Gedanken oder Fragen

15.01.2011 um 08:26 Uhr

Wochenbettdepression

Wenn das eigene Kind der Mutter fremd bleibt.
Unsere allgemeine Vorstellung ist immer, jede Mutter müsste ihr Kind über alles lieben.
Sollte vielleicht auch so sein.

Doch leider ist es nicht immer und in jedem Falle so.

Manchen Müttern die ein Baby zur Welt bringen, bleibt das eigene Kind auf eine seltsame Art fremd.
Sie fühlen sich überfordert, in ihrem bisherigen Leben eingeschränkt, können dem Baby gegenüber nichts empfinden.

Sind diese Empfindungen ein Tabuthema in unserer Gesellschaft?
So wie Arte es in seiner Doku
"Traurig nach der Geburt" zeigte?
Etwa 20 % der Frauen geht es so, dass sie nicht dieses Glück empfinden können, welches im allgemeinen mit der Geburt des Kindes angenommen wird.

Sie empfinden teils nur noch eine grenzenlose Leere, sehen das Kind als etwas fremdes, als Eindringling an, als forderndes schreiendes Wesen, welches ihnen die Kraft und den Lebensmut raubt.
Sie funktionieren nur noch um das Kind zu versorgen, aber empfinden dem Kind gegeüber keine Liebe, im schlimmstenfall sogar Hass.
Nur, wem sollen sie sich erklären, wem dieses sagen?
Wenn alle um sie herum nur auf das Kind schauen, sagen wie süss und niedlich es doch sei und so liebenswert. Und eben diese liebevollen Gefühle werden auch von der Mutter erwartet.
Ist doch normal, heisst es da. Mutterliebe eben, Aufopferung inkusive.

Aber was, wenn sich diese "Mutterliebe" nicht einstellen will?

Voe der Doku lief auf Arte der Spielfilm
"Das Fremde in mir"
Ein Film, der genau diese Problematik einer jungen Mutter in verstörenden Bildern aufzeigte.
Diese tiefe Verzweiflung der Frau, die ihr Kind nicht so lieben konnte, wie es allgemein gefordert wird. Die überlastet mit den neuen Pflichten war, verzweifelt, da das stillen nicht klappte.

"Sie hatte doch nichts gesagt, nicht darüber gesprochen", sagte ihr Mann zu der Therapeutin.

"Man kann doch von einer vollkommen geschwächten und kranken Frau doch nicht verlangen, dass sie noch um Hilfe bittet"
Antwortete die Therapeutin dem Mann.
Ja, er wollte diese Überforderung nicht sehen, fühlte sich selbst mit der neuen Situation überfordert.

Im Film ging es letztendlich gut aus. Die junge Mutter fand den Weg zu sich selbst, aber auch die Liebe zu ihrem Kind.

Aber geht es im wirklichen Leben immer so gut aus?
Oftmals wohl nicht, da niemand die stummen Hilferufe dieser von einer Wochenbettdepression befallenen Mütter hört.

Diese Wochenbettdepression ist nicht zu verwechseln mit den Hormonschwankungen des sogenannten "Baby Blues" der meistens eine Woche nach der Geburt anhält. In dem die Tränen einfach mal so fliessen, die Laune schwankt.
Wenn dieser Zustand aber anhält, Traurigkeit das Herz erfasst, sich keine Gefühle dem Kind gegenüber einstellen wollen, einfach nur Leere und Überforderung empfunden wird, dann ist es eine Wochenbettdepression.
Eine ernsthafte psychische Erkrankung, die behandelt werden muss.
Je eher diese erkannt wird, umso besser ist sie zu behandeln und zu therapieren.
Am besten natürlich, wenn Mutter und Kind gemeinsam therapiert werden in einer Einrichtung.
Oder in einer Tagesklinik.
Leider gibt es bei uns zuwenige dieser Einrichtungen, so dass die Wartezeiten auf einen Therapieplatz oftmals viel zu lang sind.
Wieviel Geld könnte da letztendlich eingespart werden, Elend vermieden werden, wenn hier an der richtigen Stelle, in mehr Therapieplätze für Mutter mit Kind investiert werden würde.

Gründe für eine Wochenbettdepression mag es viele geben. Das Gefühl dem Kind nicht gerecht zu werden, eine schlechte Mutter zu sein, keine Milch zu haben, Haushalt, Kind und Mann unter einen Hut zu bekommen, doch ein Grund könnte auch die heutige Technisierung der Geburt sein, meinte ein Geburtshelferarzt.
Heute sei alles künstlich, die Geburten werden künstlich mit dem Wehentropf eingeleitet, so dass die natürlichen Hormone sich nicht bilden könnten.
.

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. Yaimm schreibt am 15.01.2011 um 10:30 Uhr:Ich schätze, jede Mutter kennt mal dieses Gefühl der Angst vor der dieser Verantwortung für einen Menschen, für ein ganzes Leben.
    Den richtigen Weg vorgeben, vorleben...
    Diese Ängste überkommen einen immer wieder, nicht nur in der ersten Zeit nach der Geburt.
    Die einen können sie verarbeiten, bei anderen manifestieren sie sich in schlimmen Dingen, die einem Kind oder sich selbst angetan werden.

    Eltern, nicht nur Mütter, müssten generell von Anfang an, schon vor der Geburt einen Ansprechpartner bekommen, sei es von pro Familia oder wie auch immer, jemanden, an den sie sich immer wenden können.

    Ich denke, dadurch könnte viel Elend im Voraus vermieden werden.
  2. Muffin schreibt am 15.01.2011 um 12:18 Uhr:Meine Mum hat mir erzählt, dass es ihr nach meiner Geburt auch schon so ähnlich ging, aber ich glaub nicht, dass es eine Wochenbettdepression war, aber iwie auch kein Baby Blues. Schon als ich im Krankenhausbettchen lag, hatte sie das Gefühl ich sei ihr fremd - Sie kannte mich irgendwie nicht. Bei meiner großen Schwester war das anders und auch bei meiner kleinen Schwester wars nicht so. Meine Oma aber hatte auch dieses Gefühl. Als sie mich zum ersten Mal sah, sagte sie, ich schlage völlig aus der Art, was sich im Grunde auch bis heute bestätigt hat :D Vertauscht worden bin ich aber nicht, das weiß ich :D ... Na jedenfalls hatte mein Arzt damals ziemlich schnell nach der Geburt angeordnet, dass ich ein Gestell für meine Hüfte tragen müsste. Zu der Zeit war ich meiner Mama dann noch fremder und sie kam eine ganze Weile wohl nicht mehr zu mir, weil sie mich nicht ansehen konnte. Ich hab das als Baby natürlich auch mitbekommen und immer geweint und geweint. Mein Paps hat sich in der Zeit natürlich um mich gekümmert, aber iwann hat er auf den Tisch gehauen (und er ist normalerweise nie jemand, der auf den Tisch haut^^) und zu meiner Mum gesagt, dass ihr Kind sie braucht. Von da an hat sie sich zusammengerissen. Deswegen glaub ich auch nicht, dass es direkt etwas mit einer Wochenbettdepression zu tun hatte. Aber vllt hätte es eine werden können, wenn sich meine Mum nich zusammengerissen hätte.

    Liebe Grüüüüße
  3. Jari schreibt am 15.01.2011 um 12:47 Uhr:Als ich noch in der Buchhandlung gearbeitet habe, kam eine junge Frau inkl. Mann und Baby zu mir. Und sie fragte ganz direkt nach Büchern zum Thema "Postnatale Depressionen".
    Leider weiss ich nicht, was aus ihr geworden ist. Hoffentlich hat sich alles zum Guten entwickelt.

    Die Erklärung über die Technisierung der Geburt finde ich interessant. Heutzutage können Eltern sich ja schon aussuchen, wann ihr Kind zu Welt kommen soll. Nach dem Motto "Der 11.11.11 ist ja sooo cool." Sowas kann ich leider überhaupt nicht verstehen...
  4. aenne schreibt am 15.01.2011 um 22:22 Uhr:Depression ist eine wirklich ernst zunehmende und doch oftmals nicht wahrgenommene Erkrankung. Nach einer Geburt wiegt dies doppelt schwer, so auch meine Ansicht, da es ja dann auch noch diesen kleinen schutzbedürftigen Mensch gibt.

    Ich selbst bin gegen die Technisierung der Geburt, denn auch gerade dieser Trend unterstützt die Planbarkeit und Berechenbarkeit von Leben. Natürlich soll jede Frau die Hilfe bei der Entbindung bekommen, die sie aus medizinischer Sicht benötigt. Nur Leben kann nicht eingepreßt werden in Schemas. Je mehr Schemas und fremdbestimmte Normen, um so weniger Vertrauen in uns selbst, in unsere Kraft, in unser selbständiges Denken und Fühlen.
  5. Yaimm schreibt am 16.01.2011 um 18:15 Uhr:Man kann sich den Termin aussuchen?
    Das finde ich allerdings irgendwie daneben... aber davon abgesehen:
    Heutzutage hat man die Möglichkeit einer Hausgeburt, Wassergeburt etc., es gibt etliche Hilfsmöglichkeiten, die die Wehen erleichtern (von einer PDA abgesehen).
    Wenn ich an die Geburtsgeschichten meiner Oma denke... da wurde mir beim Zuhören schon ganz anders!

    Uns wird vieles einfacher und angenehmer gemacht und trotzdem sind wir unglücklicher, den Zusammenhang habe ich bisher noch nicht verstanden.
  6. aenne schreibt am 16.01.2011 um 20:39 Uhr:@Yaimm
    Ich denke der Zusammenhang liegt darin, dass wir gerade alles viel einfacher haben, uns immer weniger auf unsere eigene Kraft und Stärke verlassen. Mit all dem Komfort verlieren wir das Vertrauen in uns selbst. Aber Menschen, die sich "durchbeißen", sind, so denke ich, auch die glücklicheren, zufriedeneren Menschen.
  7. sternenschein schreibt am 18.01.2011 um 10:29 Uhr:@Yaimm,
    da sagten sie auch, es wäre sehr angebracht, wenn jede Entbindungsstation auch einen anwesenden Psychologen hätte um so etwas zu erkennen und vorzubeugen.

    @Muffin,
    ist ja auch kein Wunder, wenn du da als Baby weintest. So etwas merkt ein Kind ja auch.
    Gut, dass du so einen Vater hattest, nur nützt das auf den Tisch hauen oftmals bei schweren Depressionen nicht viel. Da muss wohl andere Unterstützung kommen.

    @Jari,
    hoffe ich auch, dass das Pärchen Hilfe gefunde hatte.
    Es gibt ja heute soviel Literatur darüber, wie man ein Baby richtig behandeln sollte, doch was nutzt es, wenn das Kind vielleicht nächtelang schreit, die Mutter wachhält, was ja vorkommen kann?
    Von dem zahnen, dem hin und wieder die halbe Flasche wieder ausspucken etc. will ich garnicht schreiben.
    Da kommen Mütter manchmal an ihre Grenzen, egal was sie sich vorgenommen haben. Dazu dann noch das sich selbst zurückstellen, ertragen manche wohl auch nicht wirklich.

    @aenne,
    zweifellos haben die Geburtskliniken heute manchmal einen Vorteil, bei einer schweren Geburt oder wenn es ein Frühchen wird, die früher kaum Überlebenschancen hatte, heute aber fast alle durch die moderne Mediin durchkommen.


    Nur, ob diese ganzen Fruchtwasseruntersuchungen etc. heututage so gut sind, frage ich mich doch desöfteren.
    Dazu die künstliche Einleitung der Geburt am Wehentropf, da wird die Eigenproduktion des Glückshormons Oxytocin durch gehemmt, was schon zu einer Wochenbettdepression führen kann.
    Beim Kaiserschnitt genauso.
    Es hat sich gezeigt, dass bei normalen Geburten, besonders Hausgeburten, die Mutterliebe grösser war, vielleicht weil alles natürlich ablief. Der Mutter das Kind nicht immer weggenommen wird.

    Ich weiss auch nicht, ob es für einen Vater einfacher ist, denn da weiss man ja einfach, worauf man sich die nächsten 18 Jahre einstellen muss.
    Was allerdings etliche Väter scheinbar nicht auch nicht immer wissen wollen.

    Liebe Grüsse
  8. TheNicciPain schreibt am 21.01.2011 um 14:58 Uhr:ich denke, es ist nicht alles mit medizinischen Begriffen zu erklären .. als ich lilly bekommen hab, war das wie ein blick in den spiegel - ich wusste sofort bescheid, sie war mir sowas von vertraut und es war liebe auf den ersten schrei .. äh tritt .. nee, blick mein ich =) .. und hab trotzdem die ersten wochen (unregelmäßig und mitunter grundlos) geflennt .. es ging vorbei .. lilly ist gott sei dank immer noch da ..
  9. sternenschein schreibt am 24.01.2011 um 22:38 Uhr:@Nicci,
    ist wohl für mich als Mann schwer nachzuvollziehen wieso die Frau in den Tagen nach der Geburt, teils ohne jeden Grund flennt, wie du es sagst.
    Da ist das Kind da, die grosse Belastung mit dem immer dicker werdenden Bauch vorbei, ansich ein Grund zur Freude und dennoch, die Frau weint. Nicht vor lauter Glück, sondern einfach so.
    Inwieweit können eigentlich Frauen dieses verstehen und nachvollziehen, die noch keine Mutter sind?
    Und wieweit werden Frauen auf diese Gefühlsschwankungen vor der Geburt oder Schwangerschaft hingewiesen, dass sie so eintreten können.
    Denn meistens hört und liest man doch von Frauen "vorher", endlich eine selbst eine Familie sein und haben. Sie malen sich dieses alles doch oftmals als das grösste Glück der Erde aus und denken, wenn das Kind erst einmal da sein wird, dann ist alles in Ordnung. Welche Frau denkt schon daran, dass sie vielleicht im Wochenbett nach der Entbindung unter "unbegründeten" Weinanfällen zu leiden hat.
    Wobei es bei instabilen Beziehungen wohl noch schlimmer sein wird.
    Liebe Grüsse
  10. TheNicciPain schreibt am 25.01.2011 um 10:49 Uhr:.. nun ja, 'gehört' und gelesen hatte ich davon auch schon. nachvollziehen konnte ich es bis dato auch nicht .. und die ganzen schlimmen depressionen, die sogar mit einer ablehnung des kindes einhergehen, kann ich auch nicht verstehen - eben weil es mir nicht SO gegangen ist. eine erklärung für die heulattacken habe ich auch nicht. wie gesagt: man kann nicht immer alles erklären, manches kommt einfach so ;)
  11. aenne schreibt am 25.01.2011 um 13:49 Uhr:Nun die "normalen" Heulatacken hängen mit der extremen Hormonumstellung zusammen, ähnlich wie am Anfang der Schwangerschaft. Und dann denke ich auch, liegt es auch mit an der Persönlichkeit der Frau. Manche weint eben eher, als eine Andere. Ich selbst bin ein Mensch, der wenn er berührt oder gerührt ist, schnell Tränen in den Augen hat. Als ich meine Kinder nach der Entbindung in den Armen hielt, weinte ich einfach nur vor Glück und Erleichterung. Diese Momente gehören zu den schönsten in meinem Leben.
    Und trotzdem hat dieses Weinen nichts mit Depression zu tun. Warum es aber zu diesen schweren Wochenbettdepressionen kommt, ist wohl bis heute nicht geklärt. Ich persönlich denke, dass es dafür eine familiäre Komponente dafür gibt.

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