Taoistische Reflektionen

30.06.2007 um 03:03 Uhr

Ko Hsuan 17 (2)

von: tao

 

Wenn du es selbst weißt, brauchst du es nicht mehr zu hören. Dann wird Ko Hsuan nicht mehr sagen: „Der ehrenwerte Meister sagte", dann kann er einfach die Verse konstatieren. Dann wird es seine eigene Erfahrung sein. Er ist dem Gipfel sehr nahe und schließlich erreichte er den Gipfel, aber diese Aufzeichnungen wurden gemacht, bevor er selbst ein erleuchteter Meister wurde. Diese Notizen sind die eines Schülers, und dies ist bemerkenswert.

Immer wenn du kommentierst, bedenke immer, dass du dir nicht sicher sein kannst, ob es genau so gemeint war, wie du es verstanden hast.

In Italien ist im Bus neben dem Fahrer folgende Notiz zu lesen: „Rede nicht mit dem Fahrer."

In Deutschland heißt das so: „Es ist VERBOTEN, mit dem Fahrer zu reden."

In England: „Es ist nicht höflich, mit dem Fahrer zu reden."

In Schottland: „Was hast du davon, wenn du mit dem Fahrer redest?"

In dem Moment, in dem ein Mensch des Tao etwas sagt, kommt es aus seinem innersten Kern. Wenn du es hörst, wird es an deiner Oberfläche gehört. In der Zeit, in der es deinen innersten Kern erreicht - wenn es dort überhaupt ankommt, wenn du genug Glück hast, es in den eigentlichen Kern deines Wesens einsinken zu lassen - auch dann wird die Bedeutung nicht die gleiche bleiben. Das kann sie nicht sein; das liegt nicht in der Natur der Dinge. Sie würde sich verändert haben: Sie mag verzerrt worden sein, sie mag etwas verloren haben, dein Denken hat vielleicht ihr etwas hinzugefügt.

Die Wissenschaftler haben erst kürzlich entdeckt...Bis dahin dachte man, dass unser Denken und unsere Sinne nur dafür da sind, um es uns zu ermöglichen, mit der Existenz, die uns umgibt, verbunden zu sein. Aber die neuere Forschung geht dahin, dass die Sinne und das Denken doppelte Funktionen haben. Die eine Funktion ist, eine Brücke zur Existenz zu bilden, aber sogar noch weit wichtiger als das ist die zweite Funktion: All das nicht zuzulassen, was uns stören könnte. Sie funktionieren als Filter und Auslesefaktoren unseres Denkens, unserer Einstellungen, unseres Lebensstils, unserer Konditionierungen. Nur zwei Prozent Realität wird gestattet, hereinzukommen; achtundneunzig Prozent der Realität wird der Eintritt verwehrt, sie werden außen abgehalten, am Eingang aufgehalten, denn wenn allem, was erhältlich wäre, erlaubt würde, hereinzukommen, wirst du durchdrehen, du wirst nicht imstande sein, damit fertig zu werden.

Nur in absoluter Meditativität ist man dazu fähig, total entspannen zu können, alles hereinzulassen, verletzlich zu sein ohne irgendwelche Vorbedingungen, für die Existenz zugänglich zu sein, ohne dass dies mit Bedingungen verknüpft ist.

Es wäre besser, Ko Hsuans Statement zu ändern. Es wäre besser, es genau so zu formulieren, wie die buddhistischen Sutren beginnen. Sie wurden von Buddhas engstem Schüler, Ananda, geschrieben. Er lebte zweiundvierzig Jahre lang mit Buddha; nicht einmal einen einzigen Moment lang verließ er Buddha. Tagein, tagaus, jahrein, jahraus, war er bei Buddha wie ein Schatten. Sogar Schatten verlassen dich manchmal, aber er verließ Buddha überhaupt nicht. Er hörte alles, was Buddha sagte und als er gebeten wurde, dies nach Buddhas Tod zu berichten, sagte er: „Ich habe den Buddha sagen hören." Jedes Kapitel beginnt damit: „Ich habe gehört..." Darin liegt eine großartige Einsicht.

Ko Hsuan kann dies nicht tun: Er kann nicht sagen: „Der ehrenwerte Meister sagte", er kann nur sagen: „Ich habe gehört..." Der Übersetzer muss dies geändert haben, um es sicherer aussehen zu lassen, um es kategorischer zu gestalten, emphatischer, eindeutiger, mathematischer. Aber die erwachten Meister sind mysteriös; ihre Worte sind mysteriös, nicht mathematisch. Sie können tausend Bedeutungen haben und jeder hört sie gemäß seiner eigenen Kapazität.

29.06.2007 um 00:39 Uhr

Quellender Urgrund 2/20 (4)

von: tao

  In der Liebe kann das Ego nicht existieren,

das ist der Grund, warum das Denken gegen einen Meister, gegen einen Guru ist,

denn das Ego muss aufgegeben werden

sonst kann der Meister nicht funktionieren.

Das ist der Grund, warum das Denken gegen Gott ist,

denn wenn es einen Gott gibt

dann kannst du niemals der Allergrößte sein,

dann wird das Ego immer minderwertig bleiben,

dann kannst du niemals inthronisiert werden

auf dem höchsten Podest, das vorstellbar ist.

Du kannst Gott nicht zulassen.

Nietzsche sagte: Es ist unmöglich

für mich, zu erlauben, dass da ein Gott ist,

denn was wird dann mit mir passieren?

Wo bin ich dann?

Wenn Gott ist, dann bin ich nirgendwo,

also werde ich mich für mich entscheiden, nicht für Gott.

Das ist der Grund, warum er sagte:

Gott ist tot und der Mensch ist nun frei, absolut frei.

Nietzsche setzte den Trend für das zwanzigste Jahrhundert,

er war der Prophet des letzten Jahrhunderts.

Er ist an der Basis von euch allen, ob du ihn kennst oder nicht;

er ist tief innen in jedem, der in diesem Jahrhundert geboren worden ist.

In dir ist Gott tot, nur das Ego lebt.

Und bedenke - sie können nicht gemeinsam existieren.

Im alten Testament gibt es einen schönen Satz.

Der Satz lautet:

Du kannst Gott nicht lebend sehen.

Der Sinn ist der gleiche.

Wenn du Gott siehst, musst du sterben, du kannst Gott nicht lebendig sehen.

Wenn du stirbst, nur dann kannst du Gott sehen

denn du bist die Barriere, du bist die Mauer.

Ego oder Gott, darauf läuft es hinaus,

du kannst nicht beides am Laufen haben. Und wenn du versuchst, beides hinzukriegen,

wirst du das Ego zustande bringen und Gott wird tot sein - in dir.

In der Existenz kann Gott nicht tot sein,

aber in dir wird Gott tot sein.

Er wird nicht da sein. Du hast ihn hinausgestoßen

weil du sehr mit dir selbst angefüllt bist. Du bist zuviel.

Und das Ego ist nicht durchlässig; es hat keinen Raum für irgendjemand anderen.

Es ist sehr eifersüchtig, es ist absolut eifersüchtig.

Es wird niemand anderem erlauben, hereinzukommen

in das innere Heiligtum deines Wesens.

Es möchte der alleroberste Herrscher sein.

  

28.06.2007 um 16:08 Uhr

Quellender Urgrund 2/5 (1)

von: tao

  „Liä Dsi zeigte seine Geschicklichkeit im Bogenschießen dem Be Hun Wu Jen.

Als der Bogen bis zu seiner vollen Weite gespannt war, wurde ein Becher Wasser

auf seinen Ellbogen gestellt und er begann zu schießen.

Sobald der erste Pfeil losgeschossen war, lag schon einer zweiter auf der

Bogensehne, und dann folgte ein dritter. Währenddessen stand er

unbeweglich wie eine Statue.

Be Hun Wu Jen sagte: „Die Schußtechnik ist ausgezeichnet, aber es ist nicht die

Technik des Nicht-Schießens. Lass uns auf einen hohen Berg steigen und

uns auf einen vorspringenden Felsen stellen, und dann versuch zu schießen."

Sie kletterten auf einen Berg hinauf. Als er dann auf einem Felsen stand, der über einen Abgrund ragte, der dreitausend Meter tief war, ging Be Hun Wu Jen rückwärts, bis

seine Füße schon zu einem Drittel über die Felsenkante hinaus in die Luft ragten. Dann winkte er Liä Dsi zu, nach vorne zu kommen.

Liä Dsi warf sich auf den Boden und schwitzte, dass ihm der Schweiß bis zu den Fersen herunter rann.

Da sagte Be Hun Wu Jen: „Der vollkommene Mensch schwingt sich empor über den blauen Himmel hinaus, oder taucht tief hinunter bis zu den gelben Quellen, oder er wandert überall hin, bis zu den acht Begrenzungen der Welt, und doch zeigt er kein Anzeichen dafür, dass sich sein Geist verändert. Aber du zeigst alle Anzeichen für Angst und Beklommenheit, und deine Augen sind benommen und verstört. Wie kannst du da erwarten, das Ziel zu treffen?""

Das Tun bedarf der Geschicklichkeit. Aber das Nicht-Tun bedarf auch einer Geschicklichkeit. Die Fertigkeit des Tuns ist bloß an der Oberfläche; die Befähigung zum Nicht-Tun liegt im eigentlichen Kern deines Wesens. Die Eignung zum Tun kann leicht erlernt werden; sie kann übernommen werden; du kannst dazu erzogen werden, denn es ist nichts als eine Technik. Es ist nicht dein Sein, es ist bloß eine Kunst.

Aber die Technik, oder die Fähigkeit, des Nicht-Tuns ist überhaupt keine Technik. Du kannst sie nicht von jemand anderem lernen, sie kann nicht gelehrt werden; sie wächst, so wie du wächst. Sie wächst mit deinem inneren Wachsen, sie ist ein Erblühen. Von außen her kann nichts dafür getan werden; etwas muss sich von innen her entwickeln.

Die Gewandtheit des Tuns kommt von außen, und geht nach innen; die Kunstfertigkeit des Nicht-Tuns kommt von innen her, und sie fließt nach außen. Ihre Dimensionen sind total verschieden, diametral entgegengesetzt. Versuche also zuerst, dies zu verstehen, dann werden wir in diese Geschichte hineingehen können.

Du kannst zum Beispiel ein Maler sein, bloß indem du die Kunst erlernst; du kannst alles lernen, was in Kunstschulen gelehrt werden kann. Du kannst geschickt sein, und du kannst schöne Bilder malen, du kannst dir sogar in der Welt einen Namen machen. Niemand wird erkennen können, dass dies bloß eine Technik ist, bevor du nicht auf einen Meister stößt; aber du wirst immer wissen, dass dies bloß Technik ist.

Deine Hände sind kunstfertig geworden, dein Kopf kennt das Know-how, aber dein Herz fließt nicht mit. Du malst, aber du bist kein Maler. Du erschaffst ein Kunstwerk, aber du bist kein Künstler. Du tust es, aber du bist nicht darin, nicht mit dem Herzen dabei. Du tust es, so wie du andere Dinge tust - aber du bist kein Liebender. Du bist nicht total darin involviert; dein inneres Wesen bleibt reserviert, indifferent, es steht abseits. Dein Kopf und deine Hände, sie arbeiten ständig weiter, aber du bist nicht dabei. Das Gemälde wird nicht deine Präsenz beinhalten, es wird dich nicht in sich tragen. Es mag deine Signatur tragen, aber nicht dein Sein.

27.06.2007 um 16:51 Uhr

Quellender Urgrund 1/5 (4)

von: tao

Wenn eine Freude eine vorgetäuschte Freude ist, dann kannst du den Grund dafür herausfinden. Aber wenn die Freude wirklich da ist, ist das so mysteriös, ist das so ursprünglich, dass du dafür keinen Grund finden kannst.

Wenn du einen Menschen des Tao fragst: „Warum bist du glücklich?", wird er mit den Schultern zucken. Wenn du Lao-tse fragst: „Warum bist du glückselig?", wird er sagen: „Frag mich nicht. Statt mich zu fragen, warum ich glückselig bin, untersuche lieber, warum du es nicht bist."

Das ist wie eine kleine Quelle in den Bergen: Wenn da kein Hindernis ist, sprudelt die Quelle; wenn Felsen auf ihrem Weg liegen, kann sie nicht fließen. Wenn die Steine entfernt werden... Du erzeugst die Quelle nicht - du entfernst nur das Negative, du entfernst nur das Hindernis. Die Quelle war da, aber wegen des Felsens konnte sie nicht fließen. Wenn du den Felsen entfernst, dann erschaffst du damit nicht die Quelle - die Quelle war schon da. Indem du den Felsen wegräumst, hast du das Negative, das Hindernis, entfernt und die Quelle fließt. Wenn nun jemand fragt: „Warum fließt die Quelle?" - weil die Quelle da ist, darum sprudelt sie. Wenn sie gerade einmal nicht fließt, dann gibt es einen Grund dafür. Lass dies tief in dich einsinken, denn es ist auch dein Problem.

Frag dich niemals, warum du glücklich bist, frage niemals, warum einer glückselig ist, sonst hast du eine falsche Frage gestellt. Frage niemals, warum es Tao gibt. Wenn du das fragst, hast du eine falsche Frage gestellt; und all die Antworten, die gegeben werden können, sind zwangsläufig falsch, denn eine falsche Frage provoziert falsche Antworten. „Warum ist Tao?" - das ist irrelevant; es ist einfach der Fall.

Konfuzius stellt diese Frage, und indem er sie stellt, zeigt er seine Vorannahmen: Konfuzius glaubt, dass alles eine Ursache hat. Wenn alles einen Grund hat, dann kann nur die Wissenschaft existieren. Dann besteht für Taoismus keine Möglichkeit, denn die Wissenschaft ist die Erforschung der Beziehung von Ursache und Wirkung, eine Untersuchung der Ursächlichkeit, eine Frage nach der Kausalität. Das ist die ganze wissenschaftliche Einstellung: Sie sagen, wenn etwas da ist, muss es einen Grund dafür geben - du magst es wissen, du magst es nicht wissen - aber die Ursache muss da sein. „Wenn wir es heute nicht wissen, dann werden wir es morgen wissen oder übermorgen, aber der Grund wird notwendigerweise herausgebracht werden, denn die Ursache muss vorhanden sein." Das ist die wissenschaftliche Einstellung: Alles kann auf seine Ursache reduziert werden.

Und was ist die taoistische Einstellung? Der Taoismus sagt, dass nichts wirklich auf seine Ursache reduziert werden kann. Das, was reduziert werden kann, ist nicht wesentlich. Das Wesentliche ist einfach - es existiert ohne irgendeinen Grund; es ist mysteriös. Das ist die Bedeutung des Mysteriums: Es gibt keine Ursache dafür.

Konfuzius stellt eine Frage entsprecht seiner Voreingenommenheit, gemäß seiner Philosophie.

„Meister, was ist der Grund für deine Freude?"

Warum fragt er überhaupt? - so dass, wenn der Grund bekannt wird, andere ihn auch kultivieren können. Wenn jemand sagt: „Indem ich auf dem Kopf stehe, werde ich sehr friedlich", dann stellst du dich auf deinen Kopf, und du wirst friedvoll. Jemand sagt: „Ich bin glücklich, weil ich der Welt entsagt habe", dann entsagst du auch der Welt, und du wirst glücklich. Dann wird das Glücklichsein etwas, das manipuliert werden kann. So sind die Leute - sie imitieren sich ständig gegenseitig.

Und in Wirklichkeit gibt es keinen Grund für das Glücklichsein. An dem Tag, an dem du dies verstehst, kannst du in jedem Moment glücklich sein.

 

26.06.2007 um 03:01 Uhr

Tao 287

von: tao

 

Der Geschmack des Leerseins wird niemals verschieden sein. Wo immer ein erwachter Mensch auf der Erde ist, der Geschmack wird der gleiche sein.

Meister Tennen Tanka, ein großer Zen-Meister, besuchte einmal einen Tempel und verbrachte die Nacht dort. Der Abt des Tempels war sehr glücklich, denn Tennen Tanka war ein sehr berühmter Meister und es war ein großer Segen für den Tempel, dass er gekommen war. Aber während der Nacht tat Tennen etwas, was für den Abt unglaublich war. Es war eine kalte Nacht und Tennen verbrannte einen hölzernen Buddha, um sich am Feuer zu wärmen. Der Abt des Tempels war schockiert. Als er das Feuer im Tempel sah, rannte er hinein und stellte fest, dass eine große Buddha-Statue fehlte und nur der Kopf war noch da, halb verbrannt. Er schrie: „Was hast du getan? Bist du verrückt? Du hast meinen Buddha verbrannt!" Tennen lachte und stocherte mit seinem Stab in der Asche herum. Der Abt fragte: „Was tust du denn jetzt, du verrückter Mensch?" Tennen sagte: „Ich versuche die Überreste, die Reliquien des Buddha, zu finden" - die Knochen, die die Hindus Blumen nennen. Nun war es der Abt, der lachte. Er sagte: „Du bist ganz bestimmt verrückt. Ein hölzerner Buddha hat keine Knochen." Tennen fragte: „Bist du dir ganz sicher?" Der Abt sagte: „Ja, da bin ich mir sicher. Wie kann ein hölzerner Buddha Knochen haben?" Da sagte Tennen: „Dann bring mir auch noch die anderen Buddhas. Dein Tempel hat so viele, so viele brauchst du doch gar nicht. Und die Nacht ist kalt und ich fröstele. Schau, der lebende Buddha friert und die hölzernen Buddhas sitzen auf ihren Podesten. Bring sie her." Das konnte der Abt nicht tun, aber Tennen holte noch zwei andere Buddhas her und warf sie in das Feuer. In diesem Moment kam der Abt etwas ins Zweifeln über seinen eigenen Ausspruch, dass ein hölzerner Buddha keine Knochen hat. Nun begann er sich schuldig zu fühlen. Wenn er dies nicht gesagt hätte, wären mindestens zwei Buddhas verschont worden. Nun hatte er sich schuldig gemacht. Dieser Mann war verrückt, aber was machte er hier und warum hielt er ihn nicht auf? Aber das konnte er nicht. Er selbst hatte gesagt, dass ein hölzerner Buddha keine Knochen hatte, wie konnte er also Tennen stoppen? Ein großer Zweifel stieg in ihm auf und deswegen, so besagt die Geschichte, fiel der Abt in die Hölle. Aber nicht Tennen. Er hatte den Buddha verbrannt, aber er fiel niemals in irgendeine Hölle - er erreichte Nirwana.

Eine eigenartige Geschichte, sehr unlogisch. Wenn Tennen in die siebte Hölle gegangen wäre, wir würden es verstanden haben. Das geschieht ihm recht. Aber Tennen ist im Nirwana, sitzt höchstpersönlich bei Buddha, nimmt vielleicht eine Tasse Tee zu sich und plaudert mit ihm. Und der Abt leidet in der siebten Hölle. Diese Zen-Leute sind eigenartig. Was für Geschichten denken sie sich da aus? Aber da ist eine Logik dahinter, eine großartige Logik. Die Logik ist, dass als Tennen den Buddha verbrannte, kein Zweifel in seinem Denken war, nicht ein einziger Zweifel. Tatsächlich war es überhaupt gar kein Buddha, es war bloß Holz. Was für ein Unsinn, das Holz Buddha zu nennen. Bloß weil du eine Form aus ihm herausgeschnitzt hast, macht es das nicht zu einem Buddha. Weil er sich so sicher war, holte er noch zwei Statuen und genoss das Feuer - und die Nacht war sicherlich kalt. Tennen tat gut daran. Und Buddha muss es im Nirwana genossen haben! Wie er da so in seinem Moksha saß, muss es ihn gefreut haben. Dieser Mensch hat es richtig gemacht, völlig richtig. Das ist es, was er sein ganzes Leben lang gelehrt hatte: Suche nicht in der Form nach dem Formlosen, suche nicht im Wort nach der Botschaft. Geh tiefer. Geh in das Formlose hinein. Suche nicht im Körper nach der Seele. Geh tiefer. Erreiche die innere Leere. Und das ist es, was Tennen getan hatte. Als er mit seinem Stab in der Asche stocherte, was sagte er damit? Er sagte, dass dies einfach ein hölzerner Körper war, dass nicht einmal Knochen in ihm waren. Von der Seele gar nicht zu reden. Dies ist bloß Holz, totes Holz. Er war sich absolut sicher; seine Gewissheit war absolut. Aber der Abt zweifelte. Er kam etwas ins Zweifeln. „Was habe ich gesagt? Habe ich ein Verbrechen begangen?" Ihm muss der Schreck in die Knochen gefahren sein. Er muss gezittert haben. Diese Furcht, dieser Zweifel, dieses Zittern, warf ihn in die Hölle.

25.06.2007 um 02:50 Uhr

Tao Te King 22 (9)

von: tao

Ja, wenn Lao-tse sagt, dass der Gedanke an Erfolg die Saat des Versagens ist, dann ist dies unlogisch. Du wirst sagen:

Was soll das denn für eine Logik sein? Das ist paradox.

Er sagt: Wenn du zuviel hast, wirst du arm werden,

wenn du dich widersetzt, wirst du gebrochen werden,

wenn du nicht nachgibst, wirst du nicht überleben.

Es wäre gut gewesen, wenn Darwin Lao-tse begegnet wäre.

Darwin sagt: Es überlebt der Stärkere bzw. der Angepasstere.

Das ist Logik, einfache, saubere Logik, Mathematik -

jeder kann das verstehen,

du kannst dies sogar schon einem Grundschüler verständlich machen.

Es ist einfach - das Leben ist ein Kampf und die Besten überleben.

Wenn Charles Darwin irgendwo Lao-tse begegnen würde, er würde ihn verpassen,

denn Lao-tse würde laut gelacht haben.

Er sagt: Die Bescheidensten überleben, nicht die Stärksten;

tatsächlich überleben die Ungeeignetsten und Untauglichsten, nicht die Angepaßtesten -

die sind zum Scheitern verurteilt.

Das ist sein ganzes Fundament:

Was auch immer deine Logik sagt, wird nicht passieren.

Das Leben hört nicht auf deine Logik,

es geht seinen eigenen Weg weiter, ungerührt.

Du musst schon auf das Leben hören, das Leben wird nicht auf deine Logik hören,

es kümmert sich nicht um deine Logik.

Lao-tse ist einer der Scharfsinnigsten,

und er ist so scharfsinnig, weil er sehr unschuldig ist -

mit kindlichen Augen hat er das Leben beobachtet.

Er hat ihm keine seiner eigenen Ideen übergestülpt,

er hat einfach beobachtet, was auch immer der Fall ist, und er hat es berichtet.

Wenn du in das Leben hineingehst, was siehst du dann?

Ein großer Sturm kommt, und große Bäume fallen.

Sie sollten überleben, gemäß Charles Darwin,

denn sie sind die Stärksten, Machtvollsten und Tauglichsten.

Schau dir einen uralten Baum an,

hundert Meter hoch, dreitausend Jahre alt.

Allein schon die Gegenwart des Baumes erzeugt Stärke,

gibt ein Gefühl von Stärke und Macht.

Millionen von Wurzeln haben sich innerhalb der Erde ausgebreitet, sind tief unter die Erde gegangen, und der Baum steht da mit Macht.

Natürlich kämpft der Baum - er möchte nicht nachgeben, sich unterwerfen -

aber nach dem Sturm ist er umgefallen, er ist tot,

er lebt nicht mehr und all diese Stärke ist vergangen.

Der Sturm war zuviel -

der Sturm ist immer zu stark,

denn der Sturm kommt von der Ganzheit

und ein Baum ist bloß ein Individuum.

24.06.2007 um 16:44 Uhr

Tao Te King 4 (16)

von: tao

Die größte Verblendung des Menschen ist es, die Dinge zu etikettieren.

Da gibt es eine Sufi-Geschichte: Ein Eichhörnchen saß unter einem Baum. Ein Fuchs strich gerade vorbei, aber das Eichhörnchen rannte nicht weg. „Du törichtes Ding!", sagte er zum Eichhörnchen, „Hast du keine Angst? Weißt du, dass ich ein Fuchs bin und dich entzweireißen kann?" „Hast du irgendeinen Beweis dafür, irgendein Zertifikat, mit dem du beweisen kannst, dass du ein Fuchs bist?", fragte das Eichhörnchen. Der Fuchs war schockiert! Noch nie hatte ein kleineres Tier ihn so angeredet. Stattdessen rannten sie schon, wenn sie seiner ansichtig wurden! Er war fürchterlich aufgebracht! Er sagte: „Warte nur, ich werde dir eines besorgen."

Der Fuchs ging zum Löwen und sagte: „Gib mir doch bitte freundlicherweise ein Zertifikat. Ich bin beleidigt worden. Ein ordinäres Lebewesen möchte ein Zeugnis von mir, das meine Legitimation beweist!" Dies sagte er dem Löwen, während er innerlich kochte. „Das ist eine Unverschämtheit", sagte er zu sich selbst. „Noch nie in der Geschichte der Tiere ist so etwas passiert!" Er nahm das Zeugnis in Empfang und ging zurück zum Eichhörnchen, das immer noch auf ihn wartete. Er wedelte mit dem Zertifikat vor seinem Gesicht herum und begann dann, laut vorzulesen: „Hiermit wird bestätigt, dass dies ein Fuchs und ein sehr gefährliches Tier ist. Jedes kleinere Tier sollte sich vor ihm in Acht nehmen...", und so weiter. Er war so vertieft darin, sein eigenes Lob vorzulesen, dass er bei jedem Wort länger als notwendig verweilte. Als er fertig war, schaute er hoch und stellte fest, dass das Eichhörnchen nicht mehr da war. Es kam nicht mehr zurück.

Als der Fuchs wieder zum Löwen ging, fand er dort einen Hirsch vor, der neben dem Löwen stand und einen Beweis von ihm dafür verlangte, dass er ein Löwe sei. Nun fragte sich der Fuchs, was der Löwe tun würde! Wen würde er um ein Zertifikat bitten?

Der Löwe sagte dem Hirsch folgendes: „Schau mal! Wenn ich hungrig wäre, würdest du keine Zeit mehr dafür haben, mich nach einem Zeugnis zu fragen, und wenn ich nicht hungrig bin, kümmert es mich nicht, was du denkst."

Der Fuchs fragte den Löwen: „Euer Majestät, warum rieten Sie mir nicht, so etwas auch zu dem Eichhörnchen zu sagen? Warum gaben Sie mir ein Zertifikat? Ich würde diese schamlose Kreatur schon zurechtgestutzt haben!" „Aber du hattest mir nicht gesagt, für wen du das Zertifikat wolltest. Ich dachte, irgendein dummes menschliches Wesen hätte dich danach gefragt. Ich habe erst spät bemerkt, dass die Tiere dieses Dschungels auch begonnen haben, den Dummheiten der menschlichen Wesen zu frönen.

Eine der grundlegenden Torheiten menschlicher Wesen ist diese Angewohnheit, alles zu benennen, alles zu etikettieren. Einer Sache einen Namen zu geben, macht es bequem, damit umzugehen. Wenn ein Mensch sagt: „Ich erfülle mich mit Gott", vergisst er, dass dies eine Dualität ist, denn es macht keinen Unterschied, mit was du dich erfüllst. Eines ist sicher - du füllst das Gefäß mit etwas. Ob es dann die Welt ist oder ob es Gott ist, ob es Liebe ist oder ob es Andacht ist, ist unwesentlich. Das bist nicht du. Du bist der, der das einfüllt, was eingefüllt wird. Welchen Namen du dann auch immer dem gibst, was in dich eingefüllt wird - ob Befreiung oder die profane Welt - das macht keinen Unterschied. Die Dualität bleibt.

Tatsächlich können wir nur mit „dem anderen" erfüllt sein. Wenn du pur du selbst sein willst, dann gibt es keinen anderen Weg, als den, leer zu werden.

Deswegen sagt Lao-tse, dass Tao wie ein leerer Kessel ist; und wenn wir Nutzen aus ihm ziehen wollen, ist es erforderlich, dass wir uns vor allen Arten der Perfektion hüten.

23.06.2007 um 23:59 Uhr

Tao Te King 45 (10)

von: tao

 

Du akzeptierst nur den Tag, aber die Nacht ist auch noch da -

ob du sie akzeptierst oder nicht, sie ist da

und sie wird im Unbewußten bleiben, unterdrückt.

Ein Heiliger träumt immer von Sünden.

Schau nicht auf den Heiligen, ergründe vielmehr seine Träume

und du wirst den Sünder finden, wie er sich dort verbirgt.

Leute, die versuchen, zölibatär zu werden, träumen immer von Sex -

das müssen sie auch.

Wohin werden Leute, die versuchen, ihr Leben mit dem Tagteil zu managen

den Nachtteil stecken? Du kannst ihn nicht einfach zerstören.

In der Existenz ist nichts zerstörbar,

alles ist dauerhaft und ewig. Er muss absorbiert werden,

er muss zu einem Teil deiner größeren Harmonie gemacht werden.

Wenn du das Leben eines Heiligen lebst

dann hast du keinerlei Salz in dir -

du wirst geschmacklos sein.

Wenn du das Leben eines Sünders lebst

wirst du nur Salz sein - nicht essbar.

Wenn du ein totales Leben lebst,

dann treffen sich der Heilige und der Sünder und umarmen einander

innerhalb deines Wesens,

die Nacht und der Tag begegnen sich, verschmelzen und werden eins,

wie sie sein sollten,

dann entsteht ein dritter Typ der Existenz:

das Harmonische, das abgeklärt Beschauliche, das Ausbalancierte,

was ein absolut von beidem, von Nacht und Tag, verschiedenes Ding ist.

Es ist eine dritte Sache

die aus dem Zusammentreffen der zwei Gegensätze herauskommt.

Wenn sich Sauerstoff und Wasserstoff begegnen, wird Wasser erzeugt.

Wasser ist absolut anders als Wasserstoff oder Sauerstoff:

Es ist eine neue Existenz, es ist eine neue Sache, die ins Dasein gekommen ist.

Wenn du durstig bist, kann dein Durst nicht durch Sauerstoff gelöscht werden,

und er kann auch nicht durch Wasserstoff gelöscht werden

denn die Qualität von Wasser ist weder im Wasserstoff noch im Sauerstoff.

Die Eigenschaft von Wasser ist eine neue Qualität - eine Harmonie.

Wenn sich Wasserstoff und Sauerstoff in einem bestimmten Verhältnis begegnen,

entsteht die durstlöschende Eigenschaft.

Die ganze Kunst des Yoga, von Tao, von Religion als solcher

ist, dass sich Nacht und Tag in einem bestimmten Verhältnis begegnen sollten;

ist, wie man die Harmonie zwischen dem Teufel und dem Göttlichen herstellen kann,

zwischen dem Dunklen und dem Hellen, dem Sommer und dem Winter, dem Leben und dem Tod; ist, wie man eine Harmonie zwischen ihnen erzeugen kann

so dass eine dritte Qualität entsteht.

Das ist Brahman, das ist Tao.

22.06.2007 um 20:38 Uhr

Tao Te King 22 (8)

von: tao

 Die Logik wird niemals auch nur eine Ahnung von Wahrheit ermöglichen, warte nicht länger darauf - denn Logik hat mit dem Leben nichts zu tun.

Das Leben ist unlogisch

und wenn du zu logisch wirst, wirst du verschlossen für das Leben.

Dann gehst du in eine mentale Richtung,

nicht in eine existentielle Richtung.

Lao-tse ist nicht logisch, er ist ein sehr, sehr einfacher Mensch,

überhaupt kein Gelehrter. Er ist kein Brahmane und kein Pundit, kein Priester und kein Schriftgelehrter. Er weiß nichts über Argumentation:

Er beobachtet einfach das Leben, er ist ein großer Beobachter des Lebens,

ein Zeuge, ein Zuschauer.

Er geht umher,

lebt mit den Bäumen, den Flüssen und den Wolken,

sieht dem Leben zu und versucht bloß zu verstehen, was das Leben ist

ohne irgendein eigenes Muster, eine Struktur, die er dem Leben aufzwingt.

Er hat kein System zum Aufzwingen, er hat nichts, was er dem Leben aufzwingen könnte,

er lässt es einfach zu.

Er öffnet seine Augen, reine ungetrübte Augen,

ohne irgendeine logische Kontamination,

und sieht einfach, was der Fall ist, um was es geht.

Und dann kommt er zu der Entdeckung, dass das Leben ein Paradox ist.

Wenn du das Paradox nicht verstehst

wirst du ständig das Leben verpassen.

Was seine Beobachtung ist, zu welcher Feststellung er kommt, ist:

Wenn du zu ehrgeizig bist, wirst du scheitern

denn Ehrgeiz versagt immer, und versagt total.

Je ehrgeiziger der Mensch ist, desto größer wird sein Scheitern sein.

Wenn du erfolgreich sein willst

wirst du schließlich frustriert sein, und sonst nichts.

Das scheint unlogisch zu sein

denn wenn ein Mensch erfolgreich sein möchte, sollte er Erfolg haben.

Das ist Logik.

Wenn ein Mensch Erfolg möchte, aber scheitert,

dann können wir es verstehen, wenn er die Dinge nicht richtig angepackt hat

dass dies vielleicht seinen Misserfolg verursacht hat,

aber Lao-tse sagt:

Die Idee des Erfolgs an sich ist die Ursache für Versagen.

Wenn zehn Personen eine Anstrengung unternehmen, um im Leben Erfolg zu haben

dann können wir verstehen, dass es logisch ist, dass ein paar versagen werden

denn die werden nicht imstande sein, damit zurechtzukommen, zu kämpfen,

ihre Intelligenz mag nicht ausreichend sein für ihr Verlangen,

ihre Energie mag nicht genug dafür sein

und da ist noch der Wettbewerb mit den anderen

die mehr Intelligenz haben, mehr Energie  und mehr Gusto -

die werden erfolgreich sein.

Also sagen wir, dass ein paar erfolgreich sein werden,

die all die Bedingungen dafür erfüllen, Erfolg zu haben

und andere werden scheitern, weil sie die Vorbedingungen nicht erfüllen konnten.

Das ist logisch.

Aber Lao-tse sagt: Alle werden scheitern, alle werden sicherlich versagen,

denn allein schon die Idee des Erfolgs ist die Saat des Misserfolgs.

  

21.06.2007 um 02:28 Uhr

Tao 286

von: tao

 Man muss verstehen

wie das Denken funktioniert, das ist alles.

Ein stillschweigendes Verstehen des Funkionierens des Denkens -

und plötzlich beginnst du zu lachen;

der ganze Trick ist verstanden.

Dann geht es nicht mehr darum, die Objekte zu wechseln

sondern einfach darsum, die Sehnsucht aufzugeben -

und „die Sehnsucht aufzugeben" sollte nicht missverstanden werden.

Damit ist nicht gemeint, dass du sie aufgibst.

Wenn das stille Verstehen da ist, fällt sie weg.

Plötzlich siehst du den springenden Punkt:

Dass das Leben hier ist,

und die Sehnsucht dort ist.

Du siehst den Punkt - und das Verlangen verschwindet.

Es ist bloß eine dünne Nebelwand um dich herum,

nichts Substantielles.

Du brauchst es nicht einmal wegzustoßen.

Du verstehst - es ist verschwunden.

Nicht dass du den Wunsch fallenläßt,

denn wie kannst du ihn aufgeben?

Du kannst ihn nur loslassen, wenn er durch irgendeinen anderen Wunsch ersetzt wird.

Wenn du hörst: Gib das Verlangen nach Geld auf

denn dann kannst du zu Gott gelangen!

- dann kannst du die Geldgier aufgeben,

weil dir ein anderes Wunschobjekt gegeben worden ist.

Du kannst das alte loslassen -

denn mit dem Alten bist du selbst schon frustriert, du hast es satt bekommen.

Nun dieses neue Objekt

wird der Sehnsucht helfen, ein paar Tage lang;

dann kannst du sie wieder aufgeben.

Objekte können aufgegeben werden

wenn das Wünschen erlaubt ist.

Das Denken kümmert sich nicht um Objekte.

Wenn du das Wünschen aufgibst,

verschwindet das Denken.

Denken ist Wünschen, das Denken ist keine Wesenheit.

Das Denken ist nicht etwas, was da ist,

das Denken ist bloß ein Prozess - des Verlangens.

Du sehnst dich? - das Denken ist da.

Du wünschst dir nichts? - das Denken ist nicht da.

Und wenn das Denken nicht ist, geschieht Erwachen.

Also geht es nicht darum

dass du etwas dafür tust, nein.

Es geht einfach darum, dass du hinschaust,

ganz entspannst es betrachtest.

Und das wird genügen, das reicht schon.

 

20.06.2007 um 01:55 Uhr

Tao 285

von: tao

Taoismus ist der Weg der Lebensbejahung. Taoismus lehrt das Leben in seiner Totalität. In der Vergangenheit sind die Religionen lebens-negativ gewesen. Sie haben das Leben verneint, sie zerstörten das Leben; sie sind antagonistisch zum Leben gewesen, ihr Gott war gegen das Leben. Für den Taoismus sind Leben und Gott synonym; es gibt keinen anderen Gott als das Leben selbst. Der Taoismus verehrt das Leben.

Und wenn das Leben Gott ist, dann ist Liebe sein Tempel. Diese drei Ls sind die Grundsätze der taoistischen Lehre: Leben als Gott, Liebe als die Kirche, Licht als die Erfahrung. Wenn du diese drei Ls gelernt hast, dann hast du alles gelernt.

Aber weil die Religionen antagonistisch zum Leben und zur Liebe geblieben sind, ist es natürlich, dass dies eine große Kontroverse heraufbeschwören wird. Das ist natürlich.

Warum sind die Religionen in der Vergangenheit negativ dem Leben gegenüber gewesen? Im Namen der Religion ist der Mensch ausgebeutet worden - ausgebeutet vom Priester und vom Politiker. Und der Priester und der Politiker sind in einer tiefgehenden Verschwörung gegen den Menschen gewesen. Der einzige Weg, den Menschen auszubeuten, ist, ihm Angst zu machen. Ist erst einmal ein Mensch voll Furcht, ist er bereit, sich zu unterwerfen. Zittert ein Mensch erst einmal innerlich, verliert er das Vertrauen in sich selbst. Dann ist er bereit, an irgendeinen dummen Unsinn zu glauben. Du kannst einen Menschen nicht dazu bringen, an Unsinn zu glauben, wenn er noch Selbstvertrauen hat.

Bedenke, so ist der Mensch durch die Jahrhunderte hindurch ausgebeutet worden. Das ist das eigentliche Geschäftsgeheimnis der so genannten Religionen: Mach dem Menschen Angst, lass den Menschen sich unwürdig fühlen, lass den Menschen sich schuldig fühlen, bring den Menschen dazu, dass er das Gefühl hat, dass er schon am Rande der Hölle steht.

Wie macht man dem Menschen so eine Angst? Der einzige Weg ist: Verdamme das Leben, verdamme, was auch immer natürlich ist. Verdamme Sex, weil Sex die Grundlage des Lebens ist; verdamme das Essen, weil das die zweite Grundlage des Lebens ist; verdamme die Beziehung, die Familie, die Freundschaft, weil das die dritte Grundlage des Lebens ist - und verurteile immer weiter. Was auch immer natürlich für den Menschen ist, verdamme es, sag, dass es falsch ist: „Wenn du das tust, wirst du dafür leiden. Wenn das das nicht tust, wirst du belohnt werden. Die Hölle wird sich auf dich herabsenken, wenn du weiterhin natürlich lebst" - das ist die Botschaft der ganzen Vergangenheit - „und der Himmel wird dir gegeben werden, wenn du gegen das Leben gehst."

Das bedeutet, wenn du selbstmörderisch bist, nur dann wird Gott dich akzeptieren. Wenn du ganz langsam Selbstmord begehst, in deinen Sinnen, im Körper, im Denken, im Herzen, und du zerstörst dich immer weiter, je mehr du Erfolg damit hast, dich selbst zu zerstören, desto mehr wirst du von Gott geliebt werden. Dies ist die ganze Lehre der Religionen in der Vergangenheit gewesen. Das hat das Wesen des Menschen kontaminiert, hat den Menschen vergiftet. Diese Vergifter haben den Menschen damit ungeheuer ausgebeutet. Diese Religionen der Vergangenheit waren todesorientiert, und nicht lebensorientiert.

Was der Taoismus verkündet, ist eine lebensorientierte Vision: Liebe das Leben in seiner Multidimensionalität, denn das ist der einzige Weg, der höchsten Wahrheit immer näher zu kommen. Die letzte Wahrheit ist nicht weit weg; sie ist im Unmittelbaren verborgen. Das Unmittelbare ist das Äußerste, das Immanente ist das Transzendente. Gott ist nicht dort, sondern hier. Gott ist nicht das, sondern dies. Und du bist nicht unwürdig, und du bist kein Sünder.

19.06.2007 um 01:05 Uhr

Südliches Blütenland 6/4 (15)

von: tao

 

In einer Diskussion magst du etwas beweisen,

aber nichts ist bewiesen.

Du magst den anderen zum Schweigen bringen, aber der andere ist niemals bekehrt.

Du kannst ihn nicht überzeugen,

denn dies ist eine Art von Krieg, ein zivilisierter Krieg -

du kämpfst zwar nicht mit Waffen, aber du kämpfst mit Worten.

Dschuang Dsi sagt:

Drei Freunde diskutierten das Leben -

das ist der Grund, warum sie zum Lachen kommen konnten,

sonst würde es bloß eine Schlussfolgerung gegeben haben.

Die eine Theorie hätte vielleicht andere Theorien besiegt,

die eine Philosophie hätte vielleicht andere Philosophien zum Schweigen gebracht,

dann wäre es zu einer abschließenden Schlussfolgerung gekommen -

und eine Schlussfolgerung ist tot.

Das Leben hat keine Schlussfolgerung.

Das Leben beherbergt keinen törichten Gedanken.

Es geht immer weiter, endlos,

es ist immer, ewig, eine fortschreitend andauernde Angelegenheit.

Wie kannst du darüber irgendeine Schlussfolgerung treffen?

In dem Moment, in dem du folgerst, bist du schon ausgestiegen.

Das Leben geht weiter und du bist ausgestiegen, vom Weg abgekommen.

Du magst dich an deine Schlussfolgerung klammern, aber das Leben wird nicht auf dich warten. Freunde können diskutieren. Warum?

Du kannst eine Person lieben, du kannst nicht eine Philosophie lieben.

Philosophen können keine Freunde sein.

Du kannst entweder ihr Schüler oder ihr Feind sein

aber du kannst nicht ihr Freund sein.

Entweder lässt du dich von ihnen überzeugen, oder du bist nicht überzeugt,

entweder du folgst ihnen oder du folgst ihnen nicht,

aber sie können keine Freunde sein.

Eine Freundschaft ist nur möglich zwischen zwei leeren Booten.

Dann bist du offen für den anderen, einladend für den anderen,

dann bist du ständig eine Einladung,

komm zu mir, komm herein, sei bei mir.

Du kannst Theorien und Philosophien wegwerfen

aber du kannst nicht die Freundschaft verwerfen.

Und wenn du dich in einer Freundschaft befindest, wird ein Dialog möglich.

Im Dialog hörst du zu, und wenn du sprechen musst,

sprichst du nicht, um dem anderen zu widersprechen,

du sprichst bloß, um zu suchen, um zu untersuchen.

Du sprichst, ohne dass du schon eine Schlussfolgerung erreicht hast,

aber mit einer Nachfrage, einer laufenden Untersuchung.

Du versuchst damit nicht, etwas zu beweisen:

Du sprichst aus einer Unschuld heraus, nicht von der Philosophie her.

18.06.2007 um 02:53 Uhr

Tao 284

von: tao

Dies ist ein innerer Mechanismus: Die Aufmerksamkeit geht zu dem Teil, der Schmerzen hat. Und das ist auch der Mechanismus der Familie, der Gesellschaft, der Welt im Großen. Hast du erst einmal den Trick gelernt, wird er unbewußt, er wird autonom; du verwendest einfach laufend den Trick, Der Ehemann kommt nach Hause und die Frau beginnt sofort, mies drauf zu sein.

Die Frau lacht noch und ist glücklich, und plötzlich kommt der Ehemann, und ihr Gesicht ändert sich. Nicht dass sie das tut, nein; es ist gar nicht mehr nötig, dass das gespielt wird, es ist schon automatisch: Sobald sie den Ehemann kommen sieht, hört, wie sich der Schlüssel im Schloss dreht, ereignet sich plötzlich eine automatische Veränderung in ihr. Ihr Gesicht wird unglücklich, weil der Ehemann nur dann ihr seine Aufmerksamkeit schenken wird, wenn sie schlecht drauf ist, sonst nicht.

Dieser Mechanismus muss bewusst gemacht werden. Hüte dich davor, sonst wird das alle Möglichkeiten zur Freude im Leben zerstören - es hat sie zerstört. Millionen von Leuten leben im Unglück und in der Hölle, weil sie nach Aufmerksamkeit hungern. Es ist dumm, sich nach Aufmerksamkeit zu sehnen, sie gibt dir gar nichts. Sie stärkt nur das Ego - was du nicht bist. Es ist nicht deine Essenz; es ist nur deine Persönlichkeit, dein Pseudo-Selbst. Sie nährt laufend das Pseudo-Selbst und das essentielle Selbst hungert ständig.

Das essentielle Selbst bedarf keinerlei Aufmerksamkeit. Das wesentliche Selbst kann ohne irgendeine Aufmerksamkeit leben, weil es von niemand anderem abhängig ist. Und das wesentliche Selbst ist dazu fähig, sich an seinem Alleinsein zu freuen. Es braucht nicht einmal den anderen, geschweige denn Aufmerksamkeit. Es bedarf nicht einmal des anderen. Seine Wonne ist innerlich. Sie kommt nicht von außen her, sie hängt von keinerlei Bedingung ab. Sie ist bedingungslos. Sie ist ein spontanes, inneres und immanentes Phänomen.

Beobachte dich und sieh, wie du vom Unglücklichsein profitierst, und dann wirst du wissen, warum es so schwierig ist, sich zu freuen. Beende diese Investitionen in das Unglücklichsein, und die Freude wird wieder fließen.

Wir sind mit Freude geboren. Freude ist unser eigentliches Wesen. Es braucht nichts, freudevoll zu sein. Man kann einfach froh sein, indem man allein dasitzt. Freude ist natürlich, Unglück ist unnatürlich. Aber Unglück zahlt sich aus und Freude ist zwecklos - sie wird dir keinerlei Profit einbringen.

Man muss sich also entscheiden. Wenn du fröhlich sein willst, musst du ein Niemand sein - das ist die Entscheidung. Wenn du froh sein willst, wirst du ein Niemand sein müssen, weil du keinerlei Aufmerksamkeit bekommen wirst. Im Gegenteil, die Leute werden neidisch sein, die Leute werden dir gegenüber antagonistisch sein. Die Leute werden dich nicht mögen. Die Leute werden dich nur mögen, wenn du unglücklich bist, dann werden sie mit dir sympathisieren. Durch diese Sympathie wird dein Ego erfüllt und ihr Ego ist erfüllt. Immer wenn sie mit jemandem sympathisieren, sind sie höher und du bist niedriger. Sie haben die Oberhand. Sie genießen den Sympathietrip. Sympathie ist gewalttätig. Sie sehen die Tatsache, dass du unglücklich bist und sie sind es nicht. Sie sind in einer Position, von der aus sie sympathisieren können und du bist in einer Position, dass man mit dir Sympathie haben kann. Ihr Ego wird erfüllt und dein Ego ist erfüllt, denn „Schau doch", sagst du zu dir selbst, „wie wichtig du bist: Jeder sympathisiert mit dir." Also ist das Ego auf beiden Seiten erfüllt. Das ist profitabel, niemand verliert etwas dabei.

17.06.2007 um 02:00 Uhr

Tao Te King 71 (10)

von: tao

Du spielst das Spiel von Ehemann oder Ehefrau;

du weißt, wenn du damit aufhörst, das Spiel zu spielen, wirst du verrückt werden.

Du spielst das Spiel immer weiter, das die Gesellschaft dir aufgezwungen hat,

aus Angst, dass, wenn du aus dem Spiel aussteigst - wohin wirst du dann aussteigen?

Steige aus der Gesellschaft aus und du steigst in das Chaos ein.

Dann ist alle Sicherheit verloren.

Konfusion.

Also ist eine Möglichkeit Konfusion, Neurose, Irrenhaus;

eine andere Möglichkeit ist: Wenn du achtsam bleibst, meditativ, bewusst,

wird das Chaos wunderschön.

Dann ist es kein Chaos, es hat eine eigene Ordnung,

eine eigene innere Ordnung.

Sogar der Sturm ist schön

wenn du in ihm achtsam bleiben kannst und dich nicht damit identifizierst.

Dann umgibt dich das Chaos wie eine gewaltige Energie, die sich überall um dich herum bewegt, und du stehst genau im Zentrum, ungerührt,

deine Bewusstheit wird überhaupt nicht davon berührt.

Dies gibt dir zum ersten Mal eine Ahnung

was geistige Gesundheit ist.

Leute, die zur zweiten Ebene, der Schicht der Rollenspiele, gehören

sehen nur geistig gesund aus, sie sind nicht geistig gesund.

Zwinge sie in die dritte Schicht, die Ebene des Chaos, und sie werden geisteskrank werden.

Leute, die auf der dritten Ebene sind und dabei bewusst sind - die sind geistig gesund,

sie können nicht dazu gezwungen werden, verrückt zu werden;

keine Situation kann sie dazu zwingen, geisteskrank zu werden.

Leute in der zweiten Schicht

sind immer schon genau an der Grenze.

Ein kleiner Schubs -

die Börse macht eine Talfahrt oder sie gehen bankrott

oder die Frau stirbt,

oder der Sohn wird ein Hippie -

und sie fallen in die dritte;

sie werden verrückt.

Leute auf dem zweiten Level

sind immer schon dazu bereit, verrückt zu werden; irgendeine Situation, bloß ein kleiner Anstoß. Sie kochen schon bei neunundneunzig Grad;

nur noch ein Grad mehr ist nötig -

und das kann in jedem Moment passieren.

Und sie werden durchdrehen.

Einer, der sich in die dritte begibt, bewusst,

geht über Verrücktheit hinaus.

Dann ist da die vierte Schicht.

Wenn du durch die dritte hindurchgehst, nur dann kannst du die vierte betreten.

Fröhlich

16.06.2007 um 01:30 Uhr

Quellender Urgrund 2/20 (3)

von: tao

Einst geschah es, dass Mullah Nasruddin zu seinem Meister kam, sehr verstört, traurig und perplex, und zu ihm sagte: „Ich habe große Probleme. Ein Problem ist aufgetreten. Und ich bin kein blinder Gläubiger, ich bin ein rationaler Mensch. Also fragte der Meister ihn: Was ist das Problem? Er sagte: Heute morgen sah ich eine Maus, wie sie auf dem Koran saß, dem heiligen Koran. Also bin ich beunruhigt. Wenn der Koran sich nicht gegen eine gewöhnliche Maus schützen kann, wie kann er mich dann schützen? Mein ganzer Glauben ist erschüttert, mein ganzes Wesen ist beunruhigt. Nun kann ich nicht mehr an den Koran glauben. Was soll ich tun? Also sagte der Meister zu ihm: Das ist der logische Schritt. Fang nun an, an die Maus zu glauben, denn du hast mit deinen eigenen Augen gesehen, dass die Maus stärker ist als der heilige Koran. Und natürlich ist Stärke das einzige Kriterium für das Denken, Macht ist das, wonach das Denken auf der Suche ist - Friedrich Nietzsche hat Recht. Er sagte zu Mullah Nasruddin: Der Mensch ist nichts als ein Wille zur Macht. Und nun hast du mit deinen eigenen Augen gesehen, dass eine Maus mächtiger ist als der heilige Koran. Er war überzeugt. Natürlich gab es keinen Weg, der Logik zu entkommen, also begann er, die Maus zu verehren. Aber bald bekam er wieder Probleme, denn eines Tages sah er, wie sich eine Katze auf die Maus stürzte. Aber dieses Mal kam er nicht zum Meister, um ihn zu fragen; nun hatte er den Schlüssel in seiner eigenen Hand - er begann die Katze zu verehren. Bald hatte er wieder Probleme. Ein Hund jagte die Katze, und die Katze zitterte am ganzen Körper. Also begann er, den Hund zu verehren. Aber dann bekam er wieder Probleme. Eines Tages schlug seine Frau den Hund tot. Dann kam er wieder zum Meister. Er sagte: Das ist nun zu viel. Ich kann eine Maus verehren, eine Katze, einen Hund, aber nicht meine eigene Frau. Aber der Meister sagte ihm: Nasruddin, du bist ein rationaler Mann, und so geht die Vernunft nun mal. Du kannst nicht mehr zurückgehen, du musst es akzeptieren. Also sagte Nasruddin: Dann will ich folgendes tun. Ich werde ein Bild von ihr nehmen, ohne dass das irgendjemand weiß, und ich werde mich in mein Zimmer zurückziehen, die Türe von innen verschließen und sie verehren. Aber bitte sag ihr das nicht. Also begann er, sie insgeheim, wenn er allein war, zu verehren. Das ging eine Zeitlang gut. Dann kam eines Tages Mullah Nasrudins Frau zum Meister gerannt und sagte: Wir dachten, dass er wenig übergeschnappt sei, weil er eine Maus verehrt hatte, dann eine Katze verehrte, dann einen Hund, und seit ein paar Tagen hat er etwas Geheimes in seinem Zimmer getan. Er verschließt es und niemand darf hinein. Aber heute, bloß aus Neugier, schaute ich durch das Schlüsselloch, und das ist mehr, als ich ertragen kann! Der Meister fragte; Was hat er denn getan? Sie sagte: Komm nur mit und schau es dir selbst an. Also musste der Meister mitgehen, musste durch das Schlüsselloch schauen! Nasruddin stand nackt vor einem Spiegel und verehrte sich selbst. Also klopfte der Meister an die Türe, Nasruddin kam heraus und sagte: Das ist eine logische Schlussfolgerung. Heute Morgen wurde ich wütend und ich schlug meine Frau, und dann dachte ich: Ich bin mächtiger als sie. Also verehre ich mich nun selbst.

So geht das Denken immer weiter, bis es beim Ego landet - das letzte Ziel ist das „Ich". Und wenn du auf das Denken hörst, wird dieses Ziel früher oder später kommen: Du wirst dich selbst verehren müssen. Und das ist kein Witz. Auf diese Weise ist die ganze Menschheit zur Anbetung gekommen. Alle Götter sind weggeworfen worden, alle Tempel sind nutzlos geworden, und der Mensch verehrt sich selbst. Wie geschieht das? Wenn du auf das Denken hörst, wird es dich überzeugen, durch subtile Argumente, dass du das Zentrum der Welt bist, du bist das signifikanteste Wesen auf dieser Welt, du bist der Überragendste - du bist Gott. Diese egoistische Einstellung muss zwangsläufig kommen, sie ist ein logischer, finaler Schritt.

Wütend

15.06.2007 um 01:51 Uhr

Südliches Blütenland 1 (11)

von: tao

  Weil du dir nicht des inneren Königreichs bewusst bist,

hast du immer das Gefühl, dass etwas mehr nötig ist, irgendein Sieg,

um zu beweisen, dass du kein Bettler bist.

Einst kam Alexander der Große nach Indien - um zu gewinnen, natürlich.

Wenn du es nicht nötig hast, zu gewinnen, wirst du nirgendwo hingehen.

Warum sich Umstände machen? Athen war so schön,

es bestand keine Notwendigkeit, sich darum zu kümmern, sich auf solch eine lange Reise zu begeben. Unterwegs hörte er

dass an einem Flussufer ein Mystiker lebte, Diogenes.

Er hatte viele Geschichten über ihn gehört.

In jenen Tagen, speziell in Athen,

wurde nur über zwei Namen gesprochen -

der eine war Alexander, der andere war Diogenes.

Sie waren zwei Gegensätze, zwei Polaritäten.

Alexander war ein Herrscher, der versuchte, ein Königreich zu erschaffen

das sich vom einen Ende der Erde zum anderen erstreckte.

Er wollte die ganze Welt in Besitz nehmen;

er war der Eroberer, der Mann auf der Suche nach dem Sieg.

Und Diogenes war exakt das Gegenteil.

Er lebte nackt, er besaß nicht ein einziges Ding.

Am Anfang hatte er eine Bettlerschale

zum Wassertrinken, oder manchmal um Essen zu erbetteln.

Dann sah er eines Tages einen Hund aus dem Fluss Wasser trinken

und sofort warf er seine Schale weg.

Er sagte: Wenn Hunde es ohne tun, warum dann nicht ich?

Hunde sind so intelligent, dass sie es ohne eine Schale tun können.

Ich muss sehr dumm sein, wenn ich diese Schale noch mit mir trage,

sie ist eine Bürde.

Er nahm diesen Hund als seinen Meister an,

und lud den Hund ein, bei ihm zu sein

weil er so intelligent war. Der Hund hatte ihm gezeigt

dass diese Schale eine unnötige Last war - es war ihm nicht bewusst gewesen.

Und von da an blieb der Hund bei ihm.

Sie pflegten zusammen zu schlafen, ihr Essen zusammen einzunehmen.

Der Hund war sein einziger Gefährte.

Jemand fragte Diogenes:

Warum bist du in Gesellschaft eines Hundes?

Er sagte: Er ist intelligenter als so genannte menschliche Wesen.

Ich war nicht so intelligent, bevor ich ihn traf.

Als ich ihn sah, ihm zuschaute, hat er mich wacher gemacht.

Er lebt im Hier und Jetzt,

ohne sich um irgendetwas zu kümmern, ohne irgendetwas zu besitzen.

Und er ist so glücklich, dass er, indem er nichts hat, alles hat.

Ich bin noch nicht so zufrieden, eine gewisse Beklommenheit bleibt in mir.

Wenn ich genau wie er geworden bin,

dann werde ich das Ziel erreicht haben.

14.06.2007 um 02:31 Uhr

Quellender Urgrund 2/16 (1)

von: tao

„Als Yang Dschu durch Sung reiste, verbrachte er die Nacht in einer Gastwirtschaft.

Der Gastwirt hatte zwei Nebenfrauen - die eine schön, und die andere hässlich.

Die Hässliche schätzte er, und die Schöne vernachlässigte er. Als Yang Dschu nach dem Grund dafür fragte, antwortete der Bursche: Die Schöne hält sich für schön, und ich bemerke ihre Schönheit nicht; die Hässliche hält sich für hässlich, und ich nehme keine Notiz von ihrer Hässlichkeit.

Yang Dschu sagte zu seinen Schülern: Bedenkt dies - wenn ihr edel handelt und aus eurem Denken den Gedanken verbannt, dass ihr großmütig seid, wohin könnt ihr gehen und nicht geliebt werden?"

Das Ego existiert durch Selbstbewusstsein; anders kann es nicht existieren. Aber bedenke, Selbstbewusstsein ist nicht das Bewusstsein vom Selbst. Selbstbewusstsein ist nicht Selbst-Erinnerung, Selbstbewusstsein ist tatsächlich überhaupt kein Bewusstsein. Es ist ein unbewußter Zustand. Wenn du selbstbewusst bist, bist du nicht achtsam, du bist nicht aufmerksam; du weißt nicht, dass du selbstbewusst bist. Wenn du bewusst wirst, verschwindet das Selbstbewusstsein. Wenn du ein Zuschauer wirst, dann ist das Selbstbewusstsein nicht mehr zu finden. Bedenke ein Kriterium: Was auch immer durch Bewusstheit verschwindet, ist illusorisch, und was auch immer trotz Bewusstheit bleibt, nicht nur bleibt, sondern kristallisierter wird - das ist real. Mach das zu einem Kriterium: Das Bewusstsein ist der Prüfstein. Wenn dir in einem Traum bewusst werden kann, dass du gerade träumst, dann verschwindet der Traum augenblicklich. Nicht einmal den Bruchteil einer Sekunde kann er noch da bleiben. In dem Moment, in dem dir bewusst wird, dass es ein Traum ist, ist er nicht mehr da, denn die eigentliche Natur eines Traums ist illusorisch - er existiert, weil du nicht da bist. Wenn du da bist, verschwindet er. Er existiert nur, weil du unbewußt bist. Wenn du dies als deinen Prüfstein nimmst, und damit alles berührst, was dir passiert, wird so viel in dir geschehen, solch eine großartige Transformation ist dadurch möglich, dass du es dir vorher gar nicht vorstellen kannst. Wut ist da; wenn du bewusst wirst, verschwindet sie. Liebe ist da; wenn du bewusst wirst, wird sie kristallisierter. Dann ist Liebe Teil der Existenz, und Wut ist Teil des Träumens. Wenn du unbewußt bist, dann existierst du, wenn du bewusst wirst, löst du dich einfach auf, du bist nicht mehr da - dann existiert Tao. Und ihr beide könnt nicht zusammen existieren - entweder du oder Tao. Da gibt es keine Wahl und da gibt es keinen Kompromiss. Du kannst nicht sagen: Fifty-fifty, ein wenig Ich und ein wenig Tao. Nein, das ist nicht möglich. Du bist einfach nicht mehr zu finden, und Tao ist. Also ist Selbstbewusstsein kein richtiges Wort, denn Bewusstsein kommt darin vor, und es ist ein sehr unbewußter Zustand. Es wäre besser, Selbstbewusstsein Selbst-Unbewußtsein zu nennen. Immer wenn du das Gefühl hast, dass du bist, ist etwas krank.

Dschuang Dsi sagt: Wenn der Schuh nicht passt, dann bist du dir deiner Füße bewusst. Wenn der Schuh passt, sind die Füße vergessen. Es ist wegen der Kopfschmerzen, dass du dir deines Kopfes bewusst wirst. Wenn die Kopfschmerzen verschwinden, wo ist dann der Kopf? Zusammen mit den Kopfschmerzen verschwindet auch der Kopf. Wenn etwas nicht stimmt, wird das wie eine Wunde. Wenn du krank bist, dann existiert dieses so genannte Selbstbewusstsein. Wenn alles passt, eine Harmonie ist, und es keinen Missklang gibt, der Schuh nicht drückt, alles absolut in Ordnung ist, dann bist nicht selbstbewusst. Dann bist du. Tatsächlich bist du zum ersten Mal, aber du bist nicht selbstbewusst.

Verrückt 

13.06.2007 um 00:51 Uhr

Tao Te King 45 (9)

von: tao

 

Du siehst eine bestimmte Sache und da ist keine Lücke:

Das Denken beginnt sofort zu spinnen und es erzeugt eine Interpretation.

Deine Interpretation ist keine Realität.

Du bist unwirklich, wie kann deine Interpretation wirklich sein?

Von einem unwirklichen Wesen ist nur eine unwirkliche Interpretation möglich.

Gib alle Interpretationen und alle Urteile auf.

Wenn du einen wirklichen Menschen mit Bewusstheit kennenlernen willst,

dann lass das Urteilen sein.

Es ist sehr, sehr schwierig, das Beurteilen aufzugeben,

ohne Urteil zu bleiben, bloß hinzuschauen, bloß zu sehen,

bloß den Dingen zu erlauben, ihren eigenen Lauf zu nehmen;

aber wenn du das nicht tust, wird, was Lao-tse sagt, geschehen.

Lao-tse sagt:

„Die höchste Perfektion ist wie Unvollkommenheit."

Für dich, natürlich.

Wenn du zu einem vollkommenen Menschen kommst, wird er dir unvollkommen vorkommen. Warum? Das ist sehr subtil, aber versuche, es zu verstehen.

Ein Mensch, der wirklich vollkommen ist, ist niemals ein Perfektionist

- das muss verstanden werden -

und ein Perfektionist ist niemals ein perfekter Mensch.

Ein vollkommener Mensch ist total,

ein Perfektionist ist fragmentarisch.

Ein Perfektionist hat sich für einen Lebensstil entschieden

und er macht ihn laufend immer kultivierter, er poliert ihn ständig auf.

Er kann sehr, sehr perfekt werden, aber er wird immer unvollkommen bleiben

denn er hat viele Dinge vermieden, die inkorporiert werden müssen -

sonst kann das Leben nicht perfekt sein.

Nut ein totales Leben kann vollkommen sein.

Zum Beispiel:

Ein Mensch, der versucht hat, keine Sünde zu begehen,

und er hat keine Sünde begangen, hat ein reines, moralisches Leben gelebt,

dieser Mensch, wie perfekt auch immer,

wird unvollkommen sein, denn er hat die Sünde nicht kennen gelernt.

Die Sünde muss irgendwie der Vollkommenheit dienen,

sie hat eine gewisse Nützlichkeit, sonst würde es sie nicht geben.

Der Teufel steht im Dienste Gottes,

sonst gäbe es keinen Bedarf für ihn.

Der Teufel mag gegen Gott agieren

aber auch das ist Teil des ganzen Dramas.

Der Teufel muss inkorporiert werden.

Wenn du ihn verneinst, wird ein Teil in dir verneint werden,

und das ist eine Hälfte von dir.

Wenn du zum Beispiel Wut verneinst, wenn du Hass verleugnest,

dann verneinst du alles, von dem die Moralisten sagen, dass es falsch ist, du verleugnest dies alles, doch dann wird die Hälfte deines Wesens verneint -

der nächtliche Teil, der dunkle Teil, wird verleugnet.

12.06.2007 um 23:13 Uhr

Tao 283

von: tao

Wie kannst du diesen Druck, der auf dir lastet, entspannen? Du wirst dich absichtlich in meditative Momente hineinbegeben müssen.

Wenn eine Person nicht wenigstens eine Stunde am Tag meditiert, dann wird ihre Neurose kein Zufall sein; sie wird sie sich selbst erschaffen. Eine Stunde lang sollte sie von der Welt verschwinden hinein in ihr eigenes Wesen. Eine Stunde lang sollte sie so alleine sein, dass nichts in sie hineinkommt - keine Erinnerung, kein Gedanke, keine Imagination; eine Stunde lang kein Inhalt in ihrem Bewusstsein, und das wird sie verjüngen und das wird sie erfrischen. Das wird neue Energiequellen in ihr freisetzen und sie wird zurück in der Welt sein, jünger, frischer, lernfähiger, mit mehr Staunen in ihren Augen, mit mehr Ehrfurcht in ihrem Herzen - wieder ein Kind.

Dieser Druck des lebenslänglichen Lernens und die alte Angewohnheit, nicht mehr zu lernen, treibt die Leute in den Wahnsinn. Das moderne Denken ist wirklich überladen und überlastet, und ihm wird keine Zeit gelassen, dies alles zu verdauen und es in das eigene Wesen zu assimilieren. Das ist der Punkt, wo die Meditation hereinkommt und signifikanter wird als jemals zuvor: Wenn dem Denken keine Zeit gegeben wird, in Meditation zu ruhen, unterdrücken wir all die Botschaften, die kontinuierlich in uns einfließen. Wir weigern uns, zu lernen. Wir sagen, wir haben keine Zeit. Dann beginnen diese Botschaften, sich zu akkumulieren.

Wenn du nicht genügend Zeit hast, auf die Botschaften zu hören, die dein Denken ständig empfängt, dann beginnen sie sich anzuhäufen, genau wie Akten, die sich auf deinem Tisch aufstapeln - ein Stoß von Briefen, der sich auf deinem Tisch aufstapelt, weil du nicht genug Zeit hast, sie zu lesen und sie zu beantworten. Genau so wird dein Denken überhäuft: So viele Akten, die darauf warten, dass du endlich in sie hineinschaust, so viele Briefe, die gelesen werden sollen, die beantwortet werden sollen, so viele Herausforderungen, die angenommen werden müssen, denen du dich stellen solltest.

Mullah Nasruddin sagte eines Tages: „Wenn heute etwas schief läuft, werde ich mindestens drei Monate lang keine Zeit haben, mich darum zu kümmern. Es ist schon so vieles verkehrt gelaufen, was noch auf mich wartet. Wenn heute etwas schief läuft", sagte er, „werde ich wenigstens drei Monate keine Zeit haben, mich darum zu kümmern."

Eine Schlange - du kannst diese Warteschlange in dir selbst sehen - und die Schlange wächst immer weiter. Und je länger die Schlange ist, desto weniger und weniger Raum hast du noch; je länger die Schlange, desto mehr und mehr Lärm in dir, denn alles, was du akkumuliert hast, verlangt nach deiner Aufmerksamkeit.

Das fängt für gewöhnlich dann an, wenn man so um die fünf Jahre herum alt ist, wenn das reale Lernen praktisch aufhört, und das hält bis zum Tode an. Früher, in der Vergangenheit, war das in Ordnung. Fünf oder sieben Jahre waren genug, um alles zu lernen, was du in deinem Leben brauchen würdest - das reichte aus: Sieben Jahre Lernen reichte aus für siebzig Lebensjahre. Aber nun ist das nicht mehr möglich. Du kannst nicht mehr aufhören mit dem Lernen, denn immer ereignen sich neue Dinge und du kannst dich diesen neuen Dingen nicht mit deinen alten Ideen stellen. Du kannst dich nicht mehr auf deine Eltern und ihr Wissen verlassen, du kannst dich nicht einmal mehr auf deine Lehrer in der Schule und der Universität verlassen, denn das, über was sie geredet haben, ist schon wieder veraltet. Viel mehr ist passiert; viel ist schon wieder revidiert worden, viel Zeit ist schon wieder vergangen.

11.06.2007 um 15:26 Uhr

Tao 282

von: tao

Wie kannst du dich an etwas erfreuen

was schon auf dich herabregnet

wenn das Denken doch nicht hier ist?

Das Leben ergießt sich laufend,

Tao umgibt dich ständig,

aber dein Denken ist irgendwo anders –

in der Zukunft, bei irgendeinem Resultat, in der Sehnsucht.

Auf diese Weise verpasst du es!

Das Verlangen gibt dir den Freiraum, so dass du dich ins Nirgendwo begeben kannst;

und du bist immer hier,

deine konkrete Existenz ist immer in der Gegenwart.

Aber das Wünschen hilft dir dabei,

andere Welten zu erschaffen, die es nicht gibt.

Schau dir einen Menschen an, der sich nach Geld sehnt.

Er hat zehntausend Euro – er kann sich nicht dran freuen

denn er wünscht sich zehn Millionen Euro.

Er ist unglücklich.

Diese zehntausend Euro machen ihn nicht reich.

Er fühlt sich miserabel.

Diese zehn Millionen, nach denen er verlangt, machen ihn arm.

Er wird sich nur freuen, wenn die zehn Millionen da sind.

Aber denkst du wirklich, dass er sich dann freuen wird?

Wenn die zehn Millionen da sind

muss sich das Denken schon weiterbewegt haben,

denn das Denken hat den Trick gelernt, wie man weitergeht:

Von zehntausend zu zehn Millionen,

von zehn Millionen zu zehn Billionen!

Die Proportion, das Verhältnis, der Abstand, bleiben das gleiche.

In der Zeit, in der er die zehn Millionen erreicht

wünscht sich das Denken schon längst zehn Billionen.

Er kann sich nicht über zehn Millionen freuen,

er ist nicht reich dadurch,

er ist arm wegen der zehn Billionen.

Du fängst das Meditieren an,

du kannst nicht genießen, was dir da geschieht,

dein Denken denkt an Erleuchtung.

Und sogar, wenn es möglich wäre,

dass sich Erleuchtung ereignen würde – was nicht möglich ist –

du würdest auch das nicht genießen können.

Dein Denken würde schon wieder unterwegs sein zu einer anderen großartigen Erleuchtung.

Das ist die Natur der Sehnsucht – ständig immer weiter zu gehen.

Wenn Gott genau vor dir stehen würde,

würdest du schon längst weitergegangen sein

zu irgendeinem anderen großartigen Gott –

dieser Gott bringts doch nicht.

Ist nicht genug.

Erfüllt dich nicht.