Taoistische Reflektionen

21.08.2015 um 02:14 Uhr

Alles, was ich wirklich habe, ist mein eigenes Selbst, alles andere gehört zur Welt, gehört nicht mir.

von: tao

 Nur sehr selten möchte jemand glücklich sein auch wenn alle das Gegenteil behaupten. Nur sehr selten ist jemand wirklich bereit, sich glücklich zu fühlen. Die Menschen haben so viel in ihr Elend investiert. Sie lieben es, unglücklich zu sein. Tatsächlich sind sie erst richtig glücklich, wenn sie unglücklich sind.
Ich werde erst richtig Mensch, wenn ich die volle Verantwortung für mich übernehme, wenn ich mich für alles, was ich bin, verantwortlich fühle. Das ist die Grundvoraussetzung und erfordert den meisten Mut. Es ist sehr schwierig zu akzeptieren, denn ich frage ich sofort: »Wenn ich selber verantwortlich bin, wieso erschaffe ich mir dann all das Elend?« Um das zu vermeiden, schiebe ich die Verantwortung auf jemand anderen ab: »Was kann ich schon tun? Ich bin hilflos, ich bin ein Opfer. Ich werde von höheren Gewalten beherrscht und mal hierhin, mal dorthin geworfen. Ich kann nichts dagegen ausrichten. Ich kann höchstens darüber jammern, wie unglücklich ich bin. Und das ganze Gejammer macht mich nur noch unglücklicher.« Und weil sich alles verstärkt, je öfter ich es wiederhole, wird mein Elend tiefer und tiefer und ich versinke immer mehr darin.  Niemand anderes, keine andere Macht tut etwas mit mir. Ich allein bin es. Das ist die ganze Lehre vom Karma — ich selber tue alles. "Karma" bedeutet "Tun". Ich selbst habe es getan und ich selbst kann es wieder auflösen. Und es gibt keinen Grund zu warten und es aufzuschieben. Ich  brauche keine Zeit dafür — ich kann ganz einfach hinausspringen.
Doch ich habe mich an mein Elend gewöhnt. Ich würde mich sehr einsam fühlen, wenn ich aufhören würde, unglücklich zu sein. Ich würde meinen treuesten Gefährten verlieren. Er ist mein Schatten geworden, er folgt mir auf Schritt und Tritt. Wenn sonst keiner da ist, ist wenigs- tens mein Elend bei mir. Ich bin damit verheiratet. Und diese Ehe dauert schon sehr lange. Ich bin seit vielen Leben mit dem Elend verheiratet. Jetzt ist die Zeit für die Scheidung gekommen. Das nenne ich wirklichen Mut — mich von meinem Elend zu trennen und damit die älteste Gewohnheit in meinem Denken, meinen ältesten Gefährten zu verlieren.


Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenPandschala schreibt am 21.08.2015 um 10:43 Uhr:das ist der casus knaxus - lieben Gruß
  2. zitierentao schreibt am 22.08.2015 um 20:45 Uhr:Ich denke da liegt der Kasus knaxus…dass wir immer alles bewerten/bestimmen müssen.
  3. zitierenLyriost schreibt am 29.08.2015 um 17:45 Uhr:"Doch ich habe mich an mein Elend gewöhnt. Ich würde mich sehr einsam fühlen, wenn ich aufhören würde, unglücklich zu sein." Das tut mir leid für dich, denn mir geht es meistens ziemlich gut. Und das ganz ohne Taoismus.
  4. zitierentao schreibt am 30.08.2015 um 01:53 Uhr:Aber das ist mein ganzes Anliegen: Du sollst dich gut fühlen, so wie du bist.
  5. zitierenLyriost schreibt am 01.09.2015 um 16:43 Uhr:Ja, tao, aber wo bleibt dann das von dir postulierte Elend?

    Aber vielleicht meinst du ja: einige Menschen oder manche Menschen oder ein paar Menschen oder wenige oder sogar viele Menschen, wenn du schreibst "alle" und "die Menschen". Vielleicht meinst du aber auch etwas ganz anderes, wenn du schreibst "ich". Vielleicht aber tatsächlich nur das. Wenn das so ist, dann solltest du es schreiben. Und es unterlassen, andere in einen Opferstatus hineinzufabulieren.

    Das von dir so verachtete Denken ist manchmal ganz nützlich. Und wenn es nur dazu dient, sich selbst nicht irgendwelchen Unsinn einzureden und sich von andern nichts dergleichen einreden zu lassen.


  6. zitierentao schreibt am 01.09.2015 um 19:42 Uhr:Ja, tao, aber wo bleibt dann das von dir postulierte Elend?
    Dir scheint das Phänomen des Elends nicht bewusst zu sein – wie zerstörerisch es ist für Dich. Nicht-Denken ist kreativ, Denken ist destruktiv. Aber das Nicht-Denken ist nicht verlässlich, in diesem Moment kann es da sein, im nächsten ist es verschwunden. Und der Mensch möchte beständige Dinge, er ist besessen von Beständigkeit. Er möchte Sicherheit. Und da das Nicht-Denken nicht abrufbar ist, klammert er sich an das Denken.
    Das Denken ist eine Plastikblume. Nicht-Denken ist eine wirkliche Rose, aber die wirkliche Rose ist am Morgen wunderschön, und am Abend ist sie verblüht. Niemand kann sagen, wann das anfängt, wann die Blütenblätter anfangen zu fallen. Nur ein starker Wind, und sie ist dahin, nur ein starker Sonnenschein, und sie ist dahin. Aber die Plastikblume bleibt, ob Regen, ob Sonnenschein, egal was kommt, die Plastikblume bleibt. Tatsächlich ist Plastik das einzige Beständige auf der Welt.
    Das Denken ist eine Plastikblume – konditioniert durch und in Institutionen, und wer will schon in einer Institution leben?
  7. zitierenLyriost schreibt am 01.09.2015 um 21:02 Uhr:Was ein Elend, wenn man es nicht spürt. Lieber tao, die Menschen sind nicht so, wie du sie dir zurechtmachst.
  8. zitierenLyriost schreibt am 01.09.2015 um 21:23 Uhr:Und noch was: Dein Kardinalfehler ist, daß du versuchst, ideologiekritisch zu argumentieren, ohne zu begreifen, daß du das aus einer unreflektierten ideologischen Position heraus tust, deine eigene Ideologie von der Kritik ausnimmst: Du wirfst alle anderen in einen Topf, in den du selbst gehörst. Das ist ungeheuer amüsant. Das Metaphernfeld Plastikblume – Rose blüht nicht, solange du selbst Plastikblumen in die Vase stellst oder mit ihnen herumschwenkst.
  9. zitierentao schreibt am 02.09.2015 um 02:12 Uhr:
    Lyriost:Was ein Elend, wenn man es nicht spürt. Lieber tao, die Menschen sind nicht so, wie du sie dir zurechtmachst.

    Meistens wird dieses Elend erst im Augenblick des Todes verspürt und dann mit dreifachem Gejammer drauf reagiert.
  10. zitierentao schreibt am 02.09.2015 um 02:21 Uhr:Und noch was: Ich finde mich mit der Wirklichkeit ab; ich akzeptiere sie so, wie sie ist. Ich stelle keine Ansprüche. Ich habe kein Anspruchsdenken. Ich sage nicht: „So und so hätt ich's gern." Ich sehe mir die Tatsachen an und sage: „Aha, so ist das." Dieses Mich-Abfinden mit der Wirklichkeit macht es mir unmöglich, unglücklich zu sein. Denn Unglück kommt nur, wenn ich Ansprüche stelle. Tatsächlich ist Unglück nichts weiter als ein Zeichen dafür, daß ich gegen die Wirklichkeit verstoße. Und an der Wirklichkeit kann ich keinen Deut ändern; ich muss mich von der Wirklichkeit ändern lassen. Ich finde mich mit ihr ab, ich füge mich der Wirklichkeit.
  11. zitierenSweetFreedom schreibt am 02.09.2015 um 07:04 Uhr:Ein Mann rief: "Ich bin erleuchtet! Ich weiß alles. Folget mir nach!"
    Da sagte ein weiser Mann: Nee, Du bist nur so hoch geflogen, daß Du am Ende dachtest, Du selbst seist die Sonne. Du bist so menschlich, verwundbar und fehlbar wie wir alle. Wie alle Wege nach Rom führen, führt jeder Weg zu unserem "Gott". Die einen machen erst Weltreisen per pedes, andere jetten nach Rom. Manche schaffen es erst im nächsten Leben, vielleicht. Tempo und Richtung der Menschen sind vermeintlich unterschiedlich. Sie sind aber alle Teil eines Universums, dessen Natur vielleicht doch eine ganz andere ist, als Du Dir vorstellen kannst.
    Du predigst von der Kanzel in eine leere Kirche hinein. Die Leute tun genau das, was Du von ihnen verlangst: sie sind auf dem Wege der Erkenntnis, aber auf ihre Art, in ihrem Tempo.
    Nun hör auf zu schreien, geh wieder an die Arbeit. Falls ich Dich irgendwann erleuchtet vorfinde, werde ich mich erfreuen an Deiner Ausstrahlung. Erleuchtete kreischen nicht, sie summen. ;-)
  12. zitierentao schreibt am 03.09.2015 um 01:15 Uhr:Alles Existierende, jeder Mensch, jeder Stein, jedes Tier, jeder Gedanke ist nicht von Dauer und hat nur relative Wirklichkeit. Daher sagen die Taoisten, dass alle Formen „leer” sind und nicht dem Geist, der dauerhaft, ewig, beständig ist, angehören. Paradoxerweise aber ist der Geist selbst Leere und nichts existiert außerhalb (und innerhalb) davon. Für den Taoisten gilt es, Einsicht in diese Leere zu gewinnen.
    Das Leben wird geschätzt und geachtet, nicht aber die Abhängigkeit von der Welt der Erscheinungen. Das einzig Wirkliche ist die unveränderliche und ewige Natur aller Wesen, Tao genannt. Im Taoist alles eins, existieren keine Trennungen und Unterschiede mehr – so wie der Tropfen mit dem Meer „eins” ist. Im Grunde unseres Seins sind wir alle eins mit dem Tao – du, ich, der Baum, der Stein usw. – wir sind uns dessen aber nicht bewusst und leben verstrickt in den Illusionen. So weit, so gut. Der Haken ist, dass wir in unserem „normalen” Bewusstsein verstrickt sind in diese Welt der Illusionen. Wir sind doch überzeugt, dass unsere Sorgen, Ängste, Hoffnungen, Zweifel, Ziele, Gedanken, Empfindungen, einfach alles, was wir schon erreicht haben und noch wollen, wirklich ist. Der Wärter dieses Gefängnisses ist unser Denken. Bei genauer Beobachtung erkennen wir, dass unser Denken immer nach dualen Prinzipien funktioniert: etwas ist gut oder schlecht, schön oder hässlich, etwas mag ich oder mag ich nicht etc. Unser Denken ist unfähig, die Einheit allen Lebens zu erkennen. Seine Aufgabe ist es, zu differenzieren und zu trennen. Das Denken ist aber nicht „schlecht” oder gar „böse”, sondern ein Projektor, der uns eine Welt vorgaukelt, die nicht existiert. Und hier hakt der Taoismus ein, indem er zeigt, wie sich der Mensch aus der Knechtschaft des Denkens lösen und zur Erkenntnis des Wirklichengelangen kann.
  13. zitierenLyriost schreibt am 03.09.2015 um 09:09 Uhr:Hör doch mal auf, den Osho zu spielen, und erde dich ein wenig.
  14. zitierentao schreibt am 04.09.2015 um 02:15 Uhr:Wer nicht mehr im Unergründlichen gründen kann, der lebe aus seines Herzens Ursprünglichkeit.
    Wer seines Herzens Ursprünglichkeit verlor, der lebe aus der Liebe.

    Wer nicht mehr liebend zu leben vermag, der handle wenigstens gerecht.
    Wer selbst dies nicht mehr kann, der lasse sich von Brauchtum und Sitte bändigen.

    Das Abhängigwerden von der öffentlichen Moral ist aber die unterste Stufe der Sittlichkeit, schon Ausdruck des Zerfalls.
    Wer dann noch glaubt durch Verstandesbildung einen Ausgleich für die Herzensbildung schaffen zu können, der ist ein Tor.

    Darum merke dir:
    Der echte Mensch folgt seinem innersten Gesetz und keinem äußeren Gebot, er hält sich an den Quell und nicht an die Abwässer, er meidet diese und sucht immer das Ursprüngliche.
  15. zitierenzartgewebt schreibt am 04.09.2015 um 09:29 Uhr:.... kann man alles hier nachlesen: http://www.pinselpark.org/philosophie/l/laotse/texte/tao_31_40.html

    319. ........

    und was sagst du, Wolfgang?
  16. zitierentao schreibt am 04.09.2015 um 13:44 Uhr:Grobverklebt, das Tao, welches sich sagen lässt, ist nicht das Tao!
  17. zitierenzartgewebt schreibt am 04.09.2015 um 15:37 Uhr:Aha! Darum die vielen, vielen Worte hier ;-)
  18. zitierenSweetFreedom schreibt am 04.09.2015 um 16:43 Uhr:Touché...
  19. zitierentao schreibt am 04.09.2015 um 17:41 Uhr:Ich werde erst ein Mensch, wenn ich bewusst werde. Und diese ständige Bemühung, in mir selbst verankert zu sein, macht mich bewusst, macht mich lebendig, macht mich unvorhersagbar, macht mich frei. Dann kann mich jemand beleidigen und ich kann trotzdem lachen. Früher habe ich nie dabei lachen können. Jemand kann mich beschimpfen und ich kann Liebe für diesen Menschen empfinden. Jemand kann mich beleidigen und ich kann ihm dafür dankbar sein.
  20. zitierentao schreibt am 04.09.2015 um 17:46 Uhr:SourSlavery, there is no need to prove myself. I am. I am perfect.
  21. zitierenLyriost schreibt am 05.09.2015 um 20:03 Uhr:Die schillerndste Art von Humor ist doch immer noch die Humorlosigkeit.
  22. zitierentao schreibt am 06.09.2015 um 02:33 Uhr:Für mich ist Humor der Grundstein der zukünftigen Religiosität des Menschen.

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