Anleitung zum Entlieben

29.10.2005 um 23:55 Uhr

POnymomente II

von: Lapared

Mit 119 gab es auch Ponymomente.

Ich weiß noch, als ich einmal im Foyer des Schwimmbades auf ihn gewartet habe. Es war abends, wir wollten in die Sauna, wir waren um acht verabredet gewesen, und inzwischen war es viertel vor neun. Ich wartete also seit über einer dreiviertel Stunde auf ihn.

Als er endlich circa 50 Meter entfernt um die Ecke bog und auf den Eingang zuging, blickte er starr auf den Boden. Er sah nicht auf, um nach mir Ausschau zu halten, er wusste, ich war noch da. Er wusste, dass ich irgendwo da drin hinter den großen Glasscheiben saß und darauf wartete, mein zärtliches „Du hast mich 45 Minuten warten lassen, aber sieh, wie fantastisch ich bin: kein bisschen vorwurfssvoll!“-Lächeln auf ihm abzuladen. Ja, ich fürchte, so hat er es empfunden, als Last.Viel lieber wäre ihm gewesen, ich wäre nicht mehr da gewesen, und er hätte dahin gehen können, wo er nach seinem schweren Tag als Arbeitnehmer viel, viel lieber wollte, nach Hause. Oder ich hätte wenigstens den Fehler gemacht, so was zu sagen wie: „Auch schon da?“, damit er hätte sagen können: „Ich hatte genug Stress, wenn Du mir jetzt auch welchen machst, Do svidanja, blöde Kuh...“, gibt es was Entspannenderes nach einem harten Arbeitnehmer-Tag? Aber stattdessen saß ich da mit meinem penetrant milden Lächeln, meinen geschmierten Schnittchen (er kam doch direkt aus aus dem Büro), den weichgespülten Bademänteln... und bot dem armen, vor angestauten Agressionen kalkweißen 119 gemeinerweise keine Angriffsfläche.

Aber das wollte ich ja eigentlich gar nicht erzählen. Eigentlich ging es ja um meine Ponymomente, nicht um seine Pony... (momente kann ja nicht sagen) seine Ponygefühle zu mir.

Ich sah ihn also auf mich zukommen, wusste genau, wie es in ihm aussieht und dachte... wie klein Du bist, 119. Warum hast Du nicht Deinen Chef gefaltet, der Dich genervt hat, oder wenigstens eine Kontakterin, oder wenn die auch noch zu groß ist, irgendeine kleine Teamassistentin, die sich nicht wehren kann. Aber nein, zu all denen warst Du den ganzen Tag über freundlich und bewahrst Deine schlechte Laune auf. Für die Schwächste, Wehrloseste, die Du finden kannst, noch ungefährlicher als die Assistentin der Assistentin der kleinen Teamassistentin, wenn es die gäbe: für mich. Die arme Sau, die dich liebt. - Nur.. warum eigentlich? Sieh Dich doch an! In der Anorektikerinnenabteilung der Psychiatrie würde man Dir vielleicht nachpfeifen, aber sonst? „Drahtig“ kann man das nicht mehr nennen, eher „ausgemergelt wie ein KZ-Jude“, gleich in der Sauna werden einige wieder betreten wegschauen und zu ihren Kindern (wenn sie welche hätten) werden sie sagen: „Schaut den Mann nicht so an, der hat bestimmt eine ganz schlimme Krankheit!“. Und dazu Dein finsterer, gequälter, anklagender Blick...

Das war also so ein Ponymoment mit 119, und es gab noch einige mehr davon. Zum Beispiel, wenn er an den Beifahrersitz meines Minis geklammert auf die Straße starrte wie ein Hässchen in den Revolverlauf, sobald die Tachonadel die 80 km/h Marke überschritt. Oder wenn er in dieser schwarze Breitcordbundfaltenhose auf ein Konzert ging, während sein Hintern zuhause "Wetten dass?" guckte – so sah es jedenfalls aus... als hätte sein Arsch frei. Oder wenn er morgens mit langen Zähnen auf einem halben Marmeladen-Toast rum kaute wie eine verzogene blondgelockte Fünfjährige.

Bei 119 hatten diese Momente nie wirklich Konsequenzen. Ich hab ihn trotzdem geliebt. Obwohl ich sie teilweise, als ich anfing, ihn nicht mehr lieben zu wollen, quasi gerahmt und in mir aufgehangen habe. Um sie immer und immer wieder vor mir zu sehen.

Und bei Dick? Haben sie erst recht keine. Weil er – ganz im Gegensatz zu 119 – garantiert und innerhalb von nur wenigen Minuten so viele Dinge tut oder sagt, die mich einfach nur umhauen...

Fürs Protokoll: Ich bin wieder zuhause, Dick hat einen Anruf bekommen und musste noch heute nach Paris. So ist das, das ist seine Arbeit, bei mir ist es ja im Prinzip nicht viel anders.

Aber ich bin glücklich. Ich glaube sogar, heute Nacht zähle ich zu den Top-100 der seligsten Personen dieses Planeten. Ich glaube, ich habe meine nächste Liebe gefunden. Und im Gegensatz zu der einen oder anderen davor, denke ich, diesmal wird sie vielleicht erwidert.

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenAgnellus schreibt am 30.10.2005 um 01:43 Uhr:Das klingt beneidenswert, wo ich selbst doch gerade mehrere Stunden mit dem Schreiben einer e-mail verbracht habe and einen Menschen, der darauf höchstwahrscheinlich nicht einmal reagieren wird, weil er sich darin angegriffen sieht und mir durch seine Ignoranz seine Erhabenheit über meine schüchtern geäußerte \"Kritik\" zeigen wird. Es sollte wohl Dicks vom Himmel regnen, doch dann würde ich wohl einen Schirm aufspannen und mich fragen, ob das händchenhaltende Paar vor mir nicht etwa er uns seine Neue sein könnten...

    Naja, blöd wenn das Entlieben schon über 3 Jahre dauert...
  2. zitierenschnuff schreibt am 30.10.2005 um 07:21 Uhr:Liebe L.,



    freue mich sehr.

    Vor allem darüber, dass du viele gerahmte Ponymomente mit 119 hast. Lass Sie bitte bitte noch ein wenig in den schönen Rahmen hängen. Just to make sure.

    Und zeig diese kleine aber feine Galerie bei Gelegenheit stolz jedem netten Besucher, wie deiner klugen Schwester z.B.

    Just in case. To help yourself burning the ships, which might take you back after some rainy days.



    Alles Liebe

    schnuff

  3. zitierendieFee schreibt am 30.10.2005 um 20:39 Uhr:Gut, dass du das schriftlich hast.
  4. zitierenLapared schreibt am 30.10.2005 um 22:30 Uhr:Stellvertretend für 119, der es nicht kann, kommentiere ich meinen eigenen Eintrag.



    Liebe L.

    Das war unterhalb der Gürtellinie. Das darf in Deinem Kopf stattfinden, und es okay, wenn es Dir hilft, Dich zu lösen... aber das gehört HIER nicht her. Du machst mich lächerlich, das ist nicht in Ordnung. Das Herumreiten auf körperlichen Unzulänglichkeiten anderer ist einfach nur billig. Tu das bitte nicht mehr.



    119
  5. zitierenlucha schreibt am 31.10.2005 um 01:39 Uhr:Du kannst es nicht lassen, Lapared! Immer wieder auch die Perspektive von 119 einnehmen, eigenes Verhalten an der mutmaßlichen Wirkung auf 119 bewerten! Tja, hätte 119 nur ein winziges Teilchen dieser Fähigkeit zur Selbstreflektion und Distanz zu seinen eigenen Gefühlen, hätte er sich nur ab und zu mal gefragt: \"Wie wirkt mein Verhalten wohl auf Lapared?\", dann wäre wohl alles anders zwischen euch beiden verlaufen. Aber er ist wie er ist und du bist es auch. Und - mit Verlaub - eine einfach nicht passende Konstellation, wenn man Destruktion und Verzweiflung nicht als Bestandteile einer Beziehung akzeptieren möchte!!!



    Soll heißen: Natürlich ist das, was Du beschreibst nicht gerade schmeichelhaft, aber es ist absolut ehrlich und übrigens nicht untypisch für Gefühle Liebender, ich kann da mitreden. Gerade weil man sich das eingesteht, weil man den anderen in seinen Unzulänglichkeiten erkennt, ihn nicht illusioniert und trotzdem sagen kann, ich liebe ihn, ist das besonders wertvoll. Liebe macht sehend, so doch das alte Sprichwort.

    Also: Ich finde überhaupt nicht, dass das unter der Gürtellinie war. Du beschreibst im Prinzip vollkommen legitime Gefühle und Gedanken; und da hüllt man nicht alles in Wattebäuschen, sondern da ist kräfige sprache auch erlaubt! Und zum Inhalt: Ich bin mir sicher - und z.T. hast du uns ja auch daran teilhaben lassen - dass es da Aktionen von 119 gegeben hat, die viel kränkender und verletzender gewesen sind, als das, was Du gerade über 119 zum Besten gegeben hast.also komm mal wieder runter von deienem Schuldturm!



    Übrigens bin ich ein wenig in Sorge, dass Du mal wieder die 119-Perspektive eingenommen hast; das hast Du viel zu oft getan, hast dich immer nur um seinen Seelenfrieden bemüht: Mein Rat: Schluß damit, auch du hast ein Recht auf Zorn, Wut und Enttäuschung; die zu artikulieren ist nicht nur berechtigt,sondern auch gesund!



    Daher, no more comments from 119 alias Lapared!
  6. zitierenAlgiedi schreibt am 31.10.2005 um 09:37 Uhr:Hi lapared,



    ich freue mich wahnsinnig für dich.
  7. zitierenNurmalso schreibt am 31.10.2005 um 22:17 Uhr:Ich denke auch, ein bißchen \"Boshaftigkeit\" darf ruhig sein.Es sind Fakten, die man dann einfach anders sieht und aufgrund der langen Zeit, die man selber gelitten hat, darf ews auch ruhig mal weniger nett geschrieben sein.Gehört dazu.Ich freue mich ebenfalls für Dich, weil ich glaube so genau nachzuvollziehen können, wie es sich mit 119 angefühlt hat. Und an Agnellus: nicht aufgeben !!! Kann ja wirklich sooo lange dauern, (biete 4 Jahre...)aber irgendwas geht es einfach aufwärts, Murphys Gesetz !!:-)
  8. zitierenNurmalso schreibt am 31.10.2005 um 22:24 Uhr:ups, sorry, hätte erst alle Einträge lesen sollen....heute ist der 31.10....nix für ungut !

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