Mit dem Kopf voran

10.05.2006 um 18:48 Uhr

Im Trüben fischen

Einmal ganz ehrlich, wie vertrauenswürdig sind eigentlich unsere Informationsquellen, nach denen wir unsere Meinung zu vielen wichtigen Fragen unserer Zeit bilden? Film, Fernsehen und wenns mal "ganz genau" recherchiert sein soll die Tages- oder Wochenzeitung. Ich möchte ja keinem zu nahe treten. Aber ist es nicht so? Wer hat schon die Zeit zu intensivem Quellenstudium? Überdies läuft man manchmal Gefahr, bei genauem Hinsehen auch einmal das eine oder andere liebgewonnene Vorurteil in Frage stellen zu müssen.

Ein schönes Beispiel für die beschrenkte Qualität unserer Informationsquellen bietet uns heute das Ärzteblatt. Dort wird über eine Studie berichtet, in der es um die falsche Darstellung von Koma-Patienten in Spielfilmen und ihre Folgen geht. Von dreißig Spielfilmen der letzten dreißig Jahre in denen Koma-Patienten eine Rolle spielen, so die Autoren der Studie, stellten nur zwei den Zustand der Patienten halbwegs realistisch dar. In den übrigen Filmen wird dagegen häufig ein allzu rosiges Bild von den Patienten geboten. Daher ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass die meisten Zuschauer Filmdarstellung und Realität nicht mehr richtig voneinander unterscheiden können. Fatale Folgen hat eine derartige Fehlinformation der Allgemeinheit, wenn unter dieser verzerrten Wahrnehmung der öffentliche Diskurs geführt und politische Entscheidungen gefällt werden. Immerhin richten sich Politiker nach dem unter verzerrter Wahrnehmung der Realität gebildeten Willen ihrer Wähler. So wurde etwa die öffentliche Diskussion um das Schicksal der Wachkoma-Patientin Terri Schiavo von eher laienhaften Informationen bestimmt, obwohl die mit dem Fall beschäftigten Mediziner schon lange keine Aktivitäten des Großhirns der Frau registrierten und damit eine Verbesserung ihres Zustands nicht abzusehen war.

Aber auch in anderen Bereichen verlassen wir uns häufig auf die Informationen, die uns von geschickten Marketingstrategen untergejubelt werden. Befragungen der Zuschauer des Klimakatastrophenfilms "The Day after Tomorrow" ergaben beispielsweise, dass die Zuschauer zwar durchaus Zweifel an der übertriebenen Darstellung der Folgen des Klimawandels hatten, aber dennoch nach dem Kinobesuch eine höhere Notwendigkeit für durchgreifende Klimaschutzpolitik als vorher sahen. Und das, obwohl der Film nicht viel Sinnstiftendes zum Thema Klimawandel zu berichten wußte. Und wer weiß schon, wenn wieder einmal über "amerikanische Verhältnisse" im Gesundheitswesen geklagt wird, dass nur ein Drittel aller Amerikaner ohne Krankenversicherung (15 Mio. von 45 Mio. unversicherten Amerikanern) in Haushalten mit einem Jahreseinkommen von weniger als 25000 US-$ lebt und ein wachsender Anteil mit hohen Einkommen freiwillig nicht versichert ist? Dass daneben die extrem teuren staatlichen Gesundheitsprogramme Medicare (subventioniert Gesundheitsleistungen für amerikanische Senioren und kostete 2005 bei einem ungefähren Anteil am BIP von 2,7 % pro Kopf rund 1100 US-$) und Medicaid (subventioniert Gesundheitsleistungen für mehr als 50 Mio. einkommensschwache Amerikaner und kostete 2004 pro Kopf 1040 US-$) antreten, die Folgen fehlenden oder mangelhaften Versicherungsschutzes teilweise zu kompensieren, ist auch nur wenigen bekannt.

Nicht wundern muß man sich deshalb auch, dass mit Film- und Fernsehinhalten gepflegtes Halbwissen auch nur zu halben oder fehlerhaften Reformen in der Politik führt.


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