Anleitung zum Entlieben

20.05.2013 um 12:55 Uhr

Die Wahrheit über Pfingsten

von: Lapared

Der heilige Geist wurde ausgegossen!

Das war die Antwort meiner Banknachbarin Barbara, als unsere Lehrerin Frau Schacht die große Preisfrage endlich an sie weiterreichte. Die Frage, was „wir“ am bevorstehenden Pfingstfest eigentlich feiern würden. Minutenlang hatte Barbara mit ihrem dicken Ärmchen gewedelt. Am Ende war sie sogar aufgestanden und hatte mit dem Finger geschnipst. Fast wäre die arme Barbara geplatzt.

Aber Frau Schacht hatte viel lieber mich gefragt. Ich war die einzige Protestantin in der Klasse (wir befinden uns in einer katholischen Grundschule des letzten Jahrhunderts), und ich hatte mich nicht gemeldet. Mit gesenktem Kopf sah ich meinem Federmäppchen nach, das die schnipsende Barbara mitsamt der Schulbank zentimeterweise weiter Richtung Tafel schubste. Tschüss Mäppchen. „Ich weiß nicht, was wir Pfingsten feiern“, gab ich schließlich kleinlaut zu. Womit ich der lieben Frau Schacht – zusätzlich zum Pfingstfest – auch noch einen inneren Frohen Leichnam bereitete. Wen oder was auch immer sie da feierte.

Der heilige Geist wurde ausgegossen! PENG!

Als Barbara es endlich, endlich rauslassen durfte, ging spürbar eine Druckwelle durchs Klassenzimmer. Ich weiß noch, dass ich unwillkürlich die Schnapsflaschen vor Augen hatte, die zuhause in Vatis selbst vertäfelten Partykeller standen, von Onkel Karl stets als „die Galerie der gute Geister“ bezeichnet. Und meine Mutter, die sie der Reihe nach in die Spüle kippte, was ich am Morgen nach einer Karnevalsparty tatsächlich mal beobachtet hatte. Am selben Morgen, als sie uns verboten hatte, jemals wieder Frau Göcke zu grüßen, die geschiedene Nachbarin, die auch auf der Party gewesen war. In einem Haremskostüm mit freiem Bauch. Und irgendwie, rein assoziativ, quoll bei mir die Idee, dass es sich beim heiligen Geist um einen Flaschengeist handelte, der an Pfingsten "ausgegossen" worden war. So ähnlich wie bei dieser Geschichte im Fernsehen. Von dem Astronauten, der auf einer einsamen Insel einen alten Flaschengeist befreit, eine bauchfreie Blondine - wie hieß der Film noch... 

Ich konnte mein Gedankenknäuel nicht mehr rechtzeitig entwirren, als mich Frau Schacht schon wieder aufrief. „Sehr richtig, Barbara, der heilige Geist wurde ausgegossen“, hörte ich sie sagen. „Vielleicht kann uns deine Banknachbarin ja wenigstens erklären, was mit dem heiligen Geist gemeint ist?!“ Sie lächelte mich mit zusammengekniffenen Lippen an.

Ich ließ es einfach raus, roh und ungefiltert. „Der heilige Geist ist ein Flaschengeist“, verkündete ich mit dem Mut der Verzweiflung. „Früher hat er in einer Schnapsflasche gehaust und an Pfingsten hat der liebe Gott den Korken rausgezogen.“ Ich spürte, dass ich mich auf dünnem Eis bewegte, aber ich machte einfach weiter. „Der heilige Geist ist blond und trägt ein Haremskostüm.“ Das Eis knackte hörbar. „Und er muss nur mit den Augen blinzeln, dann kann er unsere Wünsche erfüllen!“ Knack, knirsch. „Wenn wir zum Beispiel nach einem Weltraumflug mit unserer Kapsel ins Meer gefallen sind…“ Ich vernahm eine gewisse Unruhe in der Klasse, warum sorgte die blöde Lehrerin nicht für Stille? „Und wenn wir dann auf einer Insel angespült werden und ganz alleine sind…" Ich sprach einfach weiter. „Dann kann der Geist uns wieder nachhause bringen.“ Endlich fiel mir der Filmtitel wieder ein. „Der heilige Geist ist wie die bezaubernde Jeannie!“

Ich erinnere mich nicht mehr genau, wie Frau Schacht auf meine Ausführungen reagierte. Ich weiß nur noch, dass meine Mutter danach in die Schule kommen musste und dass ich eine Weile nicht fernsehen durfte. Aber aus heutiger Sicht würde ich sagen, nie wurde Pfingsten besser erklärt, oder?

Frohe Pfingsten. Hauptsache einen Tag frei.

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenIna schreibt am 20.05.2013 um 13:18 Uhr:Bestens erklärt, jetzt wissen wir auch endlich, was es mit Pfingsten und der wunderbaren bezaubernden Jeannie auf sich hat... :-)
    Frohe Pfingsten!
  2. zitierenAndreaken schreibt am 20.05.2013 um 14:22 Uhr:Kreisch, kicher, ich schrei mich wech...........Danke für diese erneute Portion Gesundheit!
  3. zitierendeine Cousine Petra schreibt am 20.05.2013 um 23:31 Uhr:Haha... Frau Schucht.
    Ich kann's nicht glauben! Lange hab ich nicht mehr an sie gedacht; welch ein Satan...
  4. zitierenLapared schreibt am 20.05.2013 um 23:50 Uhr:@Cousine Petra: Wie sie immer auf ihrem Stühlchen an der Heizung hockte und Gift versprühte... Bist Du also auch noch in den Genuss ihrer pädagogischen Fähigkeiten gekommen?! Viele liebe Grüße nach München! Schlaf gut!

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