Taoistische Reflektionen

30.11.2009 um 23:59 Uhr

Tao Te King 63 (11)

von: tao


"Vollende das Nichts-Tun.
Erledige Un-Angelegenheiten.
Schmecke das Geschmacklose."
In Aktion, tu nichts --
dies ist das allertiefste Geheimnis von Lao-tse.
Er sagt:
Wenn Dinge durch Nicht-Tun getan werden können,
warum kümmerst dich dann ums Tun?
Wenn Sachen durch Nicht-Tun getan werden können,
wirst du dir nur Probleme einhandeln, wenn du tust,
wenn du es zu tun versuchst.
Wenn du dich entspannst,
wirst du eins mit dem Ganzen werden.
Wenn du dich entspannst, bist du nicht mehr das Ego.
Wenn du dich entspannst,
bist du nicht mehr das Individuum.
Wenn du dich entspannst, wirst du die Ganzheit.
Wenn du verspannt bist, wirst du individuell.
Je angespannter du bist,
desto mehr bist du ein konzentriertes Ego.
Das Ego ist sehr klein, wie kann es irgendetwas lösen?
Es kann herumjammern und herummachen,
aber es kann nichts auf die Reihe bringen.
Traurig

29.11.2009 um 23:59 Uhr

Tao Te King 13 (3)

von: tao

Beschäftigt

 Wir können es in dieser Weise verstehen: Das Ego in dir ist die Kreation all der Leute um dich herum. Ihre Hände sind es, die dich umschließen. Die Gesellschaft, in der du lebst, kümmert sich darum, dein Ego aufzubauen und zu nähren. Es ist eine ironische Tatsache, dass alle Kulturen den Menschen beibringen, bescheiden zu sein.  Was noch interessanter ist, ist die Tatsache, dass Demut auch ein Hilfsmittel ist, das von der Gesellschaft für das Ego erschaffen wurde. Der Vater erzählt es dem Sohn: "Wenn du Ehre und Lob in der Welt suchst, dann kultiviere deine Bescheidenheit." Der Guru sagt es den Schülern: "Je einfacher und je demütiger du bist, desto lobenswerter wirst du sein." Das ist nun interessant, denn nur das Ego ist der Empfänger von Lob und Ehre. Also kreieren wir für das Ego eine Fassade von Bescheidenheit. Wir respektieren den Menschen, der bescheiden ist, und weil wir ihn respektieren, ist es für ihn leichter, bescheiden zu sein. Folglich trägt unser Ego Demut zur Dekoration! Die Gesellschaft kann nicht existieren, ohne das Ego zu nähren, denn sie möchte dich im Griff haben. Wenn das nicht mehr so ist, dann bist du frei und nicht mehr durch die Normen der Gesellschaft gebunden. Darum wird jeder von uns -- vom Kind bis zum alten Menschen -- ermutigt und trainiert, sein Ego auf vielerlei Weise zu entwickeln.  Es gibt das Ego des guten Menschen, das Ego des schlechten Menschen, das Ego des Heiligen, das Ego des Sünders.  Wir bilden ein Zentrum in uns, das von der Außenwelt regiert und kontrolliert wird.  Lao-tse sagt: "Lob und Tadel scheinen von außen zu kommen; aber der Urgrund liegt in unserem eigenen Selbst." Wenn mir jemand eine Beleidigung entgegenschleudert, sind es nicht die gemeinen Worte, die mich verletzen, es ist die Tatsache, dass diese Worte gegen mich gerichtet sind, die mich verletzt.  In ähnlicher Weise ist es nicht das Lob an sich, das zählt, wenn ich gelobt werde, sondern die Tatsache, dass ich gelobt werde. Lob ist Futter für unser Ego.  Und genauso ist es die Beleidigung, nur auf eine negative Weise.

28.11.2009 um 23:59 Uhr

Tao 578

von: tao

Es geschah einmal: Buddha saß gerade unter einem Baum und sprach zu seinen Schülern. Da kam ein Mann daher und spuckte ihm ins Gesicht. Er wischte es sich weg und fragte dann diesen Mann: Und was nun? Was möchtest du als nächstes sagen? Der Mann war ein wenig durcheinander, denn er hätte niemals erwartet, dass, wenn du jemandem ins Gesicht spuckst, der dann fragen wird: Und was jetzt? Er hatte in seiner Vergangenheit keine derartigen Erfahrungen gemacht. Er hatte schon Leute beleidigt, und die waren wütend geworden, und sie hatten reagiert; oder wenn sie Feiglinge und Schwächlinge waren, dann hatten sie gelächelt und versucht, den Mann zu bestechen. Aber Buddha war keines von beidem; er war nicht wütend noch in irgendeiner Weise beleidigt noch irgendwie feige, sondern bloß sachlich; er sagte: Was nun? Von seiner Seite her erfolgte keine Reaktion. Seine Schüler wurden wütend, sie reagierten; Buddhas engster Schüler, Anand, sagte: Das ist zuviel und wir können das nicht tolerieren; du halte dich an deine Lehre und wir werden diesem Mann bloß mal zeigen, dass er das nicht tun kann, was er getan hat. Er muss dafür bestraft werden. Sonst wird jeder anfangen, Dinge wie diese zu tun. Buddha sagte: Ihr seid schön still. Er hat mich nicht beleidigt, aber ihr beleidigt mich. Er ist neu, ein Fremder, und vielleicht hat er irgendetwas über mich von jemandem gehört, hat sich seine eigenen Gedanken gemacht und sich eine Vorstellung von mir gebildet. Er hat nicht auf mich gespuckt, er hat auf seine eigene Vorstellung gespuckt, er hat auf seine Idee von mir gespuckt, denn er kennt mich überhaupt nicht, wie kann er also auf mich spucken? Er muss von Leuten etwas über mich gehört haben -- dass dieser Mann ein Atheist ist, ein gefährlicher Mensch, der Leute aus ihrer Bahn wirft, ein Revolutionär, ein Verderber -- er muss etwas über mich gehört haben, er hat sich eine Vorstellung geformt, sich ein Bild gemacht; er hat auf sein eigenes Bild gespuckt. Wenn du tiefer darüber nachdenkst, sagte Buddha, hat er auf sein eigenes Denken gespuckt. Ich bin kein Teil davon, und ich kann sehen, dass dieser arme Mensch noch etwas anderes zu sagen hat -- denn dies ist ein Weg, etwas damit zu sagen; Spucken ist ein Weg, etwas auszudrücken. Es gibt Momente, wo du spürst, dass Sprache impotent ist: in tiefer Liebe, in intensivem Zorn, im Hass, in Andacht; es gibt intensive Momente, wo Sprache kraftlos ist. Dann mußt du etwas tun -- wenn du in tiefer Liebe bist, dann küßt du den Betreffenden oder umarmst die jeweilige Person. Was tust da damit? Du sagst damit etwas. Wenn du wütend bist, äußerst zornig, dann schlägst du die Person, du spuckst auf sie -- du sagst damit etwas aus. Ich kann ihn verstehen. Er muss noch mehr zu sagen haben, darum frage ich ihn ja: Was noch? Der Mann war jetzt noch mehr durcheinander. Und Buddha sagte zu seinen Schülern: Ich bin mehr von euch verletzt, denn ihr kennt mich und ihr habt jahrelang schon mit mir gelebt und trotzdem reagiert ihr immer noch. Durcheinander, verwirrt, kehrte der Mann nach Hause zurück. Er konnte die ganze Nacht nicht schlafen. Es ist schwierig, wenn du einen Buddha siehst, es ist schwierig, wieder so tief zu schlafen, wie du es vorher tatest. Unmöglich. Wieder und wieder suchte ihn dieses Erlebnis heim, er konnte es sich nicht erklären, was da geschehen war. Er zitterte am ganzen Körper und schwitzte, er hatte noch nie einen solchen Mann getroffen; er hatte sein ganzes Denken erschüttert und sein ganzes Muster, seine ganze Vergangenheit. Am nächsten Morgen war er wieder dorthin zurückgekehrt. Er warf sich vor Buddhas Füße. Buddha fragte ihn wieder: Was noch? Auch das ist ein Weg, etwas zu sagen, das nicht mit der Sprache gesagt werden kann. Wenn du kommst und meine Füße berührst, dann sagst du damit etwas, das normalerweise nicht gesagt werden kann, wofür alle Worte ein wenig zu eng sind, es kann durch sie nicht erfaßt und ausgedrückt werden. Und weiter sagte Buddha: Schau, Anand. Dieser Mann ist wieder hier, er sagt schon wieder etwas. Dieser Mann ist ein Mensch mit tiefen Emotionen. Der Mann sah zu Buddha hoch und sagte: Vergib mir das, was ich dir gestern angetan habe. Buddha sagte: Vergeben? Aber ich bin nicht derselbe Mensch, dem du dies antatest. Der Ganges fließt immer weiter. Es ist niemals wieder derselbe Ganges. Jeder Mensch ist ein Fluss. Der Mensch, den du angespuckt hast, ist nicht mehr hier. Ich sehe bloß so aus wie er, aber ich bin nicht mehr derselbe; viel ist in diesen vierundzwanzig Stunden passiert! Der Fluss ist so sehr weitergeflossen. Nur äußerlich sehe ich noch gleich aus. Also kann ich dir nicht vergeben, denn ich hege keinen Groll gegen dich. Und du bist auch neu. Ich kann sehen, du bist nicht derselbe Mann, der gestern kam, denn dieser Mann war wütend. Er war Zorn, er spuckte -- und du verneigst dich vor meinen Füßen, berührst meine Füße, wie kannst du derselbe Mann sein? Du bist nicht derselbe Mensch! Also lass uns das einfach vergessen; diese beiden -- der Mann, der spuckte und der Mensch, auf den er spuckte -- diese beiden sind nicht mehr. Komm näher, lass uns von etwas anderem reden.
Das ist eine Antwort und keine Reaktion.
 

27.11.2009 um 23:59 Uhr

Tao 577

von: tao

Die eigentliche Ordnung der Existenz an sich ist das, was Buddha dhamma nennt, was Lao-tse Tao nennt, was Heraklit Logos nennt. Sie ist nicht von Menschen gemacht. Sie ist die innerste Struktur der Existenz selbst. Wenn du sie erkennst, dann ist alles plötzlich wieder schön, und zum ersten Mal wirklich schön, denn Dinge, die von Menschen gemacht sind, können nicht schön sein. Du kannst höchstens ihre Häßlichkeit verbergen, das ist alles. Du kannst sie dekorieren, aber sie können niemals schön sein. Der Unterschied ist genau wie der Unterschied zwischen einer realen Blume und einer Plastik- oder Papierblume. Das Ego ist eine Blume aus Plastik -- tot. Es schaut bloß aus wie eine Blume, es ist keine Blume. Du kannst es nicht wirklich eine Blume nennen. Sogar linguistisch gesehen ist es falsch, es eine Blume zu nennen, denn eine Blume ist etwas, das blühen kann. Und dieses Ding aus Plastik ist bloß eine Sache, kein Erblühen. Es ist tot. Da ist kein Leben drin. Du hast in dir ein erblühendes Zentrum. Darum nennen es die Hindus einen Lotus -- es ist ein Erblühen. Sie nennen es den eintausendblättrigen Lotus. Eintausend bedeutet unendlich viele Blütenblätter. Und es blüht immer weiter, es hört niemals auf damit, es stirbt niemals. Aber du gibst dich mit einem Plastik-Ego zufrieden. Dafür gibt es einige Gründe, warum du damit zufrieden bist. Mit einem toten Dinge hat man viele Annehmlichkeiten. Eine davon ist, dass eine tote Sache niemals stirbt. Das kann sie nicht -- sie war niemals lebendig.
 

26.11.2009 um 23:59 Uhr

Tao 576

von: tao

Fröhlich
Im ersten Zustand ist man dogmatisch und sektiererisch. Im zweiten Zustand ist man philosophisch. Im dritten Zustand ist man religiös und existentiell. Und dann ist da der vierte Zustand, das "Zuhause". Die Hindus nennen ihn turiya: der vierte Zustand. Im vierten Zustand bist du angekommen, du bist beim eigentlichen Kern deines Seins angekommen -- das Zuhause, Erleuchtung, Samadhi, Satori, Nirwana. Du bist zu dem Punkt gekommen, wo der Meister und der Schüler verschwinden, wo der Verehrer und Gott verschwinden, wo der Sucher und das Gesuchte verschwinden, wo alle Dualität verschwindet. Du hast die Zwei transzendiert, du bist zum Einen, zum Tao, gekommen. Dies ist der Platz, nach dem wir alle gesucht haben, und die Schönheit ist dabei, dass er schon da ist. Wenn du nach Hause gekommen bist, wirst du wissen, dass man da angekommen bist, wo man schon immer gewesen bist. Du wirst lachen, wenn du von zu Hause aus zurückschaust. Du wirst sehen, dass der ganze Dschungel nicht dort draußen war; es war dein eigenes Unbewußtsein. Der Wald war auch nicht da draußen; er war deine eigene Fähigkeit zu träumen. Der Garten war auch nicht da draußen; es war deine eigene Bewußtheit. Und das Zuhause ist dein eigenes Sein, satchitanand. Das bist du, deine innerste Natur, swabhava, Tao -- oder nenne es mit dem Namen, wie auch immer, mit dem du es gerne nennen würdest. Es ist namenlos.

25.11.2009 um 23:59 Uhr

Tao 575

von: tao

 
Der Taoismus ist nicht gegen Geld.
Er sagt nicht: "Geh und wirf es weg",
denn das ist ein weiteres Extrem.
Das ist auch der letzte Schritt
des geizigen Denkens.
Ein Mensch, der um des Geldes willen
zu viel gelitten hat,
der sich ans Geld geklammert hat
und niemanden lieben oder sich öffnen konnte,
wird am Ende so frustriert,
dass er das Geld wegwirft,
entsagt und in den Himalaja reist,
in ein tibetisches Kloster eintritt
und ein Lama wird.
Dieser Mensch hat nichts verstanden.
Wenn du es verstehst,
kann Geld benutzt werden,
aber Leute, die das nicht verstehen
sind entweder Geizhälse,
sie können das Geld nicht verwenden,
oder sie entsagen dem Geld,
denn durch den Verzicht bewahren sie sich auch
das gleiche Denken.
Nun wird es keine Schwierigkeit mehr geben,
das Geld zu benutzen:
Du gibst einfach alles auf
und machst dich davon.
Aber sie können das Geld nicht verwenden,
sie haben Angst davor, das Geld zu benutzen.

24.11.2009 um 23:59 Uhr

Tao 574

von: tao

Musik: Air von Robert Rich

Glücklichsein ist nichts als das Summen des Mechanismus des Denkens, wenn es perfekt funktioniert. Wenn das Denken einfach im Einklang mit dem Universum ist, dann bist du glücklich. Wenn das Denken gegen die Natur geht, gegen das Naturgesetz -- was Buddha Dhamma nennt -- wenn das Denken gegen Tao geht, wenn das Denken gegen den Strom schwimmt, wenn das Denken versucht, stromaufwärts zu schwimmen, dann gibt es Probleme, dann gibt es Unglück. Wenn das Denken einfach dem Strom folgt wie ein Treibholz, dann gehe einfach mit dem Strom, wo immer er hinfließt, er ist glücklich. Und eines Tages erreicht er das Ultimative, die ozeanische Wonne. Es ist gar nicht nötig, es zu erreichen, es ist nicht nötig, irgendeine Anstrengung zu machen -- anstrengungslos geschieht es.

23.11.2009 um 23:59 Uhr

Tao 573

von: tao

Taoismus ist nicht Abkehr vom Genuß.

Nein. Es ist der Verzicht im Genuß.

Taoismus ist nicht Weltflucht;

es ist ein Leben in der Welt,

als wenn du außerhalb von ihr wärst --

es ist ein "als ob"-Phänomen.

Du lebst in der Welt, aber du bist nicht in ihr;

du bewegst dich in der Welt,

aber nie und nimmer tust du

einen einzigen Schritt in ihr;

du bleibst in der Welt

aber du erlaubst der Welt nicht, in dich einzudringen.

Die Hindus nennen das das Phänomen des Lotus --

der Lotus bleibt im Wasser, aber unberührt.

 

22.11.2009 um 23:59 Uhr

Tao Te King 78 (12)

von: tao

Solange nicht Gott in ihm atmet,

bevor er nicht das innerste Bewußtsein

des Ganzen enthält,

ist es ein toter Atem.

Sauerstoff wird durch die Lungen streichen --

nichts wird passieren.

Atmen ist das erste Tun --

und es ist nicht dein Tun.

Die zweite Aktion ist Durst.

Auch das ist nicht deine Aktion.

Was tust du dafür

dass du dich durstig fühlst?

Wenn es geschieht, passiert es;

wenn es sich nicht ereignet, kommt es nicht dazu.

Kannst du versuchen, dich durstig zu fühlen?

Das ist unmöglich! 

21.11.2009 um 23:59 Uhr

Quellender Urgrund 2/20 (23)

von: tao

Musik: Entering the mystery von Music from the world of Osho

Verrückt
Der Mensch des Tao transzendiert alle Kategorien.
Er paßt in keine Schublade.
Jede Sprache versagt vor einem Menschen des Tao,
das Denken wird still.
Du kannst gar nichts sagen, was relevant wäre.
Er ist furchtlos, er ist sein Denken los,
du kannst ihn weder einen Narren
noch einen weisen Menschen nennen
denn für beides ist das Denken nötig.
Und nun gehe ich auf diese schöne Geschichte
von Dschuang Dsi ein,
sie ist eine seiner schönsten Gleichnisse.
"Gi Siau Dsi war ein Trainer von Kampfhähnen
für König Süan.
Er trainierte gerade einen feinen Vogel.
Der König fragte ihn ständig,
ob der Vogel schon bereit sei
für den Wettkampf."
Dieser Mann, Gi Siau, war nicht nur ein Ausbilder,
er war ein Mensch des Tao.
In China, in Japan, im fernen Osten,
haben sie alle Arten von Dingen benutzt
als Sprungbretter für Meditation.
Alles mögliche: Bogenschießen, Malen, Schwertkampf.
sogar die Ausbildung von Hähnen und Vögeln für den Kampf.

20.11.2009 um 23:59 Uhr

Quellender Urgrund 1/7

von: tao

Musik: Shaku Sunset von Anugama

Das Denken gibt erst dann Ruhe, wenn es zu einem Fazit kommt, sonst niemals. Und Philosophie führt niemals zu irgendeinem Abschluß. Nur die Realität ist schlüssig; nur die Erfahrung, nur die Existenz, ist überzeugend.
"Dsi Gung wurde des Studierens müde
und sagte zu Konfuzius: "Ich möchte Ruhe finden."
"Solange du lebst, gibt es keine Ruhe",
sagte Konfuzius."
Dieser Standpunkt -- dass es für die Lebenden keine Ruhe gibt -- basiert nun auf einer bestimmten Philosophie: dass das Leben Kampf ist, dass das Leben Aktion ist, dass das Leben Konflikt ist, dass das Leben ein Krieg ums Überleben ist -- wie kannst du da zur Ruhe kommen? Die gleiche Philosophie ist im Westen vorherrschend geworden: Darwin, die Philosophie des "Das Überleben der Stärksten" und Nietzsche, "Der Wille zur Macht". Konfuzius wird im Westen zutiefst verstanden; er ist ein westlicher Mensch. Er wurde im Osten geboren, aber er ist überhaupt nicht östlich. Seine Einstellung zum Leben ist die der Aktivität. Es ist eine Yang-Einstellung, eine männliche Einstellung -- Kampf, Konflikt, Streit, Eroberung, setze deinen Willen durch. Du bist hier, um deinen Willen durchzusetzen, du mußt der Welt zeigen, dass du jemand bist. Du mußt deine Spuren in der Geschichte hinterlassen, sonst ist dein Leben bedeutungslos. Du mußt konkurrieren, du mußt darum kämpfen -- nur dann kannst du der Nachwelt die Erinnerung an dich hinterlassen. Wenn du still und ruhig bleibst, wie willst du dich  dann verewigen?
Lao-tse hat in der Geschichte keine Spur hinterlassen; Tamerlan hat seine Blutspur in der Geschichte hinterlassen. Dschuang Dsi hat keinen Abdruck in der Geschichte hinterlassen; Nadir Schah, Alexander, Napoleon, Hitler, Stalin, Mao -- die haben ihre Stempel der Geschichte aufgedrückt. Mao war Konfuzianer, er glaubte an Konfuzius und er bemühte sich sehr darum, alle taoistischen Möglichkeiten und alles taoistische Potential in China zu zerstören. Er zerstörte viele taoistische Klöster, er wollte den Taoismus komplett ausradieren. Warum? -- weil sie keinerlei Kampf lehren. Wenn du keinen Streit lehrst, wie kannst du dann Revolution lehren?
Die Einstellung des Taoismus ist die der Kooperation, nicht des Konflikts. Die Einstellung des Taoismus ist nicht gegen die Natur, sondern mit ihr zu sein, die Natur zuzulassen, ihr ihren Weg zu lassen, mit ihr zu kooperieren, mit ihr zu gehen. Die Einstellung des Taoismus ist die einer großen Entspannung.
Bedenke, das bedeutet nicht Untätigkeit. Es bedeutet weder Aktivität noch Inaktivität; es ist transzendent. Das taoistische Wort dafür ist Wu Wei: Es bedeutet Aktion durch Untätigkeit. Das ist das Ziel des Taoismus: Handle, aber sei nicht der Handelnde. Agiere, aber lass das Tao durch dich hindurch tätig sein -- sei einfach kooperativ. Dann, durch den Taoismus, kannst du im Leben deine Ruhe haben.
Aber wie kannst du mit Konfuzius Ruhe haben? Soweit wie es seine Philosophie betrifft, hat er recht. Er sagt:
"Solange du lebst, gibt es keine Ruhe."
Du mußt dich abkämpfen, du mußt deine Qualität beweisen, du mußt deinen Willen durchsetzen. Das Leben ist hier, damit du diese Gelegenheit ergreifen und dich beweisen kannst. Das ist ein Wettbewerb, ein mörderischer Wettkampf; jeder geht jedem anderen an den Kragen; und wenn du dich entspannst, dann bist du weg vom Fenster. Kämpfe mit allen Mitteln! Bleibe in jeder Hinsicht wachsam und denk nicht einmal an Ruhe. Das Wort "Ruhe" ist für das konfuzianische Denken wirklichkeitsfremd. Frage nicht nach Meditation -- das ist Realitätsflucht. Tu etwas! Das Leben ist für das Tun da und der Tod ist für das Nicht-Tun da: Das ist ihre Logik. Natürlich, eines Tages wirst du tot sein und dann wirst du deine Ruhe haben, warum sich also Sorgen machen? Ihre Aufteilung ist glasklar, und übt auf logische Denker eine Anziehungskraft aus.

19.11.2009 um 23:27 Uhr

Tao Te King 67 (18)

von: tao

Musik: Doorway to the heart von Osho Musicians


Denen, die bloß im Kopf sind --
ist das Herz eine Narrheit
denn das Herz hat seine eigenen Gründe,
die das Denken nicht verstehen kann.
Das Herz hat seine eigene Seinsdimension,
die dem Denken komplett dunkel erscheint.
Das Herz ist höher und tiefer als das Denken, außerhalb seiner Reichweite.
Es erscheint töricht.
Liebe sieht immer närrisch aus
denn Liebe ist nicht zweckmäßig.
Das Denken ist utilitaristisch, zweckmäßig.
Es benützt alles für etwas anderes --
das ist die Bedeutung des Nützlichkeitsdenkens.
Das Denken ist zweckmäßig.

18.11.2009 um 23:59 Uhr

Südliches Blütenland 23/2 (10)

von: tao

Musik: Sammasati von Deva Premal

In einer kleinen Schule, einer Volksschule,
nahm die Lehrerin mit ihren Schülern gerade
das Gesetz der Schwerkraft durch.
Sie sagte zusammenfassend
dass wir wegen dem Gesetz der Schwerkraft
auf der Erde sein können.
Ein kleines Kind war sehr durcheinander. Es stand auf und sagte:
Ich verstehe das nicht. Wie haben wir es geschafft
uns an der Erde festzuhalten, bevor das Gesetz erlassen wurde?
 
 
Und du denkst, du bist wegen der Gesellschaft hier;
du denkst, du bist wegen der Moral hier --
und all dem Unsinn, der damit einhergeht;
du denkst, du bist hier wegen
deiner Bibel, deinem Koran, deiner Gita.
Nein! Die Natur existiert ohne irgendwelche Gesetze.
Sie hat ihre eigenen Gesetzmäßigkeiten
aber das sind keine Gesetze, die von Menschen erlassen wurden.
Sie benötigen deine Sanktionierung nicht,
sie sind da, und das Leben folgt ihnen ständig.
Wenn du dich nicht einmischst,
wirst du das Ziel unmittelbar erreichen;
wenn du dich einmischst, wirst du in Schwierigkeiten sein.

17.11.2009 um 23:59 Uhr

Südliches Blütenland 17/10 (25)

von: tao

Musik: Spirit Catcher von Solaris

Wenn dein inneres Licht brennt,

dann brauchst du nicht losziehen

und bei anderen an deren Türen klopfen,

das Phänomen als solches wird sie anziehen,

und Sucher werden dir folgen und dich suchen,

wo immer du bist.

Und kümmere dich nicht um die, die keine Sucher sind,

denn ihr Kommen ist nutzlos.

Sie werden bloß stören,

und sie werden für diejenigen, die auf der Suche sind, Hindernisse darstellen.

Verbirg die Tatsache, dass in dir ein Licht brennt.

Aber trotzdem werden die Leute es in Erfahrung bringen.

Der Fürst mußte herausgefunden haben

dass Dschuang Dsi erleuchtet worden war.

"Der Fürst von Dschu entsandte

zwei Vizekanzler

mit einem förmlichen Dokument:

Hiermit ernennen wir dich zum

Premierminister."

Früher, in der guten alten Zeit

wurde ein Premierminister nicht vom Volk gewählt.

16.11.2009 um 23:59 Uhr

Tao Te King 43 (18)

von: tao

Musik: Lake Mansarowar von Osho Musicians

"Das-was-ohne-Form-ist
durchdringt das-was-keine-Lücke-hat;"
Sogar wenn ein Granitfelsen keinen Riss hat
wird das Wasser ihn durchdringen,
es wird durch ihn hindurchgehen -- weil es keine Form hat.
Wasser ist so bescheiden, dass du ihm jegliche Form geben kannst
und es ist immer dazu bereit,
diese Gestalt, diese Form anzunehmen.
Du gießt es in ein Glas, es wird das Glas;
du tust es in einen Eimer, es wird der Eimer.
Es leistet niemals Widerstand, schreit nicht, beschwert sich nicht, protestiert nicht. Wasser ist katholisch; Wasser ist kein Protestant, es gibt einfach nach.
Und so ist die Liebe -- Liebe ist katholisch, sie ist kein Protestant,
sie gibt einfach nach.
Sie vertraut so sehr, dass sie jede Form annehmen kann,
sie hat niemals Angst.
Welche Form du ihr geben möchtest,
sie ist bereit, sie anzunehmen,
denn in jeglicher Gestalt bleibt sie die gleiche.
Der Umriss oder die Form ist nicht das Ding,
um das es wirklich geht --
das innerste Wesen bleibt das gleiche.
Härtere Elemente haben Angst, mehr Angst,
sind sich weniger sicher ihres innersten Wesenkerns,
klammern sich mehr an die Form.
 

15.11.2009 um 22:04 Uhr

Südliches Blütenland: Die Flucht vor dem Schatten (22)

von: tao

Stimmung: Meine Feinfühligkeit gibt mir ein gutes Gespür für die Schwächen und Empfindlichkeiten anderer, so dass ich an diesen Punkten sehr taktvoll und entgegenkommend sein kann.
Musik: Hanuman in New Delhi von Chinmaya Dunster

Dieser Mann, der vor dem Schatten flieht, sagt,

wenn der Schatten ihm immer noch folgt,

zeigt das nur, dass er nicht schnell genug rennt.

Er muss schneller und immer schneller rennen,

dann wird der Moment kommen

wenn der Schatten ihm nicht mehr folgen kann.

Aber der Schatten gehört zu dir,

und der Schatten selbst ist niemand.

Er ist nicht jemand anderes, der dir gerade folgt;

wenn er es wäre, dann würde diese Logik richtig sein.

Bedenke, wenn es um jemanden anderen geht,

hat das Denken immer recht;

wenn du alleine bist, liegt das Denken immer falsch.

In der Gesellschaft, bei anderen,

hat das Denken fast immer recht;

bei dir selbst, wenn du alleine bist,

hat das Denken immer unrecht. Warum?

Weil das Denken bloß ein Instrument ist,

um zusammen mit anderen existieren zu können;

es ist bloß eine Technik,

die dir hilft, mit anderen zusammen zu sein;

es hat nichts mit dir selbst zu tun.

14.11.2009 um 23:39 Uhr

Tao 572

von: tao

Tatsächlich, der Sucher ist das Gesuchte. Lao-tses Worte sind in diesem Kontext von gewaltiger Signifikanz. Er sagt: "Suche und du wirst nicht finden. Suche nicht und du wirst finden, denn Tao ist hier und jetzt." Man verpaßt wirklich Tao oder die Wahrheit oder wie immer du es nennen willst, bloß weil man es sucht. Wie kannst du etwas suchen, was hier und jetzt ist? Suchen bedeutet: Das, was du suchst, ist nicht hier, es ist dort, irgendwo anders. Wegen des Suchens driftest du weg von der Realität. Jemand geht den Jakobsweg, ein anderer geht nach Mekka, andere gehen nach Jerusalem, nach Rom oder zum Kailash; man kann sogar im Internet pilgern. Aber sie alle weichen ab, treiben weg von der Wirklichkeit oder der Wahrheit, die immer hier und jetzt ist. Aber solange ein Sucher weiter sucht und forscht, verliert er sich auch ständig dabei. Und an dem Tag, an dem er todmüde ist, an dem Tag, an dem er sich komplett verliert und zu Boden fällt, findet er sich in der Realität wieder. Es spielt keine Rolle, ob er in Mekka oder in Rom, in Santiago de Compostela oder in Jerusalem, in Indien oder in Tibet abstürzt, wo immer es ihn erwischt, da findet er sich präsent vor. Tao ist immer gegenwärtig, es ist überall anwesend, aber unsere eigene Präsenz hindert uns daran, mit ihm zusammenzutreffen. In dem Moment, in dem der Sucher abwesend ist, ist Tao oder die Wahrheit anwesend. Tao ist immer präsent, es ist ewig anwesend.

13.11.2009 um 23:59 Uhr

Tao 571

von: tao

Tu, was auch immer du willst.
Wenn du Wein zu dir nehmen willst, trink ihn,
aber bleibe wach.
Bald wirst du herausfinden
dass das unmöglich ist.
Wenn du Wein trinkst
verlierst du an Bewußtheit,
und wenn du deine Bewußtheit verlierst,
ist das einfach Sünde.
Dann liegt darin keine Möglichkeit,
dass sich in dir Heiligkeit ereignen kann.
Wenn du trinken kannst
und dabei aufmerksam bleiben kannst,
dann trink soviel du willst --
dann ist es Wasser, sonst nichts.
Es wird gesagt,
dass Jesus Wasser in Wein verwandelte.
Der Taoismus lehrt dich den Trick andersherum --
wie du Wein in Wasser verwandeln kannst:
Sei bewußt.
Dann wirst du ein größeres Wunder vollbringen,
als Jesus es jemals tat.
 

12.11.2009 um 23:59 Uhr

Tao 570

von: tao

 
Ein passives, untätiges und leeres Bewußtsein hat eine Schönheit, und nur im inaktiven Geisteszustand kommt man zu der Erkenntnis, was wahr ist. Die Aktivität erzeugt die Illusion. Die Aktivität erzeugt Wellen um dich herum und du kannst nicht das sehen, was ist. Untätigkeit ... alle Wellen weg, der See ist still ... das Denken hat keinen Gedanken mehr; alles ist verschwunden, der Rauch hat sich verzogen... und die Flamme brennt hell. Wenn das Bewußtsein so hell brennt, dass da kein Qualm mehr ist und die Flamme rein ist, dann weißt du, was real ist.
Der Weg zur Realität läuft durch Nicht-Handeln, Passivität und Rezeptivität. Der Weg zum Wirklichen führt durch feminine Empfänglichkeit. Der Weg zum Unwirklichen geht durch männliche, aggressive Aktivität.

11.11.2009 um 23:59 Uhr

Tao 569

von: tao

 
Jonestown kann man sich nicht vorstellen im Rahmen von hinduistischen, buddhistischen oder gar taoistischen Traditionen -- unmöglich.
Reverend Jim Jones, oder sogar Jesus, hatte niemals davon gehört, was Meditation ist. Sie kannten nur Gebet und Gebet ist nicht Meditation.
Meditation ist jenseits von Psychologie. Sie ist keine Psychologie. Sie hat nichts mit dem Gehirn zu tun, sie hat auch nichts mit dem Denken zu tun. Sie ist ein Zustand des Nicht-Denkens. Sogar Sigmund Freud und Carl Gustav Jung und Alfred Adler hatten keine Idee von Meditation, was das ist. Sie alle dachten in Begriffen von Konzentration. Konzentration hat nichts mit Meditation zu tun. Konzentration ist eine Methode des Denkens und Meditation ist ein Weg, wie man über das Denken hinausgehen kann, wie man das Denken transzendieren kann -- so dass du ganz oben auf den Bergen bist und all deine Gedanken sind bloß noch im Tal -- und du kannst sie beobachten und du kannst aus der Vogelperspektive sehen, was du für ein Denken hast.
Fröhlich