Boys don´t cry

07.11.2009 um 03:02 Uhr

On the other Side

von: Ryan

Ich bin Krankenpfleger. Ich arbeite in einem Krankenhaus, in dem mir oft schwerkranke Menschen unter die Hände kommen. Ich helfe, ich mache, ich gebe mir Mühe, und ich bin der Meinung einen recht guten Job zu machen. Nebenbei bin ich auch noch jung, vital und gesund. Kaum vorstellbar selbst Patient zu sein. Nein, ich nicht. Ich stehe auf der anderen Seite. Definitiv. Ich diskutiere über Krankheiten, versuche mir vorzustellen wie es ist schwer krank zu sein und versuche mich in den Patienten einzufühlen, versuche seinen Wünschen und Bedürfnissen gerecht zu werden, so gut ich zumindest kann. Aber selbst krank zu sein? Nein. Ich bin jung und fit, kerngesund.

Grade mit jungen Menschen, die unter einer chronischen Krankheit leiden, ist es schwieriger als mit älteren Patienten - zumindest für mich. Es ist näher an mir dran und damit auch dramatischer. Aber ich kann mich gut abgrenzen. Ich bin es ja nicht selbst, es geht nicht um mich. Ich mache meinen Job 8-10 Stunden und dann gehe ich nach Hause und bin immer noch gesund. Müde aber gesund. Und nicht bedroht.

 Seit ein paar Tagen ist das anders. Jetzt gtehöre ich auch zu der Gruppe von jungen Menschen, die unter einer Krankheit leiden. Chronisch, nicht zwingend tötlich, könnte aber mal vorkommen. Was war los? Ich bin ca. vor nem halben Jahr mal zusammengeklappt - während der Arbeit, das war mein Glück. Ich war für ein paar Stunden auf der Intensivstation, sie haben mich grob durchgecheckt und ziemlich schnell war klar, dass mein Herz in dem Moment sehr unregelmäßig geschlagen hatte und dadurch mein Blut nicht so durch meinen Körper gepumpt wurde, wie es für den Stress, den ich grade hatte nötig gewesen wäre. Ein Ultraschall vom Herz hat gezeigt, dass mein Herz Anomalien zeigt - höchstwahrscheinlich schon seit meiner Geburt. Dazu muss ich kurz erklären, ich wurde per Kasierschnitt geholtund zwar 10 Wochen zu früh, weil ich noch im Mutterleib nen Herzstillstand hatte. Mein Glück war, dass meine Mutter schon im Krankenhaus lag, weil sie ne Risikoschwangerschaft mit mir hatte (Schwangerschaftsvergiftung falls das wem was sagt).

Vor 7-9 Jahren wurde mein Herz schon mal untersucht per Ultraschall, weil ich aufgrund meines niedrigen Blutdrucks häufig umgekippt bin. Damals waren die Anomalien schon zu sehen, aber es hiess wenn ich sonst keine Beschwerden haben würde, könne man das ignorieren. Meine Ohnmachten kämen vom Blutdruck. Ich bin lange nicht mehr umgekippt - bis vorgestern. Eigentlich nichts besonderes, ich bin aufgestanden, hab mit meiner Freundin gefrühstückt, eine Tasse Kaffee getrunken, bin dann duschen gegangen und beim Duschen merkte ich, dass mein Herz wie verrückt rasst und ich plötzlich keine Luft mehr kriegte. Ich hab nach meiner Freundin gerufen und das nächste woran ich mich erinnern konnte, ist dass ich im Krankenwagen aufgewacht bin.

Was war passiert? Es ist schwer zu erklären, ohne dass man die Anatomie des Herzens kennt. Nur soviel: Das Herz funktioniert und schlägt, in dem elektrische Impulse gesetzt werden. Diesen laufen ziemlich regelmäßig ab. Es gibt Erregungs- und Ruhephasen. Wenn dieser elektrische Weg nicht mehr funktioniert, staut sich die Elektrizität, alle Muskeln werden übererregt und arbeiten uneffektiv. Ich hatte so ne Art Kammerflimmern, das heisst das Herz pumpt kaum noch, es zittert nur noch. Auf fachchinesisch hatte ich eine paroximale supraventrikuläre Tachykardie. Sowas kommt als Attacke und geht auch wieder so schnell wie es kam.

Ich hab ne Kopie von meinem EKG bekommen und soll die sofort in der nächsten Notaufnahme vorzeigen sobald ich merke, dass mein Herz zu schnell schlägt. Wieder mein Glück: Ich bin Krankenpfleger, ich kann Puls im Schlaf messen, auch bei mir selbst. Und ich weiss wo die Notaufnahmen in meinem Stadt sind. Und ich arbeite selbst im Krankenhaus, das mir zur Not das Leben retten kann.

Wie ging es nach dem Rettungswagen weiter? Ich kam in die Notaufnahme, hab erfahren, dass sie mich zweimal defibrilliert hatten, damit mein Herz "restarted" wurde und durfte die Nacht auf der Intensivstation am Herzmonitor angeschlossen verbringen. Eine der schlimmsten Nächte in meinem Leben. Ich lag da im Krankenhausbett, Blutdruckmanschette am Arm, Pulsoxymeter am Finger, Elektronen an der Brust, man traut sich kaum sich zu bewegen wegen den ganzen Kabeln. Um einen herum piepst alles, eine Schwester hab ich vielleicht für maximal 2 Minuten am Stück gesehen. Der Arzt war auch echt kurz da, dafür dass er mir erklärt hat, dass solche Attacken vielleicht häufiger auftreten werden. Plötzlich hab ich das Patientenhemd an. Eigentlich hätte ich zu dem Zeitpunkt der Pfleger sein müssen, hätte durch meinen Spätdienst rennen müssen, hätte meine Patienten vertrösten müssen, weil ich so wenig Zeit habe für ihre Ängste und Sorgen. Und plötzlich bin ich derjenige im Bett, derjenige mit dem Patientennachthemd, derjenige mit den Ängsten und Sorgen. Derjenige mit dem kaputten Organ.

Am nächsten Morgen haben sie mich entlassen, mir nen Arztbrief mit Diagnose und der Kopie meines EKGs entlassen und gesagt, ich soll wiederkommen, wenn ich Herzrasen kriege. Sie haben mich nicht zu früh entlassen, nein, so arbeiten wir auch. Therapie beendet, alles andere kann man ambulant machen. Keine Lebensgefahr. Und dann steht man da mit seinem Brief und seinem defekten Herzen, dass jeder Zeit wieder zu schnell schlagen kann. Ich hab noch aufm Parkplatz auf Arbeit angerufen und gesagt, ich könne wieder arbeiten und bin mittags wieder zum Spätdienst gegangen. Mir gings ja gut. Mein Herz schlug wieder im Rhythmus, es ist ja alles wieder in Ordnung.

Nur in meinem Kopf ist was umgeschaltet worden. Ich wirklich den Spätdienst gemacht am gleichen  Tag. Einen stressigen Dienst, mit allem was man so haben kann. Intensivverlegungen, hyperanstrengenden Patienten, die jetzt sofort wollen, dass man ihre Telefonkarte aufläd, auch wenn der Laden brennt. Egal, ICH komme zuerst, ICH ICH ICH. Psychisch kaputten Patienten, die einem stundenlang hinterher rennen und einem nur erzählen, dass man doof ist und meine Kollegin kriegte am frühen Abend auch noch hohes Fieber, weil die sich mit nem dicken Infekt zur Arbeit geschleppt hatte. Geil, Stress pur. Das Telefon klingelte im übrigen auch noch im 3 Minuten-Takt. Aber nein, ich muss mir das antun. Und was war? Anstatt irgendwann zu brüllen und zu schimpfen, so wie ich es sonst tue, war ich ruhig. Ich dachte: Oh nee, wegen sowas regste dich und dein Herz jetzt nicht auf. Die Idioten sollen jetzt nicht dein Tod sein. Und siehste: Ich hatte zwar nen anstrengenden Dienst, aber hab den ziemlich gut und ziemlich ruhig gewuppt.

Ich hab mich auch irgendwie sicher gefühlt. Für den Fall, dass was passiert, wusste ich dass meine Kollegin sofort das richtige getan hätte. Auf Arbeit kann ich gar nicht sterben, sie hätten mir sofort die richtigen Medis gegeben, mich an die richtigen Apparate geschlossen. Dafür hatte ich heute beim Einkaufen etwas Angst. Ob die Leute im Supermarkt wissen, dass man nen Notarzt ruft, wenn einer umkippt? Wie lange wird das dauern bis einer auf die Idee kommt nen Notarzt zu rufen? Wie lange dauert es bis die da sind? Viel zu lange in meiner Vorstellung. Plötzlich muss ich mir über solche Dinge Gedanken machen.

Nächste Woche hab ich nen Termin bei meinem Oberarzt (super Kerl), wir versuchen unter Belastung ein EKG zu machen und schauen ob dann diese Herzrhythmusstörung auftritt. Kontrollierte Provokation sozusagen. Wenn ich als Pfleger bei sowas dabei bin, haben wir immer den Reanimationswagen neben dem Patienten stehen - nur so für den Fall falls es passiert, dass der Patient mit Herzstillstand vom Fahrrad fällt. Aber jetzt bin ich der Patient. Jetzt ist der Reanimationswagen für mich. Für den Fall, dass ich vom Fahrrad falle und wiederbelebt werden muss. Keine besonders schöne Vorstellung. Nein, sie macht mir schweinemäßig Angst.

Aber ich muss ehrlich sagen, im Moment geht mir ziemlich gut. Mir gehts körperlich als wäre nie was gewesen. Mein Herz schlägt normal, schon seit 2 Tagen ohne das kleinste Stolpern oder eine Frequenzerhöhung. Mir gehts gut. Es ist so wie immer. Natürlich kann es jeder Zeit wieder aus dem Takt geraten, natürlich könnte ich aber auch vom Auto überfahren werden. Aber meine eigene Sterblichkeit ist mir wohl etwas bewusster als sonst.  Im Moment bin ich etwas dankbarer für das, was ich habe, ich bin etwas nachdenklicher, ich schaue meine Freundin anders an als sonst. Ich muss endlich eine Patientenverfügung schreiben für den Fall der Fälle.

Ich bin 25 Jahre alt, jung und vital, aber nicht mehr ganz gesund.

01.11.2009 um 15:46 Uhr

Sonntag-Nachmittage

von: Ryan

Ich glaube alle Männer müssen da mal durch: Meine Freundin räumt um. Mein Bruder erzählt alle 2 Monate augenrollender Weise, dass seine Frau schon wieder die Wohnung renoviert und alle Möbel neu ordnet. Und jedes Mal denke ich mir: Gut, das meine Freundin nicht so ist. Und dann machte ich nen Fehler: wir luden meinen Bruder UND seine Frau gleichzeitig zu uns ein und die Frauen natürlich sofort: "Man könnte dies und jenes noch mit dem Zimmer anstellen." Ich muss zugeben, wir haben ein Problemzimmer. Eigentlich ist es nicht mal ein ganzes Zimmer, es ist das halbe Zimmer in unserer 2,5 Zimmer-Wohnung, genutzt als Arbeitszimmer, bzw. "Ablage-Zimmer". Es funktioniert ähnlich wie eine Ablage: Man schmeisst alles rein, mit dem man sich später nochmal befassen will oder was man eben grade nicht wegräumen mag.

Wie viel sich in so einem Müllzimmer so ansammelt, kann man sich versuchen vorzustellen, aber wieviel es wirklich ist, weiss man erst, wenn jemand alles ausgeräumt hat. Der Flur ist doppelt so groß wie das halbe Zimmer, war aber trotzdem komplett voll mit dem Krempel, den wir auf die wenigen Quadratmeter gestopft haben. Also meine Freundin kriegte vormittags ihre Motivations-schwangeren 5 Minuten und fing an alles rauszurümpeln.

"Nein, ich mach das alleine" kam ganz großzügig von ihr. "Bleib du mal wo du bist, das ist jetzt mein Projekt." Alles klar, denk ich. War ein Fehler, hab ich gemerkt. Man(n) wird dann ja doch sehr unterschwellig und indirekt mit einbezogen, auch wenn man vorher lang breit erklärt hat, dass man heute auf gar keinen Fall mithelfen wird, weil keine Lust, es ist Sonntag und ich hab ja auch noch anderes zu tun und das Müllzimmer hat ja eh keine Eile. Man kann ja einfach die Tür zu machen und schwupps siehtdie Wohnung in ihrer Gesamtheit wieder ordentlich aus.

"Ich mach das ja alleine" kommt die weibliche Ansage ... und sie machts genau solange alleine bis das erste Mal kommt: "Schatz? Hilfst du mir mal das Regal umstellen?" Klar, mal eben kurz ein Regal umstellen ist ja kein Problem ... und plötzlich stand ich da ne Stunde mit ihr und hab den Boden gesäubert, die Regale eingeräumt, den Computer wieder angeschlossen und alten Kram aussortiert. Wie machen Frauen das?

31.10.2009 um 18:17 Uhr

Faulheit und DVDs (back again)

von: Ryan

Ich hab mir vorgenommen wieder mehr zu schreiben. Ich merke doch stark, dass ich mein Tagebuch und auch meine eigenen Gedanken in den letzten Monaten stark vernachlässigt hab. Woran liegts? Puh, viele Faktoren. Der Stress, die resultierende Müdigkeit, ein gemütliches Wohnzimmer, auf deren Couch ích lieber liege anstatt mich nochmal an den PC zu setzen - und dann die Technik, die dann auch nicht so wollte wie ich ... mein PC will nämlich seit einigen Wochen nicht mehr hochfahren.

Aber jetzt soll (mal wieder) alles anders werden. Ich hab mir nen Netbook gekauft - oh ja, ich hab mir mal was geleistet und kann jetzt auch bequem auf dem Sofa liegen, Netbook auf den Knien und gléichzeitig Fernsehen schauen. Schlimm wie bequem man wird. Da brauche ich mich nicht mal mehr aufrecht hinsetzen um im Internet was zu schreiben und meine Gedanken der Welt mitzuteilen - oder ich brauch nicht mal aus dem Bett raus um philosophische Texte zu posten. Cool, wah?

Sonst bin ich eigentlich auch ziemlich faul. Meine letzten freien Tage habe ich damit verbracht mindestens 12 Stunden Schönheitsschlaf zu pflegen und bis spät in die Nacht DVDs zu schauen. Noch eine neue Bastion in meinem Leben: Nachdem ich mich nie viel aus DVDs und Fernsehen gemacht hab, wächst meine DVD-Sammlung und mein Hintern formt eine Sitzkuhle in mein Sofa. Vielleicht werde ich ja mit steigendem Alter ruhiger und auch etwas fauler.

01.10.2009 um 01:42 Uhr

Quatsch und Ruhe und anderes

von: Ryan

Ich heute bin ich glücklich. Das war die letzten Tage/Wochen nicht so. Gleich vorweg: meine klene unglückliche Verliebtheit war das was es war. Ein kleine dumme Schwärmerei. Ich sabber zwar immer noch wenn ich mit dem Kollegen arbeiten darf und gebe mir auch ein bisschen mehr Mühe als bei anderen Kollegen - aber es bleibt was ist ist, eine Schwärmerei. Nichts gefährdendes. Nichts tiefes, eigentlich ein großes kleines NICHTS.

Warum ging´s mir die letzten Tage nicht so gut. Ganz einfach: Erkältung. Aber drei Tage aufm Sofa im Liegen mit Tee und viel Vitamin C hat mich doch wieder auf die Beine gebracht. Das einzige was mir noch geblieben ist, ist Heiserkeit und eine dicke Schnoddernase. Aber Arbeit geht wieder. Geht halt rum, eine Sache, die ich halt nicht ändern kann, sondern nur aushalten muss. (Und AUSHALTEN hab ich gelernt, später mehr dazu).

Die letzten Wochen - ja, die waren schlimm. Ich hatte fiese Erschöpfungszustände. Nicht nur einfach nach Hause kommen und erschöpft sein und morgen gehts fit weiter, nein. Total erschöpft, dauer-müde, nicht-schlafen können, ganz fiese Geschichte. Ich bewege mich eh dauernd gefährlich auf ein Burn-Out-Syndrom hinzu, vor allem weil ich gut "brenne" und mich sehr schnell sehr stark begeistern lasse und dann auch sehr viel geben kann, wenn´s drauf an kommt. Ich hab eh schon nen katastrophalen Schlaf-Wach-Rhythmus durch den Schichtdienst und hab immer mal Nächte, in denen ich sehr wenig Schlaf bekomme, weil meine innere Uhr dem Schichtdienst nicht so schnell folgen kann - aber in den letzten Wochen war ganz, ganz schlimm. Ich konnte gar nicht mehr schlafen ... ich lag zeitweise 4-6 Stunden wach, obwohl ich in völligen Übermüdungszuständen ins Bett gewankt war und auch nichts anderes mehr wollte außer schlafen. Ich habe nur noch geschlafen, wenn ich zu erschöpft war um wach zu sein.

Und dann kam meine Weiterbildung. Ich will gar nicht lange abschweifen, nur soviel: War großartig, bzw. IST großartig - ich mach sie ja noch weiter (geht 1 Jahr lang berufsbegleitend), aber großartig neue Leute kennenzulernen, anderen Erfahrungen zu lauschen und ich hatte heute im Spätdienst die Möglichkeit einige neue Ideen umzusetzen - und was soll ich sagen: FUNKTIONIERT! Patient begeistert und der Pfleger noch viel mehr.

Was vor allem funktioniert und was ich versuche viel mehr umzusetzen: Ich bin ruhiger, ich bin irgendwie gelassener. Mir ist heute aufgefallen wie hektisch meine Kollegen sind - nix gegen meine Kollegen - alle samt tolle, großartige Menschen und super Pflegekräfte. Aber halt hektisch - das überträgt sich auf die Patienten, die automatisch mit wuschig werden und in null komma nix haben wir Rushhour - und zwar 9 Stunden am Stück. Ich hab heute mal ne andere Strategie gefahren: Ruhig sein, 10 Minuten mehr investieren um Leute glücklich zu machen, für jeden was spezielles bereit halten (das geht ja bei Kleinigkeiten los wie zum Beispiel Fruchtsäfte anstatt immer nur Tee und Wasser) und Flupp: Ruhe, alle Patienten glücklich und ruhig. Und schwupp war ich mit allem viel schneller fertig als meine Kollegin. Best Krankenpfleger in Town - so fühle ich mich grade, vielleicht bin ich deswegen heute auch mal wieder glücklich. Viel zu tun, Überstunden gemacht aber irgendwie alles doch sehr gut gewuppt und sehr zufrieden nach Hause gegangen.

Und was ich noch gelernt habe: AUSHALTEN. Bei einigen Dingen reicht es/ist es von nöten, dass man dabei ist und es aushält. Es ist keinesfalls schön, wenn jemand vor Schmerzen schreit, es ist auch nicht so schön, wenn man merkt die Tochter/Sohn des Patienten ist total niedergschlagen, weil Mutti/Vati bald sterben wird und an denen auch ne Menge Verantwortung klebt. Alles Dinge, die man auch mal mit guter Begründung von sich schiebt - aber ich hab gelernt (und ich setze es fleissig um) etwas auszuhalten. Nicht dieses: "Äh ich muss weg!" (kennt jeder, und ich bin Spezialist darin) sondern in der Situation - egal wie fies und unangenehm - jemanden nicht alleine lassen und dabei bleiben. Ich hör mich langsam ganz schön esoterisch an, finde ich zumindest grade.

 

Aber es ist auch alles etwas absehbarer als sonst. Ab Morgen hab ich ein paar Nachtdienste und danach ne Woche Urlaub, dann ein paar duzend Dienste und wieder 2 Wochen Urlaub. Also alles nicht so schlimm wie sonst.

Ansonsten läuft eigentlich andere auch ganz gut. Ich nehme soziale Kontakte war, war sogar mal wieder feiern, bin mal wieder verliebt in meine Freundin und bin recht stolz über meine eigene psycho-soziale Entwicklung. Jedes Mal wenn wir nen Patienten mit ner Esstörung auf Station haben, denke ich nur erleichtert: Wie gut, dass ich das hinter mir hab und das alles als "Quatsch" abtun kann - nicht "Quatsch" im lächerlichen Sinne, es ist ja definitiv ne ernstzunehmende Krankheit, sondern eher "Ich kann den Quatsch nicht nachvollziehen, ich ess lieber noch nen Keks"-Quatsch.

29.08.2009 um 02:11 Uhr

Good to be me

von: Ryan

Ich mach mir immer wieder meine Gedanken zu meinem Leben. Es ist manchmal nicht leicht, manchmal aber auch nicht besonders schwer. Ich hab einiges an Leid erfahren, viel gesehen, aber in letzter Zeit mehr Glück gehabt als ich vielleicht verdient hätte. Manchmal laufe ich immer noch sehr kaltschäuzig, naiv und großkotzig durch die Welt und fühle mich ungerecht behandelt. Ich sage vieles viel zu unüberlegt, hinterfrage erst viel zu spät mein eigenes Handeln, verhalte mich faul und spiele resigniert so oft ich kann. Ich rechtfertige mich bei jeder Gelegenheit vor meiner Umwelt und vor allem vor mir. Schönes Beispiel: Aufstehen. Klappt selten gut. Wenn ich frei hab, schaffe ich es auch mal locker bis in die späten Mittagsstunden im Bett zu verbringen. Meiner Freundin dagegen ist der Tag zu schade um nur zu schlafen - ich wiederrum finde schlafen großartig, am besten viel und lang und häufig. Natürlich verpasse ich dadurch viel Zeit, und meine großartige Ausrede: Ich hab halt keinen richtigen Tag-Nacht-Rhythmus durch den Schichtdienst. Mag anteilig bestimmt richtig sein, aber meistens hab ich halt keine Lust aufzustehen.

Aber eigentlich kann ich mich nicht beklagen, ich mag mein Leben. Selbst mit meinem "Perfektionismus" hab ich mich gut arrangiert - finde ich. Ich hab neulich mit einer Kollegin einer anderen Station geredet und hab mich beschwert, dass keiner so arbeitet wie ich - scheinbar. Dass es mich nervt, dass mir Fehler der anderen hervorstechen - es müssen nicht zwingend Fehler sein, mehr Dinge "anders" machen, vielleicht uneffektiver in meinen Augen, manchmal auch einfach Dinge zwar richtig aber schlampiger gemacht. Und ich ärgere mich, dass ich halb tot nach Hause gehe nur weil ich alles versuche so richtig wie möglich zu machen. Vielleicht sollte ich damit aufhören. Und die Kollegin sagte: "Ryan, ich finde es toll dass du das so machst. Mach es für dich weiter. Mach es so weiter, wie du es für richtig hälst, mach Dinge gut für Menschen, die du liebst, mach es um deinen Kindern ein gutes Vorbild zu sein; was alle anderen machen sollte dir egal sein." Diese Antwort fand ich klasse.

Noch ein schöner Satz heute von einer älteren Damen (auch getroffen auf der Arbeit): "Eine gute (Liebes-)Beziehung ist mit unter das schönste, was man im Leben erfahren kann" und ich lächelte einen Moment in mich rein und dachte: Stimmt. Vor einigen Wochen hatte ich ne kleine "Zweifel"-Phase, ich denke ausgelöst durch McDreamy - und meine Freundin und ich hatte in genau der Woche gleich 2 große Streitpunkte laufen. Aber mittlerweile ist wieder alles super. Streiten ist mittlerweile auch in Ordnung - ich glaube ich musste erst langsam lernen, dass Streiten normal ist und zum Leben dazu gehört. Ich kenn normales Streiten nicht aus meiner Kinderstube. Meine Mutter und mein Stiefvater (ich war 5 als er meine Mutter kennenlernte und bin dementsprechend mit diesem Mann aufgewachsen) können nicht vernünftigt streiten. Sie schreien sind laut, handgreiflich, betrunken, widerlich. In anderen Beziehungen hab ich dementsprechend immer versucht Streit aus dem Weg zu gehen, lieber nachzugeben anstatt irgendwas unkontrolliertes oder bedrohliches zu provozieren. Mittlerweile "lerne" ich streiten, produktiv streiten. Und ich lerne, dass streiten nichts schlimmes ist. Dass es vorbei geht, dass man sich versöhnen kann, dass es zu zwischenmenschlichen Beziehung dazu gehört - das ist großartig, finde ich. Mittlerweile kann ich das richtig gut. Ich kann mit meiner Freundin streiten und mich nachher mit ihr versöhnen. Ist doch super sowas zu erfahren, oder?

Und selbst wenn es nur darum geht, dass meine "Ach so Nicht-Raucher"-Freundin meine letzte heilige Reserve-Schachtel Zigaretten mit nur Arbeit genommen hat, weil da ja ihr schwuler Lieblingskollege mit ihr Schicht hat und sie mit dem 1-3 Zigaretten ausnahmsweise raucht. Wenn ich dann nachts um 1 Uhr nochmal zur Tanke muss, weil ich keine Kippen mehr hab und sie kommt unschuldig nach Hause - hat die angebrochene Schachtel auch noch auf der Arbeit vergessen, bin ich natürlich sauer. Ein anderes Mal hab ich ne halbe Stunde zu lange Ossi-Witze gerissen im angetrunkenen Zustand, bis meine ostdeutsche Freundin mir dann die Tür vor der Nase zugeschlagen hat. Aber solche Situationen gefährden unsere Beziehung nicht. Ich glaube, das ist ne wichtige Sache, die ich bislang noch nicht lernen konnte.

Dann noch was anderes: Ich finde mich selbst vernünftig. Oder besser gesagt: vernünftiger als andere Menschen. Überlegter. Ich glaube, meine Freundin ist ähnlich vernünftig und überlegt, gut, sie ist 1,5 Jahre älter als ich, wir haben ähnliche Ansichten vom Leben und was wir so erwarten von unserer Zukunft. Hört sich kleinbürgerlich spießig an, wenn ich den letzten Satz selbst so lese, aber irgendwie "normal" in meinen Augen. Ich hab nen schönes Beispiel für was Unvernünftiges: Meinen Bruder. Er ist 2 Jahre älter als ich. Er ist aber von Natur aus nicht so der überlegte Mensch, eher impulsiv. So alla: "Ich fühle jetzt so, also handel ich gleich mal so, scheiss auf die Konsequenzen". Er hatte ne Freundin/Affäre. Etwas was nicht lange dauerte, 3 Monate daten und vögeln. Problem: Sie hat sich verliebt in ihn, sehr heftig, dachte er sei die große Liebe. Als er den Versuch machte sich zu trennen, wurde sie "ganz plötzlich unerwartet" schwanger. Huch, wie kann sowas denn passieren? Und natürlich glaubt mein Bruder dass sie natürlich TROTZ Pille schwanger wurde (ja klar), soll ja reihenweise vorkommen grade wenn man sich trennen will. Das Kind und die Schwangerschaft waren ein ziemlich guter Grund für ihn bei ihr zu bleiben, bzw. zu ihr zurück zu finden. Ich bezweifle nicht, dass er seine Tochter liebt. Dass er alles für sie tun würde, sogar mit ihrer Mutter zusammen sein um eine intakte Familie zu bilden. Und irgendwann meinte mein Bruder im Taumel seiner Gefühle, die Mutter seines Kindes heiraten zu müssen. Gemeinsame Wohnung, Glück pur. Geheiratet wurde klein beim Standesamt im Dezember, seit Juli liegen Scheidungspapiere beim Anwalt. Und seit 3 Wochen lebt mein Bruder bei uns, oder besser in unseren Arbeitszimmer, wo mein PC steht (vielleicht komm ich deswegen so selten zum schreiben hier). Aber um auf den Punkt zu kommen: Alle Zeichen stehen auf "SCHIEF"-"KLAPPT NICHT"-"DUMM NACH SO KURZER ZEIT ZU HEIRATEN WEGEN DEM KIND" und er kriegt die Rechnung. Sie sagt, sie liebe ihn nicht mehr, er ist schon 3 mal fremdgegangen wärend der Ehe ... über sowas könnte ich nur die Augen verdrehen.

Gut, als wäre ich nicht fremdgegangen *hüstel* aber es war nie ne andere Frau. Aber mal davon abgesehen haben wir auch nach 2 Jahren zwar irgendwann vor zu heiraten, wenn´s halt passt. Jetzt noch nicht, das ist zu früh. Wir haben auch vor Kinder zu haben, wir reden sogar sehr ungezwungen über das Thema, aber nicht so dass sie am besten morgen schwanger wird. Wir wissen, dass wir uns noch Zeit lassen wollen. 2 Jahre mindestens, wenn wir zusammen bleiben wollen. Zur Zeit wollen wir das beide sehr gerne, am liebsten für immer. Aber es gibt ja für nichts ne Garantie. Also schauen wir ob wir noch ne ganze Weile miteinander aushalten, geniessen die Zweisamkeit und dann eventuell Familienplanung. Familienplanung ist eigentlich nen Wort, dass mir Unbehagen bereitet. Mit dieser Frau an meiner Seite aber irgendwie nicht. Ich stell mir unsere Zukunft unglaublich schön vor, selbst wenn uns ein-zwei Kleinkinder auf Trap halten. Aber das heisst noch lange nicht, dass ich die Kinder lieber gestern als heute um mich hätte. Selbst wenn ich den Kindergedanken heute schon mag, kann ich mir doch trotdzem damit noch Zeit lassen? So eine Denke finde ich (in meinen Augen) vernünftigt.

Ich glaube, wenn ich jemand anderes wäre, der auf mein Leben schaut, wäre ich lieber ich. Mein Leben ist gut, so wie es grade läuft. Finde ich zumindest, und das ist sehr gut, dass ich das finde.