Der geheimnisvolle Turm
Die kleine Do-ing hatte Ferien und eigentlich war ihr ein bisschen langweilig zumute.
Sonst hatte sie viel zu tun, sie ging zur Schule, spielte mit ihren Freundinnen und versorgte liebevoll die Kaninchen zu Hause – jetzt waren nur noch die kleinen Häschen zum Spielen da, die Freundinnen waren verreist und die Schule hatte Pause.
Do-ing ging spazieren, einfach nur rumsitzen mochte sie nicht und so bummelte sie durch den Stadtpark und fand sich plötzlich in einem Wäldchen wieder, das sie vorher noch nie gesehen hatte. Neugierig sah sie sich um und dabei entdeckte sie zwischen den Büschen einen kreisrunden See, in dessen Mitte eine Insel lag.
Es war ganz still um sie herum, nur hin und wieder zwitscherte ein Vogel, aber andere Menschen schien es hier nicht zu geben.
„Merkwürdig“, dachte die Kleine, „wie bin ich bloß in diesen Wald und an diesen See gekommen? Ob es auf der Insel wohl etwas Besonderes gibt? Ich mache mich mal auf die Suche nach einer Brücke oder einem Boot.“ Entschlossen lief sie auf das Ufer zu und begann den See zu umrunden. Aber weit und breit war kein Steg oder gar ein Kahn zu finden.
Do-ing überlegte nicht lange, der See sah ganz friedlich aus, die Insel war nicht weit weg und das Wasser war auch nicht kalt – zumindest nicht, als sie ihre Hände darin eintauchte. Do-ing war eine gute Schwimmerin und die kleine Insel war schnell erreicht.
Hinter alten und sehr großen Bäumen waren Mauern zu sehen. Vielleicht ein Schloss? Oder eine alte Burg?
Der langweilige Ferientag versprach jetzt richtig abenteuerlich zu werden!
Die Mauern waren hoch, Do-ing konnte nichts weiter erkennen und lief an ihnen entlang, um einen Eingang zu finden. Plötzlich stand sie wieder an der gleichen Stelle, von der aus sie ihren Weg begonnen hatte – sie war im Kreis gelaufen. Das Ding war also rund, es war ein hoher Turm, zu dem es anscheinend keine Türen gab.
Ratlos setzte sie sich ins Gras und grübelte, wie sie in diesen geheimnisvollen Turm wohl hinein kommen konnte. Da, ganz oben, fast unter den Dach, gab es ein kleines Fenster. Do-ing begann, an einem der Bäume hochzuklettern und fand tatsächlich einen Ast, der fast bis an dieses Fenster reichte. Das kleine Mädchen war nicht schwer und so konnte sie bis an sein Ende rutschen und durch die kleine Öffnung in den Turm spähen.
Sie sah darin ein Mädchen, das seine langen, blonden Haare zu einem Zopf geflochten hatte. Das Mädchen trug ein langes Kleid und sah aus wie eine Prinzessin aus den Märchenbüchern, die Do-ing so gerne las. „Jetzt fehlt ja nur noch, dass ein Prinz auf seinem Pferd heran reitet und nach Rapunzel ruft oder die alte Hexe auf der Bildfläche erscheint“, dachte Do-ing, „dann bin ich mitten in einem Märchen gelandet!“
Do-ing kannte die Geschichte von Rapunzel gut. Sie war immer ein bisschen neidisch auf die langen, blonden Haare der Prinzessin gewesen und hätte auch gern mal ihre eigene Mähne zu einem Zopf geflochten oder einfach im Wind flattern lassen. Aber ihre Haare waren dunkel und kurz, Do-ing war eher ein sportlicher Typ und das war auch ganz gut, denn sonst hätte sie wohl nicht so mühelos über den See schwimmen und auf den Baum klettern können.
Jetzt saß sie also auf dem Ast und beobachtete fasziniert die Bewegungen der prinzessinnenhaften Gestalt im Turmzimmer. Das Mädchen schien nicht besonders glücklich zu sein; es lief immerzu hin und her und wirkte irgendwie unruhig. Plötzlich begann es zu singen, eine leise, fast klagende Melodie, die Do-ing ganz traurig machte.
„Eigentlich kein Wunder“, dachte Do-ing, „in so einem Turm, ganz allein, muss es schrecklich langweilig sein und nur auf Menschen zu warten, die vielleicht mal vorbeikommen KÖNNTEN – nee, das würde mir überhaupt nicht gefallen!“
Und doch kam ihr die ganze Situation seltsam bekannt vor, beinahe so, als ob sie das Mädchen und den Turm kannte, den Aufenthalt darin und alles was damit zu tun hatte, selbst schon einmal erlebt hätte.
War das nicht das Gefühl, das sie hatte, wenn sie sich mit jemandem gestritten hatte oder sich unverstanden fühlte? Lebte sie dann nicht auch in so einem Turm, der keine Türen hatte und war ganz mutterseelenallein?
Natürlich! Das, was sie hier sah, das war IHR Turm, ihr Phh-Turm, in den sie sich mit stolz zurückgeworfenem Kopf und einem schnippisch hin gehauchten „Phh“ immer dann flüchtete, wenn sie sich vor aller Welt verlassen und verraten glaubte. Sie wollte sich dann verkriechen und sehnte sich doch gleichzeitig nach Nähe und Erlösung.
Do-ing versank in ihren Gedanken, sie lauschte der traurigen Melodie, die aus dem Turmzimmer klang und wäre beinahe eingeschlafen. Zum Glück wurde ihr noch rechtzeitig klar, dass sie gerade in schwindelerregender Höhe auf einem Ast saß und hier keineswegs ein Mittagschläfchen halten konnte.
Als sie wieder festen Boden unter den Füßen hatte, rannte sie zum See zurück. Die Insel, der Turm, das eingesperrte Mädchen, all das war ihr jetzt richtig unheimlich. Das frische Wasser tat ihr gut und als sie wieder am anderen Ufer stand, war sie heilfroh, dass sie selbst darüber bestimmen konnte, wohin sie gehen wollte.
Do-ing legte sich auf eine Wiese, genoss die warme Sonne und wartete darauf, dass ihre Sachen wieder trocken wurden.
Sie dachte an das Mädchen im Turm und nahm sich vor, dass sie zukünftig sehr vorsichtig sein wollte, bevor sie wieder mal in ihren Phh-Turm schlüpfen würde – es genügte schließlich völlig, dass sie sich in solchen Momenten einsam und verlassen fühlte und sie musste sich ja nicht selbst noch ein Gefängnis errichten, aus dem sie nicht fliehen konnte. Dass irgendwann ein Prinz vorbeikommt, um einen aus den undurchdringlichen Mauern zu erlösen, das war eben nur ein Märchen.
Nach einer Weile stand Do-ing wieder auf und lief den Weg zum Stadtpark zurück. Sie hörte schon den Straßenlärm und freute sich auf ihr Zuhause.
Den kleinen Wald hat sie übrigens später nicht mehr wieder gefunden. Aber die traurige Melodie aus dem Turmzimmer hat sie nie mehr vergessen. Die kam ihr immer in den Sinn, wenn sie sich in ihren Phh-Turm zurückziehen wollte und so manches Mal hat sie sich dann anders besonnen und war froh darüber.
