Tirade 186 – Der Wandrer (für Günther)
Vom Tag zum Tage
geht er still so manches Jahr
vom Licht zum Lichte
ganz leis im hellen Lärmen
wird man seiner kaum gewahr
Getrieben statt gedacht
Das Zentrale der Existenz ist weder das Subjekt noch dessen gehirnliche Wahrnehmung, zentral ist die Kraft, die beides hervorbringt und mit einem Vorstellungsapparat ausstattet, den diese Kraft sich zunutze macht, um sich selbst abzubilden und damit aus dem scheinbaren Nichts ihres Seins herauszuholen. Wir neigen dazu, das Akzidentielle mit dem Essenziellen zu verwechseln; deshalb ist alles Forschen am Gehirn und an dessen Konstruktionen Fokussieren des Nebensächlichen.
14. April 1912
Im Lärm der Lichter
spuckt der Koloß schwarzes Blut.
Der Wind weht Wahnsinn.
Und weiße Hände greifen
nach tausend kleinen Fähnchen.
Ein Stoß, zwei Schreie
und knisterndes Zerfetzen.
Der Wind übt Halbmast.
Und alle Hände greifen
nach Seilen und Schimären.
Nach Sonne schluchzen
rauhreifverbrannte Rosen.
Kein Wind mehr. Stille.
Erstarrte Hände greifen
ins Leere der Äonen.
"Wir sind Päpste."
Das ist ein grundlegendes Problem. Ein Volk, das sein moralisches Handeln und seine intellektuellen Stellungnahmen stillschweigend an öffentliche Personen delegiert, ist mitverantwortlich, wenn dabei etwas schiefgeht und die handelnden Instanzen sich als zumindest partiell inkompetent erweisen.
Erdmann – Szenische Monodialoge 11
ERDMANN verknittert, verläßt das Schlafzimmer, geht zum PC und startet ihn, dann begibt er sich ins Bad.
Nun ist sie also auf
Papier die billige Tinte
mittlerweile zerflossen
aber das war nur die
letzte in der Patrone
da kommt noch was nach
ein ungares Nichtpoem
Wirkung gewaltig das
Ereignis der Woche
des Monats gar
und nun Auftrittsverbot
Winken am Grenzzaun
am besten die Preise
sofort aberkennen
auf Geheiß der Regierung
wie gewonnen so zerronnen
Freiheit der Meinung
nur mit Volldeppendiplom
wahrlich keine Sternstunde
der Dichtung eher eine Art
mißlungene Mülltrennung
schiefe Gedanken
in Krummwörterform
warum also die Aufregung
ungünstiger Zeitpunkt für
Zellenreinigung im Wespennest
so kurz vor der Flugsaison?
Verläßt das Bad, hört ein Summen
Diese blöde Kiste.
Hat sich beim Runterfahren
gestern abend wieder aufgehängt
die ganze Nacht gelaufen
bei den Strompreisen
oder hab ich Trottel im Vorschlaf
nur wieder vergessen
das Ding auszuschalten?
Setzt sich kopfschüttelnd
an seinen Arbeitsplatz.
Prahlen
Man kann es nicht oft genug sagen, und es gibt leider manchen Anlaß zu dieser Aufforderung: Prahlt nicht mit euren Wunden.
Große Ruhe
Nur wer das Leben überwunden hat, hat auch den Tod überwunden. Der Wiederauferstandene ist todgeweiht.
Beute
Der Krieg als Grundform des Lebens im Sinne Heraklits ist vor allem deshalb so beliebt – und das ist tief in den Genen der Menschen eingeschrieben –, weil es beim Krieg, allem ideologischen Begründungsgeschwätz zum Trotz, in erster Linie darum geht, Beute zu machen. Das gilt nicht nur für den Krieg als Metapher, sondern gerade auch für das Drücken auf todbringende Knöpfe.
Vernichtungswille
Das Kesseltreiben gegen Grass ist wahrlich phänomenal. Und das Ganze ist ein Lehrstück darüber, wie ein häßlicher Mob entsteht und wie sich Stück um Stück das herausbildet, was ich mal Vernichtungswillen nennen möchte. So etwas endet manchmal darin, das Menschen nicht nur symbolisch zur Strecke gebracht werden, sondern physisch.
Was typisch ist an dieser unappetitlichen Geschichte: Kaum jemanden, abgesehen von Biermann, interessiert noch die Form der Wortmeldung von Grass – Biermann nennt den Text zu Recht "dumpfbackigen Polit-Kitsch" – und der Hintergrund des Ganzen. Allgemein herrscht Jagdfieber, und es geht nur noch um die Person Grass, mit der viele, viele Rechnungen offen haben, die sie jetzt begleichen wollen. Nun kann man es dem erfolgreichen Querkopf endlich mal zeigen. "Ekelhaft" ist das.
Wie an anderer Stelle: Der Fall Grass, bereits gesagt: Ich mochte die Person Grass noch nie. Aber eine persönliche Abneigung sollte uns nicht die Gehirnwindungen vermüllen.
Tirade 179 – Billigzorn
Sonderangebot
synthetische Empörung
heute halber Preis
blutlos im Mund gebogen
schaumgespeichelter Wortwahn
Laute im Wind
Wo seid ihr alle
stumme Ahnen
ihr Lippen die
die meinen streiften
die früh verfärbten
spät gereiften
wo eure Worte die
mich mahnen
ihr lebt schon
lange in den Lüften
wo still sich
Ewigkeiten queren
wo sich die
Namenslisten leeren
Geruch befreit
von allen Düften
wo seid ihr die
nach Worten suchten
zu füttern die
Wolken die Winde
und heimlich
in Gedanken fluchten
ihr ginget von dannen
wie Blinde
was blieb ist nur
noch Schattentanz
an dunklen Tagen
ohne Glanz
Ohne Groll
Ressentiments sind stets zweischneidige Gebilde, und sie haben
gleichermaßen das Potential zur Verletzung des andern wie auch zur
Selbstverletzung, besonders dann, wenn es sich um Ressentiments
gegenüber vermeintlichen Ressentiments anderer handelt.
Der Außenstehende kann nicht umhin, darüber zu lachen. Ohne Groll.