Lyriost – Madentiraden

19.05.2012 um 18:36 Uhr

Tirade 186 – Der Wandrer (für Günther)

von: Lyriost

Tirade 186 – Der Wandrer (für Günther)

Vom Tag zum Tage
geht er still so manches Jahr
vom Licht zum Lichte

ganz leis im hellen Lärmen
wird man seiner kaum gewahr

05.05.2012 um 12:26 Uhr

Tirade 185 – Leicht gesagt

von: Lyriost   Kategorie: Gedichte

Tirade 185 – Leicht gesagt

Laß dir das sagen
nichts schwerer als zu sprechen
mit Worten im Mund

oder auch ohne Worte
nichts schwerer als zu schweigen

05.05.2012 um 12:17 Uhr

Tirade 184 – Millionen Minuten

von: Lyriost   Kategorie: Gedichte

Tirade 184 – Millionen Minuten

Das ist lange her
beim Aufwachen die Amsel
am fernen Abend

beim Einschlafen die Amsel
wärmer die Tage nie sind

05.05.2012 um 12:03 Uhr

Tirade 183 – Sommern

von: Lyriost   Kategorie: Gedichte

Tirade 183 – Sommern

Graue Wolken blau
den Regen in Farbe sehn
sonnige Nebel

Krähen krächzen Nachtigall
wer das könnte erblühte

05.05.2012 um 11:31 Uhr

Tirade 182 – Zeitgestochen

von: Lyriost   Kategorie: Gedichte

Tirade 182 – Zeitgestochen

Im Gewand der Zeit
die knirschenden Gelenke
unter den Häuten

Ungewaschener Träume
Wurmstich auf Wurmstich. Halt still

29.04.2012 um 10:10 Uhr

Tirade 181 – Blutspur

von: Lyriost   Kategorie: Gedichte

Tirade 181 – Blutspur

Die sudlige Spur
von Blutfest zu Blutfest
Schweißspur der Opfer

Noch darf gestorben werden
in Utopieruinen

28.04.2012 um 10:30 Uhr

Getrieben statt gedacht

von: Lyriost

Getrieben statt gedacht

Das Zentrale der Existenz ist weder das Subjekt noch dessen gehirnliche Wahrnehmung, zentral ist die Kraft, die beides hervorbringt und mit einem Vorstellungsapparat ausstattet, den diese Kraft sich zunutze macht, um sich selbst abzubilden und damit aus dem scheinbaren Nichts ihres Seins herauszuholen. Wir neigen dazu, das Akzidentielle mit dem Essenziellen zu verwechseln; deshalb ist alles Forschen am Gehirn und an dessen Konstruktionen Fokussieren des Nebensächlichen.

DIE ZEIT

14.04.2012 um 09:27 Uhr

14. April 1912

von: Lyriost   Kategorie: Gedichte

14. April 1912

Im Lärm der Lichter
spuckt der Koloß schwarzes Blut.
Der Wind weht Wahnsinn.
Und weiße Hände greifen
nach tausend kleinen Fähnchen.

Ein Stoß, zwei Schreie
und knisterndes Zerfetzen.
Der Wind übt Halbmast.
Und alle Hände greifen
nach Seilen und Schimären.

Nach Sonne schluchzen
rauhreifverbrannte Rosen.
Kein Wind mehr. Stille.
Erstarrte Hände greifen
ins Leere der Äonen.

11.04.2012 um 10:38 Uhr

"Wir sind Päpste."

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken

"Wir sind Päpste."

Das ist ein grundlegendes Problem. Ein Volk, das sein moralisches Handeln und seine intellektuellen Stellungnahmen stillschweigend an öffentliche Personen delegiert, ist mitverantwortlich, wenn dabei etwas schiefgeht und die handelnden Instanzen sich als zumindest partiell inkompetent erweisen.

09.04.2012 um 20:48 Uhr

Erdmann – Szenische Monodialoge 11

von: Lyriost   Kategorie: Sonstiges

 

Erdmann – Szenische Monodialoge 11


ERDMANN verknittert, verläßt das Schlafzimmer, geht zum PC und startet ihn, dann begibt er sich ins Bad.

Nun ist sie also auf
Papier die billige Tinte
mittlerweile zerflossen
aber das war nur die
letzte in der Patrone
da kommt noch was nach

ein ungares Nichtpoem
Wirkung gewaltig das
Ereignis der Woche
des Monats gar
und nun Auftrittsverbot
Winken am Grenzzaun

am besten die Preise
sofort aberkennen
auf Geheiß der Regierung
wie gewonnen so zerronnen
Freiheit der Meinung
nur mit Volldeppendiplom

wahrlich keine Sternstunde
der Dichtung eher eine Art
mißlungene Mülltrennung
schiefe Gedanken
in Krummwörterform
warum also die Aufregung

ungünstiger Zeitpunkt für
Zellenreinigung im Wespennest
so kurz vor der Flugsaison?

Verläßt das Bad, hört ein Summen

Diese blöde Kiste.
Hat sich beim Runterfahren
gestern abend wieder aufgehängt
die ganze Nacht gelaufen
bei den Strompreisen
oder hab ich Trottel im Vorschlaf
nur wieder vergessen
das Ding auszuschalten?

Setzt sich kopfschüttelnd
an seinen Arbeitsplatz.

09.04.2012 um 09:55 Uhr

Prahlen

von: Lyriost   Kategorie: Aphorismen   Stichwörter: Märtyrer, Martyrium, Opfer

 

Prahlen

Man kann es nicht oft genug sagen, und es gibt leider manchen Anlaß zu dieser Aufforderung: Prahlt nicht mit euren Wunden.

08.04.2012 um 20:02 Uhr

Feuereifer

von: Lyriost   Kategorie: Aphorismen   Stichwörter: Autodafé, Kampagne, Kesseltreiben, Wahn

 

Feuereifer

Vor dem Feuer glüht der Eifer. 

08.04.2012 um 17:38 Uhr

Große Ruhe

von: Lyriost   Kategorie: Aphorismen

Große Ruhe

Nur wer das Leben überwunden hat, hat auch den Tod überwunden. Der Wiederauferstandene ist todgeweiht.

08.04.2012 um 14:14 Uhr

Beute

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken

Beute

Der Krieg als Grundform des Lebens im Sinne Heraklits ist vor allem deshalb so beliebt – und das ist tief in den Genen der Menschen eingeschrieben –, weil es beim Krieg, allem ideologischen Begründungsgeschwätz zum Trotz, in erster Linie darum geht, Beute zu machen. Das gilt nicht nur für den Krieg als Metapher, sondern gerade auch für das Drücken auf todbringende Knöpfe.

08.04.2012 um 09:03 Uhr

Tirade 180 – Überwunden

von: Lyriost   Kategorie: Gedichte

Tirade 180 – Überwunden

Da glüht kein Hoffen
In der Stille des Todes
Begierden schweigen

im Spiegel das Morgengrau
die Türen sind geschlossen

08.04.2012 um 00:23 Uhr

Vernichtungswille

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken   Stichwörter: Grass

Vernichtungswille

Das Kesseltreiben gegen Grass ist wahrlich phänomenal. Und das Ganze ist ein Lehrstück darüber, wie ein häßlicher Mob entsteht und wie sich Stück um Stück das herausbildet, was ich mal Vernichtungswillen nennen möchte. So etwas endet manchmal darin, das Menschen nicht nur symbolisch zur Strecke gebracht werden, sondern physisch.

Was typisch ist an dieser unappetitlichen Geschichte: Kaum jemanden, abgesehen von Biermann, interessiert noch die Form der Wortmeldung von Grass – Biermann nennt den Text zu Recht "dumpfbackigen Polit-Kitsch" – und der Hintergrund des Ganzen. Allgemein herrscht Jagdfieber, und es geht nur noch um die Person Grass, mit der viele, viele Rechnungen offen haben, die sie jetzt begleichen wollen. Nun kann man es dem erfolgreichen Querkopf endlich mal zeigen. "Ekelhaft" ist das.

Wie an anderer Stelle: Der Fall Grass, bereits gesagt: Ich mochte die Person Grass noch nie. Aber eine persönliche Abneigung sollte uns nicht die Gehirnwindungen vermüllen.

07.04.2012 um 12:40 Uhr

Tirade 179 – Billigzorn

von: Lyriost   Kategorie: Gedichte   Stichwörter: Grass, Klarsfeld, Hochhuth, Broder

 

Tirade 179 – Billigzorn

Sonderangebot
synthetische Empörung
heute halber Preis

blutlos im Mund gebogen
schaumgespeichelter Wortwahn

 

Was auch noch gesagt werden muß

07.04.2012 um 10:37 Uhr

Erdmann – Szenische Monodialoge 10

von: Lyriost   Kategorie: Sonstiges   Stichwörter: Grass, Klarsfeld, Hochhuth

Erdmann – Szenische Monodialoge 10


ERDMANN verknittert, verläßt das Schlafzimmer, geht zum PC und startet ihn, dann begibt er sich ins Bad.

Wenn einer in den
Spiegel guckt
nach dem Rasieren
hinein ins unverstellte Gesicht
das enthaarte
und hat ein gutes Gewissen
der Höhepunkt des Tages

Das kann er
nicht der Grass
wie er sich auch
dreht und wendet
immer im Weg dieser Bart
und dann das
tägliche Jagen
er hört wieder
die Meute heulen
nun ja rief er nicht laut
Fiffi komm her?
Aber daß so viele ...

Grasserei dritte Runde
Jetzt kommt Theater
in die Lyrik
Hochhuth schämt sich
Lange nichts gehört
von Hochhuth gelesen
der lebt also noch
Peymann hat ihn nicht vergiftet
öffentlichkeitswirksam
mit Bühnencurare
nicht auszuhalten
diese Kamerastille
nur der Tinnitus surrt
da kommt er gerade recht
der Grass mit seinen
altersunweisen halb halbweisen
ungegärten Prosaversen

"du bleibst SS-Mann"
raunt der Hochhuth
wohl wissend daß Grass
nie einer war sondern nur
monatelang ein SS-Jüngelchen
oder besser monatekurz
wußte gar nicht
daß die sich duzen
würd ich mir vielleicht verbitten
gegenüber dem Moralisten-
und Mahnerkollegen
ohne Nobeldiplom

in der zweiten Runde
schien Grass schon angezählt
nach der Pariser Backpfeife
Frauen sind sogar
Tiefschläge erlaubt
muß man nicht ernst nehmen
man schlägt nicht zurück
man wundert sich nur
über mancher Leute
musikalische Phantasien
Schlagzeilensucht schadet
zuweilen dem Gehör

was nun als nächstes?
mir wurde berichtet Grass
habe bei seinem Schneider eine
Uniform bestellt und übe
vor dem Spiegel Fuchteln

Auf Bonnies Ranch werden
Betten neu bezogen
Fragt sich nur für wen


Verläßt das Bad, hört ein Summen

Diese blöde Kiste.
Hat sich beim Runterfahren
gestern abend wieder aufgehängt
die ganze Nacht gelaufen
bei den Strompreisen
oder hab ich Trottel im Vorschlaf
nur wieder vergessen
das Ding auszuschalten?


Setzt sich kopfschüttelnd
an seinen Arbeitsplatz.

06.04.2012 um 11:26 Uhr

Laute im Wind

von: Lyriost   Kategorie: Gedichte

Laute im Wind

Wo seid ihr alle
stumme Ahnen
ihr Lippen die
die meinen streiften
die früh verfärbten
spät gereiften
wo eure Worte die
mich mahnen

ihr lebt schon
lange in den Lüften
wo still sich
Ewigkeiten queren
wo sich die
Namenslisten leeren
Geruch befreit
von allen Düften

wo seid ihr die
nach Worten suchten
zu füttern die
Wolken die Winde
und heimlich
in Gedanken fluchten
ihr ginget von dannen
wie Blinde

was blieb ist nur
noch Schattentanz
an dunklen Tagen
ohne Glanz

 

Musikalische Ergänzung

05.04.2012 um 19:07 Uhr

Ohne Groll

von: Lyriost   Kategorie: Aphorismen

Ohne Groll

Ressentiments sind stets zweischneidige Gebilde, und sie haben gleichermaßen das Potential zur Verletzung des andern wie auch zur Selbstverletzung, besonders dann, wenn es sich um Ressentiments gegenüber vermeintlichen Ressentiments anderer handelt.

Der Außenstehende kann nicht umhin, darüber zu lachen. Ohne Groll. 

 

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