Mit dem Kopf voran

20.10.2005 um 00:49 Uhr

DDR: Nachhaltige Kopfwäsche

In ihrem aktuellen Aufsatz Good bye Lenin (or not?): The effect of Communism on people's preferences kommt das Autoren-Duo Alberto Alesina und Nicola Fuchs-Schündeln von der amerikanischen Harvard-University zu einer Reihe interessanter Ergebnisse:

  • Ostdeutsche präferieren staatliche Interventionen und Umverteilungsmaßnahmen generell mehr als Westdeutsche. Obgleich eine schlechtere Einkommensposition, Arbeitslosigkeit und eine aktuelle Abhängigkeit von Transferleistungen die Neigung zum Staatsinterventionismus verstärkt und Selbstständigkeit das Gegenteil bewirkt bleibt die stärkere Neigung der Ostdeutschen für Staatseingriffe trotz einer Kontrolle dieser Variablen vorhanden.
  • Auch im Westen lebende Ostdeutsche sehen lieber einen starken Staat als ihre Westdeutschen Nachbarn. Trotzdem sind bodenständige Ostdeutsche noch stärker von der Verantwortlichkeit des Staates für die Härten des Lebens überzeugt.
  • Die Stärke der Präferenzen ist in allen fünf ostdeutschen Bundesländern etwa gleich groß. Der einzige Ausreißer ist Mecklenburg-Vorpommern , wo erstaunlicherweise etwas weniger auf den Staat gesetzt wird.
  • Die Staatsgläubigkeit ist auch zwischen zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen sehr homogen. Jedoch hat das Lebensalter einen positiven Effekt auf das Vertrauen in den Staat. Je länger jemand in der DDR gelebt hat umso stärker verläßt er sich auf staatliche Interventionen bzw. fordert sie ein. Dieser Effekt überkompensiert das sonst mit dem Alter nachlassende Vertrauen in den Staat.
  • Offenbar glauben Ostdeutsche stärker als ihre westdeutschen Landsleute, dass Armut, Arbeitslosigkeit oder Hilfebedürftigkeit nicht individuelle, sondern gesellschaftliche Ursachen hat. Dementsprechend fordern sie von der Gesellschaft eine Lösung dieser Probleme ein. Vor allem ältere Bürger sind von der gesellschaftlichen Verantwortung für individuelles Scheitern überzeugt. Trotz gleicher Beantwortung der Schuldfrage für Schicksalschläge neigen Ostdeutsche stärker zur Lösung des Problems durch den Staat.
  • Ein Vergleich der Ergebnisse der Untersuchung der Daten von 1997 und 2002 deutet auf eine Konvergenz der Präferenzen hin. Die Ostdeutschen verlieren nur sehr langsam ihre Staatsgläubigkeit. Der Anpassungsprozess dürfte ein bis zwei Generationen dauern. Allerdings wächst auch die Staatsgläubigkeit im Westen, so dass Ost- und Westdeutsche sich irgendwo in der "Mitte" treffen dürften.
  • Männer vertrauen dem Staat weniger als Frauen. Große Familien mehr. Mitarbeiter des Öffentlichen Dienstes können eher auf die Nothilfe des Staates verzichten (Warum wohl?). Höheres Bildungsniveau und Selbstständigkeit fördern die Skepsis gegenüber der staatlichen Sozialverantwortung.
Angesichts dieser Erkenntnisse ist das diesjährige Wahlergebnis nicht weiter verwunderlich. Die stärkeren Präferenzen der Ostdeutschen für das linke Parteienspektrum scheinen also nicht nur eine Konsequenz der aktuellen wirtschaftlichen Probleme, sondern die noch immer nicht enden wollenden Nachwehen einer jahrzehntelangen sozialistischen Kopfwäsche zu sein. Auch meine Eltern meinen noch heute, ich müsste der DDR dankbar sein, dass aus mir etwas halbwegs Vernünftiges geworden ist. Das Bewußtsein für ihren eignen Beitrag haben sie wohl irgendwann dem Glauben an den sozialen Großmut der "Partei- und Staatsführung der DDR" geopfert.

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenerzliberal_de schreibt am 22.10.2005 um 09:53 Uhr:Pingback von www.erzliberal.de:

    \"Mit dem Kopf voran bloggt über eine Studie einiger Harvard-Forscher, die sich mit der Einstellung der Deutschen zum Staat beschäftigt. Ein Zitat:\"

    http://erzliberal.blogspot.com/2005/10/der-sozialistische-mensch-lebt-fort.html
  2. zitierenNebelbote schreibt am 22.10.2005 um 21:10 Uhr:Jui, da bin ich als männlicher Mecklenburger ja nochmal mit \'nem blauen Auge davongekommen ;)

    Gelegentlich zahlen sich Sturheit und Eigensinn, die man uns Nordost-Fischköppen gerne mal nachsagt, doch aus.



    \"... ich müsste der DDR dankbar sein, dass aus mir etwas halbwegs Vernünftiges geworden ist.\"

    In Momenten, wo mir die Bürde der Selbstverantwortung zu schwer wird, schiebe ich die Schuld für \"(nur) halbwegs\" gerne der DDR in die Schuhe.

    Mit solchen Kommentaren sorgt man auch gut für Stimmung bei Familienfeiern mit hohem Ostalggiker-Anteil ...

Diesen Eintrag kommentieren