Boys don´t cry

08.12.2016 um 02:26 Uhr

Ich hab hier seit 3 Jahren nix geschrieben

von: Ryan

... und es gibt wirklich Menschen, denen das auffällt. Wahnsinn. Ich bin echt geplättet gerade. Ich versuche mich heute Nacht eigentlich nur ein wenig länger wach zu halten (morgen Nachtdienst), hab einen Browser angeklickt, den ich ewig nicht benutzt habe, und sah den Link von meinem *alten* Blog ... Passwort stimmte auch noch ... 43 Nachrichten, die sich alle fragten, wo ich stecke und ob ich noch lebe ... wahnsinn, ich bin echt sprachlos.

Warum hab ich ewig nicht geschrieben? Ich weiss es selbst nicht genau. Irgendwie hab ich den Blog vergessen. Ich weiß noch, dass ich manchmal überlegt hab, ob mir der Blog gut tut. Ich heule ja schon ziemlich viel rum. Und dann noch im Internet. Und um sich gut zu fühlen sollte man die positive Dinge im Leben aufzählen, nicht die negativen. Ich neige leider sehr dazu mich an den schlechten Dingen aufzuhängen und mich selber runterzuziehen. Irgendwann wollte ich das nicht mehr, hatte auch wenig Zeit - mein Arbeitszimmer wurde in Beschlag genommen und meine tägliche Routine an den Computer zu gehen mit einer Tasse Kaffee oder einem Rotwein wurde unterbrochen - und dann hab ich eines Tages nicht mehr daran gedacht, dass ich seit JAHREN Tagebuch über einen Blog schreibe. Einfach vergessen, traurig sowas.

Was ist passiert? Viiiiel und doch wenig. Ich bin mittlerweile 32 Jahre. Ich bin immer noch mit Steffi zusammen. Im Mai werden es 10 Jahre. Und ich bin immer noch ab und zu schwer verliebt in sie. Es wird auch irgendwie nicht weniger. Sie ist mittlerweile 33 und sie wird wirklich immer schöner je älter sie wird. Ich liebe es zu ihr nach Hause zu kommen und wir darüber reden, wie unser Tag war. Die seltenen Abende zu geniessen, die wir zusammengekuschelt auf unserer Couch verbringen können. Ich bin sehr dankbar eine so tolle Frau für mich begeistern zu können - gleichzeitig finde ich es gruselig, dass ich bereits 1/3 meines Lebens mit dieser Frau verbracht habe (Steffi findet das auch gruselig "Sind wir echt schon soooo alt?")

Heiraten war mal ein großes Thema ... aber wir haben es ewig aufgeschoben. Die Feier hätte ja soviel Organisation erfordert ... und mittlerweile sind wir an dem Punkt, dass wir nicht heiraten müssen, läuft ja auch so optimal - dafür müssen wir nicht einen Tag die dicke Verwandtschaft durchfüttern und Ringe tragen.

Aber Kinder sind mittlerweile ein großes Thema, über das wir viel reden. Und auch aktiv dran arbeiten. Aber bislang wollte ihr Körper noch nicht schwanger werden. Noch machen wir uns keinen Stress, aber so kleines Würmchen, dass wir beide gemacht haben, wäre schon fantastisch. Ein weiterer kleiner Mensch, den wir beide lieben können.
Wir leben noch in der gleichen Wohnung in Hamburg - suchen aber nach einem Ein-Familien-Haus, in einem halbwegs netten Stadtteil, bei dem uns die Miete nicht das Genick bricht finanziell. In Hamburg gar nicht so einfach.

Ich überlege gerade wo ich 2013 stand beim letzten Blog-Eintrag. Ich hab damals auf einer Station gearbeitet, auf der ich nicht arbeiten wollte. Im Nachhinein betrachtet waren die Kolleginnen der blanke Horror. Alles durchweg Hexen, subtiles Mobbing an der Tagesordnung. Aber alles Schlechte hat ein Ende und das Gute kommt meist von selbst.

Durch Zufall hab ich nen Job in einem anderen Krankenhaus bekommen - Intensivstation. Mein alter Job auf Normalstation hat mir lange Zeit Spaß gemacht - aber irgendwie wollte ich immer mehr als nur Medikamentenbecher verteilen, Popos abwischen und alte Damen zur Toilette begleiten.
Statt 41 Patienten versorge ich mittlerweile 2-3, die haben es dafür aber ins sich. Es ist ganz anders als alles, was ich vorher kannte. Ich arbeite mittlerweile täglich mit Medikamenten, von denen ich vorher nicht mal ahnte, dass es sie gibt. Ich arbeite mit hochkomplexen Maschinen, Dialyse-Maschinen, Beatmungen und und und.
An meinem Hospitationstag stand ich neben dem erfahrenen Intensivpfleger und vor uns lag ein maximal kranker, maschinell-beatmeter Mensch, künstliches Koma, nur durch Maschinen am Leben erhalten ... überall waren Kabel und Infusionsschläuche, ständig piepte irgendwas, so dass ich Panik hatte, dass dieser Mensch sofort stirbt, wenn ich ihn auch nur ansehe. Ich traute mich nichts anzufassen.

Mittlerweile arbeite ich da seit über einem Jahr und natürlich hab ich mich in den Job gut eingefuchst und Routine entwickelt. 
Es war früher mein absoluter Alptraum, dass ein Patient reanimationspflichtig wird ... man denkt nur panisch: "Oh Gott, der stirbt, oh mein Gott!! Was wenn ich einen Fehler mache? Das Herz schlägt nicht!!! PANIK!! Wo bleibt das Rea-Team??? PANIK!!"
Mittlerweile bin ICH das Rea-Team - man hat immer noch Respekt vor so einem Zustand, aber keine Angst. Jetzt denke ich: "Oh, das Herz hat gerade aufgehört zu schlagen ... na, springt es von alleine wieder an?? Na?? Na?? Komm schon ... ja dann nicht, dann müssen wir halt nachhelfen ... wo steckt denn der faule Arzt? Ein Arzt bitte in Zimmer drei!! REANIMATION!!"
Die Arbeit ist komplett anders, aber ich finde es wahnsinnig befriedigend hochkonzentriert arbeiten zu dürfen.
Gleichzeitig ist das Team toll. Ich komme mit allen gut aus und hab relativ schnell meine Homies gefunden. Zwei Jungs und eine Schwester von Station würde ich sogar mittlerweile zu meinem Freundeskreis dazuzählen. Gemeinsame Campingurlaube inklusive.

Für mich ist es also in letzter Zeit sehr, sehr gut gelaufen.

Nur das Alter merke ich langsam. Man wird ruhiger und freut sich am freien WE, dass man Samstag schon um Mitternacht ins Bett DARF. Wenn man mal feiern geht (so einmal im halben Jahr) braucht man danach eine Woche Urlaub. Und der Betriebsarzt sagt plötzlich so Sachen wie: "Na na, Ihr Cholesterin-Spiegel ist aber schon ziemlich grenzwertig."
Vor ein paar Jahren hab ich mich gewundert, dass plötzlich alle Jugendlichen *YOLO* mit Vornamen heißen - und in meinem Freundeskreis werden plötzlich vermehrt Kinder geboren - nicht ausversehen, sondern geplant.

Ich weiß nicht wieviel ich mich in Zukunft mit dem Blog beschäftigen werden - ich bin ja immerhin schwer beschäftigt eine Familie zu gründen, meiner Frau genügend Aufmerksamkeit zu widmen, zu arbeiten und Hobbies nachzugehen. Es gibt viele gute Bücher, die gelesen werden wollen und in der Zeit kann ich natürlich nix bloggen. Logisch oder?
Ich denke, die Prioritäten verschieben sich im Leben. Ausreichend Schlaf und ruhige Beschäftigungen sind dann plötzlich wichtiger als Selbstdarstellung im Internet.

Wenn ich dran denke, werde ich in Zukunft ab und an hier mal ein paar Zeilen tippen. Nicht dass wieder so eine Panik losbricht mit "Oh Gott, Ryan, meld dich!!" - "Gib ein Lebenszeichen von dir!!" - "Ist er tot?!!"
Ich bin echt ganz gerührt. Danke danke danke und dicker Knutscher natürlich an alle.

17.10.2013 um 16:56 Uhr

Luxusproblem

von: Ryan

Musik: Eddie Vedder - No Ceiling

Nass-graues Wetter draussen, richtig hell wird´s wohl heute nicht mehr, kein Grund heute vor die Tür zu gehen. Bett-Wetter. Irgendwie kann ich mich zu nix aufraffen, ich könnte mein Buch weiter lesen oder Breaking Bad weiter schauen, aber irgendwie fehlt mir die Motivation irgendetwas zu tun. Ich bin schon stolz darauf, dass ich das tägliche Duschen hinter mich gebracht habe. Wahrscheinlich bin ich einfach nur erschöpft vom arbeiten - nach nen ziemlich harten Arbeitsturn hab ich wieder ein paar Tage frei - daher ist es nicht so schlimm, dass ich so lust- und motivationslos in der Wohnung rumhänge. Gleichzeitig bin ich aber immer noch so unzufrieden mit meiner jetztigen Arbeitssituation, dass ich trotz Freizeit nur schwer abschalten kann.

Es ist noch nicht mal die Tatsache, dass die Station selber sehr arbeitsaufwändig ist - eher diese Stimmung zwischen den Mädels. Wie beschreibe ich es am besten? Steffi drückte es so aus: "Da gibts aber echt viel Mobbingpotential." Ich will nicht sagen, dass ich gemobbt werde, ich komme ganz gut klar (im Gegensatz zu anderen Kolleginnen), tue aber auch mein Bestes um nicht unangenehm aufzufallen, sprich ich arbeite viel weg, versuche vorrausschauend und kollegial zu sein, auch wenn ich genau weiss, dass jenes Verhalten nicht erwiedert wird. Ich halte mich aus den täglichen Lästereien rauszuhalten, keine Partei zu ergreifen und einfach unter dem Radar zu schwimmen solange bis die Schicht vorbei ist. Wie gesagt, ich komme gut klar, aber wer weiss wie schnell sich das ändern kann. Gleichzeitig wurde ich diese Woche schon zweimal relativ unbegründet angemacht, weil ich einfach nur im Blickfeld einer Kollegin war, die grade schlechte Laune hatte.

Heute morgen bin ich mit Rückenschmerzen aufgewacht, und bin dementsprechend ungnädig. Noch nicht so schlimm, dass ich ne Tablette nehmen müsste, aber schon so, dass ich ordentlich bewegungseingeschränkt bin - und nach beinahe zehn Jahren in meinem Beruf liegt der Verdacht nahe, dass es nicht nur einfach Muskelverspannungen sind, sondern wahrscheinlich die ersten Abnutzungserscheinungen meiner Wirbelsäule - vor allem, weil immer die gleichen drei Stellen wehtun, wenn ich mal wieder Rückenschmerzen hab. Steffi und ich unterhalten uns zur Zeit viel darüber, was ich alternativ machen könnte. "Ich kann meinen Job machen bis zur Rente, du deinen nicht!" sagt sie. Und sie hat recht. Gerade heute brachte sie nen Flyer von ner psychiatrisch-betreuten Wohngruppe für drogenabhängige Jugendliche mit nach Hause: "Wäre das nix für dich? Du kannst doch so gut mit Suchtis."

Letzte Woche waren wir abends unterwegs, kurz vor acht Uhr - eine Uhrzeit zu der die Bürgersteige in manchen Stadtteilen hochgeklappt werden und die Geschäftsbesitzer ihre Läden zuschließen. In genau dem Moment stolpert eine ehemalige Kollegin von mir aus einem kleinen, familiär wirkenden Bekleidungsgeschäft und hantiert mit nem Schlüssel an der Tür. Bei nem Kaffee erzählte sie uns dann, dass sie sich vor ein paar Jahren selbständig gemacht hat, anstatt sich mit kranken Menschen rumzuschlagen lieber teuere Designer-Kleider verkauft - und damit hundert Mal glücklicher ist. Angeblich gäbe es keinen Tag, an dem sie nicht gerne zur Arbeit gehen würde. Hobby zum Beruf machen oder so ähnlich. In meiner jetztigen Gefühlslage schwer vorzustellen, dass es wirklich Menschen gibt, die gerne zur Arbeit gehen - da könnte auch jemand komme, und mir erzählen, dass es neuerdings Einhörner und Trolle gibt. 

Wenn ich aus dem Fenster sehe, trägt der Anblick aber auch nicht zur guten Laune und motivationsschwangeren Gedankengut bei. Zu nichts bekomme ich mich selbst motiviert im Moment. Wenn ich mein Buch in die Hand nehme, möchte ich sofort einschlafen - wenn ich fernsehe, bekomme ich nach ner halben Stunde ein schlechtes Gewissen weil ich wieder nur rumsitze - zumindest tagsüber. Dabei hab ich eigentlich einiges auf meiner To-Do-Liste: Steffi wird nächste Woche 30 und dieses Jahr wird sie mit Geschenken überhäuft, die ich alle mal einpacken sollte. Gleichzeitig müsste ich eigentlich mit diversen Freunden in Kontakt treten, die Geld sammeln wollten für ein großes Geschenk. Und ihre Party organisiert sich auch nicht von alleine ... aber ich hab keine Lust, gar nicht ... auf rein gar nichts.  Decke übern Kopf ziehen und warten bis es besser wird von alleine. Ein Luxusproblem, wenn man zuviel Zeit und zuwenig Antrieb hat.

01.10.2013 um 19:06 Uhr

Warum Frauen nie still sein können

von: Ryan

Nachdem ich eine gefühlte Ewigkeit meinen Blog vernachlässigt hab, muss ich wohl doch nochmal was schreiben. Was schreib ich denn? Ich bin just in diesem Moment so kopfleer. Das kommt vom Frühdienst - 6 Frühdienste hat meine derzeitige Chefin mir aufgedrückt - heute Gott sei Dank der Letzte - aber 6 mal klingelte der Wecker um 4.30 und jedes Mal dachte ich: "4.30? Das kann doch jetzt nicht wahr sein ..." Um diese Uhrzeit isses ja noch mitten in der Nacht ... aber wenn man duschen will, vielleicht noch kurz was frühstücken und dann noch nen Arbeitsweg absolvieren muss, gehts nicht anders. Allerdings neige ich dazu, meinen Wecker jeden Tag etwas später zu terminieren - nur um wenige Minuten, aber wenn man das jeden Tag macht, kommt man irgendwann zwangsläufig nicht mehr pünktlich zur Arbeit.

Dann sitze ich um 6.00 (heute um 6.07 ... das Weckerproblem nach 6 Frühdiensten) mit schlecht gelaunten Kollegen am Tisch und schlurfe apathisch Kaffee. Und dann gehts los: Blutdrücke messen, Azubis und Praktikanten koordinieren. Wer wäscht wen, wer hat welche Aufgabe zu erledigen? Blöder Weise führe ich seit 6 Frühdiensten mit den gleichen beiden Praktikantinen die gleiche Diskussion: Warum dürfen Sina und Julia nicht zusammen arbeiten, sondern sollen jeder eigene Aufgaben übernehmen? Ihr Argument: "Wir arbeiten schneller zusammen." Mein Gegenargument: "Nein, tut ihr nicht, ihr quatscht euch fest!" - "Tun wir gar nicht!" - "Doch!" Mal davon abgesehen, wenn ich weiss, dass ich an Sina eine Aufgabe deligiert habe, weiss ich auch, dass Sina sie gemacht hab. Ansonsten höre ich: "Ich dachte, Julia macht das." - "Aber ICH dachte, Sina macht das." und letzten Endes bleibts wieder an mir alleine hängen. Mittlerweile kann ich auch nicht mehr nachvollziehen, warum die Mädels dauernd zusammen glucken wollen. ICH bin mittlerweile richtig dankbar, wenn ich ne Aufgabe hab, bei der ich nicht ständig vollgesabbelt werde. Mittlerweile übernehme ich beinahe dankbar die Versorgung unseres hochaufwändigen Wachkoma-Patientens, weil dass der einzige Mensch weit und breit ist, der mich nicht ständig vollquatscht.

Das ist wahrscheinlich so ein Frauending - immer was reden müssen. Erst reden die Patienten nonstop mit dir, dann kommt um 8.00 die Ärztin, die ausführlich ne Übergabe haben möchte, zwischendurch klingelt gefühlte 500 Mal das Telefon, dann will meine Chefin was von mir, dann wollen die Praktikanten wieder was sagen. Selbst beim Frühstück wird pausenlos geschnattert - entweder wird sich über irgendwas mehr oder weniger Belangloses aufgeregt oder alle wollen von ihrem Privatleben erzählen. So bin ich zum Beispiel bestens informiert über den Zustand des Gartens meiner Chefin und warum der neue Freund der Azubine der geilste Typ auf Gottes schöner Erde zu sein scheint. Außerdem hatte der Ehemann unserer Stationssekretärin wieder einen Hexenschuß und nun von den Tabletten noch ein Magengeschwür obendrauf. Will ich sowas wissen? Nein ... als misantrop will man aber auch nicht gelten, also isst man in der Gesellschaft seiner geschätzen Kolleginnen.

Manchmal hab ich Glück und bin wenigstens in meinen zwei kurzen Zigarettenpausen ganz alleine ... aber meistens trifft man selbst dann irgendwen. Entweder ne Schwester von ner anderen Station, eine Krankengymnastin oder vielleicht noch ne redseelige Reinigungskraft. Und wenn du dann auch nur versuchst einem Gespräch auszuweichen, in dem man(n) nur noch knapp antworten, wie zum Beispiel: "Wie gehts deiner Freundin?" - "Gut." - "Und dir?" - "Auch gut." - "Was machstn du heute noch?" - "Mal gucken." kommt sofort: "Sag mal, hast du was? Gehts dir nicht gut?" und du musst dich 10 Minuten rechtfertigen, dass WIRKLICH alles okay ist. Und als ich neulich sagte, ich hätte einfach nur Kopfschmerzen und wolle mal kurz meine Ruhe, kam auch sofort: "Du arbeitest zuviel, kein Wunder bei dem Stress ... bla bla bla ... sabbel sabbel sabbel ..." Nix mit Ruhe, die Mädels verstehen das einfach nicht. 

Und dann komme ich nach Hause, freue mich schon auf einen ruhigen Nachmittag - da steht natürlich meine Lebensgefährtin in den Startlöchern und möchte sich auch mitteilen, wie ihr Tag war, wie mein Tag war ... und wieder bla bla bla ...  mittlerweile sind wir ja lang genug zusammen, dass sie mir nicht mehr böse ist, wenn ich dann sowas sage wie: "Kann ich ne halbe Stunde für mich alleine haben? Ich brauche Ruhe." - "Ja klar, erhol dich mal." Gestern hat sie dann ne halbe Minute später angefangen zu telefonieren - lautstark ... durch zwei Räume hindurch konnte ich jedes Wort mithören. 

Gut, zur Verteidigung meiner Umwelt: ich bin seit drei Tagen super erkältet. Halsschmerzen, Gliederschmerzen, bin heiser und verschnupft - allerdings nicht so dramatisch schlimm, dass ich mich krank schreiben lassen muss und ins Bett gehöre. Aber schon so, dass ich leidlich, ungnädig und wirklich schnell angenervt bin. Und dann um 4.30 aufstehen, stressige Dienste, weil die eine Hälfte der Kolleginnen krank zuhause liegt und die andere krank zur Arbeit kommt. Und grade dieses frühe Aufstehen und frühe Arbeiten erschöpft total - ich gehe mittlerweile freiwillig um 20.00 ins Bett - wenn ich noch lesen will im Bett sogar noch früher - wobei man das nicht "lesen" nennen kann, wenn einem nach 3 Wörtern die Augen zufallen. Ich lese seit 4 Tagen an einer einzigen Seite und weiss immer noch nicht, was im ersten Absatz passiert.

Das Problem ist, Schatzi schreibt grad an einer Hausarbeit, ist folglich den ganzen Tag zuhause und mitteilungsbedürftig, wenn ich nach Hause komme. Und freut sich immer schon, dass wir Nachmittags "Zeit miteinander verbringen können". Einen Tag hab ich mich wirklich aufgerappelt und bin bis zum späten Abend mit ihr shoppen und essen gewesen. Aber nach ner Woche Frühdienst fühle ich mich kaum noch in der Lage auch nur 10 min auf dem Sofa zu kuscheln, ohne dabei einzuschlafen. Sie hat dafür kein Verständnis, weil ihre Arbeit so komplett anders ist als meine. Schönes Beispiel von neulich: Ich sage: "Ich bin so erschöpft von der Arbeit, alles tut weh und ich könnte sofort schlafen gehen." dann sagt sie: "Ich bin auch so müde. Ich saß heute mittag auf ner Parkbank als ich mit zwei Patienten spazieren war und dachte, ich schlafe gleich ein."  Ich mache irgendwas falsch, meine Freundin verdient ihr Geld indem sie auf ner Parkbank sitzt und ich mache mir täglich den Rücken kaputt.

Nicht das gleich wieder kommt: Du wolltest doch kündigen. Jaaa, hatte ich vor, allerdings haben sich mittlerweile einige Möglichkeiten ergeben, zum Beispiel auf eine weniger arbeitsaufwändige Station zu wechseln. Vor nen paar Wochen hab ich mich freiwillig gemeldet auf einer psychiatrischen Station Nachtdienst-Vertretung zu machen - und die Stationsleitung war ganz zufrieden mit mir und fragte, ob ich mir vorstellen könnte dort zu arbeiten. Natürlich, locker Leben. Abends hab ich den Patienten hallo gesagt, ein paar Medis verteilt, bißchen aufgeräumt, Dienstzimmer vorbereitet und ab spätestens Mitternacht waren alle Patienten im Bett und ich hab die Nase in ein Buch gesteckt. Ab und zu schlich mal nen Patient vorbei, der nicht schlafen konnte, kurz mal reden und dann hatte ich wieder Ruhe zum lesen. Und das für das gleiche Geld! Und grade heute mittag kam diese Stationsleitung vorbeigewackelt, um zu fragen ob ich mir vorstellen könnte nächste Woche wieder Nächte zu machen, weil dort auch soviele Krankheitsfälle wären ... dankbar nehme ich die Nächte! Lieber 10 Nächte in der Psychiatrie als einen einzigen Tagdienst in der Somatik. Mittlerweile wäre es auch einfach vernünftig in eine rückenschonende Abteilung zu wechseln, nachdem ich schon Unmengen Geld in ABC-Wärmepflaster investiert hab - und ich bin noch nicht mal 30.

Morgen endlich mal ausschlafen - aber nach 6 mal früh aufstehen, werde ich am 7. Tag pünktlich um 4.30 wach werden, völlig weggetreten und automatisiert ins Badezimmer schlurfen, beim Zähneputzen das seltsame Gefühl haben, dass heute was anders ist als sonst ... und hoffentlich noch zu merken, dass ich mich wieder hinlegen kann, bevor ich angezogen im Treppenhaus stehe. Vor nen paar Jahren musste ich mal 10 (!) Frühdienste machen. Da denkt man nicht mehr drüber nach, was für ein Tag ist und ist zu erschöpft um irgendwas zu hinterfragen oder gar selbstständig zu denken ... zumindest bin ich dann pflichtbewusst am 11. Tag wieder zum Frühdienst auf Arbeit aufgetaucht. Die Kolleginnen waren so fair mich drauf hinzuweisen, dass ich ja eigentlich frei hab. Und ich nur: "Wirklich? Cool ... ja also, dann ... fahr ich mal wieder nach Hause."

26.08.2013 um 17:38 Uhr

Untitled

von: Ryan

Musik: NOFX - The greatest songs ever written (by us)

Heute ein Eintrag, nur aus und wegen Frust. Eigentlich ist ne Menge passiert, über das es sich mehr lohnen würde zu schreiben. Ich könnte von dem großartigen Konzert berichten, auf dem ich vor ein paar Tagen war - ich könnte erzählen, wie ich es geschafft hab mir vorletzte Woche ne Gibsschiene zuzulegen - ich könnte philosophieren, wie sich mein Leben und der Kontakt mit meiner Umwelt sich verändert hat, seitdem auch der Unterarm fertig tätowiert ist (vormittags im Supermarkt versuchen jetzt nicht mehr alle alten Damen mir ein Gespräch an die Backe zu drücken, sondern beäugen mich kritisch und mit Skepsis) - ich könnte was von Technotyps neuesten Eskapaden erzählen, warum mein Fahrrad neuerdings klebt oder was meine nähere Umwelt so treibt.

Nein, die Pampe, die zur Zeit mein Gehirn ist, ist nur voll mit Arbeit. Dabei muss ich mir von allen Seiten folgenden Spruch anhören: "So wie du arbeitest, möchte ich mal Urlaub machen!" Natürlich isses mal schön, nur 3-4 Tage die Woche arbeiten zu müssen - dabei vergessen alle, dass ich im Frühjahr teilweise 70 Stunden-Wochen schieben musste. Aber wenn ich mal arbeite, dann weiß ich plötzlich wieder ganz genau, wieso ich mich nach nem neuen Job umschaue.

Die Chefgeschichte ist gegessen - offiziell heißt es: "Die Station macht wieder auf, wenn es sich lohnt. Halten Sie sich bereit und gehen Sie ruhig zu den Besprechungen - Sie haben zwar offiziell keine Station unter sich, aber ... bla bla bla." Um´s kurz zu machen: Meine Station könnte von heute auf morgen aufmachen. PENG - da isse wieder. Ich glaube wirklich, diese Aussage soll nur dazu dienen, um mich als Mitarbeiter bei Laune zu halten. Die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zu letzt - die hab ich allerdings letzte Woche schon zu Grabe getragen. Nachdem ich jetzt drei Monate den Status einer Aushilfe habe und nur in begrenzten Zeitrahmen einen Dienstplan bekomme (meine Station könnte ja nächste Woche aufmachen - würde ich längerfristig geplant werden, fiele ich plötzlich aus dem Dienstplan raus und das wäre ja eine Katastrophe), hab ich mich mal mit den Fakten auseinander gesetzt: Die Station ist schon zu lange dicht. Der Wiedereröffnungstermin ist lange, lange überschritten. Personal gibt´s auch nicht mehr - zwei meiner Mädels haben gekündigt, eine hat Berufsverbot. Keiner geht freiwillig auf eine Station, deren längerfristiges Bestehen nicht sicher ist. Und der wichtigste Fakt, warum ich glaube, das sich das für immer erledigt hat: Die Station ist eine einzige Baustelle und wird grade umgebaut, damit eine andere vergrößert werden kann. Wände rausgerissen, Lager ist vollständig geplündert, Gerätschaften wurden auf andere Stationen verteilt. Keiner weiß so recht, wo "meine" Überwachungsmonitore geblieben sind - und ich erst recht nicht. In meinem Büro sitzt schon seit geraumer Zeit eine Frau aus der Abrechnungsabteilung, die sich mittlerweile gemütlich eingerichtet hat und nicht so wirkt, als habe sie das Büro nur vorrübergehend zugeteilt bekommen.

Auf jeden Fall brauche ich dringend einen neuen Job. Der Schichtdienst und der Schlafmangel machen mich halb irre - wie schon erwähnt, mein Kopf fühlt sich im Moment an, als würde nur eine undefinierbare, grüne Suppe darin schwimmen, die kaum fähig ist Sätze zuende zu denken. Und meine Fähigkeit für einen Mann relativ multitastingkfähig zu sein, hat sich mittlerweile auch verabschiedet. Zum Beispiel hatte ich mir heute in der Übergabe einen großen Zettel mit To-Do´s für den Tag geschrieben - leuchtend bunt gemarkert ... und dann vergessen bis Mittags einmal draufzuschauen. 

Auf der anderen Seite hab ich grad zur Zeit wieder das Gefühl, je mehr ich mache, desto mehr ruhen sich alle anderen aus. Ryan ist doch da, der macht das schon ...  zum Beispiel hatten wir heute den Fall, dass ich etwas nacharbeiten musste (5 geschlagene scheiß Stunden lang!!), was einfach ignoriert wurde die letzten Tage. Ich will nicht sagen, dass irgendwer Schuld hat - es war einfach eine Sache, die wirklich extrem schief gelaufen ist bei einer Patientin. Eine Mischung aus "Mach ich morgen.", "Wird schon nicht so schlimm sein, dass ich mich drum kümmern muss." und "Ich trau mich das nicht!" Und dann stand plötzlich ein Anwalt, sämtliche Ärzte und meine Chefin vor mir und wollten wissen, was da los ist - und ich stehe selber kopfschüttelnd vor dem Desaster, weiß gar nichts zu sagen, weil ich selber so entsetzt von der ganzen Grütze bin. (Nur nebenbei: Ich hatte das WE frei, und wenn ich da gewesen wäre, wärs auch nicht so weit gekommen.) Ende vom Lied, irgendeiner musste das ausbaden, alles akribisch nacharbeiten - nach 3 Stunden merkte ich so langsam, was für ein Berg auf mich abgewälzt wurde und hab seitdem grottenschlechte Laune.

Zudem nervt mich schon wieder diese Abneigung von diversen Kollegen sich mit Dingen, die eigentlich selbstverständlich sein sollten, zu befassen. "Geh mal zu Ryan, der weiß das." Ryan hatte allerdings heute den halben Tag seine Nase in 3 Dutzend wichtiger Zettel und hatte weder Zeit noch Muse sich mit der einfachen Stationsorganisation zu befassen - und dann sind die Kolleginnen noch beleidigt, wenn ich sag: "Ich hab dafür keinen Kopf! Ich muss mich hier echt konzentrieren!" Aber sobald der Spätdienst da ist, bekomme ich von den gleichen Kolleginnen ein gebasteltes Fleißbienchen überreicht - also zähneknirschend "Danke" sagen - und "Blöde Kuh" denken.

Ein Gutes hatte die ganze Sache allerdings - positiv denken! - der Chefarzt, der mich sonst immer behandelt, als sei ich ein Eindringling in seinem Götterhimmel, sagte beinahe anerkennend: "Gut, dass SIE heute da waren und sich der Sache angenommen haben." HA!  Hört sich ja beinahe nach respektvollen Umgang an, oder?

Für ein Schlusswort bin ich zu müde.

05.08.2013 um 17:39 Uhr

Blut ist dicker als Wasser - meine Verwandtschaft geht mir aufm Keks

von: Ryan

Wohin mit der Wut, wenn man es nicht weiß? In den Blog! Willkommen bei ner Stunde Seelenmüll mit Ryan. Das Leben könnte schön sein, die Sonne scheint, ich hab immer noch Urlaub, und dennoch schaffe ich es mich mit Kleinigkeiten so derart rumzuärgern, dass ich kaum noch schlafen kann. Aber den Stress macht man sich immer selber, und so isses denn ja leider auch.

Wo fange ich heute an? Ich hab Urlaub - völlig reizüberflutet hab ich mich auf ruhige Wochen eingestellt. Da Steffi arbeiten muss und ihren Sommerurlaub schon genommen hat, dachte ich, super, okay Wohnung für mich alleine, ENDLICH mal Ruhe. Grade durch den ganzen Stress und Ungewissheit auf Arbeit bin ich wahnsinnig ruhebedrüftig geworden. Einfach mal um niemanden kümmern als um mich selber. Tun und lassen was ich will. Gitarrespielen bis mir die Finger bluten, ein Buch lesen, den ganzen Tag laut Rammstein oder Lady Gaga hören, egal, hauptsache sich um niemand anderen kümmern. So war der Plan - natürlich hätte ich wegfahren können - aber mal ehrlich, wer fährt denn alleine in den Urlaub? Obwohl - mittlerweile bin ich soweit, dass ich mir am liebsten ein Zelt schnappen möchte und mich selbst alleine in nem entlegendem Wald aussetzen möchte. Aber da würden mich wahrscheinlich schon nach ganz kurzer Zeit die Vögel mit ihrem Gezwitscher annerven. Egal, wie man es macht, man macht es verkehrt.

Steffi kam letzte Woche irgendwann an und fragte - nein, Moment, gefragt hat sie nicht - sie sagte: "Mein Bruder kommt über´s Wochenende, der hat Urlaub und langweilt sich so." Ja okay, wir kennen das ja schon, dass sich Steffis Mecklenburgische Verwandtschaft bei uns einquartiert für ein paar Tage. Nun haben wir leider das Problem, dass hier alle Unterschiedliche Definitionen von "übers Wochenende" oder "ein paar Tage" haben. Für mich ist "über´s Wochenende" von Freitag bis Sonntag. Großzügig gerechnet vielleicht auch bis Montag Mittag - aber dann ist ja auch Schluss mit dem Wochenende. Nun begrüßte mich ihr Bruder letzten Donnerstag mit den Worten: "Ey cool, dass ich meinen Urlaub bei euch verbringen kann." Ich ahnungslos wie ich bin: "Ja ja, wird bestimmt nen gutes Wochenende." Er sagt: "Wieso, ich hatte vor ne Woche zu bleiben." AHA ... Steffis Erklärung dazu: "Von Donnerstag bis Donnerstag ist doch über ein Wochenende, ha ha!" Lustig! Ich hasse es, wenn sie diese Art von Humor rauskramt.

Also, ist es dramatisch schlimm, dass ihr Bruder hier rumhängt? Eigentlich nicht. Stört es mich dennoch? Ja! Das problem ist eigentlich, dass ich Urlaub hab. Würde ich normal arbeiten gehen, würde es mir wesentlich weniger ausmachen. Aber nun häng ich den ganzen Tag zuhause rum - mit ihrem kleinen Bruder, dem ich nicht wirklich was zu sagen habe - wir verstehen uns, aber beste Freunde werden wir in diesem Leben nicht. Und es stört mich einfach meine freie Zeit mit jemanden teilen zu müssen, bzw. mich um eine Person mehr kümmern zu müssen. Das Haushaltsproblem in meiner Beziehung haben ich ja schon ausführlich erläutert - jetzt hab ich noch einen von der Sorte hier rumhängen. Jeden Vormittag komme ich in die Küche und räume erstmal das Frühstück der beiden weg. Heute war beste Anblick überhaupt: angetrocknete Nutella auf der Arbeitsfläche - haben wir keine Teller? Doch! Wo? In der Spülmaschine, die ich im übrigen am Abend vorher angemacht hatte und dementsprechend nur sauberes Geschirr beinhaltete ... außerdem trinkt der zum Frühstück bereits die ersten Flaschen Bier und dazu muss ich nun wirklich nichts sagen. Das spricht für sich. 

Ich könnte jetzt zähneknirschend bis Donnerstag aushalten - da erzählt mir gestern Steffi - sie war gestern mit ihrem Bruder beim Strand und traf ihren anderen Bruder mit Frau und Kind, die zufällig Urlaub machen in der Gegend ... was soll ich sagen? Die kommen jetzt auch Freitag und bleiben "ein paar Tage". Steffi kleiner Bruder hocherfreut: "Ja cool, wenn die kommen, bleib ich auch noch!"

Willkommen im Urlaub. Ryan, was hast du im Urlaub gemacht? Ich habe Steffis Verwandtschaft bespaßt und hinter denen hergeräumt! Wahnsinns Urlaub! Dementsprechend "gute" Laune hab ich - ich bin so angefressen, dass ich die halbe Nacht nicht schlafen konnte. Vielleicht liegts auch daran, dass ihr Bruder so laut fernsehen geschaut hat, keine Ahnung. 

Steffi sagt: "Stell dich nicht so an, du bist doch nicht verantwortlich für die. Die können sich ja auch alleine beschäftigen, das hab ich denen auch gesagt." Ja super, sie geht ja auch den ganzen Tag arbeiten und ich bin derjenige, der da bleibt und macht und tut. Steffi sagt außerdem: "DEIN Bruder hat bei uns MONATE lang gelebt." Mein Bruder hat aber nebenbei gearbeitet und nicht den ganzen Tag biertrinkender Weise auf der Couch gehockt (der Typ hat echt nen Problem). Mein Bruder ist jetzt auch nicht der geborene Hausmann, aber er hat zwischendurch mal das Bad geputzt oder wenigstens mal kurz die Spülmaschine ausgeräumt, was hier auch nicht der Fall ist, denn ihr Bruder fühlt sich als Gast, wie er nicht müde wird zu betonen.

Gestern Nacht als ich so wach und wütend neben Steffi lag, war ich kurz davor sie zu wecken und zu bitten, dass sie was unternimmt. Habs dann aber gelassen, weil ich wusste, dass sie nen harten Tag vor sich hat. Und heute fühle ich mich schon fast schlecht, wenn ich sage: "Der muss jetzt abreisen, mich macht das irre, dass er hier rumhängt. Das ist mein Urlaub, ich wollte mich erholen, ich wollte meine Ruhe, und nun putze ich seine Nutella-Flecken weg und komme nicht in mein Arbeitszimmer, weil er da soviel Unordnung hinterlassen hat, dass man keinen Meter weit reingehen kann!" Ich wollte wirklich das Arbeitszimmer in meinem Urlaub aufräumen, Musik sortieren und auf den neuen Laptop ziehen, aber das alles hat sich ja wohl komplett erledigt.

Dann gibts noch andere kleine Baustelle: Steffi und ich streiten uns andauernd, weil sie natürlich genervt von der Arbeit ist und ich angenervt von der Situation. Also gehen wir beim kleinsten Konflikt gleich hoch wie kleine Atombomben und blaffen uns gegenseitig an. Dann ist mir aufgefallen - Steffi hat neulich mal Handtücher und Bettwäsche gewaschen, schön 90 Grad Wäsche. Leider war mein Lieblings-T-Shirt dazwischen, was jetzt dementsprechend bauchfrei ist. Aus Trotz hab ich es heute trotzdem angezogen und bin den ganzen Tag bschäftigt es langzuziehen.

Und weil das noch nicht reicht, zickt meine Schwägerin jetzt auch noch rum. Meine Nichte wird morgen eingeschult und hatte sich gewünscht, dass Steffi und ich kommen. Steffi muss arbeiten, hat´s aber geschafft sich zwei Stunden frei zu schaufeln und fährt extra hin und dann wieder zur Arbeit. Meine Mutter kommt natürlich als Oma, meine Schwester, Kindsvater, Kindsmutter und ich sollte eben auch kommen als Patenonkel. Meine Nichte ist ja wirklich häufig bei uns, und wir beinahe jede Woche Babysitter. Ich hab sogar extra für Steffi nen Kleid und für mich nen Hemd reinigen lassen - man muss ja zu sowas ordentlich aussehen. Nun ruft mein Bruder gestern an, seine bescheuerte Frau hat sich in einem Anfall von Hysterie überlegt, das wären zuviele Leute, Ryan soll zuhause bleiben. Im dritten Satz hat bei Bruder sich verplappert, dass aber stattdessen 6 ihrer besten Freundinnen kommen sollen, weil sie sich so erdrückt von soviel geballter Familie fühlt. Aber das Beste kommt erst noch: Ich sag zu meinem Bruder: "Na gut, okay, ich sag Steffi mal gleich, dass wir nicht kommen sollen, sie hatte da was mit der Arbeit geregelt." Höre ich im Hintergrund diese Psycho-Alte meckern: "Steffi schon, nur Ryan nicht!" Hä? Dass sie mich nicht mag, war mir vorher schon klar, aber die Nummer ist doch scheiße.

Ich könnte mich so ärgern über dieses verrückte Weibsbild. Wie kann man so sein? Die ist so irre - das ist die Frau, die plötzlich Knall auf Fall schwanger geworden ist, nachdem mein Bruder sich keine 3 Monate mit ihr getroffen hat, Stein und Bein schwört, sie hätte die Pille genommen - die hätte auch IMMER funktioniert, bis zu dem Zeitpunkt, wo ein Mann, in dem sie irre verknallt war dabei war sich wieder zu trennen. In ihrer ganzen Persönlichkeit ist sie einfach super anstrengend. Früher durfte mein Bruder mit seiner eigenen Tochter nicht mal alleine auf dem Spielplatz, weil sie ihm vorwarf, sie könne ihm nicht vertrauen, weil - und jetzt kommts - er mal so Sachen macht, wie den Käse beim einkaufen zu vergessen. "Ich habe mich auf dich verlassen, und jetzt stehen wir hier ohne Käse ... wenn du so verantwortungslos und schluderig bist, kann ich dir nicht mein Kind anvertrauen." Da sitzt man nur kopfschüttelnd daneben ... 

Aber sehr gut ist immer folgender Satz: "Wenn du mich verlässt, kann du leider auch keinen Kontakt mehr zu seiner Tochter haben. Uns gibts nur im Doppelpack! Ganz oder gar nicht!" Als ob das irgendwas miteinander zu tun hätte ... aber wie gesagt, die Alte ist verrückt. Und mein Bruder dämlich, der war so richtig schlau und hat die Alte auch noch geheiratet. Sie ist so ne Art Frau - und sie kündigt das auch dauernd an - wenn sie sich umbringen will, ihr Kind mit umbringt. Da ist man manchmal sogar richtig froh, dass sie regelmäßig für Wochen in irgendeiner Psychiatrie rumhockt, dann haben wir alle mal nen bisschen Ruhe vor ihr.

Und mich hasst sie aufs Blut, weil ich der Einzige bin, der sie eben nicht schont. Schön ist immer beim Familienessen. Meine Mama fragt: "Und? Wie gehts euch allen?" FEHLER. Wenn so jemand mit am Tisch sitzt, kann man gerne mal einzelnde Personen ansprechen, zum Beispiel: "Mama, wie gehts dir denn?" Aber niemals in die Runde fragen! Meine Schwägerin ergreift also sofort das Wort und beginnt uns vollzusülzen wie ungerecht und hart ihr Leben ist. Nach einem zwanzig minütigem Monolog hat sie Tränen in den Augen, ist hochgradig verzweifelt und wir sollen alle sagen, dass sie das schlimmste Leben hat, was je ein Mensch zu leben hatte. Machen wir aber nicht, es werden Augen gerollt (ich) oder betreten auf den Teller gestart (die anderen). Und wenn dann sofort eine Portion Mitleid fliegt, kommt die Suizid-Karte: "Also, es ist alles so schlimm, ich spiele ernsthaft mit dem Gedanken mein Leben zu beenden. Ich kann einfach nicht mehr, es nützt ja alles eh nix mehr. Und die Kleine kann ich ja auch nicht alleine zurück lassen." Allgemeines Stöhnen in der Runde. Irgendwer sagt sowas wie: "Na na, soweit wollen wir es mal nicht kommen lassen." Sie schluchzt: "Doch, es ist bereits SOOO schlimm." Mein Bruder flüstert schon nervös mit ihr, sie heult, ihre Tochter weiss nicht was schon wieder los ist. Bei so ner Gelegenheit bin ich schon ein-zwei-dreimal ausgeflippt und hab mich mit der Psychobraut angelegt. Hab sie gefragt, ob sie noch ganz dicht ist VOR ihrer 4 jährigen Tochter mit Selbstmord zu drohen - mal davon abgesehen, dass noch andere Kinder im Raum waren. Aber ey? Da kann man doch nicht nix sagen? 

Und dieses ewige Rumgeheule und sich selbst bemitleiden - am besten wenn soviele Menschen im Raum sind wie nur irgend möglich. Und ich bin dann immer der Böse, weil mir irgendwann der Kragen platzt und ich ihr erzähle, was ich dazu zu sagen hab. Die anderen sind immer ganz überfordert und wissen nicht, was sie sagen sollen (außer Oma, aber aus genau den Gründe hält die sich Weihnachten von uns fern), Steffi hat keinen Bock sich in ihrer Freizeit, um noch ne Bekloppte zu kümmern und versucht das so lange wie möglich zu vermeiden. Also komme ich meinem Ruf als unsensiblen Egoisten wieder nach, und geb erstmal Kontra. Deswegen hasst sie mich - weil ich wahrscheinlich der einzige Mensch auf diesem großen, blauen Planeten bin, der sie nicht in Watte packt, weil sie krank ist. Zusätzlich hören wir andauernd folgenden Satz von ihr: "Ich möchte nicht anders behandelt werden, nur weil ich sehr sensibel bin." Sensibel heißt das bei ihr. Bei mir und dem Rest der Welt heißt das persönlichkeitsgestört. Und WENN sie dann jemand normal behandelt, dreht sie am Rad und macht dann solche Aktionen, wie eben mal eben 2 Tage mich zur Einschulung auszuladen. Hätte man sich doch vorher überlegen können oder? Das war doch nur wieder eine Machtdemonstration nach dem Motto: "Ich bin die Kindsmutter und ich entscheide wer mein Kind wann sieht und wer wann nicht!" So siehts doch aus.

Genug gemeckert - ich konnte das Ende nicht zuende schreiben, weil die Liebe meines Lebens vorhin nach Hause kam und wir wieder eine dieser hitzigen Diskussionen führen mussten. Mittlerweile ist es abends, und ich hab mich wieder abgeregt und bin allgemein umgänglicher. Erst Gespräch mit Steffi, in dem ich nochmal ruhig und sachlich meine Vorstellungen meines Urlaubs vorgetragen habe, denn meine Lebenspartnerin durfte ihren Urlaub ebenso verbringen (war nur ununterbrochen unterwegs, Zelten an der Ostsee, durfe auschlafen). Reaktion: "Das hast du nie so gesagt!" - Doch, hatte ich. Ich hatte das genau so gesagt: ich möchte meinen Urlaub möglichst reizarm verbringen, mit viel Ruhe und nur das tun was ich möchte. Dass plötzlich ein Dauergast hier rumhängt, ist keines Falls reizarm. Gut, die Nachricht ist jetzt angekommen und wurde verstanden. Ihm wurde bereits erklärt, dass es nach 6 Tagen gut ist - und der Rest der Familie darf am Wochenende für einen einzigen Tag kommen. Das war unser Kompromiss, mit dem ich gut leben kann.

Dann bin ich abends nochmal wütend bei meinem Bruder vorbeigestampft, der nur resigniert mit den Schultern zuckte. Am Ende war nie geklärt, nur was wir eben vorher schon wussten (dass sie nen Schuss hat), dafür waren wir Volleyball spielen und das hat auch ne Menge gebracht, zumindest für mein eigenes Gleichgewicht.