Anleitung zum Entlieben

11.10.2006 um 20:15 Uhr

Invasion

von: Lapared

Eine schwere Prüfung liegt vor mir.

Heute ruft mich eine Bekannte an. „Ich habe einen Mann für Dich!“ Eigentlich eine Freundin. „Meinen!“ Eine wütende Freundin.

Was antwortet man einer Frau, die dir ihren Mann anbietet? Nein, danke? Nicht gut. Sollten sie sich je wieder vertragen, weiß sie, was du von ihrem Gatten hälst, und will nichts mehr mit dir zu tun haben. Danke, gern? Dann denkt sie, dass du auf ihn scharf bist, und du mutierst sofort zum Feind. Jetzt ist Diplomatie gefordert, Laparedchen, denke ich und antworte: „Danke, sehr lieb, den hatte ich schon.“

Ich weiß auch nicht, warum ich das gesagt hab. Die Tatsache, dass es wahr ist, ist noch lange kein Grund. Vielmehr ist es wohl so, dass mir schwante, dass, wenn ich unserer Beziehung nicht umgehend einen massiven Schlag zufügen würde, eine Katastrophe bevorstand. „Kann ich ein paar Nächte bei Dir schlafen?“ Schon war sie da.

Hatte sie mich nicht verstanden? „Nane!“ sie heißt Christiane, „hast Du gehört, ich hatte schon mal was mit Theo!“ Ihr Mann heißt Theo, schlimm. „Ich weiß!“ schluchzt sie, „wer hatte das nicht? Alle hatten was mit Theo, nur ich nicht, das ganze letzte Jahr nicht mehr, das ganze letzte Jahr nicht!“ Ich sehe mich schon die Couch beziehen. Und spende Trost was das Zeug hält. „Letztes Jahr hatte ich auch nichts mit ihm, vielleicht ist er einfach nicht in Form.“ – „Er ist in Form, er ist sogar top in Form, er hat eine ehemalige Schülerin geschwängert!“ – „Willst Du ein paar Nächte bei mir schlafen?“

Und so wird es sein. Nane, eine Bekannte, mit deren Mann ich mal was hatte, Nane, die mich trotzdem hartnäckig als ihre Freundin betrachtet, Nane, das bekloppte Landei, dass schon seit Jahren versucht, sich mal für einen Städtetripp auf meiner Couch einzunisten... Nane hat´s geschafft. Und schläft ab morgen auf meiner Couch.

P.S. Ich kenne Nane. Eine Jüngerin des gesprochenen Worts. Die Erfinderin des fünfstündigen Telefonats. Autorin des berühmten Bestsellers: Wie teile ich meiner Umgebung jedes meiner Gefühle mit, ohne dass es auch nur eine Sau interessiert? Vor mir liegen Tage und Nächte, in denen sie mir ihr großes, trauriges Nane-Herz ausschütten wird. Unter konsequenter Ausblendung ihres vergleichsweise kleinen Nane-Verstandes. Und alles nur, weil ich ein schlechtes Gewissen habe und nicht sagen konnte, was ich sagen wollte: NEIN. Eine schwere Prüfung, aber Strafe muss sein.


11.10.2006 um 20:11 Uhr

Leserservice

von: Lapared

Ich muss ein paar Tage nachhause. Meine Mutter hat meinem Vater mit dem Kofferraumdeckel den Finger zertrümmert. Angeblich ein Unfall, aber die Tatsache, dass sie danach allein in Urlaub gefahren ist, statt sich das Schwesternhäubchen aufzusetzten, könnte auch darauf hindeuten, dass sie ihn schlicht Schachmatt gesetzt hat. Bei uns zuhause war man in der Wahl der Methoden nie sehr zimperlich. Jedenfalls, ich fahr besser mal nachschauen...

Zeitlich trifft es sich ganz gut, ich bin schließlich nicht gebucht und Nane hat mich auch heute verlassen. Nane. Ich hätte nichts von ihr erzählt, denn seit der Affäre D. bin ich ein bisschen zurückhaltender geworden was die Schnittstellen meiner Privatsphäre (meiner WAS?) mit der befreundeter Mitmenschen angeht. Ich hätte es sonst nicht erzählt.

Aber die im Grunde nicht sehr freundschaftliche Weise, wie Nane heute die Biege gemacht hat, hat mich spontan von allen Skrupeln befreit. Und so erlaube ich mir, in den nächsten Tagen statt aktueller Tagesberichte (ich fürchte, ich habe weder Netz noch Zeit) die nachträgliche Berichterstattung von Nanes Invasion einzustellen. Als beschwingter Pausenfüller und um einen kleinen Eindruck davon zu vermitteln, warum ich dem direkten menschlichen Kontakt bisweilen so zurückhaltend gegenüberstehe. Vier Tage mit Nane (über die meine Schwester immer schon sagte: bei der weiß man nie, ob man sie am Kopp oder am Arsch hat), verteilt auf die nächsten vier Tage mit Papa, bis ich am Sonntag oder so wohl hoffentlich wieder da bin. Ist das ein Service oder ist das ein Service?

Tun wir einfach so, als wäre es erst heute geschehen... (gleich geht´s weiter)


10.10.2006 um 18:53 Uhr

Im Auge des Sturms

von: Lapared

Ich gehe ja ungern aus. Ich langweile mich in Bars, ich sterbe auf Partys, ich mag Menschen vereinzelt aber nicht in der Masse. Ich bin, das ist mal spektakulär, am liebsten zuhause. Konsequenterweise wohne ich in der Ausgehmeile, mitten drin. In einer Straße, in der - wie man so sagt – das Leben tobt. Ich nehme nicht daran teil, aber ich habe es ständig im Ohr und das gibt mir das Gefühl, dass ich nichts verpasse. In einer Vorstadtsiedlung im Grünen hätte ich keine ruhige Minute. Aber so reicht mir allein der Lärm des tobenden Lebens, um davon komplett genug zu haben. Und wenn ich doch mal Hummeln spüre, muss ich nur aus dem Fenster gucken, sehe das Gewimmel, und erkenne, dass ich genau da bin, wo ich sein will: zuhause. Also, was ich nur sagen will, meine Wohnung ist für mich ideal.

In letzter Zeit ein bisschen zu ideal. Denn das tobende Leben, ich hab es nicht nur ständig in den Ohren, mittlerweile pustet es sie mir fast weg. Die Fenster sind nicht mehr dicht und was im Sommer „Der Pate“ ist, der in der freien Interpretationen verzweifelter serbokroatische Menschen mit Instrumenten in der Hand (Straßenmusikanten würde ich sie nur nennen, wenn der Lärm, den sie machen, erkennbare Ähnlichkeiten mit Musik aufweisen würde), also, was im Sommer „Der Pate“ ist, der im Minutentakt in meine Wohnung dringt, sind um diese Jahreszeit Regen, Wind und der nächste Winter, der sich an manchen Abenden schon durch gemeingefährliche Temperaturen um die 14 Grad ankündigt. 14 Grad! Auch die ziehen durch die undichten Fenster mehr oder weniger ungehindert in meine Wohnung. Und die knallharten 27 Grad, mit denen ich von innen dagegen halte, die ziehen ebenso ungehindert hinaus. Ja, die Sache mit der Erderwärmung, dahinter stecke ich.

Ich also den Vermieter angerufen. „Herr P., wann kriege ich endlich neue Fenster?“ – „Frau Lpunk, für neue Fenster hab ich kein Geld!“ – „Das ist ja schrecklich. Was machen Sie mit dem, dass ich und die anderen Mieter Ihnen zahlen, 11 Euro pro Quadratmeter, kalt, spenden Sie die an Brot für die Welt?“ – „Nein, aber das Haus frisst mir die Haare vom Kopf!“ – „Und mir erst, mit meinen Heizkosten könnte ich in Rostock einen Saunaclub betreiben.“ – „Dann tun Sie es doch, Frau Lpunkt, viel Glück damit!“ – „Ich werde die Miete mindern!“ – „Das sollten Sie besser nicht, denn ich habe einen Vertrag, da haben Sie unterschrieben, dass Sie sie zahlen.“ – „Als ich den unterschrieben habe, waren die Fenster noch dicht.“ – „Und sehen Sie, Verehrteste, das genau bestreite ich. Die Fenster waren immer schon beschissen. Sie haben eine Wohnung mit beschissenen Fenstern gemietet. Und jetzt müssen sie die Miete für die Wohnung mit den beschissenen Fenstern zahlen. So sind die Regeln.“ - „Die Fenster waren dicht, das wissen Sie genau!“ – „Mag sein, wer weiß. Aber ich bestreite es.“ – „Dann ziehe ich eben aus!“ – „Verständlich, ziehen Sie in die Nähe Ihres Saunaclubs, das ist praktischer!“ – „Ich kündige!“

Ich Rindvieh. Ich habe meine ideale Wohnung gekündigt. Meine geliebte kleine Oase am Nabel der Welt. Meine gemütliche Bleibe im Auge des Sturms. Mein perfektes Zuhause, aus dem ich um nichts in der Welt ausziehen möchte. Nur, weil ich Idiotin so wütend war. Was soll ich denn mit einem Rostocker Saunaclub? Was mache ich jetzt nur? Gilt eine Kündigung im Affekt?

Ich tue einfach, was ich am besten kann, ich tue, als wäre nichts gewesen...

08.10.2006 um 17:27 Uhr

Lpunkt stinkt´s

von: Lapared

In einer Welt der Würstchen war es nur eine Frage der Zeit, bis sich ein besonders winziges findet, das sich über Lapareds Schwimmstil amüsiert.

Ich tuckere gerade so das Becken entlang, als mir eine originelle Gespächseröffnung entgegenbläßt. „In der Agentur trägst Du nie Lippenstift“, schnauft Heino, ein Freelancerkollege, den ich plötzlich auf der Nebenbahn entdecke, „warum ausgerechnet auf der 50 Meter Bahn?“ Er bepisst sich fast. „Mein lieber, ahnungsloser Freund“, sage ich taumelnd von seinem Mundgeruch, „in der Agentur wäre es erwartet, Lippenstift zu tragen, aber im Schwimmbad ist es sehr mondän und verleiht mir trotz der Erbärmlichkeit der Situation eine würdevolle Haltung“. - „Ich sehe schon... das Wasser ist nicht wirklich Dein Element?!“ Was soll das denn bitte heißen? „Das Wasser ist keines Menschen Element“, sage ich, „sonst wären wir nicht Menschen sondern Fische.“ Können bzw. müssen Fische eigentlich riechen? Ich tuckere weiter, für mich ist das Thema mehr als beendet, aber er tuckert grinsend neben mir her. „Nur geschiedene Arztfrauen in Wellnesshotels tragen zum Schwimmen Lippenstift, und Pornodarstellerinnen beim Poolfick.“ – „Heino, mein Bester“,  warum rechtfertige ich mich eigentlich vor dem Stinker?, „schau, für einen auf Äußerlichkeiten fixierten Menschen wie mich ist es der beste Grund den Kopf über Wasser zu halten, wäre nicht meine Makeup ginge ich sofort unter.“ Insbesondere wenn der Arsch einer Kuh neben mit schwimmt. - „Aber es ist unhygienisch!“ er hält sich dran. Es ist Sonntag, ich gebe mich geduldig. „Keineswegs, es signalisiert dem Wasser ganz klar, wo die Grenze ist und selbst wenn nicht, bei all der Pisse hier im Becken, käme es auf ein bisschen Lippenrot gewiss nicht an“, ich lege einen Tuckerschlag zu, „ach ja und… von einem, dessen Kauraum Betäubungsgase freisetzt möchte ich keine Belehrungen über Hygiene, Dir täte ein bisschen mehr Mundpflege durchaus gut!“ – „Hey, hey, warum denn gleich so fuchtig?“ Ist das zu fassen, das Kuhgesäß besteht immer noch auf ein Gespräch. „Lpunkt, warum gehst Du denn schwimmen, wenn es so anstrengend für Dich ist?“ Gibt es eine blödere Frage? „Wenn es nicht anstrengend wäre, wäre es ja einfach,“ sage ich, „das ist nicht mein Stil.“ Ich lege noch einen Tuckerschlag zu und lasse ihn und seine Mundfäulnis hoch erhobenen Hauptes hinter mir. Und all die Speedotragenden kraulenden Würste auf der sogenannten „Tempobahn“ auch. Irgendwie machen sie mich wütend, diese Blender. Es gibt etwas Peinlicheres als langsam zu sein, sollen sie wissen, langsam zu sein und schnell auszusehen. Ich grinse betont vergnügt in ihre nach Luft japsenden auftauchenden Gesichter. Einige tragen sogar Nasenklammern! Wegen ein bisschen Wasser. Unsereins, die wir nicht abtauchen, schlägt bisweilen der feuchte Furz einer Kuh in der Nase. Tragen wir etwa Nasenklammern? Gibt es die überhaupt passend zu meinem Lippenstift? Blender und Stinker, was für eine Welt.

07.10.2006 um 21:40 Uhr

Solltefrei

von: Lapared

Ich liebe diese Morgen nach der Schlacht. Weil sie ohne Weckerklingeln und daher selten vor 16 Uhr eintreten und vor allem – und das ist eine echte Rarität in meinem extrem übersollteten Dasein – ohne drückendes, schlechtes Gewissen. Normalerweise rinnen spätestens ab sieben Uhr morgens die ersten Solltes durch meinen leichter und durchlässiger werdenden Schlaf. Lpünktchen, du solltest heute mal Staubsaugen, Lpunkt, du solltest mal Altersvorsorge betreiben, Lpunkt du Penner, und als aller erstes solltest du allmählich mal aufstehen. Spätestens um acht haben die Solltes meinen Schlaf so unterspült, dass das Bewusstsein einbricht.

Nicht so an den Morgen nach der Schlacht. Morgen nach der Schlacht sind solltefrei. Keine Putzsolltes, keine Vorsorgesolltes. Und nicht mal das obligate verdammte Scheiße Lpunkt, du solltest schleunigst die Extra-Large Pizza El Paso oder die 500 ml Ben & Jerry´s New York Super Fudge Chunk durch 200 min Lapared´s Super Step Power Sportorgie verbrennen, hat an solchen Morgen eine Chance. Und wenn sich die Fettbomben des Vortages dann nach 15 Stunden Bettruhe sowieso schon in Arschspeck verwandelt haben, gibt´s nichts mehr, was mich drängt, denn der Arsch läuft einem ja nicht weg. Nein, am Morgen nach der Schlacht, also am ersten freien Morgen nach einem Job, da lasse ich mich immer so richtig herrlich gehen.

Heute trat dieser solltefreie Morgen übrigens so gegen 16.10 Uhr ein, als ich frisch und ausgeruht auf völlig natürliche Weise erwachte, und er endete um 16.12 als mir der Gedanke kam, dass ich das unbedingt öfter machen sollte. Ausschlafen. Ich sollte öfter ausschlafen, dachte ich. Nicht nur am ersten Tag nach einem Job, sondern auch sonst, wenn ich nicht gebucht bin. Warum nicht? Wieso kriege ich das eigentlich nicht hin? Ich sollte wirklich mehr daran arbeiten, dass ich nicht ständig das Gefühl habe, dass ich arbeiten sollte. Ich sollte mir mehr gönnen. Steh auf, dachte ich, und gönn Dir gefälligst was, Du Lusche.

06.10.2006 um 22:41 Uhr

DIE HARD mit Mamis Liebling

von: Lapared

Auf einer Woge der Anerkennung und Bewunderung schwebe ich der Freiheit entgegen. Der Job: geschafft. Die CDs: beeindruckt. Die Präsentation: gerettet. Der Juniorlümmel: welcher Juniorlümmel? Während ich den Schreibtisch aufräume, die Kaffeetasse in die Küche bringe, mein Powerbook zusammenklappe, liegt ehrfürchtiges Schweigen in der Luft: Danke, Lapared. Der Textpraktikant spricht es schließlich aus: Wahnsinn, solche Headlines möchte ich auch mal schreiben. Und Bruce Lapared Willis grinst nur leicht: Das wirst Du auch, Freddybaby, einer muss den Laden hier doch schmeißen, wenn ich weg bin.

Der Wecker klingelte und als ich die Augen aufschlug... Stimmt´s, das wäre die typische Lapared´sche 180-Grad Wende, die an dieser Stelle eigentlich fällig wäre. Aber nein, heute keine Wendung, die mich aus der Bedroille, etwas Positives berichten zu müssen, elegant zurück in die Looserpose manövriert. Es war tatsächlich so. Am Ende waren alle schwer beeindruckt von meinen Antriebsheadlines und selbst der Textpraktikant ist nicht erfunden, er existiert. In Wahrheit wollte er sogar ein bisschen mit mir flirten, allerdings hieß er nicht Freddy sondern Hans-Christian.

Tja, was soll ich sagen, Antriebssysteme sind wie gesagt mein Metier. Insbesondere die für schweres Gerät. Wer meine große Beichte über mein von Disziplin und Anstrengung bestimmtes Dasein gelesen hat, weiß, welche Massen ich täglich wuchte, einzig und allein um morgens aufzustehen. Ich habe die Antriebssysteme für Planierwalzen quasi erfunden, kein Wunder, dass Werbung dafür mir so ein Leichtes ist. Man war wirklich höchst zufrieden.

Das Telefon klingelte und als ich dran ging... war meine Mutter dran. „Wir haben gedacht, Du möchtest am Wochenende vielleicht mal kommen. Du hast doch niemanden! Aber bei uns bist Du immer willkommen, Kind.“ Danke. Mit dem Handy am Ohr, so als ob schon der nächste verzweifelte Kunde meine Dienste anfragt, verlasse ich die Agentur und verschwinde in die Nacht. Bruce Dickstrahl Willies, der am Ende von Die Hard in Muttis Arme sinkt? Nein, so enden Heldenstories nicht. Doch was macht der Held nach getaner Heldentat, wenn keine Holly McClane ihn erwartet, die ihm ein Bad einlässt und seine blutverschnierten Feinripphemden mit leichtem Schaudern in die Kochwäsche sortiert? Wozu war es gut, das ganze Kämpfen, für was, für wen?

Ich leihe mir ein Video, ich bestelle mir eine Pizza, ich genehmige mir einen Eierlikör und denke… für mich. Für mich war´s gut. Morgen werde ich mir zur Belohnung eine Winterjacke kaufen und Montag werde ich dem Finanzamt seine Steuern zurückbezahlen. Und eine Holly wird sich finden, irgendwann, und so lange wasche ich meine blutverschmierten Hemden eben allein. Das, Hans-Christian-Baby, krieg ich auch noch hin.

05.10.2006 um 21:32 Uhr

Schwanzumhäkelung auf Anfrage

von: Lapared

Eingehüllt in den Duft meines Morgenkaffees, nach 6 Stunden köstlichen Schlafs voller Milde und Zuversicht, sitze ich gerade am Schreibtisch, als Junior sein Köpfchen keck durch die Tür streckt: „Du siehst aus wie Hitler!“

Will er den totalen Krieg? frage ich mich. Ein Blick in sein vorlautes kleines Milchbubengesicht und 100 Milliarden Hirnsynapsen schmettern ein begeistertes Ja! So denn...

„Das glaube ich kaum, mein junger Kamerad!“ sage ich, und überprüfe, wo mein Seitenscheitel heute sitzt. „Aber ich könnte mir vorstellen, dass ich aussehe wie Deine Mutter, die Dich wahrscheinlich vor zehn Jahren, kurz nach Deinem dritten Geburtstag in ein Heim gegegeben hat, und Du, seither voller Groll gegen sie - Groll, den Du, ohne die Fähigkeit der Reflexion und Abstraktion, wegen der Ähnlichkeit auf mich überträgst - Du fühlst nun das starke Bedürfnis, mich zu beschimpfen. Doch mäßige Dich, kein Grund zum Groll! Denn Deine Mutter war sehr freundlich. Ich selbst hätte Dich schon nach 3 Monaten weggeworfen, da kannst Du sicher sein, denn Du warst früher sicher nicht anders als heute, Du blöder kleiner Arsch!“

Hach. Das tat gut.

Und nun zu einem anderen Thema. Neulich habe ich den Schwanz eines lieben alten Freundes umhäkelt. Fifi. So ein Schlaftier, genauso alt wie ich, aber nicht so top in Form, genau genommen nur noch dadurch zusammengehalten, dass ich seine weniger und weniger werdenden Reste regelmäßig umhäkle. Stäbchenmuster. Neulich war der Schwanz mal wieder dran. Was nicht verwundert, da Fifis Schwanz von mir sehr beansprucht wird, da ich meine Nase zum Schlafen immer zwischen seine Beine stecke. (Ich wollte das gar nicht so detailliert erklären, aber irgendwie habe ich das Gefühl, ich sollte.)

Also, dieses Schlaftier, Fifi, wird – außer, dass er regelmäßig umhäkelt wird – auch regelmäßig gewaschen, und zwar, weil ich das so gerne rieche, in Perwoll für Wäsche und Feines. Und Fifi. Danach riecht Fifi dann erstmal eine Weile ganz fantastisch, aber wie das so ist, von Tag zu Tag weniger, uns würde es nicht anders gehen. Und am besten, da unterscheidet sich der Mensch vom Fifi, am besten hält sich der Wohlgeruch zwischen den Beinen. Deshalb stecke ich meine Nase da so gerne hin. So. Außerdem - und das nur am Rande, falls einige sich fragen, warum ich keine Perwollflasche mit ins Bett nehme - außerdem sind seine kleinen umhäkelten Fifibeine exakt so lang, dass sich die dicken runden Enden perfekt auf meine Augenlider legen, was in einer Wohnung ohne Jalousien gleichzeitig einen angenehmen Schlafbrilleneffekt besitzt. Ohne die Gummis. (Irgendwie habe ich den Eindruck, hier tun sich gerade ganz andere Bilder auf...)

Gut. Warum erzähle ich das Alles? Weil ich für die Schwanzumhäkelung beim letzten Mal eine Wolle gewählt habe, die offensichtlich nicht farbecht ist. Und da ich heute Morgen nach der Anstrengung des Duschens und Anziehens und Fönens und Schminkens der Versuchung nicht widerstehen konnte, mich noch mal für ein paar winzige 5 Minütchen hinzuhauen, und dann nach winzigen 25 Minütchen erwachte und überstürzt zur Arbeit eilte, trug ich ohne es zu wissen Fifis neue Schwanzfarbe über der Oberlippe.

„Du hast einen dicken dunkelblauen Fleck über der Oberlippe!“ antwortete mir daher der Juniorflegel nach meiner kleinen formvollendeten Attacke nicht ganz ohne Grund verstört. Oh.

Oh, das tat mir wirklich leid. Schuldgefühle übermannten mich.

„Und außerdem,“ setze ich also abschließend hinzu, „außerdem wollte ich Dich fragen, ob wir vielleicht heute Abend mal ein Bier zusammen trinken gehen?“

„Nein Danke,“ gab sich Juniorflegelchen pikiert, „nicht mit einer Frau, die meine Mutter sein könnte. Schieb Dir Dein Bier in den Arsch.“

Oder so.

P.S. Aber nur wegen des Schreibens vom Finanzamt: Ja, ich bin sehr gut im Schwanzumhäkeln. Ja, ich könnte mir vorstellen, das auch ähäm im größeren Stil zu tun. Auch gern – das Weihnachtsfest steht vor der Tür – zusammen mit Eierwärmern im praktischen Geschenkset. Preis auf Anfrage.

04.10.2006 um 21:51 Uhr

LPunkt denkt gar nicht dran

von: Lapared

Die Antriebstechnik, die Lapared zum Dersertieren bringt, muss erst noch erfunden werden, ha-ha! Da wirken wesentlich stärkere Mächte in ihr. Eine Macht, die sie zum Ausharren zwingt, auch in verzweifeltster Lage (manche nennen sie Tapferkeit, wir wissen, es ist Blei im Arsch). Eine Macht, die jedem Scheitern und jeder Zurückweisung trotzt (manche nennen sie Optimismus, wir wissen, es ist nur beknackt). Und wenn Laparedchen erst mal den Duft des Geldes in der Nase hat (und eine weitere Aufforderung des Finanzamtes zur Steuerrückzahlung auf dem Tisch)... Kurz und gut, ich habe mir die ganze Nacht um die Ohren geschlagen.

„Na, ist Dir ein bisschen was eingefallen?“ Der Juniorflegel hingegen gibt sich strahlend wie der Morgentau. Das „diesmal“ verschluckt er mit seinem Frühstückskakao. „Ich scheiß Dich zu mit meinen Headlines!“ flöte ich, berauscht von der eigenen Genialität, die sich mir in jener Nacht zahlreich offenbart hatte. Er stößt leicht auf.

Und in der Tat. In der Abstimmung ernte ich ein dickes Lob. Nicht von Junior, der schießt aus allen Löchern. Papierkügelchen, denn was hat er schon zu sagen. Entscheidend ist der CD und der war zufrieden, höchst zufrieden. Ein ganz dickes Lob.

Später, als die Siegeseuphorie sich legt, als die Müdigkeit mich überfällt und die Realität nach mir greift… später sehe ich die Dinge klarer: Was jeder gute Texter in zwei Stunden schafft - drei halbwegs passable Headlines - mich hatte das wieder mal die ganze Nacht gekostet. Doch getreu meinem Motto, was ich nicht kann, das will ich, und was ich will, das krieg ich, hatte ich den Arsch mit viel Fleiß und wenig Talent soeben über die Linie gebracht. Ich brauche einen anderen Job.

Noch später, als die Müdigkeit sich legt, als der Groll zum Abschied leise winkt, weil der erste Martini in mich fließt... noch später, sehe ich die Dinge, wie sie am Ende vielleicht wirklich sind: Wodurch ist egal, Hauptsache der Arsch ist gerettet. Und Fleiß ist schließlich auch ein Talent. Alles andere ergibt sich.

03.10.2006 um 22:02 Uhr

Lpunkt denkt an Flucht

von: Lapared

Antriebstechnik, die jede Maschine zum Laufen bringt. Nur meine geile Gehirnmaschine da oben nicht. Nicht, nichts, nichts fällt mir dazu ein.

Antriebstechnik, die Lapared zum Laufen bringt. Zum Weglaufen. 

Wie komm ich nur raus aus der Nummer...

02.10.2006 um 21:15 Uhr

Mein Element

von: Lapared

Neue Agentur, neues Glück. Das ist das Schöne am Status eines Freelancers. Eben noch der große Verlierer an der Fruchtquarkfront, morgen vielleicht schon der strahlende Held auf dem Schiffsturbinen-Etat. Ich bin sehr optimistisch. Antriebssysteme für Lastenschlepper, wenn einer was davon versteht, dann Mrs. Blei-im-Arsch-Lapared.

Und prompt ein Feedback der Superlative. Meine Claims seien der größte - jawohl der allergrößte - Schwachsinn. O-Ton des 12jährigen Junior-Kontakters, ein ganz feiner Mensch.

Motorentechnik. Endlich in meinem Element.

01.10.2006 um 20:51 Uhr

Lifting

von: Lapared

Heute im Fitnessclub fiel mir eine ältere Dame auf. Eine tolle Figur. Fettfrei, muskulös, feingliedrig. Ein Körper wie ein Rennpferd. Aber, wie das ab einem Alter eben so ist, das Gesicht einer Ziege. Als sie merkte, dass ich sie ansah, nickte ich ihr verlegen zu und warf mich schnell auf die Beinpresse, die gerade frei geworden war. Sie nickte verlegen zurück und warf sich schnell auf die Beinpresse, die gerade frei geworden war. Ja, die Olle war ich. Im Wandspiegel. Irgendwas an ihr war mir doch gleich bekannt vorgekommen.

„Alles okay bei Dir?“ fragte mich Eric, der diensthabende „Workout-Supervisor“ mit gebleachtem Lächeln. Wegen meines plötzlichen Erstarrens dachte Eric wohl, ich hätte mir was gezerrt. „Guck Dir das an, meine Omma trainiert auch hier!“ antwortete ich ihm und starrte weiter auf mein Spiegelbild. Aus dieser Entfernung sah ich mich sonst nie. Da hält man sich mit „ersten Knitterfältchen“ und „feinen Augenlinien“ auf und merkt nicht, dass sich das ganze Gesicht Richtung Fußboden senkt. „Wo ist denn der Wangenstrecker?!“ frage ich. Eric kapiert nicht. „Herzchen, schau doch mal hin! Was ich am Arsch verloren habe, fehlt mir im Gesicht!“ Prompt fing er an, mir was von Gesichtsmuskeltaining zu erzählen. Ich solle öfter mal Fratzen schneiden. Ich überlege es mir. Und der Dieter da drüben am Twister ist Arzt, der macht ganz tolle Face-Lifts. Ich versuche es doch mit einer Fratze.

Aber der Schreck saß tief. Immer wieder schielte ich rüber in den Spiegel. Mensch, Lpunkt, dachte ich, Lstrich wäre treffender gewesen. Hat man denn ab einem bestimmten Alter wirklich nur die Wahl zwischen Kuh und Ziege? So knackig mein Arsch ist, so knittrig ist mein Gesicht. Schön ist das nicht, denke ich, zumal ich, wir erinnern uns, noch nicht aus dem Regal bin. Doch dann fallen mir all diese Unfragen aus Frauenzeitschriften wieder ein, wonach Männer den Frauen erst auf den Po gucken und dann ins Gesicht. Der erste Eindruck zählt, sage ich mir und grinse. Die Olle im Spiegel, blitzgeliftet, sieht gleich Jahre jünger aus. „Ich gehe einen Käsekuchen essen,“ sage ich, „kommen Sie mit?“ Sie nickt.

Also, Kuchen für zwei. Ich nahm nicht nur einen Käsekuchen, sondern auch einen Nussknacker und eine Himbeerrolle und einen Bienenstich. Alle zusammen hauten wir uns zuhause schön auf die Couch. Das beste Gesichtstraining, dachte ich: kauen...