Boys don´t cry

08.01.2009 um 20:35 Uhr

Ein neuer Beruf für Ryan

von: Ryan

Nachtdienst ... mal wieder ... ich mag Nachtdienst eigentlich gerne. Ich bin alleine, ich kann mich selbst organisieren, kann auch mal ne Zigarette mehr rauchen als sonst oder nen Brot mehr essen. Ich kann meine Prioritäten selbst einteilen, keiner macht Unordnung - außer natürlich ich selbst - und am Ende hab ich alles nett aufgeräumt und kann nach Hause gehen, wenn meine Kollegen mit dem Waschen der Patienten beginnen. Gut, man ist zwar dauermüde, weil tagsüber schlafen uneffektiv ist, ich schwanke auch jede Nacht zwischen der richtigen Dosis Koffein - zu wenig und ich bin unkonzentriert - zuviel und ich werde zitterig. Und noch ein Nachteil: Man ist allein. Ich muss alle alleine lagern und alleine windeln, egal ob sie 40 oder 140 kg wiegen. Aber selbst da hab ich meine Notfalllösungen, wenn mal irgendwas passiert, womit ich alleine nicht fertig werde.

Schlimm wird´s nur, wenn die Station mal wieder zuläuft mit pflegebedürftigen Patienten. Ohne Untertreibung: Heute Nacht hatte ich 15 Patienten, die das Bett seit Jahren nicht verlassen haben und auch noch richtig krank waren. Wir leihen von allen Stationen Infusionsständer, weil wir zu viele Patienten mit Infusion und zu wenig Ständer haben. Bei drei Patienten hing die Infusionsflasche schon an nem Nagel in der Wand - erinnert mich nen bissle an die alte Soldatenserie M*A*S*H, die im Koreakrieg spielt und die Patienten versorgt wurden mit viel Improvisationstalent und noch mehr dummen Ideen, um auch Nichts irgendwas zu machen.

Die anderen 20 Patienten, die noch zu rumlagen, sind zwar nicht voll bettlägerig aber dennoch scheinbar kaum in der Lage sich selbst zu versorgen. Ein grottendementer Mann fiel 4 Mal in der Nacht ausm Bett und hat die ganze Station terrorisiert, in dem er seinen Stuhlgang überall hinschmierte und im 10 Minutentakt immer "Hilfe! Hallo!!" schrie. Selbst unter Beruhigungsmittel war der kaum zu ertragen. Nen anderer psychisch angeschlagener Mann hatte die Nacht nichts anderes zu tun als dauernd zu klingeln und mir zu erzählen wie schlecht wir sind, das Essen wäre doof, die Bettwäsche kratzt und sowieso sind ja nicht mal hübsche Krankenschwestern da - zumindest nicht seinem Typ entsprechend. Und man selbst steht daneben, nickt brav und denkt: warum erzählt der mir so nen Mist?!

Dann zieht sich irgendeiner nen Venenzugang, blutet alles voll, dann laufen Infusionen nicht, irgendwer macht sich nen wichtigen Verband ab ... du kommst in Zeitdruck weil du die Hälfte deiner Dienstzimmerarbeit noch nicht erledigt hast und eigentlich schon wieder lagern musst, weil die sich sonst alle nach maximal 4 Stunden Druckstellen liegen oder die Windeln nach 4 Stunden garantiert schwimmen ... dann dreht in dem Moment der demente Opa noch richtig auf, rutscht in seinem eigenen Stuhlgang aufm Flur aus und flucht: "Wer war das denn? So ne Sauerrei! Pfleger! Machen Sie das weg!" ... ich muss ganz ehrlich sagen, ich wachse jeden Tag über mich hinaus an dem ich solche Leute nicht einfach packe, schüttel und schreie: "HÖR AUF! BITTE HÖR AUF! ICH KANN NICHT MEHR!"

Im Moment bleibt auch wieder extrem viel Arbeit übrig - meine Kolleginnen sind alle fleissig und super und sie lassen Arbeit nur ungern liegen, aber irgendwann ist auch Schluss und dann lässt man was liegen. Mit nem flauen Gefühl im Magen, entschuldigt sich, aber es geht nicht anders. Und da ich die Nachtschicht mit ner Azubiene hatte, wurde mir erst richtig klar, dass ich eigentlich 2 Stunden lang nur nachgearbeitet hab, was der Spätdienst nicht geschafft hat.

Ich hab ne Liste gemacht mit Vor- und Nachteilen für unser Krankenhaus - massig Nachteile natürlich und mir wurde klar: Es geht nicht nur um mein Krankenhaus, es geht um den ganzen Pflegeberuf. Ich brauch nen neuen Job.


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