Message in a bottle

23.08.2005 um 09:21 Uhr

Tachyonen

von: hibou

Die allmonatliche Lieferung stand an. Doch diesmal war es schwieriger. Es ist nur eine einzige Frau, sagten sie, aber sie wird von allen gesucht und verfolgt werden. Ob er es sich zutraue? Keine eincontainerten seufzenden Singhalesen wie sonst. Aber bis kurz vor Schluss sah es dann nach einer recht eintönigen Sache aus.

Er verließ sein Haus am Ortsrand von Daun wie immer gleich nach dem Ende des Morgenmagazins. Cherno Yobatay hatte einen Ginkgo-Fachmann zu Gast gehabt, die Fragen an ihn kamen telefonisch und scheppernd. Man muss ganz und gar bescheuert sein, dachte er, um an solchen Sendungen mitzumachen. Die Frisur des Moderators nervte ihn. Er dachte an den neuen Harald Schmidt und seinen Eremiten-Touch. Doch die Zoten kamen noch immer. Frau sucht Mann mit Pferdeschwanz. Frisur egal.

Bis Frankfurt- Flughafen war der Verkehr gering. Diesmal hatte er sich im Voraus bezahlen lassen und das Doppelte der üblichen Summe verlangt und erhalten. Das Flugzeug nach Izmir stand bereit. Was für Gesellschaften es gibt! Er wunderte sich bei jedem Flug neu. Öger-Tours. Bananarama-Fleet. Hapag Lloyd war inzwischen stillgelegt. Nordzyprische Airlines., Sun-Express, Hamburg International! Aber laß man, betonte sein Chef des Öfteren, da fliegst Du am allerunauffälligsten. Wie oft hatte er jemanden abgeholt? Er nahm die Frauen, seine Kollegin Sandra die Männer. Man reiste als Touristenehepaar nach Hause.

Die Sonne stand schon schräg vorne, als sie über den Balkan flogen. Er liebte die die Donau im Gegenlicht, sie sah dann aus wie eine weißgoldene Schlange. Attila, Hagen von Tronje, Süleiman der Prächtige und andere Krieger waren da unten in beiden Richtungen entlangezogen, ganz früher Jason und die Argonauten auf der Flucht. In irgendeinem der Wälder, die er da weit unten als graugrüne Flecken sah, versteckten sich noch immer Karadzic und Mladic vor dem Haager Tribunal. Weiter! Das Meer. Lesbos (wir sparen uns die Assoziationen). Holprige Landung in Izmir.

Diesmal war es besonders wichtig. Und teuer, hatten sie gesagt. Also streng dich an. Sollte nichts schief gehen. Worum es sich denn handle? Tachyonen! Selbst der Chef hatte sich ein Grinsen nicht verkneifen können. Fragezeichen über den Augen. Tachyonen sind so was wie überlichtschnelle Energiedingens, unfassbar und unvergänglich. Und wozu dann so weit reisen? Sie ist ein Medium, sagen alle, und kann Tachyonenenergie anwenden, umwandeln, was weiß ich. Der Heilerverein „Nikola Tesla“ in Wittlich hat ne Masse Bares dafür geboten. Wenn du das schaffst, können wir uns bald zur Ruhe setzen......

Eines der gelben Taxis brachte ihn zum Hauptbusbahnhof. Unterwegs sah er fahrig auf ein unglaubliches Gewimmel von über Nacht gebauten kleinen Häusern und Buden. Die Leute lebten offensichtlich auch auf Dächern und Balkonen, den Sofas, Herden und Fernsehgeräten nach zu schließen. Jetzt regnete es und ätzender Kohlendunst hing über den dichtbebauten Hügeln. Irgendwo dann wie eine Betonmoschee die „Garajlar“. Du gehst unter dem Dunkel der zwanzig Meter hohen Pfeiler, der Reihen von Gewölben, aber überall, wie nomadische Dörfer die Kioske, Imbisse und Cafés und aus den hängenden Monitoren Lieder des unvermeidlichen Tarkan und anderer glattgeleckter Stars und Schnuppen.

Er sah sie sofort, genau am angegebenen Treffpunkt, Perron 35, Bus aus Afyon. Ich bin Hülya. Gehen wir. Deutsch mit Akzent, aber fließend. Schließlich ist sie in Koblenz geboren.

Dann ging alles problemlos, die Rückfahrt zum Flughafen, die Passkontrolle, das Warten, endlich der Flug. Geschafft!

Was er nicht wußte: Noch in Frankfurt war ihm ihr Foto aus dem Aktenordner gefallen, zwar auf den Bauch, mit der weißen Seite nach oben, doch ein Grenzschützer hatte es aufgehoben, Namen und Adresse gelesen, sich die Frau auf dem Bild angesehen, und – wer weiß warum – an das Tachyonensonderkommando weitergegeben. Die erkennen darauf eine der nur fünf lebenden Menschen, die Tachyonenenergie umwandeln können. Das ist von höchster strategischer und verteidigungspolitischer Bedeutung. Wir greifen sie uns beide nach dem Rückflug, irgendwo auf den Dörfern, wurde beschlossen. Und eben jetzt rief Mehmet Ellibeşoğlu, der Polizist, gehorsam in Frankfurt an.

Wie sie aussah! Alles an ihr war seltsam, obwohl nicht etwa hässlich. Sie wirkte im höchsten Maße abwesend, unwirklich. Zudem ging öfters ein heller Fiepton von ihr aus. Es war wie zu Hause, dachte er, wenn er nicht wusste, ob das Wasser kochte oder die Schwiegermutter ihr Hörgerät einzustellen versuchte. Über Tachyonen schwieg sie sich aus, gab ihm nur ein Faltblatt mit der Bitte, es nach der Lektüre in kleine Fetzen zu zerreißen. So studierte er es denn auf dem Rückflug, während er unterbewusst ihren starken Geruch nach Koriander in sich aufnahm. Tachyonen, so las er, sind hypothetische Teilchen. Sie wurden bisher weder direkt beobachtet noch hat man indirekte Hinweise auf ihre Existenz gefunden. Es gibt auch keine Theorie, die Tachyonen sehr dringend annimmt. Dennoch werden Tachyonen oft diskutiert, weil sie, wenn es sie gäbe, bemerkenswerte Eigenschaften hätten. Dann war die Rede von Geräte-Einheiten zum tachyonisieren von Materialien, Dauer-Magneten mit einer hohen Remanenz, Null-Linien und atommäßiger Ausrichtung. Fand er es interessant? Nicht so sehr wie die Kohle, die – irgendwie ja auch immateriell – auf sein Konto geflossen war. Sozusagen überlichtschnell. Und an der Strasse von seinem Haus zum Supermarkt würde es sich bald im Bankomaten materialisieren, knatternd und fassbar. Er döste weg.

Auch in Frankfurt keine Probleme bei der Grenzkontrolle. Er hörte nicht auf, sich zu wundern, dass diese Frau da neben ihm niemanden irritierte – wenn schon der Fiepton, wie er zugeben musste, jetzt fast unhörbar war.  Die unauffälligen Herren sah er nicht (wie geht wohl Unauffälligkeitstraining?) Bis nahe Mayen ging’s flüssig auf der Autobahn, die schwarze Limousine (Mercedes, BMW und Honda wegen Sponsoring anfragen!) stets in gebührendem Abstand hinter ihnen, dann über Landstrassen. Endlich eine Gemeinsamkeit mit Hülya: sie lächelten über die Ortsnamen: Monreal, Ürsfeld, Boxberg, Pelm, Prüm, Auw! Sie mussten nahe der Grenze sein, alle Wegweiser zeigten nach Lüttich. Wohin es denn ginge? fragte er. Sie hatte jetzt das Steuer übernommen.

Nach einer Kuppe bog sie unvermittelt in einen Waldweg ein, fuhr noch einen halben Kilometer weiter, hielt in dichtem Grün, drehte sich ihm zu, lächelte, küsste ihn. Warum war er nicht überrascht? Irgendwie drehten sie sich aus den Kleidern. Ihr Fiepton wurde rasch lauter. Die unauffälligen Herren waren geradeaus weitergefahren. Aber wo waren die Geistheiler vom Club „Nikola Tesla“, deretwegen er Hülya ausgeschleust hatte? Ich muss sie fragen, dachte er nachher, als er ausstieg, sich reckte, seine Sachen zusammenklaubte.

Den Schlag auf den Hinterkopf spürte er eigentlich nicht, fiel nur in ein raumloses Dunkel. Als er erwachte, war es noch immer finster. Er lag, es war feucht, alles tat weh, millimeterweise versuchte er vorwärts zu kriechen. Tachyonen rasen in unglaublichem Tempo dahin, dachte er. Ich muss aufstehen. Tachyonenenergie ist in Hülle und Fülle vorhanden. Bin ich in Remanenz mit dem Erdfeld?

Hülya saß längst sicher hinter der Grenze in einem wallonischen Hotel. Mit Hilfe seiner Scheckkarte hatte sie das Konto ihres Schleusers leer geräumt. Tachyonen? Mann! sagte ihr Freund und wischte sie alle mit einer Handbewegung weg.

08.08.2005 um 21:23 Uhr

Katzenzungen

von: hibou

Unser Pool im Abendlicht, blaugraugrün. Weiden, Mimosen und Pfefferbaum spiegeln sich im glatten Wasser. Am linken Eck ein schwarzer Kater mit weißen Pfoten. Vorsichtig nähert er sich dem Beckenrand, schnuppert und trinkt. Im Rhythmus der Zunge gehen kleine Wellen im Viertelkreis durchs ganze Bad. Dann kommt Zeytin zum rechten Eck, nähert sich noch vorsichtiger, trinkt noch ruhiger. Winzige Katzenzungen malen Landschaft. Die Luft ist pfotig.