Boys don´t cry

09.07.2013 um 18:18 Uhr

Frühdienst

von: Ryan

Eine Frühdienst-Woche - ich könnte sterben. Viele meiner Kolleginnen lieben Frühdienst - man kommt nach Hause und hat noch was vom Tag. Ich hingegen hasse Frühdienst. Jeden Morgen klingelt um halb 5 der Wecker und jeden Morgen denke ich mir: "Halb 5? Das darf doch wohl nicht wahr sein!" Gestern Morgen hab ich kaum die Augen aufbekommen und hab im Halbschlaf noch 20 Minuten lang den Wecker immer weggedrückt, bis mir klar wurde, dass ich super zu spät komme. Und jeden Morgen sitze ich völlig verpennt auf Station in der Übergabe (wohlgemerkt um 6 Uhr morgens) und finde mich selber so bescheuert, dass ich mir einen Beruf mit Schichtdienst ausgesucht habe. Und dann gehts ja erst richtig los mit dem Tag: Blutdreckmessen, waschen, Betten beziehen, Verbände machen, Spritzen geben, Infusionen anhängen bis du irgendwann um halb elf spätestens alle deine Kollegen und Azubis zusammen sammelst, damit alle mal was essen - wir haben grade soviele junge Mädels als Azubis, die immer nix essen wollen in der Pause. Ich weiß nicht, ob die abnehmen wollen, aber ich bin ja schon um halb 9 halb verhungert und wenn ich zu schnell aus der Hocke in den Stand komme (weil ich ner Oma die Strümpfe angezogen hab), wird mir immer ganz schwindelig.

Und das Schlimme auf Arbeit: Das Sommerloch scheint vorbei zu sein. Station rappel voll, die Hälfte der Kollegen im urlaub - und die andere Hälfte hat Sommergrippe. Kommen dann braun gebrannt aus dem "krank" und erzählen groß, wie viele Antibiotika sie nehmen müssen ... verstehste? Also mache ich die ganze Woche "alleine" Dienst. Was heißt alleine? Halt so als einziger examinierter Pfleger. Ich hab zwar maßenhaft Azubis um mich rum schwirren, die auch alle brav Patienten versorgen, ABER es sind eben nur die Azubis. Alles fleißig, ohne Ausnahme, manche ein weniger langsamer, aber sie geben sich Mühe. ABER natürlich muss ich alle Probleme managen, also steht ununterbrochen einer auf der Matte: "Ryan, die Patienten hat dicke Füße." - "Ryan, dem Patienten ist schlecht." - "Ryan, die Patientin hat eine Stelle. Was mache ich da jetzt drauf?" - "Ryan, dem Patienten, dem vorhin schlecht war, der hat jetzt Bauchschmerzen." Aber am Besten finde ich: "Ryan, der Arzt hat gesagt dieser eine Patient, ich weiß nicht mehr wer, soll verlegt werden." Du drehst irgendwann komplett am Rad - dann bin ich nebenbei die Stationssekretärin, die ist nämlich auch krank (oder auf Mallorca, wer weiß). Das Telefon klingelt alle 3 Minuten und jeder Anrufer hat eine neue Aufgabe für dich. Und dann bist du auch noch die Ansprechperson Nummer eins, sobald du im Dienstzimmer sitzt: Angehörige wollen was zum Gesundheitszustand ihres Opas wissen, stationsfremde Kollegen wollen irgendwas ausleihen, Patienten finden ihre eigene Station nicht, und zu guter letzte die Omas, die nach jeder Mahlzeit mit ihren Tablettenpöttchen vor dir stehen und wissen wollen, was da drin ist. Und alle viertel Stunde kommt ein dementer, Alkoholiker-Opa vorbei gelatscht und fragt ob ich Snaps dabei hätte ... dann schick ich ihn weg, er vergisst das unterwegs und dann steht er wieder vor mir: "Hassu ma nen Kurzen?" Du wirst wahnsinnig ... 

Und dann komme ich um 15 Uhr nach Hause und bin so erschlagen, dass ich erstmal 4 Stunden schlafen könnte - was ich aber nicht machen darf, weil ich sonst abends nicht einschlafen kann, bis Mitternacht wach bin und um halb 5 ja wieder der scheußliche Wecker klingelt. Und reizüberflutet fühle ich mich - so unendlich viele Menschen wollen so unendlich viele Dinge von mir auf Arbeit. Ich hab 5 Azubis, 3 Stationsärzte, 3 Oberärzte, 1 Chefarzt, in der nächsten Schicht sind noch mal 5 Leute, die Putzfrau, die Essenausteile-Frau, um die 40 Patienten, nochmal die gleiche Menge Angehörige, mit 3 Leuten aus der Röntgenabteilung hab ich heute geredet, mit 2 aus dem OP, mit 2 Schwestern der Intensivstation, eine aus der Tagesklinik, einen Psychologen, dann war eine Friseurin noch da - und dann klingelt das telefon noch 600 Mal. Und Steffi wundert sich, warum ich zuhause maulfaul bin. 

Und jeden Abend, wenn ich Frühdienst hab, sage ich: "Ich bin so müde, ich gehe heute um sechs ins Bett!" Aber um sechs gehe ich nie ins Bett, weil dann die Simpsons laufen. Dann ist es sieben und ich hab entweder irgendwas angefangen (Telefonieren, Rumdaddeln, lesen) und denke mir: "Nein, um acht auch noch früh." Um viertel nach acht kommt ein Spielspiel: "Nur mal reingucken." und natürlich gucke ich den zuende. Wenns gut läuft, liege ich um zehn im Bett, fühle mich dann aber nie müde (über den müden Punkt bin ich dann schon hinaus) und will nur ein einziges Kapitel in meinem Buch lesen ... und zack ist es halb zwölf und ich denke: "Scheiße! Nur noch 5 Stunden Schlaf! Jetzt aber schnell!" 

Eine Freundin von mir, erzählt mir immer, was sie alles nach dem Frühdienst noch alles macht: geht zum Sport, zur Zahnreinigung, trifft sich mit Freunden, kauft Geburtstagsgeschenke für die Schwiegermutter - und ich hänge den ganzen Tag in den Seilen.  Vor ein paar Monaten hat mich Steffi dazu überreden abends mit ins Kino zu gehen. Kaum ging das Licht aus im Kinosaal, merkte ich schon wie die Augen schwer wurden. Und dann ging das Kämpfen los: Nicht einschlafen, nicht einschlafen, konzentriere dich auf den Film. Nur mal ganz kurz die Augen zu machen .... nur ganz kurz, ein paar Sekunden ... "Ryan, schläfst du etwa?!!!"

 

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenPaulinchen schreibt am 09.07.2013 um 22:15 Uhr:Es gibt halt Eulen und Lerchen. Du bist eindeutig eine Eule. Ich versteh das, ich bin auch eine ;)
  2. zitierenAquarius schreibt am 18.07.2013 um 04:17 Uhr:Wie paulinchen schon sagt: Aus einer Eule macht man keine Lerche! (und das ist auch gut so)
  3. zitierenNina schreibt am 19.07.2013 um 19:40 Uhr:Pass bloss auf Dich auf Ryan, klingt ja wie der direkte Weg ins Burnout. Eins hab ich gelernt - wenn müde, dann schlafen. Nicht krampfhaft wachhalten (es sei denn, man ist auf Arbeit und es geht nicht anders). Pass auf Dich auf...

    Grüsse
    Nina

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