Als ich das erste Mal mit der Erdnuss backte, ging das so ziemlich an
allen Vorstellungen, die ich davon hatte vorbei. Sie war zwei Jahre alt
und ihre Augen strahlten, als ich ihr ankündigte, dass wir heute
zusammen Plätzchen backen würden. Sie hatte all die kleinen Utensilien
dafür, ein kleines Nudelholz, kleine Holzlöffel, Holzmesserchen für den
Teig und natürlich Förmchen ohne Ende, Sterne, Schmetterlinge,
Tannenbäume, Hunde, Katzen, Buchstaben, was das Herz begehrte. Ich
schätze, dass das eigentliche Event ebenso sehr an ihren Vorstellungen
vorbei ging wie an den meinen.
Es war eben anstrengend. Der Teig zäh, das Mehl staubte in der Küche
umher, das Ausrollen klappte bei weitem nicht so, wie es sollte und das
Ausstechen wurde schnell langweilig. Also begann sie kleine Kügelchen
zu formen, und diese durch die Küche zu werfen. Sie staubte im Mehl
herum, sie kam natürlich auch dem Ofen gefährlich nahe und irgendwann,
als ich mir dann beim ersten Rausnehmen der kohlschwarzen Plätzchen die
Finger verbrannte, und sie im Hintergrund auf dem Teig herumtrampelte
und "Mama! Mama! Mama!" rief, war es mit meiner Geduld vorbei und ich
habe sie ziemlich angeherrscht.
Da stand sie, mit kugelrunden Augen, die sich langsam mit Tränen
füllten, boah, es tat mir schrecklich schrecklich leid. Sie hatte es
sich schön vorgestellt, ich hatte es mir schön vorgestellt, und wir
waren beide enttäuscht. Ich kniete mich in die mehligen kleine Teigseen
auf dem Boden und sah sie an. "Na, das is' ja ne schöne Bescherung!"
sagte ich mühsam lächelnd. "Mach dir keinen Kopf. Ich hab mich
geärgert, das ist alles. Ich glaub, wir lernen das noch. Und es tut mir
leid, wenn ich so laut
geschimpft habe." Sie nickte langsam mit dem Kopf. "Magst du noch
weiter machen.?" Sie sah mich nur an. "Ein kleines bisschen?" Wieder
nickte sie und wir stachen noch ein paar weitere Sternchen und
Schmetterlinge aus. Eine meditative Beschäftigung, wir redeten beide
lange kein Wort. Irgendwann hob sie den Kopf und sagte: "Es tut mir
auch leid, Mama." Und dann haben wir uns einen mehligen Kuss quer über
ihr Kindertischchen gegeben. Das gehört zu den schönsten Erinnerungen,
die ich an sie habe. Unsere erste wörtlich ausgeprochene Versöhnung.
Gestern hatte ich die glorreiche Idee Muffins zu backen. Keine 08-15
Muffins, neinneinnein, es sollten bunte Zuckerguss-Muffins werden und
welche mit Vollmilchschokolade überzogene, Smarties sollten drauf und
Gummibärchen. Also hieß es erstmal einkaufen. Wir überlegten lange an
den Regalen, was wir brauchen, wie Zuckerguss gemacht wird, ob dunkle
Schokoglasur oder helle, Schokomuffins oder die anderen, Fragen über
Fragen, und immer, wenn wir uns der Kasse genähert haben, stellten wir
fest, dass wir NOCH eine Kleinigkeit brauchten. Schwer bepackt sind wir
nach Hause gefahren. Ampeln grün, brave Fahraderdnuss, nette
Autofahrer, Sonnenschein. Es lief bombig.
Was hatte ich vor nun fast vier Jahren zu ihr gesagt? "Ich glaub wir lernen das noch..."
Traditionell räume ich das kleine Tischchen und das Erdnussstühlchen
in die Küche, wenn wir zusammen kochen oder backen. Sie kriegt da alles
draufgestellt und ich bestimme die Reihenfolge, in der die Zutaten in
der Schüssel landen sollen. Das Muffinpulver zuerst. Es staubt, eine
braune Schokowolke erhebt sich und lässt sich leise auf den
Küchenregalen nieder. "Mama?" Während ich im Kühlschrank rumhantiere,
betrachtet die Erdnuss fachmännisch das Ei, das gleich in die Schüssel
geschlagen wird. "Kannst DU heute das Ei aufschlagen, ich hab keine
Lust dazu." "Kein Problem" flöte ich, und sehe, wie die Erdnuss das Ei
am Rande des kleinen Tischchens platziert. "Kein Problem" flöte ich
gleich nochmal, als das Ei auf dem Küchenboden aufschlägt. "Ei
aufschlagen..." denk ich noch. "Eine ganz neue Bedeutung." und kicher
ein bisschen. Die Erdnuss guckt sich betreten zu mir um, leider in dem
Moment, als sie das Öl zum Pulver gießen will, wovon ca. ein Drittel
neben die Schüssel fließt. Küchenrolle. Wir tupfen den Tisch ab. Und
irgendwie bringt mich die Schweinerei jetzt schon so richtig zum
Lachen. Die Erdnuss staunt mich an. "Mama? Das ist doch nicht lustig."
"Manchmal" antworte ich mit dem nötigen Ernst. "sind gerade die Dinge
besonders komisch, über die man sich sonst ärgern würde." "Aha." Ein
ratloser Blick und ein Schulterzucken. Weitermachen. Öl nachgießen,
neues Ei rein. Rühren ist angesagt. Die Erdnuss lässt es sich nicht
nehmen, mit dem Schneebesen vorzurühren. Es tropft und spritzt, aber
das ist noch gar nichts gegen meine Ergänzungsarbeit mit dem Rührgerät.
Da wir nämlich nur noch einen Knethaken udn einen Rührhaken haben, nehm
ich sie immer beide. Kann ja nicht schaden, rühren UND kneten. Zwei
Fliegen mit einer Klappe, denk ich immer. Muffinteig allerdings, das
sag ich euch, das is ein ganz anderes Kaliber. Der klebt und tropft und
ölt so vor sich hin in der Schüssel, lass es vielleicht auch eine
falsche Mischung der Zutaten gewesen sein, ich trau mir alles zu,
jedenfalls zieht sich die dunkelbraune Kaugummimasse an der Spirale des
Knethakens hoch und spritzt und sprotzt nur so in der Küche herum. Ich
schau fassungslos auf die sich wie wild drehenden Rühr- und Knetdinger.
Mein Reaktionsvermögen ist schwer beeinträchtigt. Dass Zurückschalten
eine gute Idee sein könnte, geht mir erst Silbe für Silbe durch den
Kopf, bevor ich diese geniale Idee in die Tat umsetze. Danach setz ich
noch einen drauf. Ich halte das Gerät in die Spüle und statt den Knopf
zum Entfernen der Haken zu drücken, stelle ich es wieder auf
Rührbetrieb. Schokomuffinteigreste fliegen durch die Küche, alle weißen
Kacheln sind braun gesprenkelt. Im Rest der Küche mischt sich Hell- mit
Dunkelbraun. "Oh mein Gott, bin ich ein IDIOT!" ruf ich. "Nein, Mama,
DAS IST LUSTIG!" ruft die Erdnuss und wischt eifrig an den Schranktüren
herum, um sich wie wild Teigreste in den Mund zu stopfen.
Soll ich noch weitererzählen? Vom Befüllen dieser Papiertöpfchen? Vom Zuckerguss anrühren? Vom färben?
Von den vielen vielen bunten Liebesperlen, den Smarties, der Gummibärchenschlacht? Soll ich? Soll ich?
Wie war das noch mit den Stoikern?
"Für den Stoiker als Individuum gilt es, seinen Platz in dieser Ordnung
zu erkennen und auszufüllen, indem er durch die Einübung emotionaler
Selbstbeherrschung sein Los zu akzeptieren lernt und mit Hilfe von
Gelassenheit und Seelenruhe zur Weisheit strebt."
Mannomann! Das funktioniert. Klar. Es wirft auch Fragen auf. Zum
Beispiel: Ordnung? Welche Ordnung? Und Weisheit? Die is mir jetzt auch
grad mal wurscht. Aber der Genuss. Mit Hilfe von Gelassenheit und
Seelenruhe strebe ich zum GENUSS! Hätte ich die Schweinerei in der
Küche nicht seelenruhig und gelassen hingenommen, hätte ich diese
grellbunten Schokodinger nur halb so lecker gefunden.
Wir haben unser Los akzeptiert, die gröbste Sauerei weggewischt und es uns mit den Muffins vorm Fernseher gemütlich gemacht.
Und von wegen Genuss, ähm da muss ich zum Schluss noch ein Geheimnis
enthüllen: Ich stehe volle Kanne auf Willi von "Willi wills wissen."
Der ist heiß. Mega-heiß.
Öhöm.
Das musste mal raus.