~Briefe an Michael~

25.11.2005 um 08:31 Uhr

Schnee

Es schneit und ich denke voller Liebe an Dich.

16.11.2005 um 10:00 Uhr

Deine Geburt

Scheinbar durch die vielen Medikamente wolltest Du dann nicht auf die Welt. Manchmal denke ich auch, dass es von mir unterdrückt wurde, dass ich Dich nicht hergeben wollte und deshalb die Wehen nicht einsetzten.

Am 28.11.90 hättest Du geboren werden sollen. Am 11.12.90 kamst Du. Es war damals üblich, nach 12 Tagen die Geburt einzuleiten. Ich musste ins Krankenhaus und bekam verschiedene Medikamente, damit die Wehen anfingen.

Irgendwann wurde ich an einen Wehentropf angeschlossen und ich hatte wahnsinnige Wehen. Da ich alleine war, bat ich, man möge meine Mutter anrufen. Später wusste ich, dass dies ein Fehler war, aber erst sehr viel später.

Ich hatte jegliches Zeitgefühl verloren und weiß heute auch nicht mehr, zu welcher Uhrzeit Du geboren wurdest. Aber ich weiß noch, dass sie Dich mir entreißen mussten. Obwohl die Wehen so stark waren, reichten die Presswehen nicht aus. Also wurde die Geburtszange geholt und sie zwangen Dich auf die Welt zu kommen.

Da die Schmerzen durch den Wehentropf zu stark wurden, bekam ich eine PDA. Kurz bevor sie Dich geholt haben, fing ich an am ganzen Körper zu zittern und ich war nahe einer Ohnmacht. In meinen Ohren war ein Rauschen und ich spürte, wie mein Körper mich im Stich ließ.
Man setzte mir dann auch eine Sauerstoffmaske auf und es waren 3 Hebammen und 2 Ärzte anwesend. Ein Arzt war oben am Kopf für mich zuständig, der andere hat Dich auf die Welt geholt, mit einer Hebamme zusammen. Die anderen Beiden Hebammen mussten meine Beine halten, da ich das Zittern nicht mehr kontrollieren konnte, der Arzt wegen der Zange aber unbedingt eine freie Sicht haben musste, damit er Dich nicht verletzt.

Man hat Dich mir sofort weggenommen. Ich war so schwach, dass ich nicht widersprechen konnte.
Man hat mich dann versorgt, ich wurde genäht, gewaschen und in ein separates Zimmer gelegt. Meine Mutter war noch da. Wir hatten nie ein gutes Verhältnis, sie konnte mir keine Liebe entgegen bringen. Als die Schwester mit Dir auf dem Arm rein kam, wollte sie sie sofort raus schicken. Zum Glück war die Schwester hartnäckig und sagte "Nun lassen sie sie doch ein Mal ihr Kind anschauen!".

Ich schaute Dich an und Du warst so wunderschön. Meine Nase hast Du, ich denke das ist auch so geblieben. Du hast mich ganz zufrieden angeschaut und genüsslich vor Dich hingeschmatzt.

Diesen stillen Moment der Liebe zerstörte meine Mutter dann mit den Worten "Das hat ja keinen Sinn, es reicht jetzt, nehmen sie das Kind weg!".  Die Schwester hat mich etwas mitleidig angeschaut und weg warst Du.

Heute denke ich, dass die Schwester den Versuch unternommen hat, uns beide zusammen zu bringen. Vielleicht hätte ich Dich nicht mehr loslassen können, wenn Du eine Stunde bei mir geblieben wärst - ich weiß es nicht.

Die Jahre die nach unserer Trennung kamen, waren der Horror für mich.

Ich kann den Schmerz nicht in Worte fassen, es gibt keine Worte für diesen Schmerz.

 

10.11.2005 um 13:54 Uhr

Aufzählung

10.11.2005 um 13:41 Uhr

Du bist immer in meinen Gedanken

Seit Du geboren bist, ist kein einziger Tag vergangen, an dem ich nicht an Dich gedacht habe.

Vielleicht fällt es Dir schwer, das zu glauben, aber es ist so.

Ich stand ein paar Wochen nach Deiner Geburt in der Post am Schalter an und nach mir kam eine Frau rein mit Kinderwagen. Ich schaute das Baby an und wusste, dass Du es bist. Ich hab die Frau freundlich angelächelt, sie aber nicht angesprochen, weil ich wusste, dass Du nun ihr Baby bist und ich alle Rechte an Dir aufgegeben, abgegeben hatte.
Ich durfte sie nicht erschrecken.

Ich habe nur ein Bild von Dir bekommen. Du hast in der Familienwiege, die selbstgebaut war, gelegen und geschlafen. Wenige Tage alt warst Du da. Mehr wurde mir nicht zugestanden, weil das JA Angst hatte, dass ich Dich auf der Straße erkennen könnte. Ich war 3 x dort, um nach älteren Fotos von Dir zu fragen, ich wurde jedes Mal wieder weggeschickt.

Nächsten Monat wirst Du 15 Jahre alt und ich habe Dein ganzes Leben verpasst....

08.11.2005 um 12:01 Uhr

So ging es weiter

Dein Vater hatte mitlerweile auch mitbekommen (wozu hat Mann gute Freunde), dass ich schwanger bin. Er konnte natürlich rechnen und wusste, dass Du sein Kind bist.

Wir konnten aber nicht mehr viel miteinander reden. Damals gab es noch keine Handys und es war schwieriger mit jemandem in Kontakt zu kommen als heute im www Zeitalter.

Irgendwann (ich weiß nicht mehr wann) sagte mir jemand, dass er wegen Drogenbestitzes in Haft ist und danach abgeschoben werden würde.

Mir ging es in der Schwangerschaft nicht gut. Du wolltest nicht bei mir bleiben. Ich hatte immer wieder starke Schmerzen und war mindestens alle 2 Wochen beim Arzt, galt als Risikoschwangere. Der Muttermund öffnete sich schon recht früh und so bekam ich im 4. Monat einen Ring vor die Gebärmutter gelegt, damit wollten die Ärzte Dich zwingen, bei mir zu bleiben :-)

Ich musste viele Medikamente nehmen, die letzten 3 Monate konnte ich nicht mehr arbeiten gehen, weil ich mich schonen musste.

Im 5. Monat stellte sich dann die so genannte Gestose ein. Im Volksmund nennt man diese Erkrankung "Schwangerschaftsvergiftung". Mein Blutdruck war sehr hoch, ich hatte auffälligen Urin und Wassereinlagerungen. Daher bekam ich wieder neue Medikamente.

Alle Ultraschallbilder habe ich für Dich aufgehoben. Eine zeitlang habe ich überlegt, ob ich sie Deinen Eltern im Krankenhaus mitgeben soll, aber ich war egoistisch und habe sie für mich behalten.

Irgendwann habe ich allen Mut zusammen genommen und bin in der Stadt in der Du geboren bist zum Jugendamt gegangen. Das war ein sehr schwerer Weg für mich, aber aus damaliger Sicht unvermeidbar.

Die Sachbearbeiter dort waren sehr freundlich zu mir und haben mir alles erklärt. Leider war es nicht möglich, den Weg der offenen Adoption zu gehen. Ich musste mich damit abfinden, dass Du mich evt. für immer verlassen würdest, wenn ich diesen Weg für uns wähle.

Ich habe mir diese Entscheidung nicht einfach gemacht. Im März 1990 habe ich erfahren, dass es Dich gibt. Etwa ab August/September stand fest, dass Du bei einer anderen Mutter aufwachsen wirst.

Ich habe viel geweint, nachgedacht, geweint. Heute weiß ich, dass mein größter Fehler war, dass ich mit niemandem darüber geredet habe. Keiner wusste bis zum Schluss, dass ich Dich weggeben würde, außer meinem Freund.

Bestimmt hätte ich Hilfe bekommen...

08.11.2005 um 08:32 Uhr

Meine Situation

Ich möchte versuchen, Dir meine Situation zu schildern. Auch wenn es nichts entschuldigt, es hilft vielleicht zu verstehen.

Ich war 20 Jahre alt, Dein Vater auch. Wir haben uns hier in Deutschland kennen gelernt. Wir haben nach etwa einem Jahr geheiratet, aber danach nie mehr wirklich zusammen gelebt. Er war Drogen abhängig und ich habe ihn nach langem Kampf verlassen, weil ich nicht mehr konnte.

Danach hatte ich eine neue Beziehung, an der ich festgehalten habe, weil sie für mich eine sichere Festung gegen Deinen Vater war. Die Liebe für Deinen Vater, die hatte ich noch in mir.

Das war nicht fair von mir und rächte sich.
Dein Vater meldete sich nach vielleicht 2 Jahren wieder bei mir und wir trafen uns. Mein damaliger Freund war gerade im Gefängnis, warum weiß ich bis heute noch nicht sicher. Ich war immer sehr unbedarft und habe dem Mann an meiner Seite vertraut. Deshalb war ich auch leicht hinters Licht zu führen.

Aber gut, Dein Vater suchte also den Kontakt zu mir und wir hatten vielleicht 6 Wochen eine heimliche "Beziehung". Wir konnten nicht voneinander lassen, wir liebten uns. Aber wir konnten auch nicht zusammen leben, ich wäre daran zerbrochen.

Nach diesen 6 Wochen trennten wir uns wieder, ich trennte mich von ihm wieder. Vielleicht 2 Wochen später merkte ich, dass ich mit Dir schwanger war.

Eines stand von Anfang an fest für mich, ich wollte Dir die Chance geben zu leben. An Abtreibung habe ich nie gedacht.
Das ich schwanger bin, wussten nur meine allerbesten Freunde. Nicht mal meiner Mutter habe ich es erzählt, wir hatten keine Vertrauensbasis.

Als ich etwa im 6. Monat war, kam mein Freund aus der U-Haft und ich sagte ihm, dass ich schwanger bin.

Lange hatte ich mir ernsthaft darüber Gedanken gemacht, ob ich ihn nicht anlüge und ihm sage, dass Du sein Kind bist. Aber mein Gewissen ließ das nicht zu, ich wollte Dich nicht in dem Gedanken aufwachsen lassen, dass er Dein Vater sei. Dazu hatte ich kein Recht.

Er wollte natürlich nicht, dass ich Dich bekomme. Das kann ich auch verstehen. Schließlich bis Du das Kind aus einer Affaire.

Ich liebte Dich und habe jeden Tag mit Dir geredet, Dich gestreichelt. Oft hast Du Deinen Rücken an meine Hand gedreht und wir sind zusammen eingeschlafen.

 

 

08.11.2005 um 08:28 Uhr

Du hast Dich angekündigt

Lange ist es her, aber ich erinnere mich, als wenn es gestern gewesen wäre.
Dein Vater wollte unbedingt ein Kind mit mir, warum weiß ich bis heute nicht. Du bist das Kind einer großen Liebe, aber wir mussten uns trennen, weil wir uns gegenseitig zerstört haben.

Als ich bemerkte, dass ich mit Dir schwanger bin, war ich gerade mal in der 7. Woche. Ich habe Dich also sehr früh bemerkt. Trotzdem war die Bestätigung des Arztes ein Schock für mich.

 

08.11.2005 um 07:55 Uhr

Erster Eintrag

Hier bin ich also und möchte Dir wenigstens meine Gedanken niederschreiben. Denn ich weiß nicht, ob ich sie Dir jemals erzählen kann. Ich weiß nicht, ob wir uns jemals gegenüber stehen werden. Aber ich hoffe es und die Hoffnung stirbt zuletzt.