pavot rouge

29.06.2008 um 17:33 Uhr

space

von: nenia

Ich mag keine Wendepunkte. Ich mag keine Kompromisse, aber ich gehe sie ein. Vor anderthalb Jahren habe ich meinen Traum begraben. Nord Pas de Calais. Ich habe mich nicht als assistente beworben, habe meine Prioritäten abgesteckt, den Fokus auf unser gemeinsames Leben gelegt, welches nun in sieben Monaten beginnt. Ich bereue es nicht. Ich habe etwas gefunden, um den Traum zu substituieren, um mich nun zu beweisen. Das ist meine Chance. Ich bin jung und wild. Die Linguistik soll mich zu einem Doktortitel bringen, der eigentlich nur meinem Ego dient. Und trotzdem komme ich nicht los. Ich will es so sehr. Im Gegensatz zu Lille läßt sich dieser Wunsch mit einem gemeinsamen Leben vereinbaren.
Und vielleicht werde ich später doch Dozentin an einer Universität. Gebe Einführungen in die Sprachwissenschaft, Sprachgeschichte und kontrastive Linguistik. Ich muss es versuchen.
Früher war ich überzeugt davon, dass mein Weg nur in die Schule führt. Ich war überfordert, nicht gut genug, vorbelastet. Durch eine Verkettung glücklicher Umstände bin ich nun anderer Ansicht. Ich werde die französische Sprache nie ganz bezwingen, doch die Germanistik ist mir wohlgesonnen. So soll es sein.
Ich mag keine Wendepunkte und doch fiebere ich unserem Leben entgegen, auch wenn ich Angst habe, mich doch nicht entfalten zu können. Ich bitte Dich, um diese eine wissenschaftliche Chance. Lass mir die Zeit. Ich verspreche, dass ich mit Dir in den Zoo fahren werde und in irgendeinen Park zum Flanieren. Ich gehe Kompromisse ein, weil ich Dich liebe, aber ich will mich auch entfalten. Zum ersten Mal in meinem Leben will ich, dass es auch räumlich das Unsere wird, ohne Wochenendromantik und viel zu kurzen Tagen. Vor einigen Jahren jagte mir der Gedanke, mit Dir zusammenzuwohnen wahnsinnige Angst ein. Und nun bin ich soweit, mit Dir alles zu teilen und ich freue mich wie verrückt, aber - um wieder "Grey's Anatomy" zu zitieren: "I need some space." Für die Linguistik. Neben dem Referendariat. Aber ich werde mir auch Zeit für uns nehmen. Ich will nicht, dass wir koexistieren, in unseren Zimmern, ich will ein "Wir".

 

23.06.2008 um 16:35 Uhr

La voix du Nord.

von: nenia   Kategorie: voyage, voyage

Ein Freund sagte mir, ich sollte versuchen, die Erinnerungen zu überschreiben. Ich weiß nicht, ob es möglich ist. Erase and rewrite. Meine Sehnsucht. Brennt. Ich vermisse Frankreich genau jetzt, im Sommer. In Valenciennes blüht bestimmt der Löwenzahn, es riecht nach Blumen und Teer, eine merkwürdige Mischung. Ich möchte über den Asphalt rennen, barfuß, erhitzter Boden unter mir. Ich will einem petit café bestellen und mich mit fremden Menschen unterhalten, ich will nichts überschreiben, und doch zieht es mich wieder dorthin. Nord- Pas de Calais, mon amour éternel.

20.06.2008 um 10:44 Uhr

Mohnsommer

von: nenia   Kategorie: art



http://www.ixwin.de/bilder/bilder_fotos/mohn.jpg


Der Mohn in Wiederkehr,
wiegt seine Köpfe um mich.
Ich stehe, Feuer in Pupillen,
Die Wolken malen mir ein Bild
Aus Pusteblumen, weiß und leicht.
Die Luft riecht nach fragilem Sommer,
der sich verfängt in meinen Händen.


20.06.2008 um 09:50 Uhr

...with all the powers that you feel...

von: nenia

Musik: Hammerfall - At the end of the rainbow

Die letzten Tage haben mich emotional überfordert. Und doch sind diese ungeahnten Kräfte in mir. Ich habe ab August eine neue Stelle für zehn Wochen. Aussichten auf eine fünf Tage Woche und mehr Geld.
Ich habe einen Doktorvater. Und alle Bücher für die Prüfung sind nun gelesen.
Ich bin alles. Roter Mohn. Gelbe Wunderkerze. Ein linguistikverliebtes Mädchen auf ihrem neuen Weg. Seit Ewigkeiten habe ich jeden Tag gelernt und mittlerweile ist es so in den Alltag übergegangen, dass ich mich seltsam fühle, wenn ich nicht lerne.
Nun gehe ich Aushänge machen. Und dann in den Zug. Mit der Linguistik.

 

15.06.2008 um 12:49 Uhr

voyage au passé

von: nenia

Musik: Yann Tiersen - J' y suis jamais allé.

Der Boden der Stadthalle ist immer noch rutschig, wie damals. Er ist braun glänzend, ich gleite mit meinen Balerinas umher. Ich bin nicht mehr so zierlich, aber immer noch schön. Die Ohrringe schwingen um meine Wangenknochen. Ich setze mich, sehe mir das Progremm an. Ich verstehe die Lehrerwitze immer noch. Ehemalige Nachhilfeschüler umarmen mich. Monsieur l'arroseur ist schon angetrunken. Er drückt meine Hand und verspricht, gleich wiederzukommen. Nach dem nächsten Bier hat er mich wieder vergessen.

Vor fünf Jahren war es mein Tag. Ich trug einen Anzug, in welchen ich heute nicht mehr hineinpasse. Die Zeit war nicht die meinige. Und trotzdem war es irgendwie schön. Nun war es wohl das letzte Mal, dass ich dort war. Meine Schwester ist nun Abiturientin. Tempus fugit. Ich habe ein bißchen mit dem Schmerzbaby angegeben, Rotwein getrunken und Götterspeise gegessen. Und diesmal wollte ich nicht mehr jung sein. Höchstens schlanker. Im Moment stehen mir wieder alle Türen offen, wie damals. Ich lerne interessante Dinge, in fünf Monaten bin ich eine Alumna, eine Erleuchtete, einen Schritt weiter. Ich habe mich gut entwickelt, ich bin stolz auf mich.

Und trotzdem ist dort diese kleine Nostalgie. Nach Französisch-Leistungskurs oder Pädagogik. Nach Woyzeck und Votum-Ei (welches mir übrigens neulich in einer Didaktik der Linguistik über den Weg gelaufen ist..) Und vor allem nach Monsieur l' arroseur, der mir die Begeisterung für die französische Sprache auf den Weg gegeben hat. Ohne ihn hätte es keine Nuttenstadt gegeben, keine Nachhilfe und keine Frankophilie.

Je ne regrette rien.

 

 

10.06.2008 um 23:45 Uhr

Philomele

von: nenia   Kategorie: art

Ich habe mich entschlossen, meine literarischen Versuche in dieser Kategorie zu präsentieren.
 
Die folgende Serie ist innerhalb eines knappen Jahres entstanden. Der "ausgeliehene" Mythos stammt aus Ovids Metamorphosen. Er handelt von Philomele, die von ihrem Schwager vergewaltigt wurde. Um sie an der Artikulation ihres Schmerzes zu hindern, schnitt er ihr die Zunge ab. Dennoch fand Philomele einen Weg, ihren Dolor verständlich zu machen: Sie wob ihn mit rotem Garn auf ein weißes Tuch.
Diese Serie ist eigentlich über das, was vorher zu lesen war. Sie ist jedoch für I.H., weil sie mir die Germanistik zurückbrachte und mich inspirierte ohne es zu wissen.

Philomele I

Ich schneide meine Zunge ab. Ich halte das Messer schräg. Mit der anderen Hand ziehe ich an ihr, sie windet sich ein bisschen, wie eine Ratte im Labor, wenn sie die Spritze sieht. Ich halte sie fest, meine Rattenzunge. Wenn ich fertig bin, wirst du es bereuen, denn ich schenke sie dir zum nächsten Geburtstag. Mit einer roten Schleife schenke ich sie dir, meine bis dahin schwärzlich gewordene Zunge, ein Stück Fleisch. Ich schneide sie mir ab, damit Dich ewig Dein Gewissen plagt. Wenn meine Zunge weg ist, ist der Schmerz nicht mehr in den Worten. Er ist dann an einem anderen Platz in meinem Kopf, und er wird verschwinden. Wenn diese Zunge weg ist, muß ich nicht mit Dir diskutieren, über obsolete Gedanken, über Deine Eifersucht zwischen uns, zwischen unserer Welt.
Wenn diese Zunge die Worte nicht mehr ermöglicht, sage ich Dir gar nichts mehr, denn dann ist die Möglichkeit verschwunden. Ich werde nicht mehr versuchen, Dich bei mir zu halten, ich werde mich stumm abfinden, meinen Zorn auf ein weißes Garn weben und ihn in das Paket legen, in Dein Geschenk.
Wenn meine Zunge weg ist, verschwindet die Artikulation. Wenn ich meine Erinnerungen nicht artikulieren kann, verschwinden auch diese hoffentlich. Dann muß ich nichts sagen. Dir nicht erwidern. Ich kann Dich einfach vergessen, während Du Dir diese meine Zunge ins Regal stellst. Und verschwindest, mit einer immerwährenden Schuld.
Ich halte das Messer schräg.

Salz (17.7.07)

Philomele II

Sage mir doch, wohin der Wind gegangen,
pflanze ein Lied in deinen rauhen Mund,
es soll Dich an. Es soll Dich auf. Fangen,
und meine Hand, sie ist voll Salz. So wund.

Ich sehe in das Salz. Es singen die Kristalle,
sie sagen mir ganz sanft, die Zunge soll hinfort.
Ich schneide sie mir ab, weil ich mir so gefalle,
Wenn ich nicht spreche, bist du nicht mehr dort.

Ich pflanze Dir ein Lied. Ich bin bereits verschwunden,
es soll Dich fangen, denn ich kann es nicht.
Die Augen verklebt, der Gaumen geschunden,
Ich streue mir das Salz in mein Gesicht.

Zeit (23.7.07)

Philomele III

Ich schmiere Mohn auf meine Lippen,
rotschwarz. Schwarzrot, der Atem.
kondensiert. Im Nichts, soweit.
Ich beiße schräg mit aufgerissenen Pupillen.
Auf die Lippe. Die Zeit klebt stumm
im Schlüsselbein, sie lässt mich nicht
mehr weiter. Und schaut mich an
mit ihren Zeigern. Ich kann sie nicht
am Starren hindern nie

Ich schmiere Opium
in meine Wimpern, denn Ruhe
kann ich ewig brauchen,
denn Zeit, sie klebt unter dem Hals,
sie schnürt ihn zu. Die Lippe blutet, weiß,
trotz Mohn. Trotz Opium. Die Zeit.

Philomele IV (21.5.08)

Ich schütte die Zeit aus
Verrinnen will sie nicht.
Ich sitze im Mohnfeld,
die Zunge angeklebt.
Gespenster essen meine Haare.
Ich warte auf den Mohn,
doch er ist frühstücken gegangen
Die Stunde wird mich grüßen.
Ich muss nun warten auf sie,
die Haare aufgegessen.


 

08.06.2008 um 19:15 Uhr

roman candle

von: nenia

Musik: Experiment Nnord - un jour d' été

Sommer im Land. Ich habe ihn in meinen Wimpern aufgefangen. Er hat sich verhakt und nun ist er dort. In mir. Mir geht es so gut, wie lange nicht mehr, trotz Magenschmerzen. Trotz baldiger Prüfung. Am Donnerstag habe ich einen Vortrag über meine Arbeit gehalten. Es folgte ein Lob und im Nebensatz das Wort "Promotion." Die Bedeutung wurde mir erst am nächsten Tag bewußt. Ich bin wahnsinnig. Ich will alles. Und sogleich. Wenn ich den literarischen Schmerz bezwungen habe, werde ich mir die Linguistik ebenfalls aneignen. Ich habe Zeit. Und wieder ist dort diese fixe Idee, das Brennen in den Pupillen, die Gier. Ich liebe das Gefühl.
Der Sommer ist hier. Ich lief mit Uffi den Berg herunter, die Haare wehten im Wind. Da ist es, das Gefühl der Freiheit. Ich bin wieder jung. Die Welt liegt mir zu Füßen, ich kann alles erreichen, wenn ich nur will. Die Vergangenheit ist auf einmal irrelevant. Ich wohne auf der Sonne, wie in Valenciennes, nur anders. Mehr ich selbst.  Mir geht es phantastisch.

04.06.2008 um 17:14 Uhr

sans parapluie

von: nenia

Musik: Thomas Godoj - Love is you

Der Regen klimpert auf meinen Fensterscheiben. Heute habe ich das Schmerzbaby in Druck gegeben. Ich wartete ewig und in der Copythek lag christliche Propaganda. Die Dame zeigte Umschlagfarben, ich wählte dunkelrot, weil es entfernt wie Mohn aussah. Auf dem Rückweg ging ich ohne Regenschirm, es blitzte ein bißchen. Franziska winkte mir zu und drehte mir eine Zigarette. Mir war nach Rauchen und immer noch möchte ich mich zur Feier des Tages betrinken. Mein mohnrotes Schmerzbaby ist fertig und morgen werde ich es in Paul Ludwigs Seminar vorstellen, bevor ich es am Freitag abholen kann. Am Dienstag gebe ich es ab, es wandert dann von dem Prüfungsamt zu Iris, die es hoffentlich gut bewerten wird. Ich werde für die nächste Prüfung lernen, das Leben geht weiter. Und trotzdem ist dort dieses seltsame Gefühl, etwas loszulassen. Zwischen Euphorie und Wehmut. Es hat mich seit dem letzten Oktober beschäftigt. Und nun ist es fast entschwunden. Ich bin eine Wunderkerze. Ich habe es geschafft.