Taoistische Reflektionen

31.10.2006 um 00:00 Uhr

Tao Te King 1 (17)

von: tao

“Deswegen:

Immer müssen wir gefunden werden frei vom Wollen

Wenn des Lebens Geheimnis wir ergründen sollen;

aber wenn Verlangen immer in uns sei,

ist alles, was wir sehen werden, nur sein äußeres Detail.“

Der Pfad, der begangen werden kann, ist nicht der Weg. Die Wahrheit, die erforscht werden kann, ist nicht die Wahrheit. Der Schöpfer der Existenz ist ohne irgendeinen Namen und der Name ist die Mutter von aller Substanz. Nach den ersten beiden Versen beginnt der dritte Vers des ersten Kapitels von Lao-tses Tao Te King mit „Deswegen“. Dies muss deswegen zuerst verstanden werden, bevor man dieses erste Kapitel weiterliest. Es schaut seltsam aus – die ersten beiden Verse beinhalten keine Beziehung mit dem dritten Vers, was die Verwendung von „Deswegen“ rechtfertigen könnte. Wahrheit kann nicht in Worten ausgedrückt werden. Der Weg, den es gibt, kann nicht begangen werden. Namenlos ist die Existenz; die Welt der Substanz ist die Welt der Benennung. Deswegen – das Denken, das tief im Verlangen steckt, kann niemals die bodenlosen Tiefen kennen lernen, so das Geheimnis der Existenz liegt. Es kann nur den äußersten Rand der Existenz, die Details, kennen. Das Wort „Deswegen“ kann nur benutzt werden, wenn das, was folgt, ein natürliches Ergebnis der vorangegangenen Statements ist. Wenn die dritte Äußerung ein Resultat der ersten beiden Feststellungen ist, nur dann kann „deswegen“ verwendet werden. Aber was ist die Verbindung zwischen einem Denken, voll von Wollen, und einem Denken, voll mit Worten? Was kann die Verbindung sein zwischen einem Pfad, der nicht beschritten werden kann, dem kein Name gegeben werden kann, und einem Denken, das voll ist von Leidenschaften? Dies ist nicht offensichtlich klar; es ist nicht evident. Deswegen wird es sehr schwierig sein, dieses Wort „deswegen“ zu verstehen, wie es von Lao-tse verwendet wurde. Was ist nun mit dieser Beziehung? Tatsächlich möchte jemand, der voll ist mit Sehnsüchten, irgendwohin gelangen. Allein schon dieses Verlangen, dort hinzugelangen, ist Leidenschaft. Wenn ich glücklich bin, ich selbst zu sein und mich akzeptiere, wie ich bin, wenn ich nirgendwo hinkommen muss, dann ist ein Weg nutzlos und zwecklos für mich. Wenn ich irgendwohin gelangen muss, irgendwohin gehen muss, wenn ich etwas sein muss, etwas erreichen muss, dann werden Wege unausweichlich. Wenn ich nicht irgendwohin reisen muss, welche Bedeutung können Wege für mich haben? Aber wenn wir eine Reise machen wollen, dann werden Wege sinnvoll. Was für Wege wir auch immer erzeugen, es sind alles Wege des Verlangens, der Sehnsucht. Kein Weg wird jemals ohne ein Verlangen erschaffen, obwohl das Verlangen sich überhaupt nicht um den Verbindungsweg kümmert. Die Sehnsucht kreist nur um das Ziel.

Wütend

30.10.2006 um 00:00 Uhr

Tao Te King 48 (2)

von: tao

Wissen ist gefährlicher als Geld,

gefährlicher als Macht,

denn Wissen ist subtiler.

Nehmen wir hierfür wieder einmal

die alte biblische Geschichte von Adams Vertreibung aus dem Paradies.

Diese Parabel hat mehrdimensionale Bedeutungen.

Eine der Bedeutungen ist taologisch:

Gott erschuf die Welt,

und er sagte Adam

er solle nicht die Frucht vom Baum der Erkenntnis essen –

aber warum speziell diesen Baum des Wissens?

Tatsächlich

scheint dies absurd zu sein.

Hätte er Adam

das Morden verboten,

hätten wir das verstehen können;

hätte er es verboten,

dass Adam sich auf Sex einlässt,

dann würden all die Weltreligionen es verstanden haben.

Aber Gott verbot

weder Sex

noch Gewalt

sondern Erkenntnis.

Wissen scheint die ursprüngliche Sünde zu sein.

Aber warum sollte Gott es verbieten?

Warum ist Wissen gefährlich?

Weil allein schon die Anstrengung

hinter die Geheimnisse zu kommen

Aggression ist.

Die tiefste Aggression.

29.10.2006 um 02:54 Uhr

Tao Te King 48 (2)

von: tao

Wissen ist gefährlicher als Geld,

gefährlicher als Macht,

denn Wissen ist subtiler.

Nehmen wir hierfür wieder einmal

die alte biblische Geschichte von Adams Vertreibung aus dem Paradies.

Diese Parabel hat mehrdimensionale Bedeutungen.

Eine der Bedeutungen ist taologisch:

Gott erschuf die Welt,

und er sagte Adam

er solle nicht die Frucht vom Baum der Erkenntnis essen –

aber warum speziell diesen Baum des Wissens?

Tatsächlich

scheint dies absurd zu sein.

Hätte er Adam

das Morden verboten,

hätten wir das verstehen können;

hätte er es verboten,

dass Adam sich auf Sex einlässt,

dann würden all die Weltreligionen es verstanden haben.

Aber Gott verbot

weder Sex

noch Gewalt

sondern Erkenntnis.

Wissen scheint die ursprüngliche Sünde zu sein.

Aber warum sollte Gott es verbieten?

Warum ist Wissen gefährlich?

Weil allein schon die Anstrengung

hinter die Geheimnisse zu kommen

Aggression ist.

Die tiefste Aggression.

29.10.2006 um 00:00 Uhr

Tao Te King 67 (2)

von: tao

Der Mensch ist eine Trinität,

so wie die Christen Gott eine Trinität genannt haben.

Bei Gott mag es sein, es mag nicht so sein,

aber der Mensch ist eine Dreiheit:

Körper, Denken, Seele.

Tatsächlich kam aufgrund

seines tiefen Verstehens der menschlichen Wesen

Christus dazu, zu sagen, dass Gott eine Trinität ist.

Wenn es irgendeinen Gott gibt

muss er eine Dreiheit sein,

denn alles, was existiert, hat drei Schichten.

Die Hindus nennen sie drei Gunas, drei Qualitäten;

satva, rajas, tamas.

Christus nannte sie die Trinität.

Wenn Liebe durch uns Ausdruck findet

drückt sie sich zuerst als der Körper aus.

Sie wird  zum Sex.

Wenn sie sich durch das Denken ausdrückt,

was höher, tiefer und subtiler ist,

dann wird sie Liebe genannt.

Wenn sie sich durch den Geist ausdrückt,

wird sie zur Andacht.

Und da ist etwas in uns, das auch noch jenseits der Dreiheit ist.

Die Hindus haben das „das Vierte“, turiya, genannt.

Sie haben ihm keinen Namen gegeben,

weil es nicht benannt werden kann.

Die drei können benannt werden;

sie gehören zur manifesten Welt.

Das vierte kann nicht benannt werden;

es gehört zum Unmanifesten.

28.10.2006 um 00:00 Uhr

Südliches Blütenland 23/5 (3)

von: tao

Baal Shem war einmal unterwegs auf einer Reise

in einer schönen Kutsche mit drei Pferden.

Aber ständig wunderte er sich,

denn drei Tage lang war er nun schon gereist

und auch nicht ein einziges Mal hatte irgendeines der Pferde gewiehert.

Was war mit den Pferden passiert?

Dann plötzlich am vierten Tag

schrie ihm ein vorbeikommender Bauer zu, er solle doch die Zügel nicht so straff halten.

Er ließ die Zügel locker und plötzlich

begannen alle drei Pferde zu wiehern, sie wurden lebendig.

Drei Tage lang waren sie ständig wie tot gewesen, dem Sterben näher als dem Leben.

Dies ist mit uns allen passiert, mit der ganzen Menschheit.

Wir können nicht wiehern,

und bevor ein Pferd nicht wiehert, ist das Pferd tot,

denn Wiehern bedeutet, es freut sich, da ist überschüssige Energie.

Aber wir können nicht wiehern, wir sind tot.

Unser Leben ist in keiner Weise ein überschäumendes Lied,

ein Tanz, der sich ereignet, wenn die Energie zu stark wird.

Kein Baum braucht Blüten als Notwendigkeit, die Wurzeln genügen.

Das Erblühen ist immer ein Luxus.

Die Blüten kommen nur, wenn der Baum zuviel hat,

er bedarf des Gebens, er benötigt das Teilen.

Immer wenn wir zuviel haben

wird das Leben ein Tanz, eine Feier.

Aber die Gesellschaft erlaubt uns nicht zu tanzen, zu feiern,

also hat die Gesellschaft darauf zu schauen

dass wir niemals mehr Energie als nötig haben.

Uns ist nur gestattet, energetisch am Hungertuch zu nagen, ausgehungert zu bleiben.

Uns ist nicht erlaubt, zuviel zu sein,

denn sind wir erst einmal zuviel, können wir nicht mehr kontrolliert werden,

und die Gesellschaft möchte uns kontrollieren.

27.10.2006 um 00:00 Uhr

Tao 210

von: tao

Lao-tse sagt: Wenn einmal eine Sache völlig klar wird, muss nichts mehr getan werden, denn dann leitet das Verstehen all unsere Aktionen und lässt uns das tun, was zu tun ist. Alles überflüssige Tun fällt von selbst weg, genau wie ein welkes Blatt von einem Baum fällt. Kein Tun ist erforderlich, um nicht das zu tun, was nicht getan werden sollte. Was getan werden sollte, passiert von selbst, und was nicht getan werden sollte, hört auch auf, sich zu ereignen.

Was ist dieses Verstehen? Wenn wir das Gefühl haben, wir würden verstehen und doch findet die Transformation, von der Lao-tse redet, nicht statt, kann das nur zweierlei bedeuten: Entweder ist das, was Lao-tse sagt, falsch oder das, was wir Verstehen nennen, ist kein Verstehen.

Was Lao-tse sagt, ist nicht falsch, denn nicht nur er, sondern all diejenigen, die jemals auf dieser Erde zur Erkenntnis gekommen sind, haben alle das gleiche gesagt. Ob es Sokrates in Griechenland war, oder Buddha in Indien, sie haben das gleiche gesagt, wo immer ein Weiser gesprochen hat, hat er nur dies gesagt: „Verstehen genügt.“

Es gibt viele Punkte, die in Betracht gezogen werden müssen, nur dann werden wir verstehen, dass wenn keine Transformation stattfindet, dies nur bedeutet, dass das, was wir als Verstehen kennen, kein Verstehen ist.

Warum ereignet sich durch uns das Falsche und warum kommt es nicht zu den richtigen Sachen? Was für ein Grund steckt dahinter – Nicht-Verstehen oder etwas anderes? Wenn das Unverständnis der Grund ist, wird es durch Verstehen ausradiert werden. Wenn der Grund ein anderer ist als das fehlende Verstehen, dann wird sich nichts ändern. Die wirkliche Frage ist doch die: Wenn Unwissenheit die Ursache unserer Handlungen ist, sollte sie durch Verstehen ausgelöscht werden.

Zum Beispiel: Ich gehe aus einem Raum heraus und schlage mit meinem Kopf gegen eine Wand. Wenn der Grund dafür der ist, dass der Raum dunkel ist, dann wird sich dies nicht ereignen, wenn ich den Raum erleuchte. Wenn ich jedoch, trotz des Lichts, immer noch gegen die Wand laufe, kann dies nur zweierlei bedeuten: Es bedeutet entweder, da hat es überhaupt kein Licht gegeben, ich dachte nur, es wäre erleuchtet, aber tatsächlich war da gar kein Licht. Oder es bedeutet vielleicht, dass es nichts mit der Dunkelheit zu tun hat, wenn ich gegen die Mauer laufe. In diesem Fall muss die Ursache eine ganz andere sein: Dunkelheit und Licht haben nichts miteinander zu tun.

Verrückt

26.10.2006 um 00:00 Uhr

Tao Te King 1 (16)

von: tao

Das tun wir doch alle: Sobald wir jemandem begegnen, beginnen wir ueber das Wetter zu reden; wir reden einfach bloss ueber irgendetwas, nur um des Redens willen. Das Wetter ist nur eine Entschuldigung. In Wahrheit ist es so schwierig, zu schweigen und still zu bleiben, dass wir mit dem fadenscheinigsten Vorwand schon zu reden beginnen.

Wenn wir das naechste Mal, wenn wir wieder anfangen, an jemanden das Wort zu richten, ein wenig Innenschau betreiben, werden wir sofort herausfinden, es war eine blosse Ausflucht, um einfach losreden zu koennen. Wir haben weder mit dem Morgen noch mit der Sonne noch mit den Wolken irgendetwas zu tun, alles, was wir wollen, ist, ein Gespraechsthema anzusprechen, denn wir die haben die Kunst des Schweigens vergessen, wenn wir in Gesellschaft sind. Nach einem ganzen Leben und seinen Erfahrungen hat Freud gesagt: "Ich dachte immer, dass wir reden, um etwas auszudruecken. Nun stelle ich fest, dass wir reden, um etwas zu verbergen." Es gibt Dinge, die werden offenbar, wenn wir schweigen wuerden, also verstecken wir sie, indem wir der Konversation froenen. Wenn wir mit einem Gefaehrten bloss eine Stunde lang still dasitzen, werden wir viele Dinge ueber ihn kennenlernen, die wir sonst nicht wissen wuerden, sogar wenn wir mit ihm ein volles Jahr lang reden wuerden! Was ist denn Konversation ueberhaupt? Ein Mensch erschafft ein Netz von Ideen und Meinungen um sich herum, bloss um sein tatsaechliches Selbst zu verbergen. In dem Dahinstroemen seiner Worte werden wir nicht imstande sein, in seine Augen zu schauen oder seine Gesten zu bemerken. Wir werden so eingenommen von seinen Worten sein, dass nur noch seine Worte ueberall um uns herum sind und nicht er selbst.

Haben wir jemals bemerkt, dass wir, wenn wir an jemanden denken, nichts ueber ihn erinnern, als seine Worte? Wissen wir noch, wie er uns ansah oder wie er uns beruehrte? Koennen wir uns noch an den Ausdruck in seinen Augen erinnern? Oder wie er in den Raum kam oder wie er sich hinsetzte? Nichts. Alles, an was wir uns erinnern, ist, was er sagte. In diesem Fall ist er kein Individuum, sondern ein Grammophon. Unsere Erinnerung an ihn sind nur Worte, wir haben kein Wissen ueber seine volle Existenz. Was fuer ein bestuerzender Sachverhalt! Wenn wir unsere Augen schliessen und versuchen, das Gesicht unserer eigenen Mutter zu visualisieren, werden wir schockiert sein, wenn wir feststellen, dass wir uns nicht vollstaendig an ihre Gesichtszuege erinnern koennen! Vielleicht wirst du mir jetzt widersprechen: "Wie kann das sein?", denkst du dir vielleicht. Dann probier es doch einfach aus. Schliesse deine Augen und versuche, dir das Bild deiner Mutter vor Augen zu bringen.

25.10.2006 um 00:00 Uhr

Tao 209

von: tao

Priester haben mit Religion überhaupt nichts zu tun.
Priester und Politiker befinden sich in einer gemeinsamen Verschwörung, um die Leute auszubeuten, und der beste Weg, Leute auszunützen, ist, ihre Intelligenz zu zerstören. Natürlich kann kein intelligenter Mensch solche Religionen unterstützen. Diese Religionen haben die Menschheit versklavt. Sie haben den Menschen nicht geholfen, frei zu sein, unabhängig zu sein, um ihr eigenes Selbst zu sein; im Gegenteil, sie haben sie zu Sklaven reduziert; im Namen der Religion haben sie große Gefängnisse geschaffen. Und die Strategie ist subtil – sehr subtil, sehr schlau. Die Grundstrategie ist die gleiche, von allen Religionen überall auf der Welt benutzt.
Das erste und fundamentalste Prinzip dieser Strategie ist: Zerstöre die Liebe der Menschen für das Leben, ihre Liebe für die Freude, ihre Liebe für das Feiern. Sind die Wurzeln der Menschen erst einmal von der Existenz abgeschnitten, beginnen sie, in sich selbst einzuschrumpfen, sie fangen an, die Nahrungsquellen zu verlieren. Ihr ganzes Wesen wird vergiftet.
Sie können nicht wirklich vor dem Leben davonlaufen – niemand kann sich wirklich aus dem Leben flüchten. Sogar die Leute, die sich in die Berge absetzen, müssen sich auf Leute verlassen, die auf dem Marktplatz arbeiten. Niemand kann wirklich vor dem Leben fliehen. Die Leute, die in die Klöster gegangen sind, sind abhängig von Leuten, die außerhalb leben; sie benötigen ihre Unterstützung.
Wenn die ganze Welt, wenn die gesamte Menschheit dem Leben entsagen würde, würde sie damit einen globalen Selbstmord begehen. Der buddhistische Mönch muss diejenigen anbetteln, die noch nicht Mönche sind. Der christliche Mönch muss von den Spenden der Leute leben, die immer noch in der Welt sind. Niemand kann wirklich aus dem Leben fliehen, solange er noch am Leben ist; das ist unmöglich. Aber unsere Quellen können vergiftet werden. Wir können vor dem Leben nicht davonlaufen und wir können unser Leben nicht total leben. Wir fangen an, uns schuldig zu fühlen, weil wir lebendig sind: Wir bekommen das Gefühl, als wenn es eine Sünde wäre, lebendig zu sein. Wir beginnen, unser Leben zu beschneiden, so sehr, wie wir können; wir fangen an, am Minimum zu leben. Auch das akzeptieren wir nur als ein notwendiges Übel.
Das ist der Grund, warum das Lachen verschwunden ist, die Ganzheitlichkeit ist verschwunden. Die Leute schauen traurig drein; ihre Existenz ist sinnlos geworden.

24.10.2006 um 00:00 Uhr

Tao 208

von: tao

Die wirklich signifikanten Dinge im Leben können niemals mit Worten gesagt werden; nur Schweigen ist gemeinschaftsfähig. Worte sind zweckmäßig, sie gehören zum Marktplatz; daher werden wir, wenn wir wirklich etwas von Herzen her sagen wollen, es immer unsagbar finden. Liebe kann nicht geäußert werden, von Dankbarkeit kann nicht gesprochen werden; Gebet muss zwangsläufig eine tiefe Stille in uns sein. Und dies zu verstehen ist von fundamentaler Wichtigkeit, denn wir sind mit Worten erzogen worden, mit der Idee, als ob alles gesagt werden könnte – und wir versuchen dann auch, es zu sagen. Und indem wir diese Dinge sagen, die nicht zu sagen sind, verfälschen wir sie. Lao-tse sagt: Tao kann nicht gesagt werden; in dem Moment, in dem wir es sagen, haben wir es schon verfälscht. Wahrheit kann nicht kommuniziert werden, kein Wort ist adäquat genug, groß genug, um ihm zu entsprechen. Es ist so ungeheuer weit, weiter als der Himmel, und Worte sind so winzig. Sie sind gut für alltägliche Dinge, zweckdienliche Aufgaben. Sowie wir damit beginnen, in Richtung Zwecklosigkeit zu gehen, fangen wir damit auch an, über Worte hinauszugehen. Das genau ist Taoismus: Transzendenz der Worte und Transzendenz der Welt, die zu den Worten gehört. Das Denken besteht aus Wörtern; das Herz besteht nur aus Schweigen, tiefer Stille, ungebrochenem Schweigen, unberührter Stille. Auch nicht ein einziges Mal hat irgendetwas dort für Unruhe sorgen können, in dem eigentlichen Zentrum unseres Wesens. Wir können uns glücklich schätzen, wenn etwas in uns entsteht, für das Worte irrelevant zu sein scheinen. Das ist Andacht. Die Gebete, die Leute in Kirchen und in Tempeln beten, sind keine Gebete; sie drücken damit einfach ihre Wünsche aus. Und bevor sie nicht Schluss machen mit dieser stupiden Art zu beten, werden sie niemals den wirklichen Nektar von Andacht kosten. Ihnen wird das Transzendentale absolut unbewußt bleiben. Worte können christlich, hinduistisch, islamisch, buddhistisch sein; Schweigen ist einfach Schweigen. Wir können das Schweigen nicht christlich oder hinduistisch oder mohammedanisch nennen. Es ist undefinierbar. Kein Adjektiv kann davor gesetzt werden. Stille ist taoistisch. Unsere sogenannten Gebete sind nichts als Bitten an Gott, unsere Sehnsüchte zu erfüllen. Das ist keine Dankbarkeit für alles, was uns schon gegeben worden ist; es ist in Wirklichkeit eine Beschwerde. Wir beschweren uns: Warum ist uns nicht mehr gegeben worden? Verlangen bedeutet Reklamation, Wunsch bedeutet Sehnsucht nach mehr – all dies ist nicht genug, du bist nicht fair uns gegenüber gewesen, das ist unfair; andere haben mehr. Gebet in seinem wahrsten Sinn ist Dankbarkeit, tiefes Dankbarsein, aber es gibt keinen Weg, es zu sagen. Und es ist auch nicht nötig, es zu sagen.

23.10.2006 um 00:00 Uhr

Tao 207

von: tao

Warum schwieg Buddha bei vielen Fragen?

Weil er herausfand, dass, was auch immer er sagte, missverstanden werden würde.

Im Paradies gibt es keinen Schmerz, aber es gibt auch kein Vergnügen.

Denn Freud und Leid sind zwei Aspekte derselben Münze.

Lust verwandelt sich in Qual, Kummer verkehrt sich in Genuss.

Das sind nicht zweierlei Dinge.

In Japan denken sie, dass die weiße Maus ein gutes Omen ist.

Wenn jemand plötzlich eine weiße Maus sieht

fühlt er sich sehr glücklich – etwas Gutes wird ihm zustoßen.

Eines Tages geschah es, ein Vater und sein Sohn saßen zu Tisch, nahmen ihr Abendessen ein,

als der Sohn plötzlich sah, dass hinter dem Vater eine weiße Maus war.

Er sagte zu seinem Vater:

Dreh dich nicht plötzlich um, da ist ein Gast hinter dir, ein sehr gutes Vorzeichen.

Dreh dich ganz langsam um und sieh selbst.

Der Vater bewegte sich ganz langsam

und sah eine weiße Maus, und beide waren sie glücklich

denn das war wirklich ein gutes Omen, etwas Schönes würde sich ereignen.

Die weiße Maus begann, um sie herumzulaufen,

und weil sie sie dabei nicht störten, begann sie sich aufzusetzen und sich zu schütteln;

aber als sie sich so schüttelte, wurde sie plötzlich zu einer ganz gewöhnlichen grauen Maus;

denn tatsächlich war sie nur in eine Mehldose gefallen, in weißes Mehl,

darum sah sie weiß aus;

doch als sie zu tanzen begann, wurde sie eine gewöhnliche graue Maus.

Beide, Vater und Sohn, schlossen ihre Augen, denn das gute Vorzeichen war verschwunden –

aber sogar wenn sie ihre Augen verschließen, die graue Maus ist immer noch da.

Das ist eine schöne Geschichte.

So spielt sich das ab.

Wenn wir zu lange auf das Glück starren,

wird das weiße Mehl abfallen und wir werden plötzlich sagen: Das ist doch eine graue Maus!

Besser wir lassen es nicht soweit kommen und die weiße Maus bleibt hinter uns!

Besser, wir schauen nicht zu lange und nicht zu sehr auf das, was wir genießen.

22.10.2006 um 00:00 Uhr

Tao 206

von: tao

Es gibt keine Fragen in der Existenz. Die Fragen kommen von uns.

Und sie werden laufend kommen,

und wir können immerzu so viele Antworten sammeln, wie wir nur wollen –

diese Antworten werden nicht helfen.

Wir müssen schon zu der Antwort kommen,

und um zu der Antwort zu kommen, müssen wir alles Fragen aufgeben.

Wenn es im Denken keine Frage mehr gibt, ist die Sicht klar,

dann haben wir eine glasklare Wahrnehmung;

die Türen der Wahrnehmung sind offen und rein,

und alles wird plötzlich transparent.

Wir können bis zur tiefsten Tiefe gehen.

Wo immer wir hinschauen, unser Blick dringt durch bis zum tiefsten Kern,

und dort finden wir plötzlich uns selbst.

Dann finden wir uns selbst überall.

Wir werden uns in einem Felsen finden, wenn wir nur tief, tief genug, schauen.

Dann wird der Betrachter, der Beobachter, das Beobachtete,

der Sehende wird das Gesehene, der Erkennende wird das Erkannte.

Wenn wir tief genug in einen Felsen, in einen Baum sehen,

oder in einen Mann oder in eine Frau,

wenn wir immer weiter tief genug hinschauen, wird dieser Blick zum Kreis.

Er geht von uns aus, geht durch den anderen hindurch und kommt wieder zu uns zurück.

Alles wird so transparent. Nichts hindert uns.

Der Strahl geht, wird zum Kreislauf, und fällt wieder auf uns zurück.

Daher einer der großartigsten Geheimsätze der Upanishaden:

Tat twamasi Swetaketu – „Du bist das“, oder „Das bist du“.

Der Kreis ist geschlossen.

Nun ist der Verehrer eins mit Gott,

nun ist der Sucher eins mit dem Gesuchten,

nun wird der Forscher selbst die Antwort.

21.10.2006 um 00:00 Uhr

Tao Te King 56 (3)

von: tao

Worte können die innere Erfahrung nicht transportieren.

Es mag wahr gewesen sein, als ein Jesus das Wort gebrauchte,

es mag für ihn etwas bedeutet haben,

aber nicht für diejenigen, die ihm zuhörten.

Dies ist verstehenswert.

Wenn ein Mensch des Tao von „Tao“ spricht, meint er etwas damit, er kennt es.

Aber wenn wir das Wort Tao hören, ist es bloß ein Geräusch in unseren Ohren;

wir können höchstens die Bedeutung verstehen, die im Wörterbuch gegeben wird.

Aber ein Wörterbuch ist nicht die Existenz.

Es ist kein Ersatz für die Existenz.

Tao kann nur kennen gelernt werden, wenn wir uns darauf einlassen, wenn wir es werden;

es gibt keinen anderen Weg, es zu erkennen.

Das ist der Grund, warum Lao-tse laufend darauf besteht:

Wahrheit kann nicht ausgesprochen werden,

und das, was gesprochen wird, kann nicht wahr sein.

Aber er spricht, soviel kann wenigstens gesagt werden;

dies ist eine Negation.

Er sagt:

„Wer weiß, spricht nicht;

wer spricht, weiß nicht.“

Soviel kann gesagt werden.

Lao-tse spricht – ob er es weiß oder nicht.

Nach seinem eigenen Prinzip,

sollte er nicht sprechen, wenn er es weiß.

Wenn er spricht

dann ist er nicht im Bilde, dann weiß er es nicht.

Dann geraten wir in ein Rätsel, das nicht gelöst werden kann.

Wenn er es nicht weiß, dann kann er solch eine Tiefsinnigkeit nicht einmal andeuten.

Dieses Paradox ist verstehenswert.

Er eliminiert damit einfach eine Sache:

Lass dich nicht von Worten täuschen.

Traurig

20.10.2006 um 01:57 Uhr

Tao Te King 15 (10)

von: tao

“Wer kann die Ruhe bewahren in einer schmutzigen Welt?
Durch stilles Daliegen wird es klar.
Wer kann seine Gemütsruhe lange Zeit aufrechterhalten?
Durch Aktivität kommt der ruhende Stillstand zurück ins Leben.
Wer dieses Tao erfasst
hütet sich davor, übervoll zu sein.
Weil er sich davor hütet, zu voll zu sein,
ist er jenseits von Abnutzung und Erneuerung.“
In Bezug auf die Charakteristika eines Menschen des Tao hat Lao-tse gesagt, dass sie am Ende leer wie ein Tal sind und bescheiden wie trübe Wasser. Die Weise, in der wir leben, unsere Lebensart, ist nicht ein Leersein, sondern ein Vollsein. Ob wir uns mit Wohlstand oder Ehre oder Positionen oder Wissen füllen, oder ob wir uns mit Entsagung füllen, wir sind alle scharf darauf, uns an-, aus- und aufzufüllen. Es scheint, dass tief innen soviel Leere ist, dass es sich in unsere vitalen Teile, in unsere lebenserhaltenden Organe, hineinfrisst. Wir streben danach, uns so sehr vollzustopfen, dass wir endlich diese Leere loswerden.
Zum einen versuchen wir, uns unsere ganzen Leben lang zu erfüllen, und zum anderen stellen wir fest, dass wir schlussendlich so leer wie zuvor sind. Keiner ist imstande gewesen, sich voll zu machen. Was immer das Objekt, was immer die Richtung, sei es von dieser Welt oder der nächsten, wir bleiben leer und unausgefüllt. Alexander starb mit leeren Händen, genauso Einstein; so auch all die großen Männer der Welt; sie alle gingen mit leeren Händen. Von Kindheit an beginnen wir dieses Rennen, uns selbst aufzufüllen. All unser Leben wird mit dieser Zielsetzung verbracht und doch sterben wir so leer, wie wir geboren wurden. Diejenigen, die im Leben Versager sind, sterben mit leeren Händen, aber diejenigen, die sich für erfolgreich halten, auch die sterben mit leeren Händen.
Diejenigen, die Versager waren, hatten zumindest eine gewisse Hoffnung, sie würden erfüllt sein, wenn sie erfolgreich wären. Jemand, der gescheitert ist, tröstet sich damit, dass das Glück gegen ihn war oder die Situationen waren nicht förderlich und zuträglich für ihn gewesen, und daher habe er versagt. Aber denjenigen, die Erfolg haben, bleiben keine Ausflüchte mehr. Sie können nicht sagen, sie hätten keine Gelegenheit gehabt. Alexander konnte für sein Leer-Sein keine Entschuldigung geben. Sein Leben lang füllte er sich unermüdlich, und doch blieb er innerlich leer.

Verrückt

19.10.2006 um 00:04 Uhr

Tao 205

von: tao

Die ganze Existenz ist die Antwort, nicht die Frage.

Wenn also die Antwort existiert, nicht die Frage, warum kommt die Frage dann von uns?

Sie kommt von uns, weil wir noch nicht die Antwort gesehen haben,

wir haben die Antwort noch nicht gehört.

Um die Existenz kennen zu lernen, müssen wir existentiell sein.

Wir sind nicht existentiell, wir leben in Gedanken.

Wir leben in der Vergangenheit, in der Zukunft, aber niemals hier und jetzt.

Und die Existenz ist eben jetzt hier.

Wir sind nicht hier, daher entsteht die Frage.

Die Frage kommt auf, weil wir nicht mit der Existenz zusammenkommen.

Wir denken, wir würden leben, aber wir leben nicht;

Wir denken, wir würden lieben, aber wir lieben nicht –

wir denken nur an die Liebe, wir denken über das Leben nach,

wir denken über die Existenz nach,

und genau dieses Denken ist die Frage, dieses Nachdenken ist eine Barriere.

Wenn wir alle Fragen aufgeben und einfach schauen,

werden wir feststellen, keine einzige Antwort ist mehr da, nur die Antwort existiert.

Darum besteht der Taoismus immer wieder darauf

dass die Suche nicht wirklich eine Suche nach der Antwort ist,

dass die Suche nicht wirklich darauf abzielt, dass unsere Fragen beantwortet werden können.

Nein, bei der Suche geht es nur darum, wie die Fragen losgelassen werden können,

wie man das Leben und die Existenz mit einem fraglosen Denken sehen kann.

Das ist die Bedeutung von shraddha, Vertrauen.

Dies ist die tiefste Dimension des Vertrauens:

Die Existenz zu betrachten, ohne Fragen zu stellen. Wir schauen einfach.

Wir haben keine Idee, wie wir sie sehen sollen,

wir stülpen ihr keine Form über, wir haben keinerlei Vorurteil –

wir schauen einfach mit bloßem Auge, absolut unverhüllt

von irgendwelchen Gedanken, irgendwelchen Philosophien, irgendwelchen Religionen.

Mit Augen wie denen eines kleinen Kindes betrachten wir die Existenz

und dann plötzlich ist da nur die Antwort.

18.10.2006 um 02:04 Uhr

Tao Te King 10 (10)

von: tao

Wenn wir in der Gegenwart leben, heißt dies nicht, dass wir nicht für die Zukunft planen können. Es bedeutet vielmehr, dass das Leben nicht bloß eine Planung für die Zukunft ist. Es zu leben, ist Leben. Und es ist nur möglich, hier und jetzt zu leben, in diesem Moment, und nicht in irgendeinem anderen Moment.
Auf der einen Seite sehen wir das ziellose Leben eines Einfaltspinsels, der hierhin und dorthin geworfen wird durch die Wechselfälle des Lebens. In Lethargie versunken und abgestumpft durch Lethargie, geht er, wohin immer das Leben ihn treibt. Er hat das Leben nicht in seine eigenen Hände genommen und er ist wie ein welkes Blatt. Diese Art zu leben ist auch ein zielloses Leben. Auf der anderen Seite sehen wir den Menschen, der immer getrieben ist, ein Ziel zu erreichen. Solche Leute betrachten wir als weise und intellektuell. Ihr Leben ist ehrgeizig, indem jeder Moment für den kommenden Moment geopfert wird. Diese Menschen investieren immerzu die Momente des Heute in ein Morgen, und die des Morgen für ein Übermorgen. Sie verbringen ihre Lebenszeit in vergeblichen Verfolgungsjagden, bis der Tod sie schließlich für sich beansprucht. Vielleicht ist der einfache Idiot besser dran als sie, denn es ist möglich, dass sein leeres Denken ein oder zwei Schimmer des Lebens erhascht haben könnte.
Lao-tse spricht von einem dritten Menschentyp. Er spricht von einem Leben ohne Ehrgeiz und Wettbewerb. Dies ist ein ganz anderer Menschentyp. Er ist weder faul noch besessen. Er rennt weder weg vom Leben noch ist er ein lebloser Körper, unbewegt vom Strömen des Lebens. Er ist auch nicht der zweite Typ, der wie verrückt immer herumrast. Er ist ein ganz anderer Typus, ein dritter Typ. Wenn dieser Mensch rennt, dann nicht, um etwas zu erreichen. Jeder Schritt, den er tut, ist eine Quelle der Freude für ihn. Dieser dritte Menschentyp erleidet niemals Niederlage oder Fehlschläge, und daher ist er niemals für Sorgen empfänglich. Er leidet niemals an Frustration, denn er hat niemals seine Hoffnungen auf irgendetwas aufgebaut. Er lebt jeden Moment in seiner Fülle, in seiner eigentlichen Essenz. Er bereut niemals, dass er sein Leben umsonst verbracht hat und nicht sein Ziel erreichte, denn er setzte sich niemals ein Ziel im Leben. Dieser Mensch wird von sich sagen, dass er jeden Moment seines Lebens gelebt hat, dass er voll und ganz die Essenz des Lebens herausgezogen hat. Solch ein Mensch umarmt auch den Tod, ganz, ganz froh, denn was immer seinen Weg kreuzte, er akzeptierte es und lebte darin; was immer er erhielt, er genoss es voll, ohne einen Rest an Erfahrung auszulassen, der später hätte erfüllt werden müssen.

17.10.2006 um 02:23 Uhr

Tao Te King 78 (5)

von: tao

Wenn uns bewusst wird

dass das Ganze alles tut,

wir von der Ganzheit besessen sind,

von ihr geatmet werden,

wir bloß ein hohler Bambus sind

eine Flöte,

der Ton von der Gesamtheit kommt,

das ganze Leben von ihr kommt

dann leben wir ein Leben des Wach-Seins.

Dis ist der einzige Unterschied zwischen Ignoranz

und Erwachen.

Ein Schritt

im Irrtum befangen:

Ich habe ihn getan –

und die ganze Reise geht in die Irre.

Ein Schritt richtig getan:

Das Ganze hat ihn in mir getan,

ich bin nicht der Handelnde,

ich bin bloß das Feld

seines Spiels,

eine Flöte

seiner Lieder,

ein Schilfrohr,

mehr nicht,

eine Leere

in die es fließt,

sich bewegt, lebt –

dann leben wir ein total anderes Leben,

ein Leben des Lichts und der Wonne.

Dies ist der erste Akt, dieser Atemzug.

Darüber müssen wir wohl noch viel mehr Dinge verstehen…

16.10.2006 um 23:59 Uhr

Tao Te King 12 (1)

von: tao

“Fünf Farbtöne, und sie werden den Augen die Sicht nehmen.

Fünf Töne in der Musik, und sie können die Ohren lähmen.

Die fünf Geschmacksrichtungen rauben dem Mund das Gefühl.

Die Autorennbahn, und die nutzlose Jagd im Gewühl

Machen verrückt im Kopf; und außergewöhnliche Objekte, schwer zu erhalten,

die Gier nach ihnen ändert zum Bösen des Menschen Verhalten.

Deswegen sucht der Weise den Nabel (sein Streben) zufrieden zu stellen,

und nicht die Augen (ihr unersättliches Verlangen).

Er wendet sich ab vom Letzteren, und zieht es vor, das Erstere zu suchen.“

Die letztendliche Frucht des Lebens kann nur Tod sein. Man kann sagen, wir sterben jeden Tag im Namen des Lebens. Der Tod kommt nicht urplötzlich. Nichts geschieht zufällig oder plötzlich in dieser Welt. Das, was wir Ereignisse nennen, sind tatsächlich lange Prozesse. Auch der Tod fällt nicht unverhofft vom Himmel, er entwickelt sich Tag für Tag. Er ist kein Vorfall, sondern ein Prozess. Der Tod beginnt schon im Moment der Geburt. Am Tage des Todes ist dieser Prozess abgeschlossen. Der Tod ist eine Entwicklung, er ist nicht plötzlich. Also ist es nicht so, dass der Tod irgendwann in der Zukunft stattfinden wird. Er ereignet sich kontinuierlich. Er passiert sogar jetzt, während du dies liest. Wenn wir eine Stunde hinter uns gebracht haben, werden wir eine weitere Stunde eher tot sein; das Leben wird von einer weiteren Stunde entleert sein. Außerdem ist der Tod nicht etwas, das zu uns von außen kommt. Wir denken alle, dass der Tod von außerhalb her kommt, dass der Bote des Todes den Atem des Lebens aus uns herauszieht. Das ist eine falsche Konzeption, die aus unserem Glauben entsteht, dass uns aller Schmerz von anderen auferlegt wird. Keiner bringt uns den Tod. Das ist ein innerliches Geschehen. Es passiert in uns. Wir sind dabei, uns allmählich in uns selbst zu desintegrieren. Der Mechanismus, der wir sind, beginnt langsam nachzugeben – und eines Tages kommt es zum Tod. Also ist der Tod ein langer Prozess, der mit Leben beginnt und mit Tod endet. Weiterhin ist es nicht ein äußeres Geschehen. Es entwickelt sich innerlich – es ist ein interner Prozess. Wenn wir dies zu verstehen beginnen, werden wir feststellen, dass der Prozess des Todes jeden Tag stattfindet, und in vielen Formen. Die Augen werden beeinträchtigt und schließlich zerstört durch den Akt des ständigen Sehens. Die Ohren verlieren ihre Hörkraft durch den kontinuierlichen Prozess des Hörens. Das gleiche geschieht mit den anderen Sinnen.

15.10.2006 um 00:00 Uhr

Tao 204

von: tao

Wenn wir nach und nach das stützende Beiwerk der Außergewöhnlichkeiten aufgeben,

werden wir plötzlich verschwinden.

Unser Heimatland ist gewöhnlich? –

dann können wir nicht mehr so stolz und kraftvoll herumlaufen, wie wir es sonst immer taten.

Unsere Muttersprache ist gewöhnlich? –

dann werden wir ein wenig zögern.

Wenn alles gewöhnlich und normal ist:

Unsere Geburt, unsere Familie, dies und das,

wie können wir dann dem Ego dabei helfen, stark zu bleiben?

Alle Stützen weggezogen – das Ego fällt zu Boden.

Das sind ganz subtile Tricks.

Besser, wir lassen all solchen Unsinn sein.

Das ist alles Mist.

Und wenn wir das erst einmal aufgeben, werden wir uns so sauber fühlen.

Als wenn wir ein Bad in Ewigkeit genommen hätten.

Wir werden uns so unbelastet, so jung fühlen,

denn all dieser Quatsch in unserem Kopf

macht uns zunehmend morsch.

Das macht uns krank.

Wir können nicht gesund sein, bevor wir nicht all diesen Müll wegschmeißen.

Dann erst sind wir einfach und gewöhnlich.

Alles ist gewöhnlich – oder wir können es auch außergewöhnlich nennen, das macht keinen Unterschied. Dieser Tag ist so außergewöhnlich wie jeder Tag.

Und die Leute haben schon immer so gedacht.

Immer wenn wir uns verlieben, dann haben wir das Gefühl: Diese Frau, das ist die Königin. Das ist Kleopatra. Solch eine Frau hat es noch nie gegeben…

Aber jeder Verliebte hat dieses Gefühl gehabt.

Und nicht nur das, wir werden uns immer wieder verlieben, und immer wieder werden wir dieses Gefühl haben: Die jetzt ist die wirkliche Kleopatra; alle vorher waren nichts;

und wir werden vergessen, dass wir das gleiche schon zu vielen Frauen gesagt haben.

14.10.2006 um 02:27 Uhr

Tao Te King 56 (2)

von: tao

Wir können uns entscheiden, wie wir eine Sache nennen wollen,

das ist dann zwischen dir und mir;

es ist eine Abmachung.

Wenn beide Parteien einverstanden sind, ist die Sprache völlig in Ordnung.

Aber wenn etwas in mir passiert ist,

ist dies nicht etwas zwischen mir und dir;

ich kann nicht einmal andeuten, was es ist.

Sogar wenn ich eine Andeutung versuche, kannst du nicht sehen, was es ist.

Also ist hier kein Kontrakt möglich,

Taoismus ist jenseits der Sprache.

Die Sprache kann höchstens sagen, was er nicht ist.

Sie kann nicht sagen, was Wahrheit ist, aber sie kann sagen, was sie nicht ist.

Sie kann höchstens eine Negation sein.

Wir können nicht sagen, was Tao ist

denn das würde es begrenzen

durch unsere beschränkten Worte und Konzepte;

wir können höchstens sagen, was es nicht ist;

und all die Schriften sagen nur, was es nicht ist.

Sie eliminieren den Irrtum, aber sie zeigen niemals die Wahrheit.

Aber wenn wir laufend die Fehler eliminieren,

wird eines Tages plötzlich Wahrheit uns enthüllt werden.

Sie wird nicht durch Sprache entschleiert, sie offenbart sich durch Schweigen.

Wenn wir als erstes ganz tiefgehend verstehen, dass Sprache gefährlich sein kann,

dass man durch sie getäuscht werden kann, dann vermeiden wir die große Fallgrube,

in die wir geraten würden, wenn wir dies nicht verstehen.

Wir kennen das Wort Gott, aber das Wort Gott ist nicht Gott.

Im Wort Gott ist nichts Göttliches.

Das Wort Gott ist absolut hohl und leer.

Es hat nichts an sich.

Wir können es immerzu wiederholen, Millionen Mal; nichts wird mit uns passieren,

es ist eine leere Hülse; innen ist es hohl.

13.10.2006 um 23:13 Uhr

Quellender Urgrund 2/4 (2)

von: tao

Wenn es keinen Widerstand mehr gibt, dann ist man einfach wie ein Kind

das mit seinem Vater geht, in tiefem Vertrauen.

Einmal kam Mulla Nasrudins Sohn nach Hause

und sagte, dass er einem Freund vertraut hätte

und ihm sein Spielzeug gegeben hätte, damit der damit spielen könne,

aber nun habe der Freund sich geweigert, es ihm zurückzugeben.

„Was soll ich tun?“ fragte er.

Mulla Nasrudin sah ihn an und sagte:

Klettere diese Leiter hinauf.

Der Junge tat dies, er vertraute seinem Vater.

Als er drei Meter hoch geklettert war, sagte Nasrudin:

Nun spring in meine Arme.

Der Junge zögerte ein wenig und sagte:

Wenn ich falle, werde ich mich verletzen.

Nasrudin sagte: Wenn ich hier bin, brauchst du dir keine Sorgen machen.

Mach den Sprung.

Der Junge sprang und Nasrudin sprang zur Seite.

Der Junge fiel auf den Boden und fing an zu schreien und zu weinen.

Daraufhin sagte Nasrudin: Nun weißt du es.

Glaube niemals irgendjemandem, nicht einmal dem, was dein Vater sagt;

glaube nicht einmal deinem Vater.

Glaube niemandem

sonst wirst du dein ganzes Leben lang betrogen werden.

Das bringen uns jeder Vater, alle Eltern, jede Schule, jeder Lehrer, bei.

Das ist unsere Lektion, die wir gelernt haben.

Glaube niemandem, vertraue niemandem,

sonst wirst du ausgenutzt und hintergangen werden.

So werden wir verschlagen.

Im Namen der Schlauheit und der Cleverness werden wir listig und trauen niemandem.

Und wenn ein Mensch erst einmal kein Vertrauen mehr hat

hat er den Kontakt zum Ursprung verloren.

Fröhlich