Taoistische Reflektionen

31.07.2006 um 13:54 Uhr

Quellender Urgrund 4/4 (1)

von: tao

„Dsi Hia fragte den Meister:

„Was für ein Mensch ist Yän Hui?“

„Was Freundlichkeit betrifft, ist er ein besserer Mensch als ich.“

„Und was ist mit Dsi Gung?“

„In punkto Beredsamkeit ist er ein besserer Mensch als ich es bin.“

„Dsi Lu?“

„Was Mut angeht, ist er ein besserer Mensch, als ich es bin.“

„Dsi Dschang?“

„An Würde ist er mir überlegen.“

Dsi Hia erhob sich von seiner Matte und fragte:

„Warum dienen dir dann diese vier?“

„Setz dich wieder hin. Ich will es dir sagen. Yän Hui kann freundlich sein, aber er kann diesen Impuls nicht unter Kontrolle halten, wenn es nicht gut wäre, freundlich zu sein. So kann er beispielsweise nicht widersprechen. Dsi Gung kann eloquent sein, aber er kann nicht seinen Mund halten. Dsi Lu kann tapfer sein, aber er kann nicht vorsichtig sein. Dsi Dschang kann würdevoll sein, aber er kann in Gesellschaft nicht auftauen und seine Förmlichkeit ablegen. Sogar wenn ich die Tugenden dieser vier Männer alle zusammen haben könnte, ich würde sie nicht im Tausch für meine eigene nehmen. Das ist der Grund, warum sie mir unbeirrt dienen.““

Der größte Feind der Religion ist nicht der Materialismus, sondern die Moral. Warum? Weil Moral den Versuch darstellt, Spiritualität aufzuerlegen – es ist eine Konditionierung – und Religion kann nur von innen her blühen, sie kann nicht von außen her aufgesetzt werden. Daher kreiert Moral eine Illusion einer falschen Religion. Moral ist ein Vortäuschen, ein so tun als ob, Moral ist eine Pseudo-Religion. Sie gibt uns Respektabilität, aber sie gibt uns kein Verstehen. Sie gibt uns einen großartigen Egotrip, aber sie kann uns keine Bescheidenheit geben. Sie lässt uns Überlegenheit fühlen, als etwas besseres, aber sie hilft uns nicht zu innerem Wachstum. Und der Mensch, der sich höherwertig fühlt, kann nicht wachsen. Er steckt mit seinem Ego fest.

30.07.2006 um 02:38 Uhr

Tao 181

von: tao

Dinge, die natürlich und gesund sind,

benötigen kein Bewusstsein.

Sind wir uns unseres Atmens bewusst?

Ja, manchmal, wenn etwas schief läuft,

wenn etwas krank ist,

wenn das Atmen nicht so ist, wie es sein sollte –

dann werden wir darauf aufmerksam,

dann sind wir alarmiert, dann wird es uns bewusst.

Ansonsten geht das Atmen immer weiter

Tag und Nacht, vierundzwanzig Stunden,

ob wir schlafen oder wach sind,

ob wir lieben oder hassen,

ob wir uns bewegen oder sitzen,

was auch immer wir tun, das Atmen geht weiter.

Es hängt nicht davon ab, ob wir uns dessen bewusst sind –

und das ist gut so,

dass es nicht von unserem Bewusstsein abhängig ist,

sonst wären wir schon längst tot.

Wenn wir uns darum kümmern müssten,

wenn wir es tun müssten,

hätte es schon vor langer Zeit aufgehört.

Uneigennützigkeit sollte wie Atmen sein.

Wenn wir zentriert sind, dann geschieht es.

Selbstlosigkeit ist nicht das Gegenteil von Selbstbezogenheit,

Uneigennützigkeit ist das Nebenprodukt von totaler Selbstbezogenheit.

Dies lehrt uns der Taoismus.

Und all die Kirchen

und all die Religionen

und all die Priester und Prediger,

die haben uns genau das Gegenteil beigebracht.

29.07.2006 um 15:20 Uhr

Tao 180

von: tao

Kontrolle schaut genau so aus wie Disziplin: alles Falschgeld sieht so aus,

sonst könnte man es nicht flüssig machen,

es könnte nicht in den Geldumlauf eingeschleust werden.

Es gibt viel Falschgeld in Bezug auf das Innenleben. Zum Beispiel:

Kontrolle ist das Falschgeld für die echte Münze der Disziplin,

und für das Echtgeld des Verstehens, ist Wissen ein Falschgeld.

Für Religion ist die Sekte ein Falschgeld.

Um unser Bedürfnis, religiös zu sein, zu erfüllen

werden uns viele falsche Sekten angeboten –

Christentum, Hinduismus, Mohammedanismus. Alle „-ismen“ sind falsch.

Religion hat keinen „-ismus“, sie ist kein Dogma.

Sie ist etwas, das in uns erblüht,

nicht etwas, das uns von außen aufgezwungen wird.

Es ist ratsam, sich der falschen Blüten bewusst zu sein, denn sie sind im Umlauf,

und dieses Falschgeld ist schon so lange im Verkehr gewesen

dass die Leute schon fast das echte Geld vergessen haben.

Religion ist weder christlich, noch hinduistisch, noch islamistisch;

Religion ist einfach Religion.

Sie ist eine Einstellung, in die man hineinwachsen muss,

man kann da nicht hineingeboren werden.

Niemand kann durch seine Geburt religiös sein;

das kommt durch kreative Anstrengung,

es kommt durch Leiden und Erfahrung,

es kommt durch sich auf Wanderschaft begeben und nach Hause kommen,

es kommt durch in die Irre gehen und wieder zurück auf den rechten Pfad finden.

Durch viel Leid und Erfahrung, nach und nach

beginnt sich eine gewisse Seinsqualität in uns zu kristallisieren.

28.07.2006 um 22:32 Uhr

Tao 179

von: tao

Lao-tse ist ein Rebell.

Was auch immer er sagt

geht absolut gegen unsere Konditionierung.

Wir sind darauf konditioniert worden

das Leben in einer bestimmten Art und Weise zu betrachten,

auf eine bestimmte Art und Weise zu denken,

in einer bestimmten Art und Weise zu leben.

Was Lao-tse sagt, verstört uns.

Und er machte das bewusst, er muss uns verstören,

sonst kann es keine Transformation in unserem Leben geben.

Und immer, wenn man etwas sagt

das das alteingefahrene Denken ins Wanken bringt,

wird das althergebrachte Denken defensiv.

Da ist nichts verkehrt daran – das ist natürlich,

denn das alte Denken ist an ein bestimmtes Lebensmuster gewöhnt

was leichtgängig ist;

der Weg des geringsten Widerstandes, der ist leicht.

Das Denken kennt eine bestimmte Lebensweise,

dann sagt plötzlich jemand etwas, das das Denken aufschreckt

denn nun hat es ein Problem:

Ist denn das, was wir glauben, wahr oder nicht.

Lao-tse erzeugt einen Zweifel in uns.

Natürlich lässt er uns zweifeln,

um uns auf ein höheres Vertrauen aufmerksam zu machen,

aber diese höhere Art von Vertrauen ist nicht sichtbar für uns;

wir werden nur unschlüssig, schwankend, zögerlich;

was auch immer wir getan haben, wir stellen es in Frage.

27.07.2006 um 14:07 Uhr

Südliches Blütenland 6/4 (8)

von: tao

Was ist Verlangen?

Es ist das Denken, das sich in die Zukunft bewegt.

Das Bedürfnis gehört zu diesem Moment –

wenn wir hungrig sind, ist das ein Bedürfnis, und muss erfüllt werden.

Und es kann erfüllt werden. Da gibt es kein Problem.

Wenn wir durstig sind, sind wir hier und jetzt durstig,

wir müssen nach Wasser suchen.

Es sollte erfüllt werden – denn es ist eine Lebensnotwendigkeit.

Aber Wünsche sind nicht so.

Wir wünschen uns, der Präsident eines Landes zu sein.

Das ist kein Bedürfnis, es ist Ehrgeiz,

es ist eine Ego-Projektion in die Zukunft.

Oder wir sehnen uns nach dem Himmel – auch das ist in der Zukunft;

oder uns verlangt nach Gott – das ist auch in der Zukunft.

Bedürfnisse sind immer hier und jetzt –

sie sind existentiell.

Und Wünsche sind niemals hier und jetzt –

sie sind nicht existentiell.

Sie sind bloß mental, im Kopf.

Und sie können nicht erfüllt werden

denn ihre Natur ist es, sich in die Zukunft zu begeben.

Sie sind genau wie der Horizont, den wir sehen.

Es sieht so aus, dass ganz in der Nähe irgendwo die Erde den Himmel berührt.

Das ist so offensichtlich! Wir können dorthin gehen!

Aber wir könnten für immer und ewig weiterlaufen,

und die Distanz wird die gleiche bleiben;

immer irgendwo vor uns werden sich Himmel und Erde begegnen.

26.07.2006 um 12:46 Uhr

Tao 178

von: tao

Das Denken ist ein Kollektiv.

Verlernen bedeutet, diese Menge sein zu lassen,

diese Leute gehen zu lassen,

und so eins zu werden

dass wir nicht einmal sagen können, dass es eins ist,

denn eins ist nur in einer Menge sinnvoll.

Eins ist nur von Bedeutung, wenn Zwei sinnvoll ist.

Das ist der Grund, warum die Hindus es niemals eins genannt haben,

sie nennen es „nicht dual“,

sie sagen einfach „nicht zwei“,

bloß um zu zeigen

dass, wenn wir „eins“ sagen

die Zwei schon von der Hintertüre her hineinkommt,

denn was würde eins bedeuten, wenn es nicht zwei gäbe?

Wenn wir sagen, Gott ist eins, wenn wir sagen, im Samadhi sind wir eins,

dann ist die Zwei schon ganz in der Nähe;

und dann die Drei – und dann die ganze Welt.

Die Hindus haben darauf bestanden

dass der Gott nicht-zwei ist, nicht-dual, adwait;

in einem erhöhten Bewußtseinszustand sind wir nicht zwei, das ist alles.

Mehr wird nicht gesagt, bloß eine Negation,

so dass die Zahlen nicht wieder durch die Hintertüre hereinschlüpfen können.

Durch das Verlernen werden wir nicht-zwei.

Durch das Erlernen werden wir viele.

Durch Lernen werden wir zur Legion, eine ganze Menge,

und diese Menge nimmt laufend weiter zu.

Je mehr wir erlernen, desto mehr nimmt diese Vermassung zu.

25.07.2006 um 13:33 Uhr

Tao 177

von: tao

Liebe ist ein Vergessen von Vergangenheit und Zukunft

und ein Sich-Vergegenwärtigen dieses Moments, dieses pulsierenden Augenblicks,

dieses lebendigen Moments. Liebe ist die Wahrheit des Moments.

Das ehrgeizige Denken ist niemals hier, es ist immer unterwegs.

Wie können wir einen Menschen lieben, während er rennt?

Er befindet sich immer in einem Rennen, in einem Wettbewerb, er hat keine Zeit.

Oder er denkt, irgendwo in der Zukunft, wenn das Ziel erreicht ist,

wenn er die Macht erlangt hat, die er sucht, die Reichtümer, die er sich wünscht,

dann wird er entspannen und lieben.

Dies wird sich nicht ereignen, denn das Ziel wird niemals erreicht werden.

Ehrgeiz wird niemals erfüllt.

Es liegt nicht in seiner Natur, erfüllt zu werden.

Wir können eine Ambition erfüllen

aber augenblicklich entstehen daraus wieder tausend andere Ambitionen –

Ehrgeiz macht niemals halt.

Wenn wir das nachvollziehen und verstehen können, kann gleich jetzt damit Schluss sein.

Aber wenn wir dem noch Energie geben, wie können wir dann lieben?

Das ist der Grund, warum Leute, die versuchen, jemand zu sein, so unglücklich sind –

weil sie keine Liebe bekommen, weil sie nicht lieben können.

Liebe ist eine Ekstase:

Eine Ekstase eines Nicht-Denkens, eine Ekstase der Gegenwart,

eine Ekstase eines ehrgeizlosen Zustands, eine Ekstase des Leerseins.

Wo immer Liebende sind, da ist niemand, nur Liebe existiert.

Wenn sich zwei Liebende begegnen, sind sie nicht zwei

obwohl es uns so vorkommen mag, dass sie zwei sind, von außen gesehen.

Aber die innere Geschichte ist total anders.

Sie sind nicht zwei, in dem Moment, in dem sie sich begegnen, verschwindet die Zweiheit

und nur Liebe existiert und fließt.

24.07.2006 um 15:46 Uhr

Quellender Urgrund 8/15 (4)

von: tao

Nehmen wir beispielsweise diesen Haiku, den ich schon zitiert hatte:

„Der uralte Teich

Ein Frosch-springt-rein

Platsch.“

Das Wort „Frosch“ oder das Wort „Platsch“, das Geräusch „Platsch“, kann es in tausendfach verschiedenem Kontext geben. In jedem Kontext werden sie eine andere Bedeutung haben, denn der Sinn hängt vom Zusammenhang ab. „Platsch“ an sich beinhaltet nicht den Sinn. Es hängt vom Kontext ab. In diesem Haiku von Basho wissen wir sofort, was es bedeutet, wegen dem Frosch. Der Frosch gibt ihm die Bedeutung, der uralte Teich gibt ihm den Sinn. In einem anderen Zusammenhang wird es etwas anderes bedeuten. Der Kontext, das Ganze, gibt dem Teil den Sinn. „Der uralte Teich“… Das Wort „uralt“ kann auf tausendfach verschiedene Weise benutzt werden. Wir können es in mannigfacher Weise verwendet finden. In jedem Kontext wird es eine andere Bedeutung haben. Die Bedeutung ist also nicht in dem Wort „uralt“ enthalten, der Sinn liegt in der Ganzheit, innerhalb der das Wort verwendet wird. Wir können das in unserem ganzen Leben sehen. Alles hat nur einen Sinn, weil es Teil einer organischen Einheit ist, die höher und größer ist als es selbst. Die Bedeutung kommt von dem Höheren, der Sinn kommt vom Größeren. Gewiss gelangt der Sinn zum Niedrigsten, aber das Niedrigste ist nicht der entscheidende Faktor. Das ist eine andere Herangehensweise. Wenn wir den Wissenschaftler fragen, wird er sagen, der Lotus ist nichts anderes als Schlamm; wenn wir den Taoisten fragen, wird er sagen, der Schlamm ist nichts anderes als ein Lotus. Der Unterschied ist gewaltig. Wenn wir sagen, dass der Lotus nichts als der Schlamm ist, der dreckige Matsch, haben wir alle Schönheit zerstört. Dann bleibt nur matschiger Dreck in unseren Händen und in unserer Seele. Dann bleiben wir mit einem schmutzigen Leben zurück. Die Taoisten sagen, wenn ein Lotus aus dem Dreck herauskommen kann, dann kann der Schlamm nicht bloß Schmutz sein, er muss den Lotus in sich tragen, die Möglichkeit für einen Lotus. Der Duft, die Farbe, die Schönheit des Lotus muss irgendwo im Dreck verborgen sein. Es ist nicht bloß Dreck – er trägt den Lotus in sich, ist ein Mutterschoß für einen Lotus.

23.07.2006 um 17:03 Uhr

Südliches Blütenland 26/7 (2)

von: tao

Das Leben existiert wegen des Todes.

Wenn es keinen Tod gibt, kann es keinerlei Leben geben.

Der Tod ist nicht das Ende und der Tod ist nicht der Feind –

vielmehr im Gegenteil, wegen des Todes wird Leben möglich.

Der Tod ist also nicht irgendwo am Ende,

er ist hier und jetzt involviert.

Jeder Moment hat sein Leben und seinen Tod,

sonst wäre Existenz unmöglich.

Es gibt Licht, es gibt Dunkelheit.

Für die Logik sind sie Gegensätze, und die Logik wird sagen:

Wenn es Licht ist, kann es keinerlei Dunkelheit geben,

wenn es dunkel ist, dann kann es keinerlei Licht geben.

Aber das Leben sagt ganz das Gegenteil. Das Leben sagt:

Wenn da Dunkelheit ist, ist es wegen des Lichts;

wenn da Licht ist, ist es wegen der Dunkelheit.

Wir mögen nicht fähig sein, das andere zu sehen

wenn es noch verborgen ist, aber es ist ganz nah.

Das Schweigen gibt es wegen des Tons.

Wenn es überhaupt keinen Laut mehr gibt, können wir dann noch still sein?

Wie können wir da schweigen?

Der Gegensatz ist als ein Hintergrund vonnöten.

Diejenigen, die der Logik folgen, gehen immer in die Irre

weil ihr Leben einseitig wird.

Sie denken an das Licht, dann beginnen sie Dunkelheit zu verneinen;

sie denken an das Leben, dann beginnen sie den Tod zu bekämpfen.

Das ist der Grund, warum es keine Tradition auf der Welt gibt

die besagt, dass Gott beides ist, Licht und Dunkelheit.

22.07.2006 um 14:10 Uhr

Tao 176

von: tao

Es ist schwierig, sich zu freuen, weil wir dabei verschwinden müssen. Freude ist möglich, wenn wir nicht sind. Wir und Freude können nicht zusammen existieren: Wenn Freude da ist, sind wir abwesend, wenn wir da sind, ist die Freude absent. Sie sind wie Licht und Dunkelheit – sie können nicht zusammen am selben Platz existieren. Daher ist es schwierig, sich zu freuen – es ist nicht leicht – denn es ist schwierig zu sterben, zu sterben ist nicht leicht. Und nur diejenigen, die wissen, wie man stirbt, von Moment zu Moment, wissen, wie man sich freut und genießt. Je besser wir sterben können, desto tiefer wird unsere Freude sein; die Flamme unserer Freude wird intensiv sein und großartig wird ihr Erblühen sein. Es ist auch schwierig, sich zu freuen, weil wir so viel darin investiert haben, unglücklich zu sein. Bevor wir das nicht sehen, können wir es immer wieder probieren, uns zu freuen, aber wir werden uns niemals freuen. Die Investitionen in unsere Misere müssten erst aufgegeben werden. Und von frühester Kindheit an lernt jeder, dass sich Unglücklichsein auszahlt. Wenn wir traurig sind, sind die Eltern liebevoller. Wenn wir krank sind, kümmern sich die Eltern mehr um uns. Wenn wir glücklich sind und gesund, kümmert das niemanden – wir bekommen keine Aufmerksamkeit. Und Aufmerksamkeit ist Futter für das Ego; ohne die Aufmerksamkeit kann das Ego nicht leben – es ist seine eigentliche Luft zum Atmen. Genau wieder Körper Sauerstoff braucht, braucht das Ego Aufmerksamkeit. Immer wenn wir gesund sind und glücklich, zollen uns die Eltern keinerlei Aufmerksamkeit; es ist ja nicht nötig. Aber wenn wir krank sind, unglücklich, weinen, schluchzen, wird die ganze Familie aufmerksam darauf, was uns fehlt, was wir brauchen, als wenn wir eine Art von Ausnahmezustand erschaffen hätten, einen Notfall. Sie lassen all ihre Arbeit fallen und stehen: Die Mutter rennt aus der Küche her, der Vater lässt die Zeitung sinken, und jeder konzentriert seine Aufmerksamkeit auf uns. Das gibt uns große Ego-Erfüllung. Und ganz langsam lernen wir den Weg des Ego: Bleibe unglücklich und die Leute werden uns Aufmerksamkeit schenken, bleibe traurig und sie werden mit uns sympathisieren. Und immer wenn wir uns freuen, sympathisiert keiner mehr mit uns. Das ist der Grund, warum die Leute Asketen soviel Respekt zollen. Jemand fastet und die Leute sagen: „Schau mal, was für ein großer Heiliger!“ Er ist einfach nur unglücklich.

21.07.2006 um 15:31 Uhr

Südliches Blütenland 23/5 (1)

von: tao

„Wenn ein Mann einem Fremden auf den Fuß tritt

mitten auf dem Marktplatz

dann entschuldigt er sich höflich:

„Dieser Platz ist so überfüllt.“

Wenn ein älterer Bruder

seinem jüngeren Bruder auf den Fuß steigt

sagt er: „Sorry“

und das ist es.

Wenn ein Vater

seinem Kind auf den Fuß tritt,

wird überhaupt nichts gesagt.

Die größte Höflichkeit

ist frei von aller Formalität.

Perfektes Benehmen ist frei von Hintergedanken.

Perfekte Weisheit ist ungeplant.

Perfekte Liebe ist ohne Demonstrationen.

Perfekte Aufrichtigkeit

bietet keine Garantie an.“

Alles, was großartig ist, alles, was schön ist,

alles, was wahr und real ist,

ist immer spontan.

Wir können es nicht planen.

In dem Moment, in dem wir es planen, geht alles schief.

In dem Moment, in dem Planung sich einmischt, wird alles unwirklich.

Aber das ist der Menschheit passiert.

Unsere Liebe, unsere Ehrlichkeit, unsere Wahrheit, alles,

ist fehlgegangen, weil wir es geplant haben.

20.07.2006 um 23:59 Uhr

Tao 175

von: tao

Ein Name ist nötig. Er hat eine Nützlichkeit in der Welt. Wir bekommen einen Namen und ganz allmählich vergessen wir völlig, dass der Name bloß ein nützliches Hilfsmittel ist, er hat keine Wahrheit an sich. Wir können den Namen ändern. Wir können erklären, dass wir unseren alten Namen aufgeben und wir werden ein neuer Name sein. Wir können ihn verändern, so oft wir es wollen. Genau so ist das Denken ein Hilfsmittel, eine natürliche Hilfskonstruktion, um uns zu helfen, in der Welt zu funktionieren, um für uns Dinge zu finden. Wenn wir das Denken fallen lassen, dann ist alles unscharf und verschwommen, es verschwimmt zu einer einzigen Realität. Dann wird es nicht möglich sein, irgendeine Unterscheidung zu treffen zwischen einem Marshmallow und einem Kissen. Wir legen uns dann vielleicht schlafen mit dem Marshmallow unter unserem Kopf und beginnen vielleicht, das Kissen anzuknabbern. Es ist also nicht so, dass das Denken nicht nützlich wäre. Das Denken ist nützlich, aber seine eigentliche Nützlichkeit beruht darauf, dass es Unterscheidungen kreiert. Wenn wir aber beginnen, uns in Meditation zu begeben, begeben wir uns damit über das Denken hinaus. Wir begeben uns über die Nützlichkeit hinaus in die Wahrheit. Dann versuchen wir, das zu sehen, was ist, nicht das, was nützlich ist. Dann wird ganz langsam die Dualität verschwinden. Und das ist bloß auf der Schwelle – wenn der Beobachter und das Beobachtete verschwinden. Wer ist der Beobachter und wer ist das Beobachtete? Dann werden wir diese Idee auch fallen lassen müssen. Dann wird der Beobachter das Beobachtete sein. Dann wird es keinen Unterschied mehr zwischen den beiden geben: Der Seher wird das Gesehene sein und der Erkennende wird das Erkannte sein und der Liebende wird die Geliebte sein. Es ist sehr eigenartig, wenn es sich zum ersten Mal zu ereignen beginnt – alles beginnt zu verschwimmen, unsere ganze Denkstruktur ist einfach erschüttert. Es sieht fast so aus, als wenn wir nicht mehr ganz richtig im Kopf wären. Wir sehen beispielsweise einen Bambus, und wir vergessen, wer der Bambus ist und wer der Sehende ist – das wird uns irgendwie krank vorkommen. Und wenn wir dann zurückkommen in unsere normale zweckmäßige Welt, werden wir argwöhnisch werden, misstrauisch und Zweifel bekommen: „Was läuft da ab? Das ist doch gefährlich! Wie kann ich der Bambus sein?“ Aber dies ist wahr.

19.07.2006 um 14:25 Uhr

Südliches Blütenland 19/13 (15)

von: tao

Es gibt keine Wahrheit als eine Objektivität.

Deine Wahrheit mag keine Wahrheit für mich sein,

meine Wahrheit ist vielleicht keine Wahrheit für dich,

denn Wahrheit ist nicht objektiv.

Ich bin da, darin involviert, meine Wahrheit bedeutet mich – deine Wahrheit macht dich aus.

Wenn Buddha hinkommt, wenn Jesus oder Dschuang Dsi ankommen

haben sie die gleiche universale Quelle erreicht,

aber ihre Interpretationen unterscheiden sich.

Ein Buddha ist überhaupt kein Musiker; er findet dort keinen Ton.

Er ist kein Maler; er findet keine Farbe dort.

Er ist ein sehr stiller Mensch, Schweigen ist seine Musik.

Das ist der Grund, warum er eine formlose Leere vorfindet – shunya –

alles leer. Das ist seine Wahrheit.

Er ist zu der gleichen Quelle gekommen, der Ursprung ist eins,

aber die Leute, die hinkommen, sind verschieden.

Sie schauen, sie sehen, sie fühlen in verschiedener Weise.

Darum gibt es so viele Philosophien, so viele Religionen.

Wenn Meera zu der gleichen Quelle kommt, fängt sie an zu tanzen.

Wir können uns keinen Buddha vorstellen, wie er tanzt,

wir können uns auch Jesus nicht tanzend vorstellen!

Meera beginnt zu tanzen – sie ist zum Geliebten gekommen.

Das Herz einer Frau, das Gefühl von Liebe –

dann wird die Quelle der Geliebte. Sie ist zu ihrem Geliebten gekommen.

Die Quelle ist die gleiche, die Wahrheit ist letztendlich die gleiche,

aber in dem Moment, in dem jemand sie sagt – ist sie verschieden.

Und niemandes Wahrheit kann die unsere sein;

wir müssen sie schon selbst entdecken.

18.07.2006 um 17:44 Uhr

Tao Te King 6 (1)

von: tao

Über den Charakter von Tao

„Tao ist ein hohles Gefäß.

Und sein Nutzen ist unerschöpflich.

Unergründlich.“

Über den Geist des Tales

„Der Geist des Tales stirbt niemals.

Er wird das Mystisch-Weibliche genannt.

Das Tor des mystisch Weiblichen

Ist die Wurzel von Himmel und Erde.

Ständig und ununterbrochen.

Es scheint bleibend.

Schöpfe daraus

Und es dient dir mit Leichtigkeit.“

Die Welt von Lao-tse ist total anders als die Welten der Philosophie, Religion und Ethik.

Sie ist nicht einmal eine Lebensweise.

Lao-tse lehrt nicht irgendetwas – er ist dieses Etwas.

Er ist kein Prediger – er ist eine Präsenz.

Er hat keine Doktrin für uns –

er hat nur sich selbst als Angebot zur Teilhabe.

Wäre er ein Philosoph gewesen, würde dies alles leicht gewesen sein,

wir könnten ihn dann verstanden haben;

aber er ist ein Mysterium, denn er ist keine Philosophie.

Er ist nicht einmal eine Anti-Philosophie,

denn beides hängt von der Logik ab, und er ist absurd.

Philosophien beruhen auf Logik

aber Antiphilosophien setzen auch eine Logik voraus –

also sind Antiphilosophien auch nichts als Philosophien.

17.07.2006 um 23:59 Uhr

Quellender Urgrund 4/8 (1)

von: tao

„Lung Schu sagte zu dem Arzt Wen Dschi: „Dein Können ist subtil. Ich habe eine Krankheit, kannst du sie heilen?“ „Du musst mich nur beauftragen. Sag mir die Symptome deiner Krankheit.“ „Ich halte es nicht für eine Ehre, wenn der ganze Distrikt mich preist, ich halte es auch nicht für eine Schande, wenn der ganze Staat mich verunglimpft; ich habe keine Freude, wenn ich gewinne, keine Angst, zu verlieren; ich betrachte Leben und Tod in gleicher Weise, Reichtum und Armut, andere Menschen und Schweine, mich selbst und andere Menschen; ich wohne in meinem eigenen Haus, als ob ich in einer Gaststätte abgestiegen wäre, und betrachte meine eigene Nachbarschaft, als ob es ein fremdes und barbarisches Land wäre. Da ich nun all diese Leiden habe, können mich Titel und Belohnungen nicht motivieren, Bestrafungen und Bußgelder können mich nicht abschrecken, Wohlstand und Verarmung, Nutzen und Schaden können mich nicht ändern, Freude und Sorge können mich nicht beeinflussen. Konsequenterweise ist es unmöglich für mich, meinem Fürsten zu dienen, mit meinen Verwandten und Freunden Umgang zu pflegen, mich um meine Frau und meine Kinder zu kümmern, meine Bediensteten zu beaufsichtigen. Was ist dies für eine Krankheit? Welche Kunst kann sie heilen?“ Wen Dschi trug Lung Schu auf, mit seinem Rücken zum Licht zu stehen. Er selbst trat zurück und untersuchte Lung Schu aus der Entfernung, wie er nun zwischen ihm und dem Licht stand. Dann sagte er: „Mmm, ich sehe dein Herz. In ihm ist ein Feld von zwei bis drei Quadratzentimetern leer – du bist fast ein Weiser. Sechs der Löcher in deinem Herzen gehen ineinander über, bloß eines ist verstopft. Kann dies der Grund sein, warum du nun denkst, die Weisheit eines Weisen sei eine Krankheit? Meine oberflächliche Kunst kann nichts tun, um sie zu heilen.““

Ein Mensch zu sein bedeutet ein Nicht-Denken zu sein. Das ständige Schnattern des Denkens im Innern, dieses Gerede, der innere Monolog hält an, Tag und Nacht, jahrein, jahraus, von der Geburt bis zum Tod. Was auch immer wir tun ist, ist irrelevant, in uns geht es kontinuierlich weiter. Dieses Geschwätz ist das einzige, was untaoistisch ist, die einzige Sünde, die Erbsünde. Hört erst einmal dieses Gerede auf, beginnen sich Wunder für  uns zu ereignen.

16.07.2006 um 15:03 Uhr

Tao Te King 11 (4)

von: tao

In Indien existiert eine sehr alte und sehr schöne Parabel in den Upanishaden. Ein großer Weiser, Uddalak, wurde von seinem Sohn, Svetketu, gefragt: Vater, wer bin ich? Was ist das, was in mir existiert? Ich mühe mich und versuche dahinter zu kommen, ich meditiere und meditiere, aber ich kann es nicht finden. Svetketu war ein kleines Kind, aber er warf eine sehr, sehr schwierige Frage auf. Hätte jemand anderes die Frage gestellt, hätte Uddalak sie leicht beantworten können, aber wie kann er einem Kind helfen, dies zu verstehen? Es fragte nach dem größten Problem, das es gibt. Uddalak musste sich etwas ausdenken, um es zu veranschaulichen. Er sagte: Du geh dorthin, da drüben, wo du den Nigrotbaum siehst und bring eine Frucht von ihm hierher. Das Kind rannte los und es brachte eine kleine Frucht von dem Nigrotbaum. Der Vater sagte: Nun schneide sie entzwei. Was siehst du in ihr? Das Kind sagte: Millionen von kleinen Samenkörnern. Der Vater sagte: Nun such dir ein Samenkorn aus und schneide es entzwei. Was siehst du nun darinnen? Das Kind sagte: Nichts, gar nichts. Der Vater sagte: Aus diesem Nichts heraus entsteht dieser große Baum. In dem Samenkorn, genau im Zentrum, existiert Nichtssein. Du zerschneidest es – das ist nichts, und aus diesem Nichts entsteht das Sein dieses großen  Baumes. Das gleiche gilt für dich, Svetketu. Und einer der großartigsten Sprüche, die jemals von irgendeinem menschlichen Wesen geäußert worden sind, wurde geboren: „Tat-twam-asi, Svetketu“ – „Das bist du, du bist das, Svetketu.“ Du bist auch dieses Nichtssein, das genau im Herzen dieses Samens existiert. Bevor du nicht dieses Nicht-Sein in dir findest, wirst du nicht zur authentischen Wahrheit gelangen. Dann kannst du dich in Theorien begeben, dann kannst du philosophieren, aber du wirst nichts realisieren, du wirst zu keiner Verwirklichung kommen. Der Junge meditierte über sein Nichtssein und er wurde sehr still. In tiefer Kontemplation erfreute er sich dieses Nichtsseins, er spürte es ganz tief. Aber dann entstand wieder eine Frage und nach ein paar Tagen kam er wieder zum Vater. Er sagte: „Ich kann es fühlen, aber das alles ist immer noch nicht sehr klar, es ist vage und verschwommen, als wenn ein Nebel alles umgibt. Ich kann sehen, dass aus dem Nichtssein heraus alles geboren wird, aber wie vermischt sich dann dieses Nichts mit dem Dingsein, der Dinglichkeit, dem Etwas? Wie vermischt sich das „Ist-Sein“ mit dem Nichts-Sein? Wie vermischt sich das Sein mit dem Nicht-Sein? Das ist doch paradox. Der Vater war wieder in Schwierigkeiten – immer wenn Kinder Fragen stellen, ist es sehr schwierig, sie zu beantworten. Fast neunundneunzig Prozent der Antworten, die Erwachsene Kindern geben, sind falsch, dienen bloß dazu, das Gesicht zu wahren. Wir machen ihnen etwas vor. Aber Uddalak wollte sein Kind nicht hintergehen, denn seine Neugierde war nicht bloß Neugier, es war eine tiefgehende Untersuchung. Es war wirklich betroffen davon. Sein Körper mag der eines Kindes gewesen sein, aber seine Seele war schon sehr alt. Er musste schon in der Vergangenheit sich abgestrampelt haben und sich sehr bemüht haben, in das Mysterium Eintritt zu erhalten. Er war nicht bloß neugierig – er war authentisch betroffen davon, es ging ihm unter die Haut. Es war nicht bloß eine flüchtige Frage, die ihm durch den Kopf ging, es war sehr tief verwurzelt. Der Vater sagte: Geh hin und bring eine Tasse mit Wasser. Der Junge holte eine Tasse Wasser. Dann sagte der Vater: Nun geh und hol mir ein wenig Zucker. Er brachte den Zucker und der Vater sagte: Vermisch nun beides. Der Zucker löste sich im Wasser auf, und dann sagte der Vater: Kannst du nun den Zucker von dem Wasser trennen? Der Junge sagte: Jetzt ist das nicht mehr möglich. Ich kann nicht einmal mehr sehen, wo der Zucker geblieben ist. Der Vater sagte: Versuche es trotzdem. Der Junge schaute in das Wasser hinein, aber er konnte keinerlei Zucker mehr sehen, es hatte sich aufgelöst, es war zu Wasser geworden. Dann sagte der Vater: Dann koste es. Der Junge kostete das Wasser, es war süß. Und der Vater sagte: Schau, genauso ist es. Du  magst nicht fähig sein, zu entscheiden, was Sein ist und was Nicht-Sein ist, aber sie verbinden sich miteinander, genau wie Wasser und Zucker. Du kannst es schmecken und du kannst wissen, dass dieses Wasser Zucker enthält, aber du bist vielleicht nicht mehr in der Lage, sie zu trennen. Tatsächlich kann niemand sie jemals wieder trennen, denn sie sind nicht mehr getrennt. Wasser und Zucker können wieder getrennt werden – dies war bloß ein Hilfsmittel, um dem Kind das Verständnis nahe zu bringen – aber Nicht-Sein und Sein können nicht getrennt werden, Leben und Tod können nicht getrennt werden. Das ist unmöglich. Sie sind nicht getrennt, wie können wir sie separieren? Sie existieren immer zusammen; eigentlich ist es falsch, zu sagen, dass sie zusammen existieren, denn schon das Wort „zusammen“ vermittelt das Konzept der Zweiheit. Sie sind nicht zwei, sie sind eines. Sie erwecken nur den Eindruck, zwei zu sein.

15.07.2006 um 02:04 Uhr

Tao 174

von: tao

Ein Mensch, der die gleichen Fehler immer wieder begeht, lebt in einem Kreis.

Er lernt niemals irgendetwas, so alt er auch wird.

Wir werden heute wütend werden,

wir wurden gestern zornig, und vorgestern auch,

und morgen werden wir auch ärgerlich werden, und übermorgen auch.

Immer wieder regen wir uns auf,

immer wieder bereuen wir dann,

immer wieder fassen wir einen festen Entschluss, dass wir es nicht wieder tun werden,

aber diese Entscheidung führt zu keiner Änderung.

Immer wenn wir irritiert sind und beunruhigt werden

dann packt uns die Wut, sie ergreift Besitz von uns.

Derselbe Fehler wird begangen.

Und wir werden alt dabei.

Wenn wir eine Erfahrung des Zorns total erleben,

werden wir niemals wieder zornig sein.

Eine Erfahrung wird genug sein, um uns zu lehren

dass es töricht ist,

dass es absurd ist,

dass es einfach dumm ist –

nicht dass es eine Sünde ist,

es ist einfach dumm.

Wir schaden uns selbst dabei,

und wir verletzen andere, für nichts, wegen nichts.

Die Sache ist es nicht wert.

Dann nehmen wir an Reife zu.

Morgen wird sich die Situation wiederholen,

aber die wütende Reaktion wird nicht wiederholt werden.

14.07.2006 um 14:47 Uhr

Tao 173

von: tao

Krishna ist noch mehr als Jesus verfälscht worden – denn Hindus sind großartige Gelehrte. Jesu Nachfolger waren sehr einfache Leute – ein Fischer, ein Bauer, ein Holzfäller. Sogar wenn sie Jesus hätten korrumpieren wollen, sie hätten es nicht gekonnt. Sie waren nicht effizient genug. Sie waren keine gebildeten Leute. Aber bei den Hindus, da gibt es die Brahmanen und die Pandits, die Schriftgelehrten. Krishnas Los ist weit schlimmer wegen all dieser Brahmanen und Kommentatoren und Interpreten, Kommentare über Kommentare seit zweitausend Jahren. Die Bibel hat keinen einzigen Kommentar, die Bhagavad-Gita hat eintausend Kommentare. Wenn wir nun wissen wollen, was Krishna gesagt hat, ist das fast unmöglich. Es würde uns verrückt machen, würden wir all die eintausend Kommentare durchgehen. Und das sind nur die berühmten. Das sind noch längst nicht alle Kommentare. Wenn man alle Kommentare zählen würde, würden es abertausende sein. Wenn wir uns durch all diese Kommentare durcharbeiten würden, würden wir einfach wahnsinnig werden, denn sie sagen so verschiedene Dinge – Sachen, die diametral entgegengesetzt zueinander sind. Wie können wir da eine Verbindung zu Krishna bekommen? Der einzige Weg, eine Verbindung herzustellen, ist die eigene Leere, umhüllt und bewahrt von Körper und Geist, der innere Raum, der innerhalb des Fleisches existiert. Durch ihn werden wir einen Geschmack von Leerheit bekommen, und durch diesen Geschmack könnten wir all die erwachten Menschen kennenlernen, die jemals auf dieser Erde existierten und existieren werden – denn der Geschmack des Leerseins ist derselbe. Anders ausgedrückt: Wenn wir in einen Palast gehen, sind die Wände aus Marmor, aber wenn wir in das Häuschen eines armen Menschen gehen, in seine Hütte, sind die Wände ganz anders. Sie mögen nur aus Ziegelsteinen oder Backsteinen bestehen, oder vielleicht bloß aus Bambus und Blättern. Aber der innere Raum des Palastes und der Hütte sind dasselbe. Die Wände unterscheiden sich – der Palast hat Marmorwände, sehr kostspielig, und die Hütte des armen Mannes hat Holzwände – aber die Leere, die von den Palastwänden und den Hüttenwänden umgeben ist, ist dieselbe. Der Innenraum ist derselbe. Krishna spricht eine Sprache, Buddha eine andere, Jesus wieder eine andere, aber die Meditation, die innere Erfahrung, ist die gleiche.

13.07.2006 um 22:29 Uhr

Tao 172

von: tao

Tao ist größer als das Denken. Genau deswegen entscheiden wir uns ständig für das Denken, anstatt mit dem Tao zu fließen. Tao ist so ungeheuer weit, dass man Angst hat, seine Identität darin zu verlieren. Wir sind wie Tautropfen und Tao ist wie ein Ozean. Der Tautropfen ist sehr verängstigt, er hat große Angst, dem Ozean näher zu kommen – ein Schritt in das Meer und er wird sich für immer verlieren. Er möchte sich an seine Identität klammern; wie klein auch immer, wie winzig auch immer, wie mittelmäßig auch immer, aber es ist seine Identität, es ist seine Persönlichkeit. Er ist nur, weil er noch vom Ozean getrennt ist. Das ist der Weg des Ego: Das Ego kann nur in der Trennung existieren. Separation erzeugt Unglücklichsein, weil wir aus dem Ganzen heraus entwurzelt werden, aber man ist lieber bereit, das Unglück zu erleiden als zu sterben und in die absolute Glückseligkeit hinein zu verschwinden. Die Leute reden nur über die Wonne, niemand möchte wirklich selig sein. Sie reden über Glücklichsein, als wenn sie dieselben bleiben könnten und die Glückseligkeit könnte ihnen hinzugefügt werden, so wie sie sind. Sie möchten, dass das Glück auch eine Art von neuem Besitztum darstellt, so dass ihr Ego sich gestärkter fühlen kann, besser definiert, wertvoller und bereichert. Aber so wie das Ego mehr und mehr definiert wird, so werden wir kleiner. Sowie wir kleiner werden, werden wir unglücklich, denn allmählich geht uns die Luft aus, nach und nach fühlen wir uns eingesperrt von allen Seiten. Unsere Gefängniszelle wird kleiner und kleiner – auch nur in ihr zu existieren, wird unmöglich. Aber die Leute sind bereit, jede Art von Unglück zu erleiden, sie sind bereit, alles für das Ego zu opfern. Darum klammern wir uns an das Denken. Das Denken ist nichts als der Prozess des Egos, das Funktionieren des Egos. Das Denken ist die Grenze zwischen uns und der Ganzheit. Es ist eine Mauer, keine Brücke – Nicht-Denken ist die Brücke. Daher legen all die Erwachten Wert darauf, dass man sich vom Denken zum Nicht-Denken hin bewegt. Das Ego kann nur existieren, wenn wir in einem ständigen Kampf bleiben; ein kontinuierliches Streiten ist nötig, denn es ist eine falsche Wesenheit. Wir müssen es aufrechterhalten; es ist nichts Spontanes, es ist nichts Natürliches, das von selbst existieren könnte. Es braucht den Wettbewerb, es benötigt den Konflikt; es braucht jede Art von Eifersüchtelei, von Besitzergreifung, von Rechthaberei, von Hass und Krieg. Es kann nur mit all dem existieren, was falsch ist.

12.07.2006 um 15:11 Uhr

Quellender Urgrund 1/5 (2)

von: tao

„Als Konfuzius am Taischanberg umherstreifte, sah er Yung Kiki, wie er da ging über das Moor von Tscheng in einem groben Fellmantel mit einem Strick um seine Hüfte, und laut singend, während er auf seiner Laute klimperte.“

Singen, Musik, Tanzen, das ist die Sprache der Freude, des Glücklichseins. Sie sind ein Ausdruck dafür, dass diese Person nicht unglücklich ist. Aber es mag bloß nur so aussehen, es ist vielleicht bloß projiziert, es könnte bloß kultiviert sein; tief innen kann die Sachlage genau entgegengesetzt sein. Manchmal kommt es vor, dass wir lächeln, weil uns die Tränen kommen und sie uns, würden wir nicht lächeln, uns die Wangen hinunterlaufen würden. Manchmal halten wir eine Einstellung, einen künstlichen Gesichtsausdruck, eine Maske, aufrecht, wir tun, als ob wir glücklich wären, denn was hat es für einen Sinn, der Welt zu zeigen, dass wir unglücklich sind? Das ist der Grund, warum die Leute so glücklich aussehen. Jeder denkt, er sei die unglücklichste Person in der Welt, weil er seine Wirklichkeit kennt und nur die Gesichter der anderen kennen lernt – die zurechtgemachten Gesichter. Also denkt jeder insgeheim: „Ich bin der allerunglücklichste Mensch, und warum bin gerade ich die unglücklichste Person, wenn jeder andere so glücklich ist?“

Singen und Tanzen ist sicherlich eine Sprache der Freude, aber wir können diese Sprache lernen, ohne zu wissen, was Freude ist. Das ist es, was die Menschheit getan hat: Die Leute haben Gesten gelernt – hohle Formalitäten.

Aber Konfuzius lässt sich täuschen. Er sagt: „Meister, was  ist der Grund für deine Freude?“ Die Maske hat Konfuzius getäuscht; der Mann mag fröhlich sein, er ist aber vielleicht nicht fröhlich. Man müsste schon direkt in diesen Menschen hineinschauen – auf seine Natur sehen, nicht auf seine Ausdrucksweisen. Der Ausdruck mag falsch sein: Die Leute haben sich Ausdrucksweisen angeeignet. Manchmal können wir sehen, wie jemand lächelt – auf den Lippen ist ein schönes Lächeln – und dann schauen wir in die Augen, und die Augen sagen genau das Gegenteil. Jemand sagt etwas zu uns: „Ich liebe dich“, und wir schauen ins Gesicht und in die Augen und spüren die eigentliche Ausstrahlung dieses Menschen und es scheint, dass er uns hasst. Aber bloß um höflich zu sein, sagt er dann: „Ich mag dich“.