Soulsick & Skindeep

30.11.2008 um 23:56 Uhr

Rot

von: skindeep   Kategorie: Alice / Soma

Musik: Disturbed - I'm alive

Ich bin blind, meine Hände tasten über das Papier, das keines ist. Ertasten deine Worte, schräg und klein wären die Buchstaben, könnte ich dich schreiben sehen. Versuchen Dinge zwischen den Zeilen zu finden, die dort nicht sind. Keine Antwort auf stumme Fragen. Nichts. Ich male die Fragen mit roter Farbe und dickem Pinsel an die Wand, damit du nicht daran vorübergehen und mir Bedeutungslosigkeiten entgegenbringen kannst.
Never again. will I be dishonored.
Ich kann nicht sehen, unsere Bilder sind fort, so wie deine Worte, ich habe lange nicht mehr gelächelt. Es ist dunkel, irgendwo tropft es von der hohen Decke. Mein Herzschlag hallt durch den Raum, fällt zu Boden und bildet eine kleine Pfütze aus Lichtlosigkeit. Ich schicke dir ein vergilbtes Foto und denke an den Tag, an dem der Fotograf den Auslöser drückte. Du warst glücklich.
And never again. will I be reminded.

Ich habe keine Augen, jemand hat sie mir gestohlen. Er sagte, er könne ihr Leuchten nicht ausstehen. Vielleicht haben sie dich verbrannt und stumm gemacht. Dann ist es gut, dass sie fort sind und ich blind zwischen beschriebenen Wänden sitze und mir vorstelle wie der Schnee sich über die Stadt legt. Er ist rot, wie ich. Er ist rot und kann nicht sehen, wohin er fällt.

Verschwinde. Komm näher.

24.11.2008 um 00:01 Uhr

Schneeballschlacht

von: skindeep   Kategorie: Seasons

Schnee fällt. Leise, in dicken Flocken. Novembernacht. Es knirscht sanft beim drüberlaufen, meine Schuhe versinken. Wenn man genauer hinsieht, glitzert er vorsichtig, selbst im Schein der Laterne.
Ich knirsche durch den frischen Pulverschnee und kann für einen kleinen Moment staunen. Genießen. Dem Bruder Schneebälle entgegenwerfen und mich schnell wegducken; er lacht. Die weissen Flocken in der Dunkelheit. Luft, die beim Atmen in der Lunge wehtut, so klar und rein und eisig. Mein dunkles Haar weiss besprenkelt im Spiegel beschauen und den Winter für schön befinden.
Ich werde mich ins Bett legen, der Schnee wird das Sonnenlicht reflektieren, in mein Zimmer werfen und es morgen früh in ein Leuchten tauchen. Es ist selten so weiss hier, die verschneiten Winter sind Kindheitserinnerungen oder Bilder von weit außerhalb der Stadt.
Selbst die Lieder wiederholen sich, und manche davon sind in weisse, weiche Schneeflocken gehüllt. In Traurigkeit und ein wehmütiges Staunen.

Der Mond funkelte sanft in deinem Haar
Und es tut auch kaum mehr mehr
wenn ich alles vor mir seh'
als ob's gestern war und nicht vergang'nes Jahr
(ASP - Und wir tanzten)

23.11.2008 um 18:23 Uhr

...schrieb ich ein Gedicht auf ihre weiße Haut

von: skindeep   Kategorie: floating.


Quelle: Musicals-4-you.de/typo3temp/pics/20756c5cae.jpg
.
Das Korn war golden und der Himmel klar
1617 als es Sommer war
wir lagen im flüsternden Gras
ihre Hand auf meiner Haut
war zärtlich und warm
.
Sie ahnte nicht, dass ich verloren bin
Ich glaubte ja daran,
dass ich gewinn
Doch an diesem Tag geschah's zum ersten Mal
sie starb in meinem Arm
.
Wie immer wenn ich nach dem Leben griff
blieb nichts in meiner Hand
ich möchte Flamme sein
und Asche werden
und hab' noch nie gebrannt
(Jim Steinman - Unstillbare Gier)


Wer nicht altert, kann kaum vergessen. Und wie zeigt man jemandem die Welt, der schon alles gesehen hat? Es bleibt doch nichts mehr über. Wie kann man die Leidenschaft mit jemandem teilen, den es vor Sehnen fast zerreisst? Wie jemanden lieben, der die Menschen verachtet?

Ich will. Diese reine weisse Haut. Wie frischer Schnee in kalter Nacht. Unbeschreibliche Eleganz und eine Würde, die von hohem Alter zeugt. Will alles, und bekomme doch nie genug. Immer zu wenig, ewig zu klein, das Leben. Die Welt ist nicht genug.

Und doch, es funktioniert. Mit Hingabe. Menschlichkeit. Einigkeit. Faszination. Ein wenig Liebe zum Tod.

17.11.2008 um 23:58 Uhr

Blaue Stunden

von: skindeep   Kategorie: insomniac

Was reißt ihr aus meinen blassen, blauen
Stunden mich in der wirbelnden Kreise
wirres Geflimmer?
Ich mag nicht mehr euren Wahnsinn schauen.
Ich will wie ein Kind im Krankenzimmer
einsam, mit heimlichem Lächeln, leise,
leise - Tage und Träume bauen.
(Rainer Maria Rilke)

Was sagen dir die kleinen runden Buchstaben auf den weißen Tagebuchseiten? Denkst du manchmal darüber nach?
Mir gehen nicht nur die Worte, sondern auch die Gedanken aus. Lass mich bleiben, lass mich sein in meiner Stille. Ich brauche die laute Welt nicht, nicht heute und auch nicht morgen. Störende Menschengeräusche, wie kauen und gehen und atmen. Bevölkern, belagern, geben niemals Ruhe. Die Nacht wird kaum dunkel, der Tag selten ganz hell. Es purzelt durcheinander in mir. Tag und Nacht, hell und dunkel, schlafen und wachen.

Du bist Ruhe, ich weiß. Leg sie ein wenig über die Welt. Das Rascheln der Blätter im Wind darf bleiben. Leiser drehen, Augen in dir schließen.

16.11.2008 um 02:12 Uhr

Inexistent

von: skindeep   Kategorie: the desperate

Der Geruch ist so vertraut. Duftet, erinnert. Kalter Zigarettenrauch, noch kälterer Wind und irgendein wohlriechendes Männerparfüm.
Wer sagte, dass es einfach sei, kennt es nicht zu genüge, das alte Leben.

Es ist spät. Und ich müde. Es regnet still die Straße hinunter, leiser feuchter Novemberregen. Grauschleier überschwemmen alles, wie der Nebel vor deinem Haus, und Anstrengung zaubert wunderlose Kopfschmerzen. Ein Pochen hinter den Schläfen, mein Kopf ist heiß, der Rest zittert vor Kälte. Winter macht einsam. Sinne spielen Streiche, ich vermisse die Sonne. Der Nebel formt sich zu Wolken, die haben sie verschluckt.
Ich bin schwächer und stärker als du denkst. Ich sollte weniger suchen, mehr finden. Woher kommt der Vorwurf in deinen Augen? Ich habe doch nicht darum gebeten. Gelbliches Licht bündelt sich unter Straßenlaternen, kann kaum entweichen. Nebel hält fest. Ganz fest. Warum nur kannst du mich nicht genauso fest halten, das Zittern enden lassen, mich mit deinem Geruch umspülen?

In deiner Gegenwart werde ich inexistent. Die Haare sind vom Nordwind ganz zerzaust, doch es kümmert nicht. Du bist der schönste Mensch auf Erden, wenn du nur willst. Zeitlos schön. Wie ein altes Buch in einem Regal oder ein paar klare Tropfen am Fenster. Tropfen, die nicht fallen wollen.

09.11.2008 um 16:21 Uhr

Grotesk

von: skindeep   Kategorie: Alice / Soma

Beschreibungen sind aus und Innenansichten wenig vonnöten, dennoch dargeboten. Das Leben ist toll.wütig und krank, sie tragen tarnfarbene Uniformen, warten auf den nächsten blutigen Bombeneinschlag und grinsen wahnhaft verstrickt.
Sobald man hinsieht ist es fort. Augenwinkelleben, dem Realismus einen Riss. Die Träume stehen mit ihren kaputten Rücken an Wänden. Nichts gesagt, nichts gedacht, einfache Schlussfolgerung. Es ist nirgends aushaltbar, nicht wenn der Ort länger als fünf Sekunden an die Augen dringt. Ich steige in ein Auto, in einen Zug, in ein Flugzeug. Und bin fort, Wünsche für heute ohne mich verreist. Leben, Land und Leute rasen an mir vorbei. So kann ich schneller sein, schön sterben, nichts aufnehmen. Realität wird schwermütig wirr, ekelerregend drückend. Eskaliert, hyperventiliert. Alles ist grell, nur ich bin es nicht. Vergesse zu lächeln in meiner Grauheit, bis sie eine Aufschrift an die Wand malen - "Bitte lächeln", darunter ein roter Smiley. Vergesse alles andere ebenso, mich an erster Stelle.

Erblinde schon heut:
auch die Ewigkeit steht voller Augen -
darin
ertrinkt, was den Bildern hinweghalf
über den Weg, den sie kamen,
darin
erlischt, was auch dich aus der Sprache
fortnahm mit einer Geste
die du geschehn ließt wie
den Tanz zweier Worte aus lauter
Herbst und Seide und Nichts.
(Paul Celan)

Du entfällst mir nur selten, früher sahst du glücklich aus, aber die Bilder sind vergilbt. Du musst die Sterne und den Mond enthaupten. Gestirne sind kalt, jedoch weniger als ich. Jemand schiebt einen Löffel Obskurität unter meine Zunge und ich tanze ein Leben an silbrigen Fäden. Tanze auf Bahnhofsgleisen, auf der Überholspur, neben mir. Sie löst sich langsam auf, wie eine übelschmeckende Tablette. Etwas stimmt nicht. Du starrst leer. Umsonst malst du Herzen ans Fenster. Mein Kopf wird schwer, nächtelang kein Schlaf. Begleit mich, fiel ich, ins Dunkel.

The golden age of grotesque.

08.11.2008 um 00:59 Uhr

Almond-eyed

von: skindeep   Kategorie: Monsters under my bed

"Chesire Puss," she began rather timidly, as she did not know wether it would like the name: however it only grinned a little wider. 'Come, it's pleased so far', thought Alice, and she went on. "Would you tell me, please, which way I ought to go from here?"
"That depends a good deal on where you want to get to," said the Cat.
"I don't much care where-" said Alice.
"Then it doesn't matter which way you go," said the Cat.
"- as long as I get somewhere," Alice added as an explanation.

(Aus: Alice's adventures in wonderland von Lewis Carroll)

Ich hätte mir damals ein Bild von dir geben lassen sollen. Auch wenn nicht viel mehr als schwarz-weisses Gewitter um einen dunklen Punkt erkennbar war, es erscheint mir nun besser, als gar nichts in den Händen zu halten. Zwei verdammte Jahre. Im Herbst, wann auch sonst. November. Du wärst groß geworden, mit mir zusammen. Dein Haar hellbraun und lang und immer zerwuschelt. Die Augen irgendwie grün-bunt. Du würdest laufen an meiner Hand - du selbstsicherer, ich verantwortungsbewusster - und mich in größeres Chaos stürzen als ich es allein je schaffen würde. Oder mich vielleicht auch rausgeholt haben, in ein geregeltes Leben hinein. Die Fragen kommen nicht oft, aber regelmäßig, dann und wann im Jahr. Bonjour, tristesse.
Die Entscheidung war getroffen, eigentlich vom ersten Moment an. Das sagten mir die Worte einer Frau in einem roten Sessel, die mich lange ansah, damals. Verstehen tue ich es erst heute so richtig. Realisieren, dass sie recht hatte.

Du bestehst nun aus den ersten Eisblumen vor dem Fenster und zartrosa Blütenblättern, die mit dem Wind zu Boden schweben. Es gibt kaum Worte für dich. Aber es gibt die Dinge die ich tue, für dich und mich und das was kommt. Ein Versprechen, das niemand kennt, bündelt immer wieder Kraft, kurz bevor sie mich verlässt. Für eines Tages, ein Übermorgen, das niemals aufhört zu sein. Aufhört zu werden.