Anleitung zum Entlieben

30.06.2005 um 18:57 Uhr

Sex mit John Bon Jovi

von: Lapared

Ich habe meinen Nachbarn gefragt. Bei ihm roch es heute Morgen nicht nach Käsebrötchen. Bei 119 übrigens auch nicht. Ihn habe ich nämlich auch gefragt. Und jetzt darf ich mir wohl berechtigte Hoffungen machen, bei der diesjährigen Prämierung der „Miss Bekloppt“ den ersten Preis in der Kategorie „Dämlichster Grund, den Ex wieder anzurufen“ zu gewinnen. Vielleicht sollte ich mir schon mal ein Kleid für den Anlass kaufen - und Schuhe.

Apropos. Carrie (für die Jungs: aus „Sex and the City“) hat sie nach ihrer zweiten Trennung von Big ja auch nicht mehr alle beisammen, und die anderen Mädels raten ihr dringend, zu einer Psychologin zu gehen. Ich würde ja auch zu einer Psychologin gehen, wenn jemand mir garantieren könnte, dass ich dann auch John Bon Jovi im Wartezimmer träfe und mit ihm Sex hätte, denn es gibt weiß Gott schlechtere Bestätigungen für die nicht nur kein bisschen originelle sondern auch wenig hilfreiche Erkenntnis, dass man sich immer wieder die falschen Männer aussucht, als John Bon Jovi. Hauptsache er würde nicht anfangen, im Bett zu singen. Nicht, dass ich etwas gegen Psychologinnen hätte, genau genommen bin ich selber eine, war es zumindest in einem früheren Leben, ich glaube nur eben nicht daran, sonst wäre ich es ja immer noch. Jedenfalls bin ich genau wie Carrie jemand, der seine Probleme lieber mit sich selbst ausmacht und halte ansonsten auch die These von Charlotte für nicht ganz verkehrt, dass sich die meisten seelischen Probleme mit Sport lösen lassen, wo sie sich im Übrigen ja mit meiner Schwester trifft. Ich überlege ernstlich, ihrem Rat zu folgen, und so einem Fitnessclub beizutreten. Erstes Annäherungsverhalten habe ich bereits gezeigt, indem ich nämlich soeben im Internet ein paar neue Sporthosen bestellt habe. Immerhin ein erster Schritt, nicht wahr.

Zu dem Anruf bei 119 sollte ich vielleicht noch Folgendes sagen. Ich konnte nicht anders, ich hab es nicht mehr ausgehalten. Aber dann das Gespräch hat es eher noch schlimmer gemacht. Davor habe ich mich elend gefühlt, aber nachdem ich aufgelegt hatte, noch viel mehr. So... verlassen. Im Film fährt dann immer die Kamera zurück, und wir sehen das Mädchen klein in ihrer großen Wohnung stehen, meistens in der Küche, die Kamera ist im Wohnzimmer nebenan, oder im Schlafzimmer, im Anschnitt haben wir vielleicht sogar das große, leere Bett, und das Mädchen sehen wir weit weg durch den Rahmen der offenen Küchentür. Manche Regisseure legen dann auch noch melancholische Musik darüber, obwohl das in den meisten Fällen gar nicht nötig wäre. Aber schaden tut´s natürlich auch nicht.

Wann hört das endlich auf. Ich meine, es ist ja nicht so, als wenn ich nicht schon ein ganz erhebliches Stück weiter wäre. Ich trinke nicht mehr, rauche weniger, nehme kein Tavor, esse... und Zwiebeln gehören mittlerweile fast täglich zu meinem Speiseplan. Aber trotzdem ist er immer noch abends mein letzter und morgens mein erster Gedanke. Nur heute nicht, da waren es Käsebrötchen.

30.06.2005 um 09:42 Uhr

Hilfe, Halluzinationen!

von: Lapared

Bin heute Morgen von einer Geruchshalluzination aufgewacht. Ja, so was gibt´s! In meinem Schlafzimmer roch es ganz intensiv nach Käsebrötchen (diese goldgelb überbackenen Dingerchen vom Bäcker, nicht belegte Käsebrötchen). Also nicht wirklich, sondern eingebildet eben. Ich weiß, dass manche große Bäckereien in der City, um Kunden anzulocken, die Bürgersteige mit ausgetüftelten Düften beduften, die geschickt unser Käsebrötchenzentrum im Gehirn stimulieren, oder das Croissantzentrum oder Windbeutelzentrum oder so, aber selbst wenn in der City irgendwo so ein Karton voll mit diesen ausgetüftelte Beduftungspatrone explodiert wäre und der Wind die riesige freigesetzt Beduftungswolke durch die von Abgasen verhangenen Straßenschluchten der morgentlichen Großstadt hinaus in mein kleines idyllisches Viertel ohne geldgeile Bäcker und mit noch unverfälschten, aufrichtigen Gerüchen getragen hätte... dann hätte spätestens der wahrhaft infame Gestank über den Müllcontainern im Hof die appetitliche Wolke spielend absorbiert. Und wenn nicht der, dann die Abluft aus dem Entlüftungsschacht des Fischgrills, der direkt neben meinem Schlafzimmerfenster endet. Warum also roch es in meinem Schlafzimmer nach Käsebrötchen? Das wird mich jetzt wohl den ganzen Tag beschäftigen.
Dabei gäbe es wahrhaft wichtigere Dinge. Die Erderwärmung, das Müllproblem, die Torwartfrage, Bin Laden ist auch noch nicht gefunden... Ich könnte mich um so viele Dinge kümmern.

29.06.2005 um 22:34 Uhr

Ein Jahr zuvor...

von: Lapared

Vor einem Jahr ist übrigens sein Vater gestorben. Das Datum weiß ich noch so genau, weil er kurz darauf mit mir Schluss gemacht hat. Er war zur Beerdigung nach Hause gefahren. Als er nach ein paar Tagen wieder kam, sind wir abends zusammen essen gegangen. Ich hab so ziemlich alles falsch gemacht. 119 spricht nicht viel, und obwohl ich normalerweise auch nicht so gern rede, fühle ich mich immer irgendwie verantwortlich, für Unterhaltung zu sorgen. An dem Abend sagte er gar nichts. Und ich umso mehr. Ich dachte, ich müsste ihn aufmuntern oder auf andere Gedanken bringen und habe irgendwelche Geschichtchen erzählt und versucht, witzig zu sein. Ich war so beschäftigt damit, Heiterkeit zu verbreiten, dass ich gar nicht gemerkt hab, dass sein Blick immer kühler wurde. Während ich immer mehr aufdrehte und allmählich zu Höchstform auflief, wurde er immer stiller - und agressiv. Dass ich das nicht geblickt habe! Ich weiß nicht, was in mich gefahren war, aber ich machte immer weiter. Als er nach Hause wollte, bin ich mit ihm gegangen, als gute Freundin, dachte ich, darf ich ihn in so einer Nacht nicht alleine lassen. Ich stand im Schlafzimmer, ich hatte mich gerade ausgezogen, um ins Bett zu gehen. Plötzlich stand er im Türrahmen. Er sah mich an, sein Blick war angewidert, und dann sagte er leise: „Warum kannst Du nicht einfach gehen?“ Ich stand da, nackt, so nackt wie in meinem ganzen Leben noch nicht.

So flott wieder angezogen war ich dann allerdings auch zum ersten Mal. Ich bin gerannt. Mit offenen Schnürsenkeln heulend die fünf Etagen runter und raus. Nur raus. So schnell ich konnte. Er ist dann erst mal zwei Wochen in Urlaub gefahren. Als er wieder kam, hat er mit mir Schluss gemacht. Und dabei gesagt, dass er nie verliebt in mich war.

Ich weiß auch nicht, warum ich diese Geschichte jetzt wieder rauskrame. Wahrscheinlich, weil es so leicht wäre, ihn wieder anzurufen.

29.06.2005 um 12:00 Uhr

Geständnis eines Kneifers

von: Lapared

Ich glaube, ich sollte was beichten. Die Job-Anfragen gestern, die haben sich nicht "zerschlagen". Ich habe abgesagt. Ich hatte einfach zu viel Schiss. Super, was?! Wo soll das nur hinführen...

Meine Schwester sagt, wenn ich so dermaßen die Hosen davor voll hatte, war es gut die Jobs abzusagen, weil ich sie sonst wahrscheinlich selffullfilling-prophecy-gemäß tatsächlich verkackt hätte. Vielleicht hat sie Recht. Andererseits fürchte ich, wird die Verkack-Angst durch Kneifen nicht kleiner. Und mit der Zeit kommt dann auch noch der finanzielle Druck hinzu. Hm. Nein, ich fürchte, das war nicht gut, gar nicht gut.
Meine Schwester sagt außerdem (und das nicht zum ersten Mal), ich soll in einen dieser besseren Sportclubs eintreten, mir einen netten Mann suchen, der mich liebt und keine Bindungsängste hat - und idealerweise etwas Patte, damit er mir auch finanziell ein bisschen Sicherheit geben kann. Sie muss es wissen, sie ist die Ältere. Und sie meint es wirklich ernst, jetzt will sie mir sogar den Monatsbeitrag bezahlen. Man muss wissen, meine Schwester hatte auch mal eine 119. Eineinhalb Jahre ging die Quälerei, ein schlimmes Elend war das, aber hallo. Bis sie im Fitnesscenter einen Anderen kennenlernte, in den sie sich verliebt hat. Der war zwar ein Idiot sondergleichen, aber zum Glück dauerte es ein paar Monate, bis sie das bemerkt hat. Und bis dahin war sie über ihre 119 hinweg. Es lebe der Sport.

Aber irgendwie geht mir ja diese rein theoretische Frage noch nicht aus dem Kopf... mit der ich mich natürlich ohne weiteres auch dann beschäftigen könnte, während ich in einem gepflegten Fitnesscentern gleichzeitig meine erschlaffenden Gesäßmuskeln trainiere. Hm.

28.06.2005 um 21:27 Uhr

Gute Nacht

von: Lapared

Das mit den Job-Anfragen hat sich zerschlagen. Ganz ehrlich? Erleichterung und Bedauern halten sich so in etwa die Waage. Ganz, ganz ehrlich? Ich bin heilfroh! Ich hatte schon wieder so dermaßen Angst, dass ich das nicht hinkriege... konnte den ganzen Tag nichts essen (obwohl mein Nachbar - der, der immer meine Zeitung klaut - mich - vermutlich zur Verschleierung seines wahren, hundsgemeinen Charakters - auf einen Crumble eingeladen hatte). Aber so... So kann ich mich ja wieder ungestört von irgendwelchen einträglichen Jobs der Sorge widmen, wo ich Geld herkriegen soll. Und die restlichen circa 99,9 Prozent meiner Hirnkapazität um Lieblingskummer 119 kreisen lassen. Prima, ganz prima. Aber man muss auch das Positive sehen: Erfreulich, dass 119 kein Monopol darauf hat, mein hochneurotisches Appetitzentrum zu manipulieren.

Momentan treibt mich in dem Zusammenhang übrigens eine sehr interessante, natürlich rein theoretische Frage: Was ist besser, ein Mann, der Dich gut behandelt aber nicht liebt? Oder ein Mann, der Dich liebt aber scheiße zu Dir ist? (Den Fall: Mann, der Dich nicht liebt und scheiße zu Dir ist, lassen wir mal außen vor, darüber sprachen wir bereits. Und den Fall: Mann, der Dich liebt und Dich gut behandelt, auch - wen interessieren schon Märchen?!) Und was, wenn ein Mann vielleicht gar nicht scheiße zu Dir war, Dir aber scheiße vorkam, weil Du wußtest, dass er Dich nicht liebt? Wie gesagt, alles rein theoretisch...
Irgendwie dreht sich mir im Moment der Kopf. Ich glaube, ich gehe mal besser ins Bett, da war ich nämlich schon länger nicht mehr.

28.06.2005 um 14:37 Uhr

Ab heute: CURD ROCK!

von: Lapared

Als hätten sie´s gelesen. Kaum beschließe ich, wieder tüchtig „in Werbung“ zu machen, schon gibt es von zwei Agenturen Anfragen. Beides nur Optionen, aber immerhin. Die wollen mich (mich!), mit oder ohne Olli, das tut schon mal gut. Hauptsache, ich versemmel es dann nicht wieder, das wäre... also, wenn ich bei einer dieser beiden Agenturen Müll abliefere, dann könnte ich... ich könnte abdanken. Ja, so bin ich. Vorausschauend. Immer auf Zack. Ich weiß zwar noch nicht mal, ob ich einen der Jobs kriege, aber ich fange schon mal an, mir in die Hosen zu scheißen. Damit sie im Falle des Falles auch richtig schön randvoll sind. Volle Hosen, der ideale Humus für die mutigen, verrückten Ideen, die man von mir erwartet. Super. Das kann ja nur schief gehen...

Um mich zu beruhigen, mache ich ein kleines Polaroid-Shooting mit Curd. Heute posiert er vor zwei Fotografien von Stefanie Schneider. Sein Grinsen war nie breiter. Mit Weibern fotografieren lassen, das gefällt ihm. Er nennt sich jetzt übrigens Curd Rock, der Vorname Curd allein, fand er, würde seiner Persönlichkeit nicht gerecht. Na denn. Hier also noch mal: CURD ROCK...



Und hier Stefanie Schneiders RHADA DOING HER NAILS BY THE POOL, 1999...



Und das ist ein unbetiteltes Foto aus ihrer Serie LONG WAY HOME 1999...



Nicht schlecht, was?! Hach, zu schade, dass ich die Polaroids nicht einstellen kann. Curd zusammen mit den Mädels, das passt ehrlich perfekt. Auch die Farben. Und Curd fühlt sich unübersehbar sauwohl. Hm. Manchmal habe ich den Eindruck, ich werde ein bisschen infantil...

28.06.2005 um 08:07 Uhr

Telefon!!!

von: Lapared

Es gibt eine gute und eine schlechte Nachricht. Zuerst die schlechte: Er hat angerufen. Und jetzt die gute: Er hat angerufen. Ach, was soll ich sagen. Ich weiß doch, dass es schlecht für mich ist. Warum nur fühlt es sich so verdammt gut an? Ich will nicht lügen, ich habe mich gefreut wie ein Schneekönig. Mein Herz hüpfte bis unter die Decke. Zumindest blieb mein Kopf einigermaßen bei Verstand und als er fragte, ob er denn noch vorbei kommen soll, hörte ich mich sagen: „Nee, ich kann nicht!“ Okay, das scheint auf den ersten Blick vielleicht keine dolle Leistung, keine Abfuhr, die in die Annalen eingehen wird, dennoch... ich sagte nicht: Nee, ich kann heute nicht. Auch nicht: Nee, ich kann leider nicht. Nur: Nee, ich kann nicht. Und das ist fast so viel wie: Nee, ich will nicht. Fast so viel wie: Nee, ich will Dich nicht. Und ganz nah an: Nee, fick Dich doch selbst. Teufel, bin ich gut!!!

Die Auseinandersetzung von Samstag (guck an, schon schrumpft das „Aus!“ zu einer „Aus-einandersetzung“) wurde übrigens mit keinem Wort erwähnt, von keinem von uns.

Eine halbe Stunde später ging das Telefon wieder. Ich bin nicht dran gegangen. Hihi. Jetzt wo ich das Gefühl habe, es könnte, wenn ich wollte, doch noch weiter gehen, ist es viel leichter, nicht zu wollen, dass es das tut. So ist das. Auch die größte Scheiße wirkt ein bisschen freundlicher, wenn man sie sich selbst aussuchen darf. Komm an mein Herz, verdammte Scheiße.

27.06.2005 um 21:26 Uhr

Spotless Mind

von: Lapared

Ein berühmter Mann der deutschen Werbung (mit anderen Worten, irgendein Typ, den außerhalb dieser winzigen aufgeblasenen Parallelwelt eigentlich kein Schwein kennt) hat mal gesagt: Scheiß immer auf denselben Haufen! Ich habe darüber nachgedacht. Und ich glaube, er hatte Recht.

Mehr als 10 Jahre habe ich geackert wie blöde und in der Werbung eigentlich schon einen ganz beachtlichen Haufen produziert. Mehrfach ausgezeichnet und preisgekrönt. Werbung ist das, was ich kann. Und wenn ich in der letzten Zeit manchmal den Eindruck hatte, dass ich es nicht kann, so muss das einfach daran gelegen haben, dass mir irgendwie die Begeisterung dafür abhanden gekommen war. Ja, daran muss es gelegen haben, nur an der fehlenden Begeisterung, nur daran. Ist ja auch kein Wunder, wenn man Werbung nur noch aus dem deutschen Fernsehen kennt. Das, was da läuft, ist ja auch Grotte. Früher, da habe ich Awardbooks verschlungen, mir in jeder freien Minute "Lürzers", "Shots“... eben all diese internationalen Sachen angeguckt. Und dabei gedacht: Alter! So gut kann Werbung sein! Ich denke, das sollte ich mal wieder tun. Richtig gute Werbung angucken. Bestimmt kommt die Begeisterung dann wieder. Bestimmt. Und wenn nicht... dann wird mir wohl tatsächlich nichts Anderes übrig bleiben, als irgendwo anders auf einer neuen Wiese mit einem neuen kleinen Häufchen zu beginnen. Einem Praktikantenhäufchen oder einem Volontäriatshäufchen. Aber das läuft mir ja nicht weg. Vorher sollte ich der Sache, die so lange eine große Leidenschaft war, vielleicht noch mal eine Chance geben. Oder? Ich finde, das hört sich sehr vernünftig an. Oder nach Kneifen. Wie auch immer.

Apropos große Leidenschaft. Ich denke andauernd an diesen Film. „Eternal Sunshine of the Spotless Mind“, ich glaube, bei uns hieß er „Vergiss mein nicht“. Gott, bzw. Charlie Kaufman, hat das Drehbuch geschrieben, und die Grundidee ist die: Um endlich über seine große Liebe Clementine (Kate Winslet) hinweg zu kommen, beschließt Joel (Jim Carrey), mithilfe einer neuen Behandlungsmethode die Bereiche seines Gedächtnisses löschen zu lassen, in denen die Erinnerungen an Clementine gespeichert sind. Adieu Herzschmerz. Nach dem Eingriff wird Joel nicht mehr wissen, dass er eine Frau names Clementine je gekannt hat. So jedenfalls das Versprechen des windigen Wissenschaftlers, der mit dieser Methode gute Geschäfte macht, und ich kann nur sagen: Her mit dem Mann! Sofort!


Kate Winslet und Jim Carrey in "Vergiss mein nicht"

Im Ernst, es fällt mir unendlich schwer, nicht bei 119 anzurufen. Und ich tüftele noch an einem wirkungsvollen Belohnungssystem, um mir für jede Stunde, die ich widerstehe, angemessene Anreize zu schaffen. Pro Stunde ein Paar Schuhe? Pro Minute eine Streuselschnecke? Pro Sekunde eine dieser kleinen geilen Nougatbomben? Drauf geschissen. Alles nicht attraktiv genug. Lange geht das nicht mehr gut. Ich werde Curd wohl bitten, mir vor die Nase zu treten. Oder mich auf sonst irgendeine Weise vorrübergehend in die Bewusstlosigkeit befördern.

26.06.2005 um 21:42 Uhr

Allein

von: Lapared

Im Alter von sechs Jahren überraschte ich meine Mutter mit dem wohlüberlegten Entschluss auszuziehen. Sie stand am Herd und röstete gerade Brotwürfel zum Aufpeppen der Tüten-Tomatensuppe, die es – obwohl Vorspeisen bei uns eigentlich unüblich waren – als "Hors dóuvre" vor dem Grillhuhn geben würde, das zu Lebzeiten ein Zwerg gewesen war und nun unmöglich allein in der Lage, uns alle satt zu machen. Obwohl sonst nie sonderlich an ihren Kochkünsten interessiert, ließ ich mir den Vorgang des Brotröstens an jenem Tag en detail von Mama erklären. Warum ich das denn so genau wissen wollte, fragte sie schließlich ziemlich entnervt. Ich teilte ihr daraufhin mit, dass ich es für mich an der Zeit fand, einen eigenen Haushalt zu gründen und dass ich geröstete Brotwürfel, da ich sie – wie keinesfalls alles aus ihrem Repertoire - äußerst gern mochte, gedächte, auf meinen Speiseplan zu übernehmen. Es war nichts Besonderes vorgefallen. Kein Streit, kein unakzeptables Verbot, keine ungerecht empfundene Strafe, mein Zuhause war in jeder Hinsicht komfortabel. Ich hatte ein schönes Zimmer ganz für mich allein. Ich hatte pädagogisch gebildete Eltern, die mich nur in seltenen Ausnahmefällen körperlich traktierten. Es gab keinen älteren Bruder, der meiner Barbie die Haare schnitt oder dem Teddy die Arme auskugelte. Es war nur so, dass mir das ständige Zusammensein so vieler Menschen – wir waren zuhause zu viert – auf irgendeine Weise ganz entschieden widernatürlich vorkam. Wie konnte es zum Beispiel angehen, dass vier völlig verschiedene Menschen zu Mittag alle das Gleiche essen mussten. Selbst dann, wenn es sehr spezielle Dinge gab, wie dicken Reis, gebratene Leber oder Linsensuppe mit Kochwurst. Das erschien mir nicht ideal. Trotzdem vergingen noch einige Jahre, bis ich endlich so leben konnte, wie es mir für mich richtig erschien: allein.

Was ich damit nur sagen will... Normalerweise geraten Menschen, insbesondere Frauen, die wie ich im "fortgeschrittenen" Alter verlassen werden und daran ungebührlich verzweifeln, schnell in den Verdacht, dass es gar nicht um den Menschen an sich geht, den sie verloren haben - insbesondere wenn der, was vorkommen kann, vielleicht im Grunde eine Arschgeige war - sondern dass es schlicht die Angst vorm Alleinsein ist, die sie so quält, panische Angst allein zu bleiben. Aber das ist bei mir definitiv nicht so. Ich lebe gerne allein. In meinem ganzen Leben habe ich meine Wohnung noch nie länger als für eine Nacht und maximal einen Tag am Stück mit jemandem geteilt. 119 war mein erster fester Freund seit mehr als vier Jahren und mein erster fester Freund überhaupt mit derselben Postleitzahl wie ich, will sagen, meine erste feste Nicht-Fernbeziehung. Vor ihm hat mir nichts gefehlt. Er hat keine Leere in meinem Leben gefüllt, im Gegenteil, zu Beginn musste ich erst mal Platz für ihn schaffen. Wie gesagt, allein zu sein erscheint mir als das Natürlichste der Welt. Und doch vermisse ich ihn. Ich vermisse ihn, ich vermisse ihn, ich vermisse ihn. Ihn. Nicht irgendeinen Mann an meiner Seite. Nicht Gesellschaft in meinem Leben. Ihn.

Und das hat natürlich auch einen Grund. Es gibt etwas, das habe ich bisher ganz vergessen zu erwähnen. Dass er nämlich, ganz gleich wie er mich manchmal behandelt hat, ein sehr bereichernder, inspirierender, aufregender Mensch ist. Und der beste Zuhörer, den man sich vorstellen kann. Ich habe so gerne abends mit ihm in der Küche gesessen und ihm meinen Tag erzählt. All diese Kleinigkeiten... dass ich mal wieder zu spät gekommen bin, dass der Postbote das Paket wieder mitgenommen hat, dass meine Lieblingsbrötchen aus waren, dass mein Nachbar schon wieder die Zeitung geklaut hat... dieser ganze Scheiß war plötzlich was wert, weil ich ihm davon erzählen konnte. Umgekehrt waren die größten Sensationen bedeutungslos, wenn ich sie ihm nicht erzählen konnte. Das war schon toll. Das wird mir schrecklich fehlen.

26.06.2005 um 01:39 Uhr

Gekommen um zu gehen

von: Lapared

Er ist dann wenig später doch noch gekommen, meine Nachricht hatte er gehört. Erst war ich unendlich erleichtert und dachte, alles ist wieder gut. Wir haben uns einen Film angeschaut. Aber dann ist er plötzlich aufgestanden und gegangen. Er hielte es für besser. Auch, nein, vor allem für mich. Ich habe die Tür hinter ihm geknallt. Ein paar Sekunden später hab ich sie noch mal auf gemacht, und ihm ins Treppenhaus etwas hinterher gerufen. Irgend so was Überflüssiges. Diese Theatralik steht mir nicht, das bin nicht ich, ganz und gar nicht, ich erkenne mich selbst nicht mehr. Auf seinem Anrufbeantworter habe ich mich eben dafür entschuldigt, für dieses Hinterherrufen, und mich ganz ruhig und ohne Tränen von ihm verabschiedet. Erwachsen, wieder ich selbst. Ich bin traurig, aber nicht mehr wütend, und ich heule nicht. Ich heule nicht. Ich glaube, er war nur noch einmal gekommen, um derjenige zu sein, der geht.

25.06.2005 um 20:26 Uhr

Wegen zwei Pfund Erdbeern

von: Lapared

Ich hab´s gemacht. Unfassbar. Ich hab´s wirklich gesagt. Alles, was ich eben geschrieben habe, hab ich gesagt. Seinem Anrufbeantworter. Aber egal, er wird es hören. Ich kann es nicht glauben. Und schon kommt es mir so... falsch vor. Ein Fehler, ein ganz riesengroßer, falscher Fehler. Wegen zwei Pfund Erdbeeren habe ich die Liebe meines Lebens in die Pampa geschickt. Das gibt´s doch nicht. Und jetzt kann ich sie nicht mal essen, weil mir der Schnödder aus der Nase tropft, und Erbeeren mit Sahne und Schnödder sind doch doof...

25.06.2005 um 19:58 Uhr

Jetzt reicht´s... gleich.

von: Lapared

Er hat sich nicht gemeldet. Um Sieben habe ich ihm dann aufs Band gesprochen (er besitzt kein Handy, das gefällt ihm, er, der Unerreichbare), dass er mich mal kann. Beziehungsweise, dass ich annehme, dass ihm wohl was dazwischen gekommen ist, dass ich es schön gefunden hätte, wenn er kurz bescheid gesagt hätte, und dass ich jetzt davon ausgehe, dass er nicht mehr kommt. Ganz freundlich. Und nun sitze ich hier und warte darauf, dass er anruft, damit ich nicht drangehen kann und er denkt, ich hätte ohne ihn was unternommen.

Aber den Gefallen wird er mir nicht tun, natürlich nicht. Und deshalb rufe ich ihn jetzt gleich noch mal an. Und diesmal werde ich ihm wirklich sagen, dass er mich kann. Dass ich es leid bin, dass er mich wie Scheiße behandelt. Dass ich weiß, dass er jetzt zuhause sitzt, Fußball guckt und mich ganz bewusst ein bisschen leiden lässt, um mich für den Anruf von eben zu bestrafen, der in seinen Augen schon zu viel war. Denn durch mein „ich gehe jetzt davon aus, dass Du nicht mehr kommst“ habe ich ihn ja quasi für den Rest des Abends ausgeladen. Ich ihn! Und jetzt weist er mich in meine Schranken. Jetzt zeigt er mir, wer die Hosen an hat. Wenn mir vier Stunden Warten zu viel sind, dann meldet er sich jetzt einfach mal ein paar Tage nicht. Dann wird mir schon klar werden, dass man sich wegen vier Stunden nicht anstellt. Aber ich bin es leid. Ich hab genug davon. Ich halt das nicht mehr aus. Und genau das werde ich ihm sagen. Jetzt. Gleich.

Vorher vielleicht noch kurz ein Abriss zum Rest des Tages. Ich gehe ja nicht oft ins Kino. Trotzdem gibt es so ziemlich keinen Film, den ich nicht sehe. Mal abgesehen von so kleinen Nischenfilmen wie Star Wars (ich hasse Science Fiction) oder Dingens, wie hieß der noch, mit den Hobbits... oder Harry Potter (ich hasse Fantasy) oder Erkan und Stefan (ich kotze bei schlechter Comedy). Aber sonst... Und ich stelle immer wieder fest, dass es viel besser ist, sich die Filme auf DVD anzusehen, weil das Extra-Material nämlich meistens spannender ist als der Film. "Just a Kiss" zum Beispiel. Nett. Aber kein Grund den Arsch vom Sofa zu schwingen, ins Auto zu steigen, einen Parkplatz im Umkreis von fünf Kilometern vom Kino zu suchen, 7 Kilometer entfernt einen zu finden, den Anfang vom Film zu verpassen, und circa weitere 9 Filmminuten, in denen ich nichts verstehe, weil die Schnepfe hinter mir ihrer Nachbarschnepfe dringend erzählen muss, dass sie sich genau so ein paar Schuhe gekauft hat wie die Statistin, die hinten links durchs Bild läuft, und die Nachbarschnepfe sagt: Nein!? und die Schnepfe sagt: Doch! und die Nachbarschnepfe: Wo? und so weiter und so weiter, und ich denke, Du mit Deinen Wurstbeinen solltest besser Gummistiefel tragen, obwohl ich die Schnepfenbeine genau genommen gar nicht sehe, weil sie in der Reihe hinter mir im Dunkeln stehen, jedenfalls kann ich mich nicht richtig auf den Film konzentrieren, was eigentlich kein großer Verlust ist, weil er ja gar nicht so gut ist, aber trotzdem ärgere ich mich und... was wollte ich eigentlich erzählen? Ach so, ja... Also "Just a Kiss" ist ein schöner, kleiner Film, den man nicht unbedingt sehen muss, aber ohne wegzunicken kann, und da er von dem wunderbaren Ken Loach ist, sollte man ihn auf DVD sehen, damit man sich danach anhören kann, was Ken Loach über Imigranten, Filmausstatter, die UNO, Liebe, die amerikanische Regierung, Glasgow, Treue, Autoren, Gott und die Welt denkt. Und über die Familie. Ken Loach ist ein sehr kluger, bedächtiger Mann, finde ich. So, und jetzt reicht´s, jetzt rufe ich ihn an. Jetzt.

25.06.2005 um 17:57 Uhr

Titel!

von: Lapared

Ich sitze auf einem Kilo Erdbeeren und koche. Hatte 119 für heute zu Erdbeeren mit Schlagsahne eingeladen. Gegen zwei, vormittags musste 119 nämlich bei einem Umzug helfen. Er ist ja so hilfbereit. Nebenbei: Mir hat er noch nicht mal geholfen, mein altes Bett abzubauen, dass für uns beide zu eng war, weil 119 nicht gerne auf Tuchfühlung schläft. Da musste mir Olli helfen. Olli hat das alte Bett auch auf den Dachboden geschleppt und ich habe gelogen, dass das größere Bett eine Überraschung für 119 sein sollte, damit Olli nicht fragt, warum denn „mein Kerl“ mir nicht hilft. Und als das neue, große Bett, in dem seine Heiligkeit jetzt genug Platz hat, mit ungleichen Füßen geliefert wurde, und vier Wochen danach zwar neue Füße kamen, aber die Monteure weg waren, wer lag da mit dem Werkzeugkasten zwischen Wollmäusen unterm Lattenrost? Nee, gleich lange Füße konnte ich Olli ja schwer noch mal als Überraschung verkaufen, ich, ich war da am Schrauben! Und als wir dann - dank der neuen, von mir unter Erstickungsgefahr montieren gleich landen Füße – im Bett endlich eine ebene Liegefläche hatten, war 119s einziger Kommentar: „Super, Du bist durch das Gefälle nämlich nachts immer so nah an mich ran gerollt.“ Aber was ich eigentlich erzählen wollte, weshalb ich aktuell gerade so geladen bin: Um Zwei wollte er also kommen. Seit Viertel vor Zwei stehen zwei Pfund geschnippelte, gezuckerte Erdbeeren in meinem Kühlschrank - und ein halber Liter von eigener Hand knalle steif geschlagene, mit einem Hauch Vanille verfeinerte Sahne. Jetzt ist es gleich Sechs. Möchte irgendjemand vielleicht Erdbeeren mit Sahne?

24.06.2005 um 21:25 Uhr

Na und, ich will keinen Titel eingeben

von: Lapared

Habe heute intensiv überlegt. Irgendwas muss ich Rakete doch können, womit sich Geld verdienen lässt. Aber davon lieber ein anderes Mal. An einem Sommerabend wie diesem, da gehe ich doch mal rüber in die "Taverna Napoli", mit "echt bayrischem Biergarten". Mal sehen, ob Curd nach einer Flasche Averna vielleicht auch Italienisch spricht (der Wodka letzte Nacht war übrigens Marke "Finlandia"...). Prösterchen.

24.06.2005 um 13:30 Uhr

Was Curd dazu sagt

von: Lapared

Curd kann sprechen! Ehrlich, ich bin platt. Ich erinnere mich ganz deutlich, dass er heute Nacht zu mir gesagt hat (auf finnisch, aber recht gut zu verstehen): "Connie, pass mal auf. Du hast Talent, ein riesen Herz, einen unvergleichlichen Humor, unter uns... Du bist eine Rakete. Es gibt keinen Grund, Dir um Deine Zukunft Sorgen zu machen. So, und jetzt reich mir mal die Wodkaflasche rüber!" Ist er nicht ein Schatz? Deshalb möchte ich an dieser Stelle auch mal ein Bild von ihm einfügen (falls es klappt, ich hab das noch nie gemacht). Mein Curd:



Und zwei der Kunstfotografien, vor denen er neulich für meine Polaroids posiert hat, zeige ich auch mal. Der Strand von Guido Mieth...



Und das ist von Jörg Fahlenkamp...



Schön, nich? Gibt´s alles bei Lumas . Nur meinen Curd nicht, den hab nur ich (den Ur-Curd JEERO gibt es aber z.B. bei Nettkauf). Zack, schon mache ich doch wieder Werbung.
Man, jetzt bin ich aber mächtig stolz, dass ich das mit den Bildern hingekriegt hab, Curd hat schon Recht, ich bin wirklich eine Rakete.

23.06.2005 um 22:55 Uhr

Tschüss Olli

von: Lapared

Heute sind Tränen geflossen. Nein, nicht wegen 119. Es gibt da noch einen anderen Mann in meinem Leben, Olli, und weil ich Olli vernachlässigt hab, hat Olli mich nun verlassen. Nach elf gemeinsamen Jahren.

Olli und ich waren beruflich ein Team, ein so genanntes "Kreativ-Team", unsere Arbeitgeber waren Agenturen, Werbeagenturen, die wir neun Jahre lang in Festanstellung und die letzten beiden Jahre als Freiberufler mit Ideen versorgt haben. Hauptsächlich für klassische Werbung, also Print- und TV-Kampagnen. Wir waren gut zusammen. Richtig gut. Bis Anfang letzten Jahres, bis zu 119s erstem "Ich liebe Dich NICHT" und meinem schuldig gebliebenen "Na dann, verpiss Dich!" In der Zeit danach musste Olli für uns beide gut sein, denn von mir kam nix mehr, null, genauso gut hätte er sich zusammen mit einer Dose Thunfisch Kampagnen ausdenken können. So ging das Monate lang. Ich wurde immer schlechter und Olli - was blieb ihm anderes übrig - immer besser. Gerade als ich mich in meiner Idylle der Selbsttäuschung wieder gesund belogen hatte, setzte es das zweite "Ich liebe Dich nicht". Und das Debakel ging von vorne los. Bald wusste Olli, dass er ohne mich genauso gut ist wie mit mir. Ich hingegen musste mal einen Job alleine machen, weil Olli in Urlaub war, und habe ihn komplett vergeigt. Die Agentur bucht uns seitdem nicht mehr. Trotzdem hat Olli noch eine ganze Weile zu mir gehalten. Aber jetzt hat er offensichtlich die Nase voll. Er hat ein Angebot bekommen, dass nur für ihn alleine gilt, und er hat es angenommen. Ich kann es ihm nicht verdenken.
Arschgeige habe ich trotzdem zu ihm gesagt. Und auch, dass ich ihn die ersten Jahre, als sein jungfräulich verschlafenes Grafikerhirn nur rosa Puffwölkchen produzierte, mit durchgezogen habe (was gar nicht stimmt). Dass er alles, was er kann, von mir gelernt hat (was völliger Unsinn ist). Tja. Und nach diesem charmaten Rüffel da hat er natürlich sofort gesagt: "Stimmt. Ich entschuldige mich. Ich sehe, dass auch Du lange der sprühende Ideengeber in unserem Team warst, also lass Dich ruhig noch ein Weilchen hängen, ich arbeite gerne noch weiter für Dich mit." Kurz und gut, den bin ich los. Tschüss Olli. Und ganz ehrlich... ich hab nicht die geringste Ahnung, wie es weiter gehen soll.

Alleine traue ich mir nichts mehr zu, die ganze Werbekacke ödet mich außerdem an, was nu? Na, zumindest hab ich ja noch 119. Wie schön.
Aber auch da gab´s heute Tränen. Auch ihn habe ich heute bis an die Grenzen verärgert. Mit meiner unvergleichlichen Art, aus Scheißtagen mit etwas gutem Willen doch noch richtige Megascheißtage zu machen, habe ich nach der verlustreichen Schlacht an der Olli-Front sogleich die zweite Front eröffnet und 119 vor den Bug geballert: "Und das verdanke ich alles Dir! Jetzt ist Schluss, ich will Dich nicht mehr sehen!" Schön wär´s. Nein, was ich gesagt habe war: "Hase, kannst Du bitte die Klobürste benutzen, wenn Du auf der Toilette warst?" Ganz freundlich. Aber wir alle wissen ja, wohin "Hase, kannst Du bitte die Klobürste benutzen"-Dialoge führen. Sie sagt: "Du bist unaufmerksam… Du gibst Dir keine Mühe… Du liebst mich nicht!" Und er sagt: "Das ist doch Quatsch!" Oder, wenn ER zufällig 119 ist: "Das weißt Du doch schon länger, also, was soll das jetzt?" Ich glaube, auch diese Auseinandersetzung darf ich tendentiell als Niederlage verbuchen.

Kuchen hatte ich heute übrigens trotzdem. Apfel-Streuel mit Sahne. Sehr lecker. Punkt. (Also echt, man darf auch nicht alles problematisieren, wa?)

22.06.2005 um 22:24 Uhr

No cake today

von: Lapared

Heute habe ich auf den Käsekuchen verzichtet. Kein Problem für mich, so was fällt mir nicht schwer. Wahrscheinlich, weil ich stattdessen ein Stück Erdbeertorte hatte. Mit Sahne. In einem Café mit deutlich geringerer Mütterdichte als gestern, sehr angenehm, dafür wimmelte es dort von Medienfritzen, aber wenigstens hatten die schon abgestillt (was bin ich nur für ein misanthropes - oder heißt es misanthropisches? Im Gegensatz zu misangemäßigtes oder misanarktisches... brüll - Arschloch!) Ich esse also genüsslich meine feine Torte, da kommt mir plötzlich dieser Spruch in den Sinn: Essen ist der Sex des Alters. Ich bestell erst mal noch Sahne nach. Nicht, dass das im Prinzip schlecht wäre. Im Gegenteil, ich finde es eigentlich eine ganz tröstliche Aussicht, dass Essen irgendwann den Sex ersetzt, zumal mir persönlich Torten im Großen und Ganzen leichter verfügbar erscheinen als Penisse, und weil - wenn man beides konsequent gegen einander austauscht - auch nicht mehr die Gefahr besteht, dass man sich durch ein Zuviel vom Einen (Backwerk) im Bezug auf das Andere (Geschlechtsverkehr) die Chancen versaut, weil nämlich kein Schwein eine Tonne vögeln will. Ich kann mir grad nicht ganz folgen, aber ich glaube, was ich sagen will, was mich etwas beunruhigt, ist dies: Bin ich meiner Zeit voraus? Es gibt ja auch Tortenesser, die sind eben Lustmenschen, die machen alles gern, was Spaß macht, Vögeln UND Torte essen. Mein Tortenkonsum jedoch verhält sich umgekehrt proportional zu meinem Geschlechtsleben, was zweifellos auf eine Ersatzfunktion deutet, doch nachdem Essen bereits der Sex meiner Jugend war (bis zu meinem 18. Lebensjahr, war der einzige, der igendwas in mich reinsteckte, ich selbst, und zwar meinen Finger, in meinen Hals, um - dreimal dürfen Sie raten, eben! - die Torte, nebst Pommes, nebst Fleischwurst, nebst Nutellastullen, nebst allem, was sich im Kühlschrank befunden hatte, in feinster Bulemikermanier wieder hinauszubefördern) also nachdem Essen bereits der Sex meiner Jugend war, kam mir plötzlich der Gedanke, dass ich eben NICHT meiner Zeit voraus bin. Dass ich NICHT so zunehmend gern Torte esse, weil ich alt werde (das wäre okay), sondern weil ich womöglich auf dem besten Weg zu einem Rückfall bin, Sie verstehen? Dass diese ganze Scheiße von damals wieder anfängt. Und wer ist Schuld, wer kann nur Schuld sein? 119. 119, der sich mal wieder nicht meldet. 119, der, wie mir Ilka erzählt hat, gestern mit einer "zierlichen blonden Frau in Riemchensandalen" im Sabotnik war. 119, den ich heute schon drei mal anzurufen versucht hab. Es schellt. 119, der vorbei kommt, sich gepflegt einen blasen lässt (nein, ich doch nicht, Curd war´s!) und wieder abschwirrt. 119, der beschissenverkackterweise einfach immer noch die Macht hat. Aber eins schwöre ich: Ich werde nicht wieder mit dieser kranken Scheiße anfangen. DAS ist er nicht wert, das nun wirklich nicht. Sprachs, und tapst zum Kühlschrank. Zum Glück beschränkt sich dessen Inhalt auf Sonnencreme und eine Zwiebel. Guter Kühlschrank. Anderes Thema. "Sideways". Feiner Film. Ansehen. Kommt am Anfang zwar ein bisschen schwer in die Gänge, aber dann... Das Bonusmaterial nicht vergessen, die geschnittenen Szenen sind ganz groß, keine Frage, dass es nicht der Regisseur war, der sie nicht wollte. Ach ja, und die Vorlage zur Figur von Miles, der sich mit gestrichen voller Hose an seine lieb gewordene Enttäuschtheit klammert, war übrigens 119.

21.06.2005 um 22:32 Uhr

Einsichten bei Käsekuchen

von: Lapared

Nach einer unvorteilhaften Spiegelung in der Schaufensterscheibe ausgerechnet eines Porzellanladens, konnte ich heute meine Käsetorte nicht richtig genießen. Ich glaube, ich werde zu fett, und ich bin geneigt, mein neues nachmittägliches Kuchenritual unter den Linden dafür verantwortlich zu machen. Überhaupt habe ich mich dort heute gar nicht wohl gefühlt. Nachdem ich gestern im Freibad schon den Eindruck hatte, dass es in dieser Badesaison nichts Schickeres gibt, als 10 Minuten vor der Niederkunft im Stringtanga ums 50 Meter-Becken zu flanieren, fand ich mich heute im Café umgeben von stolzen Müttern. Am Tisch gegenüber übten sich zwei teigige Enddreißigerinnen mit rosa schimmernden Säuglingen und blaugeäderten Superbrüsten im Synchronstillen. Hinter mir unterhielt sich eine Akademikerin mit ihrem 3-Jährigen über Schröders Reformpolitik. Oder war es die EU-Krise? Ich weiß nicht mehr genau, zum Schluss schickte sie ihn jedenfalls rein zum Bezahlen. Und am Nachbartisch bekam ein halsloser, adipöser Stammhalter ein deutlich größeres Stück Käsekuchen als ich. Mit Sahne. Der Arsch.

Meine plötzliche Aggressivität machte mich ein bisschen ratlos. Fand ich all diese Mütter und ihr Sprösslinge wirklich so scheiße oder handelte es sich nur um einen psychologischen Reflex, der mich davor schützen sollte, an meinem eigenen, unerfüllten Kinderwunsch zu leiden? Einmal hatte ich das Thema übrigens bei 119 angesprochen. Seit seinem ersten „Ich liebe Dich NICHT“ waren damals 7 Monate vergangen. Wunderbare Monate, wie mir schien. Wir fuhren im Sommer ans Meer und im Herbst in die Sauna. Über Winter zogen wir auf meine Couch, guckten 700 Folgen Twin Peaks und vögelten wie die Karnickel ins neue Jahr. Alles schien, als hätte er sich nun doch in mich verliebt. Als ich ihn fragte, ob er Kinder will, strahlten seine Augen: „Einen ganzen Stall voll.“ – „Nicht mit Dir!“, fügte er auf genauere Nachfrage ein paar Wochen später hinzu, zusammen mit seinem zweiten „Ich liebe Dich NICHT“. Tja, jetzt ist es raus. Ich bin so ein gottverdammtes Klischee. Eine panische Mittdreißigerin und ausgelaugte Karrieremuschi, die sich nach dem vorzeitigen Ruhestand in einer Ein-Kind-Mutterschaft inklusive betuchtem Gatten und Personal sehnt. Eine, deren Uhr tickt, auf der Suche nach dem geeigneten Befruchter. Oh Gott. Wie konnte es nur so weit kommen? Erbärmlich.

Wenigstens muss ich die Schuld nicht bei mir suchen. Wozu hat man Eltern. Wäre es nach meinem Vater gegangen, wäre ich Lehrerin geworden. Nach circa fünf Berufsjahren sollte ich dann einen Arzt heiraten, zwei Kinder bekommen und nach drei bis fünf Jahren Erziehungsurlaub zurückgehen in den Beruf. Meine Mutter hingegen wollte, dass ich selber Ärztin werde. Nach circa sieben Berufsjahren sollte ich dann einen Chefarzt heiraten, zwei Kinder, ein Kindermädchen und eine Haushälterin bekommen und abgesehen vom gesetzlichen Mutterschutz am besten durchgehend arbeiten. Einig waren sich die meine Eltern jedenfalls darin, dass ich beides auf die Reihe kriegen sollte: Karriere und Kinder. Naturgemäß (wer hält diesen Druck schon aus?) habe ich beides versemmelt.

Auch in meinem Job bin ich nämlich enttäuschend weit hinter dem zurückgeblieben, was mein Talent hätte erwarten lassen können. Irgendwie habe ich nichts aus meinen Begabungen gemacht. Aus irgendeinem Grund konnte ich meine PS nie auf die Straße bringen. Mein allererster Chef hat mal zu mir gesagt: „Du bist die Beste von allen, aber Du wirst es nicht weit bringen, weil…da, wo andere Ellbogen haben, hast Du Flummis!“ Leider hat er Recht behalten. Andererseits. Immerhin kann ich mir leisten, nur acht Tage im Monat zu arbeiten und trotzdem täglich Käsekuchen zu essen, wenn ich will. Finanziell jedenfalls. Und was die Kinder betrifft… tja, die Kinder... wenn meine Eltern sie für so absolut unverzichtbar halten, müssen sie wohl selbst noch mal ran.

21.06.2005 um 12:28 Uhr

Nachtrag zu Curd

von: Lapared

Er übrigens ein Geschenk von 119 (nur so, um beim Thema zu bleiben).

21.06.2005 um 12:17 Uhr

About Curd

von: Lapared

Heute morgen habe ich unterirdische Laune und die Tatsache, dass ich wirklich keinen Grund zu interirdischer Laune habe, verärgert mich maßlos und treibt die Sache auf die Spitze. Zeit, Curd (gesprochen: Köört) vorzustellen. Curd hilft. Ein Blick in Curds Gesicht, und mir geht es gleich besser. Curd ist eine der sogenannten "Ugly dolls" (grandios!), Modell Jeero. Also ein Stofftier (na und, andere Menschen heiraten ihre Kühlschränke!). Ich habe angefangen, Curd vor diversen Kunstwerken zu fotografieren, am liebsten mache ich Polaroids von ihm vor sogenannter Fotokunst, Fotografien, deren Auflage künstlich limitiert wird, damit auch für Fotos ein Sammlermarkt entsteht wie für andere Kunstwerke, obwohl Fotos ja eigentlich unendlich reproduzierbar sind.

Ich habe Curd an einem französichen Strand von Guido Mieth fotografiert, an David Steets Kamakura Beach, vor einer von Jörg Fahlenkamps megageilen Hybridlandschaften und - ganz groß - mit den Pornotanten von Stefanie Schneider. Mir gefällt der abgrundtief dämliche Blick von Curd, diese völlige Ahnungslosigkeit, mit der er mitten im Bild steht wie Steffi aus Bottrop vor den Trevibrunnen. Und er guckt jedes mal anders dämlich, ehrlich, man hat den Eindruck, dass sich sein Gesichtsausdruck von Motiv zu Motiv verändert. Herrlich. Und ich mag auch die Vorstellung, dass es z.B. dieses Foto von Curd vor dem französichen Strand von Guido Mieth - im Gegensatz zu dem Foto von dem französischen Strand von Gudio Mieth - wirklich nur ein einziges Mal gibt. Das ist auch der Grund, warum ich Polaroids so mag und keine Digitalkamera will, Polaroids sind einzigartig und sie sind engültig und gnadenlos wahr. Ganz ehrlich, ein Digitalfoto, auf dem man so scheiße aussähe, wie auf manchen alten Polaroids, würde man doch sofort löschen oder am Computer bearbeiten, bis man zumindest einigermaßen erträglich aussähe, wenigstens die cremefarbenen Raucherzähne ein bisschen aufhellen oder den Popel am Nasenausgang wegmachen oder so. Jedenfalls, diese Fotos von Curd sind mir eine Freude.
Ein kleiner Nachteil davon, dass sie nicht digital sind, ist natürlich der, dass ich sie hier nicht zeigen kann, aber wer wirklich will, kann sich die Fotokunst bei LUMAS ansehen und Curd bzw. Curd-Modell Jeero bei UGLY DOLLS und sich die Fotos in seiner eigenen Vorstellung selbst zusammenbauen. Obwohl ich einschränkend sagen muss, dass Jeero natürlich nicht Curd ist, weil jedes Stofftier, auch wenn es ursprünglich ein Massenprodukt ist, durch die Behandlung seines Besitzers mit der Zeit individuelle Züge annimmt (das glaube ich wirklich!), Jeero, der Ur-Curd, hat eine deutlich negativere Ausstrahlung als mein Curd, mein Curd lächelt inzwischen ein bisschen, bedingt durch all die Liebe und Aufmerksamkeit die ich ihm zu teil werden lasse. Wer sich Curds Fotos also in seinem Kopf selbst zusammensetzen möchte, sollte sich einen leicht lächelnden Jeero vorstellen. Hm. Ich glaub, ich mach jetzt besser mal Schluss.