Anleitung zum Entlieben

15.01.2007 um 23:05 Uhr

Großer Moment

von: Lapared

„Ist das alles?“

Da ist er. Der große Moment. Der Moment, in dem der Elefant das Wasser lässt, wie mein Vater immer sagt. In der Tat verspüre ich Druck. Nicht auf der Blase, seitens HK. Als ich nicht sofort antworte, gibt - so hat man es ihr in der Schulung wahrscheinlich beigebracht - die Frau am anderen Ende mir noch etwas Zeit, meinen Bedürfnissen nachzuspüren, und wiederholt derweil die Bestellung:

„Drei Mal Bismarck Nullsieben, zwei Hella Wellness, zwei Becker Apfel naturtrüb, ein Kasten Cola Light… sonst noch was?“

Noch was? Gestern hatten HK und ich uns deswegen gezankt. „Ich trinke sowieso“, hatte HK gesagt, „ob das Zeug nun hier steht oder nicht.“ Bisher hatte er seinen Alk immer mitgebracht. „Ich weiß, dass Du sowieso trinkst“, versuche ich es im Guten, „ich will Dich nicht davon abhalten“, mit meinem legendären Charme und Witz, „wenn ich das unbedingte Bedürfnis verspüre zu scheitern, boxe ich gegen Shannon Briggs oder koche Lammcurry oder parke rückwärts ein“, er lacht gar nicht, „ich halte Dich nicht ab! Aber ich werd Dich auch nicht unterstützen! Ich werde Dir keine Cocktails mixen oder Dir hier das Bier kalt stellen!“ Keiner lacht. „Du würdest mich nicht unterstützen. Ich trinke, das ist meine Entscheidung, das mach´ ich ganz allein. Du würdest es akzeptieren, und das wäre gut.“ - „Es ist Deine Entscheidung, ja, aber eine Entscheidung, die mich irgendwie auch betrifft, findest Du nicht?“ Dünnes Eis. „Warum, weil meine Lebenserwartung dadurch sinkt, weil Du dann früher Witwe bist? Entschuldige, mein Engel, ich glaube, so weit sind wir noch nicht!“ Krach. „Ich glaube nicht, dass ein kürzeres Leben die einzige Konsequenz Deines Saufens ist, es betrifft das Leben, das Du führst, und damit die, die so bescheuert sind zu versuchen, es ein Stück weit mit Dir zu teilen!“ – „Ach ja, wo? WO betrifft es Dich? Rede ich wirres Zeug, erzähle ich blöde Witze, torkel und lalle ich, hab ich auf Deine vornehme weiße Couch gekotzt? Nichts, NICHTS! Ich verhalte mich ganz normal. Mehr! Ich funktioniere 1 A, ich laufe wie geschmiert! Tagsüber mache ich Kohle, nachts sorg ich für Deine Orgasmen, und dazwischen flitz ich noch flink zu SPAR, weil DU lieber Seifenopern schreibst, Deinen Bikini ausführst oder auf sonst eine beschissene, verwöhnte Art zwanghaft Selbstdarstellung betreibt! Zum profanen Einkaufen hast Du keine Zeit!“ Aua. „Ich hab Wurst und Käse gekauft!“ – „Und, pardon, sollte ich trotz all meiner Bemühungen dennoch manchmal hinter der stets hohen Latte meines Vorgängers zurückbleiben, bitte ich zu bedenken, dass ich leider unverheiratet bin und bedauernswerter Weise keine Frau hab, die das Geld für mich verdienen geht, damit ich mich voll aufs Vögeln meiner Badebekanntschaften konzentrieren kann.“ Hab ich was gesagt? Ich liebe Dein Schnarchen! „HALLO! Ich soll für Dich ALKOHOL kaufen!“ - „Ja, weil ich ALKOHOLIKER bin. Weil Alkohol mir ein dringendes Bedürfnis ist. Eins, mit dem ich Dich sonst in keinster Weise behellige. Im Gegensatz zu Dir, die Du mir mit größtem Vergnügen jedes Deiner Bedürfnisse offenbarst!“ Hatte Emmi doch Recht! Na warte… „Bedaure. AUFRICHTIG! Ich ging in der Annahme, sie würden sich in gewissem Maße mit Deinen quasi DECKEN! Ich höre mit Staunen und Verwunderung, dass dem offenbar nicht so ist!“ Los, widersprich! „Ich bitte Dich lediglich, drei Kästen Bier zu bestellen! Am Telefon! Einen Satz zu sagen! DREI KISTEN WARSTEINER, BITTE! Ist das zu viel?…“

„Also, wollen ´se nu noch was bestellen oder nich?“ Bitte, wo bleibt Ihre gute Schulung.

„…Ich weiß, Du willst mir helfen, Lpunkt. Aber es hilft mir nicht, wenn ich zum Trinken nachhause oder in die Kneipe gehen muss!“

„Nein, das wär´s. Das ist alles.“

Ha! Ein großer Moment. Eine Stunde noch, dann konnte ich den Druck nicht länger halten. Bin zu SPAR gerannt. Hab Wurst und Käse gekauft… und ein Sixpack. Hilft ja nicht, wenn er zum Trinken nachhause oder in die Kneipe gehen muss.

Muss er nicht. Er ist gar nicht erst gekommen.

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenZooStation schreibt am 15.01.2007 um 23:11 Uhr:ihr seid beide abhängig..
    cuZooN.
  2. zitierenlaufkopf670 schreibt am 15.01.2007 um 23:16 Uhr:starker tobak
  3. zitierenerphschwester schreibt am 15.01.2007 um 23:18 Uhr:ich weiß nicht, ob ich dir einen mann wünschen soll, der p a s s t, so ganz und vollkommen.
    --- wir würden nichts mehr von dir hören.

    anderen schlechtes wünschen, um selbst ein bißchen spaß zu haben? na, irgendwie ist das ja auch scheiße.
  4. zitierenElRayo schreibt am 16.01.2007 um 03:22 Uhr:Helfen würde einem Alkoholiker nur, mit dem Trinken für immer aufzuhören.
    Und Dir auch.

    Aber das wäre wohl viel zu langweilig und unkreativ; im übrigen habe ich fast dieselbe Diskussion auch mit meiner damaligen doch schon EHEFRAU auch geführt, was uns immerhin bis ins Trennungsjahr führte.

    Aber zumindest DAS wird Euch ja erspart bleiben.
  5. zitierenZwischenweltler schreibt am 16.01.2007 um 08:41 Uhr:Druck machen hilft nicht - Kurzhalten gleich gar nicht! Wenn Du willst, daß er aufhört, dann mußt Du einfühlsam, langsam aber stetig die Einsicht in ihm nähren, daß er selbst aufhören WILL. Solange Du Druck aufbaust, wird er nur um so mehr nach Argumenten suchen, die seinen derzeitigen Zustand rechtfertigen. Du gräbst Dir damit selbst das Wasser ab...
  6. zitierenElRayo schreibt am 16.01.2007 um 19:17 Uhr:Das sehe ich sehr gegenteilig.
  7. zitierenNala schreibt am 16.01.2007 um 20:08 Uhr:@Zwischenweltler:
    Sie übt doch aber kein Druck aus indem sie kein Bier kauft?!
  8. zitierenDerGeist schreibt am 17.01.2007 um 15:17 Uhr:weder Druck, noch Einfühlung : nix wie weg. (Man kann ja einen zweiten Versuch wagen, wenn er ein paar Jahre trocken geblieben ist.) LG DerGeist

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