Mittwoch:
Um 11 Uhr sollte ich mich im Anmeldebereich des Bethanien-Krankenhauses einfinden. Ein recht später Termin, sodaß ich auch gleich in die Kabine zur Anmeldefrau gehen konnte, die mir die üblichen Fragen stellte. Ich mußte diverse Formulare unterschreiben, bekam einen Kugelschreiber geschenkt und schon ging es zur Voruntersuchung. Blut, Urin, EKG. Letzteres wurde von einer äußerst hübschen, jungen Schwester durchgeführt, die auf Grund meines Nachnamens, Richter, sich mit einer anderen Schwester über häufige Nachnamen unterhielt und meinte, daß meiner sehr häufig wäre, zumal sie ja selbst so heißen würde. Leider konnte ich dieses unheimlich interessante Gespräch nicht weiter belauschen, weil so ein EKG ja recht schnell gemacht ist. Also wieder raus, aus dem EKG-Raum, und rein zu einem netten Arzt, der mir in den nächsten 20 Minuten ausführlich die Funktionsweise eines ESWL-Gerätes erklärte, sowie die aufregende Geschichte erzählte, wie ein Bundeswehrsoldat zusammen mit einem Professor 1981 auf die Idee gekommen war, mit Schall zu arbeiten.
Nach diesem unterhaltsamen Vortrag mußte ich mir nur noch im Foyer eine Karte aus dem Automaten herauslassen, um Fernsehen und Telefonieren zu können. Sofort kam eine alte Frau angewirbelt, wahrscheinlich eine Nonne, denn das Bethanien-Krankenhaus ist eine evangelische Institution, wenngleich man darauf verzichtet hat, kirchliche Mitarbeiter zu kennzeichnen. Aber das war bestimmt eine Nonne, die mir nun in dieser hyperdynamischen Home-Shopping-Manier die Funktionsweise des Karten-Automats, sowie die Möglichkeiten, die ich mit der Karte hatte, erklärte. Kannte ich ja alles schon von früheren Krankenhausaufenthalten, ist ja schließlich überall das gleiche Siemens-System, aber das beirrte sie gar nicht und wirbelte erst wieder davon, als ich meine Karte in der Hand hielt. 15 Euro waren da drauf und jeden Tag würden 1.80 Euro Nutzungsgebühr abgebucht. Ansich eine Frechheit, trotzdem mit "kostenlosem Fernsehen" zu werben, denn ohne Karte konnte man nicht nur nicht telefonieren, sondern eben auch keinen Fernseher anschalten und bedienen.
Aber egal, nun ging es auf die Station. Nummer 6 - im ersten Stock eines roten Backsteingebäudes, nicht weit von der Anmeldehalle entfernt. Dort stellte ich mich einer Schwester vor und wurde in Zimmer 9 geleitet. Ein Dreibett-Zimmer mit Toilette/Dusch-Raum. Ich hatte Glück, denn mein Bett befand sich auf der Seite mit der Toilette, also dort, wo sich nicht zwei Betten nebeneinander befinden. Das bedeutete, daß ich einen Fernseher für mich allein hatte. Meine Zimmergenossen waren, wie erwartet, zwei alte Männer. Der eine lag etwas erschöpft im Bett und hing auch noch an einem Kadeter, der andere war mobiler und wartete schon auf seine Entlassung am nächsten Tag. Natürlich wurde ich sofort gefragt, warum ich denn hier wäre, und entsprechend wurde mir dann auch mitgeteilt, was die anderen Zwei für Probleme hatten. Geschwüre an der Prostata, bei beiden, glückerlicherweise gutartig, und der aktivere Mann hatte sogar noch mehr Glück gehabt, denn auf Grund seiner kleinen Prostata konnte das Geschwür abeschabt werden. Dazu war nicht mal eine Vollnarkose nötig, sondern nur eine Spritze in der Nähe des Rückenmarks, nach der er sich für einige Stunden so fühlte, als wäre er querschnittsgelähmt. Beine vorhanden, aber nicht spür- und bewegbar, eine interessante Erfahrung für ihn. Der andere Mann mit Kadeter mußte hingegen operiert werden. Bei der Gelegenheit wurde ihm gleich noch ein Stein aus der Blase entfernt. Aber er war auch schon auf dem Weg der Besserung und morgen würde der Kadeter herauskommen.
Der Rest des Tages war pures Zeittotschlagen. Anstatt man die Patienten, deren Behandlung keine Vorbereitung erfordert, erst an dem Tag stationär aufnimmt, wenn es wirklich soweit ist, wird einem da völlig ohne Sinn dieser erste langweilige Tag zugemutet. Und der kostet natürlich auch - 10€ pro Tag knöpfen die einem ab, obwohl man befreit ist. Große Sauerei - wie auch das Essen an dem Tag. Kohlsuppe - die ich erst einmal komplett ablehnte, und zum Abendbrot Wurst mit integrierten Pilzen. Pilze - meine Totfeinde ! Aber es war ja zu erwarten, daß das Essen schlecht war, obwohl mir die anderen beiden versichert hatten, daß das hier alles großartig wäre; vom guten Essen bis zur professionellen Patientenbehandlung. Warum nun heute gerade das Essen so mies wäre, wüßte man auch nicht. Ich wußte es natürlich: Weil ich da war.
Donnerstag:
Früh um 5 Uhr wurde ich wach, als ein Pfleger das Zimmer betrat, um den Urinbeutel des Kadetermanns zu leeren. Bis dahin war ich so schon ab und zu in der Nacht aufgeweckt, denn natürlich war ich etwas aufgeregt und die Schlaftablette, die ich mir hatte geben lassen, schien zwar das Einschlafen ansich zu begünstigen, nicht aber den Schlaf. Nun also wieder wach und in einer Stunde würden schon die Schwestern zum Bettenmachen kommen. Da lohnte es sich nicht, noch großartig weiterzuschlafen. So hatte ich auch wenigstens Zeit, langsam munter zu werden. Nachdem sich der vitale, alte Mann gewaschen und sich auch der Kadetermann ins Bad geschleppt hatte, um sich etwas zu reinigen, kroch ich als Nächstes aus dem Bett. Für mich als hygienebewußter Mensch ein ungutes Gefühl, das Klo mit zwei fremden, alten Menschen zu teilen, aber in so einem Krankenhaus legt man ganz schnell derartige Vorbehalte ab.
Gegen 6 Uhr kamen die Schwestern der Frühschicht und schüttelten die Betten auf, eine halbe Stunde später betrat die Putzfrau das Zimmer und säuberte alles gründlich, denn eine weitere halbe Stunde später war Visite - mit Chefarzt. Zusammen mit der Stationsärztin, der Oberschwester und einem noch jungen, nach Arzt aussehenden Arzt standen sie vor meinem Bett und erzählten auch nichts Neues. Der Herr Richter hat einen Nierenstein und heute findet die ESWL statt. "Essen Sie nur etwas Leichtes zum Frühstück." ordnete die Stationsärztin an und ich nickte. Kein Problem, wo ich doch sonst überhaupt kein Frühstück esse, was in dem Fall etwas blöd war, denn dank des guten Brotaufstrichsortiments handelte es sich beim Frühstück noch um die beste Mahlzeit, die man auf der Station am Tag bekommen konnte.
Mir fiel auf, daß der gesunde Mann sich immer um den Kadetermann kümmerte, wenn der irgendein Problemchen hatte. Fast schon brüderlich, dieses Verhalten, oder gar ehelich, wenn der Mann liebevoll das Geschirr des Kadetermanns zusammen mit seinem auf dem Tisch ordnete. Da passte es ja, daß nun heute, wenn der gesunde Mann gehen würde, der Kadetermann vom garstigen Schlauche befreit werden würde. Und das passierte auch sogleich. Eine junge Schwester kam nach dem Frühstück herein und begann damit, auf dem Bett den Kadeter zu entfernen. Um dem armen Mann etwas Privatssphäre zu gönnen, lief ich eilig zum Fenster und schaute weit hinaus. Sein stoßhaftes Aufschreien konnte ich trotzdem recht gut hören, dabei hatte der gesunde Mann früh noch erzählt, daß das Rausmachen bei ihm gar nicht wehgetan hatte. "Das ist aber komisch, denn bei mir hatte es gar nicht wehgetan." stellte der gesunde Mann fest und man kam gemeinsam zu dem Entschluß, daß es wohl an der noch zu unerfahrenen, jungen Schwester gelegen haben mußte.
Während der nächsten Stunde wartete ich nun darauf, daß man mich zur Behandlung schicken würde, während mein Zimmernachbar seine Sachen packte und ebenfalls wartete, nämlich darauf, die Papiere für den Arzt zu bekommen. Vorher konnte er nicht gehen. Irgendwann nach 9 Uhr war es zumindest für mich soweit. Mit einem Handtuch und meinen Patientenakten unter dem Arm wanderte ich frohen Mutes in das Gebäude mit dem Anmeldebereich. Dort im ersten Stock, gegenüber einer schlecht besuchten Cafeteria, befand sich die Urologiebehandlungsstation. Ich ging zur Annahme, drückte einer Schwester meine Akten in die Hand, und kurz darauf wurde ich in eine Umkleidekabine geführt, in der ich mich komplett entkleiden sollte.
Nur mit dem Handtuch um meiner Hüfte betrat ich den Behandlungsraum, wo eine Krankenschwester samt molligen Azubi-Mädchen auf mich warteten. Ich kletterte auf einen Metalltisch, in dessen unteren Bereich ein Becken eingearbeitet war, und mußte mich so hinlegen, daß ich mit meinen Nieren in dieser Wanne lag. Die Schwester drückte mir einen Hodenschutz in die Hand. Beim Anlegen verrutschte dummerweise das Handtuch, sodaß das Azubi-Mädchen meinen Penis sehen konnte, der in dem Moment nicht sehr groß war. Aber nun gut, wahrscheinlich hätte es einen noch blöderen Eindruck gemacht, wenn er es in dem Moment gewesen wäre. Ich rückte mir wieder das Handtuch zurecht, dann legte mir die Schwester an die Ader auf meinem linken Handrücken eine Kanüle für das Schmerzmittel. Schmerzmittel ? Es hieß zwar, daß das etwas wehtun könnte, aber so schlimm würde das ja wohl nicht sein - dachte ich mir.
Inzwischen kam ein Arzt herein. Ich sagte "Guten Tag." und er antwortete trocken: "Wir haben uns heute früh schon mal gesehen.", darauf ich nachdenklich "Stimmt...". Es war dieser junge Arzt von der Visite, der mit seiner emotionslosen, unscheinbaren Aura bei mir keinen bleibenen Eindruck hinterlassen hatte. Er erklärte mir nun erst einmal, daß ich während der Behandlung flach und bewegungslos auf dem Tisch liegenbleiben sollte und auch nur flach atmen dürfte, denn er würde nur ab und zu röntgen, und dazwischen blind schießen. Wenn ich verrutsche, gängen die Schüsse daneben und könnten gesundes Gewebe verletzen. Ich nickte. Die Schwester, die inzwischen das Becken mit warmen Wasser füllte, sagte auch noch etwas und ich erfuhr, daß das nur die Erste von zwei Behandlungen war. Die Zweite würde in ein, zwei Tagen dann gemacht. Na toll, dabei hatte ich gehofft, in ein, zwei Tagen das Krankenhaus schon wieder zu verlassen. Hätte man mir beim Vorgespräch ruhig mal mitteilen können. Der Arzt schob mich noch etwas auf dem Tisch herum und ging dann in ein seperates Zimmer, von wo er erst einmal die Röntgen-Maschine bediente, die nun um den Tisch kreiste und ihm einen guten Einblick in meine Niere gewährte. Vorher hatte er mir noch einen Monitor in mein Sichtfeld gerollt, worauf diese Bilder scheinbar zu sehen waren. Viel konnte man nicht erkennen, aber das sollte wohl auch eher ein Akt der Transparenz sein, um den Patienten etwas zu beruhigen. Die Schwester hatte mir inzwischen mit einer Spritze, die an meiner Kanüle hing, etwas von dem Schmerzmittel in die Venen gepumpt. Ich spürte, wie eine Art Gelkissen aus der Wanne fuhr und meinen Rücken nach oben drückte. "So, jetzt kommt erst einmal ein schwacher Testschuss, damit Sie wissen, wie sich das anfühlt, und dann fangen wir an. Das werden dann am Ende 3000 Schüsse sein." 3000 ??? Plötzlich knallte es, ich spürte einen Schmerz und krampfte mich zusammen. "So, dann fangen wir mal an." meinte der Arzt und schon geschah wieder das, was eben passiert war, in periodischen Abständen, die geringer als eine Sekunde waren. Und das tat unglaublich weh, sodaß ich aufstöhnte. Der Arzt kam zu mir und fragte "Tut wohl sehr weh ?" - "Ja." hauchte ich. Er drückte noch etwas von dem Mittel in meine Ader und nörgelte "Hmm...das ist noch die geringste Stufe." dann ging er wieder zurück. Das Gerät lief inzwischen weiter und der Schmerz, inzwischen permanent vorhanden und in einer Intensität, die jenseits jeglicher Zumutbarkeit lag, hatten mich in eine Art Schockzustand versetzt. 3000 Schläge - das konnte noch ewig dauern, und auf diesen dumpfen Schmerz, der mich tief in mir drin quälte, war ich schlichtweg nicht vorbereitet gewesen. Ich spürte, wie es mir schlecht wurde und mein Kreislauf zusammenbrach. "Geht's soweit ?" fragte der Arzt aus seinem Zimmer und ich anwortete "Nein." Die Schwester war inzwischen angerannt gekommen, weil ich wohl auch nicht mehr gut aussah. Sie mutmaßte, daß ich das Betäubungsmittel nicht vertragen würde. Ich sollte beim nächsten Mal sagen, daß sie mir lieber Dipi (Dipidolor) geben sollen.
An den Rest dieser Behandlung kann ich mich nicht mehr komplett erinnern. Das Gerät lief auf jeden Fall unbarmherzig weiter. Ein Fenster wurde aufgemacht und ich wurde gefragt, ob es zu kalt wäre. Aber ich hatte in dem Moment andere Probleme. Schweiß tropfte permanent von meiner Stirn. -Ich soll nicht den Helden spielen !- wurde mir gesagt. Das Azubi-Mädchen fragte die Schwester, was das denn für ein Schmerz wäre. "Nicht so richtig stechen, eher wenn einem jemand ständig gegen das Schienbein tritt." war wohl die Antwort, vielleicht hat sie das mit dem Schienbein auch zu mir gesagt. Oder gefragt ? Dann wurde es dem jungen Mädchen scheinbar von meinem Anblick selbst ganz mulmig, weil die Schwester das Radio anschaltete und sie in ein Gespräch verwickelte, um sie von mir abzulenken. Ab und zu sagte noch jemand "Bald geschafft." aber das war eine Lüge. Die letzten Minuten sind mir dann wieder klarer in Erinnerung, weil sich mein Kreislauf wieder stabilisierte und die Schmerzen...also erträglich oder aushaltbar wäre zuviel gesagt, aber das Betäubungsmittel hatte wohl inzwischen doch zumindest eine kleine Wirkung erzielt. Dann war endlich Schluß und nachdem ich noch kurz liegengeblieben war und mir den Hodenschutz vorsichtig entfernte, schleppte ich mich zurück in die Umkleidekabine und von dort auf eine Liege, um auf den Zivi zu warten, der mich in mein Zimmer zurückgeleiten sollte. "Geht ganz vielen so, weil sie alle etwas anderes erwarten." meinte die Schwester zu mir, während ich auf der Liege meine Gedanken sortierte.
Wieder im Zimmer legte ich mich erschöpft ins Bett und beobachtete den vitalen Mann, der immernoch da war und sich ärgerte, weil er noch keine Papiere bekommen hatte. Es hieß, daß man wohl sämtliche Schreibkräfte entlassen und durch Neue ersetzt hätte, die aber keinerlei Ahnung von den medizinischen Fachbegriffen hätten, sodaß es noch etwas dauern könnte. Da half es auch nichts, der Oberschwester 10 Euro für die Schwesternkasse in die Kitteltasche zu stecken.
Inzwischen hatte irgendjemand heimlich eine Tasche hereingebracht, die wohl dem neuen Zimmergenossen gehörte. Sie sah rot aus, und recht modern. Ich mutmaßte, daß der Neue ja vielleicht nicht ganz so alt sein könnte, was vorallem in der Hinsicht wichtig war, daß so nicht irgendein fernsehscheuer, alter Sack ins Zimmer käme, der um 8 Uhr Abends schlafen möchte.
Schon bald wußte ich genau bescheid, denn die Schwester samt eines fröhlich dreinblickenden, doch nicht mehr ganz so jungen Mannes betrat den Raum und die Schwester meinte: "Das hier ist der Herr Schröck..." und dann stellte sie uns ihm vor. Der hingegen staunte lieber erst einmal über das Zimmer und freute sich darüber, daß seine Tasche schon da war, daß er einen ganzen Schrank für sich hatte, daß da eine Toilette samt Dusche war, und er jeder Zeit vom Bett anrufen konnte. Die Schwester erklärte ihm noch, daß der Mann da am Tisch noch auf seine Papiere wartete und dann gehen würde. Der wiederum tat das, was er gestern schon mit mir getan hatte - nämlich fragen, warum man denn im Krankenhaus ist. In dem Moment verfinsterte sich für einen kurzen Augenblick die bis dahin fröhliche Mine des Neuen und er antwortete "Der Grund ist eigentlich nicht so schön: Ich habe Nierenkrebs und bekomme eine ganze Niere entfernt." Dann war er aber gleich wieder recht euphorisch und meldete fröhlich sein Telefon an. Irgendwas mußte mit dem nicht stimmen; der Tod wetzt hinter ihm seine Sense und er tut so, als wäre er auf einer Kaffeefahrt - meine erste Vermutung: Der Mann ist ein Christ ! Würde passen, denn Christen im Osten sind in der Regel naive Dauergrinser, und einige extremere Exemplare halten diese Fröhlichkeit sogar noch aufrecht, wenn sich der Krebs durch ihren Körper frisst. Wobei, unser Schulpfarrer ist an Krebs gestorben, und ein guter Freund, der damals im Krankenhaus seine Zivildienst machte, erzählte mir einmal, daß er ihn gesehen hätte. Er würde schrecklich aussehen und das doofe Dauerlächeln wäre ihm inzwischen vergangen. Also meine nächste Vermutung: Der Mann ist einfach ein bißchen doof.
Bevor das Mittagessen serviert wurde, Kassler mit Sauerkraut und Kartoffeln, ansich recht annehmbar, bekam der gesunde Mann endlich seine Papiere und verließ uns sogleich, nachdem er allen noch Alles Gute gewünscht hatte. Mit Hilfe einer scherzhaften Bemerkung über die Bibel samt dem Buch mit den biblischen Tageslosungen, die auf der Fensterbank verstaubt herumlagen, konnte ich inzwischen auch ausschließen, daß Herr Schröck ein Christ war. Dann war er also doch ein bißchen...einfach, vermutlich. Ich hatte ja noch genug Zeit, ihn genau zu analysieren.
Als sich Herr Schröck nach dem Mittag aufgemacht hatte, die Gegend zu erkunden, nutze der kadeterlose Mann die Gunst der Zweisamkeit und bot mir das Du an. "Ist doch viel schöner, vorallem wenn man auch mal einen kleinen Spaß untereinander machen will..." sagte er und ich nickte. Auf seinen Namen hatte ich dummerweise gar nicht so richtig gehört; Dieter oder Günther mußte es gewesen sein. Nach dem Mittagessen bekam ich von der Schwester einen Tropf angeschlossen, mit einer harntreibenden, schmerzlindernden Flüssigkeit. Die brachte mich überraschenderweise dazu, in der nächsten Stunde ständig auf's Klo zu rennen, und zwar in ständiger Abwechslung mit Dietergünther, der ja nun endlich selbst wieder die Sache in die Hand nehmen konnte, nur nun das Problem hatte, daß scheinbar die Blase nach einer Kadeterentfernung noch etwas Zeit braucht, bis sie sich wieder daran gewöhnt hat, sich nicht ständig entleeren zu können.
Der Rest des Tages verlief mäßig. Mir war es die ganze Zeit schlecht, wohl noch von dem Betäubungsmittel, und müde war ich, ohne richtig schlafen zu können. Am späten Nachmittag schauten meine Eltern vorbei und brachten Zitronenlimonade. Hier gab es ja sonst nur (Marken)-Wasser oder Tee. Zwar war das wohl, wie ich gehört hatte, alles sehr schön gemacht, weil man sich als Patient jederzeit selbst seinen Tee brühen konnte und dabei eine vernünftige Auswahl an Teesorten zur Verfügung stand. Nur ist das natürlich trotzdem eher Geschmacktssache, sich bei der schrecklichen Wärme den ganzen Tag mit heißem, kohlensäurelosen Tee vollzuschütten. Dann also lieber eine erfrischende Zitronenlimonade.
Zum Abendbrot gab es schon wieder irgendeine Wurst mit integrierten Pilzen. Der Essenzusammensteller schien ein Fable dafür zu haben. Aber ich hatte sowieso keinen Hunger und glücklichweise wurde man hier von den Schwestern nicht so genervt, wenn man kaum etwas aß. Als nächstes mußte ich leider hören, wie Herr Schröck sagte, daß er kaum Fernsehen schaut. Das könnte in den nächsten Tagen Abends für Probleme sorgen, denn man kann ja schlecht Abends allein den Fernseher laufen lassen, wenn die anderen beiden Zimmergenossen schlafen wollen. Der Ton kommt zwar durch den Kopfhöreranschluß des Siemens-Betttelefons, von dem man übrigens auch die Sender auswählt, aber wenn es nach 21 Uhr dunkel wird, stört das Licht des Fernsehens schon. Heute aber erst einmal nicht, denn Dietergünther wollte noch etwas in die Flimmerkiste schauen und so konnte ich das ebenfalls tun. Leider kam auf den acht verfügbaren Kanälen nur Mist, sodaß ich es am Ende meinen Gegenüber gleichtat und auf MDR schaltete. "Ein Fall für Escher" mit der Geschichte von einer OP, bei der im Patienten ein Lappen vergessen wurde. Kann ja mal passieren. Danach lief eine Themensendung über Zecken und Herr Schröck erzählte, daß er das alles kennt. Er selbst wurde vor vielen Jahren von einer Zecke mit einer Krankheit infiziert. Als er das erzählte, dachte ich ja erst, daß das sein merkwürdiges Verhalten heute erklären würde. Zeckenbiss, Hirnhautentzündung und seitdem hat er einen an der Klatsche.