Taoistische Reflektionen

31.05.2007 um 21:29 Uhr

Südliches Blütenland 26/10 (6)

von: tao

 

Ein deutscher Gelehrter kam zu Shree Raman Maharshi und sagte:

Ich bin von sehr weit weg gekommen, um etwas von dir zu lernen.

Raman lachte und sagte:

Dann bist du an den falschen Ort gekommen;

geh zu irgendeiner Universität, zu irgendeinem Wissenschaftler, zu irgendeinem großen Schriftgelehrten, einem pundit, dort wirst du etwas lernen können.

Wenn du zu mir kommst, dann sei dir bewusst,

dass hier Lernen nicht möglich ist, wir lehren nur Verlernen.

Ich kann dir beibringen, wie du verlernst,

wie du Worte verwirfst, um Raum in dir zu schaffen.

Und dieser Raum ist göttlich, dieser Freiraum ist Tao.

Wo suchst du denn? In Worten, in Schriften?

Dann wirst du eines Tages ein Atheist werden.

Ein pundit, ein Schriftgelehrter, kann nicht lange ein Theist bleiben.

Bedenke, wie viel er auch immer weiß, was er auch immer weiß,

über die Bibel, die Bhagavad-Gita und den Koran,

ein Gelehrter wird zwangsläufig eines Tages ein Atheist werden

denn das ist die logische Konsequenz davon, wenn man Worte anhäuft.

Früher oder später wird er sich fragen: Wo ist Gott?

Keine Bibel kann ihm antworten, keine Gita kann die Antwort liefern.

Vielmehr werden Bibel, Gita und Koran,

wenn sie dir zu sehr im Kopf herumspuken,

dich das Göttliche vermissen lassen

denn der ganze Speicherraum in deinem Denken ist voll...

da ist zuviel Möblierung in dir.

Der Gott in dir kann sich gar nicht mehr rühren.

Der Gott ist vielleicht gar nicht mehr imstande, irgendeinen Kontakt zu dir herzustellen, wenn das Denken zu wortreich ist. Dann ist es unmöglich, noch zuzuhören, und wenn du nicht mehr zuhören kannst, wie kannst dann noch andächtig sein? Es ist dir nicht mehr möglich, zu warten, die Worte in dir sind auch ungeduldig, sie klopfen schon von innen an, um rauszukommen.

30.05.2007 um 23:59 Uhr

Tao 275

von: tao

Taoismus ist ein sehr natürliches Phänomen. Taoismus ist der ultimative Luxus.

Der Mensch lebt auf drei Ebenen. Wenn seine körperlichen Bedürfnisse erfüllt sind, nur dann werden seelische Bedürfnisse signifikant, sonst nicht. Ein hungriger Mensch wird nicht interessiert sein an der Musik von Beethoven, Mozart oder Bach; er wird nicht interessiert sein an den Gemälden von Michelangelo, Vincent van Gogh oder Hieronimus Bosch. Das ist natürlich. Seine primären Grundbedürfnisse sind nicht erfüllt worden. Sind einmal seine körperlichen Bedürfnisse erfüllt worden, verlagert sich sein Bewusstsein von der körperlichen auf die seelische Ebene. Das Bewusstsein bleibt der Ebene verhaftet, wo es am meisten benötigt wird. Das kennst du auch aus deiner gewöhnlichen Alltagserfahrung. Wenn dir dein Bein weh tut, vergisst du den ganzen Körper, dein Bewusstsein fokussiert sich auf das Bein. Wenn du Kopfweh hast, nur dann wirst du dir der Existenz des Kopfes bewusst, sonst bist du dir seiner Existenz absolut nicht bewusst. Sie funktioniert ständig still vor sich hin, deine Aufmerksamkeit ist nicht vonnöten. Der Körper ist die Grundlage, und der Osten leidet an der Nichterfüllung körperlicher Bedürfnisse. Seine physischen Bedürfnisse sind gewaltig, was auch immer also im Namen von Religion sich dort abspielt, ist im Osten nicht wirklich Religion - das kann es nicht sein - es ist etwas anderes. Die Leute sammeln sich um Satya Sai Baba, oder um ähnliche Personen, nicht aus einem spirituellen Bedürfnis heraus, sondern wegen physischer Bedürfnisse. Jemand ist krank und möchte, dass sich ein Wunder ereignet, so dass er geheilt werden kann. Jemand ist blind, jemand hat keine Kinder, jemand hat keine Anstellung, und sie hoffen, dass wenn sie zu den Heiligen gehen, durch den Segen der Heiligen, oder dadurch, dass sie in den Kirchen beten, in den Tempeln, in den Moscheen, in den gurudwaras, ihre Bedürfnisse erfüllt werden. Das sind leere Hoffnungen, aber der arme Mensch kann nichts machen, er weiß sich nicht anders zu helfen. Er hängt sich ständig an diese Illusionen. Es ist ein Teufelskreis: Er klammert sich an Illusionen in der Hoffnung, dass seine Bedürfnisse erfüllt werden, und weil er sich auf diese Illusionen fixiert, unternimmt er keine wirkliche Anstrengung, um sich seine Bedürfnisse zu erfüllen. Und diese Bedürfnisse werden immer größer und drängender. Und dann steigert er sich immer mehr in die Illusion hinein. Seine Religion ist mehr Wunscherfüllung - kein Wachstum, keine Reife, kein spiritueller Höhenflug, sondern Träumen und Halluzinieren. Du fastest lange und du wirst über das Essen zu fantasieren beginnen - vierundzwanzig Stunden lang wirst du Fantasien über das Essen haben. Du gehst in die Einsamkeit und nach der dritten Woche wirst du mit dir selbst zu reden beginnen. Das Bedürfnis ist so groß, dass du in einer Illusion leben wirst, als wenn da jemand wäre, mit dem du einen Dialog haben kannst.

29.05.2007 um 13:51 Uhr

Quellender Urgrund 4/8 (4)

von: tao

Hast du nicht schon manchmal direkt in die Sonne hineingeschaut? Innerhalb von Sekunden wirst du blind sein, du wirst nichts mehr sehen können. Es wird so blendend sein. Es ist nicht dunkel, aber das Licht ist zuviel für dich und deine Augen sind nicht imstande, es aufzunehmen, sie können es nicht absorbieren. Und nachdem du ein paar Sekunden lang in die Sonne geschaut hast, wirst du, wenn du dich dann umschaust, eine ungeheure Dunkelheit vorfinden. Wenn du lange genug in die Sonne schaust, wirst du erblinden.

Warum blendet das Licht so? Warum? Weil wir gewisse Kapazitäten haben. Wir können dem Licht nur in winzigen Quantitäten erlauben, in uns einzudringen - und wir können auch nur soviel als Licht identifizieren, Mehr als das, und wir erkennen es nicht wieder. So kommt es auch, dass es dir wie Wahnsinn vorkommt, wenn du zum ersten Mal in die Welt des Nicht-Denkens hineinkommst - die dunkle Nacht der Seele, die verrückte Nacht der Seele.

All die Religionen haben diese Tatsache gekannt, daher bestehen all die Religionen darauf, einen Meister zu finden, bevor du beginnst, in die Welt des Nicht-Denkens einzutreten - weil er da sein wird, um dir zu helfen, um dich zu unterstützen. Du wirst auseinander fallen, aber er wird da sein, um dich zu ermutigen, um dir Hoffnung zu geben. Er wird da sein, um das Neue für dich zu interpretieren. Das ist die Bedeutung eines Meisters: Das zu interpretieren, was nicht interpretiert werden kann, das anzudeuten, was nicht gesagt werden kann, das zu zeigen, was unausdrückbar ist. Er wird da sein, er wird sich Methoden ausdenken, er wird Wege für dich ersinnen, damit du deinen Weg fortsetzen kannst - sonst würdest du wahrscheinlich anfangen, davor davonzulaufen.

Und bedenke, es gibt keine Flucht. Wenn du zu fliehen beginnst, wirst du einfach durchdrehen. Die Sufis nennen solche Leute die mastas. In Indien sind sie bekannt als verrückte paramahansas. Du kannst nicht mehr zurückgehen, weil nichts mehr da ist, und du kannst nicht weitergehen, weil es stockdunkel ist. Du steckst fest. Das ist der Grund, warum Buddha sagt: „Glücklich ist der Mensch, der einen Meister gefunden hat."

Es ist sehr schwierig, einen Meister zu finden, es kommt selten vor, dass man ein Wesen findet, das ein Nicht-Sein geworden ist, selten, dass man eine Präsenz findet, die fast schon eine Abwesenheit darstellt, selten, einen Menschen zu finden, der einfach eine Tür zum Göttlichen ist, ein offenes Tor zum Tao, das dich nicht behindern wird, durch das du hindurchgehen kannst. Das ist sehr schwierig. Die Sikkhas nennen ihren Tempel gurudwara, das Tor des Meisters. Das ist exakt das, was der Meister ist - die Türe. Jesus sagt wieder und wieder: „Ich bin das Tor, ich bin der Weg, ich bin die Wahrheit. Komm, folge mir, geh durch mich hindurch. Und bevor du nicht durch mich hindurchgehst, wirst du nicht ankommen können."

28.05.2007 um 23:18 Uhr

Südliches Blütenland 1 (10)

von: tao

Die Zeit ist kein philosophisches Problem, sie ist existentiell.

Tao ist auch nicht philosophisch, es ist existentiell.

Leute haben es gelebt,

aber wenn du auf einer Definition bestehst,

werden sie still bleiben, sie können nicht antworten.

Und wenn du in diesem Moment sein kannst,

sind die Türen all der Mysterien offen.

Also wirf weg alle Sehnsüchte, entferne all den Staub aus deinen Augen,

fühle dich wohl in dir selbst, verlange nicht nach etwas, nicht einmal nach Tao.

Jedes Wünschen ist gleich,

ob es der Wunsch nach einem großen Auto, nach Tao oder nach einem großen Haus ist, es macht keinen Unterschied. Die Sehnsucht ist die gleiche.

Verlange nicht - sei einfach.

Schau nicht mal hin - sei bloß!

Denke nicht!

Lass diesen Moment da sein, und du in ihm,

und plötzlich hast du alles - denn das Leben ist da.

Plötzlich beginnt alles auf dich herabzuregnen,

und dann wird dieser Moment ewig

und dann ist da keine Zeit mehr.

Es ist immer das Jetzt. Es endet nie, es beginnt nie.

Aber dann bist du drinnen, bist kein Außenseiter mehr.

Du bist in die Ganzheit eingegangen, du hast erkannt, wer du bist.

Dann kannst du Dschuang Dsis Geschichte verstehen

über das Bedürfnis, zu gewinnen (siehe 09.09.2006).

Woher kommt dieses Bedürfnis - das Bedürfnis, zu gewinnen?

Jeder sucht den Sieg, jeder ist darauf aus, zu gewinnen -

aber warum entsteht dieses Verlangen, zu gewinnen?

Dir ist in keiner Weise bewusst, dass du schon siegreich bist,

dass sich für dich das Leben ereignet hat.

Du bist schon ein Gewinner und mehr ist nicht möglich,

alles, was passieren konnte, hat sich für dich schon ereignet.

Du bist schon ein Herrscher,

und es gibt kein anderes Königreich, das gewonnen werden müsste.

Aber du hast das nicht erkannt,

du hast die Schönheit des Lebens nicht kennen gelernt

die dir schon passiert ist.

Du hast das Schweigen, den Frieden, nicht kennen gelernt,

die Wonne, die doch schon da ist.

27.05.2007 um 02:43 Uhr

Tao Te King 71 (9)

von: tao

 Wenn du in der dritten Schicht des Chaos bewusst bleiben kannst,

achtsam, meditativ -

verwandelt sich dieses Chaos in einen Kosmos.

Es ist ein Chaos, weil du nicht zentriert und bewusst bist.

Wenn du bewusst bist, wird es ein Kosmos, eine Ordnung;

und nicht die Ordnung von menschlichen Regeln -

sondern die Ordnung von Tao,

die Ordnung von dem, was die Inder dharma, dhamma, rit, genannt haben;

die ultimative Ordnung, nicht menschengemacht.

Und wenn du wach bleiben kannst,

ist das Chaos da, aber du bist nicht in dem Chaos,

du transzendierst es -

Bewusstheit ist ein transzendierendes Phänomen.

Du weißt, überall um dich herum herrscht das Chaos,

aber tief in dir, da gibt es kein Chaos.

Plötzlich stehst du darüber,

du hast dich nicht darin verloren.

Dichter, Maler, Musiker, sie verlieren sich darin

denn sie wissen nicht, wie man bewusst sein kann.

Aber sie sind die ehrlicheren Leute.

In den Irrenhäusern der Welt

gibt es aufrichtigere Leute als in den Hauptstädten der Welt.

Aus der Sicht des Taoismus sollten die Hauptstädte in Irrenhäuser umgewandelt werden. Leute, die in der Psychiatrie sind, benötigen Hilfe, sie brauchen Menschen, die sie über die dritte hinaus zur vierten Ebene mitnehmen.

Die Sufis haben ein spezielles Wort für die Leute der dritten Ebene, sie nennen sie mastas: Verrückt, aber verrückt in der Liebe Gottes.

Sie sind wahnsinnig! Für alle praktischen Zwecke sind sie verrückt.

Sie brauchen einen Menschen des Tao

der ihnen die Hand halten kann und sie zur vierten mitnehmen kann.

Auf der dritten Ebene ist eine Hilfe notwendig -

wenn du zur ersten Schicht der Formalitäten gehörst, brauchst du keinen Meister. Wenn du zur zweiten Schicht der Rollenspiele gehörst, gibt es auch noch keine Frage danach, es wird auch noch nicht nach einem Meister gesucht. Nur Leute der dritten Schicht beginnen zu suchen und jagen nach einem Meister, nach jemandem, der ihnen helfen kann in ihren Chaos-Momenten.

Auf der dritten Ebene gibt es zwei Möglichkeiten.

Du kannst verrückt werden - das ist die Furcht,

das ist der Grund, warum sich die Leute an die zweite Schicht klammern,

sie klammern sich fest an sie, haben Angst, denn wenn sie den Halt verlieren

werden sie in das Chaos hineinfallen - das wisst ihr alle,

wenn ihr euch nicht an die Rollen haltet, werdet ihr im Chaos enden.

26.05.2007 um 14:29 Uhr

Tao 274

von: tao

Das Rad bewegt sich um die Nabe herum und du hast nur das Rad kennen gelernt. Das ist bis jetzt deine Persönlichkeit, dein namroop, dein Name und deine Form, dein Rad, was du kennen gelernt hast. Wenn du tiefer nach innen gehst, wirst du eines Tages zu der Nabe kommen: Das ist anatta, Nicht-Selbst, Leer-Sein. Aber bedenke dabei: Das ist nicht negativ, es ist nicht Leere in dem Sinn, dass es leer von etwas ist. Es ist Leer-Sein selbst.

Es ist die positivste Sache in der Existenz.

Es ist die Existenz selbst.

Die Hindus haben es satchitanand genannt:

Sat - es ist; chit - es ist Bewusstheit; anand - es ist Wonne.

Bedenke, es ist nicht wonnevoll, sonst würde es nicht Leer-Sein sein.

Es ist Wonne, nicht wonnevoll. Du wirst nicht mit Glück erfüllt sein,

du wirst plötzlich feststellen, dass du Wonne bist.

Die Leere hat die Natur der Wonne,

hat die Natur der Existenz,

hat die Natur des Bewusstseins.

Nicht dass Bewusstsein sie erfüllt:

Das ist nicht wie eine Lampe, die in einem Raum brennt

so dass das Licht den Raum erfüllt. Nein.

Du kannst die Lampe ausmachen und das Licht ist weg,

aber du kannst das Bewusstsein nicht „abstellen", denn es ist

die eigentliche Natur dieser inneren Leere - es füllt sie nicht aus.

Du kannst das Leer-Sein nicht zerstören. Wie kannst du sie zerstören?

Du kannst alles in der Welt zerstören

aber du kannst nicht die Leere zerstören.

Das ist der Grund, warum du nicht ermordet werden kannst, du kannst nicht getötet werden. Das ist nicht möglich, denn du bist nicht.

Das Schwert kann das Rad zerstören, aber die Nabe?

Die Nabe wird intakt bleiben. Sie kann nicht zerstört werden

denn sie war von Anfang an nicht da.

„Ist-Sein" ist die Natur der inneren Leere;

Bewusstsein ist die Natur des inneren Leer-Seins;

Wonne ist die Natur der inneren Leere.

Das ist die Furcht, die die Leute spüren, wenn sie sich in Meditation begeben.

Wenn sie sich in Meditation begeben, bekommen sie Angst,

sie beginnen zu zittern.

Ein tiefes inneres Zittern entsteht. Eine tiefe Angst und Beklemmung kommt hoch. Warum sollte das so sein? Du näherst dich doch einem Zustand der Glückseligkeit, kommst einem wachen, bewussten Bewusstsein näher,

näher zur Existenz. Warum hast du Todesangst?

 

25.05.2007 um 00:00 Uhr

Südliches Blütenland 1 (9)

von: tao

  Wenn die Gegenwart da ist, dann kann nur eine Sache getan werden -

du kannst sie leben, das ist alles.

Sie ist so klein, dass du nur in ihr leben kannst,

aber sie ist so vital, dass sie dir Leben gibt.

Bedenke, sie ist genau wie das Atom,

so klein, es kann nicht gesehen werden.

Niemand, nicht einmal die Wissenschaftler, hat es bis jetzt gesehen.

Du kannst nur die Konsequenzen sehen.

Sie sind dazu in der Lage gewesen, es explodieren zu lassen:

Hiroshima und Nagasaki waren die Konsequenzen.

Wir haben Hiroshima brennen sehen,

zehn Millionen Leute tot - das ist die Konsequenz.

Aber keiner hat gesehen, was in der atomaren Explosion geschehen ist.

Niemand hat das Atom mit seinen eigenen Augen gesehen..

Es gibt noch keine Instrumente, die es sehen können.

Die Zeit ist atomisch,

dieser Moment ist auch atomar.

Niemand kann ihn sehen, denn in dem Moment, in dem du ihn siehst,

ist er schon vergangen.

In der Zeit, die es braucht, ihn zu sehen, ist er vergangen -

der Fluss ist weitergeflossen, der Pfeil ist weitergeflogen,

und niemand hat jemals die Zeit gesehen.

Du verwendest laufend das Wort „Zeit",

aber wenn jemand auf einer Definition besteht, wirst du in Verlegenheit sein.

Jemand fragte den Heiligen Augustinus: Definiere Gott.

Was meinst du damit, wenn du das Wort „Gott" verwendest?

Und Augustinus sagte:

Das ist genau wie mit der Zeit. Ich kann darüber reden,

aber wenn du auf der Definition bestehst, bin ich in Verlegenheit.

Du fragst ständig andere Leute: Hast du die genaue Zeit? Was ist die Zeit?

Und sie werden auf ihre Uhren schauen und dir antworten.

Aber wenn du wirklich fragst: Was ist Zeit?

Wenn du nach der Definition fragst, dann werden Uhren keine Hilfe sein.

Kannst du Zeit definieren?

Niemand hat sie je gesehen, es gibt keine Möglichkeit, sie zu sehen.

Wenn du hinschaust, ist sie weg; wenn du denkst, ist sie nicht mehr da.

Wenn du nicht denkst, wenn du nicht schaust, wenn du einfach bist,

ist sie da. Du lebst sie.

Und der Heilige Augustinus hat Recht:

Gott kann gelebt werden, aber nicht gesehen werden.

Die Zeit kann auch gelebt werden, aber sie kann nicht gesehen werden.

 

24.05.2007 um 01:02 Uhr

Tao Te King 48 (5)

von: tao

Unschuld bedeutet, der Teil verschmilzt mit dem Ganzen,

bleibt mit der Ganzheit,

bleibt eins mit der Gesamtheit -

und in dem Moment, in dem er zu erkennen beginnt

entsteht das Ego,

kristallisiert das Ego,

Der Teil fließt nun nicht mehr mit dem Ganzen,

nun hat er seinen eigenen Kopf -

mit dem er bestimmte Dinge tut und bestimmte Dinge nicht tut;

nun trifft er seine eigenen Entscheidungen,

nun hat er seine eigenen Vorlieben und Abneigungen.

Das ist die Bedeutung der Geschichte vom Sündenfall:

Plötzlich wurden Adam und Eva aus dem Paradies vertrieben.

Du hast dich vielleicht schon gefragt

wo dieses Paradies ist.

Es ist kein geografischer Ort,

es ist ein psychischer Zustand des Denkens.

Die Unschuld ist das Paradies,

das Wissen ist die Vertreibung.

Jedes Kind wird als Adam und Eva geboren

und bleibt im Paradies.

Aber dann beginnen wir, es zu erziehen,

wie fangen damit an, es zu konditionieren.

All diese Lehrer und Leute, die konditionieren,

all diese Leute, die versuchen, ein Kind zu bilden und gebildet zu machen,

sind die Schlange

die Eva überzeugte

wenn du die Frucht vom Baum des Wissens isst

wirst du wie Gott werden,

du wirst dein eigenes Zentrum haben, so wie Gott sein eigenes Zentrum hat.

Wenn du etwas weißt,

wirst du etwas anderes werden, als das, was du bist.

Das ganze Wissen

ist eine Verführung

etwas zu werden, was du nicht bist.

Alles Wissen

erschafft Zukunft,

alles Wissen erzeugt Sehnsucht

etwas zu werden

was du nicht bist.

23.05.2007 um 13:58 Uhr

Tao 273

von: tao

Lass deine Religion dir beibringen, wie du singen kannst und wie du tanzen kannst und wie du das Leben genießen kannst. Lass deine Religion eine affirmative Religion sein, eine ja-sagende Religion, eine Religion des Glücklichseins, der Freude, der Wonne. Wirf all den Unsinn über Bord, den du schon seit Jahrhunderten mit dir herumgetragen hast - der die ganze Menschheit verkrüppelt hat. Er hat die Leute so hässlich, so unglücklich und so miserabel gemacht. Und er zieht nur die pathologisch veranlagten Menschen an - diejenigen, die sich quälen wollen, er gibt ihnen eine Entschuldigung. Sich selbst zu quälen oder andere zu quälen, beides ist krankhaft - allein schon die Idee des Quälens. Der eine ist ein Adolf Hitler, der foltert andere; der andere ist ein Mahatma Gandhi, er foltert sich selbst. Beide sitzen im selben Boot - vielleicht Rücken an Rücken, aber sie sitzen im selben Boot. Adolf Hitler hat Freude daran, andere zu quälen. Mahatma Gandhis Freude besteht darin, sich selbst zu quälen, aber beide sind gewalttätig. Die Logik ist die gleiche - ihre Freude beruht auf Folter. Ihre Richtung ist verschieden, aber um die Richtung geht es nicht, ihr Denken hat die gleiche Einstellung: Quälen. Du respektierst eine Person, die sich selbst quält, weil du die Logik nicht erkennst, die dahinter steht. Adolf Hitler wird überall auf der Welt verdammt und Gandhi wird überall auf der Welt verehrt, und mich verwundert das. Wie ist das möglich? - denn die Logik ist die gleiche. Gandhi sagt; „Iss nichts um des Geschmacks willen. Der Geschmack sollte nicht erlaubt werden. Iss als eine Pflicht, nicht als eine Freude. Iss, weil man leben muss, das ist alles." Er reduziert die Freude am Essen auf die gewöhnliche Arbeitswelt: „Iss nicht zum Spaß. Das ist kein Spiel." Bedenke, so essen Tiere. Sie essen bloß, um zu essen, bloß um zu existieren, um zu überleben. Hast du schon Tiere gesehen, die ihr Fressen genossen haben? Überhaupt nicht. Sie haben keine Feste und keine Parties, und sie singen und tanzen nicht. Nur der Mensch hat aus dem Essen ein großes Fest gemacht. Und die Einstellung zu anderen Dingen ist die gleiche. Gandhi sagt: „Mach nur Liebe, wenn du ein Kind willst, sonst niemals. Lass Liebe nur biologisch sein. Das Essen sollte nur für das Überleben sein und die Liebe sollte so sein, dass die Rasse überlebt. Mach niemals Liebe zum Spaß." Das machen die Tiere so. Hast du gesehen, wie ein Hund Sex hat. Schau ihm ins Gesicht, da findest du keinen Spaß... eine Art von Pflicht, unter Zwang. Er muss es tun, etwas zwingt ihn von innen her - der biologische Drang. Und in dem Moment, in dem er fertig ist, vergisst er seine Geliebte, er geht seiner Wege, er sagt ihr nicht einmal ein „Dankeschön". Schluss aus, der Job ist getan! Nur der Mensch liebt wegen dem Spaß, den er dabei hat. Das ist der Punkt, wo die Menschheit höher ist als die Tiere - nur der Mensch liebt aus Spaß; bloß wegen der Freude daran, bloß wegen der Schönheit, die das hat, bloß wegen der Musik und der Poesie, die darin enthalten ist.

Beschäftigt

22.05.2007 um 00:00 Uhr

Südliches Blütenland 13/10 (7)

von: tao

Mit dem Leben ist dies das Problem:
Du musst dich unterordnen, dein Ego muss aufgelöst werden.
Es ist wirklich eine Todeserfahrung, sich auf das Leben einzulassen,
du musst sterben.
Und bevor du nicht stirbst, wird sich nichts ereignen.
Nur durch deinen Tod wird sich Wiedergeburt ereignen.
Wenn du nicht mehr da bist, ist plötzlich Tao da.
Also ist das Leben eine Todeserfahrung für das Denken -
eine Wiedergeburt der Seele, aber ein Tod für das Ego.
Vor toten Meistern hast du keine Angst.
Das Denken kann ständig sein Spiel spielen mit den Experten
und den Autoritäten, und die Interpretation hängt von dir ab.
Bei jeder Theorie ist der Sinn nicht in ihr enthalten;
du musst die Bedeutung hineinlegen, es ist ein Spiel.
Du denkst, du liest die Bhagavad-Gita, das Wort Krishnas.
Du irrst dich. Das Wort ist da, aber wer wird ihm die Bedeutung geben?
Du wirst ihm Sinn verleihen.
Also ist jede Schrift nichts als ein Spiegel:
Du wirst dein eigenes Gesicht darin sehen.
Du kannst lesen, was du willst,
aber weil das Denken sehr gewieft ist,
wird es einfach auf nichts hören, was ihm gegen den Strich geht.
Es kann alles auf seine eigene Art und Weise interpretieren
und Krishna ist nicht zugegen, um sagen zu können:
Nein, das ist nicht das, was ich meinte.

21.05.2007 um 00:06 Uhr

Tao 272

von: tao

  Ein Mensch mit Reife trifft niemals Entscheidungen für die Zukunft.

Die Reife selbst sorgt dafür.

Du lebst heute.

Genau dieses Leben

wird entscheiden, wie das Morgen sein wird - es wird daraus hervorgehen.

Wenn du wütend warst, und es war schmerzlich, hat dich vergiftet, du hast dadurch die Hölle erlitten, was hat es dann noch für einen Sinn, sich zu entscheiden, oder einen feierlichen Schwur zu tun und in die Kirche zu gehen

und zu Gott zu beten: Ich verspreche dir nun feierlich

dass ich niemals wieder wütend sein werde?

All dies ist kindisch.

Es ergibt keinen Sinn!

Wenn du erkannt hast, dass Wut giftig ist -

Ende und aus!

Dieser Weg ist versperrt.

Diese Türe existiert nicht mehr für dich.

Die Situation wird sich morgen wiederholen

aber du wirst dich nicht mehr von der Situation in Besitz nehmen lassen.

Du hast etwas gelernt -

dieses Verstehen wird da sein.

Du lachst vielleicht sogar,

du genießt vielleicht sogar die ganze Sache

wie Leute sich so idiotisch aufführen können.

Dein Verstehen wächst mit jeder Erfahrung.

Du kannst das Leben leben, als wenn du dich in einer Hypnose befindest -

so leben neunundneunzig Prozent der Leute -

oder du kannst mit Intensität und Bewusstheit leben.

Wenn du mit Bewusstheit lebst, reifst du,

sonst wirst du einfach nur alt.

Und alt zu werden heißt nicht weise zu werden.

Wenn du ein Narr gewesen bist, als du jung warst

und nun bist du alt geworden,

wirst du bloß ein alter Narr sein, das ist alles.

Von nichts kommt nichts.

Bloß indem du alt wirst, kannst du nicht weise werden.

Du bist vielleicht sogar noch törichter,

denn du hast dir vielleicht mechanische Angewohnheiten zugelegt und bist wie ein Roboter geworden.

20.05.2007 um 02:58 Uhr

Quellender Urgrund 2/12 (11)

von: tao

„Ich war wirklich besorgt um meinen Sohn Timothy“, gestand Mrs. Malone ihren Bridgefreundinnen. „Er hatte es sich angewöhnt, sich alles Mögliche in seine Hosentaschen zu stopfen; Zwanzig-Dollar-Scheine von meinem Frisiertisch, die Silberlöffel anderer Leute, solche Sachen… Dann schlug mein Ehemann vor, dass ich den Jungen zu Dr. Thingamabob bringe, der noch bei Freud in Wien studiert hatte, und wisst ihr was, Mädchen, mein Mann hatte absolut recht. Dieser Doktor löste das Problem meines Timothy, nachdem er mit ihm bloß eine Stunde lang gesprochen hatte. Er sagte mir: „Mrs. Malone, ihr Sohn ist ein Dieb.“ Nun, was tut man da? Aber es scheint, als wenn das Problem gelöst ist. Es scheint so – indem man es benennt, indem man es etikettiert – als wenn das Problem gelöst worden ist. Vermeide diese Angewohnheit – dies ist eine der gefährlichsten Gewohnheiten des Menschen. Und wegen dieser Angewohnheit ist es unmöglich geworden, in die Realität durchzudringen. Diese Gewohnheit ist so unbewußt geworden, so tiefverwurzelt, so mechanisch, dass du in dem Moment, in dem du etwas siehst, es augenblicklich verbalisierst. Du siehst einen Baum und sofort wiederholst du innerlich: „Das ist ein Baum – eine Föhre, eine Kiefer, eine Pinie. Dies ist eine Rose, das ist eine Sumpfdotterblume.“ Du sagst ständig innerlich etwas, ununterbrochen, immer wenn dir irgendetwas begegnet, du irgendetwas gegenüberstehst. Und wenn du manchmal auf etwas stößt, von dem du den Namen nicht weißt, dann fühlst du dich ein wenig unwohl: Du beginnst nachzufragen: „Wie nennt man denn dieses Ding?“ Hat dir erst jemand den Namen genannt – irgendein Name reicht dir schon – kannst du dich wieder entspannen. Wie kannst du dich so leicht damit zufrieden geben? Bloß durch das Benennen denkst du schon, du würdest es kennen. Ein Kind wird geboren und du gibst dem Kind einen Namen, und in dem Moment, in dem du es benennst, hast du eine Barriere aufgestellt. Nun wird das Kind gleichbedeutend mit dem Namen werden, und der Name ist eine Erfindung. Das Kind war ein Mysterium, und der Name ist sehr armselig. Kein Name kann irgendeiner Person gerecht werden, denn jede Person ist solch ein Mysterium. Welcher Name kann einer Person gerecht werden? Das ist unmöglich. Ich weiß, dass es nötig ist, der Name ist aus Gründen der Zweckmäßigkeit vonnöten, Namen, aber vergiß nicht, dass die Rose eine gewaltige Existenz ist.

Tennyson hat gesagt: „Wenn ich eine Blume verstehen könnte, die Wurzel und alles andere, dann würde ich die ganze Existenz verstanden haben.“ Ja, eine kleine Rosenblüte ist so ungeheuer weit, dass du, wenn du eine kleine Rosenblüte verstehen kannst, die ganze Existenz verstanden haben wirst, denn alles ist so sehr miteinander verbunden.

 

19.05.2007 um 00:49 Uhr

Nan Chuan 1

von: tao

 

Chao Chou fragte Nan Chuan: „Was ist das Tao?"

Nan Chuan antwortete: „Das gewöhnliche Denken ist Tao."

Chao Chou fragte darauf: „Wie kann man sich ihm nähern?"

Nan Chuan erwiderte: „Wenn du ihm nahe kommen willst, wirst du es sicherlich verfehlen."

„Wenn du ihm nicht nahe kommst, wie weißt du dann, dass es das Tao ist?"

„Das Tao ist keine Angelegenheit des Wissens, noch eine Sache des Nicht-Wissens. Es  zu kennen ist eine trügerische Denkweise, und es nicht zu kennen ist eine Sache der Empfindungslosigkeit. Wenn man das Tao unmissverständlich realisieren kann, wird sein Denken wie der große Weltraum sein - ungeheuer weit, leer und klar. Wie kann man da dieses als richtig und jenes als falsch betrachten?"

Als er diese Bemerkung hörte, wurde Chao Chou augenblicklich wach.

Hier sind wir in der sehr speziellen Welt des Taoismus. Sie ist sehr speziell, denn sie ist der gewöhnlichste Zustand des Bewusstseins - das ist ihre Spezialität. Das gewöhnliche Denken möchte immer außergewöhnlich sein; es ist nur das außergewöhnliche Denken, das sich in das Gewöhnlichsein hinein entspannt. Es ist nur das Ausgefallene, das bereit ist, sich in das Gewöhnliche hinein zu entspannen und in ihm zu ruhen. Das Gewöhnliche fühlt sich immer minderwertig; aus diesem Minderwertigkeitskomplex heraus versucht es, speziell zu sein. Das Spezielle braucht keinerlei Anstrengung zu unternehmen, um speziell zu sein - es ist speziell. In ihm gibt es keinen Minderwertigkeitskomplex. Er leidet an keinerlei Leere. Es ist so voll, überfließend, dass es bloß das sein kann, was auch immer es ist.

Die Welt des Taoismus kann die speziellste und auch die gewöhnlichste genannt werden. Sie ist ein Paradoxon, wenn du sie von außen her betrachtest; wenn du sie von innen her siehst, ist sie überhaupt kein Paradox. Sie ist ein ganz einfaches Phänomen. Die Rose, die Ringelblume, der Lotus oder bloß der ganz gewöhnliche Grashalm, sie versuchen überhaupt nicht speziell zu sein. Vom Grashalm bis zum größten Stern, sie alle leben in ihrem So-Sein. Da ist keine Anstrengung, kein Streben, keine Sehnsucht. Da ist kein Werden. Sie sind absolut glückselig in ihrem Sein. Daher gibt es keinen Vergleich, keinen Wettbewerb. Und da geht es auch um keinerlei Hierarchie - wer niedriger und wer höher ist. Niemand ist niedriger, niemand ist höher. Tatsächlich ist die Person, die versucht, sich selbst als höher zu beweisen, niedriger.

Die Person, die mit Freude sich akzeptiert, was auch immer sie ist - nicht resigniert, bedenke, nicht verzweifelt, sondern mit tiefem Verstehen, und dankbar dafür ist, dankbar der Existenz, dem Ganzen dankbar - die ist das Höchste.

18.05.2007 um 00:00 Uhr

Tao 271

von: tao

 

Was hatte Jung zu tun versucht? Wie kann ich alle Fragmente zusammenbringen, wie kann ich sie zusammenkleben, das ist sein ganzer Prozess der Individuation.

Die wirkliche Erfahrung der Individuation ist total anders: Du leimst diese Fragmente nicht aneinander, du lässt sie einfach verschwinden, du lässt sie los. Und dann, wenn all die Fragmente des Denkens verschwunden sind - sich weiter und weiter weg von dir zurückgezogen haben - findest du plötzlich das Eine. In der Abwesenheit des Denkens wird es gefunden - nicht dadurch, dass das Denken durch eine bestimmte Disziplin miteinander vereinigt wird, nicht dadurch, dass das Denken in eine bestimmte Art von Vereinigung zusammengesetzt wird. Vereinigung ist nicht Einheit. Vereinigung ist nur eine Ordnung, die einem Chaos aufgesetzt ist.

Dies kann getan werden, und dann wirst du eine falsche Art von Individuation haben. Du wirst dich besser als zuvor fühlen, denn nun wirst du keine Masse mehr sein, kein Mob, viele Störgeräusche werden nicht mehr da sein. Sie würden in eine bestimmte Art von Harmonie gefallen sein, eine gewisse Anpassung wäre in dir entstanden. Dein bewusstes Denken wird befreundet sein mit dem kollektiven Unbewußten, und nicht antagonistisch. Da wird es einen roten Faden geben, der all die Blumen durchzieht: Du wirst mehr wie eine Girlande sein und weniger wie eine Stapelung. Aber trotzdem hat sich die Individuation, von der der Taoismus spricht, nicht ereignet.

Individuation ist nicht die Einheit des Denkens, sondern das Verschwinden des Denkens. Wenn du völlig leer vom Denken bist, bist du eins. Ein Nicht-Denken zu sein ist der Prozess der realen Individuation.

Jung tastete sich im Dunkeln voran, er kam sehr, sehr nahe - genau wie Demokrit der Atomstruktur der Materie nahe kam - aber er war so weit entfernt von der wirklichen Individuation wie Demokrit von der realen modernen Physik entfernt war. Moderne Physik ist keine Spekulation, sie ist ein bewiesenes Phänomen. Für das Buch „Das Geheimnis der Goldenen Blüte", einem taoistischen Klassiker, ist Individuation keine Spekulation - es ist eine Erfahrung. Bevor man das Eine kennen kann, muss den Vielen der Abschied gegeben werden: Man muss dazu fähig sein, äußerst leer zu werden. Individuation ist der Erblühen des inneren Leerseins - ja, genau das: Die goldene Blüte blüht in dir, wenn du völlig leer bist. Es ist eine Blüte in der Leere; im See der Leere erblüht der goldene Lotus. Der Prozess ist also total anders. Was Jung tat, war der Versuch, all die Einzelstücke zusammenzusetzen - als wenn ein Spiegel zerbrochen wäre und nun versuchst du, ihn wieder zusammenzusetzen, ihn wieder zusammenzukleben. Du kannst ihn zusammenleimen, aber du wirst niemals wieder denselben Spiegel haben. Ein zerbrochener Spiegel ist ein zerbrochener Spiegel.

17.05.2007 um 00:00 Uhr

Tao 270

von: tao

 

Diese drei Unterteilungen, das Bewusstsein, das Unterbewusstsein und das Unbewußte, gibt es wegen dir, nicht wegen der Natur. Aber die Psychologen reden ständig so darüber, als wenn sie irgendeine natürliche Einteilung gefunden hätten. Da gibt es überhaupt keine Unterteilung. In dem Moment, in dem du der Spontaneität zu explodieren gestattest, beginnt dein Bewusstsein, sich auszubreiten. Eines Tages wird dein ganzes Wesen Licht; es gibt keine dunklen Ecken mehr, weil es nichts mehr zu verbergen gibt. Du stehst nackt da und siehst dich selbst so... nichts zu verstecken, nichts, vor dem du davonläufst, nichts, wovor du Angst hast - du hast dich selbst akzeptiert. Im tiefgehenden Akzeptieren wirst du eins.

Der Taoismus sagt, dass der Mensch ein unterschiedsloses Bewusstsein hat. Du kannst es nicht „das Bewusste" nennen, du kannst es nicht „das Unbewußte" nennen, du kannst es nicht „das Unterbewußte" nennen, denn diese Einteilungen sind in Wirklichkeit fabriziert, von Menschen gemacht. Wenn ein Kind geboren wird, hat es kein Unbewußtes, es hat kein Bewusstes - es ist wahllos, ununterschieden, es ist eins. Aber sofort fangen wir an, es zu erziehen, sofort beginnen wir, es zu trainieren: Sei dies und sei nicht das; was auch immer wir verneinen, muss es zurückweisen. Diese abgelehnten Teile stapeln sich laufend in ihm auf und wenn es sie anschauen muss, tut dies weh - es sind seine eigenen abgewiesenen Teile - als wenn es seine Glieder abschneiden müsste; es ist schmerzlich, darauf zu schauen, es ist besser, sie zu vergessen. Sie zu vergessen, scheint der einzige Weg zu sein, und wenn du etwas vergisst, was in dir ist, wird das Unbewußte erschaffen. Das Unbewußte verschwindet, wenn du wieder spontan wie ein Kind wirst. Die ganze Lehre des Taoismus ist, wieder wie ein Kind zu werden. Das bedeutet, all das rückgängig zu machen, was die Gesellschaft dir angetan hat; es bedeutet, die Struktur zu zerstören und zu demontieren, die die Gesellschaft um dich herum aufgestellt hat; deine Freiheit wieder zu beanspruchen, die dein Geburtsrecht ist; radikal transformiert zu werden; über die Gesellschaftsstruktur hinauszugehen, nach oben zu gehen. Zur Natur zu gehen, gegen die Erziehung, die dich hegt und pflegt: Das ist die Botschaft des Taoismus. Es gibt keine Disziplin im Taoismus - Taoismus ist nicht Yoga. Taoismus ist der genau diametral entgegengesetzte Standpunkt zu Yoga. Wenn Patanjali und Lao-tse sich begegnen würden, sie würden einander nicht verstehen können - unmöglich; Patanjali würde von Disziplin sprechen. Wenn Patanjali Konfuzius treffen würde, sie würden augenblicklich Freunde werden; Konfuzius redet auch über Disziplin, Kontrolle und Charakter. Lao-tse redet über Charakterlosigkeit. Merke dir das Wort „Charakterlosigkeit", denn Lao-tse sagt, dass der wirkliche Mensch keinen Charakter hat - er kann keinen Charakter haben; Charakter bedeutet etwas aus der Vergangenheit.

16.05.2007 um 00:00 Uhr

Südliches Blütenland 13/10 (6)

von: tao

 

Nur Erfahrung kann uns etwas beibringen.

Und Spiritualität ist genau wie Schwimmen,

man kann gar nichts darüber sagen.

Du kannst es beschreiben, aber die Beschreibung ist tot.

Es ist eine lebendige Erfahrung.

Etwas geschieht, wenn jemand da ist, der weiß, worum es geht.

Er kann es dir nicht sagen, aber du kannst es lernen.

Und das ist das Mysterium: Er kann es dir nicht beibringen,

aber du kannst es lernen, wenn du rezeptiv bist.

Also bedenke, es hängt mehr vom Schüler ab und seiner Rezeptivität,

und weniger vom Meister.

Tao ist da, es ist präsent.

Nun musst du rezeptiv sein und es einsaugen;

du musst rezeptiv sein und es zulassen;

du musst rezeptiv sein und es in dich eindringen lassen.

Wenn du Angst hast, zieht sich das ganze Wesen zusammen, du bist verschlossen. Wenn du verschlossen bist, kann Tao immerzu an deine Türe klopfen, aber niemand macht auf.

Je mehr es klopft, desto mehr wirst du dich zusammenziehen, und eingeschüchtert werden. Also wird es nicht einmal klopfen, denn auch das ist Aggression. Es wird einfach an der Türe warten.

Immer wenn du bereit und offen bist, kann es dir gegeben werden,

es kann sofort geliefert werden.

Aber du musst bereit dafür sein.

Diese Möglichkeit gibt es nur bei lebenden Menschen.

Bei einem toten Meister kannst du gar nichts lernen.

Worte hast du genug, du besitzt eine Bibel,

du kannst ein großer Gelehrter werden, ein Philosoph,

du kannst viele Theorien darum herumspinnen und dir ausdenken,

du kannst dir eine eigene Theologie erschaffen -

aber Jesus wird nicht da sein.

Du müsstest schon mit Jesus leben,

seine Präsenz wäre das Allerwichtigste.

Dabei gilt es noch zu bedenken

dass das Denken immer Theorien, Worte und Philosophien mag.

Damit kann es zurechtkommen,

es ist ein Spiel, das das Denken sehr gerne mag, denn hier kann es nicht verlieren. Im Gegenteil, das Denken wird dadurch noch gestärkt.

Je mehr du weißt, je mehr Informationen du sammelst,

desto mehr spürt dein Denken: „Ich bin jemand".

15.05.2007 um 00:00 Uhr

Tao 269

von: tao

 

Im Leben sind gut und schlecht nicht zwei Dinge.

Der Tag wandelt sich in die Nacht,

die Nacht wird wieder zum Tag.

Es ist ein Kreislauf,

der sich bewegt, wie ein Wagenrad:

dieselben Speichen kommen wieder und wieder nach oben,

und gehen wieder nach unten.

Wenn du einen Menschen des Tao fragst, ob er glücklich oder unglücklich ist,

kann er dir keine Antwort geben innerhalb dieser Kategorien.

Diese Begriffe sind irrelevant.

Er kann höchstens sagen: Ich bin.

Und dieses „Ich-bin-Sein" ist total ekstatisch.

Aber es gibt dabei keine Ekstase als solche.

Es ist keine Erfahrung.

Es ist seine Seinsweise in diesem Moment.

Es ist nicht etwas, das ihm geschieht,

es ist die Natur an sich.

Wenn du zu dir selbst kommst, wenn du zurückkehrst nachhause,

wenn du in deinen eigenen innersten Wesenskern eingehst,

ist das nicht so, dass sich dir etwas Neues ereignet,

es hat sich schon immer so ereignet;

nur jetzt realisierst du dies zum ersten Mal.

Die Verwirklichung mag neu sein

aber die Tatsache ist sehr, sehr alt,

so alt wie die Welt,

so uralt wie die Götter.

Es ist vom ersten Anfang an da gewesen.

Aber du bist zu sehr beschäftigt mit Leid und Lust

in der Außenwelt,

dein ganzes Bewusstsein bewegt sich nach außen.

Schließe die Türen,

verschließe die Fenster,

richte dich ein in deinem Inneren,

und plötzlich beginnst du eines Tages zu lachen,

eines Tages beginnst du zu lächeln

über die Tatsache, dass du etwas suchtest, das schon da war.

14.05.2007 um 01:34 Uhr

Tao 268

von: tao

Wenn du verstehst, teilst du nicht.

In einer ungeteilten Existenz fehlt nichts.

Du fängst plötzlich zu tanzen an.

Es ist passiert.

Ja, das kann man sich  nicht herbeisehnen.

Denn die Sehnsucht ist die Bindung.

Die so genannten Religionen

haben den Leuten beigebracht, sich Erleuchtung oder Erlösung zu wünschen.

Sie haben damit viel Konfusion geschaffen.

Der Taoismus tut nichts dergleichen,

er klärt bloß

die ganze Verwirrung, die man in deinem Denken angerichtet hat.

Da wird gesagt: Verlange nicht nach der Welt,

wünsche dir keine weltlichen Objekte,

sehne dich nicht nach Geld,

wünsche dir nicht Macht und Prestige -

sehne dich nach Gott,

verlange nach Erleuchtung,

wünsche dir den Himmel,

sehne dich nach Tugend.

Aber wenn du dir Tugenden wünschst,

wenn du dich nach Gott sehnst,

hat sich nichts in dir geändert.

Nur das Objekt der Sehnsucht hat sich geändert.

Das Verlangen ist das gleiche geblieben.

Zuerst hast du dir Geld gewünscht, nun wünschst du dir Gott.

Das Objekt hat sich geändert,

nun hast du ein überirdisches Objekt,

aber bist du durch irgendeine Transformation gegangen?

Du sehnst dich immer noch.

Die Natur des Verlangens ist die gleiche, das hängt nicht vom Objekt ab.

Gott oder Geld macht keinen Unterschied. Du wünschst dir was - darum geht es. Denn in der Sehnsucht hast du dich in die Zukunft begeben.

Im Verlangen hast du schon den gegenwärtigen Moment verpasst.

Wünschen bedeutet

du bist nicht hier-jetzt.

Nun ist das Denken wieder irgendwo anders hingegangen.

Und wie kannst du das genießen

was sich gerade hier abspielt, wenn das Denken irgendwo anders ist?

13.05.2007 um 00:00 Uhr

Tao Te King 11 (14)

von: tao

 
Die Welt des „Wer ist wer?" ist die zweite, die Kuhfladenschicht.
Wenn du über die zweite Ebene Bescheid wissen möchtest
geh und konsultiere das Buch „Who´s Who?".
Die werden überall auf der Welt publiziert.
Die Namen der Leute dort sind die der zweiten Schicht.
In der dritten Schicht
wird dir plötzlich bewusst, dass du nicht weißt, wer du bist!
Die Identität ist verloren gegangen,
die Regeln verschwinden,
gewaltiges Chaos,
ein ungeheurer Ozean in einem Sturm;
schön, wenn du verstehen kannst.
Wenn du nicht verstehen kannst: Ganz, ganz schrecklich.
Diese dritte Ebene, wenn sie richtig verstanden wird,
und wenn du in ihr achtsam bleiben kannst,
wird dir den ersten Schimmer geben,
den ersten vitalen Blick auf das Leben.
Ansonsten wirst du neurotisch werden.
Auf der dritten Ebene werden die Leute verrückt.
Sie sind aufrichtiger als die Leute, die zu der ersten und zweiten Schicht gehören. Ein Mensch, der verrückt geworden ist, hat einfach die Formalitäten aufgegeben, hat das Rollenspielen fallen gelassen,
und hat dem Chaos gestattet, ihn einzuwickeln.
Er ist besser dran als deine Politiker,
wenigstens ist er ehrlicher und wahrer zum Leben.
Das soll nicht heißen: Geh hin und werde neurotisch, zieh los und werde verrückt; aber der Wahnsinn ereignet sich in der dritten Schicht.
Alle großen Künstler gehören zur dritten Ebene,
und alle großen Künstler sind in der Gefahr, verrückt zu werden.
Ein Van Gogh wird wahnsinnig.
Warum? Künstler, Musiker, Dichter, Maler -
sie gehören zu der dritten Ebene; es sind ehrliche Leute,
ehrlicher als deine Politiker,
als deine so genannten Mönche, Päpste, so genannten Mahatmas -
die gehören alle zur zweiten Ebene,
sie spielen eine Rolle - ein Heiliger zu sein.
Die dritte Ebene ist die der ehrlicheren, aufrichtigen Leute,
aber - die Gefahr ist da;
sie sind so ehrlich und aufrichtig
dass sie in das Chaos hineinstürzen;
sie klammern sich nicht an die Welt der Regeln,
und dann stehen sie im Sturm.

12.05.2007 um 00:00 Uhr

Tao Te King 11 (14)

von: tao

 

Seit tausenden von Jahren haben Frauen keinen Orgasmus gehabt.

Sogar jetzt haben in Indien nicht einmal zwei Prozent der Frauen einen Orgasmus. Erst in den letzten Jahrzehnten ist dem Mann bewusst geworden

dass Frauen auch einen Orgasmus erleben können -

das ist eine unterdrückte Tatsache gewesen.

Denn wenn die Frau zum Orgasmus kommt, wird sie so verrückt werden

dass sie Kali, die Muttergöttin der Hindus, werden wird. Sie wird so außer sich sein vor Ekstase, dass sie vielleicht auf deinem Brustkorb zu tanzen anfängt

und sie wird nicht mehr länger sie selbst sein.

Sie wird etwas anderes sein, eine Naturgewalt, ein Wirbelwind, ein Sturm;

sie wird lachen und weinen und niemand weiß, was passieren wird;

und die ganze Nachbarschaft wird wissen

dass eine Frau zum Orgasmus gekommen ist.

Sex ist solch eine private Sache.

Wir haben sie zu so einer versteckten und geheimen Sache gemacht, in der Dunkelheit. Die Partner sehen nicht einmal einander, und die Frau ist darauf

abgerichtet worden, absolut passiv und bewegungslos zu bleiben,

wegen dieser Furcht, dass, wenn sie erst einmal die Schönheit kennt

völlig aus sich heraus zu gehen, dann wird sie unkontrollierbar sein.

Es wird für keinen Mann möglich sein, irgendeine Frau zu befriedigen, denn

eine Frau kann multiple Orgasmen haben

und ein Mann kann nur einen haben.

Eine Frau kann innerhalb von Minuten mindestens sechs Orgasmen haben -

von sechs bis sechzig.

Es würde für jeden Mann unmöglich sein, eine Frau zu befriedigen -

sie wird so aus sich heraus gehen, weil sie so natürlich ist

dass es besser ist, sie zu unterdrücken.

Sex ist unterdrückt worden als Teil des Todes.

Nur zwei Dinge in der Welt sind unterdrückt worden: Sex und Tod.

Immer wenn eine Kultur Sex unterdrückt,

unterdrückt sie den Tod nicht so sehr, weil das nicht nötig ist -

nur die Unterdrückung von Sex wird schon ausreichen;

und immer wenn eine Kultur den Tod tabuisiert

kümmert sie sich nicht mehr darum, Sex zu unterdrücken, es ist nicht nötig,

denn schon die Tabuisierung des Todes wird ausreichen. Wenn du eines der beiden tabuisierst, wird beides unterdrückt, denn beides ist zusammen -

und beide müssen befreit werden. Dann, dann lebst du gewaltig,

aber du lebst immer am Rande des Todes.