Anleitung zum Entlieben

08.01.2012 um 18:30 Uhr

Die Geschichten dahinter

von: Lapared

Frohes Neues, gut reingekommen?

Super! Und selbst, schön gerutscht?

Ja, und wie…

Smalltalk, wie man ihn dieser Tage an jeder Ecke hört. Hinter diesen kleinen freundlichen Dialogen verbergen sich nicht selten Tragödien. Jawohl.

Mein Silvesterabend z.B. stand im langen Schatten meiner Backenzähne. Die Misere begann, als ein harmloser kleiner Dosenchampignon aus einem Erbsensalat sich so unglücklich in meinem Provisorium unten links verfing, dass dieses sich spürbar hob. Ich wollte es mit der Zunge wieder an Ort und Stelle drücken, aber da hatte sich schon eine junge Erbse dazwischengeschoben und klebte am Zahnstummel wie Wulff am Präsidentenstuhl. Als ich kurz darauf einem natürlich Schluckreflex nachgab, war das Provisorium weg. Die vorlaute Erbse auch.

Die nächsten zwei Stunden des Silvesterabends bestritt ich flüssig, was ja an sich nichts Ungewöhnliches ist an diesem Tag. Dann entwickelte ich vom Hunger getrieben eine Technik, so zu kauen, dass das sensible Stummelchen nicht tangiert wurde. Ich entwickle immer eine Technik. Her mit dem Käsefondue. So hätte die Geschichte glücklich, mit 10.000 rechtsseitig gekauten Käsekalorien enden können, wenn es nicht kurz vor Mitternacht wieder diese Berliner gegeben hätte. Obacht Gefahr!

Sofort erinnerte ich mich an das Jahr zuvor, als jemand nämlich beim Verzehr eines mit Eierlikör gefüllten Berliners auf einen Kirschkern gebissen hatte, wissen Sie noch? Der Fall ist bis heute nicht geklärt.

Ich ließ den Berliner stehen und knabberte stattdessen genügsam eine Salzstange -  sowieso, ich hasse diese Völlerei! - da machte es plötzlich Krrzzzzck. Der nächste Zahn im Eimer. Ein wurzelbehandelter oberer Dreier, der schon lange tot und nur noch zu dekorativen Zwecken im Team war. Dachten wir.

Doch nun, als er von einer gemeinen Salzstange in der Mitte gepfählt wurde, war er plötzlich aufgewacht. Wie Dracula, der andere berühmte Untote, erhob er sich aus seiner modrigen Gruft. (Finden Sie, ich dramatisiere zu sehr? Dann streichen Sie den letzten Satz). Zum ersten Frühstück des Jahres gab es jedenfalls 800 Gramm reinstes Ibuprofen. Und zum Mittag irgendwelche Tropfen, die Half mal nach einer OP gebunkert hatte und nach denen ich nicht mehr wusste, wann ich Geburtstag habe. Und was ein Geburts überhaupt ist.

In der darauffolgenden Woche war ich so oft bei meiner Zahnärztin, dass zuletzt meine Pantoffel neben der Tür standen und der Hermesbote meine Pakete an den Zahnarztstuhl lieferte. Und der Lünebest Nussjoghurt - ein zuletzt etwas ins Abseits geratener Klassiker, die Mutter aller Nussjoghurts - erlebte einen sagenhaften Umsatzzuwachs von zwölf Prozent. Durch mich.

Alle zwei Tage kauft Half mir bei PENNY eine 20-er Palette, die ich dann an einem einzigen Tag verputze. Am zweiten Tag muss ich selber los. (Hast du noch Joghurt? – Klar, für wie verfressen hältst du mich?) So lange kennen wir uns schließlich auch noch nicht. Und was anderes als Joghurt geht einfach nicht, bei aller Technik.

Was für ein Jahresauftakt, schon wieder Ärger mit den Zähnchen - das glaubt mir doch kein Mensch, sage ich zu Half. Nee, das glaubt dir kein Mensch, nickt er dann mitfühlend, so ein marodes Gebiss wie deins ist echt unfassbar.

Frohes Neues, gut reingekommen?

Super! Und selbst, schön gerutscht?

Ja, und wie…

Jetzt kennen Sie die Geschichten dahinter. Eine davon.