Ja, ich weiß, Ihr brennt schon darauf zu erfahren, wer denn gewonnen hat, aber bevor ich zum vorläufigen Endergebnis komme, möchte ich den Gang zur Wahlurne eines typischen Chemnitzers schildern. Das wäre dann ich, wobei ich eigenlich gar kein typischer Chemnitzer bin, denn ein typischer Chemnitz findet seine Stadt voll dufte und den alten Oberbürgermeister Seifert erst recht, und er wird sehr böse, wenn man ihm sagt, daß Chemnitz ein Kuhkaff ist, das von Jahr zu Jahr mehr eingeht, und das vorallem der alte OB dran schuld ist, der in den ersten 5 Jahren nach der Wende geschlafen hat, und mit ihm die Stadt. Aber egal, zurück zum eigentlich Thema.
Nun, der familiäre Gang zur Urne wurde wie immer für nach 14:30 Uhr angesetzt. Also, die Uhrzeit ist weniger eine Festlegung, als mehr eine logische Konsequenz aus meinem Tagesablauf und dem meiner Eltern. Jedenfalls liefen wieder, wie immer, wenn wir wählen gehen, die Nachbarn von Gegenüber vor uns. Das ist ein alter Mann, der ganz schlecht laufen kann, und seine Frau. Der Mann kommt im Grunde eigentlich gar nicht vorwärts. Meist treffen wir diese Nachbarn auf halben Wege, und wenn wir dann die Schule - dort wird immer gewählt, gerade wieder verlassen, machen sich diese Nachbarn gerade bereit, die Treppen der Schule zu erklimmen. Sooooo langsam kommen die voran. Nun, also jedenfalls wollte meine Mutter mit denen kein langes Gespräch anfangen, also nur kurz gegrüßt und dann schnell weiter. War mir äußerst recht, denn die fürchterliche Sonne empfand ich schon nach zwei Minuten als schrecklich unangenehm. Ich glaube, wenn ich mal reich bin, ziehe ich irgendwohin, wo es monatelang durchgängig dunkel ist, Island oder so. Das wird toll. Aber zurück zum Thema. Als Wahllokal mußte wie immer mein altes Klassenzimmer in der zweiten Klasse herhalten. Da werden Erinnerungen wach, wenn man so durch seine alte Schule geht. Da bin ich entlanggerannt und habe eine Tür vor den Kopf bekommen, da wurde ich verprügelt, und dort auch, und da hat mir einer einen Stein ans Bein geschossen... Ähm, also um es kurz zu machen: rein in das Zimmer, Personausweis und Wahlbescheinigung hingezeigt, Zettel bekommen, zum ersten Mal im Leben jemanden von der SPD ein Kreuz gegeben, Zettel abgegeben und dann nichts wie raus aus der Schule, an den Nachbarn vorbei und nach hause. Ziemlich unspektakulär, als daß ich jetzt noch mehr darüber schreiben müßte. Ist jetzt schon zu viel, denn wahrscheinlich war hier jeder schon mal wählen oder weiß zumindest, wie so etwas abläuft. Da ist es im Grunde vollkommen überflüssig, daß ich das hier erzähle. Hätte ich mir eigentlich alles sparen können. Ist ja auch schade um Eure Zeit. Ihr lest hier minutenlang Dinge, die Ihr schon wisst. Schon irgendwie blöd. Also wirklich.
Nun also zum Thema Wahlausgang. Fangen wir mit dem schlechtestens Ergebnis an; das bekam Mike Bräutigam mit 2,34%. Als parteiloser, junger Student, der wohl bei einem Fernsehinterview eine rhetorische Katastrophe hingelegt hat, gar nicht so schlecht. Aber gut auch nicht, wenn man das Ergebnis des anderen Parteilosen namens Uwe Barthel sieht, der mit 19,6% sogar 3% besser als PDS-Kandidat Zais war. Barthel ist Vorstandsmitglied der Chemnitzer Stadtwerke AG. Wenn die FDP sieht, wieviel Zuspruch ein Kapitalist in Chemnitz finden kann, gehen die garantiert in fünf Jahren mit einem eigenen Kandidaten in den Wahlkampf. Noch erfolgreicher war der CDU-Mann Nonnen, ich schrieb ja schon von seiner Salzgebäckattacke, der mit 23% trotzdem hochgradig enttäuscht ist. Statt Gebäck hat er übrigens in den letzten Wochen den ganzen Tag Äpfel verschenkt. Schon wieder etwas, an dem eine berühmte Person fast erstickt wäre. Stichwort Schneewittchen. Der wollte scheinbar wirklich alle Ungläubigen umbringen, vielleicht war ja deshalb die Wahlbeteiligung mit 38,5% auch so niedrig. Hmm... Gewonnen hat jedenfalls die SPD-Frau Barbara Ludwig, und doch verloren, denn mit ihren 38,3% fehlen Ihr 11,8%, um Oberbürgermeisterin zu werden. In anderen Bundesländern ist das wohl anders, aber in Sachsen braucht man als OB 50% - das heißt also, daß es in zwei Wochen eine Nachwahl gibt.
Nun dachte ich ja erst, daß in dieser Nachwahl nur die zwei stärksten Kandidaten gegeneinander antreten, damit auf jeden Fall eine 50%-Mehrheit herauskommt. Falsch gedacht; es darf wieder jeder mitmachen. Und bis auf den PDSler haben auch schon alle zugesagt, wieder anzutreten. Herr Nonnen hofft, sein Ergebnis noch auszubauen, damit er vor seiner Partei nicht mehr so schlecht dasteht, Barthel hofft auf noch ein weiteres Wunder und versprach im Interview einige Überraschungen, die er aber noch nicht verraten könnte, weil es ja sonst keine Überraschungen mehr wären, und Bräutigam will natürlich auch die Chance nutzen, nochmal in die Kamera zu winken - die Eltern freut es bestimmt. Die sind also allesamt sehr kindisch, diese OB-Anwärter, denn die Wahl ist für sie ja doch schon verloren. Ich bin mal gespannt, ob wenigstens der PDS-Zais die Klasse hat, nicht noch einmal anzutreten und stattdessen als Wahlempfehlung Frau Ludwig auszurufen. Sonst habe ich die schlimme Befürchtung, daß es in vier Wochen die nächste Nachwahl gibt, und danach dann noch eine. Aber ich denke mal, daß Frau Ludwig im nächsten Wahlgang die 50% erreicht. Die SPD hat ja noch während des Abends ihren Wahlkampf neu konzipiert. Der alte OB war erfolgreich - also wird jetzt ab sofort in jedem zweiten Satz erwähnt, daß Frau Ludwig die erfolgreiche Politik von Herrn Seifert fortführen wird. Na Juhu ! Und der Frau habe ich meine Stimme gegeben...