Taoistische Reflektionen

02.09.2015 um 02:54 Uhr

Durch eine Änderung meines Charakters kann ich mein Bewußtsein nicht ändern, aber wenn ich mein Bewußtsein ändere, dann ändert sich auch mein Charakter.

von: tao

Ich kann mein Ego beiseite lassen, es spielt keine Rolle mehr. Unter dem offenen Himmel wird das Ego einfach irrelevant. Es verschwindet von alleine. Selbst es loslassen zu wollen, ist ein wenig dumm; es ist diese Anstrengung nicht wert. Wenn das Verstehen vollkommen geworden ist, löse ich mich auf. Das ist genau der Punkt, um den es geht. Ich existiere, weil mein Verstehen eingeschränkt ist. Je begrenzter mein Verstehen, desto größer das Ego; je blinder, desto größer das Ego, gar keine Wahrnehmung der Wirklichkeit und es existiert das perfekte Ego. Wenn die Wahrnehmung sich ausdehnt, wird das Ego kleiner und kleiner. Ist sie total und umfassend, kann man ein Ego nicht mehr finden. Das ist die Perspektive des Taoismus - das Verstehen so grenzenlos zu werden zu lassen, dass das Ego verschwindet. Deswegen hämmert der Taoismus aus vielen Richtungen auf die Mauer des Verstandes, so dass gleich am Anfang wenigstens ein paar Schlüssellöcher entstehen. Mit vielen Schlüssellöchern in meinen Mauern kann ich nach Osten schauen und nach Westen, ich kann nach Norden schauen und nach Süden; und wenn ich nach Osten schaue, werde ich nicht sagen: „Das ist die einzige Richtung", ich weiß, es gibt noch andere Richtungen. Ich sage nicht: „Das ist die einzige wahre Lehre", denn dann wird deine Wahrnehmung verengt.
Freiheit kommt durch Verstehen. Je mehr ich verstehe, desto freier werde ich.


Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenLyriost schreibt am 02.09.2015 um 09:39 Uhr:Der Charakter ändert sich nicht. Was sich ändert, ist nur die Sicht auf ihn.
  2. zitierentao schreibt am 03.09.2015 um 01:24 Uhr:Du bringst keinen Charakter mit auf die Welt, du kommst vollkommen ohne Charakter, du kommst als leeres Blatt, und alles, was du als deinen Charakter bezeichnest, ist von anderen darauf geschrieben worden. Deine Eltern, die Gesellschaft, die Lehrer und die Lehren – sie alle konditionieren dich. Du kommst als leeres Blatt und alles, was darauf geschrieben wird, stammt von anderen. Solange du nicht wieder zu einem leeren Blatt wirst, weißt du nicht, was die wahre Natur ist, was Tao ist.
  3. zitierenLyriost schreibt am 03.09.2015 um 09:08 Uhr:Das mit dem "leeren Blatt" ist ein Mythos. Gerade die Zwillingsforschung zeigt, daß der Charakter mehr von genetischen Faktoren bestimmt wird als von sozialen. Das zeigt auch unsere Erfahrung mit Menschen und mit uns selbst, wenn wir uns wirklich sehen. Übrigens: Was wäre denn mit dem Karma, wenn die Tabula-rasa-Theorie Hand und Fuß hätte?
  4. zitierentao schreibt am 04.09.2015 um 02:00 Uhr:Was wäre denn mit dem Karma, wenn die Tabula-rasa-Theorie Hand und Fuß hätte? Karma ist die Begleitserscheinung deiner Identifikation.
  5. zitierenVincentos schreibt am 02.10.2015 um 01:33 Uhr:Vielen Dank und liebe Grüße
    :=)
  6. zitierentao schreibt am 02.10.2015 um 01:57 Uhr:Wir sind nicht hier, um Märtyrer zu werden, wir sind hier, um das Leben in vollen Zügen zu genießen. Doch das geht nur, wenn wir die Zukunft vergessen, sie existiert nicht. Nur dann können wir leben, lieben und genießen.
  7. zitierenVincentos schreibt am 03.10.2015 um 23:38 Uhr:Rischdisch

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