Ich möchte heute auf einen Kommentar von anima_cara in meinem vorletzten Eintrag zurückkommen. Sie zitierte Pablo Picasso mit den Worten:
Es dauert sehr lange, bis man jung wird.
Dieses Zitat hat mich doch sehr beschäftigt, und ich muß eingestehen, bislang noch keine für mich akzeptable Interpretation gefunden zu haben. Vielleicht hab Ihr Lust, ein bißchen dabei zu helfen. ;)
Meine Gedanken dazu sehen im Moment noch so aus:
Als heranwachsender Mensch integriert man sich automatisch in sein soziales Umfeld und übernimmt dabei zunächst kritiklos die Konventionen und Wertesysteme seiner engeren und weiteren Bezugspersonen. Das Kind wird erzogen, ohne daß es bewußt wahrnimmt, dabei "geformt" zu werden.
Später, meist in der Pubertät, kommt es dann bei nahezu allen zu einer Rebellionsphase, die, bedingt durch die allmähliche Bewußtmachung gesellschaftlicher Prozesse und Verhaltensweisen, alles in Frage stellt, was der persönlichen Entscheidungsfreiheit und Spontaneität entgegensteht. "Ich bin nicht wie Ihr, und ich möchte auch niemals so werden!" - Wem ist dieser Satz nicht mindestens einmal im Leben durch den Kopf gegangen? ;)
Sigmund Freud schreib einmal sinngemäß: "Die pubertäre Rebellion ist die Quelle aller sozialen Entwicklung." - Da mag etwas dran sein, wenn auch die Wirkung erst mit erheblicher zeitlicher Verzögerung einsetzt.
Zunächst ist es aber erst einmal so, daß jede Form von Rebellion auf Widerstand stößt und mit den langen Hebeln der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Gesetze unterdrückt wird. Dem jungen Menschen wird dabei nur wenig Spielraum gelassen. Er gelangt zu der "Einsicht", daß es gut und richtig für ihn ist, sich diesen Gesetzen und Regeln unterzuordnen. Er etabliert sich und tut im wesentlichen das, was alle anderen auch tun. Von der ursprünglichen Rebellion bleiben bestenfalls ein paar Verhaltensweisen übrig, die geeignet sind, kleinere Akzente zu setzen, die sich im engen Rahmen der gesellschaftlichen Fesseln bewegen. Auch wenn im inneren Denken die Rebellion weiter lebt, spricht das äußere Verhalten die Sprache der Konventionen. Und am Ende wird es so sein, daß die jugendlichen Ideale um so schneller verblassen, je stärker die Unterordnung zu gesellschaftlicher Anerkennung und materiellem Wohlstand führt.
Aber wo ist er denn nun geblieben, der jugendliche Sturm und Drang? Wo bleibt die Freudsche Quelle der sozialen Entwicklung? Ausgelöscht? Erstickt?
Nein, das glaube ich nicht. Vielmehr glaube ich, es braucht zunächst diese persönliche Konsolidierung innerhalb des Systems, um wieder Energien zu wecken, die es ermöglichen, die Türen zu den alten Idealen erneut aufzureißen. Dann schaut man in den Spiegel und stellt fest, im Grunde doch so geworden zu sein, wie man niemals werden wollte.
Mancher wird vor dieser Erkenntnis vielleicht resignieren, die übrigen aber beginnen in diesem Moment eine neue Rebellionsphase - eine Phase, in der die alten Ideale wiederbelebt oder neue Ideale und Ziele geboren werden. Da werden die persönlichen Werte neu ausgerichtet, der Blick aufs Wesentliche konzentriert und alte Bindungen auf den Prüfstand gestellt.
"Sturm und Drang", die Zweite. Diesmal jedoch basierend auf einem erheblich größeren Erfahrungsschatz, der von vielen Unsicherheiten und Ängsten befreit, welche in der Jugend den Idealismus bremsten.
Ich habe keine Ahnung, ob Picasso wirklich DAS meinte. Letztendlich sind solche Zitate ja immer aus dem Kontext gerissen. Doch wie dem auch sei, interessieren mich Eure Gedanken dazu sehr.