindert zu werden. Das "Ich" wird zur Bürde für die Existenz. Während sich das Ego entwickelt, wird der Schlaf weniger und weniger, bis er im hohen Alter fast ganz fehlt. Nun ist der Tod nahe und es gibt keine weitere Entwicklung im Leben. Stattdessen ist das Leben am Ausklingen. Ein alter Mensch kann ganze vierundzwanzig Stunden wach bleiben, aber ein Kind kann das nicht.

Die Ärzte sagen, wenn ein Patient nicht schlafen kann, dann ist es schwierig, ihn zu heilen. Worum sie sich also als erstes kümmern, ist der Schlaf des Patienten. Wenn er gut schläft, kann die Krankheit kuriert werden. Warum? Im Schlaf vergißt er sein "Ich". Solange er das Ego vergißt, wird das Leben leicht und schwerelos. Dann können all die Lebensprozesse ungehindert funktionieren. Wenn ein Mensch nicht schlafen kann, wenn er krank ist, dann ist seine Schlaflosigkeit gefährlicher als seine Krankheit, denn Angst und Aufregung werden vierundzwanzig Stunden lang um ihn herum sein.

Du fühlst dich frisch und aufgekratzt, wenn du deine acht Stunden Schlaf in der Nacht gehabt hast. Der Grund dafür ist nur der, dass du acht Stunden lang frei von deinem Ego warst. Wenn der Mensch Gefallen gefunden hat an berauschenden Drogen, war der Grund dafür nur der: Er braucht es dringend, sich von Zeit zu Zeit zu vergessen, denn ansonsten ist es unmöglich, mit soviel Beklemmung und mit soviel Ego zu leben. Alkohohl und Drogen können nicht aus der Welt verbannt werden bis zu der Zeit, in der die ganze Welt zur Meditation bereit wird.

Fröhlich

18.08.2007 um 03:15 Uhr

Tao Te King 76 (3)

von: tao

Religiös zu sein heißt, nicht getrennt vom Fließen zu sein.

Du bist nicht religiös, wenn du deinen eigenen Kopf hast, dein eigenes Denken,

verbunden mit einer Anstrengung, zu gewinnen, zu erobern, irgendwo irgendetwas zu erreichen. Wenn du ein Ziel hast, bist du nicht religiös.

Wenn du an das Morgen denkst

hast du Religiosität schon verfehlt.

Religion beinhaltet kein Morgen.

Das ist der Grund, warum Jesus sagst: Denkt nicht an das Morgen;

schaut auf die Lilien im Feld, sie blühen jetzt.

Alles, was ist, ist jetzt,

alles, was lebendig ist, ist jetzt lebendig.

Jetzt ist die einzige Zeit, die einzige Ewigkeit.

Das ist die eine Möglichkeit, die andere Alternative ist:

Du kannst mit dem Leben kämpfen,

du kannst deine privaten Ziele gegen das Leben haben -

und alle Ziele sind privat,

alle Ziele sind persönlich,

du versuchst damit, dem Leben ein Muster aufzuzwingen, etwas

das zu dir gehört;

du versuchst damit, das Leben in deine Richtung zu zerren

damit es dir folgt,

und du bist bloß ein winziger Teil, unendlich klein,

so unbedeutend, so winzig klein,

und du versuchst doch, das ganze Universum hinter dir her zu ziehen.

Natürlich wirst du zwangsläufig scheitern.

Du wirst unweigerlich deine Anmut verlieren,

du musst sicherlich hart werden.

Kämpfen erzeugt Härte.

Denke nur an Kampf, und schon umgibt dich eine subtile Härte;

denke bloß an Widerstand,

und eine harte Kruste entsteht um dich herum, die dich wie eine Verpuppung umhüllt.

17.08.2007 um 02:45 Uhr

Tao 306

von: tao

 

  Ein religiöser Mensch ist jemand, der staunend lebt,

der im Staunen zu Hause ist, der sich nicht damit beeilt, das Wundern zu zerstören.

Auf diese Weise kommt er zum Kennenlernen

nicht der Antworten, sondern des Mysteriums, überall.

Das Mysterium ist keine Antwort.

Du kommst von Angesicht zu Angesicht mit dem Mysterium

nur dann, wenn du aufgehört hast, Fragen zu stellen.

Das Staunen führt zum Mysterium,

der Sinn für das Wunder, für die Verwunderung wächst und wächst und wächst

und das ganze Leben wird zu einer mysteriösen Romanze.

Wenn du einen religiösen Begriff dafür willst, dann ist das Gott.

Wenn du dich mit dem Begriff „Gott" nicht wohlfühlst,

dann vergiß ihn, das Mysterium reicht aus.

Denn Gott ist keine Person,

Gott ist ein Mysterium, das nicht gelöst werden kann,

es ist etwas, in dem du sein kannst.

Du kannst es in einem gewissen Sinn kennenlernen,

in einem Sinn, der total diametral entgegengesetzt ist zu dem gewöhnlichen Wissen.

Dein Herz kann es wissen, du kannst es lieben,

und durch Liebe kannst du es kennenlernen, aber nicht durch Erfragen.

Du lebst darin und du erlaubst ihm, in dir zu leben -

dann ist alles mysteriös,

sogar die Grashalme sind mysteriös,

überall ist die Handschrift des Mysteriums,

du kannst keinen Schritt tun ohne auf Gott zu stoßen.

Dann fragst du nicht danach, wo Gott ist,

dann fragst du nicht danach, was Gott ist - du weißt es.

Bleibe bei dem Sinn für das Wunder.

Das ist schwierig, fast unmöglich,

weil dein Denken darauf trainiert worden ist, nachzuforschen und nachzufragen.

16.08.2007 um 03:03 Uhr

Tao Te King 47 (16)

von: tao

 

Wenn man nach innen geht, dann würde man gerne all die Türen schließen und all die Fenster

und bloß innen ruhen.

„Ohne aus seinen Fenstern zu schauen

kann man das Tao des Himmels sehen."

Die Wissenschaft entdeckt laufend Gesetze und Gesetze und Gesetze

aber sie wird niemals das Gesetz entdecken,

und das Gesetz ist eine Bedeutung des Wortes Tao.

Die Wissenschaft wird laufend Götter und Götter und Götter entdecken

aber sie wird niemals den Gott entdecken,

und der Gott ist eine Bedeutung des Wortes Tao:

Das Letztendliche, das Ultimative, über das hinaus nichts existiert,

über das hinaus nichts möglich ist.

Die Wissenschaft entdeckt laufend -

und jeden Tag

je mehr die Wissenschaft entdeckt, desto mehr alte Theorien

werden aufgegeben und in den Mülleimer geworfen.

Und das wird mit jeder wissenschaftlichen Theorie

eines Tages, früher oder später, passieren.

Alle wissenschaftlichen Theorien sind dazu verdammt, auf den Abfallhaufen geworfen zu werden, weil sie das Gesetz nicht kennen.

Sie sind nur Reflexionen im See

nicht der wirkliche Mond.

Der reale Mond ist innen

und die ganze Welt funktioniert als ein Spiegel.

Wenn du Schönheit in einer Rosenblüte siehst,

hast du dann jemals über die Tatsache nachgedacht

ob die Schönheit in der Rosenblüte ist

oder ob die Schönheit durch dich ausgeströmt wird, also im Auge des Betrachters liegt?

Denn es gibt Momente

wenn du an demselben Rosenbusch vorbeigehst

aber nichts spielt sich ab,

nichts Spezielles, nichts Außergewöhnliches,

bloß eine gewöhnliche Rose,

aber

in einem anderen Moment, in einer anderen Stimmung, in einem anderen Geisteszustand,

plötzlich

nimmt sie eine Schönheit an,

einen Duft,

sie wird zu einer neuen Dimension;

Türen öffnen sich,

Mysterien werden enthüllt.

Was sich da ereignet, ist

dass die Rose bloß ein Spiegel ist.

Was auch immer du in sie hineinsteckst, auf sie projizierst, das siehst du.

 

15.08.2007 um 03:08 Uhr

Südliches Blütenland 17/1 (5)

von: tao

Bevor du dem Kind sagtest, was was ist, wusste es schon,

aber es kannte es mit seiner Totalität.

Das war nicht Wissen, es war Erleben.

Aber dann dachtest du, es sei unwissend.

Nun denkst du, dass es nun wissend ist, weil es ein Wort in seinem Denken trägt.

Das Wort „Rose" ist nicht die Rose, das Wort „Gott" ist nicht Gott,

das Wort „Liebe" ist nicht Liebe.

Aber wir häufen diese Worte immer weiter an.

Und dann gibt es clevere Köpfe, die diese Worte arrangieren

zu Interpretationen, Theorien und Argumenten.

Und je argumentativer, je theoretischer du wirst,

desto weiter entfernst du dich von der Rose.

Dann wird sogar ein Widerhall unmöglich:

Nichts kommt zu dir, du gehst niemals zu irgendetwas -

du lebst einfach im Denken und arrangierst Worte.

Drei Juden machten einen Morgenspaziergang.

Sie waren Freunde, alte Freunde, und diskutierten viele Dinge.

Da sahen sie den großen Wagen des Bürgermeisters vorbeifahren

und der Bürgermeister winkte mit der Hand und sagte: Hallo!

Nun gab es Ärger.

Der erste sagte: Seid bloß nicht so glücklich;

er hat „Hallo" zu mir gesagt - und das muss er auch.

Die anderen Zwei fragten: Was meinst du damit?

Der erste sagte: Ich habe von ihm zehntausend Dollar bekommen;

ich borgte mir das Geld, und seit zwei Jahren

hat er nun schon auf sein Geld gewartet und wartet immer noch. Er musste „Hallo" zu mir sagen. Der andere sagte: Du irrst dich,

das „Hallo" wurde zu mir gesagt - und das musste er auch.

Der Grund dafür ist, dass ich ihm zehntausend Dollar geliehen habe.

Er schuldet mir Geld und er hat immer Angst vor mir.

In dem Moment, in dem er mich sieht, ist ihm bange - das muss so sein.

Der dritte lachte und die zwei anderen drehten sich um zu ihm und sagten:

Was ist deine Meinung? Warum lachst du jetzt?

Der sagte: Er musste „Hallo" zu mir sagen, nicht zu euch -

da liegt ihr beide falsch.

Er schuldet mir weder Geld noch schulde ich ihm Geld.

Warum sollte er mir nicht ein sauberes „Hallo" zurufen?

14.08.2007 um 03:25 Uhr

Quellender Urgrund 4/8 (5)

von: tao

Ja, manchmal passiert es, dass eine Person ohne einen Meister arbeiten muss. Wenn ein Meister nicht zur Verfügung steht, dann muss man ohne einen Meister arbeiten, aber dann ist die Reise sehr riskant. Ein Jahr lang war Osho auch in demselben Zustand, von dem diese Parabel spricht. Ein Jahr lang war es fast unmöglich zu wissen, was sich da abspielt. Ein Jahr lang war es sogar durchgehend schwierig für ihn, sich selbst am Leben zu halten. Bloß am Leben zu bleiben war eine sehr schwierige Angelegenheit - weil aller Appetit verschwand. Tage gingen vorbei und er fühlte keinerlei Hunger; Tage vergingen und er spürte keinerlei Durst. Er musste sich selbst zum Essen zwingen, er musste sich zum Trinken zwingen. Der Körper war so nicht existentiell, dass er sich selbst verletzen musste, um zu spüren, dass er immer noch im Körper war. Er musste mit seinem Kopf gegen die Wand schlagen, um zu spüren, ob sein Kopf immer noch da war oder nicht. Nur wenn es wehtat, war er ein wenig noch im Körper. Jeden Morgen und jeden Abend rannte er acht bis zwölf Kilometer. Die Leute dachten schon, dass er verrückt sei. Warum rannte er nur so viel? Bis zu vierundzwanzig Kilometer am Tag! Das war bloß, um sich selbst zu spüren, um zu spüren, dass er immer noch da war, um nicht den Kontakt zu sich selbst zu verlieren - bloß um darauf zu warten, bis seine Augen eingestimmt wurden auf das Neue, das sich da ereignete. Und er musste bei sich selbst bleiben. Er sprach zu niemandem, denn alles war so inkonsistent geworden, dass es schwierig war, auch nur einen Satz zu formulieren. Mitten im Satz vergaß er, was er sagen wollte; mitten auf dem Weg vergaß er, wohin er gerade gehen wollte. Dann musste er wieder zurückkommen. Er las ein Buch - er las fünfzig Seiten - und dann erinnerte er sich plötzlich: „Was lese ich da eigentlich? Ich erinnere mich überhaupt nicht mehr daran." So war seine Situation: Die Türe der psychiatrischen Praxis sprang auf und ein Mann stürmte herein. „Doktor!", rief er. „Sie müssen mir unbedingt helfen. Ich bin sicher, ich verliere meinen Verstand. Ich kann mich an gar nichts mehr erinnern - was vor einem Jahr passierte, oder sogar, was gestern geschehen ist. Ich muss wohl dabei sein, wahnsinnig zu werden!" „Hmmmmmmm", grübelte der Seelenklempner. „Wann genau wurde Ihnen dieses Problem zum ersten Mal bewusst?" Der Mann sah ihn verdutzt an: „Welches Problem?" Das war Oshos Situation! Auch nur einen vollen Satz zu beenden war schwierig. Er musste sich in sein Zimmer einschließen. Er nahm sich vor, nicht zu reden, nichts zu sagen, denn wenn er irgendetwas sagen würde, würde er damit sagen, dass er verrückt sei.

13.08.2007 um 03:14 Uhr

Tao 305

von: tao

 

Ein wirklicher Mensch lebt im Moment. Er lebt nicht durch die Vergangenheit, er hat keine Ideen, nach denen er lebt - er lebt einfach, er antwortet auf den gegenwärtigen Moment. Und er hat keine Schriften, denen er folgt, keine Moral, die er befolgt, er hat keine Gebote. Seine einzige Einstellung ist die der spontanen Verantwortlichkeit: Was auch immer ihm begegnet, er antwortet total darauf, er erwidert voll und ganz. Ein Mensch mit Charakter kann niemals voll und ganz antworten. Er hat seine Ideen, er muss die Dinge auf eine bestimmte Art und Weise handhaben. Bevor die Situation entsteht, hat er schon entschieden, wie er handeln soll, er hat es einstudiert. Der Mensch des Tao lebt ohne Probedurchgang; er ist kein Manager, er überspringt niemals die Gegenwart. Lass den Moment kommen und er ist da, um sie widerzuspiegeln - was auch immer nötig ist, wird aus seinem Sein herauskommen. Er vertraut der Natur: Sein Vertrauen ist absolut, ganz und gar absolut. Der Mensch mit Charakter vertraut nicht der Natur. Er sagt: „Ich sollte einen guten Charakter kultivieren, sonst werde ich mich möglicherweise in einer bestimmten Situation schlecht benehmen." Er vertraut sich nicht selbst. Sieh diese Absurdität: Er vertraut sich nicht und doch ist er es, der sich kultiviert und er ist es, der alles managen wird...und doch vertraut er sich nicht selbst. Sein Misstrauen sich selbst gegenüber ist da, also wird er zu einer Pseudo-Person, dann verliert er seine Authentizität. Er lächelt, weil er lächeln muss, er liebt, weil er zu lieben hat, er verhält sich in einer bestimmten Art und Weise, weil man sich so verhalten sollte - aber alles falsch. Nichts kommt aus seinem Herzen, nichts fließt durch sein Herz, nichts hat noch etwas mit seinem Wesen zu tun; alles ist bloß gemanagt. Natürlich lebt er ein äußerst falsches Leben: Seine Liebe ist nicht lebendig, sein Lächeln ist aufgesetzt, seine Gesten sind alle impotent und bedeutungslos. Er hat alles im Griff - das ist alles, aber er lebt nie. Der Taoismus hat keine Disziplin. Er hat kein Vertrauen in einen Charakter, er vertraut in das Sein, in deine Natur. Und da ist keine Anstrengung, denn alle Anstrengung wird Probleme hervorrufen. Anstrengung bedeutet Konflikt, Anstrengung bedeutet etwas aufzusetzen, Anstrengung bedeutet, dass du dich im Krieg mit dir selbst befindest. Der Taoismus vertraut in die Anstrengungslosigkeit. Jesus sagt zu seinen Schülern: Schaut auf die Lilien auf dem Feld, sie mühen sich nicht, sie plagen sich nicht. Sie planen nicht für das Morgen, und doch sind sie ungeheuer schön. Sogar Salomon war nicht so schön, als er angetan war mit all seinen schönen Gewändern, Diamanten und Ornamenten. Sogar dann war er nicht so schön wie diese Lilien auf dem Feld. Was ist das Geheimnis der Lilien auf dem Feld? Sie leben natürlich, sie blühen natürlich; sie strengen sich nicht an, sie quälen sich nicht.

Fröhlich

12.08.2007 um 03:25 Uhr

Tao 304

von: tao

 

Wenn du wirklich weißt, was Verhaftungen sind, fallen sie weg.

Dann gibt es keine Frage mehr danach, wie man sie loslassen kann.

Das „Wie" kommt nur, wenn das Verstehen nicht reif ist

und du dein Denken nicht richtig verstehst.

Wenn du einfach siehst, dass etwas Blödsinn ist, wirfst du es weg!

Das wäre sonst, wie wenn du fragen würdest: Ich weiß

dass diese Diamanten keine wirklichen Diamanten sind,

sie sind bloß falsche Imitationen,

wie kann ich sie nur aufgeben?

- das wäre dann deine Frage.

Wenn du die Tatsache gesehen hast,

wenn du die Wahrheit realisiert hast, dass sie falsch sind,

ist es dann noch irgendwie nötig, sie loszulassen?

Ist dann noch irgendeine Frage möglich, wie du sie fallenlassen kannst?

Du wirfst sie einfach hin!

Dieses Fallenlassen ist nicht einmal eine Anstrengung von deiner Seite aus -

es geschieht.

Da du genau weißt, dass dies nutzlos ist, fällt es weg.

Besser gesagt: Es fällt von selbst weg, nicht dass du es aufgibst.

Wenn eine Falschheit als Falschheit erkannt wird, fällt sie weg.

Wenn Unwahrheit als Unwahrheit erkannt wird, fällt sie weg.

Wie kannst du deine Träume aufgeben?

Du weißt, es sind Träume - sie verschwinden.

In dem Moment, in dem du weißt, dass dies ein Traum ist

hat er schon angefangen zu verschwinden.

Solange es für dich kein Verstehen darstellt,

dass das, was du Liebe nennst, Verhaftung ist,

ist dies nur eine fixe Idee in deinem Denken,

du weißt dies nicht, du bist zu konfus dafür.

Für dich ist dies bloß eine Information.

Jemand anders hat es dir gesagt.

Du magst ihn lieben, du magst ihm vertrauen,

also nimmst du als gegeben an, es muss wahr sein.

Aber Wahrheit kann nicht vorausgesetzt werden,

man muss in sie hineinwachsen.