Schatten sind viele

30.06.2006 um 14:33 Uhr

Tour de France

von: Alcide

Mann, da freut man sich ein ganzes Jahr auf eine Tour de France ohne Armstrong, auf ein tolles Duell zwischen Ullrich und Basso und dann das...

Bin wirklich sehr enttäuscht. Aber es geht weiter: wenn Denkmäler gestürzt werden, dann sieht man sich doch am besten gleich nach neuen um... Und Außenseiter mal ganz oben zu sehen, das hat sicherlich auch seinen Reiz, vielleicht ja Totschnig oder Garzelli, der mir sehr sympathisch ist und einen höchst eleganten Fahrstil hat... Hoffentlich wird es jetzt keine Solofahrt von Winokourov, der fährt so verbissen bullig... Werde mich also trotzdem auf die Tour in diesem Jahr freuen.

26.06.2006 um 13:49 Uhr

WM-Splitter

von: Alcide

Noch ein Wort zur deutschen Nationalmannschaft: die erste Halbzeit gegen Schweden war ja phänomenal. Ich kann mich wirklich nicht erinnern, wann ich eine deutsche Mannschaft je so engagiert und kombinationssicher gesehen habe... höchstens vielleicht noch bei ein paar Spielen 1990 in Italien...

Ich bin ja ein großer Anhänger der Historisierung von Sportgroßereignissen. Die Vorstellung, dass jetzt im momentan gegebenen Zeitpunkt Dinge und Begebenheiten passieren können, die noch für die nächsten 30 bis 50 Jahre das kollektive Bewusstsein einer Nation prägen können, das vermittelt einem doch so etwas wie ein Gefühl der Erhabenheit und relativen Größe... Unauslöschlich in meinem Bewusstsein die Fallrückzieher von Klaus Fischer 1982, oder der quirlige Maradona 1986, nach wie vor der beste Spieler, den ich das Privileg hatte über einen längeren Zeitraum zu verfolgen, 1990 das Elfmeterduell gegen England oder das hervorragende 1/8finale gegen die Holländer... Jedes Spiel verbindet sich mit einem bestimmten Abschnitt im eigenen Leben, bestimmte Situationen, in denen man das Spiel gesehen hat, leben wieder auf: 1982, die Erinnerung an mein Paninisammelalbum, und der Vorteil, der damit verbunden war reiche Freunde zu haben, oder 1986 und 1990, als ich noch selbst rund um die Uhr Fußball spielte und die Zeit im Freien nur durch die Spiele unterbrochen wurde, oder das EM-Finale 1992 gegen Dänemark, die ersten Euphorisierungen durch Alkohol, Lagerfeuerstimmung, nur Aufbruch in einem wunderschönen Sommer voll Verzauberung...

26.06.2006 um 13:28 Uhr

Au Backe

von: Alcide

Ich mag meinen Zahnarzt wirklich gerne. Er hat so eine beruhigende Art und sein Standardsatz lautet: "Tut nicht weh, nur Geräusch und ein bisschen Druck". Bei meinem Weisheitszahn hat er sich aber doch einigermaßen schwer getan und dass meine linke Backe jetzt aufgeht wie Hefe im Backofen für die nächsten zwei oder drei Tage und dass wenn die Betäubung weg ist auch Schmerzen auftreten können hat er mir erst lächelnd nach der Behandlung verraten... Er ist eben wirklich gut, mein Zahnarzt. Übrigens glaube ich, dass die einem irgendwelche Glückshormönchen in die Betäubungsspritze mischen, so belustigt war ich heute während der ganzen Prozedur und auch die dicke Backe finde ich noch höchstkomisch...

23.06.2006 um 16:33 Uhr

Emotionsunterdrückung

von: Alcide

Bin froh, dass erstmal wieder eine neue Phase eingesetzt hat... Muss erstmal nichts lernen und setze mit dem Radfahren jetzt auch aus. Ist mir einfach zu heiß draußen und ich kann mich erstmal nur wieder auf die Arbeit konzentrieren.

Am Mittwoch haben wir eine Kollegin verabschiedet, so eine überschaubare kleine Feier... Irgendwie wird sie mir fehlen, sie hatte so eine gesunde Portion Albernheit, die mir bei einer Frau recht gut gefällt... Ich sorgte an dem Nachmittag auch mal unfreiwillig für einen kollektiven Lacher: die Kollegin bekam einen Bildband von uns geschenkt und bat uns doch "zu unterschreiben", was ich dann auch tat, indem ich nämlich einfach meinen Namen auf das Blatt vor der Titelseite setzte. Und da lagen sie dann schon alle in den Seilen vor lachen, weil offenbar irgendwas poesiealbummäßiges von mir erwartet wurde...

Daraufhin gelang es meinem Chef auch endlich einmal mich zu charakterisieren. Seit fünf Jahren sucht er nämlich schon nach einem passenden Adjektiv für meine Verhaltensweisen und immer wenn er ansetzt, lacht er in sich hinein und ihm fällt dann doch kein Wort ein. Gestern rang er sich sogar ein Substantiv ab und sagte ich sei von einer "ungeheuerlichen Nacktheit"... Er meint damit meinen Umgang mit anderen, wo er sich vielleicht mehr Wärme erwartet. Auch über meine Protokolle ist er immer ganz erstaunt, weil ich eben möglichst gleich auf das Wesentliche komme und alles vermeintlich überflüssige weglasse... Ich hätte es selbst nie so bezeichnet, aber es trifft es schon: ich bin tatsächlich so dermaßen aufs Wesentliche beschränkt, dass es schon an Unhöflichkeit grenzt manchmal. Dabei greift mich doch jede Kleinigkeit an bis ins Mark. Die Reduktion auf Sachlichkeit ist mir der holprige Teppich unter den ich versuche den ganzen "emotionalen Dreck" verschwinden zu lassen.

16.06.2006 um 16:00 Uhr

Schöne Stimmung

von: Alcide

Bin gestern aus M. wieder zurückgekommen. Ich muss gestehen, dass ich noch nie so ungern wieder aus Deutschland abgereist bin wie dieses mal. Ja, die Stimmung im Land ist wirklich aussergewöhnlich gut. Und meine war es eigentlich auch; habe mich gerne und widerstandslos anstecken lassen. Die Menschen sind geradezu in gesteigerter Bewusstseinshaltung und vielleicht ist das wirklich diese Rolle Gastgeber eines Großereignisses zu sein, im Zentrum dieser schillernden Buntheit ein wichtiger Teil zu sein, die einen mit Stolz und Freude erfüllt... Verbrachte die Tage überwiegend bummelnd, in Kaufhäusern und Fußgängerzonen, im Café oder am Chinesischen Turm bei Weißbier, Fußball und bei sachkundiger Registrierung spanischer Naturschönheiten. Habe so richtig Sonne getankt und diese paar Tage Auszeit ohne Verpflichtungen und drängende Termine einfach genossen...

16.06.2006 um 16:00 Uhr

Zwischenprüfung Geschichte

von: Alcide

Die mündliche Zwischenprüfung ist wundervoll verlaufen. Habe eine 1 bekommen, und das völlig zurecht... War wider Erwarten von jeder Aufregung befreit, konnte meine Gedanken ungehindert entfalten, all' das auch abrufen und ausdrücken, was ich wusste. Sollte ja eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein, aber nach der verpatzten Prüfung im Februar war ich mir meiner Fähigkeiten nicht mehr sonderlich bewusst... Auch der Professor machte mir bei der ersten Begegnung deutlich, dass er mir nichts Böses will, fühlte mich wohl und der Prüfungssituation selbst haftete nichts Unnatürliches an. Im Gegenteil. Allein seine Formulierung, dass wir "gemeinsam" Problemkomplexe erarbeiten wollen, fand ich schon so herrlich entspannend. Er gestaltete die Prüfung als Einladung mit ihm gemeinsam die Dinge zu durchdenken. Hatte nie das Gefühl, dass etwas danebengehen könnte oder dass ich den Faden verlieren könnte... Und dann war da noch diese Beisitzende, eine junge wiss. Mitarbeiterin, die sich Notizen machte und in die ich mich sofort hätte verlieben können, und wenn ich danach nicht so überschäumend das Glück einer gutverlaufenden Prüfung ausgekostet hätte, hätte ich beinahe auch diesen leisen Schmerz verspürt, der mich immer dann überfällt, wenn dem Herz das Glück widerfährt ein Eigenleben zu entwickeln...

06.06.2006 um 12:03 Uhr

Pfingsttage

von: Alcide

Großartig: der Weisheitszahn muss raus, dabei war ich vor einem Jahr noch so froh, dass er von selbst abgebrochen ist, aber es hätte sich da links hinten offenbar ein kariöses Nest gebildet. Interessant, ich hatte eigentlich eine andere Schadensstelle im Verdacht für die Zahnschmerzen verantwortlich zu sein...

Ansonsten verbrachte ich die Pfingsttage recht erholsam: sah viel fern, las mal hier mal dort, und gestern endlich zwang ich mich auch mal 5 Stunden an den Schreibtisch, um für die Zwischenprüfung zu lernen.

Am Samstag machte ich mit L. eine ziemlich anstrengende Radtour, die insgesamt 6h20min Fahrtzeit erforderte. Es ging über 155km mit ca. 2000 Höhenmetern und auf 1800m Passhöhe pfiff ein eisiger, kalter, ungemütlicher Wind. Aber sind wir mal ehrlich: genau diese Momente des Schmerzes sind es ja, die wir suchen... Selbst im Bewusstsein der größten Erschöpfung weiß man doch, dass es wieder wärmer werden wird, dass die eigenen Kräfte zurückkommen werden und dass man am Ende des Tages nur mehr das Bild des Schmerzes vor sich sieht, das aber nichts mehr mit dem eigentlichen Schmerz zu tun hat.
Und am Samstag kommt dasselbe nochmal auf mich zu, nur dass es dann 3600 Höhenmeter sein werden.