A WIE ALPHA

07.05.2015 um 11:01 Uhr

EIN TAG BEIM WOLF

Als ich am nächsten Morgen aufwachte, war das Bett neben mir leer. Ich hatte keine Ahnung, wie spät es war. Draußen schien es kalt zu sein, aber die Sonne strahlte. Ich hörte D in der Küche hantieren, war aber noch zu schläfrig, um aufzustehen. Lieber blieb ich noch eingekuschelt liegen und genoss meine Verwunderung über diesen Ort, diesen Menschen und diesen herrlichen Sonntagmorgen. Irgendwann lief D über den Flur. Ich rief nach ihm, aber er schien mich nicht zu hören. Dann war er wieder in der Küche verschwunden. Ich vermutete er würde da in Ruhe rauchen und Cola trinken wollen. Eine schreckliche Angewohnheit! Früh waren seine Beschwerden immer am schlimmsten. Arme und Beine zitterten und er sah sehr blass aus. Der Körper verlangte nach Medikamenten, danach wurde er langsam wieder ruhiger. Bis dahin brauchte er für alle Verrichtungen doppelt so viel Zeit. D hat riesige Hände. Eigentlich sind es eher Pranken, wie die eines Raubtieres. Allein deshalb war es für ihn schon recht schwierig, die kleinen Tabletten aus dem Blister zu bekommen. Mit zitternden Pranken eine echte Herausforderung. Ich erinnere mich sehr gut daran, als ich diese Szene zum ersten Mal beobachtete. Es irritierte mich, diesen dominanten, witzigen, überheblichen Menschen plötzlich so in seinem Körper gefangen zu erleben. Er war nur noch der Kopf der Krake, deren Tentakel sich verselbständigt hatten. Sein Gang war holprig, die Füße schlugen beim Laufen hart auf den Boden. Seit ich im Alter von 6 Jahren mal zwei, drei Ballettstunden hatte, bin ich darauf sensibilisiert. Die Lehrerin sagte dann immer mit strenger Stimme: „Heb die Füße und lauf sauber! Und stell dich gerade hin! Brust raus!“ Ich bin sicher, dass sie durchgedreht wäre mit einem Parkinsonpatienten an ihrer Seite. D konnte morgens nicht gerade stehen. Ihn selbst schien das alles nicht weiter zu interessieren. Mit größter Geduld fummelte er seine Tabletten aus der Verpackung und warf sie sich ein. Wenn er mich dabei ansah, zog er eine Augenbraue nach oben. Lässig, als hätte er eben auf einer Party Ecstasy eingeworfen. Überhaupt war ich verwundert, dass er sich von den Ausfällen seines Körpers nicht weiter beeindrucken ließ. Er war nach wie vor ein Wolf und wenn er mich mit seinen Pranken zu fassen kriegte, dann zog er mich fest an sich und küsste mich wie ein Filmstar. Ich glaube sein eigener Umgang mit der Krankheit war der Grund, dass ich irgendwann aufhörte, sie wahrzunehmen. An diesem Morgen hörte ich noch das dumpfe Aufschlagen seiner Füße beim Laufen. Er öffnete die Tür des Schlafzimmers und trat ein. Er sagte kein einziges Wort. In seinen zittrigen Händen trug er eine große Tasse Milchkaffee, so dass er noch langsamer laufen musste. Ich blieb wie angewurzelt im Bett sitzen und wartete bis er die zehn Schritte zu mir geschafft hatte. „Hier Hasemotte“ Mit einem Zwinkern übergab er mir den Kaffee, drehte sich um und verschwand wieder aus dem Raum. Ich war völlig gerührt von dieser fürsorglichen Geste. Außerdem mochte ich es, wenn er mich Hasemotte nannte. Das tat er nur, wenn wir allein waren. Ich glaube jeden anderen Mann hätte ich rausgeworfen, wenn er sich das erlaubt hätte. Aber aus dem Munde dieses Wolfes klang es wie ein sanfter Kuss auf die Stirn, es klang nach Vertrautheit und nach „Du bist beschützt an meiner Seite, mein Mädchen.“. Hasemotte saß also mit einem hellblauen Pott Kaffee im Bett und trank genüsslich. D musste ihn per Hand gebrüht haben. Er besaß überhaupt keine Kaffeemaschine. Als ich später in die Küche lief, war er bereits mit den Vorbereitungen für das Mittagessen beschäftigt. Er betrieb einen wahnsinnigen Aufwand. Ich war mir nicht sicher, ob ich schon jemals selbstgemachte Klöße gegessen hatte und er versicherte mir, dass sich die Mühe in jedem Fall lohne. Mir kamen da leichte Zweifel als ich ihn die tausend Kartoffeln reiben und auspressen sah. Es roch schon ziemlich gut nach Hühnchen und ich fragte mich, wie lange er schon wach gewesen war. Mein roter Umschlag im Regal war auch verschwunden. „Hast du die Karte schon gelesen?“ Er nickte und fragte: „Was hast du vor?“ Das wollte ich ihm nicht verraten. Er erfuhr nur, dass er für das darauffolgende Wochenende zu mir eingeladen war. Ich wollte mit ihm ins Theater gehen, raus in die Öffentlichkeit. Meine Stadt, mein Mann, mein herrliches Leben. Mit Kultur und ausschweifendem Sex. Soweit der Plan. Mir war so danach, das Leben zu greifen, all das zu inhalieren, was sich mir bot. D schwieg zu meiner Einladung, was mich nicht weiter wunderte oder störte. Er umsorgte mich so liebevoll, dass ich nicht daran zweifelte, dass er meiner Einladung auch folgen würde. Gegen zwei Uhr setzte er mich an den Küchentisch und servierte das Essen. Alles war köstlich, aber D war nicht zufrieden und bekundete seinen Unmut. Da war er wieder der kleine Junge, der sich große Mühe gemacht hatte und trotzdem glaubte, den Ansprüchen, die er mir unterstellte, nicht gerecht werden zu können. Dabei war ich einfach nur dankbar und glücklich, für die Zeit mit ihm und auch dafür, dass es ihm unglaublich wichtig zu sein schien, wie es mir bei ihm ging. Wir mussten beide noch etwas arbeiten und stellten später unsere Laptops auf den Küchentisch. Ich schlug mein Notizbuch mit den Skizzen auf und begann diese in ein Zeichenprogramm zu übertragen. Ich kam gut voran und war geistig doch nicht wirklich beansprucht, so dass ich genug Zeit hatte, ihn zwischendurch zu beobachten, wie er angestrengt auf seinem Rechner rumtippte. Sexy! Besonders wenn er dazu seine große dunkle Lesebrille trug. Schön war das! Harmonisch, nahezu häuslich. Ich zeichnete so vor mich hin und meine innere Prinzessin hüpfte vor Freude auf und ab. Alles machte den Eindruck als ob wir auch in weniger spektakulären Momenten ganz gut harmonierten. Es hätte alles einfach so bleiben können. Als D seine Arbeit beendet hatte, war es bereits dämmrig draußen. „Ich bin total froh, dass du den Wagen gemietet hast. Das haben wir richtig ausgenutzt!“ witzelte ich. D stellte mir ein Glas Wein neben den Laptop, küsste mich und sagte: „Geh duschen!“ Ich beendete mein Programm, trank einen Schluck Wein und verschwand im Bad. Sein Blick war so ernst, dass ich plötzlich wieder aufgeregt war. Das bedeutete für mich: großes Schönheitsprogramm. Naja, zumindest soweit das möglich war in einer fremden Wohnung und mit einem quengelnden Mann vor der Tür. „Meine Güte!“ schrie ich durch die Badtür. „Bei dem, was du mit mir vorhast, solltest du mir jetzt wirklich mal kurz meine Ruhe lassen!“ Er verschwand, kramte dann aber in der Küche, was auch nicht besser war, weil sie direkt nebenan lag. Echt! Was denken sich Männer eigentlich? Ich weiß schon, dass man in der Kennenlernphase quasi niemals aufs Klo muss. Aber trotz rosaroter Brille muss doch klar sein, dass man nicht immer nur oben und unten was reinstopfen kann. Rein platztechnisch schon! Ich musste kichern. Kennenlernen kann auch echt anstrengend sein! Als ich in ein Handtuch gewickelt aus dem Bad trat, kam D mir entgegen. Er lächelte. In seinen Händen hielt er ein dunkles Tuch, das er mir um die Augen band. „Geh ins Schlafzimmer!“ Huch. War das sein ernst? Wie bitte sollte ich mit Augenbinde in einer fremden Wohnung den Weg finden? Ich musste wieder kichern, was ihn provozierte. Er trat an mir vorbei, packte mich und zerrte mich dahin, wo er mich haben wollte. Ich war immer noch belustigt und biss mir auf die Lippe. „Beug dich nach vorn!“ Oh oh! Ich wollte noch einen Witz machen als seine Hand kraftvoll auf meinen Hintern klatschte. Ich schnappte nach Luft und spürte die Hitze auf der Haut. D packte meinen Kopf und küsste mich überraschend liebevoll. „Willst du mehr?“ Unglaublich wie er mich zurück in den Moment holte, wie er meine Lust und meine Emotionen anknipste, wann immer ihm danach war. Als er später den Raum verließ, war ich wieder auf dem Bauch liegend ans Bett gebunden. Aha, jetzt war es also soweit. Er hatte es ja bereits mehrfach angekündigt. Meine größte Sorge war zunächst, dass es unglaublich langweilig werden könnte, hier einfach so liegen zu müssen. Kurz überlegte ich, ob ich nicht heimlich die Handschellen lösen, mich verstecken oder irgendwelchen anderen Schabernack treiben sollte. Aber dann sah ich mir die Handschellen genauer an. Die waren irgendwie stabiler als die aus der Faschingsabteilung, die ich kannte. Außerdem fehlte ihnen ein ganz entscheidendes Detail: das kleine Hebelchen, mit dem man sie öffnet. Mist. Ich saß also in der Falle und fragte mich, was D eigentlich so lange machte. Arbeitet er jetzt erstmal ein Stündchen? Keinen Ton hörte ich aus der Wohnung. Oh Gott! Kennen Sie das? Wenn man erst einmal einen komischen Gedanken hatte, geht das Kopfkino los. Ist er nebenan kollabiert? Braucht er einen Arzt? Was passiert, wenn es jetzt eine Kerze umkippt und ein Vorhang Feuer fängt? Ich konnte mich schlussendlich nicht entscheiden, ob ich da lieber verbrennen oder in dieser Position von der Feuerwehr gerettet werden wollte. Auf jeden Fall wurde mir schlecht. Leichte Panik. D hatte doch nicht etwa das Haus verlassen? Normalerweise kompensiere ich Übelkeit mit nervösem Nesteln und Rumfummeln am Ohrläppchen, der Nase oder Lippe. Da war aber nichts zu machen. Langsam schliefen meine Hände ein, der Kopf blieb hell wach. Ich beruhigte mich erst als ich feststellte, dass ich trotz Fixierung mein Telefon auf dem Nachtisch hätte erreichen können. Nicht dass ich gewusst hätte, wen ich da anrufen soll, geschweige denn, wie man erklärt, warum bitte jemand die Tür aufbrechen kommen muss. Aber wenn es heiß am Hintern wird, ist man da sicher kreativer. Soll ich Ihnen was sagen? Ich habe mich noch nie so sehr über ein Rumpeln im Nachbarraum gefreut. Als D wieder zu mir kam, waren laut seinen Angaben weniger als zehn Minuten vergangen. Das glaube ich bis heute nicht. Es tat gut, ihn zu spüren. Seine derben Wolfspranken, seine tiefe Stimme und die liebevollen Küsse fokussierten mich wieder auf das Körperliche. Zum Glück hat er mich nie danach gefragt, ob mir das Warten gefallen hatte.

Später saßen wir noch vorm Kamin, hörten Musik und D erzählte Geschichten aus seinem Leben: mal übermütig, mal sentimental, dann wieder frech und klug. Das gesamte Wochenende über haben wir das Haus nicht verlassen. Im Grunde hatten wir nichts Erwähnenswertes gemacht, sogar etwas gearbeitet. Aber wir machten das Nichts zusammen. Ich war in einer fremden Stadt, bei einem mir fremden Menschen und ich wollte nicht wieder nach Hause fahren. Also wählte ich einen späten Zug und wir tranken am nächsten Morgen noch in aller Ruhe zusammen Kaffee bevor er mich zum Bahnhof und den Mietwagen zurück brachte. Wir haben sogar noch die sagenumwobene Bockwurst gegessen. Ich möchte allerdings nicht behaupten, dass das jetzt der krönende Abschluss eines romantischen Wochenendes gewesen wäre. D hatte schon auf der Fahrt zum Bahnhof angekündigt, dass er nicht gut darin wäre, sich zu verabschieden und dass er gern auf großartige Abschiedsszenen verzichten würde. Also ließ er mich mit einer angefressenen Bockwurst nach einem schnellen Kuss ohne jegliches Tam Tam in der Bahnhofshalle stehen und rannte davon. Er war spät dran und hatte Sorge, die Mietwagenstation könne schließen bevor er sie erreichen würde. Da lief er davon, ich blieb wie angewurzelt stehen, sah ihm hinterher und war völlig überflutet von meinen Gefühlen. Ich musste gar nicht erst seine Stadt verlassen, um ihn zu vermissen. Gern hätte ich ihm noch irgendetwas hinterher gerufen. Oder wenigstens kurz geheult. Aber was soll ich sagen? Leider hatte ich immer noch eine halbe Bockwurst in der Hand.

05.05.2015 um 18:41 Uhr

NACH HAUSE IN EINE FREMDE STADT

Musik: Mazzy Star

In den drei Tagen bis zum Wochenende telefonierten wir wieder häufiger. Er schien regelrecht aufgeregt zu sein und überlegte sich, was wohl alles noch vorzubereiten wäre und was er für mich kochen solle. Er mietete sogar einen Wagen, um mich vom Bahnhof abholen zu können. „Vielleicht wollen wir ja auch einen Ausflug machen.“ Ich mochte seine kindliche Euphorie. Immer wieder äußerte er Bedenken, es könne mir vielleicht nicht gefallen bei ihm. Ich erkannte ihn nicht wieder und war gerührt. „Mach dir darüber keine Gedanken. Es ist dein Zuhause. Ich bin sicher, dass ich mich wohlfühlen werde. Und wenn nicht, kann ich jederzeit wieder fahren.“ Ehrlich gesagt war ich keineswegs sicher. Ich hatte sogar eine furchtbare Angst. Ich hatte seine unberechenbaren Zustände erlebt. Wie würde sich das äußern, wenn er sich im Schutze seiner eigenen vier Wände aufhielt? Wäre ich ihm gänzlich ausgeliefert? Ich versuchte meine Bedenken beiseite zu schieben und er machte es mir sehr leicht. „Oh, ich muss noch hier aufräumen und dies ordnen und das verändern. Es ist mir wichtig, dass es dir gut geht bei mir. Magst du Klöße? Magst du Hühnchen? Ich würde gern für dich Klöße machen.“ Das konnte ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Er kocht? So richtig? Das alles entspannte mich. Überhaupt. Er war zauberhaft in seiner Vorfreude und dieser fürsorglichen Art. Vor uns lag ein aufregendes Nikolauswochenende. Endlich Zeit gemeinsam!

Der Zug auf der Fahrt zu ihm war schrecklich überfüllt. Alle saßen wie die Sardinen eng beieinander. Neben mir Familien, die zu Ausflügen aufbrachen und Gruppen von Jugendlichen, die noch am Samstag in ihren Schulaufzeichnungen blätterten. Ich fühlte mich seltsam ertappt in meinem Glückszustand. Es gelang mir beim besten Willen nicht, die ernsten Mienen der Mitreisenden mit einer ebenso ernsten Miene zu erwidern. Eigentlich hätte ich arbeiten müssen, aber der Platz reichte nicht aus, um den Laptop auszupacken. Also begnügte ich mich damit, ein paar Skizzen in mein Notizbuch zu zeichnen. Mit jedem Meter, den ich D näher kam, wurden die Zeichnungen detaillierter, fantasievoller. Fast schien es mir als ob die Tusche von selbst ihren Weg aufs Papier fand, ich nur Zuschauer war. Das musste sie im Grunde auch. Mein Kopf war bereit bei D. Ich stellte mir vor, dass ich auf Geschäftsreise wäre und nach Hause fuhr. Plötzlich hatte ich Angst er könne mit Blumen am Bahnhof stehen. Ja, natürlich wäre das romantisch gewesen, aber auch furchtbar klischeehaft! Ich wollte diesen seltsam verkorksten Zausel, nicht einen Mann, der sich verbiegt. Als ich mit klopfendem Herz am Bahnhof in seiner Stadt ausstieg, waren meine Bedenken wie weggeblasen. Da wartete überhaupt niemand auf mich. Oh Hilfe! Würde er überhaupt kommen oder hatte er sich in den letzten Tagen einen grausamen Spaß erlaubt? Ich beruhigte mich mit dem Gedanken, dass die Züge stündlich zurück fuhren und er im schlimmsten Fall gar nicht erfahren würde, ob ich überhaupt da gewesen war. Ich lief das Bahngleis entlang, später nach unten in die Halle. Die Architektur des Bahnhofes war sehr streng. Ich konnte mich nicht entscheiden, ob ich es militärisch oder majestätisch finden sollte. D und dieser Bahnhof hatten wirklich einiges gemeinsam. Mit einem entscheidenden Unterschied: der Bahnhof war da! Ich lief betont langsam durch die Ladenzone. Alle Ausflügler und die Halbwüchsigen aus dem Zug hatten längst den Bahnhof verlassen, als mein Telefon klingelte. Mit hektischer Stimme erklärte mir D, dass er gleich da sein werde. Ich solle am Ende der Einkaufsstraße in einem Lokal auf ihn warten. Er würde mich dort abholen. Kurze Zeit später standen mein Koffer und ich vor besagtem Lokal neben einem Aufsteller, der Schnitzel anpries. Ich musste kichern. D hatte immer erzählt, dass es hier im Bahnhof die besten Bockwürste geben würde und dass er daran fast nie vorbei käme. Ob Bockwürste schön machen? Ich esse fast nie welche und schrieb sie auf meine imaginäre To-Do-Liste für das Wochenende. Ich konnte nicht still stehen während ich da auf ihn wartete. Er schien gestresst und ich hatte keine Ahnung, was mich erwarten würde. Ich lief ein paar Meter auf und ab, behielt meinen Koffer aber immer im Auge. Ich wollte wirklich nicht, dass irgendwer ihn aus Sicherheitsgründen in die Luft sprengte. Irgendwann öffnete sich die große Eingangstür und D stürzte mit finsterer Miene ins Gebäude, direkt an mir vorbei in das Ecklokal. Seine schwarze Mütze hatte er wie immer tief ins Gesicht gezogen, aber er kann mich doch unmöglich übersehen haben! Ich habe nie verstanden, warum er ständig Mützen trug. Er sagt immer er habe ein Mützengesicht. Das stimmt auch, aber ohne erkennt man erst seine feinen Gesichtszüge. Ich musste kurz an den Moment im Hotelzimmer denken, als wir nackt am Fenster standen und ich ihn zum ersten Mal ohne diese blöde Mütze sah und ihm direkt durch die dichten Haare wuscheln musste. Ein unfassbarer Moment! Das Gefühl für diesen Menschen war viel früher da und in diesem Augenblick erkannte ich, wem dieser Rausch gewidmet war. Hach. Noch bevor ich überlegen konnte, ob ich D in das Lokal folgen sollte, kam er bereits zurück. Dann stand er mir gegenüber. Sein Blick sagte mir, dass er unsicher gewesen war, ob ich wirklich kommen würde. Ich spürte seine Erleichterung und gleichzeitig die Aufregung in seiner Umarmung. Und dann starteten wir etwas holprig in das Wochenende. „Komm, wir müssen uns beeilen. Ich stehe im Parkverbot.“ Er griff meinen Koffer und wir flüchteten aus dem Bahnhof und fuhren mit dem Mietwagen davon. Da war es wieder: mein debiles Grinsen. Ich war happy! Und froh, dass D den Wagen beherrschte. Es gibt kaum etwas Schlimmeres als Männer, die nicht Autofahren können. Aber er machte das sehr souverän und legte während der Fahrt immer wieder seine Hand auf mein Knie. Ich sah ihn von der Seite an. Großartig! Wir fuhren stadtauswärts, ab und zu erzählte er kleine Geschichten aus seiner Vergangenheit, zeigte mir seine Schule. Ich sah ihn da als kleinen Jungen über den Schulplatz laufen und stellte mir vor, wie es wäre, selbst einen kleinen D zu haben. Er unterbrach meinen gedanklichen Ausflug: „Wir müssen noch einkaufen. Ich habe zu viel Zeit mit Aufräumen verbracht und das nicht mehr geschafft.“ Normalerweise verabscheue ich Einkaufen, aber mit ihm an meiner Seite war das etwas anderes. Ich wollte ihn so gern in allen möglichen Situationen erleben. Es war einfach schön, mit ihm unterwegs zu sein. Irgendwie sehnte ich mich nach so ein bisschen Normalität. Er war mein Mann! Außerdem verschaffte mir dieser Umstand noch etwas mehr Zeit, um bei ihm anzukommen, bevor wir in seine Wohnung fuhren. D hielt vor einem der luxuriösen Supermärkte. Wie hätte es anders sein können? Ich wusste, dass er immer so knapp bei Kasse war, dass er normalerweise nie hier einkaufte, aber für dieses Wochenende sollte alles perfekt sein. Wir liefen durch die Auslagen und luden allerlei Kram in den Wagen, den wir nie verbrauchen würden. „Ich koche.“ sagte er mit verschmitzter Miene. Zwischen den Zeilen stand, dass das auch besser wäre, wenn wir etwas Vernünftiges essen wollen. Wie Zuhause! Mein Vater kochte auch immer. Kurz vor der Kasse begann D den übervollen Einkaufswagen noch einmal durchzugehen und einige überflüssige Dinge wieder ins Regal zu legen. Dabei machte er sich nicht die Mühe, die Sachen zu sortieren. So kamen die Tomaten zu den Tees ins Regal, was mich einigermaßen stresste, so dass ich froh war als wir endlich an der Kasse standen. Warteschlangen an Kassen sind noch schlimmer als das Einkaufen selbst. In dieser passiven Position wird mir gern mal schlecht. Da erregte eine Selbstbucherkasse meine Aufmerksamkeit. „Das will ich machen! Da kann man selbst scannen. Das wollte ich schon immer mal.“ D ließ sich darauf ein und wir begannen unsere Waren einzeln unter den piepsenden Scanner zu halten. Alles dauerte ewig, immer wieder spuckte das System Fehlermeldungen aus. Die Menschen, die hinter uns in der Schlange gestanden hatten, waren inzwischen längst daheim. Wir kämpften immer noch mit dem Scanner. Ich musste schrecklich lachen und D wurde ungeduldig. Als wir endlich die Einkäufe im Wagen hatten und im Auto saßen, wurde D entspannter und ich wieder aufgeregt. Jetzt würden wir zu ihm fahren. Er parkte den Wagen in einer dörflich wirkenden Gegend. Obwohl das offenbar die Hauptstraße des Ortes war, begegnete uns kein Auto mehr. Es dämmerte bereits. Wir luden unsere Habseligkeiten aus und liefen schwer bepackt ein Stück die Straße hinunter und dann quer über einen Hinterhof bis zu seiner Haustür. Er schloss auf und wir traten ins Treppenhaus. An diesem Ort schien die Zeit stehen geblieben zu sein. Die alten Kacheln an der Wand, das dunkle Holz der Wohnungstüren und der Geruch von Dachboden erinnerten mich an das Haus meiner Tante, die inzwischen schon viele Jahre tot war. Als ich Kind war, hatten wir sie oft besucht und ich war gern bei ihr gewesen. D und ich liefen bis ganz nach oben unters Dach und standen nun direkt vor seinem Reich. Mein Herz klopfte als ich eintrat.

IN SEINER WELT

Ich brauchte kaum mehr Zeit als für zwei Atemzüge um zu wissen, dass ich mich bei ihm wohlfühlen würde. Noch hatte ich kaum etwas von den Räumen gesehen und trotzdem stellte sich direkt Erleichterung ein. Neben einer alten Kommode im Flur standen seine Schuhe. Ausgewählt und gepflegt. Ich wusste, dass er sich viel Mühe mit dem Aufräumen gemacht hatte, mein kleiner Chaot, also zog ich meine Stiefel aus und stellte sie neben seine. Er führte mich in die Küche, die von einem dunklen Esstisch dominiert wurde. Wir stellten die Einkäufe ab. „Sieh dich in Ruhe um!“ Er küsste mich auf die Stirn. Seine Hände zitterten. Also trat ich meine Entdeckungsreise an, während er die Einkäufe im Kühlschrank verstaute. Die Wohnung hätte nicht besser zu ihm passen können. Alle Wände waren weiß, dazu ein dunkler Holzboden und Deckenbalken. Nahezu alle Möbel schienen eine Geschichte zu haben. Der Wohnraum war mehr eine Bibliothek als alles andere. Die Regale quollen über von schön gebundenen Büchern und allerlei altem Plunder wie Lampen, Kerzenständern, Bildern und sogar Kuckucksuhren. Das weiße Sofa wirkte dazwischen fast befremdlich. Neben der Anlage fand sich eine riesige Musiksammlung. Und direkt vor dem Kamin sein Lieblingssessel, daneben ein kleiner runder Tisch, der den Eindruck machte, als hätte man früher oft Tee und Gebäck auf ihm serviert. Im Schlafzimmer stand ein altes Eisenbett, direkt darüber ein schwülstiger, gold gerahmter Spiegel, der mir ein Kichern entlockte. Ich holte meinen Koffer aus dem Flur und legte ihn auf die Truhe im Schlafzimmer. Im Koffer kramte ich nach einem roten Umschlag, auf den ich Ds Namen geschrieben hatte. Nachdem ich ihn gefunden hatte, platzierte ich ihn zwischen all den Büchern im Regal. D hatte mich die ganze Zeit in Ruhe ankommen lassen und als ich wieder in die Küche trat, fragte er mich, ob ich etwas trinken wolle. Ich nickte und er öffnete eine Flasche Wein. Ich umarmte ihn. Er sah mich fragend an, wirkte angespannt. „Was sagst du zur Wohnung?“ Ich war völlig verblüfft. Er machte sich tatsächlich Sorgen. Wie ein kleiner Junge! Was war nur aus dem überheblich souveränen Schnösel geworden? Ich versuchte ihn zu beruhigen. „Merkst du das nicht? Ich bin ganz ruhig. Alles ist so, wie ich es mir vorgestellt hatte.“ Er reichte mir ein Glas Wein, wir tranken einen Schluck bevor er mir das Glas direkt wieder aus der Hand nahm und abstellte. Dann nahm er mein Gesicht in seiner Hände und küsste mich. Damit war ich wieder das kleine Mädchen. Mit weichen Knien. Ich umarmte ihn so fest ich konnte und war einfach nur glücklich. Wir setzten uns an den Tisch, rauchten und tranken mehr Wein. Ich war völlig überflutet und er kommentierte mein Gehabe mit: „Sieh mich nicht so verliebt an! Ich habe dir immer gesagt, dass du dich nicht verlieben sollst.“ Für diesen Augenblick interpretierte ich diese Aussage als Versuch, seine liebevoll unterwürfigen Gesten der vergangenen Tage und Stunden zu kompensieren und nahm sie nicht weiter ernst, zumal er mich auch nie vorher darum gebeten hatte, mich nicht zu verlieben. Erst viel später sollte ich begreifen, wie ernsthaft das gemeint war. An diesem Wochenende war ich froh, dass er sich zu entspannen schien und wieder seine dominante Art an den Tag legte. Dabei war er ein ausgesprochen guter Gastgeber. „Komm, ich mach dir den Kamin an. Setz dich da auf meinen Lieblingsplatz.“ Irgendwann loderte das Feuer, Musik lief und brachte mir Getränke. Während dessen bereite er ein Abendessen für uns. Ich war so aufgekratzt, dass ich keinerlei Hunger spürte. Er aß, ich stocherte im Essen und sah ihm zu. Ich mochte es, mich um den Abwasch zu kümmern, so als ob ich an diesem Ort, zu ihm gehören würde. Er stand hinter mir und schob meinen Rock nach oben. „Dreh dich um.“ Ich folgte seiner Anweisung. Von meinen nassen Händen fielen Tropfen auf den Boden. Er küsste mich, drückte mich anschließend vor sich auf die Knie. Er war fordernd, wild und ich hatte inzwischen verstanden, worauf es ihm ankam, was ihn erregte. Sie dürfen jetzt gern lachen! Anfangs fand ich es echt befremdlich. Klar hatte ich diese Art von Blowjob schon in Filmchen gesehen, konnte mir aber nie vorstellen, wie das gehen soll. Der Mund hat nun mal nur eine bestimmte Tiefe! Das ließ D als Antwort allerdings nie gelten. Naja, nach etlichen Erstickungs- und Würganfällen wurde meine Technik etwas ausgereifter und ich begann, es zu genießen. Was daran schön sein soll? Na, das ist leicht zu beantworten! Zum einen überschreitet man eine Grenze und es zwingt einen, den Kopf komplett auszuschalten. Wer nachdenkt, hat verloren. Jetzt fragen Sie aber bitte nicht, wofür das wieder gut sein soll! Hören Sie mal! Der Kopf bringt Hemmungen, die man beim Sex wirklich nicht brauchen kann. Zum anderen ist das Spiel zwischen Dominanz und einer mit der Erregung wachsenden Abhängigkeit unbeschreiblich aufregend. Geradezu göttlich diesen Menschen so vor sich zu haben! Irgendwann zog er mich zu sich nach oben. „Ich will dich ganz für mich. Du gehörst mir. Komm!“ Ich musste seinen Plan durchkreuzen. Mir war dringend nach einer Dusche. Er gab mir zehn Minuten. Die reichten. Dann nahm er meine Hand, führte mich ins Schlafzimmer und legte mich aufs Bett. Ich wagte nicht, mich zu rühren. Er hauchte meinen Namen und grub seinen Kopf in meinen Körper. Gänsehaut! Seine Küsse waren sanft und ehrfürchtig, dann immer fordernder, intimer, feuchter. Zwischendurch schlug er meine Arme nach oben über den Kopf und band sie am Bett fest. Dann trat er einige Schritte zurück und betrachtete mich. Mein Körper war komplett angespannt. Ich wollte ihn spüren. Er wusste das genau, genoss die Situation und ließ mich fast unerträglich lang zappeln. Dann trat er wieder näher, beugte sich über mich, küsste mich. „Ich möchte, dass du mir so zur Verfügung stehst. Ich werde dich hier immer wieder festbinden und du musst darauf warten, dass ich zu dir komme, um dich zu benutzen.“ Er sagte das fast  liebevoll, so dass ich ihn gern umarmt hätte, um ihm zu sagen, dass ich alles für ihn tun würde. Stattdessen konnte ich nur zusehen, wie sein schöner Mund wieder über meinen Körper wanderte. Es gab nichts zu denken und nichts zu zweifeln. Ich wusste, dass er sich nur nahm, was er für sich wollte und ich es ohne Widerworte hinnehmen musste. Oxytocin! „Fick mich!“ flehte ich ihn an. Er griff nach meinen Waden, drückte beide Beide nach oben neben meinen Kopf und erlöste mich endlich. Seine Stöße waren so kraftvoll, dass meine Füße immer wieder gegen das stählerne Betthaupt schlugen. Ich war ihm ausgeliefert und er ganz bei sich. Und bei mir. Er sah mich zwischendurch an, strich mir über das Gesicht. Ich erkannte die Begierde in seinen Augen. Dann zog er sich wieder zurück und löste meine Handschellen. „Dreh dich um!“ Ich umgriff meine Handgelenke, die leicht schmerzten und drehte mich auf den Bauch. Er ergriff meine Arme und fesselte mich erneut ans Bett. Ab diesem Moment konnte ich ihn nicht mehr beobachten. Aber die Gewissheit, dass er es war, der mich berührte, steigerte meine Erregung weiter. Manchmal erhaschte ich einen Hauch seines Geruches oder vernahm seine warme Stimme. Mit keinem Menschen auf der Welt hätte ich tauschen wollen. „Ich werde dich jetzt in deinen schönen Arsch ficken.“ Seine Erregung war so ansteckend, dass ich die Schmerzen ignorierte. Er wurde derber, umschlang mich mit seinen Armen, hauchte erneut meinen Namen und fragte: „Liebst du mich?“ Niemals hätte ich in diesem Rausch etwas anderes antworten können als, dass ich es tue. Weil ich es fühlte. Irgendwann drehte er mich wieder auf den Rücken und befahl mir: „Streck deine Zunge raus!“ Entspannung.

Erst Tage später gestand ich ihm, wie erregend das alles und speziell dieses Ende für mich gewesen war. D war freudig überrascht: „Ich hatte Sorge, es könnte dir zu wenig sein.“ Was? Ist das die Angst der Männer? Ernsthaft? Hätten Sie das gedacht? Ich dachte nur wir Frauen würden uns mit solchen Komplexen rumschlagen und uns sorgen, die Brüste wären nicht groß oder der Po nicht stramm genug. Meine Güte! Ein bisschen musste ich mir das Kichern verkneifen. Sowas!

Er umklammerte mich und wir fielen in einen kurzen Schlaf. Später plauderten wir noch vorm Kamin, tranken Wein und waren einfach nur begierig darauf, viel mehr vom anderen zu erfahren. Neben ihm einzuschlafen, fühlte sich ganz selbstverständlich an. Er war mein Zuhause.

01.05.2015 um 12:22 Uhr

DING DONG. WER LÄUTET DA?

Alle meine Fragen nahm ich mit in die darauffolgende Woche. Die Sehnsucht nach diesem einen Menschen nagte so entsetzlich an meiner Konzentrations- und Leistungsfähigkeit, dass ich viele wichtige Dinge einfach prokrastinierte. Mein Kopf war nur bei ihm und er immer weniger bei mir. Unsere Telefonate wurden seltener und die Momente, in denen er das Telefonat, wie eigentlich bereits etabliert, mit „Hallo geliebtes Wesen“ eröffnete, wurden eine Rarität. Ich fand keine Mittel, irgendetwas daran zu ändern. In den letzten Wochen war ich seine ständige Begleiterin, nahm teil an jedem Schritt, jedem Gedanken. Jetzt lähmte er mich immer wieder mit überraschenden Neuigkeiten. Plötzlich war er verreist, besuchte seine Mutter. Ich war misstrauisch. Und dann berichtete er mir in unseren abendlich-nächtlichen Gesprächen vom Leben seiner Mutter und dass er froh wäre, sie jetzt unterstützen zu können. Das öffnete mein Herz noch mehr. Er sprach über Werte und über Beziehungen generell. Jedes Wort traf mich, jedes hätte ich sofort unterschrieben. Manchmal war er das Kind, das sich um die Mutter sorgte, manchmal auch ihr Beschützer. Dabei hatte er selbst als Kind bei ihr nur recht wenig von dem bekommen, was ich ihm gewünscht hätte. Ich weiß nicht, ob er sich uneingeschränkt geliebt fühlen konnte, so wie es für jeden Menschen essentiell ist, um gedeihen zu können. Das alles verwunderte mich zunehmend. Ich fand ihn immer wieder suchend. Fast sehnsuchtsvoll. Nach seiner Mutter, nach der Geborgenheit, die der als Kind vermisst haben musste. Glauben Sie bitte nicht, dass er jemals nur ein einziges Wort dazu gesagt hätte. Nein, das alles ist rein meine Interpretation. Das ist das Gefühl, welches an mir kleben blieb, nachdem er mir aus seinem Leben erzählt hatte. Hinzu kommen die Momente, die ich selbst mit ihm erlebt habe. Momente, in denen ich unsere Nähe wachsen spürte, ihm meine Hingabe offenbarte und er sich überrannt fühlte und zurückzog. Jedes Mal waren es Augenblicke, für die man sterben würde, in denen der Körper kurz davor ist, aus sich heraus, ohne Musik, ohne Drogen, ohne alles, Endorphine auszuschütten. Einfach nur aufgrund des Maßes an Emotionen, an Zuversicht, an Verbundenheit. Wie ein wütendes Kind zerschlug D diese kostbaren Augenblicke mit unangebrachten Späßen. Er wurde zu einer unantastbaren Porzellanfigur, die man nur von weitem bewundern durfte, ohne ihr jemals zu nah kommen zu dürfen. Jede Nähe barg Gefahr. Und D hatte Angst vor mir. Meine Zuwendung war ihm unangenehm. Damit konnte er nicht umgehen. Nächtelang zermarterte ich mir den Kopf über diesen Menschen und was wohl in ihm vorging. Ja, Sie werden sagen: „Er liebt dich einfach nicht.“ Und ich antworte Ihnen darauf: „Das geht Sie verdammt nochmal nichts an! Sie wissen nichts! Ich weiß, dass ich so nah bei ihm war, wie man es sein kann. Basta!“ Es spielt keine Rolle, wie dauerhaft ein solches Gefühl ist. Das Rätsel um seine Person und seine Unantastbarkeit, gepaart mit seinen gelegentlichen kindlich romantisierten Ausführungen über Liebe, Partnerschaft und das Gefühl von Zuhause trieben mich in den Wahnsinn. Ich musste ihn wieder sehen! Auf die Woche folgte ein Wochenende, das er immer noch bei seiner Mutter verbrachte. Ab und zu schickte er mir Bilder von ihr und sich. Es war bemerkenswert, welche Marotten er da ertrug. Ich machte mich lustig über die Freizeithosen, die sie ihm besorgt hatte und die er ohne Widerrede trug. Es war erstaunlich, was er ihr zuliebe alles hinnahm, über welche Schatten er sprang. Dabei ist er so ein stolzer Mann, der peinlichst genau darauf achtet, nichts von seiner Männlichkeit einzubüßen. Niemals. Aus Prinzip zieht er sich keine Jacke über, wenn er zum Rauchen vor die Tür tritt. Er zittert lieber wie ein Aal, im Idealfall noch ohne Schuhe. Das kann man für völlig bekloppt halten oder man fragt sich, woher das kommt. Ich frage mich das und außerdem, warum er bei seiner Mutter plötzlich so anders war. Wie ein Deckchen. Ich glaube er ist gern noch einmal Kind und versucht das Gefühl zu erhaschen, doch geliebt zu werden. Aber was ich glaube, ist völlig irrelevant. Alles kann ganz anders sein und trotzdem weckt das alles das Bedürfnis in mir, ihm all diese Liebe zu geben, die er gar nicht ertragen kann. Ich suchte nach Wegen zu ihm. Und dann endlich hatten wir ein Treffen vereinbart. Nach 9 endlosen Tagen, an einem Dienstag, wollte er zu mir kommen. Aber so einfach war das nicht. Jedes unserer bisherigen Treffen war eine fabelhafte Inszenierung. Wir konnten uns nicht einfach sehen, etwas essen und reden. Ausgeschlossen! Genau genommen war es so: Ich hätte gekonnt. Und ich hätte genau das auch gewollt. Aber D konnte nicht. Also ließ ich ihn inszenieren. Er sagte mir nur: „Du weißt nicht, wer zu dir kommt. Lass dich überraschen.“ Natürlich schlägt dann mein Herz höher! Es ist ein Spielerherz! Das alles regte meine Fantasie an. Ich bat ihn, nach Möglichkeit seine Lesebrille zu tragen. Nur ein einziges Bild hatte ich von ihm mit Brille gesehen. Unglaublich sexy! Ich war schrecklich aufgeregt und sehnsüchtig an diesem Dienstagabend. Dann läutete es.

Ich öffnete die Tür. Draußen stand ein großer Mann mit Brille. (Ha, wer hätte das gedacht!) „Ja, bitte?“ Er fragte mich nach meinem Namen, den ich ihm bestätige. Er stellte sich und seine Funktion als Gerichtsvollzieher vor und bat aus Diskretionsgründen darum, eintreten zu dürfen. Mein Herz raste, ich bat ihn in die Wohnung. Er lief mit einem Klemmbrett durch die Räumlichkeiten, erläuterte mir, dass er sich hier umsehen müsse, um eventuelle Werte zu erfassen. Gelegentlich notierte er etwas in seinen Formularen, stellte Fragen nach meinem Vermögen und eventuellen Besitzen. Schließlich bat ich ihn, doch erst einmal Platz zu nehmen und mir zu erklären, worum es eigentlich ginge. Er legte ab und setzte sich auf die Couch. „Ich hole mir ein Glas Wein auf den Schreck. Sie dürfen ja sicher im Dienst nichts trinken?“ Er antwortete: „Das ist schon ok. Ein Glas Wein würde ich nehmen.“ Ich reichte ihm das Glas und setzte mich ihm gegenüber auf einen Stuhl. Er war unglaublich streng und erklärte, dass meine Mietschulden das Problem wären und er zu einer Prüfung der Umstände abgeordnet wäre. Mein Schicksal hinge nun an seiner Beurteilung. Er habe bereits festgestellt, dass die Wohnung keinerlei Wertgegenstände beinhalte. Ich solle offen mit ihm sein und ihm alles anbieten, was ich habe. Ich war starr vor Entsetzen. Es fühlte sich echt an. Er machte das unfassbar überzeugend. Trotzdem fiel es mir schwer, in meiner Rolle zu bleiben. Ich konnte ihn riechen. Er war zum Greifen nah, direkt vor mir. Jedes Wort, das ich höre, kam aus diesem unsagbar schönen Mund, den ich so gern geküsst hätte! Ich war zutiefst verunsichert. Was sollte ich ihm anbieten? Besser: was durfte ich ihm anbieten? Wie plump durfte ich sein? „Ist es üblich, dass Sie um diese späte Uhrzeit zu Besuchen unterwegs sind? Ich bin doch recht überrascht. Sie sehen ja, dass ich nichts besitze. Hier nicht und auch auf keinem Konto. Ich habe nichts anzubieten.“ Sein Blick war immer noch streng. Wieder notierte er etwas. „Gut, dann muss ich das leider so vermerken. Kommenden Montag wird dann die Wohnung komplett gepfändet.“ Ich stand auf und stellte mich vor ihn. „Vielleicht können wir darüber noch einmal in Ruhe sprechen. Vielleicht möchten Sie auch einen Wodka mit mir trinken und eine Zigarette rauchen?“ Er nickte zustimmend und ich holte zwei Gläser. Wir setzen uns auf den Balkon, ich bot ihm eine Zigarette an und der Wodka rann unsere Kehlen hinunter. Am liebsten hätte ich das Spiel auf der Stelle abgebrochen, ihn geküsst, umarmt und nie wieder losgelassen. „Kann ich Sie denn nicht irgendwie umstimmen?“ „Sie müssen mir schon irgendetwas anbieten.“ „Ich habe doch nichts. Nur mich.“ „Gut, dann schauen wir uns das mal an.“ Er öffnete die Balkontür und drängte mich zurück in den Raum. Plötzlich wechselte er zum du. „Zieh dich aus!“ Ich stand vor ihm und schob langsam meinen Rock nach oben. Seine Miene blieb unverändert als betrachte er sachlich einen beliebigen Wertgegenstand. Der Rock fiel zu Boden und ich öffnete Knopf für Knopf meine Bluse. Ich tat noch einen Schritt auf ihn zu, nahm seine Hand und legte sie mir auf den Bauch. „Wie gefällt Ihnen das?“ Er lehnte sich wieder auf dem Sofa zurück und befahl mir, den BH auszuziehen. Als ich dann halbnackt vor ihm stand, erhob er sich, sah mir tief in die Augen und strich sanft über meinen Busen. „Komm, wir gegen nach nebenan!“ Er ging vor. Im Flur blieb er stehen, um seine Schuhe auszuziehen. Als er sich wieder nach oben beugte und vor mir stand, konnte ich nicht anders, als ihn zu umarmen und laut zu seufzen. Ich strich ihm über die Wange, küsste ihn sanft. „Hallo! Da bist du ja endlich. Ich habe dich so vermisst.“ Er lächelte und küsste mich leidenschaftlich. „Du kannst nicht in deiner Rolle bleiben.“ „Nein, das kann ich nicht. Die Sehnsucht ist zu groß, dir nah zu sein.“ In dieser Nacht hatte ich wilden Sex mit zwei Männern, abwechselnd mit D und dem gnadenlosen Gerichtsvollzieher. Als ich am nächsten Morgen aufwachte, war glücklicherweise nur noch einer der beiden in meinem Bett: der, an dem mir das Herz hing. An diesem Tag musste ich ins Büro und wir hatten wieder viel zu wenig Zeit für einander. Bislang hatten sich alle Begegnungen in meiner Stadt, in meiner Wohnung abgespielt. Ich hatte immer Angst, mich ihm zu sehr auszuliefern in einer mir fremden Umgebung. Aber jetzt war ich soweit. Ich wollte auch wissen, wo und wie dieser Mensch lebt. Er war glücklich über mein Angebot, ihn am Wochenende zu besuchen. Und ich erst!  

28.04.2015 um 21:30 Uhr

KATERSTIMMUNG

Am nächsten Morgen neben ihm aufzuwachen war unglaublich. Ich hatte schon ein paar Mal in der Aufwachphase neben mich geschaut, sah ihn da schlafend liegen und war beseelt vom Anblick, dem Wissen um seinen klugen Kopf und die Ruhe, die ich an seiner Seite empfand. Vorher und auch später gab es nie einen Morgen, an dem ich zweifelte oder irgendwelche Fluchtinstinkte entwickelte. Mein Körper vibrierte immer ein ganz klare Ja! Ich weigerte mich, das seltsame Bauchgefühl, das mich am Vorabend so verunsichert hatte, noch einmal anzuschauen. Ich wollte einfach nichts wissen von dieser Unberechenbarkeit, Fremdheit und angsteinflößenden Dominanz. Im vollen Bewusstsein, dass man mit diesem Menschen niemals ein leichtes und harmonisches Leben haben kann, kamen keine Zweifel auf. Sagen wir so: ich ließ sie nicht kommen. Ein Lächeln von ihm reichte, um ihn wieder als den Menschen zu erkennen, der mich so gefangen genommen hatte. Alles war überformt vom Gefühl der Verbundenheit und der Idee des gemeinsamen Wahnsinns. Alles darf gern seltsam sein, verschoben, unverständlich nach außen hin. Wichtig war einzig und allein die Gewissheit, dass wir uns wollten. Er war mein sicheres Territorium auf dieser Welt und ich das seine. Ist das nicht herrlich kitschig? D sagt immer, dass Liebe auch gern kitschig sein darf. Also! Ein Morgen für die Geschichtsbücher! Gut, ich hätte wirklich gern auf meinen schmerzenden Schädel und die höllische Alkoholfahne verzichtet. Als ich später an einem Spiegel vorbei kam, war ich auch recht froh, dass ich ihn da im Schlaf beobachtet hatte und nicht anders herum. Man wird einfach nicht jünger! Da musste ich erstmal mit Makeup erste Hilfe leisten. Viel half es nicht, aber ich war zu gespannt auf die Begegnung meiner Schwester mit D, um da noch weitere Cremes und Co aufzutragen. Sie waren sich auf der Party nur kurz begegnet und ich fürchte alle miteinander waren wir viel zu betrunken, um überhaupt ein Bild vom Gegenüber entwickelt haben zu können. Aber jetzt gleich würden diese zwei Welten aufeinander prallen: einerseits mein geheimes und aufregendes Leben mit D, das jegliche Grenzen überschritt, die es zu überschreiten gab und andererseits mein familiäres Leben, mein Zuhause, mein sicherer Pol in Form meiner Schwester. Beide wussten um die Bedeutung der jeweils anderen Welt für mich. Vermutlich aus genau diesem Grund passierte im Grunde überhaupt nichts, als wir uns zu dritt in der Küche trafen, um Kaffee zu trinken. Meine Schwester, Zoe, bemühte sich um Normalität. Sie reichte D eine Tasse, goss Kaffee aus, ohne ihn sonderlich zu taxieren. Sie stellte keine neugierigen Fragen und verkniff sich seltsame Kommentare ala: „So, so, du bist also D.“ oder „Ich hab schon viel von dir gehört.“ Puh. Natürlich kannte sie meine Gefühle für ihn und ebenso meine Zweifel, vor allem in Bezug auf seine Frau. Ah! Ich hasse es, das auszusprechen. Aua! Aber für Zoe schien D jetzt eben dazu zu gehören. Keine fragenden Blicke, kein überfreundliches Gehabe. Sie erzählte ein paar kleine Episoden vom Vorabend, aber ein Gespräch entwickelte sich nicht. D schwieg. Mehr als ein gelegentliches Grummeln war aus ihm nicht heraus zu bekommen. Das alles machte mich nervös. Ich fühlte mich plötzlich unwohl. Die Chemie stimmt nicht. Ich konnte nicht untätig zusehen, wollte moderieren, witzig sein, um die Situation zu retten. Aber ich war schlichtweg überfordert. Also schmierte ich Brote fürs Frühstück. In mütterlicher Manier. D blieb gänzlich untätig. Später saßen wir auf dem Balkon und aßen die Brote. Er schwieg weiter, völlig in sich gekehrt. Ich glaube er kannte meine Hoffnung, dass Zoe ihn als klugen Menschen erleben sollte. Diese Erwartung war zu viel für ihn. Später würde er über diesen Morgen sagen, dass er einfach nur müde war. Das ist Unsinn. Er weigert sich einfach, jegliche Erwartungen zu erfüllen. Ich war enttäuscht und einfach zu breit, um etwas daran zu ändern. Also verabschiede sich Zoe, um die Heimreise anzutreten, ohne auch nur einen Hauch des Mannes erlebt zu haben, den ich so bewunderte. Vor mir lag noch viel Arbeit an diesem Tag. Die Partylocation hatte zuletzt ausgesehen wie ein Schlachtfeld. Also nahm ich erst einmal eine Dusche. Trotz aller Müdigkeit spürte ich eine große Sehnsucht. Gleich würde sich auch D verabschieden. Ich hatte ihn kaum gespürt. Er war verändert. Fremd. Still. Ich hatte ihn allen meinen Freunden vorgestellt und kam ins Grübeln. Der schöne Zauber lag auf Eis. Und ich hatte keinen Feuerwerfer zur Hand. Ich wollte es auch gar nicht erzwingen. Immer wieder trat mir der Gedanke an seine Frau mit Schwung in die Magengrube. Kannte ich diesen Menschen überhaupt? Meine Intuition schwieg. Als ich in ein Handtuch gewickelt wieder aus dem Bad kam, war er wieder da: dieser schöne Mensch, der mich zärtlich auf die Stirn küsste und mir zu verstehen gab, dass es Zeit wäre, wieder ins Bett zu gehen. Eigentlich war es für mich dringend Zeit, zu Elli zu fahren und mit ihr aufzuräumen, was von der Feier übrig blieb. Naja. Sie hätten auch nicht widerstanden! Ich liebe seine Küsse! Erwähnte ich das bereits? Wenn er mich küsst, kann es einfach nichts Wichtigeres geben. Per Gesetz nicht! Seine Nähe, die liebevollen Gesten waren Balsam für meine Seele. In Windeseile entwickelte sich daraus eine starke sexuelle Energie und er wurde immer fordernder. Ich war so geschwächt von der letzten Nacht und den zwiespältigen Erlebnissen, dass ich die devote Rolle gut ausfüllen konnte. Er schien jetzt richtig wach, gierig, verbog mich, wie ihm gerade der Sinn stand und rammte mir seinen Schwanz in den Körper. Die Erregung vereinte uns und immer wenn es meine Position zuließ, sah ich ihn an. Mir war danach, sein Gesicht zu berühren, das unter Ekstase einen ganz eigenen Ausdruck annimmt. Aber dann hielt er mich zurück, drehte mich oder schob mir seinen Schwanz tief in den Rachen. Meine Augen tränten, die Mascara lief in schwarzen Fäden an meinen Wangen hinunter. „Ja, du bist mein Mädchen.“ Ich nahm es hin, gierte nach jeder zärtlichen Geste und war nach dem Orgasmus so ermattet, dass ich glücklich in seiner Umarmung einschlief. D ist ein Löffler. Nur selten erträgt er meinen Kopf auf seiner Brust. Ich glaube er würde auf dem Rücken liegend auch furchtbar schnarchen. Also zieht er mich dicht an sich heran, umschlingt mich in Löffelposition mit seinen Armen und hält mich fest. Am liebsten wäre ich einfach so liegen geblieben. Ich hatte viel zu wenig bekommen. Von ihm, von uns. Und da waren so viele Fragen. Und dann musste er gehen.  

RESTALKOHOL UND ÖPNV

Wir packten unsere Sachen, verließen gemeinsam das Haus und fuhren zum Bahnhof. Dort umarmte er mich, ich dankte ihm für seinen Besuch und er stieg aus. Ich ließ ihn so ungern gehen und hatte bis zum Schluss gehofft, dass er einfach bleiben würde. Da wartete nichts und niemand auf ihn. Er hätte einfach mit mir in der Straßenbahn sitzen bleiben können, bei mir sein, mir zeigen, dass meine Ängste unbegründet waren. Und ja, er hätte mich auch mit diesem Moloch an Partyschlachtfeld durchaus unterstützten können. Aber nein. Seine Fluchtinstinkte waren größer. Ich blieb allein in der Straßenbahn zurück, sah aus dem Fenster, döste und grübelte. Ist er unsicher? War ich klar genug? Ich hatte mich doch eindeutig positioniert! Wo war er hin? Wartet da vielleicht doch seine Frau? Welche Dämonen trägt er mit sich herum? Ich war so verbimmelt und in Gedanken verloren, dass ich die Haltestelle, an der ich hätte umsteigen müssen, völlig verpasste. Total wirr stieg ich an der nächsten großen Kreuzung aus, die Anbindung gen Osten hatte. Um zur entsprechenden Haltestelle zu gelangen, musste ich eine Straße überqueren. Ich wartete an der Fußgängerampel als mich ein Schock durchfuhr.

An der gegenüberliegenden Straßenseite stand R. Ich erinnerte mich an den letzten Abend und daran, wie sehr ihn meine Ehrlichkeit, Ds Anblick und unser Kuss direkt vor seinen Augen getroffen haben musste. Da stand es vor mir: mein schlechtes Gewissen – und das so direkt, dass ich ihm nicht mehr hätte ausweichen können. Er hatte mich auch schon gesehen und blickte mich ununterbrochen an. Die Rotphase dauerte ewig. Ich stand da und fragte mich, wie ich ihm begegnen könnte, ob ich überhaupt ein Wort sagen solle. Mehr als ein trauriges Nicken kann man doch da nicht bringen! Ich glaubte nicht, dass er irgendetwas erwidern würde, und wenn, dann sicher nicht freundlich. Dann schaltete die Ampel auf Grün. Ich lief los. Direkt auf ihn zu. Meine Güte! R blieb einfach stehen. Als ich näher kam, erkannte ich, dass er mich anlächelte. „Hey. Was machst du denn hier?“ Er umarmte mich und ich rang nach Worten. „Ich habe gerade meine Haltestelle verpasst und jetzt bin ich hier, muss schauen, wie ich nach Osten weiterfahren kann und treffe auf dich. Dich wird man wohl nicht so einfach los?“ Jetzt mussten wir beide lachen. Er fragte mich, wo ich hin wollte und ich erzählte vom Partymoloch, das aufgeräumt werden wollte. Daraufhin drehte er sich auf dem Absatz um, nahm meine Hand und sagte mit der allergrößten Selbstverständlichkeit: „Komm! Mein Auto steht gleich da vorn. Ihr könnt sicher noch jemanden brauchen, der mit anpackt.“ Die ganze Situation war plötzlich völlig surreal. Gerade noch hatte ich D am Bahnhof geküsst und nun lief ich mit einem anderen Mann Hand in Hand zu seinem Wagen. Es war alles wie im Film. Ich lief einfach mit. Er hatte es so bestimmt vorgetragen und mein Hirn war noch im Halbschlaf und reagierte nicht. Also ließ ich es so laufen und fühlte mich eher als außenstehender Beobachter der Szenerie. Einmal blickte ich ihn an und erfragte, wo er eigentlich gerade hinwollte und ob ich jetzt nicht seinen ganzen Tagesplan durcheinander bringen würde. R antwortete: „Ich wollte nur ein bisschen spazieren gehen. Das ist nicht wichtig.“ Ich wagte nicht weiter zu fragen, was stattdessen wichtig sei. Als ich mit R bei Elli eintraf, staunte sie nicht schlecht. Mir bleib nichts anderes übrig als ihren fragenden Blick mit einem Witzchen zu beantworten: „Tja, das können nicht viele: mit einem Mann die Party verlassen und mit einem anderen zurückkommen.“ Aber nach dieser durchzechten Nacht wurden keine weiteren Fragen mehr gestellt. Auch R fragte mich nichts. Nicht an diesem Abend und auch sonst nicht. Wir schleppten Bierkisten, bauten den Tresen und die Lichtinstallationen ab, entsorgten zerschlagende Gläser, kehrten und wischten. Als alles soweit aufgeräumt war, mussten wir auf Elli warten, die noch mit dem Wagen unterwegs war. Ich war körperlich am Ende, traurig, leer und stand gedankenverloren rum. R kam zu mir und nahm mich in den Arm. Er versuchte, mich zu küssen und ich sagte ihm, dass er das bitte lassen solle. Also standen wir einfach so da und er hielt mich fest. Ich wunderte mich über die Situation und die Möglichkeit, einen Menschen schmerzlich zu vermissen und gleichzeitig die Umarmung eines anderen so hinnehmen zu können. Wie oft im Leben füllte R genau die Lücke, die D aufgerissen hatte. Er war zugewandt, sofort bereit, sein Leben um mich drehen zu lassen, mich zu unterstützen, zu sehen, wenn ich mich verloren fühle und dann einfach da zu sein. Als ich ihm für seine Unterstützung danken wollte, bestand er darauf, mich sicher nach Hause zu bringen. Er setzte mich wieder in seinen Wagen, machte die Sitzheizung an und spielte einen Song, von dem er wusste, dass ich ihn mag. So fuhr er seine Prinzessin durch die Nacht nach Hause. Es war so deutlich zu spüren, dass er darin aufging. Erst als alle Dinge aus dem Wagen nach oben in meine Wohnung getragen waren, fand er Ruhe. Ich war sehr dankbar und bot an, noch ein Glas Wein zusammen zu trinken. Also saßen wir uns am Tresen in meiner Küche gegenüber und ich wartete auf seine Fragen, die nicht kamen. Dabei hatte ich das Bedürfnis ihm zu erzählen, dass sowohl mein Bett als auch mein Kopf von D noch völlig durchwühlt waren. Diese Chance bekam ich nicht und war auch zu müde, mich aufzudrängen. Dafür sah ich die Frage nach einem Wiedersehen in seinen Augen als wir uns verabschiedeten. Drauf hatte ich allerdings keine Antwort.

08.03.2015 um 20:09 Uhr

DAS FEST

Eigentlich hätte ich mich freuen sollen auf unsere Party. Wir hatten einen mit weißen Luftballons gefüllten Raum zum Chillen geplant, der DJ war organisiert, Getränke bereits gekauft. Wir wussten, wie wir die Bar bauen können und wer am Abend dort bedienen würde. Normalerweise versetzen mich diese Vorbereitungsarbeiten in große Vorfreude. In diesem Jahr war alles anders. Ich musste im Büro noch sehr viel abarbeiten und D gab mir Rätsel auf.

PISTOLE AUF DER BRUST

Bis dahin hatte ich das Gefühl, dass wir uns emotional sehr ähnlich wären oder uns zumindest perfekt ergänzten, blind verstanden. Nun spürte ich zum ersten Mal eine Kälte, die ich nicht einordnen konnte. Ich kam mir ziemlich blöd vor – mit einem goldenen Ring an meiner Hand, der ein Geschenk eines verheirateten Mannes war. Aber ich konnte ihn nicht abnehmen. Mein Herz war so voll von Wärme für diesen Menschen, dass ich gerne bereit war, die leisen Töne meines Verstandes zu überhören: Wie kann man einem Menschen sein Leben versprechen und wenige Monate danach einer anderen einen Ring schenken? Warum musst du jetzt um ihn buhlen, ihn fast bedrängen, mit dir zu reden? Würde er sich wirklich melden, wenn du es nicht tätest? – Ich ließ den Zweifeln keinen Raum. Mein Gefühl war so intensiv. Das Herz hat so und so immer das letzte Wort. Da kann der Bauch grummeln und der Verstand durchdrehen. Außerdem hatte mich alles ja selbst total überrannt. Ich hatte ja selbst wenige Monate zuvor noch um Alpha gekämpft und hätte alles für ihn getan. Die Wunden waren noch gar nicht verheilt. Es grenzte eher an ein Wunder, dass ich mich so öffnen und mir ein Leben mit D vorstellen konnte. Unsere Telefonate waren zögerlich. D schien innerlich ruhig zu sein, ich war aufgewühlt. Er bat mich, jeden Kontakt zu Alpha abzubrechen. Ich lehnte ab. Warum? Aus verschiedenen Gründen. Im Grunde gab es kaum Kontakt zu Alpha. Ab und zu schickten wir uns Bilder von Ausstellungen oder schönen Dingen. Wir teilten wenig, aber das Wenige empfand ich als Bereicherung. Es fühlte sich richtig an, diesen kleinen seidenen Faden zu einem Menschen zu behalten, den ich so schätzte. Das alles wäre nie eine Bedrohung für meine Beziehung zu D gewesen. Mein Herz war ganz bei ihm. Seine Forderung empfand ich als Diktat. Es war vor allem die Art, wie er es vortrug. Ich konnte mich gar nicht frei dafür entscheiden, Alpha aus meinem Leben zu verbannen, weil ich es wollte, um D zu schützen, um unsere Nähe zu intensivieren. Er forderte und verlangte Gehorsam. Welchen Wert hätte eine solche Zwangshandlung gehabt? So funktioniere ich nicht. Meine Verweigerung war die Antwort auf seinen Druck. D hätte das verstehen können. Im Grunde funktioniert er ganz ähnlich. Er hasst es, Erwartungen zu erfüllen. Er ist kein Mann, der einem Blumen zum Valentinstag schenkt. Er ist der Mann, der einem beim zweiten Treffen einen Ring n die Hand steckt.

KLÄRUNGSVERSUCHE

Immer wieder bat ich D um Gespräche, hoffte Ruhe zu finden in seinen Antworten. Um keinen Preis wollte ich dieses Gefühl der Verbundenheit wieder hergeben. Ehefrau hin oder her. Ich war doch jetzt sein Mädchen! Seine Antworten waren karg. Seine Frau hätte sich nach der Hochzeit sehr schnell verändert. Alles drehte sich nur noch um Geld. Er hätte keine Gefühle mehr für sie, müsse aber den Kontakt halten, um die Scheidung möglichst reibungslos über die Bühne zu bekommen. Mehr weiß ich nicht. Bis heute habe ich nie ein Bild von ihr gesehen oder auch nur ihren Namen gehört. Ich weiß nicht einmal, ob er ihr seinen Namen gegeben hat. Niemals hätte ich mich getraut, ihn danach zu fragen. Aus Angst vor der Antwort, die ich im Grunde kannte. D ist ein Euphoriejäger. Er lässt sich von den Wellen gern bis ganz nach oben tragen, kostet alles ganz aus. Kompromisse oder halbe Sachen sind nicht sein Ding. Er braucht das Gefühl, absolut einzigartig zu sein. Unverwechselbar, nie austauschbar, uneingeschränkt verehrt und geliebt. Und zwar sofort! Dass er mir zu einem Zeitpunkt begegnete, zu der ich noch einen gewaltigen Rucksack an Vergangenheit zu bewältigen hatte, passte ihm nicht. Das brachte seine Welt ins Wanken. Er hätte mir diesen Rucksack gern abgehackt und ich hätte gern Zeit gehabt, um ihn selbst abzunehmen. Ich hätte auch einfach meinen Mund halten können, aber das wollte ich nicht. Aus Überzeugung. Ich glaube, dass eine gesunde Beziehung derartige Hindernisse aushalten muss. Niemals habe ich einen Zweifel daran gelassen, dass ich ganz bei D war. Wir waren doch ganz am Anfang! Zu diesem Zeitpunkt kannten wir uns gerade einmal drei Wochen. Liebe braucht doch auch Zeit! Einmal sagte ich ihm, dass er die allerbesten Chancen hatte, Alphas Platz einzunehmen. Dumm von mir! D verstand nicht das, was ich ihm damit sagen wollte (weil ich das auch gar nicht formuliert hatte), sondern dass ich Alpha immer noch liebe. Welch ein Eigentor! Und so überflüssig! Mein ganzes Leben drehte sich nur um D. Jeder Gedanke. Am Morgen wachte ich mit ihm auf, abends schlief ich mit ihm ein. Und mit jeder Sekunde dazwischen, vor allem denen, die ich mit D teilte, wuchsen meine Gefühle für ihn. Die Party stand vor der Tür. Ich hoffte so, dass er kommen würde. Ich war bereit, ihn meinen Freunden vorzustellen. Als meinen Freund. Mir war auch klar, dass die Situation für ihn eine kleine Herausforderung darstellte. Auf eine Party zu kommen, auf der man nur einen einzigen Menschen kennt, der auch noch Gastgeber ist und vermutlich von einem Gespräch ins nächste weitergereicht würde. Dort auf den kompletten Freundeskreis zu treffen und begafft zu werden – ich selbst hätte, ehrlicher Weise, gekniffen. D lies es offen.

AUF DIE PLÄTZE. FERTIG. PARTY!

Ich war aufgeregt wie ein kleines Kind. Bis zur letzten Minute hatten wir die Räume ausdekoriert, Getränkekarten gedruckt, das Barpersonal eingewiesen, Lichtinstallationen auf Luftballons platziert. Um ein angemessenes Outfit zusammenzustellen, hätte ich genau einen Tag mehr Zeit gebraucht. Ich hatte also keines und stand ratlos vor dem Kleiderschrank. Sexy sollte es sein, auch elegant und natürlich fantasievoll – so wie es das von uns selbst ausgerufene Motto verlangte. Peinlich! Elli war es genau so ergangen und so beschlossen wir, dass es ok war, uns als Gastgeber kostümtechnisch etwas zurück zu halten. Es wäre auch kein Problem gewesen, einfach nur ein schönes Kleid zu tragen, aber auch das hatte ich nicht. Am Ende zerschnitt ich in Windeseile eine alte Netzstrumpfhose, funktionierte sie zu einem Oberteil um und zog ein banales schwarzes Neckholderkleid darüber. Zusammen mit zerzausten Haaren und roten Highheels gab das zwar noch nichts Ganzes, aber ich musste nicht nackt gehen. Zwei Gläser Wein später fühlte ich mich sogar einigermaßen wohl. Gegessen hatte ich vor Aufregung nicht viel und war entsprechend schnell angeheitert. Die Räume füllten sich zunehmend. Viele der Menschen kannten wir überhaupt nicht. Offensichtlich hatte es sich rumgesprochen, dass die Partys schön waren und so tummelten sich viele Fremde unter den Gästen. Dreimal wurde ich angesprochen, wie ich wohl zu dieser Feierlichkeit käme. Anfangs antwortete ich noch belustigt, dass es ganz einfach wäre und dass es meine Party sei. Später entgegnete ich nur noch, dass ich das selbst auch nicht genau wüsste. Schien Einigen so zu gehen. Egal! Die Stimmung war ausgelassen, die Leute tanzten, ich tanzte mit. Zu fortgeschrittener Stunde tauschte ich die Highheels gegen Stiefel. Das ist mit einem erhöhten Alkoholpegel einfach leichter zu handeln. Gerade hatte ich die roten Schuhe unter dem Tresen verstaut und holte mir noch ein Getränk als ich R unter den Gästen entdeckte. Ich war sprachlos. Er hatte sich trotz Ankündigung meiner Begleitung hierher gewagt. Irgendwie rührte mich das. Es muss ihn einigen Mut gekostet haben. Er umarmte mich herzlich zur Begrüßung. Ich holte ihm ein Bier und wir liefen nach draußen, um am Feuer eine Zigarette zu rauchen. Drinnen war es auch einfach zu laut für ein Gespräch. „Ich musste herkommen. Was hatte ich auch zu verlieren? Und wie ich sehe, hast du doch keine Begleitung?“ Er sah mich erwartungsvoll an. Nein, ich hatte keine Begleitung. Es war schon recht spät und D war nicht aufgetaucht. Das Telefon sagte auch keinen Piep, obwohl ich ihm (angetrunken, wie ich war) mehrfach schrieb, wie schön es wäre, ihn bei mir zu haben. R legte mir seine Jacke um die Schultern, trank einen ersten Schluck. Wir rauchten. Naja, raten Sie mal! Das Schicksal treibt ja gern mal sein Mätzchen mit mir. So auch in dieser Nacht. Noch während dieser ersten Zigarette, betrat auch D die Szenerie. Ich konnte nur seine Umrisse erkennen, wusste aber sofort, dass er es war, der auf uns zukam. Einige Meter von R und mir entfernt blieb er stehen. Verdammter Mist! Wirklich, im letzten Leben muss ich Tiere gequält haben oder sowas! Mein Herz sprang vor Freude, aber ich hatte ja immer noch die Jacke eines anderen um den Körper gewickelt. Was soll ich sagen? Eine Frau muss tun, was eine Frau tun muss! In diesem Fall: ihren Mann begrüßen. Mit den Worten „Jetzt ist er doch da.“ (Unglaublich einfallsreich, nicht wahr?) ließ ich R stehen und lief zu D. Das war eine absolute Pattsituation! Einen von beiden musste ich vor den Kopf stoßen. Und jetzt stand er vor mir! Mein D! Auf meiner Party! Er nahm meine Hände, küsste mich auf die Stirn. „Ich musste kommen. Es war doch klar, wie wichtig dir das ist.“ Ich entnahm seinem Blick auch, dass er nicht sonderlich amüsiert war, mich hier als erstes im Gespräch mit einem fremden Mann vorzufinden. In diesem Moment war mir das völlig egal. Ich küsste ihn, umklammerte ihn ganz fest. „Es ist so schön, dass du da bist.“ Mir war auch egal, dass R das alles hatte mit ansehen müssen. Ich hatte mich ja vorher klar positioniert und würde das auch immer wieder tun! Er musste ja von Anfang an damit rechnen. Ich konnte es auch schlichtweg nicht verhindern. Und natürlich tat R mir leid! Ich erklärte D kurz die Situation und bat ihn, schon einmal vorzugehen und sich etwas zu trinken zu bestellen. Ich würde gleich nachkommen. Gesagt. Getan. D betrat die Lokalität und ich ging zurück zu R. „Es tut mir leid. Meine Begleitung ist da.“ Er nahm es mit Fassung. „Kein Problem. Ich trinke nur noch mein Bier aus, dann gehe ich.“ In meiner Wahrnehmung dauerte dieses Gespräch nicht lange. Er tat mir leid. Sein Mut hatte sich nicht ausgezahlt. Ich hätte ihm gern gesagt, dass ich ihn wirklich gern mag, aber diesem anderen Mann mein Herz geschenkt hatte. Alles wäre falsch gewesen. Ich glaube ich habe nur irgendwelchen Mist erzählt, gab ihm die Jacke zurück, verabschiedete mich und ging zurück zum Haus.

Am Eingang stand D. Er hatte mich genau beobachtet. „Noch eine Minute länger und ich wäre weg gewesen.“ Wahnsinn, so eine Diva! Der Spruch hätte glatt von mir sein können. Ich versuchte ihm zu erklären, wie schrecklich die Situation für R war und dass es mir leid tat, ihm so wehtun zu müssen. Viel Verständnis hatte er nicht. Wir liefen hinein, ich war happy. D an meiner Seite. Wir knutschten, ich tanzte, er sah mir zu, ich stellte ihn meinen Freunden vor. Mit Stolz. Die irritierten Blicke störten mich nicht sonderlich. Im Gegenteil. Nicht dass ich absichtlich vergaß zu erwähnen, dass er krank ist. Es spielte einfach für mich keine Rolle, dass es mir nicht präsent ist. Die Fragezeichen in ihren Augen beantwortete ich mit einem Lächeln. Ja, fragt euch ruhig! Dieser Mann ist so einzigartig und klug. Deshalb gehört er zu mir. Ich war nicht enttäuscht über Kommentare ala: „Du bist viel zu hübsch für ihn.“ Da war nie die Erwartung, dass jemand diese Verbindung verstehen würde. Und für mich war er mit Abstand der schönste Mann des Abends. Später saß ich mit einer lieben Freundin am Feuer und wollte tuscheln. „Und? Was sagst du?“ – „Hmm. Er ist irgendwie düster.“ Schöner hätte ich es auch nicht sagen können, wenngleich es vermutlich gar nicht als Kompliment gemeint war. Meine Welt war in Ordnung. Noch an diesem Morgen würde ich ihm das erste Mal in meiner Wohnung lassen und mein Bett mit ihm teilen. Sie können sich vielleicht vorstellen, wie überdreht ich war! Die Musik war gut, das Tanzen schüttete zusätzlich Endorphine aus. D behielt mich immer im Auge. Er passte auf mich auf. Ein schönes Gefühl! Irgendwann zog mich ein Bekannter zur Seite und bat um ein persönliches Gespräch. Vor einiger Zeit hatte ich versucht, ihm und seiner Partnerin bei der Bewältigung einer schwierigen Situation zu helfen. Er wollte sich bedanken. Und hey, er war auch recht betrunken. Er legte seinen Arm um mich und rückte unangemessen nah an mich heran. D stand etwas abseits und taxierte ihn genau. Irgendwann kam er dazu und bat ihn etwas barsch, das bitte zu unterlassen. Ich entkam seiner Umarmung und stellte D als meinen Freund vor. Nicht dass ich mir nicht auch allein hätte behelfen können, aber Ds dramatischer Auftritt hatte auch durchaus was Schönes. Ich erklärte ihm, dass wir noch kurz etwas Privates zu besprechen hätten und ich gleich wieder bei ihm wäre. Mein Herz hüpfte und mein Bekannter machte seltsame Kommentare über Besitzansprüche und unangemessene Eifersucht. Dann sprach er weiter von seiner Dankbarkeit und legte erneut seinen Arm um mich. Das war zu viel. D kam wieder auf uns zu: „Es reicht. Du kommst jetzt mit.“ Jetzt war ich auch irritiert, erhob mich aber augenblich. Er nahm meine Hand und führte mich in einen anderen Raum. Ich musste an eine Szene aus Dirty Dancing denken: „Baby gehört zu mir, ist das klar?!“ Und welches Mädchen möchte nicht einmal im Leben in der Rolle der Frances Houseman sein? Getanzt hat er leider trotzdem nicht mit mir. Dafür ist er zu düster! Gut, an der Hebefigur wären wir so und so kläglich gescheitert.

Gegen Morgen lichteten sich die Reihen, die restlichen Gäste saßen noch am Feuer und wir waren beide so betrunken, dass wir beschlossen, uns ein Taxi zu rufen und nach Hause zu fahren. Halten Sie mich bitte für bekloppt, aber mein „WIR gehen jetzt nach Hause.“ fühlte sich unglaublich gut an. Wir stiegen beide auf dem Rücksitz ein. Unterwegs knutschten wir wild und er schob mir seine Hand zwischen die Beine. Es war aufregend. Zuhause angekommen erklärte ich ihm, dass meine Schwester bereits im Wohnzimmer auf der Couch schlafen würde und wir leise sein mussten. D interessierte das recht wenig. Er war laut, dominant, fordernd. Ich schob ihn ins Badezimmer und reichte ihm die Zahnbürste. Wir unterhielten uns und ich musste ihn immer wieder erinnern, leiser zu sein. Sein Verhalten machte mir zunehmend Angst. Ich hatte das Gefühl, dass er sich immer wieder verlor. Er konnte seine eigenen Sätze nicht zu Ende sprechen, weil er vergessen hatte, was er gesagt hatte. Er vergaß auch meine schlafende Schwester, die zu diesem Zeitpunkt vermutlich schon gar nicht mehr schlief. Er war mir unheimlich. Fremd. Grob. Seine Ansagen waren von solcher Strenge, dass ich nicht wagte, mich zu widersetzen. Eigentlich war ich todmüde, wollte einfach nur mit ihm einschlafen, ahnte aber, dass ihm der Sinn nach anderen Dingen stand. Zumindest war ich schon einmal froh, dass ich ihn davon abhalten konnte, durchs Wohnzimmer zu laufen, um auf dem Balkon noch eine Zigarette zu rauchen. Im Schlafzimmer legte er sich aufs Bett. Mein Körper war komplett angespannt. „Setz dich auf mein Gesicht!“ Ich versuchte ihm zu erklären, dass mein Alkoholpegel gar nicht zuließ, das noch zu genießen. Es half nichts. Und ich lag auch falsch. Nach meinem zweiten Orgasmus ließ er mich los. Ich legte mich neben ihn. Er schlang seinen Körper um mich, ganz nah, hielt mich fest und wir schliefen ein.