Die Magie des Augenblicks

20.05.2009 um 21:10 Uhr

~> Eine Zeit ohne Tod

"Da stand sie, tod, auf, öffnete ihre Tasche, die sie im Wohnzimmer gelassen hatte, und entnahm ihr den violetten Brief. Sie sah sich um, als suchte sie eine Stelle, um ihn abzulegen, auf dem Klavier, zwischen den Saiten des Cellos oder aber direkt im Schlafzimmer, unter dem Kissen, auf dem der Kopf des Mannes ruhte. Sie tat es nicht. Sie ging in die Küche, zündete ein Streichholz an, ein bescheidenes Streichholz, sie, die das Papier mit ihrem Blick vernichten, zu feinstem Staub zermahlen konnte, sie, die den Brief mit einem schlichten Fingertippen in Brand stecken konnte, bediente sich eines bescheidenen Streichholzes, eines gemeinen, alltäglichen Streichholzes, um ihren Brief zu verbrennen, jenen Brief, den nur tod selbst zerstören konnte. Es blieb keine Asche zurück. tod legte sich wieder ins Bett, umarmte den Mann, und ohne zu verstehen, was ihr, die niemals schlief, geschah, spürte sie, wie der Schlaf ihr sanft die Augenlieder schloss. Am darauffolgenden Tag starb niemand."


Aus: "Eine Zeit ohne Tod" von José Samarago

 

 

20.05.2009 um 11:18 Uhr

~> Die Melodie der Nacht

von: Jari   Kategorie: ~ Nicht einordbar ^^

"Noch immer hielt sie den zerknüllten Zettel mit der Adresse in der Hand. Sie faltete ihn auseinander und strich ihn glatt. "Finca El Rosario"? Was sollte das sein? Ein Landgut, eine Weinkellerei? Oder eine private Adresse, von Bekannten, bei denen er die Kartons vorübergehend lagern wollte?
Sie blieb sitzen, bis es dämmerte. Mit steif gewordenen Gliedern stand sie auf, schaltete eine Lampe ein und rollte sich wieder in ihrem Sessel zusammen.
"Stanislaw...", flüsterte sie in die Dunkelheit.
Und dann war alles wieder da, sie spürte seine Finger auf ihrer Haut, die mit sanftem Druck über sie hinwegglitten, sah seine dunklen Züge mit den brennenden Augen und der kleinen Flamme darin.
"Hexlein, ich bin bei dir." Das war seine Stimme, zärtlich und beschwörend.
Aber vielleicht bildete sie sich das auch nur ein." 


Aus: "Die Melodie der Nacht" von Sylvia Madsack

 

 

 

10.05.2009 um 16:47 Uhr

~> Der rote König

"Sie schaute sich um. Der Himmel, die Bäume, das Gras, alles, was ihr vor kurzem noch so trostlos erschienen war, plötzlich war es wieder voller Leben und Verheissung.
"Ja... ja, sicher, ich bin ganz deiner Meinung", murmelte sie.
Und jetzt wandte er ihr sein narbiges Gesicht zu und lächelte sie schelmisch an. Der Brillant in seiner Nase, die Goldkronen auf seinen Zähnen, der Ring, der an seinem Ohr baumelte, alles blitzte auf im hellen Sonnenlicht. Von irgendwo aus dem Unterholz erklang Brunos freudiges Gebrumm und Crystal krabbelte mit lautem Gezeter aus dem Wageninneren und kuschelte sich zur Begrüssung zufrieden an Timkins Schulter.

 


Aus: "Der rote König" von Victor Kelleher

 

05.05.2009 um 00:18 Uhr

Vincent

von: skindeep   Kategorie: ~ Prosa

Ich werde mich wieder verlieben.
Ich werde mich durch die Huren der Welt kämpfen und sie finden. Aufgeregt werde ich im Flugzeug sitzen und den ganzen Flug über durchs Fenster schauen. Ich werde von der Flugzeugtreppe springen, verwundet - und wiedergeboren auf dem Asphalt landen.
Ich werde sie finden und mit allen Fasern meines Herzens lieben.
Und weil es geschrieben steht, kann ich so lange lieben, wie die Sonne mit ihrem Todestrieb immer wieder aufgeht und nach mehr verlangt.

 


Aus: "Vincent" von Joey Goebel