Freitag
Wie ich den Tag verbracht habe? Keine Ahnung. In der Nacht stehe ich jedenfalls mit Kollegin M. hinterm Tresen. Der Laden ist einigermaßen voll, von Langeweile kann also nicht die Rede sein. Mit M. zu arbeiten ist irgendwie immer ganz… hmm.. "speziell" trifft es vielleicht ganz gut. Sie ist ein sehr zartes Persönchen, und auch wenn sie den Job schon geraume Zeit macht, wirkt sie doch immer irgendwie unsicher oder aufgeregt oder verhuschelt, wie man wohl hierzulande sagt. Sie wuselt auf den vier Metern Bar hin und her und murmelt dabei meist irgendwelche unverständlichen Selbstanweisungen vor sich hin. "Ach ich muss ja noch…" "Jetzt wollte ich…" "Hach, fast vergessen.." "Ach ja.." "Nee, warte mal.." "Ja, genau.." Am Anfang unserer Zusammenarbeit hab ich immer noch nachgefragt – hätte ja schließlich sein können, sie meint mich. Das hab ich mir aber ganz schnell abgewöhnt. Stattdessen grinse ich jetzt nur noch.
Alles verläuft in gewohnten Bahnen. Bis zur Abrechnung. Da stimmt dann gar nichts mehr. Gnarf. Wildes überlegen, wo denn der Fehler liegen könnte. Das Heureka kommt leider erst, als das Geld schon weggeschlossen und ein Roman an Cheffe verfasst ist. (Ich sag nur: Taste 8 und Theke divers.) Egal. Neuen Roman verfassen, ohne Geld nach Hause gehen und hoffen, dass Cheffe uns nachträglich nicht mit nem Hungerlohn abspeist.
Als ich nach Hause komme, ist Mitbewohner A. noch wach und wir schwatzen beim Feierabendbier auf der Balkonbrüstung, bis der Berufsverkehr losgeht.
Samstag
Nach 3 Stunden Schlaf klingelt der Wecker, meine Augen bleiben hartnäckig zu winzigen Sehschlitzen zusammengefaltet, woran auch die Aloe-Dusche zunächst nichts ändern kann. Klamotten packen, Sonnenbrille auf, ab zum Bahnhof. Heimaturlaub. Bei meinem ersten Umstieg frage ich mich besorgt, was um alles in der Welt mich geritten haben muss, am Tag des Kleinen Finales Richtung Hauptstadt zu fahren?! Himmel und Menschen unterwegs – pfeifend, gröhlend, fahneschwenkend. Hat irgendwie was. Allerdings nicht in meinem Zustand.
Frau Mama und Herr Papa weilen auch in alten Gefilden. Kleine Familienzusammenführung sozusagen. Und zwar anlässlich des traditionellen Grillabends bei Onkelchen auf seinem Sommergrundstück, welches mit dem Tandem auch recht bald erreicht ist. Nach kurzer Umarmung und Drückung der Anwesenden inspiziere ich die Räumlichkeiten nach einem Fernseher. Erfolglos. Wie jetzt? "Aber ich dachte, wir gucken heut abend alle zusammen das Spiel? Du hast doch gesagt.." Frustriert werfe ich der Frau Mama einen bösen Blick zu. "Also ich war wirklich der Meinung, hier schon mal einen Fernseher gesehen zu haben…" (Kreisch!) Nagut. Das Thema wird zunächst verdrängt. Ist ja auch noch etwas Zeit. Welche man dann mit Kaffeetrinken, Spazierengehen, Mitnichtespielen, Grillvorbereitungen und Schöndassihrdaseidbekundungen verbringt. Irgendwann steht sie aber wieder im Raum, die Frage der Fragen. "Was ist denn jetzt mit dem Spiel?" (Schluchz… aber zum Glück bin ich nicht die einzige, die das interessiert.) Und so wird kurzerhand ein Radio ans Lagerfeuer geschleppt. Obwohl, ich weiß nicht, ob man derartige Geräte schon Radio nannte, als man die damals hergestellt hat. Bunt bemalt sitzen wir also im Kreis, und hören den Klinsmännern beim Siegen zu. Eine bizarre Erfahrung, lustig allemal.
Sonntag
Frühstück im Freien. Phantastisch! Ich beschließe, einfach noch eine Nacht länger zu bleiben. So komme ich auch in den Genuss, ins fünftausendsterne-Hotel zum Brunch eingeladen zu werden. Hab zwar nicht annähernd adäquate Garderobe im Gepäck, aber woher sollte ich auch wissen.
Zum Kaffee kommen jede Menge Menschen, verwandt oder bekannt, die bis zum Abend bleiben. Finaaaale o-ho! Diesmal sogar mit Bild. Die regulären Tore verpasse ich trotzdem, weil ich mich am Telefon um meinen Patienten kümmern muss, der ein katastrophales Wochenende verlebt hat, und ein bisschen Trost braucht.
Tja. Nun ist Italien also Weltmeister. Nicht wirklich mein Wunsch-Kandidat, aber… aber.. nix aber. Glückwunsch!
Montag
Da ich abends arbeiten muss, mache ich mich gegen Mittag auf den Weg nach Hause. Auf dem Bahnsteig überkommt mich plötzliches Unbehagen. Oder um es anders auszudrücken: Mir wird kotzübel, schwindlig und ich verspüre den Drang, mich auf den Boden zu legen, um dort umgehend zu sterben. Scheiß Hitze, scheiß Kreislauf. Zum Glück habe ich nach anderthalb Stunden Fahrt beim Umsteigen genug Zeit, mir noch schnell was zu trinken zu kaufen. Allmählich stellt sich Besserung ein.
Bin zwar alles andere als fit, Spaß macht das Arbeiten jedoch trotzdem. Wenn auch erst gegen Ende. Die Gäste werden von mir mit gelben und roten Karten erzogen (ein Geschenk vom Tantchen), es gibt einige Namensaufklärungen und auch der italienische Käse schmeckt schon wieder. Und ganz wichtig: Die Kasse stimmt!
Jetzt hat es uns also wieder. Das fußballfreie Leben. Und was machen wir mit all der zurückgewonnenen Zeit? Ich glaube, ich hol mir jetzt erstmal nen Kaffee.