Warum hab ich hier eigentlich noch niemals ein Wort über Kurt Cobain verloren, wo er doch neben Elvis und Eminem der einzige Musiker ist, von dem ich sagen würde, dass er mich wirklich richtig geflasht hat..?
Kurt hatte ich für mich übrigens schon entdeckt, bevor diese ganze Nirvana-Nevermind-Welle ins Rollen kam. Ich war damals in einer von diesen Indie-Alternative-Cliquen (ich verwahre mich gegen ein Un-Wort namens "Grunge") und das Größte war es für uns, mit irgendwelchen "Homerecording-Pladden" unbekannter Künstler von unterm Ladentisch aufzutrumpfen.
Demzufolge kursierte früh die "Bleach". Laut und vernehmlich - man kam nicht dran vorbei. Wie krass, dass da einer war, der seine Emotionen auf diese Art und Weise herausschreit. Und dabei obendrauf auch noch authentisch ist. Man hätte es damals natürlich nie artikulieren können, aber man hat sich diesem Typen einfach nah gefühlt. Und...na gut, ich wäre nicht 14 gewesen, wenn ich den nicht auch schweine-sexy gefunden hätte. DAS war mein Typ. Den wollte ich und sonst keinen. Kurt Cobain ist übrigens für mich nach wie vor eines der schönsten Gesichter, die mir je unter die Augen gekommen sind.
Als die Nevermind kam, war ich musikalisch einfach komplett erfüllt. Als hätte ich jahrelang nur darauf gewartet, was da mit Gewalt über mich kam. "Lithium" - ich bin wahrscheinlich allein dank dieses Songs heile durch die Pubertät gekommen. Ohne dieses Ventil hätte ich wohl erst meine Einrichtung zertrümmert und wäre dann endgültig im Drogensumpf versackt. "Smells like teen spirit" war für uns wegen der Chart-Positionierung schon früh raus ausm Beuteschema, ist aber als 1A-Partysong auch bis heute spielbar. Oder "Polly" - ich habe nicht den ganzen Text verstanden, aber ich wollte mein Kind nach diesem seltsamen Papageien nennen, egal ob es ein Junge oder ein Mädchen wird....
Was allerdings dann kam, war für mich wie eine Schändung, ein Sakrileg. Nachdem das Album ein paar Wochen in den Charts war, passierte nämlich plötzlich folgendes: Unser Klassen-Nerd Hagen, ein dicklicher Junge mit Pottschnitt, der einen zu großen Kopf und immer eine schwarz-lederne Aktentasche dabei hatte, einer der in Mathe und Physik immer nur einsen schrieb, bei Klassenarbeiten aber seinen Arm neben das Blatt schob, damit man nicht abschreiben kann, einer der uns verpetzte, wenn wir in der Pause auf dem Klo geraucht haben - jener Hagen kam eines Tages in einem blauen T-Shirt die Schule, auf dem ein nacktes Baby und eine Dollarnote prangte. Ich war fassungslos und habe meine CD ein halbes Jahr lang nicht mehr angefasst, bis meine Liebe zu dieser Musik schlußendlich doch wieder Überhand nahm. Eine gewisse Ambivalenz ist aber leider bis heute geblieben. Ich glaube, dass da der Ursprung für meine andauernde Abneigung gegen die Charts liegt....
Die "In Utero" ist dann irgendwie ein bisschen in einem Vakuum verschwunden, zwischen der Nevermind und dem geilen Unplugged-Album, so dass es wieder eher nur die Liebhaber waren, die sich damit befasst haben. Es sind einige großartige Songs drauf, die man eigentlich viel zu selten hört. "Pennyroyal Tea" ist hier zum Beispiel das Lied, was ich für mich besonders entdeckt hatte.
Der 7. April 1994 ist für mich eines jener Daten, wo man noch genau weiß, wo man gewesen ist. Ich kam von der Schule und war grade mit dem Mittagessen fertig, als meine Freundin Jenni anrief und fragte, ob ich es schon gesehen hätte. Ich fragte "Was denn?" und sie sagte nur, schalt mal MTV ein. Wir hatten erst ganz kurz zuvor unsere erste Satellitenschüssel bekommen, vorher wäre das gar nicht gegangen, aber jetzt tat ich wie geheißen: Da lief irgendein Song und unten durchs Bild lief die Nachrichtenschleife in weißen Buchstaben: "Nirvana-Sänger Kurt Cobain tot aufgefunden". Und dann hab ich ein ganz bisschen geheult. Das war untypisch für mich - ich war nie der Boyband-ich-raste-aus-und-krieg-einen-Kollaps-Typ. Aber ich hatte es irgendwie da schon begriffen: Ein ganz Großer ist weg.Â
Ja, und dann die Unplugged - schnell herausgebracht - aber brauchen wir nicht drüber reden. Die geht immer. Ewige Lieder.Â
Heute hat Nirvana ja längst Nostalgie-Status erreicht. Schüler, die noch flüssig waren, als die ersten Sachen von Nirvana rauskamen, grölen "Hello, hello hello helloohoo..." als hätten sie nie etwas anderes getan und das ist auch gut so.
Es gibt eh viel zu wenig Wut-Musik heutzutage.