Des Glückes Schmied
Dieser Tage bekam ich Post. Hier ein kleiner Auszug:
Tja, es ist eben so, wenn man erst mal wieder richtig glücklich war, hält man die anderen Tage manchmal schwer aus. Nicht nur die unglücklichen, die es auch geben wird, nein es geht schon bei den ganz normalen Tagen los. Diese Ausschüttung von Glückshormonen kann bei Ausbleiben zu dermaßen Entzugserscheinungen führen, das man zum Schluß schon selbst glaubt, man hat einen an der Dattel.
Und das äußert sich dann wohl bei jedem etwas anders. Dein Gegenmittel ist es scheinbar, ausufernde Lebens- und Verhaltensmodelle aufzustellen. Naja, typisch der Informatiker. ;-)
Der kleine Seitenhieb auf meine Ergüsse hier im Blog sei Dir verziehen, liebe U.
Nun wage ich es aber nicht mehr, von einer sehr interessanten Diskussion zu erzählen, die ich vor einiger Zeit mit einem Freund und Fachkollegen hatte, in welcher wir uns mit der objektorientierten Lösung von alltäglichen Problemen und Gefühlsangelegenheiten befaßten.
Und weil mir U.'s Meinung wirklich wichtig ist, möchte ich keinesfalls das letzte Quäntchen ihres Glaubens in meine geistige Zurechnungsfähigkeit aufs Spiel setzen. Deshalb beschränke ich mich heute mal auf ihren ersten Absatz.
Zum Auf und Ab der Glücksgefühle gibt es sicherlich zahllose vergleichende Bilder, und ebenso viele gibt es zur Begründung, warum wir ohne die "Abs" keine "Aufs" erleben können.
Mein persönlicher Favorit unter diesen Metaphern ist eindeutig die vom Wanderer: "Wer die Täler nicht durchschreitet, wird nie die wahre Dimension der Gipfel erleben."
Noch einleuchtender - wenn auch leider noch nicht selbst erlebt: "Beim Durchwandern der platten mexikanischen Hochebene wird man schwerlich den Eindruck haben, sich in über zweitausend Meter Höhe zu befinden."
Okay, ich gebe zu, das mag für den einen oder anderen etwas banal klingen, aber Fakt ist doch, daß sich die menschlichen Sinnesorgane praktisch überhaupt nicht für die Aufnahme absoluter Größen eignen. Wenn wir jedoch einen Referenzreiz zur Verfügung haben, werden wir schon bedeutend feinfühliger. Beim vergleichenden Messen können unsere Sensoren sogar recht beeindruckende Auflösung erzielen. Das ändert jedoch nichts daran, daß unsere Sinneseindrücke immer relativ und damit subjektiv sind. Wir brauchen die Dynamik, den Wechsel, um die Dimension unserer Eindrücke abschätzen zu können.
Leider setzt sich diese sensorische Unvollkommenheit in unserem Inneren fort. Es gibt kein absolutes Maß für unsere Eindrücke und Gefühle. Wie wollte man Schmerz zum Beispiel messen und skalieren? Neulich fiel mir im Krankenhaus eine Art zweifarbiger Pappschieber in die Hände, an dem die Patienten ihren empfundenen Schmerz auf einer Skala von 0 bis 100% einstellen sollten - der größte Schwachsinn, der mir jemals untergekommen ist. Wie, bitteschön, legt man fest, wie sich 100% Schmerz anfühlen? "Herr Doktor, ich habe heute 23% Schmerzen und bin deshalb 54% traurig. Weil ich aber mein Leben zu 80% liebe, habe ich immer noch 13% Antrieb."
Daß so etwas nicht funktionieren kann, dürfte einleuchten. Es gibt keine 100%-Marke für Gefühle. Aber wir könnten sagen: "Ich habe heute mehr Schmerzen als gestern." oder "Ich liebe mein Leben, wie noch nie zuvor." In solchen Aussagen ist die Vergleichsgröße bereits enthalten - auch wenn diese selbst nur relativ ist. Doch damit können wir uns ein Bild davon machen.
Aber ich schweife schon wieder ab...
Zurück zum Glücksgefühl und dem Überleben weniger glücklicher Tage.
Ist es denn nicht so, daß wir die miesen Tage brauchen, um unser Glücksgefühl überhaupt als solches erkennen zu können? Ist es nicht so, daß uns nur dieses Auf und Ab das Gefühl gibt, lebendig zu sein? Wäre nicht das ewige, ununterbrochene Glück das Ende unseres Selbstempfindens?
Oder noch anders, etwas praxisgerechter gefragt: Warum fühlen sich Paare in ihrer Beziehung nach längerer Zeit unglücklich, obwohl diese eigentlich perfekt ist und die Harmonie aus allen Ritzen quillt?
Wir brauchen das Unglück, die Entbehrung, das Vermissen, um unser Glück daran zu messen. Das müssen wir akzeptieren. Tun wir dies nicht, führt der Weg zum Glück nur über immer stärkere Reize. Und diese immer wieder zu finden, ist wahrlich illusorisch. Oft ist es nur ein kleiner Schritt zurück - eine kleine Entbehrung - was unsere Sinne wieder schärft, und uns dann auch ein kleines Glück wieder als Glück empfinden läßt. Verzichte für eine Weile auf das, was dir am liebsten ist, und du wirst es neu lieben lernen. Egal, ob Handy, Fernseher, Auto, das gute Buch oder eben der Partner. Wenn die Beziehung langweilig wird, sollte man ruhig einmal einen getrennten Urlaub ins Auge fassen - alleine jedoch, nicht mit dem Lover. So etwas kann das Glücksempfinden in völlig andere Bahnen rücken.
Ich weiß, es ist einfacher gesagt als tatsächlich gelebt, aber ich denke, man macht es sich leichter, wenn man die weniger glücklichen Tage ganz bewußt als Relaxationszeit seines Glücksempfindens akzeptiert. Der nächste Endorphin-Rush wird um so heftiger, um so erfüllender sein. Ein bißchen Wehmut, ein bißchen Weltschmerz sollte man sich dabei durchaus erlauben, denn auch diese Gefühle wollen bedient werden, damit man sie noch spürt. Und mit einer Portion Vorfreude angereichert lassen sich auch solche Tage überstehen. Das habe ich von Amie gelernt. :-)
