Südliches Blütenland 1 (12)
Alexander hatte von Diogenes gehört,
seiner ekstatischen Wonne, seinen stillen, spiegelgleichen Augen,
genau wie der blaue Himmel ohne irgendwelche Wolken.
Und dieser Mann lebte nackt, er brauchte nicht einmal Kleider.
Dann sagte jemand zu ihm: Er lebt gleich in der Nähe am Flussufer,
und wir kommen daran vorbei, wir sind nicht sehr weit weg.
Alexander wollte ihn sehen, also ging er hin.
Es war am Morgen, ein Wintermorgen,
und Diogenes nahm gerade sein Sonnenbad,
er lag auf dem Sand, nackt, und genoß den Morgen,
die Sonne schien auf ihn herunter, alles war so schön und still,
der Fluss floß vorbei...
Alexander fragte sich, was er nun sagen sollte.
Ein Mensch wie Alexander kann an nichts anderes denken
als an Dinge und Besitztümer.
Also schaute er Diogenes an und sagte:
Ich bin Alexander der Große. Wenn du etwas brauchst, dann sage es mir.
Ich kann dir von großer Hilfe sein und ich würde dir gerne helfen.
Diogenes lachte und sagte: Ich brauche gar nichts.
Tritt bloß ein wenig zur Seite,
du blockierst gerade meine Sonne. Das ist alles, was du für mich tun kannst.
Denk daran, blockiere niemandes Sonne, das ist alles, was du tun kannst.
Steh mir nicht im Weg, und sonst brauchst du nichts tun.
Alexander sah sich diesen Mann an.
Er muß sich vor ihm wie ein Bettler gefühlt haben:
Der braucht nichts, und ich brauche die ganze Welt,
und sogar dann werde ich nicht zurfrieden sein,
sogar diese Welt ist nicht genug.
Alexander sagte: Es macht mich glücklich, dich zu sehen,
ich habe niemals zuvor solch einen zufriedenen Menschen gesehen.
Diogenes sagte: Das ist doch kein Problem !
Wenn du so zufrieden wie ich sein möchtest,
dann komm her und leg dich nieder an meiner Seite, nimm ein Sonnenbad.
Vergiß die Zukunft und lass die Vergangenheit fallen-
Niemand hindert dich daran.
Alexander lachte, ein oberflächliches Lachen natürlich,
und sagte: Du hast recht. Aber die Zeit ist noch nicht reif dafür.
Eines Tages würde ich mich gerne so wie du entspannen.
Diogenes erwiderte: Dann wird dieser eine Tag niemals kommen.
Was brauchst du denn sonst noch, um dich zu entspannen ?
Wenn ich, ein Bettler, mich entspannen kann, was ist dann noch dafür nötig ?
Warum dieser Kampf, diese Anstrengung, diese Kämpfe, dieses Erobern,
warum dieses Bedürfnis nach Sieg ?
Alexander sagte; Wenn ich gesagt haben werde,
wenn ich die ganze Welt erobert habe,
dann werde ich wiederkommen und von dir lernen,
und an deiner Seite hier an diesem Ufer sitzen.
Diogenes sagte: Aber wenn ich hier liegen und mich schon jetzt entspannen kann,
warum dann auf die Zukunft warten ?
Und warum um die ganze Welt herumgehen und Unglück erschaffen
für dich selbst und andere ?
Warum bis zum Ende deines Lebens warten, bis du hier zu mir kommst
und dich hier entspannst ? Ich entspanne mich schon jetzt.


