Taoistische Reflektionen

30.11.2005 um 20:30 Uhr

Tao Te King 5 (9)

von: tao

Wenn nun ein Atom, das keine vollkommene Leere darstellt, soviel Energie entstehen lassen kann, wieviel Energie kann dann die perfekte Leere beinhalten ?

Die Rishis haben immer gesagt, durch die Leere kam das Universum ins Sein. Und so ist diese ungeheuer weite Ausdehnung möglich, soviele Monde und Sterne – Millionen und Abermillionen davon ! Unsere Überlegungen gehen in genau die entgegengesetzte Richtung. Wir glauben, was immer geboren wird, wird da geboren, wo es ursprünglich ist. Wir denken, die Dinge können nur aus einem angefüllten Seinszustand herauskommen. Was kann denn schon aus Leere herauskommen ? Wir denken so, weil wir keine Vorstellung von einer entgegengesetzten Arithmetik haben. Lao-tse ist in dieser Welt der großartigste Verkünder von dieser gegensätzlichen Mathematik. Er sagt, die immerwährende Energie liegt in dem Zustand von totaler Leere eingebettet. Warum legt Lao-tse soviel Wert darauf, dies zu verkünden ?

Lao-tse meint damit, wenn wir der Besitzer dieser ungeteilten Energie werden möchten, werden wir Leere werden müssen – wie der Blasebalg, der vollständig luftentleert ist – wo ein komplettes Vakuum vorherrscht. Die höchste Existenz manifestiert sich nur dann. In eben dieser Leere bekommen wir den ersten Vorgeschmack von der immerwährenden Energie.

Wir sind so beschaffen, daß wir uns emsig an- und auffüllen, genau wie ein verrückter Schmied seinen Blasebalg mit irgendwelchem Zeug vollstopfen könnte. Dann wird der Blasebalg nutzlos. Wir sind solch geisteskranke Schmiede, und füllen den Blasebalg der Existenz mit allen möglichen Dingen. Wir füllen sein Leersein mit Sachen, die wertlos und nutzlos sind, wie Wohlstand, Status, Prestige, mit Freunden, mit Ehefrauen und Ehemännern und Söhnen und Töchtern. Die Leere wird randvoll aufgefüllt. Und dann werden wir wie ein Ramschladen. Wir sind so voll, daß eine leichte Bewegung genügt, und schon stoßen wir uns an etwas. Wir schaffen es nur gerade so, in diesen Bedingungen zurecht zu kommen und zu leben.

Wir haben keine ungeteilte Energie in uns. Mahavir sagt: "Wer leer wird, wird der Herr der immerwährenden Energie." Wie können wir uns leer machen, wie können wir Leere werden – Lao-tse erklärt es und erläutert es weiter. Bis jetzt sagt er nur soviel, daß es notwendig ist, daß wir die Herrlichkeit des Leerseins verstehen sollten, daß wir die Torheit des sich Vollstopfens verstehen sollten. All die wirklichen und tiefgehenden Methoden, die in dieser Welt entwickelt worden sind – sei es Yoga, Meditation, Tantra, Andacht, Gruppenprozeß – all diese Methoden sind Methoden, den Menschen leer werden zu lassen.

29.11.2005 um 23:59 Uhr

Tao Te King 5 (8)

von: tao

Wenn wir an das Atom denken, es ist nicht einmal so groß wie die Spitze eines Haares. Es ist eine sehr lange Reise. Wenn wir, ausgehend von der Hülle eines Haares, das Haar einmillionenmal schälen, was wird dann noch bleiben von dem Haar ? Bis jetzt ist das Atom noch niemals gesehen worden, nicht nur mit dem bloßen Auge, sondern auch nicht einmal durch ein Mikroskop. Die Wissenschaftler sagen, das, was sie über das Atom vermuten, kann damit verglichen werden, wie sich in früheren Zeiten die Leute Gott vorstellten. Sie haben das Atom nicht gesehen, aber es gibt Probleme, die nur gelöst werden können, wenn wir die Existenz des Atoms akzeptieren. Deswegen müssen wir an das Atom glauben. Das ist genau das, was religiöse Leute zu sagen pflegten: "Wir haben Gott nicht gesehen, aber es gibt viele Probleme, die nicht gelöst werden können, ohne Seine Existenz zu akzeptieren." Dies sind also bloße Annahmen oder man kann sagen: "Gott ist nicht sichtbar, aber seine Beweise sind es."

Die Wissenschaftler sagen also auch: "Die Atome können wir nicht sehen, aber wir können die Explosion sehen." Hiroshima wurde zu Aschenhaufen reduziert. Eine Million Leute werden zu Asche. Dies ist das Resultat. Dieses Resultat kann nicht falsifiziert werden. Dies ist die Wahrheit. Das ist sichtbar für das bloße Auge; aber das, innerhalb dessen dieses Resultat stattfindet, ist unsichtbar. Wir stellen uns nur vor, daß etwas aufgebrochen ist, mit dem Resultat, daß soviel Energie freigesetzt wird. Dieses imaginäre Ding ist das Atom. Aber solch ein subtiles und imaginäres Ding wie ein Atom ist der Produzent von solch ungeheurer Energie.

Der Taoismus hat schon immer gesagt, wenn wir die ungeheuer weite Ausdehnung erreichen wollen, werden wir die subtilste Minimum erreichen müssen. Taoismus redet immer in den Gegensätzen. Gegenwärtig haben die Wissenschaftler auch begonnen, ein wenig zu verstehen. Taoismus sagt: "Um das Große zu erreichen, erreiche das Subtile. Wenn wir Tao erlangen wollen, werden wir dieses Bruchstück von Tao, von Atman, erreichen müssen, das in uns verborgen liegt." Wer sich daran macht, Tao direkt zu erreichen, findet es niemals. Er wird sich selbst verlieren, aber niemals Tao erreichen. Wer Tao suchen möchte, wird Tao gleichzeitig vergessen müssen. Er sollte das Atom des Lebens entdecken, das innerhalb seines eigenen Selbst liegt. Erst wenn dies entdeckt wird, wird Tao erreicht.

Das Atom in den Griff zu kriegen heißt die weite Expansion in den Griff zu kriegen. Das Atom ist eine komplette Leere – so gut wie nichts; und dieses Nichts nährt in sich solch ungeheure Energie ! Aber dies ist auch nicht die absolute Leere. Die Leere, von der Lao-tse redet, ist eine vollständige, eine perfekte Leere.

28.11.2005 um 23:59 Uhr

Ko Hsuan 5 (9)

von: tao

Wenn wir versuchen, still zu werden, dann können wir beobachten, wie alles Mögliche zu einer Störung wird, wie es uns ablenkt. Bloß ein Hund, der bellt, dem es überhaupt nicht bewußt ist, daß wir gerade versuchen, zu meditieren, der nichts gegen Meditation hat, der kein alter Feind ist, der nicht die geringste Rache an uns nimmt wegen irgendeinem Karma aus der Vergangenheit... Er hat bloß Spaß am Bellen; das ist seine Meditation. Vielleicht macht er ja sogar dynamische Meditation ! Er scheint moderner und zeitgemäßer zu sein als wir – wir machen gerade Vipassana und er macht schon die Dynamische Meditation ! Aber wir werden uns gestört fühlen. Er fühlt sich nicht gestört durch unser Vipassana und wir werden durch seine dynamische Meditation gestört aus dem einfachen Grund, daß wir dabei etwas erzwingen; es ist nicht natürlich. Es ist bloß eine sehr dünne Schicht des Stillseins, die wir irgendwie uns selbst aufgemalt haben. Tief innen bellen tausend Hunde in uns, und sie verstehen augenblicklich den Hund, der im Außen bellt, und sie spüren einen großen Drang, zurückzubellen. Die Ablenkung kommt von unseren inneren Hunden, sie kommt nicht von dem äußeren Hund; der äußere Hund ist überhaupt nicht verantwortlich dafür. Wenn unser Schweigen natürlich ist, wird das Hundebellen keine Ablenkung sein; es kann sogar unser Stillsein noch verstärken, es mag zu einem Hintergrund für unsere Stille werden. So kann das geschehen.

Wenn wir in der Nacht die Sterne sehen, diese schönen Sterne, haben wir dann jemals darüber nachgedacht, was mit diesen Sternen am Tag geschieht ? Sie gehen nicht weg – wohin können sie auch gehen ? Sie sind da, aber weil der Hintergrund nicht mehr da ist, weil die Dunkelheit nicht mehr da ist, können wir sie nicht sehen. In der Nacht funktioniert die Dunkelheit wie ein Hintergrund: Je dunkler die Nacht, desto mehr scheinen die Sterne. Sie strahlen nicht so sehr in einer Vollmondnacht, aber wenn der Mond überhaupt nicht da ist, sind die Sterne wirklich schön. Das gleiche gilt für ein wirkliches Schweigen: Alles, was sich normalerweise als eine Ablenkung auswirkt, wird hier zum Hintergrund. Der bellende Hund, der Verkehrslärm, jemand schreit, Kinder weinen, rennen herum, die Frau kocht Essen in der Küche – alles wird ein Hintergrund und alles vertieft unser Schweigen, weil wir uns eben nicht konzentrieren, wir üben keinen Zwang aus, wir wollen nichts erzwingen, wir sind einfach entspannt. Ständig passiert irgendetwas, wir bleiben ungerührt; wir bleiben absolut zentriert, und zwar anstrengungslos zentriert. Dies gilt es zu beachten: Tao lehrt uns anstrengungsloses Natürlichsein; es glaubt nicht an Anstrengung, wie dies Yoga tut. Yoga und Tao sind total entgegengesetzt zueinander. Darum konnte sich Yoga in China nicht durchsetzen.

27.11.2005 um 13:29 Uhr

Ko Hsuan 5 (8)

von: tao

Alles, was wesentlich ist, ist natürlich, und unser ganzes Leben in natürlicher Weise zu leben, ist die einzige Lehre des Tao. Es lehrt uns Machtlosigkeit, aber in der Machtlosigkeit liegt große Macht – die Macht des Tao, die Macht der Ganzheit, nicht unsere Macht, nicht meine Macht, nicht die Macht von irgendjemandem.

Dann entsteht eine Reinheit in uns. Wir sind nicht der Urheber dieses Geschehens, wir sind nicht der Architekt; wir sind nur ein Zeuge, ein Zuschauer. Und dann entsteht eine gewaltige Stille, und das ist nicht etwas, was von außen her erzwungen wird. Das machen all unsere sogenannten religiösen Leute überall auf der Welt: Sie versuchen, Reinheit zu erzwingen. Und immer wenn wir uns selbst Reinheit aufzwingen, immer wenn es ein kultiviertes Phänomen wird, ist es Repression und nichts sonst. Und Unterdrückung erzeugt nur Häßlichkeit; sie erzeugt eine Spaltung in uns, sie macht uns schizophren.

Ein Priester lädt einen anderen Priester zum Essen in sein Haus ein. Am Ende des Mahls bemerkt der Gast, der schon leicht betrunken ist, wie hübsch die Haushälterin ist.

Er dreht sich wieder zu seinem Kollegen um und sagt: "Du bist doch ein alter Freund, du kannst es mir sagen – schläfst du mit dem Mädchen ?"

Der Gastgeber ist sehr aufgebracht: "Wie kannst du es wagen, in meinem Haus so mit mir zu reden ?", brüllt er. "Bitte verabschiede dich augenblicklich !"

Nachdem sein Freund gegangen war, bemerkt der Priester, daß ein schöner Silberlöffel verschwunden ist, also schickt er am folgenden Morgen seinem Freund folgende E-Mail: "Mein lieber heiliger Freund, ich will nicht sagen, daß du ein Dieb bist, aber wenn du meinen Silberlöffel finden solltest, dann schicke ihn bitte zurück !"

Die Antwort kommt schnell:

"Mein lieber heiliger Freund, ich will nicht sagen, daß du ein Lügner bist, aber wenn du letzte Nacht in deinem Bett geschlafen hättest, würdest du deinen Silberlöffel gefunden haben !"

Alle kultivierte Reinheit erzeugt Heuchelei, sie erschafft eine Dualität in uns. Das muß so kommen, denn wir haben nicht verstanden; wir haben einfach etwas verleugnet. Es ist nicht verschwunden; es ist noch da und wartet darauf, Rache zu nehmen. Und es wird seinen eigenen Weg finden – es wird durch die Hintertüre kommen. Wenn wir ihm nicht erlauben, durch die Vordertüre zu kommen, wird es eben durch das Hintertürchen kommen.

Tao glaubt nicht an irgendeinen kultivierten Charakter; es glaubt an eine natürliche Reinheit, an ein natürliches Stillsein, an eine natürliche Stille, ein inneres natürliches Schweigen.

26.11.2005 um 13:30 Uhr

Südliches Blütenland 2/4 (10)

von: tao

Die Hindus sagen, es gibt einen Typus, der ist ein Arbeiter, ein shudra,

der wird immer verwaltet und gemanagt werden.

Wenn ihn niemand lenkt und leitet, wird er in Verlegenheit sein,

er wird nicht glücklich sein.

Er braucht jemanden, der ihm Anordnungen gibt,

er benötigt jemanden, dem er gehorchen kann,

er braucht jemanden, der die ganze Verantwortung übernehmen kann.

Er ist nicht bereit, für sich selbst die Verantwortung zu tragen.

Das ist ein Typus.

Nur wenn der Manager in der Nähe ist, wird diese Art von Mensch arbeiten.

Wenn der Aufseher nicht da ist, wird er einfach dasitzen.

Das Manager kann ein subtiles Phänomen sein, er kann sogar unsichtbar sein.

Zum Beispiel in einer kapitalistischen Gesellschaft treibt das Profitmotiv an.

Ein shudra arbeitet nicht, weil er seine Arbeit liebt,

nicht weil diese Arbeit sein Hobby ist,

nicht weil er kreativ ist,

sondern weil er sich selbst und seine Familie ernähren muß.

Wenn er nicht arbeitet, wer wird ihn ernähren ?

Es ist das Gewinnmotiv,

Hunger, der Körper, der Magen, was ihn in die Gänge bringt.

In einem kommunistischen Land ist dieses Motiv nicht der Manager.

Dort müssen sie sichtbare Aufseher aufstellen.

Man sagt, daß es in Stalins Rußland für jeden Bürger einen Polizisten gab.

Ansonsten ist es schwierig, alles in Gang zu halten,

denn das Profitmotiv ist nicht mehr da.

Man muß erzwingen, man muß anordnen, man muß ständig meckern,

nur dann wird der Shudra arbeiten.

25.11.2005 um 14:05 Uhr

Südliches Blütenland 2/4 (9)

von: tao

Ein erfolgreicher Mensch ist nicht nur erfolgreich, denn mit dem Erfolg kommen alle möglichen Kalamitäten. Ein Versager ist nicht bloß ein Versager, denn mit dem Mißerfolg kommen viele verschiedene Glücksfälle. Das Endergebnis ist immer das gleiche, aber das sieht man nur, wenn man tiefer geht, eine klare Perspektive ist nötig. Augen sind nötig, um auf das Gesamtergebnis zu schauen, denn das Denken kann nur auf das Fragment sehen. Wenn das Denken sich auf den Morgen ausrichtet, kann es den Abend nicht sehen; wenn es sich auf den Abend konzentriert, ist der Morgen schon vergessen. Das Denken kann nicht den gesamten Tag im Blick haben, das Denken ist fragmentarisch.

Nur ein meditatives Bewußtsein kann auf das Ganze sehen, von der Geburt bis zum Tod – und dann ist das Endergebnis immer sieben. Das ist der Grund, warum weise Menschen niemals versuchen, das Arrangement zu verändern. Revolution bedeutet eine Änderung des Arrangements.

Was passierte in Russland ? 1917 ereignete sich die große Revolution. Das Arrangement wurde verändert. Lenin, Stalin oder Trotzki werden wohl niemals die Geschichte von den Drei am Morgen gehört haben. Sie hätten viel von Dschuang Dsi lernen können. Aber dann würde es keine Revolution gegeben haben. Was geschah ? Die Kapitalisten verschwanden, nun war niemand mehr reich, niemand war arm. Die alten Klassen gab es nicht mehr. Aber nur die Namen änderten sich. Neue Klassen bildeten sich. Zuvor war es der reiche Mann und der arme Mann, der Kapitalist und das Proletariat – nun war es der Manager und der Gemanagte. Aber die Unterscheidung, die Kluft, blieb die gleiche. Nichts hatte sich geändert. Nur daß man den Kapitalisten jetzt Manager nannte ! Diejenigen, die die russische Revolution studiert haben, sagen daher, daß dies keine sozialistische Revolution war, es war eine Revolution des Managements. Die gleiche Kluft, die gleiche Distanz, blieb zwischen den zwei Klassen, und eine klassenlose Gesellschaft war nicht entstanden.

Dschuang Dsi würde gelacht haben. Er würde diese Geschichte von den Drei am Morgen erzählt haben. Was habt ihr getan ? Der Manager ist mächtig geworden, derjenige, der verwaltet wird, ist machtlos geblieben.

Die Hindus sagen, daß einige Leute immer Manager sein werden und einige Leute werden immer verwaltet werden. Es gibt shudras und kshatriyas, und das sind nicht bloß Etiketten, das sind Menschentypen. Die Hindus haben die Gesellschaft in vier Klassen eingeteilt und sie sagen, daß die Gesellschaft niemals klassenlos sein kann. Das ist keine Frage des sozialen Arrangements – es existieren vier Typen von Menschen. Bevor wir nicht den Typus verändern, wird keine Revolution sehr hilfreich sein.

24.11.2005 um 23:38 Uhr

Quellender Urgrund 3/8

von: tao

In seinen mittleren Jahren verlor Hua Dsi aus Yang Li in Sung sein Gedächtnis. Er erhielt beispielsweise ein Präsent am Morgen und hatte es abends schon vergessen; oder er schenkte selbst ein Präsent am Abend und hatte es schon am nächsten Morgen vergessen. Unterwegs auf der Straße vergaß er zu gehen; zu Hause vergaß er es, sich niederzusetzen. Heute erinnerte er sich nicht mehr an gestern; morgen erinnerte er sich nicht mehr an heute. Seine Familie war darüber beunruhigt und lud einen Wahrsager zu sich ein, er sollte ihnen etwas über sein Schicksal sagen, aber ohne Erfolg. Sie luden einen Schamanen zu sich ein, er sollte ein glückbringendes Ritual durchführen, aber es machte keinen Unterschied. Sie baten einen Arzt zu sich, er sollte ihn behandeln, aber es half nichts. Da war ein Konfuzianer von Lu, der als sein eigener Manager sich vermitteln wollte, indem er behauptete, daß er dies heilen könne. Hua Dsis Frau und seine Kinder boten die Hälfte ihres Besitzes als Gegenleistung für sein Können. Der Konfuzianer sagte ihnen: "Das ist ganz klar keine Krankheit, die durch Hexagramme und Vorzeichen prognostiziert werden kann oder durch glückverheißende Gebete weggezaubert werden kann oder mit Arzneien und der Akupunkturnadel behandelt werden kann. Ich werde versuchen, sein Denken zu reformieren und seine Gedanken zu verändern. Es besteht eine gute Chance, daß er wieder zu sich kommen wird." Dann versuchte der Konfuzianer, Hua Dsi auszuziehen, und er suchte nach seinen Kleidern; er probierte, ihn auszuhungern, und er suchte nach Essen; er machte den Versuch, in im Dunklen einzusperren, und Hua Dsi suchte nach Licht. Der Konfuzianer war erfreut und sagte den Söhnen des Mannes: "Die Krankheit ist heilbar, aber meine Künste wurden von Generation zu Generation im Geheimen weitergegeben und werden Außenstehenden nicht enthüllt – also werde ich seine Dienerschaft ausschließen und mich mit ihm alleine in seinem Zimmer sieben Tage lang aufhalten." Sie stimmten zu, und keiner wußte, was für Methoden der Konfuzianer benutzte, aber die Krankheit von vielen Jahren war an einem einzigen Morgen völlig vertrieben. Als Hua Dsi aus seinem Vergessen erwachte, war er sehr wütend. Er trennte sich von seiner Frau, bestrafte seine Söhne und vertrieb den Konfuzianer mit einem Speer. Die Autoritäten von Sung sperrten ihn ein und wollten den Grund wissen. "Früher, als ich vergaß," sagte Hua Dsi, "war ich grenzenlos, ich bemerkte nicht einmal, ob Himmel und Erde existierten oder nicht. Jetzt erinnere ich mich plötzlich, und all die Unglücksfälle und das sich wieder erholen davon, all die Gewinne und Verluste, Freuden und Sorgen, all die Gefühle von Liebe und Haß von den vergangenen zwanzig, dreißig Jahren kommen hoch in mir in tausend ineinander verwobenen Fäden. Ich fürchte, daß all die Desaster und das Aufatmen danach, die Gewinne und Verluste, das Freud und Leid, all die Liebe und all der Haß, die noch auf mich zukommen werden, mein Herz genau so sehr verwirren werden. Werde ich niemals wieder einen Moment des Vergessens finden ?"

23.11.2005 um 23:54 Uhr

Goldene Blüte 8/33-35 (2)

von: tao

Für einen Menschen, der auf der Suche nach Wahrheit ist, stellt sogar der Tod eine Gelegenheit dar. Für den Menschen, der nicht auf der Suche ist, stellt sogar das Leben keine Gelegenheit dar, etwas zu lernen. Die Leute leben ihre Leben, ohne auch nur überhaupt irgendetwas zu lernen. Sie gehen durchs Leben, aber ohne dabei irgendeine Reife zu gewinnen. Sie bleiben fast im Schlafzustand. Die Leute leben wie Schlafwandler. Sie bleiben betrunken – sie wissen nicht, was sie überhaupt tun, sie wissen nicht, warum sie es tun, sie wissen nicht, woher sie kommen, sie wissen nicht, wohin sie gehen. Sie sind einfach wie Treibholz, den Winden preisgegeben. Ihre Leben sind zufällig; es ist mehr wie ein Unfall.

Millionen von Leuten leben nur zufällige Leben, und bevor wir nicht unser Leben in die eigenen Hände nehmen und damit anfangen, es vom zufälligen zum existentiellen hin zu verändern, wird es keine Transformation geben können.

Das ist Taoismus: Ein Experiment, das Zufällige in das Existentielle zu verändern,ein Versuch, das unbewußte Leben in ein bewußtes Leben zu verwandeln, die Anstrengung, aufzuwachen. Und dann ist das Leben ein Lernen, und so auch der Tod. Dann lernt man immer weiter. Dann kommt jeder Moment, jede Situation, als ein Geschenk. Ja, sogar Leiden ist ein Geschenk des Tao, aber nur für diejenigen, die wissen, wie man lernt, wie man das Geschenk empfängt. Normalerweise sind sogar Segnungen und Glücksfälle kein Geschenk für uns, weil wir nicht wissen, wie man so etwas empfängt, wir wissen nicht, wie man so etwas absorbieren kann. Unser Leben wird robotergleich gelebt, in mechanischer Art und Weise.

Ein Mann kam sehr spät in der Nacht nach Hause. Die Entschuldigung, die seiner Frau gegenüber abgab, dafür, daß er zu spät nach Hause kam, war folgende...

In Wirklichkeit hatte der arme Mann ein bißchen zu viel geschluckt und seiner wütenden Frau sagte er, daß er den falschen Bus genommen hätte.

Seine Frau sagte: "Das kann ich mir gut vorstellen bei dem Zustand, in dem du bist, aber wie hast du dann gemerkt, daß du in dem falschen Bus warst ?"

Der Ehemann sagte: "Nun ja, es kam mir merkwürdig vor, als ich stundenlang an einer Ecke stand, aber was mich schließlich überzeugte, war die Tatsache, daß die Leute laufend hereinkamen und Hamburger und Kaffee bestellten."

Es war nicht einmal ein Bus !

22.11.2005 um 20:20 Uhr

Tao 83

von: tao

Wenn wir verstehen wollen, was "Ich bin" bedeutet, ist es förderlich den Sinn dieser beiden Worte zu verstehen. Das eine Wort ist "Ich", das "Ego" (auf Sanskrit, einer viel weiter entwickelten Sprache: ahankara) und das andere ist "bin", das "bin-sein" (asmita auf Sanskrit). Ahankara, das Ego, bedeutet: Ich bin eins mit dem Körper. Wenn das Bewußtsein sich mit dem Körper verbunden fühlt, sich mit dem Körper identifiziert, sich eins mit ihm fühlt, wird das Ego geboren. Wenn sich das Bewußtsein vom dem Körper trennt und seine Identifikation mit ihm zerbricht, zerbricht das Ego. Zu wissen, daß ich getrennt vom Körper bin, ist notwendig, aber nicht genug, um zu wissen, daß ich eins mit Tao bin. Wenn eine Person auf das Gefühl fixiert ist, daß ich nicht der Körper bin und sich doch nicht eins mit Tao fühlt, was im Sanskrit "paramatman" genannt wird, wird dieser Zustand dieser Person in Sanskrit asmita genannt, was man im Deutschen eben mit bin-seiend oder so-seiend umschreiben kann. Ich bin eins mit dem Körper: Das ist der Zustand des Ego. Ich bin getrennt vom Körper: Dieser Zustand ist bin-sein, seiend sein. Das Gefühl, ich bin eins mit Tao, ist ein Zustand, der über das "bin-sein", das seiende Sein, hinausgeht. Sagt Lao-tse: Es ist für einen Menschen des Tao nötig, daß sein Ego sich auflöst und er weiß, daß er nicht der Körper ist und nicht das Denken. Diese Verwirklichung ist die Indikation für einen Heiligen. Ein Heiliger kann jedoch dabei stehenbleiben und nicht weitergehen. Viele Heiligen haben das getan. Diejenigen Heiligen, die gesagt haben, es gibt kein paramatman, es gibt nur das atman, es gibt also kein Tao, es gibt nur die Seele, das Selbst, das Über-Ich, gehören in diese Kategorie. Sie haben ein Bindeglied zur Knechtschaft zerbrochen: Sie haben ihre Beziehungen zum Falschen abgebrochen. Das ist ein großartiges Ereignis. Sie haben alle Bindungen zum Unwesentlichen zerbrochen. Das ist eine großartige Transformation. Aber das ist nur die Hälfte der Transformation. Noch ein Schritt mehr ist zu tun: Die Herstellung einer Beziehung zum Unendlichen. Wenn die Beziehung mit dem Grenzenlosen etabliert ist, ist auch das bin-sein, das seiend sein, verlorengegangen. Wenn ich "Ich bin" sage, sind das zwei Worte: "Ich" steht für das Ego und "bin" steht für asmita. Das "Ich" des Heiligen fällt weg und nur das "bin", das bin-sein, bleibt. Lao-tse sagt: Die Definition eines Heiligen ist jemand, dessen "Ich" weggefallen ist, aber dessen Bin-Sein, seiend zu sein, bleibt. Wenn dieses Bin-Sein, seiend zu sein, immer weiter schmilzt, wie Schnee in der Sonne, wie Lao-tse es beschreibt, wird es einiges Tages verschwinden. Das "Ich" war vorher schon annulliert worden. Das "bin" geht dann also auch verloren. Was bleibt, ist die reine Existenz. Dann ist es auch sinnlos, sagt Lao-tse, solch einen Menschen einen Heiligen zu nennen. Die Welle ist eins geworden mit dem Ozean.

21.11.2005 um 23:59 Uhr

Tao Te King 5 (7)

von: tao

Es gab in Japan einen Mönch namens Li Chi. Als er starb, entdeckten die Leute, daß er alle möglichen falschen Geschichten über sich selbst in Umlauf gesetzt hatte. Er hatte ein paar Leute dazu überredet, all diese frei erfundenen Geschichten über ihn zu verbreiten. Er starb als ein unbekannter Mensch. Als er im Sterben lag, dankte er seinen Freunden, daß sie ihn auf diese Weise vor dem Wahnsinn der Massen bewahrt hätten. Er sagte, es wäre ihrer Freundlichkeit zu verdanken gewesen, daß er nun friedlich sterben konnte. Er war solch eine Nicht-Wesenheit, daß keiner nach vorne kam, um seine Position in Frage zu stellen. Wer kümmerte sich darum, einen unbekannten Menschen herauszufordern ? Es ist der Status, die Position eines Menschen, die andere anzieht und sie antreibt, seinen Sturz herbeizuführen. Lao-tse sagt: "Entgegengesetzte Atemzüge sind immerwährend in der Existenz am Werk, wie der Blasebalg in der Werkstatt des Schmiedes." Eine Sache betont er sehr oft, und die ist: Wenn der Blasebalg leer ist, auch dann bleibt seine Kraft ungebrochen. Es ist nicht so, daß er kraftlos ist, wenn er leer ist. Die Kraft im Blasebalg ist eine vollständige Macht – ungebrochen. Die Leere hat die Macht der Perfektion. Die moderne Physik sagt, wenn ein Atom zerbrochen wird, bleibt nichts als Leere. Aber im Universum ist die Quelle der Energie die Explosion des Atoms. Der Himalaya kann sich an Stärke nicht vergleichen mit einem Atom, das so mikroskopisch ist, daß wir es mit dem bloßen Auge nicht sehen können. Wenn wir eine Million Atome auf einander stellen würden, könnte dies nur so dick sein wie ein einziges menschliches Haar.

Ein Freund von Nasruddin war aus einem Dorf gekommen, um ihn zu treffen. Er hatte eine Ente als ein Präsent für ihn mitgebracht. Nasruddin hatte die Ente gekocht und er bereitete seinem Gast ein üppiges Mahl. Fünfzehn Tage später kam ein Mann. Nasruddin begrüßte ihn herzlich und bot ihm einen Stuhl an. Der Gast sagte: "Ich bin ein Freund des Freundes, der dir die Gans brachte." Nasruddin verköstigte ihn mit einem gleichwertigen Mahl. Aber die Gäste kamen immer weiter. Dann kam der Freund des Freundes des Freundes und dann kam dessen Freund ! Das war nun nach sechs Monaten und Nasruddin war alarmiert. Jeder, der kam, nahm für sich in Anspruch, ein Freund desjenigen zu sein, der als letzter gekommen war. Dem vorerst allerletzten nun in dieser Reihe bot Nasruddin aus Verzweiflung heißes Wasser an und sagte: "Nimm dir doch etwas Bratensoße." "Aber dies ist keine Bratensoße!", rief der Mann, "Das ist bloß heißes Wasser." "Dies ist die Bratensoße der Bratensoße der Bratensoße...usw.... von der Bratensoße der Ente, die gekocht worden war. Wenn du jetzt die Bratensoße der Ente haben willst, die vor sechs Monaten gekocht worden war, ist das ganz verkehrt. So lange wie du gebraucht hast, von dem Freund zu mir zu reisen, so lange hat es für die Bratensoße gedauert, von der Ente bis jetzt. Wenn du oder ein weiterer Freund das nächste Mal kommen solltet, werdet ihr nur kaltes Wasser bekommen, denn nun ist die Reise der Suppe schon längst zu lang geworden!"

17.11.2005 um 13:42 Uhr

Tao Te King 5 (6)

von: tao

Jemand kam, um Mulla Nasruddin zu besuchen. Sobald wie er eintrat, sagte der Mulla: "Bitte setz dich hin, nimm dir einen Stuhl." Der Mann war ungehalten. Er war ein wohlhabender Dorfbewohner – kein gewöhnlicher Mensch; und so beiläufig angesprochen zu werden, war sehr schmerzlich für ihn. Er sagte: "Nasruddin, weißt du überhaupt, wer ich bin ?"

Wir sind immer scharf darauf, zu sagen, "wer ich bin".

Nasruddin sagte: "Sei doch so lieb und sag es mir."

"Weißt du das denn nicht", sagte der Mann, " ich bin der reichste Mann in der Stadt ?" "Vergib mir", sagte Nasruddin, "das wußte ich nicht. Du darfst dir zwei Stühle nehmen."

Man kann nicht auf zwei Stühlen sitzen, egal, wie reich man ist. Aber das Verlangen ist trotzdem da. Der Mann war ärgerlich: "Hast du noch alle beisammen, Mulla ? Wie kann ich auf zwei Stühlen sitzen ?", schrie er.

Naruddin bot ihm eine Technik an: "Du stellst den einen Stuhl auf den anderen und kletterst zu ihm hoch.", sagte er ihm.

Ein Thron bedeutet soviele Stühle, einer auf dem anderen. Ein Thron bedeutet einen Sitz, unter dem tausende von Sitzen sind. Dabei ist jedoch zu bedenken: All diejenigen, die die Stühle unter uns besetzen und von unserem Gewicht hinabgedrückt werden, werden immer versuchen, uns aus unserem Stuhl herauszuwerfen. Es liegt kein Spaß darin, bloß auf einem Stuhl zu sitzen. In Wirklichkeit liebt es der Mensch, auf anderen Menschen herumzureiten.

Der Mensch mag es, wenn er Menschen unterjochen kann; aber je mehr unser Stuhl und damit unser Status höher und höher geht, wächst die Gefahr unseres Umkippens und Herabfallens im selben Verhältnis an, denn eine gleichgroße Anzahl von Menschen wird darunter hinuntergedrückt. Sie werden nicht ruhen, bis sie uns hinausgeworfen haben. Deswegen ist der erste Stuhl niemals sicher in dieser Welt. Es ist der unsicherste Platz in der Welt.

Die Religion sagt, wenn wir das höchste Leben erreichen wollen, müssen wir bereit sein, den äußersten Tod zu akzeptieren. Wenn wir in eben diesem Moment sterben, ist das höchste Leben unser. Religion sagt, wenn wir den Reichtum erlangen wollen, den kein Dieb uns wegnehmen kann, dann müssen wir "unreich" werden, auf Reichtum verzichten, und dies als unseren größten Schatz betrachten. Und wenn wir Ehre und Anerkennung wünschen, müssen wir freiwillig zur "Un-Person" werden, zu einem Nicht-Sein.

16.11.2005 um 20:57 Uhr

Tao 82

von: tao

Wenn man in Ashrams oder Klöster geht, wird man niemals junge Leute dort finden. Man findet immer alte tote Leute vor, denn die Leute gehen nur in den Ashram, wenn sie denken, daß sie nun mit einem Fuß schon im Grab stehen. Um Gott zu bestechen, gehen sie in einen Ashram. Natürlich abgestumpft und tot; sie sitzen da mit ihren Malas oder Rosenkränzen, und drehen ihre Holzperlen – das ist alles, was sie tun können. Alle Energie ist weg. Tatsächlich ist nichts mehr übrig. Sie sind keine Energieflüsse mehr, sondern austrocknende Flußbetten, die jeden Moment mehr austrocknen. Sie sind schon zu spät dran. Und ihre Religion ist nicht wahr, sie kann nicht wahr sein, denn sie ist nicht aus Verstehen herausgekommen, sie ist aus Furcht hervorgekommen. Und nun kommt der Tod immer näher...

Wenn ein Mensch wegen des Lebens religiös wird, dann ist es wahre Religion. Wenn es Mensch wegen des Todes religiös wird, ist es eine unwahre Religion.

Taoisten wollen ihre Lebensprobleme lösen, sie wollen das Mysterium des Lebens lösen, nicht die Furcht vor dem Tod. Taoisten sind nicht auf der Suche nach irgendeinem Gott, sie sind auf der Suche nach ihrem eigenen Wesen. Sie wollen wissen, was Wahrheit ist; nicht die Wahrheit der heiligen Schriften, sondern etwas Existentielles, das sie in der Liebe spüren, das sie beim Glücklichsein empfinden, das beim Traurigsein fühlen, das sie berühren können, das sie leben können, in das sie sich hineinbegeben können, das sie fühlen, genießen können, um das sie herumtanzen können. Sie sind auf der Suche nach Feiern, sie sind auf der Suche nach Tanz. Sie sind auf der Suche nach einem Lied, das sie in ihrem Herzen fühlen, das sie aber nicht singen können. Sie sind noch nicht imstande gewesen, einen Weg zu finden, diesem Lied zu gestatten, sich einen Ausdruck zu schaffen und manifest zu werden. Sie sind auf der Suche nach dem Duft, den sie in sich tragen und sie wollen diesen Duft an den Wind freigeben, aber sie haben den Kontakt zu ihrer Quelle verloren.

Das ist ein total anderes Phänomen. Für diese Leute bedeutet Religion, einfach lebendiger zu sein. Diese Leute sind keine ernsthaften seriösen Leute, denn Ernsthaftigkeit ist eine Krankheit. Diese Leute sind auf der Suche nach freudigem Genuß. Natürlich ist dies eine ganz andere Herangehensweise. Die taoistische Herangehensweise ist also diametral entgegengesetzt. Taoismus ist nicht gegen Liebe, Taoismus ist ganz und gar für Liebe. Wenn man in die Ashrams und Klöster geht, das erste, was dort geschieht, ist, sie werden unsere Liebe zerstören: Sie werden uns Zölibat bzw. brahmacharya beibringen, aber wenn überhaupt, dann kann so etwas niemandem auferlegt werden, es kann nur ein Erblühen sein, aus einem tiefen Erleben von Liebe kommen.

15.11.2005 um 00:00 Uhr

Tao 81

von: tao

Es geschah einmal:

Ein großer Sufi-Mystiker, Jalaluddin Rumi, lebte mit seinen einhundert Schülern in einem Kloster. Ein paar Reisende kamen vorbei. Das Kloster war weit weg von jeder Stadt, weit weg sogar von jeglicher Straße, aber die Leute interessierten sich dafür – neugierige Leute kommen überallhin: Sie reisen sogar zum Mond. Neugierige Leute sind neugierige Leute, sie reisen überallhin. Sie wurden auf das Kloster aufmerksam, und sie gingen hin. Es war weit entfernt von den Städten, abseits der Straßen, aber sie nahmen all die Mühen einer Reise auf sich und sie gelangten in diese Einöde. Die Türen waren nicht verschlossen – denn Rumi hatte nicht gedacht, daß jemals irgendjemand so weit in diese abgelegene Gegend kommen würde – also konnten sie beobachten, was da im Inneren vor sich ging. Da lachte jemand laut, wie verrückt, jemand tanzte herum, jemand sang, jemand stand auf seinem Kopf, die Leute machten alle möglichen Sachen – und Jalaluddin Rumi saß bloß inmitten von all dem Treiben, still, mit geschlossenen Augen. Also dachten sie sich: "Was geht da bloß vor sich ? Sind diese Leute verrückt geworden ? Was machen diese Wahnsinnigen da ? Und was tut dieser Mann ? Er sitzt einfach da, mit geschlossenen Augen. Er sollte diese Leute stoppen – das ist gefährlich; sie werden vielleicht noch durchdrehen, ausrasten und überschnappen." Und da war jemand, der tobte wie ein Tollwütiger, und jemand schlug auf eine Mauer ein und alles mögliche ging vor sich. Sie bekamen es richtig mit der Angst zu tun. Sie hatten solche Angst, daß sie wieder weggingen. Aber nach einem Jahr war die Neugier wieder so stark geworden, sie bekam wieder die Oberhand in ihnen, und so dachten sie sich: "Wir sollten nochmal hingehen und nachschauen, was jetzt dort abgeht. Die Situation muß sich sicher noch verschlimmert haben. Entweder haben sie inzwischen wohl diesen Jalaluddin Rumi umgebracht, denn er saß ja genau inmitten dieses Treibens, oder sie haben sich selbst umgebracht... Da muß es Mordfälle gegeben haben!" Also zogen sie wieder los. Sie konnten es nicht fassen: Alle saßen jetzt still da. Nur Jalaluddin Rumi tanzte um sie herum. "Was war denn da passiert ? Die Dinge haben sich komplett verändert." Sie dachten jetzt: "Es scheint so, dieser Mann hat den Wahnsinn all dieser Leute auf sich genommen, er hat alles abgekriegt, deshalb sind die jetzt alle still geworden und er tanzt herum." Aber dies war eine noch schlimmere Situation, denn sie dachten, zumindest war er vor einem Jahr noch geistig gesund gewesen, und nun war er auch geisteskrank geworden. Aber sie bemitleideten diesen Mann. Sie dachten: "Das ist doch ganz natürlich – wer sich so lange Zeit mitten unter diesen verrückten Leuten aufhält, der muß doch auch irgendwann den Verstand verlieren." Sie gingen wieder weg. Aber nach einem Jahr wurde die Neugier wieder übermächtig in ihnen und so dachten sie sich: "Wir müssen nochmal losziehen und nachsehen, was jetzt gerade dort passiert." Also gingen sie wieder dorthin. Niemand war mehr da, nur Jalaluddin Rumi saß alleine da – die ganze Gruppe war verschwunden. Das ging jetzt aber zu weit. Was war geschehen ? Sie wurden von ihrer Neugierde gepeinigt. Also faßten sie sich ein Herz und gingen zu Jalaluddin Rumi hin und sagten: "Wir möchten dich fragen, was passiert ist ! Wo sind diese Knallköpfe denn jetzt ? Was ist mit ihnen geschehen ? Und was machst du jetzt hier, wenn du so alleine herumsitzt ?" Und Jalaluddin Rumi sagte: "Die Arbeit ist getan. Nun sind sie in die große weite Welt gegangen, um andere Knallköpfe zu finden – damit sie ihnen helfen können. Das Werk ist getan." Darauf fragten sie ihn: "Warum hast du denn letztes Jahr getanzt, als wir schon einmal da waren ?" Er sagte: "Ich tanzte, weil ich so glücklich war, daß meine Schüler es geschafft hatten. Es war gefährlich gewesen, es war sehr mühsam gewesen, ihren Wahnsinn freizusetzen, der sich jahrhundertelang akkumuliert hatte, aber es waren wirklich fähige Leute. Ich war glücklich, darum habe ich getanzt. Nun sind sie losgezogen, um andere verrückte Leute zu finden. Nun werden sie einhundert Klöster überall auf der Erde aufmachen."

14.11.2005 um 02:48 Uhr

Tao Te King 5 (5)

von: tao

Mulla Nasruddin fischte eines Morgens am Ufer eines Flusses. Er hatte einige Krebse gefangen, die er in einem Eimer neben sich deponiert hatte. Einige Politiker kamen zufällig vorbei während ihres Spaziergangs und sie sahen die Krebse in dem Eimer des Mulla: "Mulla, lege einen Deckel auf deinen Eimer oder die Krebse werden herauskrabbeln." "Keine Angst", erwiderte der Mulla, "diese Krebse sind geborene Politiker. Sobald einer hochkrabbelt, ziehen die anderen ihn wieder hinunter. Die werden mir niemals wegrennen." Der Mulla erklärte weiterhin, daß er zuerst immer den Eimer bedeckt hätte, aber dann entdeckte er, was für geborene Politiker Krebse sind. Nun braucht er auf seinen Eimer keinen Deckel mehr zu legen !

Die Alchemie liegt in unserer Aktion des Aufstiegs an sich. Tatsächlich, das Vergnügen des Aufsteigens liegt nur darin, andere dazu anzustiften, uns wieder herunterzuholen. Nicht so leicht zu verstehen: Wenn keiner scharf darauf ist, uns herabzuziehen, wirden wir gar keinen Spaß daran haben, emporzuklettern. Wenn wir auf einem Thron sitzen und es gibt keinen, der den Versuch unternimmt, uns wieder vom Thron zu verjagen, hat der Thron keine Anziehungskraft mehr für uns.

Der Wert des Thrones liegt nur darin, daß Tausende nur darauf warten, uns wieder von dort oben herunterzustoßen und den Thron für sich selbst zu erobern. Das Vergnügen, das wir haben, wenn wir auf dem Thron sitzen, ist das gleiche, daß die anderen leitet, uns wieder vom Thron wegzukriegen. Diese beiden sind miteinander verbunden. Lao-tse sagt: "Ihr könnt mich nicht herunterziehen, denn ich sitze auf einem Platz, von wo es nicht mehr tiefer geht. Deswegen ist mein Thron gut geschützt."

Lao-tse kennt den Gegensatz und immer das Entgegengesetzte zu kennen ist die Formel für vollkommenes Wissen in dieser Welt. Wenn wir ganz vorne sein wolle, dann wollen wir nur ganz vorne sein. Wir sind uns nicht dieses Widerspruchs bewußt, daß nur der Letzte der Erste sein kann. Wenn wir nun etwas vollmachen wollen, dann wollen wir nur auffüllen. Wir sind uns nicht der entgegengesetzten Tatsache bewußt, daß nur der füllen kann, welcher leer ist. Wenn wir nach Ehre suchen, streben wir nur nach Ehrungen, denn wir wissen nicht, daß dies ein sicherer Weg zu Schande und Entehrung ist. Es ist eine Sache von größter Flexibilität und Scharfsinn, den Gegensatz sehen zu können.

Lao-Tse sagt: "Unser Denken ist immer begierig, Dinge schnell und direkt zu bekommen, denn wir haben keine Vorstellung von dem, was entgegengesetzt ist und wir verschwenden keinen Gedanken an den Gegensatz." Wenn wir uns des Gegensatzes bewußt sind, dann lernen wir die größte Kunst kennen, die die Religion darstellt.

13.11.2005 um 13:38 Uhr

Tao Te King 5 (4)

von: tao

Jemand machte sich eines Tages auf den Weg zu Lao-tse und fragte ihn: "Lao-tse, hast du jemals das Gefühl von Unglücklichsein kennengelernt ?" Lao-tse begann zu lachen. "Nein", sagte er, "ich habe niemals das Unglücklichsein kennengelernt, denn ich habe mich niemals danach gesehnt, das Glücklichsein kennenzulernen."

Auch wir wollen kein Unglücklichsein kennenlernen, aber nur deswegen, damit wir weiterhin Glücklichsein erleben können. Wir möchten, daß daß das Glücklichsein immerzu bei uns bleibt. Aber Lao-tse sagt, er hat niemals das Gefühl von Unglücklichsein kennengelernt, weil er niemals das Glücklichsein angestrebt hat. Wir werden immer Sorge und Unglück erfahren, denn wenn wir die Saat des Glücklichseins aussäen, werden die Samen für das Unglücklichsein automatisch mitausgesät. Die Sehnsucht nach dem Glücklichsein ist die Geburt des Unglücklichseins.

Es ist nur der einströmende Atem, der zum ausströmenden Atem wird. Nur die Expansion ist der Weg zur Kontraktion; und allein das Licht ist das Tor zur Dunkelheit. Aber das Entgegengesetzte kommt uns niemals in den Sinn, während das Leben wie der Blasebalg eines Schmiedes zwischen den Gegensätzen hin- und herschwingt.

Lao-tse kann niemals besiegt werden, denn er hat sich niemals einen Sieg gewünscht ! Lao-tse sagte immer: "Niemand hat mich jemals beleidigt, denn ich habe niemals irgendetwas angestellt, um gelobt zu werden. Immer wenn ich zu einer Versammlung ging, saß ich immer da, wo die Leute ihre Mäntel oder ihre Schuhe deponierten, denn dort war es nicht möglich, weiter zurück geschubst zu werden !" Lao-tse sagte immer wieder: "Ich habe immer den vordersten Platz besetzt, keiner konnte mich auch nur in eine zweite Position abschieben, denn ich war immer unter den Letzten der Erste. Ich stand immer am hintersten Ende der Reihe, ganz, ganz hinten in der Schlange – von wo es nicht mehr möglich war, weiter nach hinten zu gehen. Deswegen konnte mich keiner noch weiter nach hinten schicken." Dies scheint sehr widersprüchlich zu sein.

Aber das ist der korrekte Sachzusammenhang. Wer die letzte Position wählt, kann auf keine Weise weiter zurückgestoßen werden, wohingegen der, welcher ganz vorne steht, umfangreiche Vorkehrungen getroffen hat, damit er zurückgedrängt wird. Tatsächlich wird gerade der Schritt, den er in Anwendung gebracht hat, um den vordersten Sitz zu erreichen, von anderen benutzt werden, um ihn wieder nach unten und nach hinten zu bringen.

Immer wenn wir aufsteigen und Karriere machen, wissen wir nur wenig darüber, wieviele es gibt, die wir damit anstacheln, uns wieder herunterzuziehen.

12.11.2005 um 14:47 Uhr

Quellender Urgrund 1/9 (7)

von: tao

Häuser werden von Menschen gemacht, die Leere nicht. Aber was verwenden wir dann eigentlich ? Benutzen wir die Wände oder verwenden wir den Innenraum ? Das Wort "Raum" ist gut: "Raum" bedeutet Zwischenraum, ein Energiefeld. Wir benutzen den Raum, den Zwischenraum, die "Räumlichkeit". An der Wand, der Mauer, wo gehen wir hindurch, kommen herein und gehen hinaus ? Die Türe. Die Türe ist leer. "Tor" bedeutet das Leere, das was nicht ist – daher können wir hinein- und hinausgehen. Wir benutzen die Türe, wir verwenden nicht die Wand. Und wir benutzen den Raum, wir verwenden nicht die Mauer. Was benutzen wir, wenn wir einen irdenen Topf verwenden ? Die getöpferte Wand oder die Leere im Inneren ? Wenn wir zum Brunnen gehen, um aus ihm Wasser zu ziehen, und das Wasser nach Hause bringen, was verwenden wir ? Das Leersein des irdenen Topfes. Dieses Leersein ist wertvoll und diese Leere wird nicht von uns erzeugt. Die Taoisten sagen: Das, was nicht vom Menschen erschaffen wird, ist wertvoll. Das, was vom Menschen erzeugt wird, mag einen relativen Wert haben, einen Marktwert, aber es ist nicht wirklich wertvoll; es hat keinen Wert. Eine menschengemachtes Ding ist ein Gebrauchsartikel. Natürlich, wenn wir auf den Marktplatz gehen und uns daran machen, Leere zu verkaufen, wird niemand sie kaufen wollen. Sie hat keinen Wert und die Leute werden lachen.

Lao-tse geht durch einen Wald, und dieser Wald wird gerade gerodet. Tausende von Zimmerleuten fällen die Bäume. Dann kommt er zu einem großen Baum – ein sehr großer Baum, eintausend Ochsenkarren können unter ihm rasten – und er ist so grün und schön. Er schickt seine Schüler aus, sie sollen sich bei den Zimmerleuten erkundigen, warum dieser Baum noch nicht gefällt worden ist. Und die sagen: "Das ist zwecklos der ist nutzlos. Aus dem kann man gar nichts machen: Es kann kein Mobiliar daraus gemacht werden, er kann nicht als Brennmaterial verwendet werden – es entsteht zuviel Qualm. Er ist zu nichts nutze, darum haben wir ihn nicht gefällt." Und Lao-tse sagt zu seinen Schülern: "Lernt von diesem Baum. Werdet so nutzlos wie dieser Baum, dann wird euch niemand umhauen."

Nutzlosigkeit hat großen Wert.

Er sagt: Schau ihn an und beobachte diesen Baum. Lerne etwas von diesem Baum. Dieser Baum ist großartig. Schau, all die anderen Bäume sind weg. Sie waren nützlich, daher sind sie weg. Diese Bäume waren sehr geradeaus, schlank und rank, darum sind sie gefällt worden. Sie müssen sehr egoistisch gewesen sein, stolz darauf, jemand zu sein – und jetzt sind sie umgehauen worden. Dieser Baum ist nicht gerade, kein einziger Ast ist gerade. Er ist überhaupt nicht stolz, daher gibt es ihn noch und er existiert weiter.

11.11.2005 um 03:07 Uhr

Quellender Ursprung 1/9 (6)

von: tao

Es ist eine schöne Parabel:

Jemand fragte Liä Dsi:

"Warum legst du auf Leersein Wert ?

In der Leere ist nichts wertvoll."

Natürlich, welchen Wert kann die Leere haben ? Sie wird überall auf der Welt verdammt. Außer den Taoisten und den Buddhisten versteht niemand, was Leersein ist – es wird verurteilt. Im Westen sagt man: "Der leere Kopf ist die Werkstatt des Teufels." Was kann es noch mehr an Verdammung geben ? -- der leere Kopf ? Und die Taoisten und die Buddhisten sagen, daß das leere Denken das Ziel ist.

Wenn wir total leer sind, kommt Tao herein. Der Teufel kann nur mit einem aktiven Denken existieren, niemals mit einem untätigen Denken. Der Teufel kann nur auf Gedanken reiten, er kann Gedanken und Sehnsüchte benutzen. Wie kann er die Leere benutzen ? Und die Taoisten scheinen die Wahrheit zu sagen. Hitler ist nicht leer, Dschingis Khan auch nicht, Tamerlan auch nicht; sie sind sehr aktive Leute. Der Teufel ist durch sie in die Welt hineingekommen. Bodhidharma ist leer, Liä Dsi ist leer, Nagarjuna ist leer – der Teufel ist ihnen nicht einmal nahe gekommen. Nichts Falsches ist jemals aus diesen leeren Leuten herausgekommen, nur Gutes; und nur Gutes ist erblüht. Großartig ist ihr Duft gewesen. Jahrhunderte sind vorbeigegangen, aber ihr Wohlgeruch ist so frisch wie eh und je.

Normalerweise hat man niemals Leersein für einen Wert gehalten, der Fragesteller scheint also Recht zu haben. Er sagt:

"Warum schätzt du das Leersein so hoch ein ?

Die Leere ist nichts wert."

Was für ein Wert ? Was kannst du schon mit Leere anfangen ? Der Wert kommt mit der Verwendung, die man dafür hat. Der Wert kommt, wenn etwas nützlich ist. Wie können wir etwas schätzen, was nicht ist ? Nicht nur, daß es nicht nützlich ist, es ist nicht – wie können wir das wertschätzen ? Aber das ist die Herangehensweise des Negativen.

Lao-tse sagt: Der Raum ist nicht wegen seiner Wände wertvoll, sondern wegen der Leere, die in ihm ist. Wir verwenden den Raum, nicht die Wände. Natürlich, wenn wir das Haus bauen, ziehen wir die Wände hoch, nicht die Leere; niemand kann die Leere machen. Leere ist ewig, sie gehört zu Tao; sie ist nicht von Menschen gemacht.

10.11.2005 um 13:55 Uhr

Tao 80

von: tao

Taoisten kümmern sich nicht um Erleuchtung.

Lao-tse kümmert sich nicht darum, denn er sagt:

Bloß gewöhnlich zu sein heißt erleuchtet zu sein.

Es ist nicht etwas Spezielles, das man erreichen müßte,

es ist keine Errungenschaft, es ist nicht etwas, das man erstreben müßte.

Wir sind es – in unserer absoluten Gewöhnlichkeit erblüht es.

Außergewöhnlich zu sein ist die Krankheit des Ego.

Das Ego möchte immer außergewöhnlich sein,

jemand Spezielles, einzigartig, unvergleichlich –

das ist das sehnliche Verlangen des Ego.

Wenn wir ein Rockefeller werden können, gut;

wenn wir ein Hitler werden können, gut;

und wenn wir weder ein Rockefeller noch ein Hitler werden können,

dann entsagen wir der Welt und denken daran, ein Buddha zu werden.

Aber werde bloß jemand, jemand Besonderes, ein historisches Phänomen.

Lao-tse befaßt sich nicht mit Erleuchtung und all diesem Unsinn.

Er sagt: Sei bloß gewöhnlich. Iß, wenn du dich hungrig fühlst,

trinke, wenn du dich durstig fühlst, und gehe schlafen, wenn der Schlaf kommt.

Sei einfach so natürlich wie die ganze Existenz,

und plötzlich ist da alles in all seiner Herrlichkeit.

Nichts ist nötig.

Gewöhnlich zu sein ist der außergewöhnlichste Seinszustand,

denn das Ego löst sich auf.

Das Ego ist subtil – wenn wir es in der einen Richtung loswerden, kommt es von einer anderen,

wenn wir es aus der einen Türe hinausschmeißen,

und wenn wir dann wieder in den Raum hineingehen, dann sitzt es schon wieder auf dem Thron –

es ist von einer anderen Türe wieder hereingekommen.Bevor wir auch nur reinkommen, ist es schon da.

09.11.2005 um 13:40 Uhr

Tao 79

von: tao

Es ist gar nicht möglich, daß wir nicht wählen, daß wir keine Entscheidung treffen.

Wir müssen uns entscheiden, was auch immer wir tun;

wenn das Denken sagt: "Änderungen vollziehen sich allmählich", ist dies eine Entscheidung;

wenn das Denken sagt: "Eine Änderung geschieht plötzlich", ist auch dies eine Wahl.

Wenn wir sagen: "Transformation passiert plötzlich", bedeutet dies,

daß wir gerne jegliche Anstrengung aufgeben würden,

also entscheiden wir uns für plötzliche Wandlung.

Dann ist es nicht nötig, irgendetwas zu tun -- wenn es passiert, passiert es eben,

man kann nichts machen, denn es ist etwas Plötzliches.

Genau wie ein Blitz am Himmel, wann immer es geschieht, geschieht es –

wir können keine Vorbereitungen dafür treffen.

Es ist nicht wie die Elektrizität im Haus, die wir an- und abstellen,

es hängt nicht von uns ab, es ist ein plötzliches Phänomen,

wenn es passiert, geschieht es. Wir müssen darauf warten.

Wenn wir vorhaben, ein Telegramm zu lesen,

und die Elektrizität nur am Himmel passiert, dann werden wir warten müssen.

Wenn es passiert, können wir es lesen. Was können wir tun ?

Leute, die sich vor Anstrengungen scheuen,

werden sich für plötzliche Veränderung entscheiden.

Leute, die sich flüchten

vor der großen totalen Verantwortung dafür,

daß es gerade jetzt geschehen kann,

werden die Philosophie der Allmählichkeit wählen.

Es geht also um uns, nicht um das Phänomen der Transformation.

Es liegt an uns, unser Verlangen zu fühlen:

Totales Verlangen – die Änderung geschieht plötzlich,

teilweises Wollen – Transformation erfolgt schrittweise.

Es hat nichts mit der Natur von Wandlungen zu tun.

08.11.2005 um 03:09 Uhr

Tao Te King 4 (9)

von: tao

Man kann es auch so sehen: Da ist ein Topf, gefüllt mit Wasser. Kann man sich einen Topf vorstellen, voll mit Wasser, in den man nicht noch einen weiteren Tropfen Wasser hineintropfen lassen kann ? Wir sagen, der Topf ist voll, aber wenn ein weiterer Tropfen noch in ihn hineinpaßt, werden wir wohl sagen müssen, daß er nicht voll ist. Egal wie voll ein Topf ist, er ist niemals vollends voll, denn ein Tropfen mehr kann immer noch hinzugefügt werden.

Im Verlauf seiner Reisen geschah es, daß Nanak in ein Dorf kam, wo ein Fakir lebte, von dem bekannt war, er hätte Vollkommenheit erreicht. Nanak gab ihm Nachricht, daß er ihn gerne treffen würde, um zu erfahren, was für eine Art von Perfektion seine Vollkommenheit sei. Der Fakir sandte eine Tasse, bis zum Rand mit Wasser gefüllt, als Antwort auf sein Ersuchen. Nanak platzierte eine Blüte auf die Wasseroberfläche und schickte die Tasse so zurück. Der Fakir kam gerannt und fiel Nanak vor die Füße. Er sagte: "Ich dachte, ich hätte Vollkommenheit erreicht !" Nanak erwiderte: "Was immer der Mensch tut, um perfekt zu sein, er läßt doch immer irgendeinen Platz ungefüllt und unvollständig. Wie sehr auch immer er es versucht, eine einfache Blume kann immer noch untergebracht werden. Und eine Blüte ist keine kleine Sache !" Nun hat also ein voller Topf immer noch Platz genug im einen weiteren Tropfen Wasser aufzunehmen, aber angenommen, das Gefäß ist leer – kann es noch leerer sein ? Nein. Ein leeres Gefäß ist absolut leer. Hätte der Fakir ein leeres Gefäß gesandt, hätte sich Nanak in Schwierigkeiten befunden, denn es wäre unmöglich, es noch leerer zu machen ! Was voll ist, kann noch voller gemacht werden, aber was leer ist, kann nicht leerer gemacht werden. Deswegen gibt es keine Perfektion in der Sättigung, in dem Vollsein, wohingegen im Leersein Vollkommenheit stattfindet. Leere ist perfekt. Daher gibt es nur eine einzige Perfektion in der menschlichen Existenz, und das ist vollkommene Leere – komplett leer zu sein.

Deswegen sagt Lao-tse in diesem Kapitel, daß Tao wie ein leeres Gefäß ist – kein volles Gefäß, das ist der Punkt. Wer immer deswegen ein Verlangen hat nach Religion oder nach Tao, sollte es vermeiden, sich von Perfektion jeglicher Art in Versuchung führen zu lassen. Das Ego wird versuchen, sich selbst zu erfüllen. Das komplette Sadhana des Ego, die ausschließliche Übungspraxis des Ego, ist, wie man perfekt sein kann. Tao wird von dem erlangt, der leer ist – wo das Ego völlig annullliert ist. Der Mensch kann sich selbst leer machen – und es gibt einen Grund dafür. Wir mögen vielleicht nicht das erlangen, was wir nicht haben, aber wir können sicherlich das aufgeben, was wir schon besitzen ! Wir haben keinen Zugriff auf das, was wir nicht haben, aber wir haben völligen Zugriff auf das, was wir haben.