Das geheimnisvolle Blog ins zauberhafte Nichts

29.08.2006 um 06:14 Uhr

Bist Du hungrig oder satt ?

von: Solus

Wenn ich Dich, lieber Leser oder liebste Leserin, fragen würde, ob Du hungrig oder satt bist, wie würdest Du antworten ? Wahrscheinlich erstmal mit "Wie meinst'n das ? Ob ich was essen will ?" - "Nein." würde ich da sagen, "Ich meine das eher im metaphorischen Sinn." Also, wie würdest Du antworten ? Und was noch viel interessanter ist, würde das, was Du antwortest, für Dich eine negative oder positive Bedeutung haben ?

Worauf ich hinaus will ist, daß mir neulich auffiel, daß die Begriffe "hunger" und "satt" in unserer Gesellschaft sich möglicherweise in ihrer Bedeutung für den Menschen komplett ins Gegenteil gewandelt haben. Heute heißt es zum Beispiel "Ich bin hungrig darauf, es zu erfahren." oder "Ich bin hungrig auf Leben.", also alles im Zusammenhang mit positiven Dingen. Auf der anderen Seite haben wir etwas satt, wenn wir etwas nicht mehr mögen, oder sprechen gar von Übersättigung, wenn einem mehr geboten wird, als man benötigt. Das Wort "satt" findet sich also heutzutage meistens im negativen Kontext wieder. Da frage ich mich nun, wie sich das eigentlich so im Sprachgebrauch in einem DritteWelt-Land verhält. Sagt man dort, wo Menschen täglich verhungern, eigentlich auch "Ich habe es satt !" ? Und wie war das eigentlich früher bei uns, als die Menschen hier auch noch hauptsächlich darauf hinarbeiten mußten, Abends einen halbwegs vollen Teller auf dem Tisch stehen zu haben - sprach man da auch schon von Lebenshunger oder, um das Feld noch um eine weitere Empfindung zu erweitern, benutze man z.B. das Wort "Wissensdurst" ?

Es wäre jedenfalls einmal interessant zu sehen, wieviele Menschen heutzutage auf die Frage, ob sie im Bezug auf ihr Leben eher hungrig oder satt sind, mit "satt" antworten würden und das eigentlich negativ meinen. Als ich z.B. einen guten Freund diese Frage stellte, antwortete er "satt" und meinte das durchaus positiv -  was meine Überlegungen recht nutzlos erscheinen ließ. Schade eigentlich.

27.08.2006 um 01:34 Uhr

Abwarten und Tee trinken

von: Solus

Musik: Radiohead - Optimistic

Zuerst einmal kann ich Entwarnung geben; es ist keine zweite Staffel des Bethanienkrankenhauses geplant. Den Termin habe ich natürlich abgesagt und bin mit meinem Urologen so verblieben, erst einmal selbst zu schauen, inwieweit sich Besserung einstellt, bzw. ob es überhaupt nötig ist, die Behandlung fortzuführen, denn wenn die Reststeine keine Schmerzen verursachen, können die auch ruhig da drin bleiben.
Aber selbst das ist kein Thema mehr. Es heißt ja, daß man heißes Bier trinken und danach ein fröhliches Treppenspringen veranstalten soll, um garstige Nierensteine loszuwerden. Da ich ja generell kein Bier bzw. Alkohol trinke, wollte ich mir das natürlich erst einmal ersparen und recherchierte in meinem geliebten Internet nach, daß sich Labkraut-Tee prima dazu eignet, Nierensteine zu zersetzen. Und, auch wenn es wahrscheinlich trotzdem ein Zufall ist, einen Tag, nachdem ich angefangen habe, dieses Zeug zu trinken, lag der erste Splitter im Sieb. Dann noch einer, und noch einer. Das ging etwa eine Woche so, ein paar Tage später folgten zwei größere Steinchen, und vor zwei Tagen platschte letztendlich ein doch recht großes Stückchen Stein ins Teesieb. Ob das nun alles war, wird sich erst zeigen, aber auf jeden Fall gibt es nun wirklich keinen Grund mehr, wieso man da irgendetwas anderes machen sollte, außer weiter Abwarten...und Tee trinken.

25.08.2006 um 03:49 Uhr

Das Bethanienkrankenhaus - Folge 4: Niemals geht man so ganz

von: Solus

Eiligen Schrittes ging ich wieder den so gehassten Weg. Die Treppen hinunter, draußen immer gerade aus, über den Steg durch die Glastür und bei der Kantine rechts durch die Tür. An der Annahme übergab ich meine Akten, die diesmal auch genommen wurden, als plötzlich hinter mir der dickliche Assistenzarzt auftauchte, der scheinbar etwas außer Atem war, weil die Schwester ihn sofort fragte, wo er denn herkäme. "Auch von Station 6; ich bin ihm hinterhergehechtet." antwortete er und deutete auf mich. Draußen war es an diesem Tag ungeheuerlich heiß, und da hatte ihn mein Tempo scheinbar etwas überfordert. Er hätte ja auch langsamer laufen können, aber das war vielleicht so eine Ansehens-Sache, als Assistenzarzt nicht Minuten später nach dem Patienten zu erscheinen.
Ich sollte mich jedenfalls erst einmal setzen, was ich auch tat. Eine Ärztin in OP-Kleidung lief an mir vorbei, grüßte freundlich und meinte "Na das war ja etwas..." Da erkannte ich erst, daß es eine der Ärztinnen war, die mir den Pigtail gelegt hatte und auf eben diese Sache anspielte. Als nächstes tauchte der unscheinbare Arzt auf, der dem Assi-Arzt mitteilte, daß er gerade eine schwere ESWL hinter sich hätte, mit vielen Abbrüchen, und scheinbar jetzt gerade keinen Bock auf mich hatte, sodaß der Assi übernehmen sollte. Kurz darauf kam eine etwas mollige, junge Frau heraus, setzte sich fröhlich neben mich, sah mein Handtuch und mein Gesichtsausdruck und meinte lächelnd "Brauchst keine Angst zu haben - das tut überhaupt nicht weh." - darüber regte ich mich erst einmal dezent auf, und teilte ihr mit, daß ich da ganz andere Erfahrungen gemacht hätte. "Och, Ihr armen Männer." meinte sie gutgelaunt, als ich davon erzählte, daß sie da scheinbar Glück hatte, weil Frauen, im Gegensatz zu Männern da in der Regel weniger Schmerzen verspürten. "Nein, also Weh tat es nicht. Ich bin nur immer ständig verrutscht, das fand der Arzt nicht so schön." erzählte sie freudestrahlend. Hatte ich eigentlich schon erwähnt, daß sie gut gelaunt war ?
Links von mir hatte währendessen eine alte Frau Platz genommen, die laut abgehörten Gespräch zwischen ihr und der Schwester wegen eines Pigtailwechsels da war. - auch blöd, wenn man so ein Ding scheinbar für immer in seinem Harnleiter haben muß. Für die positive Energie versprühte Frau rechts von mir war inzwischen der Abhol-Zivi aufgetaucht, sodaß sie mir viel Glück wünschte und verschwand. Ich mußte noch ein paar Minuten warten und dann war es soweit; auf zur Folter !

Diesmal wußte ich ja, wie man was zu tun hatte, sodaß weder Hodenschutz, noch Handtuch verrutschte und ich auch schon recht gut auf dem Tisch lag, als der Assi kam, der sich äußerst darüber freute, daß der Raum mit Klimaanlage ausgestattet war. Ich teilte ihm mit, daß ich gern Dipidolor hätte, mußte jedoch noch umfangreiche Überzeugungsarbeit leisten, weil ich dummerweise erwähnte hatte, daß ich von dem Zeug am Sonnabend hatte kotzen müssen. Scheinbar fürchtete er, daß ich ihm dort alles vollbrechen würde, aber wenn, dann wäre das ja erst später auf Station der Fall. Am Ende gab es also 15 mg Dipidolor, wenn ich mich richtig entsinne, dann begann erst einmal die aufregende Suche nach dem Nierenstein. Ungewöhnlich lange kreiste das Röntgengerät um meinen Unterkörper. "Sieht schon sehr gut aus. " meinte der Arzt zu mir. War scheinbar gar nicht so einfach, da noch etwas zu finden. Leider fand er doch noch etwas, und so ging es letztendlich los, mit der Beschallung. Meinen Körper hatte ich angespannt, die Zähne zusammengebissen, und in meinem Kopf fuhr ich mit meiner Autosuggestion fort, daß das nicht weh tun würde. Wenn man verzweifelt ist, versucht man es eben sogar mit solchem Hokuspokus. Wobei, vielleicht hat es tatsächlich funktioniert, denn als der Arzt seine Höllemaschine in Gang setzte, tat es gar nicht so weh, wie beim letzten Mal. Vielleicht lag es am nun wirkenden Schmerzmittel, und sicherlich hatte er auch die Stärke des Gerätes heruntergeregelt, denn im Gegensatz zur ersten ESWL war das nun wirklich ganz angenehm. So verging eine Viertelstunde, in der ich diverse "Alle in Ordnung"-Fragen mit ja beantworten konnte. Erst dann wurde es etwas schmerzhafter, sodaß der Arzt 20mg der morphinen Flüssigkeit nachspritzte, was auch Linderung brachte. Kurz darauf hörte er erst einmal auf und positionierte sein Schallgerät scheinbar noch auf einen anderen Steinhaufen. Das ging etwa 5 Minuten gut, als urplötzlich wieder dieses alte Gefühl auftauchte. Trotz Schmerzmittel und trotz geringerer Dosis tat es wieder fürchterlich weh, sodaß ich sofort bescheid gab. Der etwas überängstliche Assistenzarzt fuhr die Stärke noch weiter herunter und hielt dann das Gerät komplett an. Genau im richtigen Moment, denn ich spürte gerade, daß mein Kreislauf wieder am Zusammenbrechen war. So aber stabilisierte er sich sofort. Gut sah ich trotzdem nicht aus, denn der Arzt, der inzwischen zu mir gekommen war, schaute ängstlich auf meine schweißbedeckte Stirn und fragte mehrmals, ob es mir gut gänge. Ich sagte ja, mir geht es schon wieder besser, aber so richtig glauben wollte er es nicht. Er fragte zehnmal "Wirklich ?" und ich antwortete elfmal "Ja." Im Grunde hätte er sogar weitermachen können, aber er wollte doch lieber Schluß machen. Das waren ja trotzdem fast 25 Minuten gewesen und das, was er hätte beschießen wollen, hatte er auch beschießen können. Nagut, da sagt man nicht nein, also lief ich vorsichtig zurück zur Kabine, zog mich an und setzte mich dann erst einmal wieder bei der Annahme auf einen Stuhl.
Die alte Frau hatte den Pigtailwechsel scheinbar auch überstanden und saß wieder links von mir. In Anbetracht dessen, was mir die fröhliche Frau vorhin mitgeteilt hatte, fehlte es jetzt nur noch, daß sich die alte Frau zu mir gedreht und gesagt hätte: "Das Pigtaileinsetzen - das hat gar nicht weh getan !". Dann hätte ich ersthaft an mir gezweifelt. Aber sie wirkte doch etwas mitgenommen. "Ich habe jemanden bestellt, der sie abholt." meinte die Schwester zu mir und zu der alten Frau sagte sie "Ach und der für sie ist immer noch nicht da ?! Da muß ich gleich nochmal anrufen..."

Zehn Minuten und zwei Anrufe später kam dann endlich ein Zivi angegammelt, der nun uns beide zurück auf Station schaffen mußte. Die alte Frau wollte nach rechts laufen, aber der Zivi meinte "Nein, das geht nicht. Die reparieren gerade die Tür. Da kann man jetzt nicht durch. Wir müssen einen Umweg laufen." Sehr begeistert war die alte Frau davon nicht, denn sie war doch recht schwach auf den Beinen. Aber da half nun alles nichts - außer vielleicht ein Rollstuhl, mit dem man die alte Frau prima hätte transportieren können, aber auf diese kluge Idee war dort niemand gekommen, sodaß die alte, gebrechliche Frau, der Zivi und ich nun im Schneckentempo gen Fahrstuhl liefen. Das heißt, wir wurden sogar links von einer Schnecke überholt.
Im Fahrstuhl angekommen fuhren wir ein Stockwerk nach unten, und von dort ging es raus ins Freie, wo die alte Frau erst einmal feststellen mußte, daß sie nun bei  60 Grad Wärme und Luft zum Schneiden einen Berg zur Urologiestation hochlaufen mußte. "Was ? Ich soll diesen Berg hoch ?" fragte sie ungläublich den Zivi, der daraufhin auf die steilen Treppen unterhalb des Stegs deutete und "Wenn es ihnen lieber ist, können wir auch steigen." meinte. Wollte sie aber überraschenderweise nicht. Also liefen wir nun noch langsamer den kleinen Berg hinauf, was sich auch zeitlich etwas hinzog, denn das arme Mütterchen mußte immer wieder stehenbleiben, weil sie keine Luft mehr bekam. Sie schwankte teilweise sogar schon und ich befürchtete, daß sie es nicht mehr lange machen würde. Aber letztendlich schafften wir den Aufstieg - also wir beide, denn der Zivi war schon lange vorrausgeeilt und wartete oben ungeduldig auf uns. Seine Frage, ob sie mit dem Fahrstuhl in die obere Etage fahren wöllte, wurde ebenfalls überraschenderweise bejaht, sodaß wir nun in Richtung eines kleinen Seiteneingangs schlichen. Auf einer kleinen Mauer bei diesem Eingang saß die traurige, junge Schwester, die nun scheinbar Dienstschluß hatte. Sie war recht farbig gekleidet, was überhaupt nicht zu ihrer Traurigkeit passte, und sie tippte stupide auf ihrem Handy herum. Schade, schade; aber die war dann wohl tatsächlich nichts für mich. Der Zivi hatte inzwischen den Fahrstuhl gerufen und als wir oben ankamen, meinte er "Sie wissen ja alle, wo ihre Zimmer sind." und verschwand sofort. Zivis sind schon nette, höfliche, zuvorkommende Menschen.

Da war ich nun also wieder in meinem Zimmer, und Herr Schröck wollte sogleich wissen, wie es war. Kurz darauf kam auch der Mann zurück, der wegen der Biopsie an der Prostata hier war. Ich hatte ihn mit dem unauffälligen Arzt ins Behandlungszimmer gehen sehen, als ich gerade von der ESWL kam, und nun hatte er es scheinbar auch vorerst hinter sich. "Also...Das war aber gerade eben auch ziemlich schmerzhaft." sagte er zu uns und wirkte leicht verstört, "Hätte nicht gedacht, daß das so weh tut." Wie er weiter berichtete, hatte ihn der Arzt 12 Mal mit einer Art Bolzenschußgerät ohne Betäubung in den Hintern geschossen. Sicherlich auch nicht gerade ein schönes Erlebnis.

Der Rest des Tages verlief glücklicherweise recht unspektakulär. Ich bekam wieder das harntreibende Mittel, aber Gesteinbrocken waren auch diesmal nicht im URO-Filter auszumachen. Wenistens war ich weder Müde, noch wurde es mir schlecht, und um die allgemeine Laune zu heben, kochte Herr Schröck einen wohlschmeckenden Apfeltee, von dem jeder eine Tasse trinken mußte. War eine willkommende Abwechlung, nachdem ich in den letzten Tagen immer nur Kamillentee getrunken hatte. Nur irgendwie hatte der Tee eine seltsame Wirkung, denn plötzlich bekam ich wieder ein Problem, so ein "Es kommt nichts mehr raus"-Problem. Das war aber anders, als beim letzten Mal, denn es kam schon noch eine vernünftige Menge heraus, nur mußte ich dazu sehr stark pressen. Erst dachte ich, mein Harnleiter wäre vielleicht verstopft, aber es schien dann eher so, als hätte ich da irgendeinen Krampf im Schließmuskel. Die Schwester meinte, ich sollte erst einmal abwarten - in dem Harntreibemittel wäre auch etwas drin, um meine Niere anzuregen, falls das wieder das alte Problem wäre. War es meiner Meinung ja nicht, aber da ich ja ansich noch konnte, machte ich mir zumindest keine Sorgen, daß meine Niere wieder überlaufen könnte.

Ansonsten verbrachte ich die meiste Zeit damit, diverse Geschichten des Herrn Schröck anzuhören, der von Tag zu Tag aufgeweckter wurde. Nachmittags hatte er sich zum ersten Mal raus ins Freie getraut, mußte aber nach seiner Rückkehr eingestehen, daß er vielleicht etwas zu viel von sich wollte, weil vorallem das Treppensteigen ihm doch nocht sehr weh getan hatte. Es war dennoch recht amüsant, als wenig später eine Frau herein kam und sich Herrn Schröck als Physiotherapeutin vorstellte, die gekommen war, um ihn zu motivieren, mal das Bett zu verlassen. Die schaute schon etwas verwundert, als Herr Schröck von seiner Wanderung erzählte und konnte so gleich wieder verschwinden.

25.08.2006 um 03:47 Uhr

Das Bethanienkrankenhaus - Folge 4: Niemals geht man so ganz Teil 2

von: Solus

Mittwoch:

Die erste Erkenntnis des Tages: Es lief wieder, ohne das ich pressen mußte. Zur Visite gab mir der unscheinbare Arzt erneut die Hand, fragte mich, wie ich es denn gestern überstanden hätte, und erzählte noch einmal, daß junge Männer da oft Probleme hätten. Er würde da sicherlich auch keine gute Figur auf dem Tisch abgeben - was die Stationsärztin, die daneben stand, sehr amüsierte. Ich müßte jedenfalls noch einmal zur Ultraschalluntersuchung und könnte dann morgen nach hause. Das freute mich, und der Mann mit der Prostata-Biopsie konnte sich auch freuen, denn er durfte heute schon gehen. "Das wird hier echt zum Durchgangszimmer." meinte Herr Schröck, da somit schon wieder ein neuer Zimmernachbar kommen würde, und ich wäre ja morgen an der Reihe, was Herrn Schröck im übrigen gar nicht gefiel, weil er so einen guten Zuhörer verlieren würde.

Eine halbe Stunde später kam wie erwartet der Assistenzarzt vorbei, um mich zur Ultraschalluntersuchung zu bringen. Ich legte mich wieder hin, der fuhr mit seinem Gerät herum und meinte "Hmm...da, an dieser einen Stelle, da ist noch ein bißchen was. Aber...das wird wohl so noch abgehen." In dem Moment kam von hinten der unscheinbare Arzt ansprungen und sagte zu mir: "Na da machen wir morgen am besten noch eine dritte ESWL !" Mein Gesicht sprach wahrscheinlich Bände, weil er sofort hinzufügte "Oder doch lieber nach hause gehen ?" - "Ich möchte schon ganz gern endlich nach hause !" antwortetes ich leicht aggressiv. "Hmm...ja, höchst wahrscheinlich gehen die restlichen Steine dann bald noch ab." meinte der Arzt zu mir und der Assistenzarzt stimmte überraschend zu. Der hatte wahrscheinlich auch ein schlechtes Gewissen, weil er die Behandlung gestern sicherlich doch hätte abschließen müssen. Vielleicht wollte mich der unscheinbare Arzt sogar instrumentalisieren, weil er von dem Abbruch womöglich wußte und dem Assi deswegen schon Vorwürfe gemacht hatte, und mit der 3.ESWL hätte er dem ganzen jetzt noch die Krone aufsetzen können. "Siehst Du, jetzt muß der Patient zwei Tage länger bleiben, weil Du Scheiße gebaut hast !" hätte er hinterher dem Assi gesagt, um den Assistenzarzt zu verdeutlichen, wie unerfahren er ist. - Das sind natürlich alles nur Vermutungen, aber mir kam das schon etwas komisch vor, daß der Arzt so schnell mit der weiteren Beschallung ankam, und das genauso schnell das Thema wieder vom Tisch war. Ich fragte noch, was ich denn wegen meinem Pigtail beachten müßte. Ich sollte mich beim Pullern - übrigens ein von Urologen häufig verwendeter Begriff, wo man doch immer denkt, die würde alle "Wasserlassen" sagen - setzen, und ich sollte am besten nicht pressen. Prima, das hatte ich ja gestern schon zur Genüge getan. Aber passiert war scheinbar nichts.

Ab jetzt wurden natürlich die Stunden rückwärts gezählt.
Noch 24 Stunden: Der Biopsie-Mann ging und ein neuer Zimmernachbar kehrte ein. Ein nicht ganz so alter, alter Mann, der das vor sich hatte, was dem Biopsie-Mann wohl bald noch bevorstand: Die komplette Entfernung der vom Krebs befallenen Prostata. "Die Voruntersuchung war schlimm," klagte der Krebskandidat, "Da wurde mir mit einem Bolzenschussgerät ohne Betäubung 6 Mal in den Hinter geschossen..." - die Anzahl der Schüsse war scheinbar von Arzt zu Arzt verschieden. Vielleicht hatte der unscheinbare Arzt bei dem Biopsie-Mann gestern auch einfach 11 Mal nicht getroffen. Kein guter Schütze also, was auch erklären könnte, warum die erste ESWL, die er ja bei mir durchgeführt hatte, so schmerzhaft war...
Noch 23 Stunden: Die traurige, junge Schwester kam zum Möbelstreicheln und wollte wieder jedem ein Wasser andrehen.
Noch 22 Stunden: Mittagessen. Es gab Kohlsuppe und ich lehnte dankend ab. Stattdessen holte ich meinen Notvorrat heraus: Eine Dose Würstchen. So saß ich am Tisch und aß meine leckeren Würstchen, während die anderen beiden Kohlsuppe löffelten. Das Dessert hatte ich mir aber natürlich geben lassen, nur als ich später den ersten Löffel in meinen Mund führte, schmeckte dessen Inhalt nach Erbrochenem. Bitter, Sauer, schlichtweg ungenießbar. Ich blickte zu Herrn Schröck, der sich über meinen Gesichtsausdruck köstlich amüsierte. Er wußte ja inzwischen, daß ich ein Feinschmecker bin, und hatte mir extra nichts vom verdorbenen Zustand des Nachtischs gesagt, um sich über meine Reaktion zu freuen.
Noch 21 Stunden: Herr Schröck erzählte eine witzige Geschichte aus seiner Zeit bei der Eisenbahn: Es war das Jahr 196x, und wie jeden Tag arbeitete er und seine Kollegen an den Schienen, als ihnen ein Mann auffiel, der in der Gegend herumstand. Wie sich später herausstellen sollte, war dieser Mann ein Russe. Als gerade der Zug ankam, lief der Mann plötzlich los und warf sich auf die Gleise, sodaß ihn der Zug quer über die Brust fuhr und zermatschte. Als die Arbeiter wenig später in die Kantine gingen, um zu Mittag zu speisen, verging den meisten jedoch sogleich der Appetit, denn auf dem Speiseplan stand an diesem Tage "Lungenhaschee" !
Noch 20 Stunden: Der Neuling erzählte eine Geschichte von einem alten Mann, der sich immer mal die Zungen abschaben lassen mußte. Weil er gerade vorher eine schlimme Operation überstanden hatte, wollte sich dieser Mann diesmal bei seiner Zungenschabung nicht überfordern und traf die Entscheidung, sich für den Eingriff diesmal eine Vollnarkose geben zu lassen. Als ihn die Schwester nach dem Eingriff im Aufwachraum überprüfte, mußte sie feststellen, daß seine geschwollene Zunge in den Rachen gerutscht und er daran erstickt war.
Noch 19 Stunden: Der Neue hatte tatsächlich nur ein Thema: Krankenheiten. Vorallem seine, z.B. sein flaschenförmiger Magen, der plötzlich mal seinen Dienst verweigerte, weil dessen Zellen teilweise abgestorben waren. Er erzählte aber auch von seiner Frau, die mal fast an Thrombose gestorben wäre.
Noch 18 Stunden: Ich wurde schon wieder von einer garstigen Wespe attackiert !
Noch 17 Stunden: Herr Schröck konnte mit dem Neuen nicht viel anfangen und fand es umso schlimmer, daß ich morgen gehen würde. Er nahm die Teekanne und meinte "Ich mach Dir jetzt einen ganz tollen Tee, der Dir so gefällt, daß Du lieber hierbleiben willst."
Noch 16 Stunden: Der Tee, Geschmacksrichtung "Hawaii" konnte mich nicht wirklich überzeugen. Dann lieber eine Kanne Apfeltee.
Noch 15 Stunden: Das letzte Krankenhaus-Abendbrot. Bäh, es wurde wirklich Zeit, daß ich mal wieder Abends etwas Vernünftiges vorgesetzt bekäme; Pizza oder so.
Noch 14 Stunden: Die Schwestern kamen vorbei, um noch einmal nach dem Rechten zu sehen. Ich sagte der schusseligen, hübschen Schwester, daß ich noch gern eine Schlaftablette hätte. Sie ging und ich dachte, daß sie mir eine holen würde. Aber sie kam nicht mehr zurück. Schusseliges Ding !
Noch 13 Stunden: Keine Schlaftablette und keine Schwestern da, weil gerade Übergabe war. Ich hielt im Gang Ausschau und hörte dabei die alten Frauen im Nebenzimmer, die die Tür aufgelassen hatten. Sie fragten sich gerade, wo die Schwester mit den Schlaftabletten bleiben würde.
Noch 12.5 Stunden: Als ich gerade wieder draußen stand, klingelte im Schwesternzimmer das Telefon und aus irgendeiner Ecke kam tatsächlich eine Schwester angerannt. Als sie vom Telefon zurückkam, schilderte ich ihr mein Problem. "Ach warum haben sie denn nicht beim letzten Durchgang gesagt, daß sie eine haben wollen ?" fragte sie mich vorwurfsvoll. - "Hatte ich, aber die Schwester ging und kam nicht wieder." war meinte Antwort. Die Schwester mußte erst ein Zimmer aufschließen, um die Tabletten zu holen. Kann ich ja auch nichts dafür.

Donnerstag:

Noch 4 Stunden: Nie wieder in meinem Leben um 5 Uhr aufwecken müssen ! - außer natürlich, mein kaputter Schlafrhythmus liegt gerade mal wieder so, daß das meine normale Aufstehzeit ist.
Noch 3 Stunden: Nie wieder durch papierne URO-Filter pinkeln müssen !
Noch 2 Stunden: Nie wieder Visite - oder vielleicht doch, denn der unauffällige Arzt, der mir wieder die Hand gab, meinte, daß ich jetzt erst einmal nach hause gehen würde, aber in einen Monat wieder herkommen müßte. Bis dahin sollte ich brav weiter meinen Urin filtern - wahrscheinlich mit Muttis Küchensieb.
Im übrigen hatte ich inzwischen eine Erklärung gefunden, warum der unauffällige Arzt plötzlich den Leuten die Hand gab und versuchte, freundlich zu sein. Er wollte damit wahrscheinlich seiner Unauffälligkeit entgegenwirken. Nachdem der Opa am Montag ihn auch wieder nicht erkannt hatte, hat er sich wohl seine Gedanken gemacht und ist auf die glorreiche Idee gekommen, daß ihn die Patienten nicht mehr vergessen, wenn er ihnen die Hand gibt und etwas von seiner ärztlichen Coolness ablegt. Ansich ein guter Plan, aber das hält der doch nie ein Leben lang durch.
Noch 1 Stunde: Frühstück ? Nein, Danke ! Ich geh' heute.
Noch eine halbe Stunde: Schnell meine Tasche gepackt, was gar nicht so einfach war, weil das ja zu hause meine Mutter gemacht hatte, und Mütter bekommen in so eine Tasche immer dreimal mehr Sachen rein, als das ein normaler Mensch schafft. Natürlich hatte ich 2/3 dieser Sachen nicht gebraucht, aber die mußten ja alle wieder mit. Mit viel Kraft und Ausdauer, und den umsonst mitgenommenen Bademantel, der in eine Extratüte gesteckt wurde, bekam ich schließlich die Tasche zu. Inzwischen wurde der Neue zur Prostataentfernung abgeholt und Herr Schröck ging raus in die Natur.

Nachdem ich tatsächlich pünktlich den Brief für meinen Urologen, sowie einen Termin für den 28.8. zur Wiederkehr bekommen hatte, verabschiedete ich mich draußen von Herrn Schröck und ging danach zur Abmeldung. Äußerst ärgerlich; mußte ich doch trotz Befreiung 90€ für den Spaß bezahlen. Dieser letzte Tag wurde gleich voll mitberechnet; dabei hatte ich nicht einmal Frühstück gegessen ! Am Kartenautomaten, wo ich das restliche Geld von meiner Siemens-Fernseh-Telefonkarte abbuchte, kam wieder die alte HomeShopping-Nonne angewirbelt, aber diesmal war ich schneller als sie, sodaß sie mir gar nicht mehr ausgiebig erklären konnte, wie man die zwei Knöpfe zum Geldrauslassen zu drücken hat. Dann nichts wie raus, ab zum Bus und schnell nach hause. Diesen stupiden Krankenhausalttag hätte ich auch keine Minute länger mehr ausgehalten.

Ende. (?)

17.08.2006 um 05:49 Uhr

Das Bethanienkrankenhaus - Folge 3: Frühling

von: Solus

"Die nehmen !" befahl sie. - "Und was ist das ?" fragte ich, "Na nehmen sie nun erstmal die Tablette !" Warum tat diese Schwester so geheimnisvoll ? Was würde denn diese Tablette bewirken, als daß sie mir das nicht gleich sagen konnte ? Aber nun gut, ich schluckte artig die Tablette und schaute die Schwester dann fragend an. "Ihre Nieren sind wahrscheinlich...etwas faul geworden, und diese Tablette soll die Nieren anregen und dann klappt das auch wieder alles." - "Aja, na dann wollen wir sehen. Danke." sagte ich und Dietergünther meinte "Na das war doch endlich mal eine vernünftige Erklärung.". Und nicht nur das, es war auch eine vernünftige Tablette, denn eine halbe Stunde später ging ich auf die Toilette und es lief, als wäre es nie besser gelaufen. Hätte man aber alles aber auch schon viel eher haben können, aber nein, da läßt man den Patienten sich den ganzen Tag Sorgen machen.

Montag:

Nein, diesmal nicht wieder 10 Minuten später, aber auch nicht sonderlich früher kamen die Bettenfrauen. "Und Sie verlassen uns heute ?" fragten sie Dietergünther, der mit den Schultern zuckte. "Das wäre schön." sagte er. So wie es schien, war in diesem Krankenhaus der Patient scheinbar der Letzte, der erfuhr, wann er denn gehen könnte. Selbst die Schwestern wußten es eher. Dietergünther blieb zwar noch etwas skeptisch, aber bei der Visite bekam er endlich Gewissheit, heute gehen zu können. Zu mir sagte der Assistenzarzt: "Wir schicken sie heute zum Röntgen, dann sehen wir, wie es in ihrer Niere aussieht, und dann morgen wahrscheinlich die zweite ESWL." Außerdem freuten sich alle, daß die Tablette geholfen hatte.
Ebenfalls freuen konnte sich Herr Schröck, der seinen Blutschlauch und seinen Katheter entfernt bekam. Meiner Meinung nach etwas früh, aber die wußten wahrscheinlich schon, was sie machen. Herr Schröck freute sich jedenfalls, daß er nun sich nun endlich bewegen konnte. Er hatte auch schon geplant, am Nachmittag mal raus ins Freie zu gehen. Der ließ wirklich nichts anbrennen.

Nach dem Frühstück - Herr Schröck hatte seine erste "feste" Mahlzeit in Form einer Puddingsuppe genossen, wurde ich wieder zum Röntgen geschickt. Vorher verabschiedete ich mich noch von Dietergünther, der zuversichtlich war, nicht mehr da zusein, wenn ich wiederkommen würde, weil es die Ärzte scheinbar inzwischen mit den neuen Schreibkräften satt hatten und die Papiere für den Arzt selbst schrieben. Also wünschte ich ihm das Beste und machte mich auf den Weg ins Wartezimmer der Röntgenpraxis. Diesmal mußte ich länger warten, bis ich an der Reihe war. Interessanterweise drückte mir vor dem Röntgen die Schwester einen Hodenschutz in die Hand, den hatte ich beim letzten Mal nicht bekommen - Sauerei !

Wieder in meinem Zimmer mußte ich feststellen, daß Dietergünther inzwischen tatsächlich gegangen war. Der Glückliche. Und scheinbar hatte er sein Bett auch gleich mitgenommen - oder warum war das plötzlich nicht mehr da ? Des Rätsels Lösungs war der neue Mitinsasse, ein uralter Mann, der alles schon hinter sich hatte und nur das Zimmer räumen mußte, weil man einen zusätzlichen Raum für die Frauen benötigte. Entsprechend wurde sein bisheriges Bett gleich mit verlegt. Dieser alte Mann kam alsbald rein und meinte "Wir sind alle krank, sodaß ich vorschlage, daß wir uns duzen." Als jemand, der auch schon mal einen fremden Gleichaltrigen siezt, war das für mich bisher immer ein unangenehmes Gefühl gewesen, all diese Fremden zu duzen. Jetzt mußte ich auch noch einen äußerst alten Fremden mit Du anreden, wo ich doch vor alten Menschen besonders viel Respekt habe. Da half nur der Trick, die Sätze allgemeiner zu formulieren. "Wenn ich bei irgendetwas helfen soll, einfach bescheid geben." sagte ich zu dem alten Mann, der sich aus noch unerfindlichen Gründen im Krankenhaus scheinbar ein Hüftleiden zugezogen hatte und beim Laufen humpelte.

Als ich später im Bett lag, geschah es plötzlich: Eine neue, noch äußerst junge Schwester betrat das Zimmer. Wahrscheinlich war sie etwas jünger als ich, und sie sah recht gut aus. Also nicht so der Typ Sexbombe, sondern mehr so eine natürliche Unhäßlichkeit. Was mich aber eigentlich wirklich an ihr faszinierte, war ihre Traurigkeit. Sanft strich sie mit dem Putzlappen über die Oberseite der Bettenlampen, als würde sie eher ein kleines Kind am Kopf streicheln. Und dabei hatte sie diesen wunderschönen Gesichtsausdruck, als hätte sie eine böse Stiefmutter, die ihr an ihrem achtzehnten Geburtstag mitgeteilt hatte: "Die Karriere als Atomphysikerin kannst Du Dir abschminken - Du wirst für den Rest Deines Lebens im Krankenhaus die Pisse von alten Menschen wegwischen ! HA HA HAHAHA !" Ihr schien der Job wirklich keinen Spaß zu machen, und ich fragte mich, warum sie dann überhaupt hier war. Wollte sie Menschen helfen und war nun unzufrieden, weil sie als Neu-Schwester erst einmal nur Putzen durfte ? Das würde zumindest erklären, warum sie zu dem Möbel so zärtlich war. Oder sie wollte wirklich mal etwas ganz anderes werden, aber weil sie zu schlecht in der Schule war, und weil es keine anderen Stellen gab, landete sie schließlich hier. Vielleicht wurde ihr das ja sogar von ihrer Mutter organisiert. Passiert ja immer wieder; man ist mit der Schule fertig, findet aber keine Lehrstelle, und dann sagt die Mutter oder der Vater "Weißt Du was, ich versorge Dir eine Lehrstelle." und ehe man sich versieht, tritt man in die Fußstapfen eines seiner Erzeuger, und eigentlich kotzt einem das total an, nur ist es dann zu spät, wieder abzuspringen. Ob das vielleicht die traurige Geschichte dieser traurigen, jungen Schwester war ? Wer weiß, wer weiß. Ich ließ sie jedenfalls nicht aus den Augen, und der eine oder andere Leser wird es sich inzwischen schon denken können, was da mit mir passiert war. Ja, es war Mitleid auf den ersten Blick. Leider kein Gegenseitiges, denn als sie bei mir die Bettlampen abwischte, beachtete sie mich gar nicht weiter. Dabei möchte man doch meinen, daß wenn man sonst nur mit alten Opas und Omas zu tun hat, man schon mal die Chance nutzt, wenn da ein attraktiver Jüngling auf der Urologiestation liegt, zumindest ein nettes Gespräch anzufangen. Aber nein, nichts, stattdessen kam sie nach dem Putzen ins Zimmer und wollte jedem Patienten ein Wasser geben. Der Opa nahm eins, Herr Schröck lehnte ab und ich natürlich auch. So verschwand sie wieder, und ich würde sie frühstens Morgen wieder sehen. *seufz*

12 Uhr - Mittagszeit. Was es gab, weiß ich nicht mehr, aber ich maulte wohl mal wieder ein bißchen herum, denn der alte Opa meinte plötzlich, daß das Essen im Gegensatz zu dem, was er im Gefangenenlager bekommen hätte, gar nicht so schlecht wäre. Ich hörte auf und fragte "Äh...während des Krieges ?" - "Ja." - "Bei den Russen." - "Nein." Herr Schröck meinte dazu "Das hätte er nicht überlebt." Ein paar haben es ja doch überlebt; hätte ja sein können. Also war er ein Gefangener der Amerikaner gewesen, 8 Jahre lang, und dann faselte er noch etwas über Hitler und dann war das Gespräch leider beendet. Das wäre für mich nun wirklich mal interessiert gewesen, was er über die Zeit alles hätte erzählen können. Aber da fragt man natürlich nicht nach, vorallem wenn er da Erinnerungen besitzt, die er lieber nicht neu aufleben lassen möchte. Ich löffelte mein Kompott aus, nahm meine Teetasse und setzte mich auf mein Bett. Plötzlich drehte sich der alte Mann zu mir um und lächelte mich an, warum auch immer. Ein sehr merkwürdiger Moment.

Kurze Zeit später wurde ich plötzlich von zwei Wespen angefallen, die es wirklich auf mich abgesehen hatten. Während ich durch das Zimmer rannte und versuchte sie abzuwimmeln, sprang plötzlich Herr Schröck aus seinem Bett und klopfte eine mit seinem Schuh in der Luft tot, während er die andere aus dem Fenster verscheuchte. Äußerst beeindruckend. Da merkt man eben, wenn einer aus einer dörflichen Region kommt. Der weiß mit solchen wilden Tieren umzugehen, während ich als Stadtkind da völlig hilflos bin.

Der Nachmittag verstrich reichlich unspektakulär. Herr Schröck verließ immer öfter sein Bett, um sich zu bewegen, und wurde auch immer redseeliger. Und weil man sich mit dem Opa nicht wirklich unterhalten konnte, war ich sein ausgewählter Gesprächspartner. War mir ganz recht, denn mir ging es ja auch wieder besser und dann kommt einem so ein öder Krankenhausnachmittag sehr viel länger vor, als er eigentlich ist. Da hilft diese Art von Ablenkung durchaus. Der Opa wollte auch irgendwann mal was sagen und fragte: "Na, wer hat Punkte in Flensburg ?". Herr Schröck: "Ich habe keine.", ich: "Auch keine, fahre aber auch fast nie.", Opa: "Null ! Und ich fahre schon seit 130 Jahren." Könnten auch weniger Jahre gewesen sein, weiß ich nicht mehr so genau. Damit war dieses Gespräch auch schon wieder vorbei.

Irgendwann merkte ich, daß der Opa aufstehen wollte, sich es aber doch auf Grund seiner Schmerzen anders überlegte. Ich fragte, ob ich helfen könnte - er hätte gern ein Wasser gehabt, also holte ich ihm eine Flasche. Jeden Tag eine gute Tat, das ist mein Motto, auch wenn ich normalerweise nur mir selbst täglich etwas Gutes tue. Aber nun war halt mal ein Fremder dran, und ich mußte mir auch keine Sorgen machen, daß ich dadurch zu Opas bevorzugtem Helferlein werden würde; man kennt das ja, einmal hilfreich, und schon wenden sich die alten Leute bei jedem Problemchen sofort wieder an die gleiche Person. Aber das konnte mir nicht passieren, denn der Opa würde morgen schon das Krankenhaus verlassen.

Als ich mir später mal wieder eine neue Portion URO-Filter von einer Schwester geben lassen wollte, denn selbst durfte ich mir Dinger nicht aus dem frei zugänglichen Regal nehmen, traf ich auf die andere, junge hübsche Schwester. Die war mir schon Ende letzter Woche aufgefallen, aber da hatte ich andere Sorgen gehabt. Nun hatte ich aber doch mal etwas mehr Zeit, sie zu mustern. Ebenfalls eher der zarte Typ, und sicherlich hübscher als die traurige, junge Schwester. Hätte ich aber auf jeden Fall auch nicht von der Bettkante geschubst, wenn sie denn mal des Nachts ins Zimmer gekommen wäre, um sich auf meine Bettkante zu setzen. Aber das würde natürlich nicht passieren, denn sie war ja nicht für die Nachtschicht eingeteilt. "Und Sie können morgen nach hause ?" fragte sie mich, während sie mir die Pinkeltüten in die Hand drückte. Ich stutzte. "Naja, eigentlich war ja noch eine zweite ESWL geplant..." - "Oh, na ich dachte, ich hätte da etwas gelesen. Ich kann ja nochmal nachschauen." - "Ja, das wäre nett. Würde mich auch interessieren." sagte ich und die Schwester verschwand. Hmm...was hatte das zu bedeuten ? Hatte man auf der Röntgenaufnahme, die heute angefertigt wurde, gesehen, daß da keine Steine mehr waren, und so schon mal notiert, daß ich morgen gehen könnte ? Wie bereits erwähnt wußten das ja die Schwestern hier meistens früher, als der Patient. Oder hatte die junge Schwester, die mir so schon etwas schusselig vorkam, mich einfach mit dem Opa aus meinem Zimmer verwechselt, der ja auf jeden Fall morgen gehen würde ? Ach, es hatte keinen Sinn, sich das Hoffnungen zu machen. Natürlich war morgen die zweite ESWL.

Dennoch blieb etwas Restunsicherheit, sodaß, als die schusselige Schwester mit einer anderen das Abendbrot vorbeibrachte, ich sie fragend anschaute. "Oh...ich habe vergessen, nachzuschauen." sagte sie zu mir. Wie überraschend. "Ach, macht nichts." sagte ich. Verständnisvolle Männer kommen doch bei Frauen gut an, da kann ich ja nicht sagen "War mir schon klar, daß Du das vergessen hast, Du Trantüte !". Wenig später schaute sie noch einmal vorbei und meinte zu mir "Ich habe nachgeschaut, Sie müssen doch noch hierbleiben." - "Ja, wie ich es mir dachte." antwortete ich.

Inzwischen war der Opa zurückgekehrt. Keine Ahnung, wo er gewesen war, aber er erzählte davon, daß bald ein Arzt vorbeikommen würde, der im Urlaub war, und sich nun heute Abend nochmal alle Patienten anschauen wollte - das hatte ihm dieser Arzt im Gang erzählt. Gespannt wartete ich nun auf diesen ominösen Doktor, den ich ja wahrscheinlich noch gar nicht kannte. Vielleicht war das ja einer von diesen verschrobenen, brillanten TV-Ärzten. Kommt rein, schlägt mir auf die Niere und meint "So, ihre Steine werden in den nächsten Stunden abgehen und morgen können Sie nach hause. Und...Oh, Moment, was ist denn das da oben an der Decke ? *RATSCH* Reingelegt ! Ich habe Ihnen gleich noch schnell den Pigtail rausgezogen, damit Sie nicht nochmal hier her kommen müssen. Alles Gute !". Solche Ärzte gibt es viel zu selten. Ich möchte gar behaupten überhaupt nicht. Aber vielleicht gab es ja zumindest Einen, und der würde jetzt bestimmt durch die Tür kommen. In dem Moment öffnete sich die Tür und...der unauffällige Arzt kam herein. Äußerst enttäuschend, und auch merkwürdig, weil den hatte ich ja doch noch Sonnabend früh zur Visite gesehen. Sonnabend Nachmittag-Sonntag-Montag Früh...was die Ärzte so als Urlaub bezeichnen ! Sind scheinbar doch ärmere Schweine, als man manchmal denkt. "Wie sieht denn Ihre ph-Wert-Tabelle aus ?" fragte er mich, und ich zuckte mit den Schultern. "Sie haben keine Teststreifen und keine Tabelle bekommen ?" - "Nein." - "Das ist aber gar nicht schön !" meinte er und ich dachte schon, ich hätte ein Déjà-vu, aber den Satz hatte er ja tatsächlich schon einmal gesagt, als er mich vor ein paar Tagen gefragt hatte, was die Urinfilterei so macht und ich ebenfalls vollkommen ahnungslos war. "Dann gehen Sie jetzt mal bitte zu einer Schwester und lassen sich die ph-Teststreifen samt Tabelle geben !". Ich nickte und ging zu einer Schwester, um eben das zu tun, was mir der unauffällige Arzt befohlen hatte. Als ich wieder ins Zimmer kam, unterhielt sich dieser Arzt gerade mit dem Opa, der plötzlich meinte "Das hatte mir irgendjemand gegeben..." Darauf der Arzt mit leicht genervtem Ton "Ja, das war ich !". Ich mußte lächeln. Scheinbar war ich wirklich nicht der Einzige, der Probleme hatte, diesen Arzt im Gedächtnis zu behalten.

Nachdem man uns nach 20 Uhr die Schlaftabletten gebracht hatte, warf ich Selbige auch gleich ein, denn Herr Schröck war nach seiner ganzen Herumlauferei im Zimmer und im Gang erschöpft, und der Opa wollte auch schon schlafen, sodaß ich 21 Uhr aus Kulanzgründen den Fernseher ausschaltete. Morgen kam hoffentlich ein Patient in unser Zimmer, der gern bis spät Abends Fernsehen schauen würde.

17.08.2006 um 05:46 Uhr

Das Bethanienkrankenhaus - Folge 3: Frühling Teil 2

von: Solus

Dienstag:

Nachdem ich halbwegs wach war, kontrollierte ich erst einmal unauffällig meine Hose. Ich hatte da in der Nacht so einen Traum gehabt...also in meiner Jugend hätte ich danach eine neue Hose gebraucht. Diesmal nicht, alles trocken. Und bevor jetzt hier falsche Theorien aufstellt werden - nein, ich bin kein Bettnässer, der von Wasserfontänen und gewaltigen Wasserfällen geträumt hat. Es geht um das andere...also das ganz andere. Und mir wurde klar, daß ich so langsam dringend hier wieder raus mußte. Mein Körper fährt ja glücklicherweise meine Libido immer herunter, wenn es mir schlecht geht. Nur mir ging es nicht mehr schlecht, und nach meinem Hübsche-Schwestern-Angucken gestern und dem Traum letzte Nacht war mir klar, daß da nun gewisse, körperliche Prozesse in Begriff waren, wieder auf ein altes Leistungsniveau zurückzukehren, und somit könnte es für mich hier langsam etwas unangenehm werden, denn in so einem Krankenhaus kann man ja nichts dagegen unternehmen, vorallem auch nicht in der nötigen Quantität. Also war eines klar: Heute schnell die ESWL hinter mich bringen, den Mittwoch auch noch überstehen und dann würde es ja wohl endlich an der Zeit sein, mich zu entlassen. Anders ging es gar nicht.

Zur Visite kam wieder der unscheinbare Arzt zusammen mit dem Assistenzarzt herein und tat etwas ganz merkwürdiges. Er gab mir und auch den anderen Patienten die Hand und war auch so fürchterlich freundlich. Er wirkte plötzlich ganz und gar nicht mehr unscheinbar. "So, nachher die zweite ESWL. " sagte er, "...und dabei wird ja auch geröntgt, sodaß wir auch gleich mal einen Überblick haben, wie es in Ihrer Niere aussieht." Aha, interessant. Vorallem der zweite Satz, denn warum zum Teufel hatte man mich denn da gestern extra noch einmal zum Röntgen geschickt ? Die schienen sich die Aufnahme gar nicht angeschaut zu haben, wohl vorallem, weil sie völlig nutzlos war. Wenn das die Krankenkasse wüßte...

Das Frühstück lehnte ich diesmal komplett ab, denn wenn es mir wieder schlecht werden würde, war es sicherlich von Vorteil nichts im Magen haben. So saß ich nun auf dem Bett und wartete darauf, daß man mir bescheid sagen würde. Immer wieder schaute ich auf die Uhr; 9 Uhr, 10 Uhr - um die Zeit war ich letzte Woche schon lange drangewesen. Aber der Arzt hatte ja "nachher" gesagt, also mußte es ja gleich soweit sein. Der alte Opa hatte inzwischen seine Sachen gepackt und ein Taxi für sich rufen lassen. Kurze Zeit später wurde er gebeten, im Aufenthaltsraum zu warten, weil schon der nächste Patient vor der Tür stand; ein überraschenderweise alter Mann, bei dem gleich für heute schon eine Biopsie an der Prostata geplant war. Der Arzt hatte über mehrere Tests hinweg bei ihm schlechte Blutwerte festgestellt, sodaß der Verdacht auf Prostatakrebs bestand. Als er das erzählte, sah man die Angst in seinen Augen. Ja, so beschissen das mit meinen Steinen ist, nach der Bekanntschaft mit Herrn Nierenkrebs von gegenüber und wahrscheinlich diesem Prostatakrebskandidaten kam mir mein Problemchen inzwischen durchaus etwas weniger problematisch vor. Das Schlimmste war ja bei mir sowieso schon vorbei. Nur noch diese eine ESWL und schon...apropos, wann war es denn nun endlich soweit ?!

Ungeduldig schaute ich immer wieder auf die Uhr. Inzwischen war es schon nach 11 Uhr. Die traurige, junge Schwester kam wie am Tag zuvor ins Zimmer und streichelte wieder sanft die Regale. Als ich sie gerade beobachtete, merkte sie das scheinbar und blickte zu mir, sodaß ich erst einmal wegschauen mußte, bis sie wiederum wieder woanders hin schaute. Dann wollte sie den Leuten im Zimmer wieder Wasserflaschen andrehen. Das machte sonst keine Schwester - entweder war ihr ihre Arbeit wirklich zu monoton, sodaß sie die Palette ihrer Tätigkeiten mit der Wasservergabe erweitern wollte, oder sie versuchte sich damit einzureden, daß Schwester sein auf der Urologiestation nicht nur widerliche Arbeiten umfasst. Ich lehnte natürlich wieder das Wasser ab, genauso wie das später servierte Mittagessen.

Kurz nach 12 Uhr ging dann endlich die Tür auf, der Pfleger kam herein und sagte, daß ich jetzt dran wäre. Ich atmete tief durch, schnappte mir mein Handtuch und meine Akten, und lief schweren Herzens in die Urologiestation. Kein leichter Gang, denn ich wußte ja diesmal, welch' schreckliche Foltereien mich erwarteten.
In der Urologiestation angekommen ging ich zu einer Schwester am Empfang und sagte: "Guten Tag, ich bin der Richter von Station 6 und komme zur Beschallung." - "ZUR WAS ?" fragte mich die Schwester. - "Na...zur Nierensteinzertrümmerung halt..." - "WAS ?! DAS KANN DOCH NOCHT WAHR SEIN !" Netter Empfang. "Ich hatte doch gesagt, daß ich anrufe, wenn wir soweit sind. Station 6 sagen Sie ?" - "Ja." Die Frau ging zum Telefon und rief scheinbar bei meiner Station an, um die Leute dort vollzuschimpfen, daß sie mich geschickt hatten, obwohl ich noch gar nicht an der Reihe war. Da war wohl schon ein Patient von einer anderen Station unterwegs. "Ja...gut, erstmal wieder zurück. Ja, richte ich aus." sagte die Schwester und legte auf. "Hab's schon mitbekommen." sagte ich und ging. Wieder auf Station winkte mir von weitem ein sitzender Assistenzarzt aus dem Schwesternbereich zu und rief "Sorry, mein Fehler.". - "Kein Problem." antwortete ich und betrat leicht genervt mein Zimmer.
Das Warten dauerte also an. Irgendwie erinnerte mich das an diese Filme über die zu Tode verurteilen Verbrecher in den amerikanischen Gefängnissen, die auch gern mal auf den elektrischen Stuhl gebracht werden, obwohl sie noch gar nicht dran sind; nur aus reinem Spaß an der Qual. Und auch meine Qual dauerte noch an, bis gegen 13:30 Uhr die Tür wieder aufging und der Pfleger verkündete, daß ich nun wirklich dran sei. Ich griff zu meinem Handtuch, nahm erneut meine Akten entgegen und machte mich auf dem Weg. Diesmal war es also ernst.


Werde ich die zweite ESWL überleben ?
Liest hier eigentlich überhaupt noch jemand diesen langatmigen und auf mehrere Wochen verteilten Mist mit ?
Und warum gibt es jetzt plötzlich doch noch einen weiteren Teil, wo das doch schon das Finale sein sollte ?

Dies alles und mehr in der Nächsten Folge von "Das Bethanienirrenhaus".

07.08.2006 um 21:34 Uhr

Das Bethanienkrankenhaus - Folge 2: Schmerz und Enttäuschung

von: Solus

"Oh, die Niere ist voll. Es staut sich alles und kann nicht mehr abfließen. Da werden wir Ihnen wohl einen Pigtail einsetzen müssen..."
EINEN WAS ???
Der Assistenzarzt kramte eine Aufzeichnung hervor und erklärte, daß das ein Schlauch ist, der zwischen Niere und Blase eingearbeitet wird. An seinen Enden ist er gekringelt, damit er nicht verrutscht, und daher auch der Name "Pigtail". Dadurch könnte die Flüssigkeit in der Niere wieder abfließen. Mit dieser umfassenden Erklärung waren alle meine Fragen geklärt, also zumindest zu dem Zeitpunkt. Später hätte ich dann schon einmal gern gewußt, warum man nicht einfach den Harnleiter durchstößt, wenn da jetzt Gesteinsbrocken den Weg blockieren, oder warum man mir nicht gleich diesen Schlauch einsetzt, denn trinken sollte ich ja scheinbar weiterhin viel und wenn das aber wiederum nicht abfließen kann, ist das doch nicht gut, oder ? - das waren so die Fragen, die sich mir später stellten, zu dem Zeitpunkt war ich aber erst einmal gar nicht so sicher, was ich nun von der Idee dieses Assistenzarztes halten sollte, zumal er nicht so klang, als daß dieser Eingriff schon hundertprozentig feststehen würde.

Kurz nach dieser unschönen Nachricht mußte ich gleich zum Röntgen. Also ging ich wieder in das Haus mit der Anmeldung - diesmal durch eine Tür im Erdgeschoss, deren langer Gang dahinter mich ins Wartezimmer der Radiologie führte. Hier hatte ich ja schon einmal im Mai angerufen, als ich einen Termin für das Röntgen mit Kontrastmittel benötigte. Das wäre aber erst im August möglich gewesen; warum auch immer, denn soviele Kunden hatten die gar nicht. Entsprechend kurz mußte ich nur warten, bis ich dran war. Fünf Minuten später saß ich auch schon wieder draußen und kurz darauf wurde mir gesagt, daß ich wieder gehen könnte. Alles sehr unspektakulär.

Wieder im Zimmer schlug ich die Zeit mit Fernsehen tot. Irgendwann ging die Tür auf und ein operierter Herr Schröck wurde ins Zimmer gefahren. Er war zwar wach, aber noch benebelt und fühlte sich scheinbar so richtig scheiße, denn er strampelte ständig mit den Beinen, schlief dann äußerst unruhig, um später wieder herumzustrampeln. Ab und zu kam eine Schwester vorbei, um den Blutdruck und Puls zu messen. Diese modernen Herzschlagmesser, die piepen und grüne Zackenlinien anzeigen können, hatten die hier scheinbar noch nicht. Zwischendurch gab es Mittagessen; panierter Fisch mit Reis und Currysoße, überraschend exotisch für eine Krankenhausmahlzeit und gar nicht so schlecht.
Als nächstes versuchte ich eine Schwester zu finden, um ihr mein Urinsieb zu zeigen. Bei der Visite am Morgen hatte nämlich der unscheinbare Arzt gefragt, ob ich denn schon etwas im Urinsieb gefunden hätte. Ich machte deutlich, daß ich gar nicht wußte, um was es überhaupt ging. "Das ist aber gar nicht schön !" schimpfte er, nicht über mich, sondern über die Tatsache ansich, daß mir keiner gesagt hatte, daß ich ab sofort immer in ein Sieb pinkeln muß, um mögliche Gesteinsbrocken abzufangen. Im Grunde war das natürlich jetzt sinnlos, denn nachdem ich gestern nach dem Harntreibemitteltropf bestimmt zehn Mal auf dem Klo gewesen war, gab es jetzt bestimmt nichts mehr in meinem Urin zu entdecken. Oder vielleicht doch, denn nachdem ich in den URO-Filter, übrigens von einem gewissen Erich Drehkopf erfunden, der scheinbar darauf bestanden hat, daß sein Name in großen Lettern in jedem seiner Urinsiebe nachzulesen ist, meine urinale Notdurft verrichtet hatte, blieb da etwas Rotes hängen. Das mußte ich wahrscheinlich melden, und so stand ich mit dem Urinfilter in der Hand mitten im Gang und suchte eine Schwester. Stattdessen kam der unscheinbare Arzt zufälligerweise vorbei und fragte "Oh, Sie wollen mir wohl etwas zeigen ?" Ich kam mir vor wie ein kleines Kind, daß seinen Eltern zeigen möchte, was für eine schöne Wurst es ins Töpfchen gemacht hat. - "Ähm...nunja, dieses rote Stückchen da, ist das etwas..." Der Arzt blickte prüfend in den URO-Filter und meinte "Nein, das ist nur ein Blutschwämmchen. Aber das dort...das könnte etwas sein. Sagen Sie mal einer Schwester bescheid, damit sie das herausfischt." Mit diesen Worten verschwand er und ließ mich verwundert zurück, denn auf was er da gedeutet hatte, war nichts anderes als kleines, nasses Fussel. Das sah doch jeder ! Aber nun gut, wenn er meint. Ich ging zum Schwesternzimmer und sah durch die Scheibe, daß die Schwestern gerade am Tisch saßen und zu Mittag speisten. Ich signalisierte einer Schwester, daß sie mal kommen sollte, aber die ignorierte mich gekonnt, so wie der Rest des Haufens. Ich stand noch etwa eine Minute vor der Scheibe, dann dachte ich mir, da es sich sowieso nur um ein Fussel handelt, lassen wir diese ganze Aktion lieber mal komplett sein. Also wieder zurück ins Zimmer und den URO-Filter zu den anderen URO-Filtern in den Müll geworfen.

Am Nachmittag wurde Herr Schröck langsam etwas klarer im Verstand, aber nur langsam, denn als die Schwester mal wieder da war, um nachzuprüfen, ob er noch lebt, wollte er plötzlich aufstehen, um auf Toilette zu gehen. Die Schwester mußte ihm mehrmals laut erklären, daß da zwei Schläuche waren - ein Kadeter und ein Schlauch, aus dem das Blut abfloß. Er brauchte und durfte also noch nicht aufstehen. Als nächstes verlangte er von der Schwester ein schönes, umfangreiches Mittagessen. Kein Mensch hat nach einer OP normalerweise Hunger, aber er scheinbar schon. Die Schwester erklärte ihm, daß es jetzt zwei Tage lang nur Nahrung aus dem Tropf geben würde, dann dürfte er mal einen Tee trinken und in vier Tagen könnte dann so langsam mit Schonkost angefangen werden. Fand er gar nicht gut.

Der Rest des Tages verlief wieder äußerst unspektakulär. Ich filterte brav meinen Urin, oder wie auch immer man diese blutige Brühe nennen möchte, und schaute Fernsehen. Weil Herr Schröck noch Ruhe brauchte, machten wir schon mal etwas eher Schluß, so nach 21 Uhr.

Sonnabend:

Schmerzen, abgrundtief-schreckliche Schmerzen in meiner linken Niere rissen mich nach und nach aus dem Schlaf.  Es war mitten in der Nacht, irgendwann nach um 3 Uhr, und ich lag im Bett und krümmte mich vor Schmerzen. Es fühlte sich an wie eine dieser schlimmen Nierenkoliken, die ich in den letzten Wochen ab und zu schon gehabt hatte, nur irgendwie schlimmer. Und sie wollten nicht aufhören. Nach 20 Minuten schleppte ich mich raus zum Schwesternzimmer, wo ich auf den Nachtdienst-Pfleger traf, der früh um 5 Uhr immer die Urinbeutel leert. Ich schilderte ihm mein Leiden und er gab mir eine Schmerztablette. In den nächsten 20 Minuten lag ich wieder in meinem Bett und wurde immer verzweifelter, weil es nicht besser wurde. Also wieder raus zum Pfleger, der mich bat, wieder ins Bett zu gehen. Er würde gleich zu mir kommen. Das tat er auch kurze Zeit später, machte wahrscheinlich Licht und gab mir eine Spritze, die mich innerhalb weniger Minuten wieder in einen ruhigen Schlaf versetzte.

Als ich morgens wieder aufwachte, waren die Schmerzen verschwunden. Wieder kamen die Bettenfrauen und die Putzfrau zehn Minuten später als am Tag zuvor. Irgendwie seltsam, daß die hier keinen festen Zeitplan hatten. Zur Visite, die ebenfalls zehn Minuten später stattfand, meinte der Arzt mit ernster Mine, daß das angestaute Wasser in meiner Niere für die Schmerzen verantwortlich war und da jetzt unbedingt ein Pigtail gelegt werden müsste. Nach den ganzen Schmerzen war mir jegliche Hinterfragerei vergangen und so ergab ich mich meinem Schicksal. Irgendwann zwischen 9 und 10 Uhr wurde mir bescheid gesagt und ich lief wieder mit meinen Akten unter dem Arm in das altbekannte Haus zur altbekannten Urologiestation. Dort erwartete man mich schon und brachte mich erst einmal in anderes Zimmer. Eine etwas ältere Ärztin versuchte dort ihren Computer zum Laufen zu bringen, um sich die CD mit den Kontrastmittelröntgenaufnahmen anzuschauen. Ging aber nicht, sodaß sie wieder rausstürmte und mich für 10 Minuten allein ließ. Dann kam sie wieder, und so wie es herausklang, hatte sie es auch an diversen anderen PCs nicht geschafft, wollte aber jetzt trotzdem anfangen. Ich wurde zu einer Umkleidekabine geleitet und sollte dort sämtliche Hosen ausziehen. Mein T-Shirt konnte ich anlassen. Dann betrat ich den Behandlungsraum und wurde von einer zweiten, älteren Ärztin freundlich angewiesen, mich auf den Metalltisch zu legen. Daran befestigt waren zwei Halterungen, in denen ich meine Beine legen mußte, die dort verankert wurden. So lang ich nun auf diesen Tisch wie eine Schwangere bei der Entbindung. Als die beiden Ärztinnen darüber berieten, welches Schmerzmittel sie mir verpassen sollten, warf ich ein, daß Dipidolor eine gute Idee wäre, weil ich das andere Mittel nicht vertragen habe. Also befand sich diesmal ein hoffentlich besseres Mittelchen in der Spritze, die wieder an meiner Kanüle befestigt wurde. Während die Frauen den gesamten unteren Bereich mit Papier verkleideten, schaute ich auf die Uhr. Es war gerade 10 Uhr geworden und ich dachte mir "Boah, Scheiße ! Aber spätestens in einer Stunde hast Du das alles hinter Dir !".

Das Schmerzmittel war inzwischen gespritzt denn die eine Ärztin kündigte nun an, daß es losgänge. Und wie es losging, vorallem in Sachen Schmerzen, denn wie man sich vielleicht vorstellen kann, tut es möglicherweise doch trotz Mittelchen etwas weh, wenn ein dicker, ewiglanger Schlauch voller Wucht durch die enge Harnröhre samt diverser Schließmuskeln gerammt wird. Während dieser ersten, grausamen zwei Minuten habe ich, glaube ich, auch dezent geschrien, dann ließ der Schmerz glücklicherweise etwas nach und veränderte sich auch, denn der Hauptschlauch war nun drin, nur mußten sie, um damit arbeiten zu können, meine Harnblase ständig mit Wasser vollpumpen. Und das ist dann ein Schmerz, den man wahrscheinlich auch haben würde, wenn man einfach mal eine Woche lang nicht auf Toilette geht. Klingt jetzt nicht so schlimm, ist es aber. Wenigestens konnte ich dank einer Minikamera auf einem Monitor über mir den langsamen Gang durch meinen Harnleiter mit beobachten und war so etwas abgelenkt.
Dummerweise gab es nun bald ein kleines Problem. Die beiden alten Ärztinnen, die da nun schon eine halbe Stunde an meinem Penis herumgefummelt hatten, kamen langsam ins Schwitzen, weil sie den Pigtail scheinbar nicht in meine Niere hineinbekamen. Äußerst verärgert nahm ich die Nachricht auf, daß sie den Pigtail wieder herausziehen und es mit einem Härteren versuchen müßten. Ich bekam noch mehr von dem Schmerzmittel gespritzt, das wahrscheinlich schon irgendwie wirkte, nur nicht gerade so, daß man überhaupt nichts mehr spüren würde. Die beiden alten Frauen versuchten nun in den nächsten dreißig Minuten erneut, den Pigtail durch einen scheinbar vorhandenen Knick in meinem Harnleiter zu bekommen. Leider erfolglos. Einen Kommentar über Frauen und Einparken ersparte ich mir, zumal den beiden nun demütigenderweise nichts anderes übrig blieb, als einen Kollegen um Hilfe zu rufen. Dieser freundliche Mann erschien schon bald und erklärte mir, daß er nun mit ein paar Tricks versuchen würde, den Pigtail durch den Knick zu manövrieren. Ich schaute an die Uhr - kurz nach um 11 Uhr, von wegen "In spätestens eine Stunde hast Du das alles hinter Dir !". So einfach, wie sich das der Arzt vorgestellt hatte, war es leider trotzdem nicht. Eine viertel Stunde später hatte er es immer noch nicht gepackt. Die Ärztin meinte besorgt, daß das gesamte Schmerzmittel in der Spritze aufgebraucht sei, während plötzlich der Chefarzt das Zimmer betrat und sich erkundigte, was denn hier los sei. Dann tupfte er mir sorgvoll mit einem nassen Lappen den Schweiß von meiner Stirn und sagte zu mir, daß er das mitfühlen könnte, weil er neulich auch einen sehr unangenehmen Eingriff überstehen hätte müssen. Die eine Ärztin fragte vorsichtig nach, ob das auch so eine Schlauch-in-Penis-Sache gewesen ist und er verneinte, zusammen mit der Andeutung, daß es sich um eine Schlauch-in-Anus-Sache gehandelt hat.
Nach ein paar weiteren, schlimmen Minuten, die aber für mich halbwegs verträglich erschienen, weil ich ja nun ordentlich mit Schmerzmittel vollgepumpt war, kamen endlich die erlösenden Worte des Arztes, daß er den Schlauch nun drin hatte. Das Rausziehen des Hauptschlauches tat noch einmal ziemlich weh, dann war der Spuk vorbei. Nachdem man die Beinfesseln entfernt hatte, taumelte ich langsam in die Umkleidekabine und von ins Wartezimmer. Ein Zivi würde gleich kommen und mich abholen.

Nach dieser ein-einhalb-stündigen Folter ersparte man mir wenigestens das Laufen, sodaß ich mit einem Rollstuhl wieder in mein Zimmer gefahren wurde. Dietergünther meinte, daß das Mittagessen schon vorbei wäre und ich einer Schwester bescheid sagen müßte, um meine Portion zu bekommen. Aber das Letzte, was ich nun wollte, war essen. Stattdessen lief ich langsam in den Aufenthaltsraum, nahm mir eine Kanne und brühte mir einen Kamillentee auf. Der Arzt hatte gegen Ende irgendetwas gesagt, daß meine Niere völlig entzündet wäre, da war es sicherlich das Beste, erstmal nur Tee zu trinken. Und Kamille soll ja entzündungshemmend wirken. Er hatte übrigens auch noch gesagt, daß der Schlauch bis Weihnachten da drin bleiben könnte, und auf meine Frage, was ich denn so beachten müßte, meinte die eine Ärztin "Viel trinken !", während die andere Ärztin fast zeitgleich "Das sagen wir ihnen dann." anwortete. Wie mir nur so langsam auffiel, hatte mir hinterher niemand mehr irgendwelche Instruktionen gegeben. Da mußte ich wohl noch mal jemanden fragen.

Wieder im Zimmer saß ich auf dem Bett und schaute zu Herrn Schröck, der sich gerade aufrichtete und scheinbar Schmerzen hatte. "Wenn Sie irgendwie Hilfe brauchen, sagen Sie einfach bescheid." sagte ich zu ihm und er antwortete "Sagst DU bescheid." Das war dann wohl das Du-Angebot. Kurze Zeit später kam eine Schwester herein ich bekam wieder einen Harntreibe-Tropf angehängt, dabei war ich so müde und wollte eigentlich schlafen. Stattdessen lief ich nun wieder ständig aufs Klo und als das vorbei war, hielt mich ein neues Problem davon ab, etwas zu schlafen. Dieses ganze Schmerzmittel sorgte dafür, daß meine Augen Probleme hatten, lange einen Punkt zu fixieren. Und das wiederum war nicht gut für mein kaputtes Gleichgewichtsorgan. Mir wurde es langsam schlecht, und dieses Gefühl konnte ich auch nicht mit Kamillentee wegspülen, sodaß ich letztendlich mehrfach brechen mußte.

Nachmittags ging es mir erst einmal wieder etwas besser, weil das Schmerzmittel nachließ. Damit kamen aber auch die Schmerzen zurück, sodaß ich die Schwester fragte, ob ich nicht eine Schmerztablette bekommen könnte. Die meinte "Ich schau mal nach." und verschwand. In dem Moment kamen meine Eltern zu Besuch, die aber zusammen mit dem Besuch von Dietergünther sogleich von der Schwester aus dem Zimmer gejagt wurde. "Und was wird das jetzt ?" fragte ich irritiert die Krankenschwester, die mit einer Spritze auf mich zukam. "Na Sie wollten doch ein Schmerzmittel, ODER ???" maulte sie. Ich nickte und wunderte mich, warum sie deswegen meine Eltern aus dem Zimmer gebeten hatte. So eine Spritze setzen ist ja nun wirklich nichts, was man nicht vor anderen Leuten machen kann. Nachdem sie fertig war, durften alle wieder ins Zimmer und wunderten sich ebenfalls darüber. Vielleicht hatte diese Schwester ja mal schlechte Erfahrungen gemacht und ist verklagt wurden, weil sie vor den Augen anderer jemanden eine Spritze gegeben hat. Dennoch sehr albern.

Kurz nachdem meine Eltern gegangen waren, ging es wieder los, mit dem Brechen. Dank des gespritzten Schmerzmittels war das Augenproblem zurückgekommen, sodaß ich bis zum späten Abend mehrere Kotzbeutel füllte. Natürlich kommt ja irgendwann nur noch Magensaft, aber davon war scheinbar in meinem Magen reichlich vorhanden. Das Abendbrot lehnte ich dankend ab, sodaß ich an diesem Tag im Grunde gar nichts zu mir genommen hatte. Wenigstens würde ich so einmal etwas von meinen 5 Kilo Übergewicht verlieren.

07.08.2006 um 21:32 Uhr

Das Bethanienkrankenhaus - Folge 2: Schmerz und Enttäuschung Teil 2

von: Solus

Sonntag:

Und wieder früh alles zehn Minuten später. Wenn die so weitermachen würden, wären das hier bald ganz humane Zeiten. Früh um 10 Uhr aufstehen, um 11 Uhr Betten machen, eine Stunde später Visite und um 13 Uhr gleich Mittagessen. So läßt sich's leben. Aber davon war man noch etwas entfernt, wenn gleich gar nicht mal soviel, denn Sonntags liegt so ein Krankenhaus ja schon im Koma. Nur wenig Krankenschwestern da, Ärzte gleich gar keine und die Patienten liegen allesamt ruhig in ihren Betten und dösen vor sich hin. Vorallem Zweites führte dazu, daß man einen vollkommen fremden Arzt irgendwoher organisiert hatte, der erst gegen 10 Uhr gemeinsam mit einer Schwester die Visite bestritt, und das auch nur in Kurzform. "Wie geht es Ihnen ?" - "Gut." - "Fein. Auf zum nächsten Patienten." Dabei hatte ich eigentlich gelogen, als ich seine Frage mit "Gut" beantwortete, denn seit dem frühen Morgen ängstigte mich ein völlig neues Problem: Es kam fast nichts mehr raus, unten. Ich hatte innerhalb einer halben Stunde eine ganze Kanne Kamillentee hintergeschüttet, nur als ich dann auf Toilette ging, platschte nur eine geringe Menge in den URO-Filter, die fast wie reines Blut aussah. Da war sicherlich nicht normal. Warum mir das zum Zeitpunkt der Visite nicht erwähnenswert schien, weiß ich retrospektiv betrachtet gar nicht mehr so richtig. Wahrscheinlich wollte ich erst einmal schauen, ob sich das wieder von allein gibt. Es konnte ja sein, daß nach der Brechorgie am Tag zuvor mein Körper die gesamte Flüssigkeit dafür verwendete, die Wasservorräte des Körpers wieder aufzufüllen. Nur nachdem ich während der nächsten Stunde eine weitere Kanne Kamillentee vertilgt hatte und da immernoch nicht sehr viel herauskam, machte ich mir schon meine Sorgen. Also sagte ich gegen Mittag einer Schwester bescheid, die grummelnd fragte, warum ich denn bei der Visite nichts gesagt hätte. Ich spielte den Ahnungslosen - "wußte ja auch nicht, ob das was Schlimmes ist, aber nun wollte ich doch mal nachfragen..." und die Schwester verschwand, um wenig später mit einer typischen Krankenhaus-Pinkelflasche zu erscheinen. Ich sollte nun ab sofort nur noch da rein urinieren, damit man sehen konnte, ob die Menge in Ordnung ist. Das war sie ganz bestimmt nicht, aber wenn sie das unbedingt erst überprüfen wollten, anstatt meinen Worten zu glauben, dann eben ab sofort in die Urinflasche. War zumindest eine willkommene Abwechslung zum URO-Filter.

Als die Essensausgabefrau zum Mittag rief und ich sah, daß es Pilz-Gulasch gab, lehnte ich dankend mit einem "IIIIIH ! Ich nehme mal nur das Kompott." ab. Die Essensfrau konnte meine Reaktion seltsamerweise nachvollziehen und kippte sogleich eine andere Kompottschale in Meine, sodaß ich die doppelte Menge hatte. Das war wirklich nett. So bekam mein Magen doch noch etwas zu tun.
Am Nachmittag wollte ich mal wieder bei einer Schwester nachfragen, wie das denn nun mit meinem Ausscheidungsproblem sei. Die zuckte aber mehr oder weniger nur mit den Schultern und leerte meine Urinflasche. Ich sah mich schon wieder in der nächsten Nacht voller Schmerzen in meinem Bett liegen und die Welt verfluchen. Aber so schnell gab ich nicht auf. Als die Krankenschwestern das Abendbrot verteilten und ich gefragt wurde, ob es mir wieder besser ging, erzählte ich erneut von meinem Problem, wurde aber schon wieder ignoriert. Scheinbar dachten die alle, ich wäre wie diese ganzen anderen alten Leute, die ständig ein Wehwehchen haben und damit dann anderen Leuten auf den Sack gehen. Nach 20 Uhr kamen die Schwestern noch einmal herein, um die Schlaftabletten zu verteilen. Bei der Gelegenheit schilderte ich nun zum vierten Mal mein Problem und deutete dabei auf die Urinflasche. "Das ist alles, was heute rausgekommen ist." sagte ich, was nicht ganz stimmte, weil ja Nachmittags die Flasche schon mal geleert wurden war, aber dadurch wurde ich nun zumindest endlich ernst genommen - wenn man das denn so nennen will. "Sie haben doch bestimmt zu wenig getrunken ?" fragte die eine, jüngere Schwester und ich antwortete, daß ich heute über drei Kannen Tee getrunken hatte. Das fanden sie nun auch nicht so ganz normal und die junge Schwester schaute auf die Uhr "Es ist jetzt nach 20 Uhr, also ich rufe den Arzt nicht an...", die ältere Schwester schüttelte den Kopf, "Nein, also ich auch nicht."  War ich hier gerade im falschen Film ?! "Du kennst doch da so einen Griff, um die Blase zu überprüfen..." meinte die junge Schwester kichernd zur Alten, die weiterhin mit dem Kopf schüttelte. "Nein, das mache ich jetzt nicht. " sagte sie, überlegte kurz und murmelte dann "Na mal sehen...". Mit diesen Worten ließen mich beide allein. "Na sowas macht man doch nicht - vor den Patienten !" schimpfte DieterGünther in seinem Bett. Von seiner anfänglichen Euphorie, daß man hier gut behandelt werden würde, wie er mir ja am ersten Tag erzählt hatte, war scheinbar auch nicht mehr viel übrig geblieben. Ich hingegen wünschte mir nun schon fast, daß nun irgendetwas Schlimmes passieren würde, denn dann wären diese beiden Scherzkekse nämlich dran. Plötzlich ging die Tür auf und die ältere der Schwestern kam an mein Bett und drückte mir eine Tablette in die Hand. "Die nehmen !" befahl sie. - "Und was ist das ?" fragte ich, "Na nehmen sie nun erstmal die Tablette !" Warum tat diese Schwester so geheimnisvoll ? Was würde denn diese Tablette bewirken, als daß sie mir das nicht gleich sagen konnte ? War das vielleicht Zyankali, weil jegliche Rettung zu spät kam und mir nur noch der Gnadenschuß half ? Irgendetwas stimmte hier doch nicht !!!

Was bewirkt die geheimnisvolle Tablette ?
Muß ich vielleicht noch operiert werden ?
Und überhaupt - wann zum Teufel komme ich endlich wieder aus dem Krankenhaus heraus ?!

Dies alles und mehr in der letzten Folge von "Das Abu-Ghraib-Kranken...nein, moment...Das Bethanienkrankenhaus".

01.08.2006 um 15:00 Uhr

Das Bethanienkrankenhaus - Folge 1: Erwartungen

von: Solus

Mittwoch:
Um 11 Uhr sollte ich mich im Anmeldebereich des Bethanien-Krankenhauses einfinden. Ein recht später Termin, sodaß ich auch gleich in die Kabine zur Anmeldefrau gehen konnte, die mir die üblichen Fragen stellte. Ich mußte diverse Formulare unterschreiben, bekam einen Kugelschreiber geschenkt und schon ging es zur Voruntersuchung. Blut, Urin, EKG. Letzteres wurde von einer äußerst hübschen, jungen Schwester durchgeführt, die auf Grund meines Nachnamens, Richter, sich mit einer anderen Schwester über häufige Nachnamen unterhielt und meinte, daß meiner sehr häufig wäre, zumal sie ja selbst so heißen würde. Leider konnte ich dieses unheimlich interessante Gespräch nicht weiter belauschen, weil so ein EKG ja recht schnell gemacht ist. Also wieder raus, aus dem EKG-Raum, und rein zu einem netten Arzt, der mir in den nächsten 20 Minuten ausführlich die Funktionsweise eines ESWL-Gerätes erklärte, sowie die aufregende Geschichte erzählte, wie ein Bundeswehrsoldat zusammen mit einem Professor 1981 auf die Idee gekommen war, mit Schall zu arbeiten.
Nach diesem unterhaltsamen Vortrag mußte ich mir nur noch im Foyer eine Karte aus dem Automaten herauslassen, um Fernsehen und Telefonieren zu können. Sofort kam eine alte Frau angewirbelt, wahrscheinlich eine Nonne, denn das Bethanien-Krankenhaus ist eine evangelische Institution, wenngleich man darauf verzichtet hat, kirchliche Mitarbeiter zu kennzeichnen. Aber das war bestimmt eine Nonne, die mir nun in dieser hyperdynamischen Home-Shopping-Manier die Funktionsweise des Karten-Automats, sowie die Möglichkeiten, die ich mit der Karte hatte, erklärte. Kannte ich ja alles schon von früheren Krankenhausaufenthalten, ist ja schließlich überall das gleiche Siemens-System, aber das beirrte sie gar nicht und wirbelte erst wieder davon, als ich meine Karte in der Hand hielt. 15 Euro waren da drauf und jeden Tag würden 1.80 Euro Nutzungsgebühr abgebucht. Ansich eine Frechheit, trotzdem mit "kostenlosem Fernsehen" zu werben, denn ohne Karte konnte man nicht nur nicht telefonieren, sondern eben auch keinen Fernseher anschalten und bedienen.

Aber egal, nun ging es auf die Station. Nummer 6 - im ersten Stock eines roten Backsteingebäudes, nicht weit von der Anmeldehalle entfernt. Dort stellte ich mich einer Schwester vor und wurde in Zimmer 9 geleitet. Ein Dreibett-Zimmer mit Toilette/Dusch-Raum. Ich hatte Glück, denn mein Bett befand sich auf der Seite mit der Toilette, also dort, wo sich nicht zwei Betten nebeneinander befinden. Das bedeutete, daß ich einen Fernseher für mich allein hatte. Meine Zimmergenossen waren, wie erwartet, zwei alte Männer. Der eine lag etwas erschöpft im Bett und hing auch noch an einem Kadeter, der andere war mobiler und wartete schon auf seine Entlassung am nächsten Tag. Natürlich wurde ich sofort gefragt, warum ich denn hier wäre, und entsprechend wurde mir dann auch mitgeteilt, was die anderen Zwei für Probleme hatten. Geschwüre an der Prostata, bei beiden, glückerlicherweise gutartig, und der aktivere Mann hatte sogar noch mehr Glück gehabt, denn auf Grund seiner kleinen Prostata konnte das Geschwür abeschabt werden. Dazu war nicht mal eine Vollnarkose nötig, sondern nur eine Spritze in der Nähe des Rückenmarks, nach der er sich für einige Stunden so fühlte, als wäre er querschnittsgelähmt. Beine vorhanden, aber nicht spür- und bewegbar, eine interessante Erfahrung für ihn. Der andere Mann mit Kadeter mußte hingegen operiert werden. Bei der Gelegenheit wurde ihm gleich noch ein Stein aus der Blase entfernt. Aber er war auch schon auf dem Weg der Besserung und morgen würde der Kadeter herauskommen.

Der Rest des Tages war pures Zeittotschlagen. Anstatt man die Patienten, deren Behandlung keine Vorbereitung erfordert, erst an dem Tag stationär aufnimmt, wenn es wirklich soweit ist, wird einem da völlig ohne Sinn dieser erste langweilige Tag zugemutet. Und der kostet natürlich auch - 10€ pro Tag knöpfen die einem ab, obwohl man befreit ist. Große Sauerei - wie auch das Essen an dem Tag. Kohlsuppe - die ich erst einmal komplett ablehnte, und zum Abendbrot Wurst mit integrierten Pilzen. Pilze - meine Totfeinde ! Aber es war ja zu erwarten, daß das Essen schlecht war, obwohl mir die anderen beiden versichert hatten, daß das hier alles großartig wäre; vom guten Essen bis zur professionellen Patientenbehandlung. Warum nun heute gerade das Essen so mies wäre, wüßte man auch nicht. Ich wußte es natürlich: Weil ich da war.

Donnerstag:
Früh um 5 Uhr wurde ich wach, als ein Pfleger das Zimmer betrat, um den Urinbeutel des Kadetermanns zu leeren. Bis dahin war ich so schon ab und zu in der Nacht aufgeweckt, denn natürlich war ich etwas aufgeregt und die Schlaftablette, die ich mir hatte geben lassen, schien zwar das Einschlafen ansich zu begünstigen, nicht aber den Schlaf. Nun also wieder wach und in einer Stunde würden schon die Schwestern zum Bettenmachen kommen. Da lohnte es sich nicht, noch großartig weiterzuschlafen. So hatte ich auch wenigstens Zeit, langsam munter zu werden. Nachdem sich der vitale, alte Mann gewaschen und sich auch der Kadetermann ins Bad geschleppt hatte, um sich etwas zu reinigen, kroch ich als Nächstes aus dem Bett. Für mich als hygienebewußter Mensch ein ungutes Gefühl, das Klo mit zwei fremden, alten Menschen zu teilen, aber in so einem Krankenhaus legt man ganz schnell derartige Vorbehalte ab.
Gegen 6 Uhr kamen die Schwestern der Frühschicht und schüttelten die Betten auf, eine halbe Stunde später betrat die Putzfrau das Zimmer und säuberte alles gründlich, denn eine weitere halbe Stunde später war Visite - mit Chefarzt. Zusammen mit der Stationsärztin, der Oberschwester und einem noch jungen, nach Arzt aussehenden Arzt standen sie vor meinem Bett und erzählten auch nichts Neues. Der Herr Richter hat einen Nierenstein und heute findet die ESWL statt. "Essen Sie nur etwas Leichtes zum Frühstück." ordnete die Stationsärztin an und ich nickte. Kein Problem, wo ich doch sonst überhaupt kein Frühstück esse, was in dem Fall etwas blöd war, denn dank des guten Brotaufstrichsortiments handelte es sich beim Frühstück noch um die beste Mahlzeit, die man auf der Station am Tag bekommen konnte.
Mir fiel auf, daß der gesunde Mann sich immer um den Kadetermann kümmerte, wenn der irgendein Problemchen hatte. Fast schon brüderlich, dieses Verhalten, oder gar ehelich, wenn der Mann liebevoll das Geschirr des Kadetermanns zusammen mit seinem auf dem Tisch ordnete. Da passte es ja, daß nun heute, wenn der gesunde Mann gehen würde, der Kadetermann vom garstigen Schlauche befreit werden würde. Und das passierte auch sogleich. Eine junge Schwester kam nach dem Frühstück herein und begann damit, auf dem Bett den Kadeter zu entfernen. Um dem armen Mann etwas Privatssphäre zu gönnen, lief ich eilig zum Fenster und schaute weit hinaus. Sein stoßhaftes Aufschreien konnte ich trotzdem recht gut hören, dabei hatte der gesunde Mann früh noch erzählt, daß das Rausmachen bei ihm gar nicht wehgetan hatte. "Das ist aber komisch, denn bei mir hatte es gar nicht wehgetan." stellte der gesunde Mann fest und man kam gemeinsam zu dem Entschluß, daß es wohl an der noch zu unerfahrenen, jungen Schwester gelegen haben mußte.

Während der nächsten Stunde wartete ich nun darauf, daß man mich zur Behandlung schicken würde, während mein Zimmernachbar seine Sachen packte und ebenfalls wartete, nämlich darauf, die Papiere für den Arzt zu bekommen. Vorher konnte er nicht gehen. Irgendwann nach 9 Uhr war es zumindest für mich soweit. Mit einem Handtuch und meinen Patientenakten unter dem Arm wanderte ich frohen Mutes in das Gebäude mit dem Anmeldebereich. Dort im ersten Stock, gegenüber einer schlecht besuchten Cafeteria, befand sich die Urologiebehandlungsstation. Ich ging zur Annahme, drückte einer Schwester meine Akten in die Hand, und kurz darauf wurde ich in eine Umkleidekabine geführt, in der ich mich komplett entkleiden sollte.
Nur mit dem Handtuch um meiner Hüfte betrat ich den Behandlungsraum, wo eine Krankenschwester samt molligen Azubi-Mädchen auf mich warteten. Ich kletterte auf einen Metalltisch, in dessen unteren Bereich ein Becken eingearbeitet war, und mußte mich so hinlegen, daß ich mit meinen Nieren in dieser Wanne lag. Die Schwester drückte mir einen Hodenschutz in die Hand. Beim Anlegen verrutschte dummerweise das Handtuch, sodaß das Azubi-Mädchen meinen Penis sehen konnte, der in dem Moment nicht sehr groß war. Aber nun gut, wahrscheinlich hätte es einen noch blöderen Eindruck gemacht, wenn er es in dem Moment gewesen wäre. Ich rückte mir wieder das Handtuch zurecht, dann legte mir die Schwester an die Ader auf meinem linken Handrücken eine Kanüle für das Schmerzmittel. Schmerzmittel ? Es hieß zwar, daß das etwas wehtun könnte, aber so schlimm würde das ja wohl nicht sein - dachte ich mir.

Inzwischen kam ein Arzt herein. Ich sagte "Guten Tag." und er antwortete trocken: "Wir haben uns heute früh schon mal gesehen.", darauf ich nachdenklich "Stimmt...". Es war dieser junge Arzt von der Visite, der mit seiner emotionslosen, unscheinbaren Aura bei mir keinen bleibenen Eindruck hinterlassen hatte. Er erklärte mir nun erst einmal, daß ich während der Behandlung flach und bewegungslos auf dem Tisch liegenbleiben sollte und auch nur flach atmen dürfte, denn er würde nur ab und zu röntgen, und dazwischen blind schießen. Wenn ich verrutsche, gängen die Schüsse daneben und könnten gesundes Gewebe verletzen. Ich nickte. Die Schwester, die inzwischen das Becken mit warmen Wasser füllte, sagte auch noch etwas und ich erfuhr, daß das nur die Erste von zwei Behandlungen war. Die Zweite würde in ein, zwei Tagen dann gemacht. Na toll, dabei hatte ich gehofft, in ein, zwei Tagen das Krankenhaus schon wieder zu verlassen. Hätte man mir beim Vorgespräch ruhig mal mitteilen können. Der Arzt schob mich noch etwas auf dem Tisch herum und ging dann in ein seperates Zimmer, von wo er erst einmal die Röntgen-Maschine bediente, die nun um den Tisch kreiste und ihm einen guten Einblick in meine Niere gewährte. Vorher hatte er mir noch einen Monitor in mein Sichtfeld gerollt, worauf diese Bilder scheinbar zu sehen waren. Viel konnte man nicht erkennen, aber das sollte wohl auch eher ein Akt der Transparenz sein, um den Patienten etwas zu beruhigen. Die Schwester hatte mir inzwischen mit einer Spritze, die an meiner Kanüle hing, etwas von dem Schmerzmittel in die Venen gepumpt. Ich spürte, wie eine Art Gelkissen aus der Wanne fuhr und meinen Rücken nach oben drückte. "So, jetzt kommt erst einmal ein schwacher Testschuss, damit Sie wissen, wie sich das anfühlt, und dann fangen wir an. Das werden dann am Ende 3000 Schüsse sein." 3000 ??? Plötzlich knallte es, ich spürte einen Schmerz und krampfte mich zusammen. "So, dann fangen wir mal an." meinte der Arzt und schon geschah wieder das, was eben passiert war, in periodischen Abständen, die geringer als eine Sekunde waren. Und das tat unglaublich weh, sodaß ich aufstöhnte. Der Arzt kam zu mir und fragte "Tut wohl sehr weh ?" - "Ja." hauchte ich. Er drückte noch etwas von dem Mittel in meine Ader und nörgelte "Hmm...das ist noch die geringste Stufe." dann ging er wieder zurück. Das Gerät lief inzwischen weiter und der Schmerz, inzwischen permanent vorhanden und in einer Intensität, die jenseits jeglicher Zumutbarkeit lag, hatten mich in eine Art Schockzustand versetzt. 3000 Schläge - das konnte noch ewig dauern, und auf diesen dumpfen Schmerz, der mich tief in mir drin quälte, war ich schlichtweg nicht vorbereitet gewesen. Ich spürte, wie es mir schlecht wurde und mein Kreislauf zusammenbrach. "Geht's soweit ?" fragte der Arzt aus seinem Zimmer und ich anwortete "Nein." Die Schwester war inzwischen angerannt gekommen, weil ich wohl auch nicht mehr gut aussah. Sie mutmaßte, daß ich das Betäubungsmittel nicht vertragen würde. Ich sollte beim nächsten Mal sagen, daß sie mir lieber Dipi (Dipidolor) geben sollen.

An den Rest dieser Behandlung kann ich mich nicht mehr komplett erinnern. Das Gerät lief auf jeden Fall unbarmherzig weiter. Ein Fenster wurde aufgemacht und ich wurde gefragt, ob es zu kalt wäre. Aber ich hatte in dem Moment andere Probleme. Schweiß tropfte permanent von meiner Stirn. -Ich soll nicht den Helden spielen !- wurde mir gesagt. Das Azubi-Mädchen fragte die Schwester, was das denn für ein Schmerz wäre. "Nicht so richtig stechen, eher wenn einem jemand ständig gegen das Schienbein tritt." war wohl die Antwort, vielleicht hat sie das mit dem Schienbein auch zu mir gesagt. Oder gefragt ? Dann wurde es dem jungen Mädchen scheinbar von meinem Anblick selbst ganz mulmig,  weil die Schwester das Radio anschaltete und sie in ein Gespräch verwickelte, um sie von mir abzulenken. Ab und zu sagte noch jemand "Bald geschafft." aber das war eine Lüge. Die letzten Minuten sind mir dann wieder klarer in Erinnerung, weil sich mein Kreislauf wieder stabilisierte und die Schmerzen...also erträglich oder aushaltbar wäre zuviel gesagt, aber das Betäubungsmittel hatte wohl inzwischen doch zumindest eine kleine Wirkung erzielt. Dann war endlich Schluß und nachdem ich noch kurz liegengeblieben war und mir den Hodenschutz vorsichtig entfernte, schleppte ich mich zurück in die Umkleidekabine und von dort auf eine Liege, um auf den Zivi zu warten, der mich in mein Zimmer zurückgeleiten sollte. "Geht ganz vielen so, weil sie alle etwas anderes erwarten." meinte die Schwester zu mir, während ich auf der Liege meine Gedanken sortierte.

Wieder im Zimmer legte ich mich erschöpft ins Bett und beobachtete den vitalen Mann, der immernoch da war und sich ärgerte, weil er noch keine Papiere bekommen hatte. Es hieß, daß man wohl sämtliche Schreibkräfte entlassen und durch Neue ersetzt hätte, die aber keinerlei Ahnung von den medizinischen Fachbegriffen hätten, sodaß es noch etwas dauern könnte. Da half es auch nichts, der Oberschwester 10 Euro für die Schwesternkasse in die Kitteltasche zu stecken.
Inzwischen hatte irgendjemand heimlich eine Tasche hereingebracht, die wohl dem neuen Zimmergenossen gehörte. Sie sah rot aus, und recht modern. Ich mutmaßte, daß der Neue ja vielleicht nicht ganz so alt sein könnte, was vorallem in der Hinsicht wichtig war, daß so nicht irgendein fernsehscheuer, alter Sack ins Zimmer käme, der um 8 Uhr Abends schlafen möchte.
Schon bald wußte ich genau bescheid, denn die Schwester samt eines fröhlich dreinblickenden, doch nicht mehr ganz so jungen Mannes betrat den Raum und die Schwester meinte: "Das hier ist der Herr Schröck..." und dann stellte sie uns ihm vor. Der hingegen staunte lieber erst einmal über das Zimmer und freute sich darüber, daß seine Tasche schon da war, daß er einen ganzen Schrank für sich hatte, daß da eine Toilette samt Dusche war, und er jeder Zeit vom Bett anrufen konnte. Die Schwester erklärte ihm noch, daß der Mann da am Tisch noch auf seine Papiere wartete und dann gehen würde. Der wiederum tat das, was er gestern schon mit mir getan hatte - nämlich fragen, warum man denn im Krankenhaus ist. In dem Moment verfinsterte sich für einen kurzen Augenblick die bis dahin fröhliche Mine des Neuen und er antwortete "Der Grund ist eigentlich nicht so schön: Ich habe Nierenkrebs und bekomme eine ganze Niere entfernt." Dann war er aber gleich wieder recht euphorisch und meldete fröhlich sein Telefon an. Irgendwas mußte mit dem nicht stimmen; der Tod wetzt hinter ihm seine Sense und er tut so, als wäre er auf einer Kaffeefahrt - meine erste Vermutung: Der Mann ist ein Christ ! Würde passen, denn Christen im Osten sind in der Regel naive Dauergrinser, und einige extremere Exemplare halten diese Fröhlichkeit sogar noch aufrecht, wenn sich der Krebs durch ihren Körper frisst. Wobei, unser Schulpfarrer ist an Krebs gestorben, und ein guter Freund, der damals im Krankenhaus seine Zivildienst machte, erzählte mir einmal, daß er ihn gesehen hätte. Er würde schrecklich aussehen und das doofe Dauerlächeln wäre ihm inzwischen vergangen. Also meine nächste Vermutung: Der Mann ist einfach ein bißchen doof.

Bevor das Mittagessen serviert wurde, Kassler mit Sauerkraut und Kartoffeln, ansich recht annehmbar, bekam der gesunde Mann endlich seine Papiere und verließ uns sogleich, nachdem er allen noch Alles Gute gewünscht hatte. Mit Hilfe einer scherzhaften Bemerkung über die Bibel samt dem Buch mit den biblischen Tageslosungen, die auf der Fensterbank verstaubt herumlagen, konnte ich inzwischen auch ausschließen, daß Herr Schröck ein Christ war. Dann war er also doch ein bißchen...einfach, vermutlich. Ich hatte ja noch genug Zeit, ihn genau zu analysieren.

Als sich Herr Schröck nach dem Mittag aufgemacht hatte, die Gegend zu erkunden, nutze der kadeterlose Mann die Gunst der Zweisamkeit und bot mir das Du an. "Ist doch viel schöner, vorallem wenn man auch mal einen kleinen Spaß untereinander machen will..." sagte er und ich nickte. Auf seinen Namen hatte ich dummerweise gar nicht so richtig gehört; Dieter oder Günther mußte es gewesen sein. Nach dem Mittagessen bekam ich von der Schwester einen Tropf angeschlossen, mit einer harntreibenden, schmerzlindernden Flüssigkeit. Die brachte mich überraschenderweise dazu, in der nächsten Stunde ständig auf's Klo zu rennen, und zwar in ständiger Abwechslung mit Dietergünther, der ja nun endlich selbst wieder die Sache in die Hand nehmen konnte, nur nun das Problem hatte, daß scheinbar die Blase nach einer Kadeterentfernung noch etwas Zeit braucht, bis sie sich wieder daran gewöhnt hat, sich nicht ständig entleeren zu können.

Der Rest des Tages verlief mäßig. Mir war es die ganze Zeit schlecht, wohl noch von dem Betäubungsmittel, und müde war ich, ohne richtig schlafen zu können. Am späten Nachmittag schauten meine Eltern vorbei und brachten Zitronenlimonade. Hier gab es ja sonst nur (Marken)-Wasser oder Tee. Zwar war das wohl, wie ich gehört hatte, alles sehr schön gemacht, weil man sich als Patient jederzeit selbst seinen Tee brühen konnte und dabei eine vernünftige Auswahl an Teesorten zur Verfügung stand. Nur ist das natürlich trotzdem eher Geschmacktssache, sich bei der schrecklichen Wärme den ganzen Tag mit heißem, kohlensäurelosen Tee vollzuschütten. Dann also lieber eine erfrischende Zitronenlimonade.

Zum Abendbrot gab es schon wieder irgendeine Wurst mit integrierten Pilzen. Der Essenzusammensteller schien ein Fable dafür zu haben. Aber ich hatte sowieso keinen Hunger und glücklichweise wurde man hier von den Schwestern nicht so genervt, wenn man kaum etwas aß. Als nächstes mußte ich leider hören, wie Herr Schröck sagte, daß er kaum Fernsehen schaut. Das könnte in den nächsten Tagen Abends für Probleme sorgen, denn man kann ja schlecht Abends allein den Fernseher laufen lassen, wenn die anderen beiden Zimmergenossen schlafen wollen. Der Ton kommt zwar durch den Kopfhöreranschluß des Siemens-Betttelefons, von dem man übrigens auch die Sender auswählt, aber wenn es nach 21 Uhr dunkel wird, stört das Licht des Fernsehens schon. Heute aber erst einmal nicht, denn Dietergünther wollte noch etwas in die Flimmerkiste schauen und so konnte ich das ebenfalls tun. Leider kam auf den acht verfügbaren Kanälen nur Mist, sodaß ich es am Ende meinen Gegenüber gleichtat und auf MDR schaltete. "Ein Fall für Escher" mit der Geschichte von einer OP, bei der im Patienten ein Lappen vergessen wurde. Kann ja mal passieren. Danach lief eine Themensendung über Zecken und Herr Schröck erzählte, daß er das alles kennt. Er selbst wurde vor vielen Jahren von einer Zecke mit einer Krankheit infiziert. Als er das erzählte, dachte ich ja erst, daß das sein merkwürdiges Verhalten heute erklären würde. Zeckenbiss, Hirnhautentzündung und seitdem hat er einen an der Klatsche.

01.08.2006 um 14:58 Uhr

Das Bethanienkrankenhaus - Folge 1: Erwartungen (Fortsetzung)

von: Solus

Diese Theorie mußte aber wieder verworfen werden, weil er sich doch mit der anderen typischen Zecken-Krankheit infiziert hatte, Borreliose. Während er das so erzählte, hatte man auch gar nicht mehr den Eindruck, daß er einfach gestrickt wäre. Vielleicht war er heute nur sehr aufgeregt und die Fröhlichkeit aufgesetzt gewesen, um die schlimme Operation zu verdrängen.

Freitag:
Irgendwie lief heute alles zehn Minuten später ab. Der Pfleger, der früh rein kam, obwohl es gar keine Kadeterbeutel mehr zu leeren gab, die Bettschwestern, die Putzfrau und die Visite. Diesmal ohne Chefarzt, aber dafür mit Assistenzarzt, der mich spontan an Stephen Lee erinnerte. Ich hätte das Schmerzmittel nicht vetragen, erklärte der unscheinbare Arzt der Stationsärztin, und dazu noch vegetativ reagiert. Wie man so ein traumatisches Ereignis doch so unspannend schildern kann... Ich müßte jedenfalls heute zur Ultraschalluntersuchung und zum Röntgen. Mehr stand nicht auf dem Programm.
Nach dem obligatorischen Marmeladenbrötchen, das ich mir hineinzwang - unter dem traurigen Blick des Herrn Schröck, der heute seine Niere entfernt bekam und scheinbar ein sehr guter Esser war, auch wenn er nicht so aussah, und der kurz darauf folgenden Abholung des fröhlichen Mannes, kam der Assistenzarzt herein und meinte "So, ich möchte Sie beide abholen, zum Frühsport ! ... Nein, nur ein Scherz. Aber kommen Sie beide mal bitte mit."
Er ging mit uns in ein anderes Zimmer, wo er mit seinem Ultraschallgerät zuerst Dietergünther untersuchte. Der hatte sich bei der Visite über Blut und Schmerzen beklagt, aber es war wohl alles in Ordnung. Als nächstes war ich an der Reihe. Auf die Bank legen, Oberkörper frei machen und sich vom Arzt mit Gel einschmieren lassen. Dann schaute er auf seinen Monitor, ließ mich einatmen, um ein Bild zu machen, und meinte: "Oh, die Niere ist voll. Es staut sich alles und kann nicht mehr abfließen. Da werden wir Ihnen wohl einen Pigtail einsetzen müssen..."
EINEN WAS ???

Was zum Teufel ist ein Pigtail und tut das weh ?
Ist die überflutete Niere nur der Anfang oder geht noch mehr schief ?
Und wird Herr Schröck seine Nierenentfernung überleben oder auf dem OP-Tisch sterben ?

Dies alles und mehr in der Nächsten Folge von "Das Bethanienkrankenhaus".