Die Reise zu mir

16.06.2013 um 11:27 Uhr

Alptraum

von: Mihal

 

Traum

Ich spreche mit meinem Bruder. Ich versuche ihm etwas zu erklären, meinen Standpunkt zu einer Sache klar zu machen. Dabei bin ich sehr aufgewühlt und erregt und habe das Gefühl, dass meine Denkweise und Gefühle „normal" sind.

Mein Bruder sagt mir, dass alle meine Probleme durch meine falsche Denkweise entstanden sind. Das ich schon immer falsch denken und fühlen würde. 
Ich verlasse darauf hin den Raum und breche auf einem kalten Fliesenboden zusammen und verkrampfe wie bei einem epileptischen Anfall.

Ich weiß, dass ich nicht in der Lage bin, mich zu ändern. Ich habe das Gefühl, mein Leben war schon immer falsch und meine Energien, dies zu verändern sind aufgebraucht. Mein Körper macht sich selbständig, ich bin nicht mehr in der Lage ihn zu steuern.

Der Traum endet damit und ich wache schweißgebadet auf.

02.06.2013 um 12:09 Uhr

Meine Kindheit

von: Mihal

Ich war die einzige in der Familie, die voller Fantasie war, die versuchte Musikinstrumente zu erlernen, die malte, die schrieb,  die Abenteuer bestand,  die Märchen und Musik hörte,  die Geschichte liebte, die versuchte Dingen auf den Grund zu gehen, die den Brockhaus las.

Das Spruchband über meinem Kinderzimmer hätte lauten können: Achtung - SIE hat ihren eigenen Kopf.

Es war verboten Schränke zu durchwühlen.

Ordnung und Sauberkeit waren sehr erwünscht.

Meine frühesten Kindheitserinnerungen setzen mit 3-4 Jahren ein. Mein Eis fiel, weil es schmolz, auf die Straße und ich war verzweifelt. Eine tote Biene erwachte und stach mir in den Finger. Meine Mutter hatte eine Autopanne und ein Mann mit einer Isetta brachte uns nach Hause.

Meine Kindheit in Stichwörtern: Viel in der Natur gespielt, Kindergarten und Schule gehasst, Verlust von Freunden, geheime Gespräche belauscht, enges Verhältnis zur Oma, Abenteuer, Freundin, diffuses Dunkel, das Wort „Sie".

Die Familienurlaube waren die glücklichsten Zeiten. Die Eltern hatten Zeit, mein Vater brachte mir das Schwimmen bei, die Sonne schien, wir machten viele Ausflüge.

Die schlimmsten und traurigsten Erinnerungen waren die Verluste von Freunden, das Putzen meiner Mutter, die Vorwürfe meiner Mutter gegenüber meinen Vater, die schlechte Laune meiner Mutter, Schläge mit dem Kleiderbügel, Hausaufgaben, die wie ein Berg vor mir standen, Strafpredigten, Verwandtschaftsbesuche.

Meine Lieblingsgeschichte: Oscar Wilde - Der selbstsüchtige Riese. In dieser Geschichte wird ein Garten mit einer Mauer vor Kindern geschützt. Der Riese ist innerlich klein und verletzlich. Aber er verändert sich, wird weich und milde und findet dadurch zur inneren Ruhe.

Jim Knopf

Astrid Lindgren

Die goldene Brücke und Völkerball waren meine liebsten Spiele. Diese Spiele regten meine Fantasie an und ich mochte das Zusammengehörigkeitsgefühl in der Gruppe.

In meiner Fantasie war ich eine Indianerin.

31.05.2013 um 17:18 Uhr

Pubertät

von: Mihal

Gestern wurde mir bewußt, dass mein Verhalten meiner Mutter gegenüber, einer 18 jährigen enspricht.

Hilfe, ich bin in der Pubertät stecken geblieben und das mit 50 Jahren. 

Meine Mutter hat eine narzisstische Persönlichkeitsstörung. Kinder solcher Eltern, sind nicht zu beneiden. Noch heute habe ich Angst vor meiner Mutter. Ihre Kritik kann so schneidend und erbahrmungslos sein, dass mein Selbstwertgefühl in den tiefsten Keller rauscht. Es fällt mir schwer, mich dagegen zu wehren. Die neue Taktik lautet: Gib ihr keinen Angriffspunkt mehr. Rede über das Wetter, Vögel...gib nichts Persönliches mehr preis. 

Erkenntnisse kommen manchmal spät, manchmal denke ich, zu spät.

Gerade in der jetzigen Situation benötige ich jemanden, der mir beisteht, mir Hoffnung gibt. Dann muß ich das wohl selber machen. Hilf dir selbst, sonst hilft dir niemand.

29.05.2013 um 20:55 Uhr

Wer bin ich heute?

von: Mihal

Wer bin ich heute gewesen? Ich betreue Menschen die vorwiegend an Demenz erkrankt sind. Das ist oftmals sehr frustrierend und anstrengend. Ein großer Teil dreht sich einfach nur um die genügende Nahrungs- und Trinkaufnahme. Natürlich kommt die Ausscheidung dazu...es gibt nur wenige und meist nur im Anfangsstadium kontinente Demente.


Demenz ist nicht aufzuhalten. Peu a peu verlieren diese Menschen alles was sie einmal ausgemacht hat.
Trotzdem liebe ich meinen Job. Am liebsten male ich mit „meinen Alten". Zur Zeit haben wir die Seidenmalerei für uns wieder entdeckt. Einmal die Woche versuche ich Bingo zu spielen. Ich weiß nicht so genau, woran es liegt, aber dieses Spiel wird heiß und innig geliebt und fast alle Bewohner des Hauses nehmen teil.


So bin ich manchmal Altenpflegerin, Animateur, kreativer Therapeut, Chorleiter, Gärtner, Ersthelfer bei Verletzungen, Dekorateur, Zuhörer, Spielleiter, Händchenhalter, Streitschlichter usw. Ein sehr abwechslungsreicher Beruf, der sehr viel Spielraum und Selbständigkeit zulässt.


Wenn da nur nicht die miese Bezahlung wäre...Ich bekomme für 130 Stunden pro Monat 880 Euro ausbezahlt. Ich habe es amtlich...ich bin mit ca. 80 Euro über den Hartz V Satz und habe kein Anrecht auf Aufstockung, kein Anrecht auf Wohngeld, kein Anrecht auf irgendetwas. Tatsächlich bin ich arm, trotz Arbeit. Das ist - Verzeihung - SCHEIßE. Mein Leben bedeutet zur Arbeit zu gehen, Essen und Trinken, Rechnungen des täglichen Lebens zu bezahlen und sonst weiter nichts, nur Überleben. Kein Urlaub, keine Anschaffungen, keine Ausflüge, kein Theater, kein Museum, keine Veranstaltung, kein Ausgehen, kein Kino...nichts. Das Gelaber über den Mindestlohn der Politiker kotzt mich nur noch an.
Mich macht das wütend, ich fühle mich ausgebeutet, benutzt und habe keine Ahnung wie ich aus dieser Situation heraus kommen kann. Es macht mich auch depressiv. Es kratzt an meinem Selbstbewusstsein. Es macht mich hoffnungslos.


Ich merke, dass der Ärger langsam in mir herauf steigt.

28.05.2013 um 18:57 Uhr

Heute mal keine Reise zu mir...

von: Mihal

Israel - Land der Plastiktüten

 

Als eine durchaus der Mülltrennung skeptisch eingestellten Deutschen, erschien mir Israel zunächst als ein Paradies, indem man sich keine Gedanken machen muss, in welcher Tonne welcher Müll zu entsorgen ist. Natürlich sah ich die Mengen der Plastiktüten in der Wohnung meines Freundes, aber da sie zugleich als Mülleimer dienten, machte ich mir keine großen Gedanken. Ins Grübeln kam ich erst als ich ein Glas Nescafe kaufte und der freundliche junge Mann an der Kasse mir meinen soeben erworbenen Kaffee in einer überdimensionalen Plastiktüte mit auf den Weg geben wollte. Mit einem freundlichen, aber sehr bestimmten „Lo, toda (nein, Danke)", wies ich sein freundliches Angebot ab. Ich sah den Verkäufer zur Salzsäule erstarren und er hob die Hände, so als würde ich ihn jeden Moment erschießen wollen. Mit einem mitleidigen Lächeln legte er die Tüte wieder zur Seite und ich packte mein Glas mit dem Kaffee in meine Handtasche.

 

Am nächsten Tag plante ich einen größeren Einkauf und ging zu einem kleinern Supermarkt an der Dizengoff Straße. Ich kaufte einige Lebensmittel, Hygieneartikel und einen Allesreiniger. An der Kasse bekam ich dann zusehen, dass die Plastiktüten sehr wohl mit einem genau durchdachten System benutzt werden. In einer Tüte verschwanden meine Lebensmittel und das in einer Plastiktüte steckende Brot. Mein Deodorant und die Seife bekamen ebenfalls eine extra Tüte und auch der Allesreiniger verschwand in einer riesigen Plastiktüte. Jetzt hatte ich das Gefühl einen Wochenendeinkauf getätigt zu haben. Auf dem Nachhauseweg schaute ich noch kurz in einem kleinen Elektroladen vorbei, um ein Mikrofon für meinen PC zu kaufen. Das gleiche Spiel wie immer... ein kleines Mikrofon verpackt in einer riesigen Plastikverpackung und natürlich wurde dieses in eine noch größere Plastiktüte getan. Um nicht schon wieder dumm aufzufallen, nahm ich diese ohne weiteren Kommentar entgegen. Zuhause angekommen sah ich mich einem unüberwindbaren Müllberg ausgesetzt. Dieser kleine Einkauf, der durchaus in einer Jutetasche Platz gehabt hätte, füllte nun eine große Plastiktüte, für die ich Zuhause in Deutschland 10 Cent gezahlt hätte. Mit einem schlechten Gewissen ging ich, nun schon zum zweiten Mal an diesem Tag, zum Mülleimer des Mietshauses. Dieser Mülleimer besitzt die Größe eines Mülleimers für eine durchschnittliche Familie in Deutschland, wird aber von 8 Familien benutzt und scheint sich nie zu füllen.

 

Tage später - Einkauf zum Schabbes. An der Kasse mussten die Kunden ihren Einkauf selber in die dafür bereitliegenden Plastiktüten verpacken und von diesem Angebot machten sie reichlich Gebrauch. Wieder konnte ich das System erkennen, dass ich Tage vorher im kleinen Supermarkt kennen gelernt hatte. Ich beschloss gegen dieses System zu verstoßen und verstaute meinen Einkauf in zwei Tüten und den übrig gebliebenen Rest in meiner Handtasche, was mir wieder misstrauische Blicke einbrachte. Aber ich wurde Vollendens zum Kämpfer für den Umweltschutz in Israel, als mir ein Kioskbesitzer meine zwei Packungen Zigaretten in eine große Plastiktüte packen wollte und ich aufstöhnte, meine zwei Packungen nahm, sie in meine Handtasche packe und kopfschüttelnd den Kiosk verließ. Mit hochgezogenen Augenbrauen und ebenfalls kopfschüttelnd sah mir der Kioskbesitzer nach.

 

Zurück gekehrt in die Wohnung meines Freundes, der mir dankenswerterweise seine Wohnung zu Verfügung gestellt hatte, während er auf Geschäftsreise war, sollte ich dem Phänomen Plastiktüte etwas genauer auf die Spur zu kommen. Ich konnte mich erinnern, dass wann immer sich mein israelischer Freund in Deutschland aufhielt, er mir diverse Plastiktüten aus verschiedenen Ländern zeigte, mit der Bemerkung, sie würden doch ein besonders schönes Motiv aufgedruckt haben. Ich hatte diesem keine besondere Bedeutung beigemessen, doch als ich bei einer kleinern Aufräumaktion in der Wohnung (mein Freund ist ein typischer Junggeselle) die Tür zur Abstellkammer öffnete, kam mir eine Lawine von Plastiktüten entgegen gerollt. Halb Europa und wahrscheinlich ganz Israel in trauter Eintracht und in einer schier unübersehbaren Menge vereinten sich in der Küche. Teilweise liebevoll zusammen gefaltet, dann wieder, die weniger interessanten Exemplare, achtlos zusammengeknüllt.

 

Jetzt hatte ich ein Problem. In welcher Tüte durfte ich den Müll entsorgen? Hatte dieses Wirrwarr ein gewisses System, dass ich nicht durchschaute? Konnte es wohlmöglich zu einem Zerwürfnis oder sogar zu einer Beendigung unserer langen Freundschaft führen, wenn ich die falsche Tüte entsorgte? Fragen über Fragen.

 

Am Abend rief mein Freund an, um sich zu erkundigen wie mir geht und ob alles mit der Wohnung in Ordnung wäre. Prompt stellte ich die Frage nach den Plastiktüten. Schweigen am anderen Ende der Leitung, ein sehr langes Schweigen. Dann ein: "Ich verstehe nicht was du meinst, wirklich nicht." Noch einmal versuchte ich ihn auf den ungezügelten Verbrauch von Plastiktüten von Seiten der Israelis aufmerksam zu machen, doch es schien, als würde ich zu ihm in einer ihm vollkommen fremden Sprache sprechen. Das war das erste Mal seit Jahren, dass wir einander nicht verstanden.

Ich versuchte dieses Thema am nächsten Tag mit einem israelischen Intellektuellen  zu erörtern, was zur Folge hatte, das der sonst so redselige Schriftsteller mich mit großen Augen ansah, ebenfalls lange schwieg und mit einem kläglichen:" Kann sein, " antwortete.

 

Fazit: Die Plastiktüte ist ein Teil der Israelis. Sie ist so selbstverständlich, wie Essen und Trinken. Nur eine meschugge Deutsche kann diese Selbstverständlichkeit in Frage stellen oder gar zum Thema einer Diskussion machen.  

 

Nachtrag: Inzwischen weiß ich warum sich die Mülltonnen scheinbar nicht füllen. Mehrmals die Woche kommt die Müllabfuhr und das zur nachtschlafender Zeit und mit einem ohrenbetäubenden Krach, um den Müll zu entsorgen. Jetzt verstehe ich auch, warum es mein Freund vorzieht seine Schlafzimmerfenster permanent geschlossen zu halten.