GEDANKENFLUG

27.03.2009 um 17:36 Uhr

Zirkustiere...ein Leben ? auf Rädern...

Stimmung: nachdenklich bis traurig

 

Zirkustiere


Bären stampfen im Takt,

ein Löwe durchspringt brennende Reifen,

ein gelbgeschürzter Affe fährt Rad,

eine Peitsche knallt, Melodien ergreifen,

die Peitsche schaukelt den Blick der Tiere,

der Jumbokopf balanciert die Karaffe,

die Hunde, maßvoll im Schritt, quadrillieren.


Ich schäme mich sehr, ich - Menschenaffe.


Ein schlechtes Vergnügen war dieser Tag:

Mit Applaus wurde nicht gespart,

wenn die Hand, verlängert um den Peitschenschlag,

in den Sand der Manege scharfe Schatten warf.


Wistawa Szymborska



Der Panther
Im Jardin des Plantes, Paris

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, dass er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf -. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille -
und hört im Herzen auf zu sein.

Rainer Maria Rilke, 6.11.1902, Paris



Es ist schon erstaunlich, was der Mensch in seiner grenzenlosen Überheblichkeit dem Tier antut. Er raubt ihm sein Grundrecht auf Freiheit.

Mit dem Argument des Artenschutzes wird eine lebenslängliche Gefangenschaft der bedauernswerten Zooinsassen gerechtfertigt, dabei ist es einfach unmöglich Wildtiere im Zirkus oder Zoo auch nur annähernd artgerecht zu halten. Es ist kein Leben, es ist ein Vegetieren.

Ich habe keine Angst vor Tieren...keine Angst vor freilaufenden Hunden...es ist der freilaufende Mensch der mir Angst macht.

Oder wie Friedrich Schiller es ausdrückt...

Gefährlich ist's, den Leu zu wecken, verderblich
ist des Tigers Zahn; jedoch der schrecklichste der
Schrecken, das ist der Mensch in seinem Wahn

 

23.03.2009 um 18:06 Uhr

wie wahr...

Stimmung: gut

Es gibt Millionen von Menschen,
die sich nach der Unsterblichkeit sehnen,
dabei wissen sie nicht einmal,
wie sie einen verregneten Sonntagnachmittag
verbringen sollen.

Maurice Chevalier


22.03.2009 um 15:18 Uhr

Die letzte Ehre...

Stimmung: nachdenklich

 

...eine heiße Diskussion in meinem Bekanntenkreis...ich wurde wieder einmal angegriffen, weil ich nicht an der Beerdigung meines Vaters teilnahm. Das Thema holt mich immer wieder ein.

Verständnislos sagt man mir, man muß einem Verstorbenen, insbesondere seinem Vater, die letzte Ehre erweisen.


Was ist Ehre?

1. die einer Person aufgrund ihres Menschseins und der damit verbundenen Würde von Natur aus zukommende, durch Worte und Handlungen bekundete Achtung

2. Achtungswürdigkeit, Wertschätzung, Ehrfurcht...

Von der Ehrfurcht blieb für mich nur die -furcht. Er hat mich verprügelt, mich mit Gleichgültigkeit behandelt, meinen Bruder und mich nach der Scheidung einfach „vergessen“. Für den Begriff der Ehre gibt es sicher einen großen Spielraum an Definitionen. Ehre hat für mich etwas mit Sozialverhalten zu tun. Ich bin der Meinung, daß man sich die letzte Ehre zu Lebzeiten verdienen muß. Ein Vater war er nur aufgrund der Tatsache, daß er seine Spermien zur richtigen Zeit an den richtigen Ort plazierte. Wie hätte ich ihn ehren, schätzen, respektieren können?


Für mich ist es eine antike Auffassung, daß die Verweigerung der letzten Ehre eine Schande ist. Für wen sollte sie das sein? Für mich? Keineswegs! Hätte ich an der Beerdigung teilgenommen, wäre ich eine Heuchlerin. Was wäre dann mit meiner Ehre? Ist die (letzte) Ehre wichtiger und zentraler als die Wahrheit?

20.03.2009 um 12:55 Uhr

Gedicht...ein Beitrag zur Statistik



Von hundert Leuten:

Besserwisser
- zweiundfünfzig,

unsicher auf Schritt und Tritt
- fast der ganze Rest.

hilfsbereit,
wenn es nicht zu lange dauert
- ganze neunundvierzig,

immer gutmütig,
denn sie können es nicht anders
- vier, na vielleicht fünf,
fähig zu bewundern ohne Neid
- achtzehn,

irregeleitet
durch die Jugend, die vergeht
- plus minus sechzig,

mit denen nicht zu scherzen,
- vierzig und vier,
die in ständiger Furcht leben
vor jemandem oder etwas
- siebenundsiebzig,

mit einer Begabung für das Glück
- höchstens über zwanzig,

einzeln ungefährlich,
wild in der Masse
- sicher über die Hälfte,

grausam,
wenn die Umstände sie zwingen
- das sollte man besser nicht wissen
auch nicht annähernd,

aus Schaden klug
- nicht viel mehr
als klug vor dem Schaden,

die dem Leben nichts abgewinnen außer Sachen
- dreißig,
obwohl ich mich gern irrte,

geduckt, leidend
und ohne Taschenlampe im Dunkeln
- dreiundachtzig
früher oder später,

gerecht
- ziemlich viele, weil fünfunddreißig,

wenn diese Eigenschaft sich verbindet
mit der Mühe zu begreifen
- drei,

bemitleidenswert
- neunundneunzig,

sterblich
- hundert von hundert.
Eine Zahl, die bislang unverändert bleibt
.

Wistawa Szymborska

20.03.2009 um 08:28 Uhr

Spruch...Liebe...

Stimmung: gut

 

Uns selber anzunehmen, so wie wir sind,

das ist die Wurzel der Liebe.

Von Anderen angenommen zu werden,

so wie wir sind,

das ist die Blüte der Liebe.

19.03.2009 um 22:10 Uhr

Gedicht...Frauenbildnis

Stimmung: gut

 

Frauenbildnis


Sie hat auswählbar zu sein.

Sich zu verändern, damit sich ja nichts verändert.

Das ist leicht, unmöglich, schwer, lohnt den Versuch,

Ihre Augen sind, wenn es sein muß, mal blau, mal grau.

Dann schwarz, lustig, grundlos mit Tränen gefüllt.

Sie schläft mit ihm wie die erstbeste, die einzige auf der Welt.

Sie wird ihm vier Kinder gebären, keine Kinder, eins.

Naiv, doch sie rät am besten.

Schwach, aber sie trägt es.

Fehlt ihr ein Kopf im Nacken, dann besorgt sie sich einen.

Ihre Lektüre sind Jaspers und Frauenjournale.

Sie weiß nicht, wozu dieses Schräubchen gut ist, aber sie baut eine Brücke.

Jung, wie üblich jung, noch immer jung.

Sie hält einen Spatz mit gebrochenem Flügel in Händen,

eigenes Geld für die weite und lange Reise,

das Hackmesser, die Kompresse, ein Gläschen Klaren.

Wo rennt sie hin, ist sie nicht müde?

Doch nein, nur ein wenig, ziemlich, es macht nichts.

Entweder sie liebt ihn oder sie trotzt.

Zum Guten, zum Unguten, zum Gotterbarm.



Wistawa Szymborska


 

19.03.2009 um 14:59 Uhr

Willst du fliegen, laß dich fallen...

Stimmung: gut

 

Ein junger Mann, der nach tiefer Einsicht suchte, fragte einen großen Weisen: „Wie handle ich in bester Absicht?“

Absichtslos“, antwortete der Weise.

Und wie finde ich den besten Weg?“

Ziellos.“

Und wie liebe ich am besten?“

Grenzenlos.“


Der junge Mann ließ diese Antworten lange auf sich wirken, bevor er seine letzte Frage stellte: „Und wie lehre ich meine Seele das Fliegen?“

Der Weise sagte: „Willst du fliegen, laß dich fallen.“


Hans Kruppa



...sich zunächst im Vertrauen auf sich, auf die eigene Stärke fallen lassen und sich dann frei und leicht wie ein Vogel in schwindelerregende Höhe aufschwingen...als Ziel...