"Das Gewitter"
Urahne, Großmutter, Mutter und Kind
in dumpfer Stube beisammen sind;
es spielet das Kind,
die Mutter sich schmückt,
Großmutter spinnt,
Urahne gebückt sitzt hinter dem Ofen im Pfühl -
wie wehen die Lüfte so schwül !
Das Kind spricht:
"Morgen ist´s Feiertag !
Wie will ich spielen im grünen Hag,
wie will ich durch Tal und Höhn,
wie will ich pflücken viel Blumen schön;
dem Anger,
dem bin ich hold !"
Hört ihr´s wie der Donner grollt ?
Die Mutter spricht:
"Morgen ist´s Feiertag !
Da halten wir alle fröhlich Gelag.
Ich selber, ich rüste mein Feierkleid;
das Leben, es hat auch Lust nach Leid,
dann scheint die Sonne wie Gold !"
Hört ihr´s wie der Donner grollt ?
Großmutter spricht:
"Morgen ist´s Feiertag !
Großmutter hat keinen Feiertag.
Sie kocht das Mahl,
sie spinnt das Kleid;
das Leben ist Sorg und viel Arbeit;
wohl dem,
der Sorg und viel Arbeit;
wohl dem,
der tat, was er sollt !"
Hört ihr´s wie der Donner grollt ?
Urahne spricht:
"Morgen ist´s Feiertag !
Am liebsten morgen ich sterben mag:
ich kann nicht singen und scherzen mehr,
ich kann nicht sorgen und schaffen schwer,
was tu´ ich noch auf dieser Welt ?"
Seht ihr,
wie der Blitz dort fällt ?
Sie hören´s nicht,
sie sehens nicht,
es flammet die Stube wie lauter Licht:
Urahne, Großmutter, Mutter und Kind
vom Strahl miteinander getroffen sind,
vier Leben endet ein Schlag -
und morgen ist´s
Feiertag.
Autor.:
Gustav Schwab
(*19.06.1792 in Stuttgart - + 04.11.1850 in Stuttgart)