Betäuben in Benin

04.06.2009 um 22:03 Uhr

Chocolate tax

Heute morgen versinkt Cotonous Hafen im Dunst, auf den Scheiben am Dining-Room, etwas schräggestellt Richtung Bug, ist schön der massive Tropenregen zu erkennen. Die Regenzeit ist im Kommen. Glücklicherweise verspätet und noch immer nicht so mächtig wie eigentlich üblich um diese Jahreszeit. Einige Patienten werden es aber in den kommenden Wochen schwer haben, zum Schiff zu kommen. Wer aus einem kleinen Dorf weit draußen kommt, muss möglicherweise über viele Kilometer unbefestigte Straße zum Hafen anreisen. Auch die Dayworkers, die einheimischen Hilfskräfte, reisen oft zur Arbeit auf dem Schiff mit dem Moped an, Benins Hauptverkehrsmittel. Das wird bald nur noch wenig Spaß machen.

Zemidjean - Mopedtaxi in Cotonou (erkennbar am gelben T-Shirt)

 

 

 

 

 

 

 

Zemidjean - Mopedtaxi in Cotonou (erkennbar am gelben T-Shirt)

Gestern hatten die Plastischen Chirurgen einen besonders heiklen Fall auf dem Tisch. Ein Baby, wenige Monate alt, mit einem Tumor am Unterkiefer, fast so groß wie der gesamte übrige Kopf. Da kommen drei anästhesiologische Schwierigkeiten zusammen: Das kleine Kind. Bei kleinen Kinder findet man schwieriger die Zugänge, angesichts der Größenverhältnisse muss man sehr feinfühlig dosieren, und das fängt schon mit der Atemluft an und hört bei den Medikamenten auf. Glücklicherweise haben wir zurzeit zwei versierte Kinderanästhesisten an Bord, der eine sogar Professor in diesem Spezialfach. Die Größe der OP ist die zweite Schwierigkeit. Einen Tumor von der Größe des eigenen Kopfes operiert man nie so gern. Das schreit geradezu nach Komplikationen, Blutverlusten, Zwischenfällen. Und die dritte Schwierigkeit ist schließlich, dass dieser Tumor auch noch am Luftweg sitzt. Am Unterkiefer vorbei müssen wir nunmal Luft in den Patienten pumpen, irgendeine Leitung führt dort entlang, die auch mal Probleme machen kann. Aber gut, eine dauerhafte Überlebenschance hat solch ein Kind nur mit Operation. Und auf Fälle dieser Art hat sich diese schwimmende Klinik halt spezialisiert.

Leider gab es während der Operation einen Zwischenfall. Die Chirurgen haben wohl Kopf und Tumor etwas mehr bewegen müssen, der Beatmungstubus ist verrutscht, keine Beatmung mehr möglich. So etwas passierte natürlich zu einer Zeit, wo von den drei Anästhesisten im Saal nur einer anwesend war. Und wo ich das Pech hatte, gerade an der Tür vorbeizulaufen, zu meinem nächsten Patienten nebenan. Einen dramatische halbe Stunde lang haben wir zeitweise mit der Maske beatmen können, dann wieder nicht, dann haben wir einen neuen Tubus probiert, dann mal eine Larynxmaske (1er Maske, nicht größer als ein Daumenendglied). Natürlich machten die Werte von Sättigung und Herzfrequenz eine Achterbahnfahrt rauf und runter. Dazu kamen für mich noch Missverständnisse, wenn die Angloamerikaner in Hektik vermehrt in Slang und Abkürzungen verfallen sind. Glücklicherweise war das Team schnell wieder auf volle Stärke aufgerüstet und ich konnte das Feld den Spezialisten überlassen. Und schließlich haben sie auch wieder einen Tubus sicher einführen können. Das Kind hat die Nacht nach der großen OP dann auf der Intensiv verbracht und war heute morgen schon wieder extubiert.

Andere Zwischenfälle sind da viel erfreulicher. Unseren beiden VVF-Chirurginnen habe ich vergangene Woche Blut abgenommen, sie mussten sich nach einer Stichverletzung untersuchen lassen. Die eine hat dabei einen großen blauen Flecken davongetragen. Bislang hatte ich nur darauf verwiesen, dass solche Dinge unvermeidlich sind. Schließlich ist der Chirurg der natürliche Feind des Anästhesisten :-). Wie ich nun gelernt habe, ist das aber ein Fall für die Chocolate tax, die „Schokoladensteuer“. Ein solcher Zwischenfall lässt sich mit Schokolade zufriedenstellend aus der Welt schaffen. Der Ship shop hält dafür die guten Ritter Sport-Quadrate aus Deutschland bereit. Das Team im VVF-OP hat es gefreut.

Nach dem Regen bleibt es heute Nachmittag trocken. Ich nutze die Stunde vor dem Abendessen für einen weiteren Gang zum nahen Markt, und für einen wichtigen Einkauf: Die hiesigen Ananas bekommen wir gelegentlich von der Kombüse als Nachtisch angeboten. Sie sind etwas kleiner als die in deutschen Supermärkten. Aber herrlich zart und süß. Morgen steht schon meine Abreise an, und am Samstag eine Familienfeier. Da werde ich per pine apple tax, Ananassteuer, alle möglichen heimischen Versäumnisse der letzten drei Wochen abgelten...

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenZebulon schreibt am 06.06.2009 um 00:54 Uhr:Weiter so!

    :-)))

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