Ich habe mich entschlossen, meine literarischen Versuche in dieser Kategorie zu präsentieren.
Die folgende Serie ist innerhalb eines knappen Jahres entstanden. Der "ausgeliehene" Mythos stammt aus Ovids Metamorphosen. Er handelt von Philomele, die von ihrem Schwager vergewaltigt wurde. Um sie an der Artikulation ihres Schmerzes zu hindern, schnitt er ihr die Zunge ab. Dennoch fand Philomele einen Weg, ihren Dolor verständlich zu machen: Sie wob ihn mit rotem Garn auf ein weißes Tuch.
Diese Serie ist eigentlich über das, was vorher zu lesen war. Sie ist jedoch für I.H., weil sie mir die Germanistik zurückbrachte und mich inspirierte ohne es zu wissen.
Philomele I
Ich schneide meine Zunge ab. Ich halte das Messer schräg. Mit der anderen Hand ziehe ich an ihr, sie windet sich ein bisschen, wie eine Ratte im Labor, wenn sie die Spritze sieht. Ich halte sie fest, meine Rattenzunge. Wenn ich fertig bin, wirst du es bereuen, denn ich schenke sie dir zum nächsten Geburtstag. Mit einer roten Schleife schenke ich sie dir, meine bis dahin schwärzlich gewordene Zunge, ein Stück Fleisch. Ich schneide sie mir ab, damit Dich ewig Dein Gewissen plagt. Wenn meine Zunge weg ist, ist der Schmerz nicht mehr in den Worten. Er ist dann an einem anderen Platz in meinem Kopf, und er wird verschwinden. Wenn diese Zunge weg ist, muß ich nicht mit Dir diskutieren, über obsolete Gedanken, über Deine Eifersucht zwischen uns, zwischen unserer Welt.
Wenn diese Zunge die Worte nicht mehr ermöglicht, sage ich Dir gar nichts mehr, denn dann ist die Möglichkeit verschwunden. Ich werde nicht mehr versuchen, Dich bei mir zu halten, ich werde mich stumm abfinden, meinen Zorn auf ein weißes Garn weben und ihn in das Paket legen, in Dein Geschenk.
Wenn meine Zunge weg ist, verschwindet die Artikulation. Wenn ich meine Erinnerungen nicht artikulieren kann, verschwinden auch diese hoffentlich. Dann muß ich nichts sagen. Dir nicht erwidern. Ich kann Dich einfach vergessen, während Du Dir diese meine Zunge ins Regal stellst. Und verschwindest, mit einer immerwährenden Schuld.
Ich halte das Messer schräg.
Salz (17.7.07)
Philomele II
Sage mir doch, wohin der Wind gegangen,
pflanze ein Lied in deinen rauhen Mund,
es soll Dich an. Es soll Dich auf. Fangen,
und meine Hand, sie ist voll Salz. So wund.
Ich sehe in das Salz. Es singen die Kristalle,
sie sagen mir ganz sanft, die Zunge soll hinfort.
Ich schneide sie mir ab, weil ich mir so gefalle,
Wenn ich nicht spreche, bist du nicht mehr dort.
Ich pflanze Dir ein Lied. Ich bin bereits verschwunden,
es soll Dich fangen, denn ich kann es nicht.
Die Augen verklebt, der Gaumen geschunden,
Ich streue mir das Salz in mein Gesicht.
Zeit (23.7.07)
Philomele III
Ich schmiere Mohn auf meine Lippen,
rotschwarz. Schwarzrot, der Atem.
kondensiert. Im Nichts, soweit.
Ich beiße schräg mit aufgerissenen Pupillen.
Auf die Lippe. Die Zeit klebt stumm
im Schlüsselbein, sie lässt mich nicht
mehr weiter. Und schaut mich an
mit ihren Zeigern. Ich kann sie nicht
am Starren hindern nie
Ich schmiere Opium
in meine Wimpern, denn Ruhe
kann ich ewig brauchen,
denn Zeit, sie klebt unter dem Hals,
sie schnürt ihn zu. Die Lippe blutet, weiß,
trotz Mohn. Trotz Opium. Die Zeit.
Philomele IV (21.5.08)
Ich schütte die Zeit aus
Verrinnen will sie nicht.
Ich sitze im Mohnfeld,
die Zunge angeklebt.
Gespenster essen meine Haare.
Ich warte auf den Mohn,
doch er ist frühstücken gegangen
Die Stunde wird mich grüßen.
Ich muss nun warten auf sie,
die Haare aufgegessen.