Leben satt

13.05.2007 um 13:02 Uhr

Spiel und Sieg.

Endlich Morgen. Ich habe kaum geschlafen und sitz schon kurz nach dem Aufwachen im Auto auf der Rückbank Richtung Stadion. Derbyspiel. Eigentlich freu ich mich jedes Mal auf ein Spiel und gegen den verhassten Verein sowieso, aber heute ist es seltsam, heute ist es anders, es ist mir egal. Alles ist mir gerade egal, denn meine Träume waren leer heute Nacht genau wie mein Inneres. Habe ich gestern wirklich diesen Mann getroffen, bin ich diesem Menschen wirklich begegnet oder war das der eigentliche Traum. Keine SMS. Kein Anruf. Aber was wollte er auch von mir? Er, der sportliche Typ mit Sixpack, Stiernacken, blauen Augen, blondem Haar und diesem charmantem Lächeln und ich, die 94 Kilo Frau, mit Durchschnittsfrisur, unsportlich und Langweile versprühenden Aura. Mich hat noch niemand in der Disco angesprochen oder auf der Straße nachgepfiffen. Das war ok, weil ich einen Mann hatte, einen tollen und es mir egal war, was die anderen Männer dachten in ihrer Oberflächlichkeit und ihrer 90-60-90 Fantasie, die mindestens 95 % der Frauen nicht erfüllten. Es war mir egal. Nur nicht jetzt. Jetzt gerade wünschte ich mir, dass er mich anspricht, dass er mir nachpfeift, mich toll und attraktiv findet und nicht langweilig und fett. Fett. Jetzt komme ich mir richtig dumm vor. Mia, hast Du ernsthaft geglaubt dieser Mann könnte sich in dich verlieben? Hast du? Ja Du hast. Wie Armseelig. So ein Mann könnte jede Frau bekommen und zwar wirklich Jede. Mia mein Baby was ist los mit Dir Du bist heute so still freust Du Dich nicht auf das Spiel? Was? Ach ja. Ich sitz ja im Auto und wir sind auch schon fast da. Freddy hat sich vom Beifahrersitz nach hinten umgedreht und redet mit einem zarten lächeln und dieser kindischen Vorfreude auf seine Lieblings- Fußballmannschaft  wohlwollend auf mich ein. Er weiß, dass mich diese Samstagsspiele absolut nerven, weil ich eben eine Frau bin und dann lieber mit ihm shoppen gehen würde als mehrere Stunden im kalten Stadion zu stehen und mir den Arsch abzufrieren. Andererseits fährt er schon lange nicht mehr zu den Auswärtsspielen, was die Hälfte der Samstage schon mal sichert. Trotzdem. Manchmal ist es schwierig mit einem Fußballbekloppten zusammen zu sein. Nein Hase, alles ok, bin ein wenig müde und hab hunger ansonsten ist alles gut. Nichts war gut, aber was sollte ich sagen, schließlich wusste weder er was in mir vorgeht, noch konnte ich offen sprechen, da sein Vater direkt neben ihm auf dem Fahrersitz saß und uns wie immer brav zu dem Spiel fährt, damit Freddy auch sein Halbzeitbier trinken kann. Perfekt. Steck doch mal dein Handy weg und hör auf zu texten, das macht mich wahnsinnig und Du verlierst das Ding gleich noch, obwohl dann hätte ich endlich meine Ruhe, heute Nacht hast du auch ständig damit geleuchtet und mich genervt, wartest Du auf eine bestimmte Nachricht? Vor Schreck lass ich das Handy los, was direkt in meinen Schoß fällt und starre Freddy mit einem erschrockenen Gesichtsausdruck an, der mich allemal verraten musste, dass ich mich ertappt fühlte. Weiß er was? Hat er meine Nachrichten etwa gelesen? Wir sind da, am besten ihr steigt hier aus, da vorn ist zu voll, ich hole euch dann um 18:00 Uhr  genau hier wieder ab. Viel Spaß. Freddys Papa längt den Wagen halb von der Straße auf den Gehweg, um uns raus zulassen. Wenigstens kann ich jetzt diesem blöden Gespräch aus dem Weg gehen. Ich will gerade mein Telefon in meine Jacke stecken, da bemerke ich es. 1 neue Kurzmitteilung. Mein Herz bleibt fast stehen und ich habe Angst diesen Knopf zu drücken. Doch dann besiegt innerhalb von Sekunden die Neugier meine Angst und schon öffnet sich der Text auf meinem Handy. Die Nachricht ist von ihm.

Hallo Süße. Hoffe Du hast gut geschlafen. War ein schöner Tag gestern und ich freue mich, dass wir uns endlich getroffen haben. Du bist wirklich süß. Fischis.

Süß? Hat er gerade gesagt, dass ich süß bin? Ja! Mein Herz macht einen riesen Sprung mit einem Mal habe ich die beste Laune dieser Welt, strahle über beide Ohren und würde am liebsten schreien. Ja. Er findet mich süß und es hat ihm gefallen. Er denkt an mich und sicherlich treffen wir uns nochmal. Ich kann mein Glück kaum fassen.

Ja endlich kommst du auch mal in Stimmung und jetzt komm, sonst kriegen wir unseren Stammplatz nicht. Freddy nimmt mich bei der Hand und schleift mich hinter sich her ins Stadion. Das Spiel beginnt. Sieg.

13.05.2007 um 03:00 Uhr

Sorgenfrei.

Es ist 3:00 Uhr und ich kann noch immer nicht schlafen. Neben mir liegt Freddy. Zufrieden, ruhig und ahnungslos liegt er in seinen vier aufeinander gestapelten Kopfkissen, träumend und nichtsahnend. Er weiß nicht wo ich heute Nachmittag war und aber sollte er es denn erfahren? Hat das wirklich was zu bedeuten oder sollte ich mich einfach an ihn kuscheln wie sonst auch, die Augen schließen und das alles vergessen. Dieser Mann. Er geht mir nicht mehr aus dem Kopf. Wieder und wieder blicke ich auf mein Handy, in der Hoffnung eine Nachricht von ihm bekommen zu haben. 3:20 Uhr und ich lieg immer noch wach mit all den Gedanken in meinem Kopf, diesen pochendem Schmerz in der Brust, dieser heißen Welle, die durch meinen ganzen Körper fährt, wenn ich nur an ihn denke. An diese Stimme, diese Augen, dieses Lächeln. Ob er mich mag und ob wir uns wieder sehen. Ach Mia was für dumme Gedanken hast Du. Neben Dir liegt der Mann deines noch so jungen Lebens. Treu, ehrlich, aufrichtig und vor allem echt. 5 Jahre nun liebt er Dich, willst Du das etwa aufgeben und alles riskieren. Dem Wind, einem lausigen Gedanken nach jagen. Und deine Eltern. Was würden die sagen. Freunde, Bekannte, alle vor den Kopf stoßen. Für ihn. Dein Leben ist doch perfekt. Gut du hast zu viel auf den Rippen, aber das ist auch das Einzige. Ich drehe mich zu ihm, stecke meine Nase in seinen Nacken und atme tief ein. Dieser vertraute Geruch, dieser leichte Duft von Davidoff, AXE und dem Waschmittel seiner Mutter, die ihm immer noch die Hemden wäscht und bügelt. 4:05 Uhr. Jetzt hör endlich auf dein Handy zu beschwören und schlaf, morgen ist auch noch ein Tag und das Leben geht weiter, egal was heute bzw. gestern passiert ist. Heute, gestern, eigentlich nicht definierbar wenn die Tage durch Schlaflosigkeit ineinander übergehen. Morgen ist erst nach dem Aufwachen also nachdem man geschlafen hat, also ist der Tag noch nicht vorbei oder? Ach Mia Du dummes Kind, wird erwachsen. Du hast ein perfektes Leben ohne Sorgen, darum kannst Du über solche Dinge nachdenken. Du hast ein sorgenfreies Leben. Ich habe mein Leben satt.

12.05.2007 um 20:11 Uhr

Ende vom Anfang

Hab ich das wirklich getan? Ist das gerade wirklich passiert?

Es regnet nicht mehr, schon seit Stunden scheint wieder die Sonne die gerade in einem feuerroten und orangenen Feuer am Horizont hinter den großen Fabrikschlunden versinkt und alles was gerade noch in einem goldgelbem Ton getaucht war in die Hände der Nacht zu geben. Nacht, Ich liebe die Nacht. Es ist irgendwas Magisches, etwas Anziehendes an der Dunkelheit und der Stille, die die Nacht mit sich bringt. Das Schlafen der Welt, ist eine andere Welt. Nachts spielt Zeit kaum eine Rolle. Ich fühle mich im Dunkeln wohl, vielleicht wohler als am Tag, in der Hektik und grelles Licht Tun und Handeln so unbesonders macht. Unbesonders? Ja, auch wenn es das Wort so nicht gibt, es beschreibt genau das was ich meine.

Unbesonders - Besonders.

Tag - Nacht.

Ich - Er.

Ich fahre nach Hause. In mein unbesonderes Leben zurück, in die Welt, die mir seit heute noch ein wenig grauer, noch spießiger noch unlebendiger vorkommt, als noch heute morgen. Was war das nur? Dieser Mensch, dieser Mann. Nein, Sex hatten wir keinen, aber ich fühle mich wie nach einem Orgasmus, der Stunden andauert, berauscht, wild und frei. Ich hab es getan. Ich habe einen fremden Mann in mein Leben gelassen, in ein Leben, was fast perfekt erschien und nun keinen Wert mehr hat. Dieser Mann, dieser Mensch hat was verändert. Er hat mich verändert. Ich habe mein Leben satt.

 

 

12.05.2007 um 15:37 Uhr

Der Anfang.

Heute ist es endlich soweit. Ich treffe ihn. Den ersten Mann, den ich über das Internet kennengelernt habe. ILove. Ach was für eine dumme Seite eigentlich. Einfach nur aus langeweile angemeldet und mal reingesehen wer oder besser was sich da so tümmelt. Eigentlich habe ich das nicht nötig, aber sollte man im Leben nicht alles einmal ausprobieren?

Singleseiten sind eigentlich nicht so mein Fall, schließlich habe ich ja bereits den Mann fürs Leben gefunden. 5 Jahre schon sind wir zusammen. Der Sex, naja mittlerweile absolut nur die Pflichtveranstaltung, um ihn bei Laune zu halten. Liebe? Denke schon, dass ich ihn liebe sonst wäre ich nicht mit ihm zusammen oder?Ich bin übrigens Mia. Ich wohne in einer unspektakulären Stadt im schönen Ruhrpott, bin 21 Jahre jung, habe mein Abitur abgeschlossen und beginne gerade eine Ausbildung im käufmännischen Bereich. Ja klingt langweilig. Ist es auch. Aber mal im Ernst was erwartet ihr? Schmuck- und Klamottendesignerin? Germanys next Topmodel? Deutschlands neues Supertalent? Nicht wirklich. Ich bin stink normaler Durchschnitt und irgendwie muss man sich seine Brötchen ja verdienen wie die Mutti immer sagt.Ach ja Mutti. Ich bin ein Einzelkind. Ja vewöhnt. Prinzessin. Vater Beamter, Mutter Regierungsangestellte und ja spießig durch und durch. Wir haben zwar kein Haus und keinen Hund, aber der Rest stimmt soweit. So was wollte ich jetzt eigentlich erzählen? Ja genau: Meine Beziehung zu Freddy. Freddy ist eigentlich ein lieber Junge. Ein lieber junger Mann. Groß, kommt aus gutem Hause, mittelmäßig gebildet, mittelmäßiges Äußeres, etwas schwierig im Umgang mit Menschen manchmal und was schlimmer ist, ein Täumer, aber dazu später mehr.

Jetzt bin ich fast da. Nächste Ausfahrt  oder? Ah warum hab ich noch immer kein Navi? Diese Zettel von Google Map liegen irgendwo im Auto verstreut. So hier raus. Mein Herz klopft. Nein es zerreist fast, weil es so schnell schlägt wie ein auf Speed gepimter Bassdrumer beim Rockkonzert. Kenne das Gefühl nur aus schlechten Filmen und kitschigen Büchern, aber es ist dieser Klumpen zwischen Magen und Herz, der mich immer langsamer fahren lässt. Mache ich das Richtige? Soll ich ihn wirklich treffen? Er war so nett am Telefon und er sieht so süß und sexy auf den Bildern aus. Aber haben mich nicht alle davor gewarnt? Es sind nur Spinner auf solchen Seiten, die wollen nur Sex und nichts anderes und wer weiß wie er wirklich aussieht. Tja, geanu das werde ich in 2 Minuten wissen, denn ich biege gerade die Straße hinein. Oh man. Jetzt fängt es auch noch an zu schütten. Eins dieser typischen Sommergewitter. Warmer Regen in schwüler Luft mit diesem fast süßlichen Geruch, genau die Art von Regen, die jede gut geglättete Frisur in Bruchteilen einer Sekunde in eine Tina Turner Perücke verwandelt. Klasse. Ich zitter am ganzen Körper und schwitze mich zu tode, aber sobald ich das Fenster meines süßen kleinen Autos öffne beschlägt diese verdammte Scheibe als ob ich im Bermuderdreick Autoscooter fahre. Bin ich hier überhaupt richtig, das sieht fast nach Fußgängerzone aus. Naja wenn ich gleich Oma Kowallek auf dem Kühler sitzen habe, weiß ich wenigstens wo ich bin. Ich ruf ihn doch besser nochmal an. Handy raus. Hallo? Ja ich glaube ich bin gleich da, bin grad an so einem Sparmarkt vorbei gefahren nur finde ich das Café nich indem wir uns treffen wollen. Wo bist du denn? Und da war sie wieder, diese absolut butterweiche, dunkle Männerstimme, die mir die Nackenhaare aufstellen lässt und mir so einen süßen schauer im Nacken versetzt, dass ich bis zu den Zehen ein stechen spüren kann. Du bist schon da. Warte, ich komm runter. Aufgelegt. Wie runter wohin? Der weiß doch nicht mal was für ein Auto ich fahre und überhaupt jetzt sofort, aber ich bin doch noch gar nicht soweit, sitzen meine Haare, mein Make up, sieht man Schweißflecken, oh man oh man, ich kann nicht umdrehen, das ist eine Einbahnstraße und und und...wow.

Egal was ihr jetzt denkt, aber das war die Liebe auf den ersten Blick. Da kommt mir im ströhmenden Regen ein großer, athletischer junger Mann entgegen, er trägt eine blaue Jeansjacke hat blonde Haare und lächelt. Aber was für ein Lächeln. Diesen ersten Augenblick werde ich niemals vergessen. In diesem Augenblick fing ich an zu lieben. Und zu leben.

Schön, dass du gekommen bist, das Café ist da vorn links, aber wenn Du magst können wir auch zu mir einen Kaffee trinken, dann werden wir nicht nass.