Schatten sind viele

13.10.2005 um 18:41 Uhr

Anthropologische Spielereien

von: Alcide

Ich bin ja eigentlich ein Mensch, der gerne von der Gewissheit einer metaphysischen Präsenz überzeugt wäre, der das Leben nur dann als ertragbar und gerechtfertigt erachten kann, wenn es in einem idealistischen Entwurf eingebettet erscheint, der gerne die Sicherheit eines Glaubens an eine Art von ausgleichender Gerechtigkeit und Notwendigkeit alles Seienden (auch des volltrunkenen Abschaums, der mir heute um 11Uhr morgens im Café lallend klarzumachen versuchte, dass ich die falsche Zeitung lese) als säuselnde Melodie, die mir zuhaucht "Alles wird gut", hätte.

Dummerweise beschäftigt mich in den letzten Wochen die Evolutionstheorie äußerst stark. Und vor diesem Hintergrund verlieren auf einmal, die Elemente, die wir sonst so gerne als Beweis für unsere "höhere" Abstammung anführen, ihren Wert. Die Sprache, unser Sinn für Schönheit, und am Ende gar Liebe und Güte. Sind diese Dinge nicht genausogut, wenn gar nicht besser auf eine stupid-materialistische Weise erklärbar. Der Mensch nur eine (zufällige) Folge von Selektion und Mutation; weil die ersten Rudimente von Sprache sich als vorteilhaft erwiesen, wurde das Erbgut dieser Lebewesen weitergegeben, die Hirnmasse vergrößerte sich zusehens, weil ein mehr an Intelligenz einstmals überlebensnotwendig war, und irgendwann hatte der Mensch vielleicht ein soviel an Gehirn, dass er sich selbst gleichsam von außen betrachtet und sich in seiner Getrenntheit zur Natur und in seinem Lebenskampf wahrnimmt; und vielleicht hat er da den ersten psychischen Schmerz empfunden, und sich Daseinsweisen und Höhen imaginiert, die ihn von allem was sonst so kreuchte und fleuchte, radikal unterschieden. Und weil er sich in seiner Erbärmlichkeit erkannte, fing er an sich omnipotente Wesenheiten zu imaginieren, als Gegenentwurf zu seiner eigenen Schwäche und Abhängigkeit, durch deren Anbetung er sich Teilhabe an ihrer Macht versprach. Und die bewusste Abgrenzung gegenüber der Natur begünstigte dann auch die Hochachtung und Wertschätzung von zunächst wohl eher rudimentär ausgebildeten emotionalen Affekten wie Liebe, Güte und Mitleid.

Die meisten argumentieren dann wohl damit, dass das Ziel der Schöpfung darin bestand genau uns hervorzubringen, aber so wirklich überzeugt bin ich ja davon nicht. Ich meine, ein Gott, der eine Ursuppe schaffen kann, in der sich dann aus dem Anorganischen etwas Organisches zu bilden vermag, der hätte doch auch gleich ein Wesen auf zwei Beinen erschaffen können. Dahinter steckt dann eher die Vorstellungen von einem Täuscher-Gott, der diesen langen Anlauf braucht, um seine Spuren bewusst zu verschleiern. Ach, ich weiß auch nicht... ich will ja gar nicht materialistisch sein, aber begründbarer Idealismus erscheint mir zusehens schwieriger; mehr als ein paar Indizien fallen mir dazu nicht ein, und so lange bleibe ich nur ein Tier, dass sich wundert...


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