Boys don´t cry

13.09.2011 um 16:50 Uhr

Sündenbock

von: Ryan

Auf Wunsch versuche ich wieder öfter zu posten. Im Moment arbeite ich ja viel und mir ist gestern was echt doofes passiert, über das ich mich echt ärgere.

Gestern Frühschicht, viel zu tun und ich hab ´nen "Fehler" gemacht. Ich hab vergessen was Wichtiges zu organisieren. Was wirklich Wichtiges. Ich hab´s wirklich vergessen im Stress. Sowas passiert, versuche ich mir zu sagen. Aber ich hab dann automatisch die Rolle des Sündenbocks zugeschoben bekommen - und das beschäftigt mich.

Warum ziehe ich mir diesen Schuh an? Es ist nun mal so, grade wenn man so überstresst ist als Team, dass alles was der andere "vergisst" oder vielleicht sogar mit Absicht ignoriert, von jemand anderem nachgeholt werden muss. Und das erzeugt natürlich sofort schlechte Stimmung, Schlecht-Reden und Frustration. Ich mag meine Kollegen fast alle und fast immer. Aber dazwischen sind ein paar ganz wenige, die dann sofort das Wort "unkollegial" im Mund haben. Und das fiel halt gestern auch und das hat mich wirklich wütend gemacht.

In meinen Augen bin ich ein überaus kollegialer Mensch. Unser Team - oder auch wahrscheinlich jedes Team auf dieser Welt egal wo - hat immer die weniger fleissigen Leute, die verplanten, unorganisierten Menschen und die extrem fleissigen, die einen wirklich hohen Anspruch haben und häufig Dinge abarbeiten, die alle anderen liegen lassen. Ich halte mich für letztere Sorte. Ich versuche immer einen guten Job zu machen, ich versuche immer meine Arbeit zu schaffen, nix liegen zu lassen, anstatt doof in der Gegend rumzusitzen, wenn ich nix hab, versuche ich vorzuarbeiten. Es kommt automatisch nie vor, dass ich sagen muss: "das hab ich heute nicht geschafft, das musst du noch machen." Selbst wenn ich länger bleiben muss. Ich reisse mir jeden Tag den Arsch auf. 

Es gibt halt die Grundarbeit, die auf jeden Fall erledigt werden muss, selbst wenn die Welt grade untergeht. Und es gibt Arbeiten, die macht eigentlich keiner so gerne. Und ich bin immer, immer und immer derjenige, der dann nochmal die anderen Sachen macht, die sonst keiner macht, weil mein Pflichtbewusstsein sagt: "Einer muss es ja machen!" Es gibt (ungelogen) Ordner auf Station, wo Putzarbeiten abgeharkt werden, die dann einmal im Monat eben auch erledigt werden müssen - und da findet man nur eine Unterschrift: nämlich meine! Die komplette EDV-Arbeit machen nur zwei Personen: eine Kollegin von mir und ich. WEIL die anderen immer sagen: "Das versteh ich nicht, ich kann nicht mit dem Computer umgehen, ich hab nicht verstanden, was ich da ausfüllen muss!" Komischer Weise hatten wir aber alle die gleiche Fortbildung zum Computerumgang ... ich bin neben dem Oberarzt der einzige Mensch, der weiss wie man die Druckerpatrone wechselt. Und es ist nicht so, dass ich dieses "Geheim"-Wissen für mich behalte.

Und es nicht so, dass ich nur den ganzen Tag am Computer verbringe und warte dass die Druckerpatrone leer wird - nein, meine Patienten sind in der Regel auch vollständig versorgt. Ich bin einer, der zum Beispiel großen Wert auf aufgeräumte Patientenzimmer legt. Oder auch bei der letzte Zertifizierung gehörte ich zu den zwei Leuten, die über 4 Stunden nach´m Dienst die Akten vervollständigt und nachdokumentiert haben, damit unserer Station kein Geld gestrichen wird. Von den anderen kamen so Sätze wie: "Das bringt doch eh nix! Die finden immer was!" Ja sicher finden die immer was, aber wenn wir schon sehen, wo wir Defizite haben, kann man doch nicht schulterzuckend nach Hause gehen? Boah sowas nervt mich irre an. 

Eine Pflegestation besteht ja nicht nur aus Patientenversorgung - häufig gibt es "Stationshilfen", die nebenbei noch Putzarbeiten erledigen, Gerätewartung, Inventur, Auffüllarbeiten, Organisation von allem möglichen. Wir haben keine Stationshilfe, sowas machen bei uns die "Heinzelmännchen". Oder auch so Sachen wie Eigenengagement - wer hat die Weihnachtsfeier organisiert? Wer hat das Abschiedsgeschenk für die schwangere Kollegin organisiert? Ich, ich, ich!! Und super viele Leute ziehen ´ne Fresse, wenn gefragt wird "Wer macht´s?" und die anderen brüllen: "Ich mach sowas dauernd! Jetzt ist mal wer anderes dran!"

Es ist nicht so, dass ich nicht auch irgendwie gerne ein Geschenk für ´ne Kollegin hole und verpacke. Aber mein großes Problem im Moment: Das wird nicht gesehen! Ich fühle mich in keinster Weise gewertschätzt für das was ich leiste. Und ich leiste wirklich mehr als die meisten. Und dann kommt manchmal sogar so ein Satz wie: "Ach Ryan, deinen Elan hätte ich gerne." Ja, nicht Quatschen - MACHEN! Ich mach das ja nicht alles, weil ich soviel Langeweile habe und nicht weiss wohin mit meiner Energie. Ich mach´s, weil´s gemacht werden muss.

Und die Kollegin von gestern - die geht mir echt so auf´n Sack. Mittlerweile gibt´s schon 3 weitere Leute im Team, die nur noch das Nötigste mit ihr sprechen. Woran liegt das? Sie ist zwar "stetts bemüht", sie ist auch beschäftigt und ich möchte gar nicht abstreiten, dass sie abends zuhause auch müde und erschöpft ist. Aber sie ist wie gesagt: stetts bemüht. Sie ist chaotisch und sie ist verplant. Sie macht zum Beispiele so Sachen wie sich festquatschen beim ersten Patienten und wundert sich dann, dass sie so wenig Zeit für die anderen hat. Natürlich ist sie dadurch monster beliebt bei allen: "Nur die eine Schwester hat Zeit für mich!" Oder im größten Stress fällt ihr ein, dass sie nochmal ´ne Extrarunde Kekse verteilen muss - kommt super an bei den Patienten und Angehörigen, aber wir Kollegen stehen Kopfschüttelnd daneben und denken uns: "Was soll der Quatsch?!" Aber das ist halt so, deswegen kritisiert man niemanden weil der seine Prioritäten anders steckt. Was wirklich schlimm ist, ist dass sie komplett undurchdacht hat. Sie hinterfragt nix und sie hat nur ihren eigenen Standpunkt. Alles andere ist kategorisch falsch. Und das lässt sie uns auch spüren. Sobald was quer läuft, lässt sie uns das alle hören. Es gibt kaum jemanden, der sich so sehr und so lautstark aufregt wie sie. Und als Krönung übertreibt sie grenzenlos. Zum Beispiel neulich hatte eine Patientin mir gesagt, sie wolle ihre Mittagsschmerztablette nicht nehmen, weil Schmerzen halt besser geworden waren. Klar, kein Problem - da hab ich die Tablette zurück ins Schälchen gelegt für den Fall, dass sie nachmittags Schmerzen bekommt und sie doch noch möchte. Und die Kollegin hat gesehen, dass da noch eine Tablette im Schälchen war und hat gefolgert: Der hat keine Mittagsmedis verteilt! Überhaupt keine! Alle 20 Patienten haben ihre Medikamente nicht erhalten!! In ihrer Geschichte, die sie dann der nächsten Schicht erzählt hat, kam sie mittags zum Dienst, die Schmerzpatienten lagen vor Schmerzen gekrümmt im Bett und sie wurde von mindestenst 15 Patienten angesprochen, warum sie keine Mittagsmedizin bekommen hätten. Und sie hätte gar nicht gewusst wie sie das hätte rechtfertigen können, weil sie mich ja auch nicht reinreissen wolle ... und außerdem hätte ich Dokumentenfälschung begangen, weil ich für die Medikamente unterschrieben habe, die ich niemals verteilt habe. Boah ... da drehst du doch durch, wenn du sowas hörst. Und sie denkt einfach überhaupt nicht nach, wenn sie den Mund aufmacht und so völlig überzogene Geschichten in der Welt setzt. Und ich bin so ziemlich der einzige, der mal versucht sie unter vier Augen zu erwischen und deutlich zu sagen: "Hör auf Dinge zu erzählen, die nicht stimmen! Es waren aus allen anderen Schälchen die Tabletten für mittags raus und du hast bei keinem einzigen Schmerzpatienten dokumentiert, dass der besonders starke Schmerzen an dem nachmittag hatte!" und dann kommt wirklich so ein Satz: "Ach Ryan, versuch doch deinen Fehler jetzt nicht auch noch schön zu reden!" Die glaubt den Scheiss, den sie erzählt. Ganz fest!

Und das macht sie mit allen. Ein "Fehler" wird exponentiell ausgebaut in eine dramatische Geschichte. Selbst vorm Oberarzt macht sie nicht Stop. Neulich hat der Oberarzt eine ganz seltsame Anordnung ihr gegeben - ich bin mir so sicher, dass sie da wiedermal irgendwas in den falschen Hals gekriegt hat - und sie hat "für das Recht des Patientens" gewehrt - und dann hat der sie angeblich persönlichst beleidigt! Jaja ... und da ich den Oberarzt und sie kenne ... glaube ich davon kein Wort. Und dann folgende Situation, wir sitzen im Dienstzimmer, sie sieht dass der Arzt kommt und sie gleich: "Boah, der schon wieder, das ist ja so ein arroganter Idiot!" und ich: "Na, dann hast du jetzt doch die Gelegenheit um die Sache aus der Welt zu schaffen. Geh zu ihm und sag, dass er dich persönlich angegriffen hat." und was kommt dann?? "Nö, ich sag dazu gar nichts mehr!" wenn´s dann um Konfrontation geht, kommt immer dieser Satz.

Und wenn du so einen Charakter im Team hast, kannst du dich drauf gefasst machen, dass sie auch dich schlecht redet und irgendwer, der sie und dich nicht gut genug kennt, den Müll glaubt, den sie erzählt. Naja und gestern gab´s dann eben mal wieder richtig Zoff, weil ich ja diese eine Sache vergessen hab. Es war nicht richtig, ja klar - ich hab mich zehnmal entschuldigt und ein grottenschlechtes Gewissen, aber als sie dachte sie sei ungehört, hab dann so Sachen gehört wie: "Das ist ja wieder typisch Ryan: Alle unangenehmen Sachen wegschieben und UNS überlassen (sie verallgemeinert auch gerne) Das ist so unkollegial von ihm! Und WIR müssen die Scheisse wieder aussitzen!" Und dann kam natürlich das Unvermeidliche: Ich brüllte sowas wie: "Ich höre was du über mich sagst!" und bin explodiert. Ich hab sie fast angebrüllt, so sauer war ich - sie hat natürlich zurück gebrüllt.

Ich hab dann noch ne andere Kollegin getroffen von ´ner anderen Station und hab ihr das erzählt und die kommentierte den Vorfall nur mit: "Ey Ryan, du bist ja auch nicht Supermann, alle machen Fehler. Und grade deine Kollegin sitzt absolut im Glashaus, wenn sie Leuten ihre Fehler vorwirft. Mal davon abgesehen waren noch zwei weitere Personen mit dir auf der Station, die genauso hätten dran denken können. Den Schuh brauchst du dir echt nicht anziehen!"

Ja sie hat irgendwie recht. Und ich versuche wirklich mir den Schuh nicht anzuziehen, aber ist schwer wenn bildlich gesprochen nach dir mit genau diesem Schuh geworfen wird und grade eine Person immer wieder brüllt: "Deiner! Deiner! Deiner!" Wahrscheinlich bin ich auch deswegen so mitgenommen, weil ich mich so übersehen fühle. Du machst 100 Sachen richtig gut, und eine schlecht ... und ratet mal was am Ende gesehen wird und nochmal schön drauf rumgeritten wird? Ich versuche mir immer wieder zu sagen: Es spricht nicht deine Unzulänglichkeit aus dieser Frau, sondern ihre eigene. Wenn sie über dich schimpft, sagt das viel mehr über sie aus, als über mich. Ja, so versuche ich das vernünftiger, reflektierter Mensch zu sehen. Aber manchmal ist es gar nicht so einfach und ich möchte nur laut brüllen: "Die blöde Sch***Kuh!" 

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenPaulinchen schreibt am 13.09.2011 um 20:40 Uhr:Du solltest ein bißchen kürzer treten. Du mußt nicht alles organisieren und machen, es gibt noch andere. Und wenn halt mal was nicht gemacht wird, dann bleibt es halt. Teamarbeit heißt, dass das Team arbeitet.
    Ich kenn die Situation nur zu gut. So vor 100 Jahren, als ich noch ganz frisch im Job war, hatte ich so eine "Chefin". Die Frau hat keine Fehler gemacht, die ist über alle anderen hergezogen und war so gut.... Ohne sie wäre der ganze Betrieb pleite gegangen. Komischerweise mußten andere ihre Fehler entweder ausbügeln, oder es wurde schön geredet. Aber ihre Zeit kam auch, irgendwann ist es mal jemandem aufgefallen, dass alles nur Gerede war und so rein gar nichts dahiner.
    Zuviel aufregen bringt nur graue Haare. Die Frau wirst nicht ändern und die Anderen müssen es selber merken. Und wer nicht ganz blöd ist, weiß es auch. Da kannst sicher sein.
    LG
  2. zitierenS_Hase schreibt am 13.09.2011 um 20:49 Uhr:Es ist ja tatsächlich so, dass einige Menschen begabter oder geschickter und belastbarer sind als andere. Wenn die dann auch bereit sind, mehr zu leisten, sollte das wenigstens entsprechend anerkannt werden. Aber Teamarbeit bedeutet oft, dass einfach nur das gesamte Team beurteilt wird, und solange das funktioniert... Ich kann sehr gut verstehen, dass du dich aufregst.
  3. zitierenHedera schreibt am 14.09.2011 um 10:18 Uhr:das ist fies, echt fies. wenn jemand sich selbst ins gute licht stellt, ihm auch noch gelaubt wird, obwohl man eigentlich ihre eigenarten kennt und man als der trottel der nation darsteht. aber die selbsteinschätzung klappt bei den meisten leuten nicht wirklich gut. wetten, einzeln befragt, würde JEDER behaupten, sich voll aufzuopfern? wetten?!!!!
  4. zitierenMajas_Traumwelten schreibt am 14.09.2011 um 23:30 Uhr:Deine Kollegin ist ja der Oberburner schlechthin! Kannste die nicht mal irgendwo anschwärzen - das ist ja Verleumdung, was die da getrieben hat wegen der Medikamentenausgabe. Ganz ehrlich - da würde ich den Chefarzt einschalten und ihr noch eine Anzeige wegen Verleumdung reindrücken. Sowas macht mich wirklich wütend! Pass gut auf Dich auf, damit Du nicht irgendwann noch nen Burnout hast. Passiert ja schnell, gerade in Deinem Beruf. Alles Liebe, Maja
  5. zitierenKris schreibt am 15.09.2011 um 23:57 Uhr:Wuah, das kommt mir alles SO bekannt vor, mein Beileid.
    Ich reiss mir im Job auch immer den Arsch auf, und wofür? Gedankt bekommt man es eh nicht... in deinem Beruf vielleicht wenigstens von den Patienten, aber vermutlich nicht mal DAS.
    Aber man machts ja trotzdem weiter so, auch ohne Dank.

    Das schlimme ist, Menschen wie diese blöde Kollegin bekommst du nicht geändert, die glauben echt den Müll den sie verzapfen, und sind daher überhaupt nicht fähig, deinen Standpunkt zu sehen.
    Sieh nur zu, dass dir wegen ihrem Geschwätz nichts angelastet wird, was du nicht falsch gemacht hast, am Ende versaut sie dir noch den Job.
    Und was deb Burnout angeht, kann ich Majas_Traumwelten nur zustimmen... tritt lieber kürzer, bevors wieder soweit ist... ich weiß, kürzer treten ist leicht gesagt... vor allem wenn man in nem Team arbeitet, und für andere mitarbeiten muss.

    Kopf hoch und nicht ärgern, sonst bekommst graue Haare oder n Magengeschwür...

    Liebe Grüße, Kris.


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