pavot rouge

23.05.2009 um 18:51 Uhr

fille gotique

von: nenia

Manchmal fehlt es mir. Das Gefühl, jung und wild zu sein. Mit zerrissenen Strumpfhosen durch Ferndorf zu laufen, in einem presque durchsichtigen Rock, mit dem Bewusstsein, anders zu sein.
Mir fehlen rotgemalte Lippen und der Geruch von altem Samt. Die Nachtwelten-Treffen. Meine alten Freunde. Goethes Erben und das Konzert in Darmstadt. Zahlreiche Festivals, Momente auf dem Balkon. In Netzhandschuhen. Träume.
Ich dachte, ich würde es zu etwas Großem bringen. Einer Promotion in Germanistik. Einem eigenen Buch. Ich habe in Selbstüberschätzung gebadet nach dem Abitur. So beautiful and wild. Full of thoughts and plans. Hesses "Steppenwolf" begleitete mich auf den Zugfahrten quer durch Allemagne. Lord Byron und Mary Shelley flüsterten mir zu. Es war eine unglaublich turbulente, schwere Zeit und doch etwas Gutes. Ich war aufgehoben. Verstanden. Erfüllt von Musik. Ich war eine gute Eskapistin. Eine Heimatlose, mit Heimat quer durch die Republik. Mir fehlt es, mit geringelten Strümpfen auf irgendeinem Bahnhof zu sitzen. Zu rauchen, mit nachdenklichem Blick. Das Zuhause im Herzen. Das Herz so weit. Das Herz so wild.
Nun trage ich blaue Jeans und fahre seltener umher. Meine Kleider sind verkauft. Doch die Musik geblieben. Und dieses Gefühl ganz tief im Herzen.

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenpersonal_journalist schreibt am 23.05.2009 um 20:15 Uhr:oh man. total. ich habe die ganze woche daran gedacht! letztens habe ich abends drei betrunkene metaller auf einer bank vor der uni gesehen, die kermit den frosch nachgemacht haben. wo sind all die jahre hin?
  2. zitierenrike schreibt am 24.05.2009 um 11:37 Uhr:Großes muss nicht zwingend kommen, bevor man 25 ist. Das hat alles noch Zeit. Rechne mal aus, wie viele Jahre noch vor Dir liegen - und dann überleg mal, wie viele Bücher man in der Zeit schreiben kann. Sogar mehr als eins. *grins*
    Wild ist nur Definitionssache. Stell Dir vor, wir sind 90 (du) und 89 (ich, hähä!), stehen beide mit unseren Rollatoren in Köln am Rhein (nachdem wir gerade einen überteuerten Kakao in einem überteuerten Café getrunken haben) und schreien laut "Eeeey moootobooool" aufs Wasser.
    Das ist auch wild.
    Alles eine Frage der Perspektive. ;-)
    Ich drück' Dich - in einer Inflektivkonstruktion: *drück, drück, drück!*

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