Lyriost – Madentiraden

13.08.2010 um 11:25 Uhr

Falsches Bewußtsein

von: Lyriost   Kategorie: Gedanken

Falsches Bewußtsein

Eine zentraler Terminus marxistischer Ideologiekritik ist das "falsche Bewußtsein", das notwendigerweise die Basis jeder den Überbau einer Gesellschaft bildenden Ideologie (außer der marxistischen natürlich) sei.

Kurz gesagt, liegt dem Reden vom "falschen Bewußtsein" zweierlei zugrunde: zum einen die Annahme, es gäbe so etwas wie objektive Realität, die nur haargenau widergespiegelt werden müsse, um ein wahrheitsgemäßes Bild zu bekommen (der Mensch als Reflexionsautomat). Außerdem der Anspruch, im Besitz der (einzig) passenden politischen Überzeugung zu sein, die wie ein Rosenstrauch aus dem richtigen Bewußtsein herauswächst.

Der Mensch mit dem falschen Bewußtsein ist also entweder ein Lügner, wie vor allem all jene, die vom kapitalistischen System profitieren, oder von Linsentrübung betroffen, wie alle anderen, die entweder nicht von diesem System profitieren oder sich einbilden, sie hätten einen Vorteil davon. Diese Einbildung entsteht dann, wenn der einzelne sich über seine tatsächlichen Interessen täuscht, also zum Beispiel lieber Volvo fährt als Trabi.

Da er das richtige Bewußtsein besitzt, weiß der marxistische Theoretiker jedoch über die Bedürfnisse der Mehrheit besser Bescheid als diese selbst. Auch deshalb war die DDR wie andere vergleichbare gesellschaftspolitische Experimente so überaus erfolgreich.

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenSarah schreibt am 15.08.2010 um 10:48 Uhr:ein paar Gedanken zum letzten Absatz:
    die Mehrheit wußte sehrwohl über seine Bedürfnisse bescheid, sogen. "bewußt" gesteuerte fehlende Freiheiten, Zensur, provozierte Mangelwirtschaft ließen nicht Gesellschaftskonforme eigene "Fluchtwege" suchen und finden und das soziale Netzwerk funktionierte.
  2. zitierenLyriost schreibt am 15.08.2010 um 23:16 Uhr:Liebe Sarah, ich weiß, daß die Mehrheit sehr wohl ihre Bedürfnisse kannte und kennt. Und auch nur sie hat ein Recht darauf, diese Bedürfnisse zu artikulieren und sich dagegen zu wenden, wenn jemand ihr andere einzureden versucht. Deshalb meine ironische Formulierung.

    Einen lieben Gruß
  3. zitierenSarah schreibt am 17.08.2010 um 09:53 Uhr:Lieber Lyriost,
    nicht immer weiß man, was man unbedingt zum Leben braucht, Bedürfnisse werden natürlich auch beabsichtigt in gewollte Richtungen gelenkt, das war gestern und ist auch manchmal heute schwer zu durchschauen, dann entsteht ein Konflikt, den man gar nicht wollte.
    Liebe Grüße...
  4. zitierenLyriost schreibt am 17.08.2010 um 13:46 Uhr:Ja, Sarah, aber ein jeder hat das Recht auf seine Bedürfnisse, seien sie nun gelenkt oder nicht; wenn er sie akzeptiert, werden sie zu seinen eigenen. Und auch jeder darf mehr und anderes vom Leben verlangen, als er zum Leben braucht oder als andere meinen, daß er brauche. Das ist eines jeden ureigene Selbstherrschaft, die nur von den Bedürfnissen anderer begrenzt wird.
  5. zitierenSarah schreibt am 17.08.2010 um 22:41 Uhr:Ja, das ist es, selbstbestimmt zu entscheiden, was man nicht braucht zum Leben.

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